La Plata 09/2018

29.09.2018
Argentinos Juniors – Racing 0:2
Superliga Argentina de Futbol (I)
Estádio Diego Armando Maradona (Att: 14.000)

Am Sonnabend sollte uns der Hauptkampftag in der Welthauptstadt des Fußballs erwarten. 13:15 Uhr San Lorenzo gegen Atlético Tucuman (1.Liga), 17:05 Uhr Defensores de Belgrano gegen Temperley (2.Liga) und 20:00 Uhr Argentinos Juniors – Racing (1.Liga). Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster erwartete uns zu Beginn des Tages allerdings eine nasse Stadt. Es hatte wohl über Nacht geregnet und es sah auch weiterhin so aus, als könnte nochmal was runterkommen. Wie gut, dass mittlerweile alle Mitreisenden mit wetterfester Kleidung ausgestattet waren und wir gestern Karten für den überdachten Teil des Stadions von San Lorenzo gekauft hatten.

Dunkle Wolken über Buenos Aires

Bis zur geplanten Abfahrt um 12 Uhr war jetzt noch genug Zeit für diverse Anliegen. Die einen mussten noch Geld holen, die anderen wollten ins Fitnessstudio und wieder andere noch im Bett liegen bleiben. Ich gehörte zu letzteren und wollte kurz vor der Abfahrt nochmal auf die Tabellensituation der argentinischen Superliga schauen und surfte auf kicker.de rum. Ausgerechnet dort stand das Spiel von San Lorenzo als abgesagt drin. Hm, Soccerway und Flashscore hatte ich in anderen Tabs geöffnet und dort stand das Spiel noch normal drin. Traurige Gewissheit brachte dann der Twitter-Account von San Lorenzo. Vor wenigen Minuten wegen Unwettergefahr abgesagt. Spinnen die? Defensores de Belgrano auch abgesagt… Ebenfalls diverse weitere unterklassige Spiele abgesagt. Schien so als würde heute in Buenos Aires alles abgesagt werden. Dabei war der Himmel mittlerweile etwas aufgeklart.

Och nö

Tja, was nun? Estudiantes de La Plata sollte um 17:45 Uhr Newell’s Old Boys aus Rosario empfangen (auch 1.Liga). Interessante Fanszene, interessante Stadt und ein interessantes Stadion. Kurz noch auf deren Homepage und Twitter-Account geschaut und dort war nichts von einer Absage zu lesen, sondern stattdessen aktuelle Vorberichte. Es galt wieder einmal die Weisheit: Geht irgendwo eine Tür zu, geht woanders eine auf. Dann halt ab nach La Plata.

Früchstückszeit

Bei 5,5 Stunden bis zum Anpfiff, war natürlich jetzt noch Zeit für ein Frühstück in Buenos Aires und anschließend eine Sightseeingtour durch La Plata. Nach einem Frühstück mit Käse-Schinken-Toasts, Obstsalat, Kaffee, O-Saft usw. im drei Blocks vom Hotel entfernten „Café Evaristo“, schnappten wir uns zwei Taxis auf der Straße. Die beiden Fahrer erzählten uns, dass La Plata nicht mehr Buenos Aires ist und daher ein Festpreis von 2.000 Pesos fällig wird. Klang doppelt so teuer als nach Uhr, aber wir blieben unserem Credo treu: Hier ist Krise und wir sind verhältnismäßig reich, daher wird nicht um jeden Euro gefeilscht. Gut, Milano Pete und Ole sahen das anders, aber dadurch brauchten wir nun auch nur noch ein Taxi. Also 500 Pesos (11,50€) p.P. für 60km Taxifahrt. Wirklich keine Unsumme.

