Edinburgh, Stirling & Glasgow 12/2017

30.12.2017
Queen’s Park F.C. – Albion Rovers 2:2
Scottish Football League One (III)
Hampden Park (Att: 609)

Am 27.Dezember stand die zweite Etappe unserer britischen Winterreise an. Nach dem üppigen Frühstück im Cambridger Holiday Inn ließen wir uns aufgrund des Schneeregens schon wieder zu einer Taxifahrt hinreißen. Binnen weniger Minuten und 10 Pfund ärmer erreichten wir den Bahnhof der Universitätsstadt und stellten fest, dass mein gebuchter Zug nicht auf den Displays ausgeschrieben war. Mir schwante Übles und ich zog die hinterlegten Tickets (à 51,50£) aus dem Automaten, um damit zum Informationsschalter zu marschieren. Leider wurde uns dort mitgeteilt, dass unser Zug aufgrund eines Streiks der „RMT Union“ (National Union of Rail, Maritime and Transport Workers) gestrichen wurde.

Breakfast in Cambridge

Na geil, als wenn der gestrige Reisestress (Flug in Hannover fast verpasst und Zugausfall in England) nicht schon gereicht hätte! Und dass wir eigentlich für heute einen Flug nach Edinburgh gebucht hatten, der aber storniert wurde, will ich gar nicht erst wieder aufrollen… Wir bekamen nun eine Alternativverbindung mit zwei Umstiegen (in Stevenage und Leeds) und stellten fest, leider erst eine Stunde später als geplant in Edinburgh zu sein. Okay, die spätere Ankunft war jetzt kein Weltuntergang. Dass wir nun keine reservierten Plätze mehr hatten und vor allem wegen sofortiger Abfahrt auch keine Zeit mehr war Proviant zu kaufen, dagegen schon.

Dieser Zug hat sein eigenes Bier!

In Stevenage gab es wenigstens schon mal ‘ne Cola am Bahnsteig und im Schnellzug von dort nach Leeds platzierten wir uns auf drei leeren Sitzen im Abteil neben dem Bordbistro. Anbieter Virgin Trains hatte dort u.a. das exklusiv für sie (von der Rudgate Brewery) gebraute Golden Ale “Hop On Board” im Angebot (3£), welches ich sogleich antestete. Mit Alkohol vergingen die zwei Stunden Zug nach Leeds wie im Flug und unseren Anschluss haben wir trotz Verspätung auch noch geschafft. Wie am Vortag schien sich das Blatt gegen Mittag erneut zu unseren Gunsten zu wenden. Doch als wir den Zug nach Edinburgh betraten, hatten wir uns anscheinend zu früh gefreut. Dieser war aufgrund der vielen Zugausfälle am heutigen Tage hoffnungslos überfüllt und wir hatten bis York vorerst nur Stehplätze vor’m WC, wo wir ostasiatischen Touristen die Funktionsweise der Bordtoilette erklären mussten.

Der „Angel of the North“ bei Gateshead

In York lauerten wir natürlich wie die Geier und sicherten uns drei freigewordene Sitzplätze im Getümmel der Aus- und Einsteiger. Leider getrennt, aber das war jetzt auch nebensächlich. Ins schöne York will ich übrigens auch mal wieder (da war ich zuletzt 2002), aber das nur am Rande. Ebenso machte Durham bei der Durchfahrt Lust auf mehr und das danach passierte Newcastle steht auch schon lange auf meiner „To-Visit-List“. Dann gingen meine Äuglein zu und auch erst kurz vor Edinburgh wieder auf. Mit 28 Minuten Verspätung (bzw. 84 Minuten Verzug zum geplanten Transfer) hatten wir um 16:36 Uhr endlich unser Ziel erreicht.

Edinburghs Kirmes zur Weihnachtszeit

Es war mittlerweile dunkel draußen und der Hunger war groß geworden. Deshalb ging es sofort in den Wetherspoon‘s am Bahnhof („The Booking Office“), um Essen zu fassen. Doch der Pub hatte zu unserem Leidwesen keinen freien Tisch für uns zu bieten. Gut, nicht verzagt und weiter zum nächsten Wetherspoon‘s („The Standing Order“), aber auch hier war nicht einer der über 100 Tische unbelegt. Es ist einfach nicht unser Tag! Wir erinnerten uns nun, dass ein weiterer Wetherspoon‘s direkt neben unserem temporären Wohnhaus ist. Also in den Bus nach Leith gestiegen, kurz in der Ferienwohnung (Tony Asga Apartments) das Gepäck losgeworden und rüber ins „The Foot of the Walk“. Ein Guinness und diverse Geflügel-Spezialitäten füllten nun endlich den Magen.

Fettiger Hühnerkram

Der Pub fiel auch gleich durch seine budgetfreundliche Bierpreispolitik auf. Die meisten Pints kosteten 2,29£ (also ungefähr 2,60€) und Guinness auch nur 3,15£. Kein Vergleich zu den Pubs im Zentrum, wo eigentlich nichts unter 4£ geht. Hier ist eben Leith, hier ist die Arbeiterklasse (noch) zuhause! Wir wären auch gern länger geblieben, aber da war ja dieses Spiel heute und die Restwahrscheinlichkeit von 0,1896% ins Stadion zu kommen. Also haben wir uns ein Taxi geschnappt und ans andere Ende der Stadt zum Tynecastle Park kutschieren lassen. Im Vorverkauf gab es leider für das Derby Hearts vs. Hibs keinen freien Verkauf, so dass wir auf einen Schwarzmarkt spekulieren mussten. Der war allerdings nirgendwo im Stadionumfeld auszumachen. Es gab nur eine handvoll Leute, die selber suchten. Wir schauten uns jetzt nur noch die Ankunft des Hibs-Fanmarsches am Stadion des Rivalen an und gingen nochmal alle Eingänge ab. Doch nichts zu machen, dieses Spiel fand ohne uns statt.

