Cambridge 12/2017

26.12.2017
Cambridge United – Barnet F.C. 1:0
League Two (IV)
Abbey Stadium (Att: 4.639)

Irgendwann im Hochsommer machten wir uns daran den Urlaub zum Jahreswechsel zu planen. Ich hatte nach sechs Jahren Verzicht mal wieder zwischen Weihnachten und Neujahr frei und wollte deshalb auch endlich mal am “Boxing Day” auf die Insel. Bene, Fat Lo und ich buchten daher einen Flug von Hannover nach Stansted für den 26.Dezember und einen Flug von Manchester nach Hannover für den 1.Januar. Als wir dann zu Saisonbeginn die Spielpläne studierten, stellten wir fest, dass in Schottland am 27.12. Derby in Edinburgh und am 30.12. Derby in Glasgow sein wird. Ergo war klar, dass zwischen Ankunft und Abreise der Großteil der Reise außerhalb von England stattfinden wird.

Unsere Unterkunft

Aber zunächst war ja dieser “Boxing Day” mit Leben zu füllen. Da gab es logischerweise viele Spiele in London, jedoch wollten wir uns den Abstecher in die Metropole auch gerne sparen und uns schon mal verkehrsgünstiger für die Weiterreise nach Edinburgh platzieren. Die Wahl fiel auf Cambridge, da man dort gut von Stansted hinkommt, das örtliche Holiday Inn gerade Sonderpreise hatte (44£ mit Frühstück für’s Doppelzimmer) und neben der bisher unbereisten altehrwürdigen Universitätsstadt auch ein Fußballspiel auf uns wartete. In den kommenden Monaten wurde natürlich noch der Rest der Reise durchgeplant (Unterkünfte, Transfers und fußballerische Optionen), aber da will ich jetzt nicht mit einer Aufzählung von Flügen, Zügen und Hotels langweilen.

Malerisches Cambridge

Als uns Benes Freundin am Morgen des 2.Weihnachtstages zum hannoverschen Flughafen brachte, war die Reise jedenfalls schon generalstabsmäßig durchgeplant (abgesehen von den schwer ergatterbaren Fußballtickets für die Derbys). Wir waren ganz entspannt 80 Minuten vor Abflug am Airport, checkten ein, bekamen zur Belohnung drei Plätze am Notausgang und gingen erstmal einen Kaffee bei McD trinken. Bis dahin war an der Sicherheitskontrolle von Terminal C absolut nichts los, doch als wir 30 Minuten später wiederkamen, müssen zwischenzeitlich zwei Busladungen Pauschalurlauber angekarrt worden sein. Die Leute standen jetzt fast bis zur Rolltreppe und offen waren nur zwei Kontrollschleusen. Na ja, immer cool bleiben. Es waren ja noch 40 Minuten bis Abflug. Nach 20 weiteren Minuten war die Ticketkontrolle erreicht und nach Belehrungen (“Zwei Stunden vor Abflug soll man am Flughafen sein. Das wird euch doch nicht zum Spaß empfohlen.”) wurden wir an den Pauschalurlauberbrigaden (die auch wirklich über zwei Stunden vor Abflug hier schon rumturnten) zur Sicherheitskontrolle vorbeigeschleust und mit diversen anderen Englandreisenden vorgezogen. Mit “Last call… proceed immediately to Gate 20” im Ohr machten wir anschließend die letzten Meter etwas schnelleren Schrittes und waren zwei Minuten vor Abflug im Flugzeug.

Welcome to Cambridge

Nachdem man im Flugzeug entspannen konnte, wartete in Stansted wieder ein Schockmoment auf uns. Habe ich eben etwas von generalstabsmäßig geplant geschrieben? Was für eine Lüge! Um Zugtickets nach Cambridge hatte ich mich natürlich nicht bemüht, da das ja quasi Nahverkehr ist und man einfach nach Ankunft in den nächstbesten Zug einsteigt. Blöd nur, wenn am 2.Weihnachtstag diese Linie überhaupt nicht verkehrt. Option Taxi kostete 70£ und Option Bus 50£, so dass wir letztlich den Bus nahmen, der pro Person 7£ teurer war als der angedachte Zug. Natürlich kamen wir auch später als geplant in Cambridge an und das Sightseeing musste mächtig zusammengestrichen werden.