Die Cancha von Boca

Die Fahrt wurde ganz nett verquatscht und unser Fahrer war seit über 30 Jahren „Socio“ bei Racing. Als er merkte, dass wir auch fußballverrückt sind, zeigte er uns noch die Stadien von Boca und San Telmo. Beide sehr geil, die Gegend um das Letztere allerdings alles andere als seriös wirkend. Der Club logiert nämlich nicht im schnuckeligen San Telmo, sondern auf der Isla Maciel. Ein Ort der unteren 10.000, ganz oben nur in der Kriminalitätsstatistik von Gran Buenos Aires.

Gründungsstein von La Plata

Via Autobahn war die 750.000-Einwohner-Stadt La Plata schnell erreicht und im ersten durchfahrenen Viertel „Villa Catella“ waren netterweise alle Laternenmasten rot-weiß angepinselt, also in den Farben des Fußballclubs Estudiantes de La Plata. An den Bars qualmten die Grills auf der Straße und die ersten Hinchas in Trikots und Trainingsjacken des Clubs waren bereits am lungern. Wir ließen uns dann am zentralsten Platz der Stadt rauswerfen. Das ist der „Plaza Mariano Moreno“ mit dem Gründungsstein der Stadt in seiner Mitte und der Kathedrale La Platas am Kopfende.

Palacio Municipal

La Plata ist eine relativ junge Stadt, die in den 1870er Jahren geplant und zu bauen begonnen wurde und 1882 das Stadtrecht erhielt. Buenos Aires bekam damals als Hauptstadt Argentiniens einen administrativen Sonderstatus („Capital Federal“) und die Provinz Buenos Aires brauchte somit eine neue Hauptstadt. Man entschied sich diese lieber am Reißbrett zu entwerfen, als eine bestehende Stadt zur neuen Provinzhauptstadt auszubauen. Platz war jedenfalls noch genug in der Pampa.

Die Kathedrale von La Plata

Was sofort auffiel, war der Grundriss der Stadt. Ähnlich wie in Buenos Aires setzte man auf schnurgerade Straßen in Nord-Süd- und Ost-West-Ausrichtung. Diese wurden jedoch gleich sehr großzügig geplant und sind von Bäumen, oft Linden, gesäumt. Dazu gibt es im Stadtkern alle sechs Blöcke eine Grünfläche, z.B. als Park oder innerhalb eines großen Verkehrskreisels. Anders als in Buenos Aires existieren darüberhinaus noch Diagonalstraßen, die immer quer durch ein großes Carré von sechs mal sechs Blöcken verlaufen. Deshalb hat die Stadt den Beinamen „La Ciudad de las Diagonales“ (die Stadt der Diagonalen) bekommen.

Hauptportal der Kathedrale

Bedeutenstes Bauwerk dieser rasch zur Großstadt angewachsenen Ansiedlung ist die Kathedrale, vor deren Hauptportal wir nun standen. Sie steht dort sehr einsam, was sie gleich noch gewaltiger wirken lässt. Doch auch die nackten Zahlen beeindrucken: 120m lang, 76m breit und 97m hoch ist die Großkirche an sich. Die Türme ragen 112m in die Höhe. Die gotischen Kathedralen Frankreichs oder auch der Kölner Dom sind unschwer als Vorbilder zu erkennen, während der verwendete Backstein ein wenig an die norddeutsche Backsteingotik erinnert. Es handelt sich ergo um eine neogotische Kirche. 1884 wurde der Grundstein gelegt und 1932 war das Gotteshaus mit seinen 7.000m² Grundfläche (Platz für bis zu 14.000 Besucher) im Wesentlichen fertiggestellt. So konnte der erste Gottesdienst pünktlich zum 50jährigen Stadtjubiläum von La Plata im November 1932 stattfinden.

Das Innere der Kathedrale

Im Inneren der Kathedrale waren wir nicht minder beeindruckt. Das Buntglas der großen Fenster erzählte biblische Geschichten (übrigens in Bayern gefertigt und dann nach Argentinien verschifft) und vieles vom Interieur, wie z.B. der Kreuzweg oder die Beichtstühle, waren wunderschön geschnitzte Handwerkskunst aus Holz. Dazu insgesamt ein sehr schönes Licht- und Farbkonzept.