Heute kein Zutritt für uns

Hearts und ich, das passt einfach nicht. Siehe der Trip im September dieses Jahres, wo sie das Heimrecht mit Partick Thistle getauscht haben, um meinen Stadionbesuch im Ausweichstadion Murrayfield zu verhindern. An jenem benachbarten Rugbynationalstadion ging es nun vorbei Richtung Innenstadt. Am Haymarket angekommen, waren uns die das Spiel zeigenden Pubs zu voll und wir gingen weiter in den Wetherspoon’s „The Caley Picture House“ (ein ehemaliges, prachtvolles Kino). Wir gönnten uns Lager aus dem Hause „Innis & Gunn“ und verfolgten das Derby am Smartphone. Immerhin wurde nur ein chancenarmes 0:0 verpasst. Die Stimmung war wahrscheinlich lediglich in den ersten Minuten wirklich gut und dann dem Zeitgeist entsprechend relativ mau. Über hypothetische Tickets für >50£ hätten wir uns bestimmt im Nachhinein geärgert. Und das Spiel, was ich als Alternative im Hinterkopf hatte (Hamilton Academical vs. Kilmarnock), wenn man im Vorfeld schon akzeptiert hätte, dass Hearts vs. Hibs nichts wird, war kurzfristig witterungsbedingt abgesagt worden. Es hätte also noch schlimmer laufen können, als hier jetzt im warmen Pub bei einem gepflegten Pint zu sitzen.

The Caley Picture House

Nach dem Kick gab es noch eine gute Nachricht aus dem Internet (Real Madrid würde demnächst ein Heimspiel an dem Sonnabend haben, wo unser Trio auch in der Stadt sein wird) und dann marschierten wir zum nahen Grassmarket. Wir steuerten den guten alten „Black Bull“ an, wo ich mich am „Mr. Fezziwig Chocalate Stout“ labte und in einem Sessel am Kamin versank. Am TV forderte derweil mein Landsmann Gerwyn Price den amtierenden Weltmeister Michael van Gerwen heraus. Es war das Achtelfinale der „PDC World Darts Championship“ und Price schlug sich nicht schlecht, aber der Niederländer van Gerwen setzte sich am Ende mit 4:2 durch. Aufgrund des Matches blieben wir noch zwei weitere Runden und ich gönnte mir „Super Stout“ von Edinbrew, sowie „Edinburgh Gold“.

Gemütlicher Abend im Black Bull

Gegen Mitternacht zogen wir weiter zum benachbarten „The White Hart Inn“, angeblich Edinburghs ältester Pub. Nachgewiesen ist der Pub auf jeden Fall seit dem frühen 16.Jahrhundert und Robert Burns (Schottlands Nationaldichter) soll hier 1791 bei seinem letzten Besuch der Stadt genächtigt haben. Da nebenan früher der Galgen war, füllten die Schaulustigen sich in diesem Pub dereinst vor und nach den Hinrichtungen ab. Außerdem sollen Burke und Hare hier einige ihrer Mordopfer gefunden haben. Wer die beiden nicht kennt; die haben zwischen 1827 und 1828 mindestens 16 Menschen in Edinburgh umgebracht und an den Anatomie-Professor Robert Knox verkauft, der wiederum Leichen, möglichst frisch, zu Studien- und Lehrzwecken benötigte. Bei einem „Belhaven Best Bitter“ und Live-Musik verbrachten wir hier nochmal ein halbes Stündchen, ehe der Pub gedachte zu schließen.

Brand löschen bei BrewDog

Dann machten wir ein paar Meter zu „BrewDog“ am Cowgate, die immerhin bis 1 Uhr geöffnet hatten. Mit „Hella Helles“, einem von der Münchner Braukunst inspirierten Pale Lager, sollte der Abend nochmal verlängert werden. Ich muss sagen, dieses Bier braucht sich vor Augustiner & Co. nicht verstecken. Neue Regularien, die ein BrewDog-Festzelt auf dem kommenden Münchner Oktoberfest ermöglichen, wären angebracht!

Als BrewDog seine Pforten schloss, waren wir der Meinung, dass immer noch ein Bier zu wenig im Körper war. Ich wusste, dass das „Pilgrim“ bis 3 Uhr geöffnet haben müsste, deshalb nichts wie hin da! Dort angekommen, sahen wir, dass auch gegenüber in „Bannerman‘s Rock & Whisky Bar“ noch Halligalli war. Also doch da den Absacker genommen (fragt nicht welches Bier, ich glaube es war ein profanes Carling) und anschließend mit Irn-Bru und Bhajis vom indischen Späti bewaffnet die Taxifahrt nach Hause angetreten (Taxifahrt Nr.6 auf dieser Reise, ich bin nicht mehr der Sklaventreiber von einst 😦 ).

Das Wohnzimmer unserer Bude

Am nächsten Morgen war dann mal Zeit die Bude in Ruhe zu inspizieren. Sah so aus, als wenn jemand die Accessoire-Abteilung eines Möbeldiscounters geplündert hat. Aber es war tatsächlich relativ sauber (bloß nicht unter’s Bett schauen!) und die Federkernmatratzen waren weniger durchgelegen als gedacht. Dazu der unschlagbare Preis von 200£ für drei Nächte (und bis zu sechs Personen) und die gute Lage. 2km bis zum Zentrum, inklusive guter Busanbindung vor der Haustür, ist ja nicht wirklich weit ab vom Schuss. Zumal dafür der Hafen um die Ecke war und Lidl, Tesco, drei Pubs und diverse Frittenbuden sich in der direkten Nachbarschaft befanden.

Eggs Benedict

Alsbald suchten wir den bereits gestern zum Abendessen beehrten benachbarten Pub zum Frühstück auf. Da heute Curry-Donnerstag war, fiel die erste Mahlzeit des Tages nicht besonders üppig aus (Platz lassen!). Breakfast Wraps (Sausage, Bacon, Egg und Hash Brown in dünnes Brot gerollt) oder Eggs Benedict (pouchierte Eier mit Schinken und Sauce Hollandaise auf einem Toastie) lieferten die notwendige Energie für den folgenden Spaziergang durch Leith. Und das erste Pint des Tages floß vor Abmarsch auch noch die Kehlen hinunter.

Lamb’s House

Erfreulicherweise war „Sunshine on Leith“ angesagt. Bei Sonne und guten Lichtverhältnissen machen meine Stadtführungen natürlich noch mehr Spaß. Wir taperten die kleine Fußgängerzone (das Newkirkgate) gegenüber unseres Domizils entlang, passierten einen Plattenbau und standen dann vor dem “Lamb‘s House”. Das ist ein klassisches Kontorgebäude aus dem frühen 17.Jahrhundert, welches der reichen Edinburgher Kaufmannsfamilie Lamb gehörte und heute unter Denkmalschutz steht. Zwei Restaurationsspezialisten, Nick Groves-Raines und Kristin Hannesdottir, haben es 2010 vom National Trust gekauft und für ungefähr eine Million Pfund restauriert. Und weil Frau Hannesdottir auch zugleich Honorarkonsul ihrer Heimat Island ist, weht jetzt im Hof die isländische Fahne.