Great St Mary Church

Um meine Freunde nicht durch die Stadt zu hetzen, setzte ich sie nun im erstbesten Wetherspoon’s ab (“The Regal”), wo sie ihren Hunger und Durst stillen konnten. Klar, ich hatte auch Hunger, aber der Appetit auf Kultur war einfach größer. Gerade auch, weil noch die Sonne schien und für den kommenden Morgen Regen angesagt war. Und wer weiß, wann es mich das nächste Mal in diese an Historie reiche Stadt verschlägt? Denn Cambridge ist schon seit mindestens 3.000 Jahren besiedelt, ab der römischen Besatzungszeit (vor circa 2.000 Jahren) gibt es sichtbare Spuren und bereits seit rund 800 Jahren ist die Stadt Hochschulstandort.

King’s College Chapel

Natürlich stand die berühmte Universität der Stadt im Mittelpunkt meines Interesses. Wobei, die Universität Cambridge gibt es so gesehen ja nicht als greifbaren Ort. Genauer gesagt ist die Universität Cambridge eine Föderation von 31 autonomen Hochschulen (Colleges). Und was für Hochschulen! 98 verdammte Nobelpreise haben Angehörige der Colleges bereits eingeheimst (Weltrekord!). Intern führt das Trinity College (wie die Gilde Brauerei 1546 gegründet, was kein Zufall sein kann) das Ranking mit 32 Nobelpreisträgern an. Ernest Rutherford und Niels Bohr seien mal exemplarisch an dieser Stelle als 2 von 32 genannt.

Trinity College (Great Gate)

Leider gönnten sich die ganzen die Studenten und Lehrenden zur Zeit kurze Weihnachtsferien, so dass am „Boxing Day“ die ganzen Colleges geschlossen hatten. Das verwehrte mir die schönen Innenhöfe der alten Gemäuer und zur berühmten „Bridge of Sighs“ (Seufzerbrücke) gab es heute auch keinen Zugang. Die hätte ich höchstens via „Punting“ (einer Stocherkahntour) auf dem Fluss Cam zu Gesicht bekommen. Diese Touren wurden auch heute im Stadtzentrum von Werbern angeboten, aber dafür fehlte mir einfach die Zeit.

Spaziergang durch Cambridge

Stattdessen schaute ich mir in der Restzeit noch die frei zugängliche mittelalterliche Rundkirche von Cambridge an (Church of the Holy Sepulchre, Baujahr ca. 1130). Sie ist eine von nur vier erhaltenen normannischen Rundkirchen in Großbritannien und ihre besondere Bauform ist von der Jerusalemer Grabeskirche bzw. deren Rotunde inspiriert. Schräg gegenüber von ihr ragte außerdem die St John’s College Chapel in die Höhe (siehe Titelbild). Überhaupt, an Kirchen und Kapellen war die Stadt sehr reich. Anscheinend hatte jedes Collge seine eigene Kirche. Neben der von St John’s, war auch die Kirche des King’s College sehr hübsch anzusehen (soll vom Fluß noch schöner sein) und im architektonischen Gesamtkunstwerk des Trinity College war natürlich auch eine Kirche enthalten. Eins stand fest, ich muss auf jeden Fall nochmal wiederkommen.

Roundchurch

Gegen 14 Uhr sammelte ich Bene und Lo wieder bei der wetherspoonschen Trinkerbetreuung ein und mit dem Taxi ging es zum Hotel. Nach dem Check-In bestellten wir uns gleich das nächste Taxi und brausten zum Abbey Stadium von Cambridge United. 18£ waren hier für einen überdachten Stehplatz auf der Gegengerade zu investieren. Also tagesaktuell umgerechnet 20,27€, was wir als ganz schön happig für einen Stehplatz in der 4.Liga empfanden. Dafür gefiel mir das Stadion außerordentlich gut. Die Tribünen waren bis auf eine Hintertortribüne sehr betagt und es gab noch viele Stehplätze. Außerdem war man landestypisch nah dran am sportlichen Geschehen.