Seiteneingang des Parlamentspalastes

Nach dem sakralen Höhepunkt des Tages, zurück an der frischen Luft, mussten wir einfach nur geradeaus gehen, um weitere Sehenswürdigkeiten vor die Linse zu bekommen. Denn wie an einer Perlenkette sind die Kathedrale, das Rathaus („Palacio Municipal“), das „Teatro Argentino de La Plata“, der Parlamentspalast und der Regierungspalast der Provinz in einer Achse angeordnet. Zwischen letzteren zwei Gebäude ist auch die Geschäftsstelle von Estudiantes de La Plata zu finden, so dass wir gleich mal hereinspazierten und Tickets für die heutige Partie kaufen wollten. Doch der Mann am Ticketschalter verweigerte uns dies. Hatte ich ihn gerade richtig verstanden? Besser nochmal nachhaken… „Was? Wie? Keine Tickets?“ „Ja, es gibt keine Tickets. Das Spiel fällt aus.“ „Es fällt aus?“ „Ja, wegen des Wetters!“

Sitz der Provinzregierung von Buenos Aires

Das ist schon verrückt. Hier waren mittlerweile kaum noch Wolken am Himmel, die Sonne strahlte und wir liefen zeitweilig in T-Shirts rum. Das war das bisher beste Wetter seit unserer Ankunft in der Region und die sagen reihenweise die Spiele ab. Am nächsten Tag war in seriösen Medien auch die Einschätzung zu lesen, dass die Spiele wahrscheinlich hätten stattfinden können. Der Verdacht lautete, dass San Lorenzo und Atlético Tucuman, die in wenigen Tagen wichtige Cupspiele vor der Brust hatten (erstere in der Copa Argentina und letztere in der Copa Libertadores), ein wenig mauschelten. Wobei das natürlich auch ein Alleingang von San Lorenzo gewesen sein könnte, da der Gast bereits angereist war und im Prinzip keinen Tag gewonnen und keinen Reisestress gespart hatte. Nur das kräftezehrende Punktspiel blieb Atlético Tucuman natürlich erspart, während San Lorenzo nachmittags Bilder vom spontan angesetzten Training in Buenos Aires twitterte.

Plaketten an der EdeLP-Geschäftsstelle

San Lorenzos Copa-Argentina-Gegner war übrigens der Eigentümer der gerade betretenen Geschäftsstelle in La Plata. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Die Presse war jedenfalls schelmisch genug, um in den Raum zu stellen, dass Estudiantes dem kommenden Gegner keinen einseitigen Vorteil überlassen wollte und deshalb mit einer Absage des Ligaspiels nachzog. So ein Kacktag!

Unserer Situation war in dem Moment wirklich nichts Gutes abzugewinnen. Normal könnte man sagen, es schien wenigstens die Sonne. Aber genau dieser Umstand regte einen in Anbetracht der Spielabsagen mächtig auf. Wir beschlossen als Trostpreis wenigstens noch zwei nahe Fußballstadien von außen zu betrachten.

Baustelle Hirschi

Das eigentliche Stadion von Estudiantes („Estadio Jorge Luis Hirschi“) ist zwar seit 2006 eine Baustelle (weshalb der Club zur Zeit im modernen „Estadio Ciudad de La Plata“ oder in der Nachbarstadt Quilmes spielt), aber trotzdem nett anzusehen. Dass man seit stolzen 12 Jahren im Exil spielen muss, ist natürlich dem lieben Geld geschuldet. Obwohl man zwischendurch sportlich sehr erfolgreich war (u.a. wurde 2009 die Copa Libertadores gewonnen) und immer wieder gute Transfererlöse erzielt hat, geht es nur schleppend mit dem Bau voran.