Am historischen Hafen

Um die Ecke, am historischen Hafen, erwarteten uns weitere alte Kontore. Das einstige Schmuddelviertel Leith hatte sich über die Jahre wieder ordentlich herausgeputzt und anstatt Seemannsspelunken gab es nun angesagte Restaurants an der Shore. Schade eigentlich, denn auf ‘ne Spelunke hätten wir jetzt Bock gehabt, auf Sterneküche bei „Martin Wishart“ oder im „Kitchin“ halt gerade nicht. Und die Pub-Destination für Irvine-Welsh-Fans, das “Port O’ Leith”, hatte zu allem Überfluss am Vormittag noch geschlossen. Es ist der Stammpub des Autors und eine seiner Inspirationsquellen. Aber immerhin stimmte hier nur unser Timing nicht und der Pub existiert noch. Im “The Volunteer Arms” ist dagegen nicht mehr die einstige Spelunke, in der “Francis Begbie” willkürlich halbe Portionen mit dem Billardqueue vertrimmt, sondern eine Bar für Craftbeer und erlesene Whiskys. Die Gentrifizierung in Leith ist nicht aufzuhalten.

Am modernen Hafen

Alternativ schauten wir uns am modernen Hafen nochmal ein paar grosse Pötte an. Das maritime Edinburgh kam bei den letzten Besuchen immer zu kurz. Daher schön, dass wir diesmal das Wasser gleich vor der Haustür hatten, denn bekanntlich liebe ich die Schiffe, das Meer und den Hafen. Aber auch Bier hat einen festen Platz in meinem Herzen und wir fanden doch noch einen geöffneten Pub nah am Wasser gebaut. „Teuchters Landing“ muss im Sommer dank großer Ufer-Terrasse der Hit sein und jetzt im Winter überzeugte das knirschende Holz-Interieur und die wohlig-warme Luft vor’m Kamin. Hier gönnten wir uns “Bheira”, ein fruchtiges Winter Ale der “Inveralmond Brewery”, ehe es wieder stadteinwärts ging.

Eine Stärkung im Teuchters Landing

Eigentlich wollte unser Trio den tollen “Waters of Leith Walkway” ins Zentrum nehmen, von dem ich im September ja schon ein hübsches Teilstück abgegangen bin, doch der Wanderweg war witterungsbedingt gesperrt. Mit ein bißchen Schnee und Eis kommt Großbritannien einfach nicht klar! Jetzt mussten wir notgedrungen auf der Hauptverkehrsachse, dem Leith Walk, das Stadtzentrum ansteuern. Dabei passierten wir immerhin noch die schöne South Leith Parish Kirk (15.Jahrhundert), die uns sonst vielleicht verborgen geblieben wäre. Tipp: Reingehen und die historische Hammerbalken-Gewölbedecke bestaunen!

South Leith Parish Kirk

Um auf dem Weg ins Stadtzentrum nicht zu verdursten, kehrten wir am Wegesrand auf halber Strecke außerdem ins „Robbie’s“ am Leith Walk ein. Hier gab es ein fassfrisches McEwans Ale für 2,90£ und Pferderennen am TV. Insgesamt ’ne Pinte mit ausschließlich Locals als Gästen, die wir im Hinterkopf behielten. Nach dem Bier machten wir die nächsten 1.000 Meter zum Calton Hill (103m ü. NN). Daran führt einfach nie ein Weg vorbei in Edinburgh! In drei Himmelsrichtungen war klare Sicht und die Altstadt wurde von der tiefstehenden Wintersonne in ein interessantes Licht getaucht.

Winterliche Nachmittagssonne über Edinburgh

Zum Calton Hill und seinen Bauwerken habe ich ja bereits einiges vor drei Monaten geschrieben, daher erspare ich mir das Wiederholen und gehe nahtlos zum nächsten Programmpunkt über; dem Mittagessen. Der Abstieg vom Hügel war im Gegensatz zum Aufstieg natürlich schnell und schweißfrei gemeistert und vorbei an einem Drehort der Trainspotting-Eröffnungsszene (Calton Road, Ecke St Ninian’s Row), dem Balmoral Hotel und der Waverley Station, ging’s zur ersten Anlaufstelle des gestrigen Abends zurück.

Balmoral Hotel

Im „The Booking Office“ gab es für uns alle Chicken Balti mit Samosa, Naan, Papadum und Bhaji. Es schmeckte sogar trotz einer Armada von schreienden Babys und Kleinkindern. Das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man in einen familienfreundlichen Gastro-Pub im Herzen einer Touri-Hochburg einkehrt. Nur nach dem Verzehr der exotischen Köstlichkeiten und dem begleitenden Pint Guinness bzw. Strongbow Dark Fruit, hielt uns natürlich nichts mehr in dem lauten Pub. Fat Lo, erstmalig in Edinburgh (bzw. Edinbrate, wie er es nannte), musste schließlich noch eine Altstadtführung bekommen.

Chicken Balti

Das John Knox House, die St Giles Cathedral, das Heart of Midlothian, die Closes und natürlich das Castle wollte ich ihm nicht vorenthalten. Edinbrate (Anmerkung: der Schotte selbst sagt Edinbra, wobei die letzte Silbe immer etwas hingerotzt klingt. Daher die serbische Verballhornung zu Edinbrate) zeigte sich heute von seiner Schokoladenseite und die Fat-Lo-Fotomafia kam mit dem Knipsen kaum noch hinterher. Da bei seinem japanischen Smartphone allerdings nach drei Monaten nur noch die Frontkamera funktionierte, hielten ihn Außenstehende wahrscheinlich selbst für einen asiatischen Selfie-King. Ich sag es ja immer wieder, wer billig kauft, kauft zweimal!