Auf zum Ground

Ungefähr die Hälfte der rund 9.600 Plätze des Abbey Stadium (hat aktuell einen Sponsorennamen, den ich aber schon wieder vergessen habe) waren heute besetzt. Da aber drei von vier Tribünen recht voll aussahen, hätte ich eigentlich auf mehr Zuschauer getippt. Bei den Stehplätzen sieht es halt schon voll aus, wenn nur jeder zweite Platz besetzt ist. Wider besseren Wissens hatte ich das heutige Duell übrigens zum Derby stilisiert („Vertraut mir, das ist das Hassduell von Cambridge United! Am Boxing Day gibt es nur geile Derbys!“), doch der traurige Gästeblock mit laut Stadionsprecher 229 mitgereisten Fans machte schon vor dem Anpfiff meine Inszenierung zunichte. Barnets Erzfeind ist in Wirklichkeit Enfield (oder vielleicht auch Watford) und Cambridge hasst vor allem Peterborough United.

Wir hatten Plätze auf der Gegengerade

Die harte Realität war, dass der 16. den 22. der 4.Liga empfing. Nun gut, es kann ja trotzdem ein munteres Spiel werden. Wurde es zwar nicht, aber zumindest pflichteten meine Freunde mir im Laufe des Spiels bei, dass sie schon schlechtere Spiele mit mir gucken mussten. Barnet erarbeitete sich zunächst Chancen in der ersten Viertelstunde, doch am vielversprechensten war die erste Torgelegenheit der Hausherren in der 14.Minute. Adebayo Azeez kam aus kurzer Distanz zum Abschluss, nur Barnets Schlussmann Stephens bekam seine zwei Beine noch rechtzeitig zusammen, um den Schuss zu blockieren. Und nur eine Minute später schiesst Cambridges Greg Taylor aus 17 Metern volley knapp neben das Gästetor.

Ein Angriff von Barnet

Nach diesem Chancen-Doppel beschlossen wir erstmal am Bierstand durchzuschnaufen.  Es gab “West Coast IPA” für mich und „Dark Fruit Cider“ für die anderen. Da man auch in Englands 4.Liga keinen Alkohol auf den Rängen verzehren darf, verpassten wir nun rund 20 Spielminuten, doch das war den wenigen zu vernehmenden „Aaaah’s“ und „Ooooh’s“ nach kein Beinbruch. Kurz vor Barnets Topchance in der 37.Minute waren wir wieder drin und sahen John Akinde einen Ball über CU-Keeper David Forde, aber auch knapp über die Latte lupfen. Es ging mutmaßlich leistungsgerecht mit 0:0 in die Pause und gegen Ende der Unterbrechung waren auch wir wieder an der Reihe am Bierstand.

Schönes Ding, dieses Abbey Stadium

Wir verpassten also Bier schlürfend (Cider für die Süßschnäbel war schon aus) den Beginn der 2.Halbzeit, hatten jedoch erneut ein gutes Timing. Denn wir passierten pünktlich zum 1:0 das „Please watch your language“-Schild der Tribüne und sahen den Linksaußen Jevani Brown durch die Abwehr der „Bees“ dribbeln. Der sah wiederum seinen Mitspieler George Maris, welcher den schönen Angriff zur Führung vollendete. Fortan hatte der Barnet F.C. zwar noch ein paar kleinere Chancen, nur United blieb auch am Ball und war dem 2:0 gefühlt näher als Barnet dem 1:1. Am Ende war es ein verdienter Heimsieg. der Cambridge auf Platz 14 klettern lässt, während Barnet auf 23 fällt.

Zur Halbzeitpause wurde es bereits dunkel

Nach dem Abpfiff schnappten wir uns sofort ein Taxi und ließen uns zur King Street ins Zentrum bringen. Wir planten dort eigentlich den „King Street Run“, denn in der altehrwürdigen Studentenstadt Cambridge gehört es zum traditionellen Erstsemester-Vergnügen alle dereinst sieben Pubs der King Street an einem Abend abzuklappern und auf ein Pint einzukehren. In den ersten Pub der Tour kehrt man am Ende auf ein achtes Bier ein und wer es geschafft hatte acht Pints ohne zwischendurch Wasser zu lassen zu trinken, bekam eine würdigende Krawatte überreicht. Schuld für das Sepktakel war in den 1950er Jahren eine Wette zwischen Studenten, wieviel Liter Bier wohl in die männliche Blase passen.