Parkanlage El Bosque

Vom Zentrum aus betrachtet, markiert diese Stadionbaustelle den Beginn eines schönen und großen Parks („El Bosque“). In dem ließen wir uns erstmal für eine Cola an einem bewirteten Pavillon nieder. Auf den Wiesen im Park lungerten diverse Hinchas von Estudiantes und schlürften ihren mitgebrachten Mate-Tee oder rauchten intensiv riechende selbsgedrehte Zigaretten. In deren Rücken war auch schon die Cancha des Ortsrivalen Gimnasia y Esgrima La Plata zu erspähen.

Estadio Juan Carmelo Zerillo

Das „Estadio Juan Carmelo Zerillo“ befindet sich am anderen Ende des Parks, so dass man sich an die Stadionsituation der Rivalen in Liverpool oder Kraków erinnert fühlte. Das Stadion aus den 1920er Jahren gefiel uns sehr gut und darf auch gerne mal zu einem Fußballspiel besucht werden. Bis vor wenigen Jahren soll ein Teil des 25.000-Plätze-Stadions noch aus Holztribünen bestanden haben. Diese wurden jedoch aufgrund neuer Verbandsauflagen durch Stahlkonstruktionen ersetzt (allerdings dauerhafte und nicht provisorische Stahltribünen).

Das Wappen von GyE

Der Club mit dem etwas elitäreren Hintergrund wurde 1887 als Fecht- und Turnverein gegründet (wie der Name schon verrät) und ist sportlich und fantechnisch die klare Nummer 2 in der Stadt. Fußball kam erst 1905 hinzu, als fußballbegeisterte Studenten GyE verließen und den Club Estudiantes de La Plata gründeten. Um einen einsetzenden Exodus junger Clubmitglieder zu stoppen, nahm man den Fußballsport nun auch endlich ins Portfolio auf. GyE und EdeLP kann man also sehr fair vergleichen, da beide bis heute 113 Jahre Zeit hatten, um den Trophäenschrank zu füllen. Betrachtet man die relevanten Titel, ist das eine klare Sache. Gimnasia y Esgrima hat da nur eine Meisterschaft aus der Prä-Profi-Ära vorzuweisen (1929), während Estudiantes sechsmal die Landesmeisterschaft, viermal die Copa Libertadores und einmal den Weltpokal gewann.

Hinter dem Park mit den beiden Fußballstadien erwartete uns schließlich noch die Universität, die besonders für ihre medizinische Fakultät bekannt ist, weshalb der Fußballclub Estudiantes den Spitznamen „Pincharratas“ (die Rattenpiekser) bekommen hat. Hier beschlossen wir das Kapitel La Plata vorerst wieder zu schließen und nach Buenos Aires zurückzukehren.

Unser Taxifahrer mit einer sehr miesen Sonne am Armaturenbrett

Weil wir in der jetzigen Stimmung keine Lust auf andere Menschen im Zug oder Bus hatten, wurde nochmal auf ein Taxi als Transportmittel gesetzt. In jenem erreichte uns dann eine SMS von Milano, dass der Kick der Argentinos Juniors gegen Racing steigen soll und sie 18:30 Uhr am Hotel losfahren wollen. Wir waren geschlossen der Meinung, dass die Spiele von San Lorenzo und Estudiantes auch hätten stattfinden können. In Buenos Aires ging während der geplanten Spielzeit von San Lorenzo nicht ein Tropfen Regen runter und in La Plata sah es bei unserer Abreise kurz vor dem avisierten Anpfiff auch nicht nach Unwetter aus. Wie erwähnt eher im Gegenteil.

18:15 Uhr waren wir am Hotel und knapp 1.400 Pesos standen auf der Uhr des Taxlers. Haben wir auf der Hinfahrt also nur so ungefähr 600 draufgezahlt. Unsere Kumpels warteten bereits in der Lobby und verkündeten uns, dass der Club gerade via Twitter nochmals das Spiel bestätigt hatte. Na dann mal in die Hände gespuckt und zwei Taxis à 200 Pesos zum 9km entfernten Stadion klargemacht.