Sonnenuntergang vom Castle

Nachdem wir den Sonnenuntergang vom Castle Hill genossen hatten (mit schneebedeckten Bergen als Panaroma), war es Zeit wieder irgendwo einzukehren. Nichts lag da näher als der Pub „Ensight Ewart“. Klar, ist auf Touris ausgerichtet, aber auf ein Bier kann ich da jedes Mal in Edinburgh einkehren. Der Pub ist schließlich die Urigkeit in Person. Bei einem “Dark Dunter” erörterte ich mit meinen Freunden die Planung für den Restabend und den morgigen Tag. Mehr zum Hintergrund des Pubs und allgemein den Sehenswürdigkeiten der Altstadt, gibt es bei Bedarf im vorherigen Edinburgh-Reisebericht. Dieser hier wird eh schon zu lang…

Im Ensight Ewart

Wir wollten nach dem Pint im „Ensight Ewart“ eigentlich günstig in der New Town zechen, doch weder “The Alexander Graham Bell”, noch “The Standing Order”, belohnten unseren Marsch in diesen Stadtteil mit einem freien Tisch. Jetzt war guter Rat teuer und wir beschlossen wieder den Leith Walk anzusteuern. Da gibt es schließlich genug Pinten, es war außerdem nah an unserer Unterkunft und bestimmt würde auch irgendwo Darts gezeigt werden. Unser Trio ignorierte heute weiterhin die Existenz von Taxis und kurz vor der 20km-Marke (endlich normales Schneppe-Tours-Niveau!) wurde Bene langsam quengelig.

Blick auf’s Castle von der New Town

Deshalb kehrten wir schnell in „The Windsor“ ein, um die Gemüter zu beruhigen. In den gemütlichen Sofas und Sesseln versunken, gab es „Belhaven‘s Best“ zur Erfrischung und dann stellten wir fest, dass hier heute Live-Musik statt Darts auf dem Programm stand. Joar, auch nicht übel. Aber dieses nicht mehr besonders weite “Robbie’s” war noch in so guter Erinnerung vom heutigen Mittag und würde bestimmt Darts zeigen. Also legten wir nochmals die Garderobe an und ich presste ein paar weitere Meter aus meinen Begleitern heraus.

Im Windsor gleich mal den Schrittzähler prüfen

Im „Robbie’s“ lief wie erwartet das Duell Lewis vs. Richardson. Am Nachbartisch saßen ein paar gut zugekachelte ältere Damen und Herren, gegenüber von uns waren zwei Opis, die wahrscheinlich schon seit dem 2.Weltkrieg Kumpels sind, und links neben uns war ein einsamer Trinker. Ist schon schön in so einem Pub, wo abends nur motivierte lokale Zecher, anstatt Touristen oder Jungvolk zugegen sind. Da irgendwann die größte Kachelhuberin am Nachbartisch nichts mehr konnte, beschloss ihre Gruppe aufzubrechen. War ’ne gute Entscheidung, weil die Frau im Blümchenkleid (Typ 45jährige Grundschullehrerin) ständig drohte umzukippen. Wir eroberten nun den freigewordenen Tisch (aufgrund der besseren Sicht zu den Bildschirmen), während die Bardame die Reste der Vorgänger abräumte. Doch nach wenigen Minuten kam die Kachelhuberin wieder in den Laden zurückgetorkelt und suchte mit zugekniffenen Augen ihren kürzlich fast voll zurückgelassenen Weißwein. Mit einem „Ups, das ist wohl der falsche Laden“-Blick kehrte sie wieder um und wir hofften, dass ihre Freunde draußen auf sie und ein gemeinsames Taxi warteten.

Ein schönes McEwans im Robbie’s

Um 22 Uhr beendeten wir schließlich unseren Darts- und Ale-Spaß. Es war nämlich nur noch eine Stunde Zeit, um sich Curry Nr.2 des Tages einzuverleiben. Dazu ging es wieder in „The Foot of the Walk“ neben unsere Unterkunft (Yeah, nochmal 850 Meter per pedes) und ich orderte mir Beef Madras, um auch ja vollgefressen ins Bett zu gehen. Fat Lo ließ uns derweil an den Erlebnissen seiner neuen Chatbekanntschaft BLZ teilhaben, welcher gerade in Glasgow weilte. Der hatte heute sein schottisches Tinder-Date versetzt, weil er lieber zu einem Gig von Cascada wollte. Dabei sah die gar nicht schlecht aus, den Tinder-Pics nach zu urteilen.

Beef Madras

In Glasgow würden wir ja auch bald aufschlagen, aber einen Tag vor der Weiterreise dorthin ging es schon mal für einen Tagesausflug raus aus Edinburgh. Ich wollte eh mal wieder nach Stirling und wenn da außerdem noch ein Fußballspiel um die Ecke ist (im benachbarten Alloa sollte der BSC Glasgow gegen die Civil Service Strollers kicken), spricht erst recht nichts mehr gegen eine Exkursion. Nach dem üppigen Scottish Breakfast (1763 kcal) im Pub neben unserer temporären Wohnstätte, wurde wieder mal auf das Taxi anstatt die Kraft der eigenen Beine gesetzt und es ging an einem verschneiten Morgen zum Bahnhof Waverley.

Frühstück mit Haggis, Black Pudding & Co

Für 9,50£ return hatten wir Tickets von Edinburgh-Waverley via Stirling nach Alloa gebucht und das berühmte Zwischenziel wurde um 12:00 Uhr mittags erreicht. Ebenfalls erreicht hatte uns aber auch die Nachricht, dass das abendliche Spiel in Alloa witterungsbedingt abgesagt ist. Es ist einfach der Wurm drin auf dieser Reise! Dabei hat der Recreation Park in Alloa, das Exil des BSC mangels geeigneter Spielstätte in Glasgow, sogar Kunstrasen. Aber wahrscheinlich hat der Club aufgrund der räumlichen Distanz keine Schneeräumung des Spielfeldes organisiert bekommen. Oder vielleicht hatten die beiden Amateurteams (5.Liga) kurz nach Weihnachten auch einfach keinen Bock ihre vollgefressenen Körper 90 Minuten bei nasskaltem Wetter über den Platz zu schleppen. Wer weiß das schon.