Ham wa uns verdient

Für das erträumte Studium in Cambridge hatte ich zwar nie das Potential, aber für diesen Suff bringe ich natürlich alle Voraussetzungen mit. Nur blöd, dass es mittlerweile nur noch fünf Pubs in der Straße gibt und davon heute lediglich drei geöffnet waren. Der Programmpunkt war also auch Makulatur und wir beschlossen einfach so alkoholische Getränke in diversen Cambridger Pubs unseren Körpern zuzuführen. Begonnen haben wir im “Champion of the Thames”, einem „Ruderer-Pub“ (Rudern ist ja bekanntlich ’ne große Sache in Cambridge).  Der war urig und gemütlich und nachdem der Wirt die deutsche Sprache vernommen hatte, empfahl er mir sogleich ein starkes Ale namens „Bishop’s Finger“ („Germans must drink strong beers!“). Als wir unsere Runde genossen (übrigens knapp 15£ für drei Bier) gab es freundlicherweise noch ’ne Käseplatte mit Crackern auf’s Haus. Very nice!

Mulled Wine

Der nächste besuchte Pub hatte sich den erwähnten „The King Street Run“ gleich mal als Namen gesichert. Hier tranken wir zum Aufwärmen „Mulled Wine“ (Glühwein) und schauten ein bisschen von Liverpool FC vs. Swansea City im TV. Der Pub schien sich eher an ein jüngeres Publikum zu richten, hatte mehre Pool-Tische vorzuweisen und viel Graffiti-Kunst an den Wänden. Außerdem waren auf den Holzdielen die Umrisse eines Menschen abgekreidet (wie man es von Tatorten kennt) mit der Beschriftung „Your roommate“. Makaberer Humor zum Liebhaben!

Old Mulled Hen

Leider ließen wir den dritten geöffneten Pub der King Street namens “ St Radegund“ aus, weil wir uns lieber in Richtung der Colleges orientieren wollten. Hier ging es nun als erstes ins “The Bath House”. Ich trank dort „Old Mulled Hen“, ein Ale mit weihnachtlichen Gewürzen, welches den idealen Übergang von Glühwein zurück zu Bier darstellte. Nach der Runde spazierten wir sogleich wenige Türen weiter zum „The Eagle“. Vielleicht der berühmteste Pub von Cambridge. Hier kehrten früher die Forscher James Watson und Francis Crick regelmäßig auf ein Bier ein, als sie im benachbarten Cavendish-Laboratorium der Universität Cambridge der Struktur der DNA auf die Spur kommen wollten.

A Pint of DNA

Vielleicht kam ihnen hier bei einem Pint die zündende Idee, dass es sich um eine Doppelhelix handelt? Oder zumindest die Idee, sich Zugang zu Rosalind Franklins Forschungsergebnissen zu verschaffen, um so den letzten Schritt zu machen? Die DNA-Entschlüsselung ist auf jeden Fall ein anekdotenreicher Wissenschaftskrimi, den ich auch Nicht-Naturwissenschaftler empfehlen kann. Ihn an dieser Stelle aufzurollen, wäre aber zu nerdy. Wir saßen jedenfalls gemütlich auf den Plätzen von Watson und Crick (ihr Stammtisch ist mit einer Plakaette versehen) und orderten ein Pint DNA (kann man angeblich nur hier). Mit diesem vorzüglichen Bitter stießen auf die wissenschaftliche Leistung von Watson und Crick an (und auch auf die von Pauling, Chargaff, Franklin usw.).

Tikka Masala

Nach einem weiteren Pint im Eagle, diesmal an der seperaten Spitfire-Bar, die das Herz von Freunden der Royal Air Force höher schlagen lässt, zogen wir weiter. Da ich ja auch irgendwann mal was Essen muss (es war mittlerweile 21 Uhr), suchten wir wieder “The Regal” auf. Chicken Tikka war heute „Manager’s Special“ für 3,99£. Und weil die anderen jetzt wieder Hunger bekamen und ich immer noch welchen hatte, gab es noch Nachos und Hot Wings als Dessert. Um Mitternacht ging es schließlich mit einem Taxi wieder zum Hotel, um hundemüde ins bequeme Bett zu fallen. Die gebotenen Filme „Dirty Dancing“, „Robin Hood – Prince of Thieves“ und „Four Weddings and a Funeral“ fesselten mich nicht, der schockierenden TV Show „Naked Attraction“ auf Channel 4 widmete ich dagegen noch ein paar Minuten. Die hat das Konzept, dass sich jemand aus sechs (oder waren es acht?) nackten Menschen einen potentiellen Partner für ein erstes Date aussucht. Großbritannien war früher auch mal prüder (jedenfalls im TV).