Dieser Diego an eine Wand gepinselt

Die Cancha der Argentinos Juniors (24.800 Plätze) liegt in einem Wohngebiet, welches für uns nach Mittelschicht ausschaute (die Barrios Villa General Mitre und La Paternal treffen hier aufeinander) und rund 10km vom Stadtzentrum entfernt ist. Aus den Boxen des Stadions dröhnte Bob Marleys Stimme nebst den dazugehörigen Reggaerhythmen nach draußen und dazu gab es ein paar schöne Graffiti der Fans an den Straßenecken zu bewundern. Ganz nett soweit.

Die Cancha der Argentinos Juniors

Weniger nett war die Preisgestaltung. Die Sitzplätze auf der Gegengerade neben der Barra sollten 1.500 Pesos kosten und die auf der Haupttribüne 2.000 Pesos. Gut, wenn schon, denn schon. Also für umgerechnet rund 42€ die überdachten Sitzplätze der Haupttribüne gewählt. Schafft es dieser Tag halt einer der teuersten der Reise zu werden. Normal hätte ich spontan versucht als Journalist reinzukommen oder mit einer Stehplatzkarte für 800 Pesos auf die Sitzplätze zu kommen. Aber das Gehirn funktionierte nach der heutigen Achterbahnfahrt der Gefühle einfach nicht mehr einwandfrei.

Es geht los

Immerhin war es dank der Barra der Juniors ein sehr stimmungsvoller Fußballabend. Die Jungs hat man ja nicht gleich als erstes auf dem Schirm, wenn man an die Fankurven von Buenos Aires denkt. Jedoch lieferten sie einen Top-Auftritt mit vielen Blasinstrumenten und guter Lautstärke. In unseren Augen war die Darbietung deutlich mitreißender als die von Independiente am Vorabend.

Die Musiker

Zu Gast bei den Juniors war heute Racing, der große Rivale von Independiente. Ich weiß nicht warum, aber ich bin denen zugetan. Der Viralität von Fanvideos im YouTube-Zeitalter geschuldet, fahren moderne Kutten und Wessi-Ultras ziemlich auf San Lorenzo ab (weshalb ich jemanden in unserer Reisegruppe schon in Fat Lorenzo umgetauft hatte). Doch ich gehöre noch einer anderen Generation an. Da hat man Anfang der 2000er Jahre mühsam gedruckte Fanzines mit Berichten und Fotos aus Übersee organisiert und das Internet nach Fanfotos durchsucht. Damals hat mir die Kurve von Racing mit dem riesigen Banner der „La Guardia Imperial“ irgendwie immer mehr zugesagt als die von River, Independiente oder San Lorenzo (Boca war und ist durch die Farben disqualifiziert).

Meine Lieblinge

Racing, Club mit den drittmeisten Meistertiteln (17) hinter River (36) und Boca (33), ist zur Zeit übrigens Tabellenführer der noch jungen Superliga-Saison (16 Punkte aus sechs Spielen) und wollte den Platz an der Sonne auch in diesem Spiel rechtfertigen. Da hatten die Juniors trotz viel Einsatz und hoher Laufbereitschaft nicht wirklich eine Chance. Zumal mit Alexis Mac Allister das aktuell vielversprechendste Talent der Gastgeber fehlte. Mac Allister ist der 19jährige Spielmacher des Teams und nebenbei der Sohn des ehemaligen argentinischen Nationalspielers Carlos Mac Allister, der selbst ebenfalls dem Talentschuppen der Argentinos Juniors entstammt. Dort brachte er auch seine drei Söhne unter. Neben Alexis sind das der 20jährige Kevin, der am heutigen Abend linker Verteidiger spielte, und der 22jährige Francis (defensives Mittelfeld), der gegen Racing 90 Minuten auf der Reservebank saß.