Erstmal ’n Smithie

Frustiert steuerten wir eine Einkehr nahe des Bahnhofs an. Im Pub „The Crossed Peels“ prüften wir auch die Option nach Paisley zu fahren und St.Mirren vs. Dundee United zu gucken (BLZ wollte dieses Spiel westlich von Glasgow besuchen und wies uns darauf hin). Zeitlich problemlos machbar, aber alle summierten Aufwendungen dafür hätten 65£ betragen. Ein bisschen viel für ein Spiel der 2.Liga Schottlands, wenngleich immerhin der Spitzenreiter seinen Verfolger empfing. Wir genossen nun jeder ein John Smith’s (2£ für’s Pint) und wärmten uns nachdenkend am Kaminfeuer auf. Man muss eben das Beste daraus machen, Stirling wie geplant genießen und abends gemütlich Darts im Pub in Edinburgh gucken. Hat man halt ein schottisches 5.Liga-Spiel im Leben weniger gesehen und mindestens 2/3 unserer Reisegruppe wirkten dadurch auch nicht gerade suizidgefährdet.

Welcome to snowy Stirling

Nach dem stärkenden Bier nahmen wir den Anstieg zum Stirling Castle in Angriff. Stirling ist eine sehr alte Stadt und daher reich an Baudenkmälern. Über allem thront das Castle, doch auf dem Weg dorthin stoppten wir bereits am Zollhaus, dem alten Gefängnis und an der Church of the Holy Rude (12.Jahrhundert). Letzteres ist neben Westminster Abbey die einzige noch erhaltene Kirche Großbritanniens, in der Königskrönungen stattgefunden haben. Auch der Friedhof der Kirche hat so seinen historischen Charme. Der älteste Grabstein soll von 1579 sein, aber gesucht haben wir ihn natürlich nicht extra.

Church of the Holy Rude

Von hier war die mittelalterliche Old Bridge über den Fluß Forth gut zu erkennen und das „National Wallace Monument“ auf der anderen Flußseite ebenso. Sowohl um diese Burg, als auch zu ihren Füßen tobten dereinst legendäre Schlachten. Dank eines Filmes von Mel Gibson ist besonders die Schlacht von Stirling Bridge bekannt. Freiheitskämpfer William Wallace mischte damals auf schottischer Seite auch als Unterführer mit, aber der Film ist natürlich alles andere als historisch sauber. Nur an dieser Stelle mit der Braveheart-Bildung der Bundesbürger abzurechnen, würde den Rahmen sprengen. Geht bei Interesse in die Biblio oder zwingt mich privat mit Freibier zu mündlichen Erörterungen der mittelalterlichen schottischen Geschichte! Übrigens gab es auch heute ein wildes Gefecht um Stirling Castle. Eine bereits in der Burg befindliche Familie (uns waren 15£ zu teuer) lieferte sich eine heitere Schneeballschlacht mit dem Wachpersonal vor dem Tor.

Stirling Castle

Mit dem Taxi (wie auch sonst?) ging es jetzt weiter zum Wallace-Monument. Natürlich war der Weg vom Parkplatz zum Monument gesperrt. Ich wiederhole mich: Mit ein bißchen Schnee und Eis kommt Großbritannien einfach nicht klar! Nichtsdestotrotz erklommen wir den 111 Meter hohen Berg, auf dem das 67 Meter hohe Monument 1869 feierlich eröffnet wurde. Es huldigt aber nicht nur William Wallace, sondern dient im Innern auch allgemein als schottische „Hall of Heroes“. Es gibt Büsten u.a. vom Wallace-Zeitgenossen Robert the Bruce, von Schottlands Reformator und KirchengründerJohn Knox, von Nationaldichter Robert Burns, von Liberalismus-Legende Adam Smith und von Afrikaforscher David Livingstone. Und ganz neu, seit 2017, gibt es sogar zwei weibliche Büsten. Mary Slessor (Missionarin in Afrika) und Maggie Keswick Jencks (Künstlerin und Aktivistin in der Krebskrankenfürsorge) haben diese Ehre posthum bekommen. Die Gleichberechtigung schreitet unermüdlich voran!

William Wallace Monument

Die Infos hab ich übrigens aus einem Werbeprospekt, da das Monument zwar trotz Witterung geöffnet hatte, aber auch stolze 10£ Eintritt verlangt wurden. Das Geld brauchten wir stattdessen für eine der kommenden 96 Taxifahrten auf dieser Reise. Oder vielleicht für Bene, da Deutschlands aktivster Kassenpatient in Sachen Unfallverletzungen beinahe wieder krankenhausreif war. Es war vorprogrammiert, dass er seinen exponierten Schneehügel-Fotospot nicht sturzfrei hinunter kommt. Umso ärgerlicher, dass Lo und ich vor lauter Vorfreude vergaßen die Kameras zu zücken. Immerhin hat der Hackl-Bene sich nichts gebrochen und wir brauchten kein schlechtes Gewissen für unser Gelächter haben. Ich muss mich korrigieren, mit ein bißchen Schnee und Eis kommen Großbritannien und Benedikt R. nicht klar.

Schön hier, in den Bergen

Auf dem Weg runter vom Berg hatte ich kurzzeitig doch noch Sorge um Benes Gesundheit. Seufzte er doch: “Schade, dass wir nicht reingegangen sind. Da stand, dass dort auch das Schwert von Edgar Wallace ausgestellt ist.” Hallo, hier spricht William Wallace! Ich war Rebell und kein Krimiautor. Um das nochmal klarzustellen, ging es am Fuße des Berges sogleich in den Pub “The William Wallace”. Hier gönnten wir uns “Belhaven Saltire Lager” und schauten die Afternoon Session der World Darts Championship. Jamie Lewis überzeugendes 5:0 gegen Darren Webster war bereits gelaufen, aber wir platzten mitten in die spannende Partie des Belgiers Dimitri van den Bergh gegen Rob Cross. Am Ende konnte sich der englische Newcomer mit 5:4 durchsetzen und wir hatten jeder wieder drei Pints intus.

Ein paar Lager im William Wallace Pub

Nach der Partie ließen wir uns vom Wirt ein Taxi rufen und kehrten nochmal ins „The Crossed Peels“ nahe Stirlings Bahnhof ein. Hier überbrückten wir die Zeit bis zum nächsten Zug nach Edinburgh und erreichten mit jenem Schienenfahrzeug gegen 18 Uhr wieder die Hauptstadt. Dort steuerten wir über die Stairs und Closes der Altstadt den „Black Bull“ an. Am frühen Freitagabend schien das aber keine gute Adresse zu sein. Es aßen dort viele Familien zu Abend und auf den Bildschirmen flimmerte teilweise NFL und teilweise MLB. Da eh kein Tisch frei war, spekulierten wir gar nicht erst auf ein späteres Umschalten zum Dartsport und schnappten uns ein Taxi zum „Robbie’s“.

Abends am Grassmarket

Dort war Freitag um 19 Uhr zwar kein Tisch mit Bildschirmsicht frei, aber stehend von der Theke konnte man das „Tulpen-Derby“ van Gerwen vs. van Barneveld auch ganz gut verfolgen. Als irgendwann in einer Nische der dort einzige Tisch mit TV-Sicht frei wurde, schlugen wir natürlich schnell zu und dachten alsbald, wir hätten auch noch den ganz großen Jackpot. Drei äußert attraktive Mittzwanzigerinnen gingen an den Nachbartisch und schnorrten sich fünf weitere Sitzgelegenheiten zusammen. U.a. stellten auch wir unsere zwei überschüssigen Stühle sofort zur Verfügung und witterten ein achtköpfiges Katzen-Vorglühen vor der Diskotour. Doch natürlich wurde es wenig später nur ein viertes Mädel und dazu vier Typen, die den Tisch bevölkerten. Pärchenabend 😦

An der Theke vom Robbie’s

Letztlich ging aber doch noch was für mich und ich lag nicht allein im Bett. Gut, sie war sie fett und in der Wohnung auch nicht mehr so heiß wie beim ersten Kontakt, aber ich musste meine Lust stillen und stieg mit ihr in die Kiste. Wie ein total Ausgehungerter fiel ich über sie her und knabberte als erstes an ihren Schenkeln rum. Sie war mächtig am triefen und schaffte es vollends meine Bedürfnisse zu befriedigen. Glücklich schlief ich wenig später ein. Munchie Box, du bist die Liebe meines Lebens!

Am Morgen des 30.Dezember 2017 wachte ich mit einem leeren Pizzakarton im Arm auf, entsorgte die Spuren meiner kulinarischen Harvey-Weinstein-Episode und machte mich schnell startklar. Heute war es soweit: Old Firm! Matchday in Glasgow! Dieses Derby war in den 90ern und wahrscheinlich auch noch in den frühen 2000er Jahren mein feuchter Fußballtraum. Ein Duell unfassbar reich an Geschichte und gewürzt mit sehr scharfen Trennlinien. Es ging schon früh um die fußballerische Vorherrschaft in Schottland, doch bald, zumindest bei den Anhängern, noch viel mehr um britisch oder irisch bzw. um protestantisch oder katholisch.

Perverses Bettvergnügen

Nun könnte es also soweit sein und ich sehe das Old Firm endlich mal nicht nur am Fernseher. An Vorbereitung mangelte es in den Monaten zuvor nicht. Es wurde über alle möglichen Kanäle versucht an Karten zu kommen. Doch ob in Richtung Celtic- oder Rangers-Kontakte, es ging leider nichts für mich. Die Presseanfrage von so einem Wald- und Wiesenjournalisten wie mir, wurde natürlich auch abgelehnt (aber Fragen kostet bekanntlich nichts) und der Schwarzmarkt in diesem neumodischen Internet hatte nichts unter 300£ parat. Egal, alle nach Glasgow! Auch ohne Karte!

The Dome (unweit der Bus Station) frühmorgens

Um am Spieltag nichts anbrennen zu lassen, verließen wir Edinburgh bereits gegen 8 Uhr (Anpfiff des Hochrisikospiels war schon 12 Uhr mittags). Wir hatten für ungefähr dreifuffzich zwar eine spätere Verbindung gebucht, aber Fragen kostet auch beim Busfahrer nichts und der Mann winkte uns beim 900er-Bus um 8:05 Uhr durch. Der Hobel war eh nicht besonders voll und das WLAN funktionierte auch tadellos. So konnte ich bereits Kontakt mit meinem Geier aufnehmen, der um 9 Uhr auf Rückläufer im Ticket Office spekulierte.

Blyatiful Glasgow

Kurz nach 9 Uhr erreichten wir Glasgow und unser Geier Jojo (nein, nicht der Nichtzecher von Jojo & der Professor) hatte leider keine guten Nachrichten. Im Vorfeld erzählten uns hannoversche Legenden des Groundhoppings stolz, wie sie jüngst beim Old Firm trotz „Sold Out“ morgens zum Ticket Office gegangen sind und irgendwelche Rückläufer zum Originalpreis erstanden haben. So ein Dusel war uns heute selbstredend nicht vergönnt. Stattdessen mussten wir uns nun an den letzten Strohhalm namens Schwarzmarkt klammern.

Fassadenkunst in Glasgow

Wir brachten nur noch fix das Gepäck in unsere Bleibe; das „Euro Hostel“ an der Central Station. Beim zwanzigminütigen Marsch von der Buchanan Street Bus Station zum Hostel passierten wir schon einige Sehenswürdigkeiten des Stadtzentrums, wie den George Square oder die Gallery of Modern Art (das Reiterstandbild des Duke of Wellington trägt immer noch ein Verkehrshütchen als Running Gag), doch Augen hatten wir dafür kaum. Wir wollten zum Stadion und vor allem irgendwie da reinkommen. Also schnell das Gepäck in den Lagerraum des Hostels geworfen und sofort das nächstbeste Taxi zum begehrtesten Ground des Tages genommen.

Gallery of Modern Art

Durch Bridgeton fuhr der Taxler uns vom Zentrum zum Celtic Park. Der Stadtteil grenzt zwar unmittelbar an den Celtic Park, ist aber zu 96% protestantisch-loyalistisch und damit absolute Rangers-Zone, was man schon bei der Durchfahrt an jeder Ecke sehen konnte. Da nicht die Geographie, sondern deine Konfession bzw. Herkunft entscheidet zu welchem Club du in Glasgow gehst, ist sowas halt möglich. Außerdem kickten die Rangers-Gründungsväter in den 1870er Jahren selbst in den Parks von Bridgeton.