Clublegenden

Nichtsdestotrotz ist es nicht unbedingt der Clan der Mac Allisters, der den Juniors den stolzen Beinamen „La Primera Fabrica Argentina de Jugadores de Exportacion“ verschafft hat. Über allem thront hier der größte Exportschlager, ein gewisser Diego Armando Maradona, der auch Namenspatron des Stadions ist. 1976 debütierte der seit 1969 bei den Argentinos Juniors ausgebildete Jahrhundertspieler 16jährig in der 1.Mannschaft. Erst 1981, nach 136 Toren in 168 Spielen, wechselte er für umgerechnet 1,5 Millionen Euro zu Boca. Die führte er 1982 zur Meisterschaft und wurde anschliessend für rund 5,5 Mio € an den FC Barcelona transferiert. Die Eckpfeiler seiner weiteren Karriere dürften den meisten Lesern wohl bekannt sein.

Kleine Hall of Fame der Juniors

Doch Maradona war nicht der einzige Star der Argentinos Juniors. Sergio Batista und Claudio Borghi wurden beispielsweise 1986 zusammen mit der „Hand Gottes“ Weltmeister. Und später brachte die Jugendarbeit von AAAJ u.a. noch Fernando Redondo, Juan Pablo Sorin, Diego Plancente, Juan Roman Riquelme, Esteban Cambiasso und Lucas Barrios hervor.

Die Barra

Danach, dass einer der heute eingesetzten jungen Wilden der nächste Weltstar aus der AAAJ-Schmiede wird, sah es allerdings nicht aus. Aber gut, was ist schon ein Spiel? Und habe ich überhaupt Ahnung von Fußball? Doch ich lasse mal zwei Daten sprechen, warum das Spiel zurecht 0:2 endete. Racing hatte 55% Ballbesitz und 11:2 Torschüsse. Wenn dann zwei erfahrene und torgefährliche Stürmer vorne im Einsatz sind, gehen eben auch mal zwei von elf Torschüssen ins Netz. Wobei ich nicht unterschlagen will, dass die Juniors mit Raúl Bobadilla auch einen altbekannten Routinier als einzige Spitze eingesetzt haben. Allerdings blieb der unterversorgt und musste zusehen wie auf der anderen Seite Jonathan Cristaldo (29.Minute mit dem Kopf) und Lisandro López (50.Minute vom Elfmeterpunkt) die Tore für den verdienten Auswärtssieg besorgten.

Blick zur Gegengerade

Racing bleibt somit Spitzenreiter und die Juniors stecken als achtzehntes von 26 Teams weiter im unteren Drittel fest. 2.000 Pesos war das Stadionerlebnis zwar nicht wert, aber am Ende muss ich sagen, dass ich die Argentinos Juniors gut in Erinnerung behalten werde. Nettes Stadion, gute Barra, große Geschichte (neben den Spielerlegenden will ich auch nochmal drei Meistertitel und einen Triumph in der Copa Libertadores erwähnen) und irgendwie wirkte es wie ein familiärer Stadtteilverein. Es scheint auch ein bisschen der etwas alternativere Club in der Stadt zu sein. Jedenfalls wurde er 1904 von Anarchisten gegründet und hieß zunächst „Mártires de Chicago“. Das sollte die Märtyrer des Chicagoer „Haymarket Riot“ vom 1.Mai 1886 ehren. Damals streikten in Chicago rund 90.000 Arbeiter mehrere Tage lang für den Achtstundentag. Eine nicht genau bezifferbare Anzahl davon wurde von der Polizei bei der Auflösung der Demonstrationen erschossen, sowie durch einen Bombenanschlag, der jedoch vorwiegend Polizisten das Leben kostete, getötet. Wer es noch nicht wusste, deshalb ist ausgerechnet der 1.Mai weltweit zum „Tag der Arbeit“ geworden.

Die leere Hintertortribüne

Um den 29.September 2018 für die Schneppe-Tours-Bewegung versöhnlich enden zu lassen, einigten wir uns nach dem Spiel noch auf einen Restaurantbesuch in dem Barrio rund um das Stadion der Argentinos Juniors. Ohne echtes Ziel streiften wir umher und enterten schließlich das „Chichilo“ zwei Blöcke vom Stadion entfernt. Ein proppenvoller Familienbetrieb italienischstämmiger Argentinier. Am Eingang wurden wir leider vertröstet, dass nichts mehr frei ist. Doch dann schaltete sich das Familienoberhaupt ein, den fremde Gesichter anscheinend von seinem Pult weglockten. Da deutsche Touristen wohl selten bis gar nicht hier zu Gast waren, durften wir an dem Tisch Platz nehmen, der als einziger noch frei, aber auch gar nicht eingedeckt war. Denn es handelte sich um das Heiligtum des Hauses; den Tisch an dem Maradona bereits dreimal gespeist hat. Der gottgleiche Fußballer hatte sich auch entsprechend an der Wand verewigt und ich nahm mit ergebenstem Dank auf „seinem“ Stuhl Platz. Vielleicht zuviel Einbildung, aber es wirkte wirklich so, als warte man seit dem 19.10.1996 (letzter Besuch) auf die Wiederkehr dieser Lichtgestalt.

Heiliger Platz

Doch sechs Deutsche sollten auch nicht viel weniger Staat verursachen. Jedenfalls wurde eine arme Frau mit leidlichen Englischkenntnissen von ihrem Tisch weggeholt, um uns die Karte zu übersetzen. Da half wenig, dass ich Spanisch sprach und das auch mitteilte. Denn die Karte war ja hauptsächlich Italienisch und deshalb sollte uns die Frau jetzt in Englisch erklären was Gnocchi, Linguine, Risotto, Funghi usw. sind. Irgendwann merkte sie selbst, dass sie ihre Dienste nicht notwendig sind.

Ein paar Vorspeisen

Sie ging mit Tausend Dank und Vorspeisen auf’s Haus kamen. Durch die überraschend teuren Eintrittskarten, hatten wir kaum noch Bargeld und schon beim Reingehen nach Kartenzahlung gefragt. War nicht möglich, weshalb ich gleich sagte, dass sie sich nicht wundern sollen, dass wir alle nur einen Gang bestellen werden. Deshalb wurde hier vielleicht gleich betont, dass es ein Geschenk des Hauses sei.

Fusilli Calabrese

Wir bestellten schließlich hausgemachte Pasta (ich z.B. Fusilli Calabresi) und Cola (für Wein reichte das Geld leider nicht mehr) und bekamen wirklich leckeres Essen serviert. Auf dem Maradona-Ehrenplatz in einem authentischen Stadtteilrestaurant von Buenos Aires zu dinieren, war doch nochmal ein versöhnliches Ende dieses ansonsten so desaströsen Tages. Und der „Boss“ des Familienlokals freute sich auch, als wir neben einem notgedrungen leidlichen Trinkgeld noch einen persönlichen Dank für die große Ehre zurückließen.

Das Chichilo

Überflüssige San Lorenzo Karte: 1.000 Pesos
Überflüssige Taxis nach und von La Plata: 875 Pesos
Taxis zum und vom Spiel der Argentinos Juniors: 175 Pesos
Eintritt bei den Juniors: 2.000 Pesos
Auf Maradonas Platz sitzen: Unbezahlbar

Mit zwei Taxis, inklusive notwendigem Zwischenstopp bei einer Bank, ging es dann gegen Mitternacht zurück ins Hotel. Am nächsten Tag, wo mit Uruguay ein neues Land mit interessanten Fußballspielen und vor allem Fußballstadien wartete (u.a. das „Estadio Centenario“), konnte es nur besser werden.

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