St Enoch Square

Während Bridgeton westlich vom Celtic Park liegt, sind die Stadtteile östlich des Stadions grün gefärbt, da dort hauptsächlich die Nachfahren irisch-katholischer Einwanderer leben. Von denen bevölkerten schon ein paar das Stadionumfeld, aber ganz so viel war 2,5 Stunden vor Spielbeginn noch nicht los. Wir trafen am Haupteingang erstmal Jojo und seine Freundin und die berichteten uns schon, dass es in Sachen Schwarzmarkt nicht gut aussieht. Es gab nur etliche Hanseln mit „Need Tickets“-Schildern und noch mehr Typen, die mit fünf bis zehn 20£-Noten wedelten, jedoch keine Anbieter. Gut, Schwarzmarkt ist auch nicht einfach im Vereinigten Königreich, da die Polizei (von der es natürlich hier nur so wimmelte) offensiv dagegen vorgeht.

Celtic Park Main Entrance

Wir erlebten nun bald die Ankunft der Teams am Stadion, wobei beide Teams im gleichen neutralen schwarzen Bus mit getönten Scheiben vorfuhren. Ist wohl sicherer. Anhand der Krawatte des Fahrers konnten die Celtic Fans allerdings sehen, dass der erste Bus die Rangers ablädt und das Pfeifkonzert begann schon, bevor der erste gestrigelte Profi mit Designer-Handtäschen den Bus verlassen hatten. Alles in allem aber natürlich ein sehr harmloser Empfang und Bus Nr.2 spuckte fünf Minuten später logischerweise die Hausherren aus, die entsprechend frenetisch von der grün-weißen Menschentraube begrüßt wurden.

Celtic Park von außen

Danach schlichen wir erstmal um’s Stadion und laberten jeden wegen Tickets an, aber die Taktik brachte wenig überraschend nichts ein und als wir das Stadion umrundet hatten, sahen wir grünen und weißen Rauch nahe des Gästeblocks aufsteigen. Das Gros der Rangers-Fans schien einzutreffen und vereinzelt blieb es nicht bei Pfiffen und Ausbuhen. Die Polizei und ihr Helfer CCTV hatten jedoch alles im Griff und Stück für Stück wurden die lungernden Celtic-Anhänger wieder auf Distanz geschoben. War das Duell schon fast immer Großbritannien vs. Irland, scheint es mittlerweile auch Israel vs. Palästina sein. Die Celtic-Fans schwenken bereits lange die Fahne Palästinas, doch Israel-Fahnen bei den Rangers-Fans sah ich heute, als zugegeben unaufmerksamer Beobachter der Fanszene, zum ersten Mal. Ansonsten gab es natürlich viele Union Jacks und Ulster Banner bei der blau-weiß-roten Fankarawane.

Die Rangers-Fans erreichen den Gästeblock

Nach dem Spektakel machten wir nochmal eine Stadionrunde, gaben jedoch rund 40 Minuten vor Anpfiff auf. Die Zahl der Mitbewerber um Tickets war noch weiter gestiegen und Anbieter waren immer noch nicht auszumachen. Allerdings hatte eine blonde junge Dame bei der ersten Runde noch „I need 2 Tickets“ auf ihrem Schild und jetzt stand da nur noch „I need 1 Ticket“. Das nächste Mal nehmen wir ein paar unserer Model-Freundinnen mit und lassen die gegen Trinkgeld unsere Tickets besorgen. Doch heute würde wohl nichts mehr gehen, also ab ins Taxi und zurück ins Zentrum.

Bier gegen den Frust

Der empfohlene Pub „O’Neill’s“ am Merchant Square ließ bereits niemanden mehr rein, jedoch empfahlen uns die Bouncer an der Tür das “Maggie May” einen Block weiter. Das war jetzt kein Pub, sondern ein hippes Burger-Restaurant, aber sie zeigten das Spiel, waren nicht überfüllt und nach dem öffnen der Jacken und heben der Pullis durften wir rein. Wie anscheinend überall im Zentrum, war die optische Zuneigung zu einem der Teams nicht gestattet. Hätten wir Bock auf richtig Atmosphäre gehabt, hätten wir in Bridgeton in einen Rangers-Pub gehen müssen oder in Parkhead in einen Celtic-Pub. Aber wir waren ja neutral und erfreuten uns jetzt am schmackhaften “St.Mungo’s Lager” für 4,80£. Obendrein gab es gute Burger (Maggie’s Buns) für 8 bis 10 Pfund inklusive Beilage.

One of Maggie’s Buns

Das Spiel ging zwar nur 0:0 aus, war aber nicht chancenarm und durchaus gut anzuschauen. Zumindest in der Anfangsphase der Partie wurde über das Fernsehen außerdem eine laute Kulisse transportiert. Die schien allerdings zunehmend nachzulassen. Also wie schon Mittwoch nur ein torloses Derby verpasst und damit etwas Trost für uns. Wenn schon 100£ oder mehr für eine Karte investiert wird, will man ja wenigstens mal eine Seite beim Torjubel ausrasten sehen. Und sollten wir wirklich irgendwann beim Old Firm Karten bekommen, geht es dann bestimmt 4:3 aus. Immer positiv denken, auch wenn wir heute Derbyversager waren.

Clubhaus des ältesten schottischen Fußballclubs

Nach Abpfiff schnappten wir uns unverzüglich ein Taxi (wetter- und entfernungsbedingt diesmal berechtigterweise) und ließen uns zum schottischen Nationalstadion fahren. Wir hatten schließlich heute wenigstens zwei Trostpreise in der Verlosung. Man konnte entweder Partick Thistle gegen Ross County im Firhill Stadium gucken (1.Liga) oder Queen’s Park gegen die Albion Rovers im Hampden Park (3.Liga). Beides versprach nicht gerade ein fußballerischer und stimmungsmäßiger Knaller zu werden. Also gab das größere Stadion und die größere Tradition den Ausschlag und wir erreichten 45 Minuten vor Anpfiff das Clubhaus des Queen’s Park Football Clubs am Nationalstadion Hampden Park (51.896 Plätze).

Der Hampden Park

Den Club gibt es seit 1867, was ihn zu Schottlands ältestem Fußballclub macht. Haben wir also nochmal die letzte Gelegenheit genutzt im Jahr 2017 ihren 150.Geburtstag mit einem Besuch zu würdigen. Die SG Wattenscheid 09 tat das übrigens schon vor uns und ließ im Sommer Wimpel und Trikot mitsamt Geburtstagsgruss im Clubhaus. Da scheint es seit einem Trainingslager der Schotten im Ruhrgebiet (anno 2006) eine Vereinsfreundschaft zu geben. In Sachen Vereinsfarben passt das auch ganz gut, nur war der Beitrag der Wattenscheider zur Entwicklung des Fußballsports vielleicht etwas geringer. Dem Queen’s Park F.C. haben wir nämlich etliche heute selbstverständliche Passagen aus dem Regelwerk zu verdanken. Die Torlatte, zwei Halbzeiten und Freistöße gehen auf ihr Konto und den Schottischen Fußballverband, sowie den nationalen Pokalwettbewerb haben sie auch ins Leben gerufen. Sie sind nach Celtic (37x) und den Rangers (33x) mit 10 Titeln tatsächlich auch der dritterfolgreichste Club in diesem Wettbewerb. Allerdings datiert der letzte Cupgewinn aus dem Jahre 1893!

Durch den Regen ins trockene Stadion

Im 19.Jahrhundert mischten sie sogar im englischen FA Cup mit und konnten dort als einziges schottisches Team zweimal ins Finale einziehen (1884 und 1885), unterlagen aber beide Male den Blackburn Rovers. Als 1890 jedoch die schottische Fußballmeisterschaft eingeführt wurde, lehnte der Club seine Teilnahme am Ligawettbewerb ab und damit begann der sportliche Abstieg. Das Vereinsmotto „Ludere causa ludendi“ (zu spielen um des Spielens willen) wurde streng ausgelegt und man verbat sich dem früh in Schottland eingeführten Profifußball. Nichtmal Ex-Profis wurden aufgenommen, was den Club ab der Jahrhundertwende im schottischen Spitzenfußball zur Bedeutungslosigkeit verdammte. 1900 trat man der Liga zwar bei, hatte als reiner Amateurclub jedoch keine Chance oben mitzuspielen.

Spärlich gefülltes Rund

Nach dem 2.Weltkrieg war es endgültig mit der Erstklassigkeit vorbei und es begann ein Dasein zwischen 2. und 4.Liga (seit den 90ern hauptsächlich 4.Liga). Mittlerweile, nachdem seit den späten 1990er Jahren auch Ex-Profis entgeltlos für den Club auflaufen können und ebenso Profis auf Leihbasis bei Queen’s Park geparkt werden dürfen, ist der altehrwürdige Pionier zumindest wieder drittklassig unterwegs (seit 2016). Das ist als Amateurclub unter lauter Proficlubs aller Ehren wert und spätestens seit Andrew Robertson sich vom QPFC-Talent zum Zehn-Millionen-Pfund-Neuzugang des Liverpool F.C. entwickelt hat (über die Zwischenstationen Dundee United und Hull City), sollte sich herumgesprochen haben, dass Queen’s Park auch eine kleine Talentschmiede ist.

Strafstoß zum 2:0

Am heutigen Sonnabend wollte die Kicker von Queen’s Park (11.) ihren guten Trend der letzten Wochen (7 Punkte aus 4 Spielen) fortsetzen und den vor ihnen platzierten Rovers (10.) weiter auf die Pelle rücken. Schon in der 3.Minute köpfte der 21jährige Australier Jack Iredale seine Farben in Führung und wir erfreuten uns an der Oldie-Tormusik. Als der Unparteiische nun nach 10 Minuten im Gästestrafraum auf den Punkt zeigte, konnte Adam Cummins in der 11.Minute auf 2:0 erhöhen. Das  vermeintliche 3:0 in der 25.Minute wurde dann wegen Abseitsstellung nicht gegeben und im Gegenzug hatten die Rovers ihre beste Chancen der ersten 45 Minuten. Auf einen Pfostentreffer folgte eine Ecke. Diese konnte per Kopfball in Richtung Tor verlängert werden und wurde gerade so von einem QPFC-Verteidiger von der Linie gekratzt.

Die 2.Halbzeit läuft

In der 2.Halbzeit flachte die Partie leider deutlich ab. Vielleicht konditionelle Defizite? Es gab jetzt mehr Fouls als eh schon und zwar weiterhin ein paar Chancen auf beiden Seiten (meist aus Abwehrfehlern resultierend), aber sehr fahrige Abschlüsse. Auswechslungen auf beiden Seiten nahmen der Partie schließlich noch weiteren Schwung. Die Ösi-Hopper, die in der 60.Minute verschwanden, konnte ich gut verstehen (also ihr Handeln, ihre sprachliche Abart des Deutschen eher weniger). Doch mein Langmut sollte zum Glück noch belohnt werden. Zunächst köpfte der erfahrene Stürmer Alan Trouten eine Flanke auf den langen Pfosten zum Anschlußtreffer ins QPFC-Tor (89.Minute). Beim folgenden Anstoß schienen 10 Feldspieler in dunkelblauen Trikots kollektiv zu pennen. Denn den Rovers gelang schon am Mittelkreis die Balleroberung und ein langer Pass in die Spitze hebelte eine völlig indisponierte Defensivreihe aus. Der steil geschickte Angolaner Joao Victoria triumphierte aus 12 Metern zum 2:2. Krasses Finish!

Am Ende stand es 2:2

Nach 90 Minuten ging es durchgefroren wieder ins Clubhaus. So ‘ne Runde Bier in entspannter Atmosphäre war jetzt ganz verlockend. Danach ließen wir uns von der Bardame ein Taxi rufen und checkten endgültig im “Euro Hostel” ein. Für 71,75€ gab es eine so genannte Suite mit sechs Betten, Dusche, zwei Toiletten und einem separaten Fernsehzimmer. Hätte es dort Sky gegeben, wären wir sofort in den Lidl nebenan gegangen, hätten uns mit Kannen eingedeckt und dann Darts in unserer privaten Lounge geguckt. Aber leider negativ, weshalb wir in den ins Hostel integrierten Pub “Mint and Lime” eingekehrt sind. Er war eh schon günstig bepreist, aber als Übernachtungsgäste bekamen wir auch noch 15% Discount auf die Drinks. Also kostete ein Pint nur 2,64£ und ein Cocktail nur 3,40£. Einen anderen Pub mit Dart-Übertragung zu suchen, ersparten wir uns nun und wichen die kommenden sechs Stunden nicht vom Fleck.

Die Suite. Groß, aber trotzdem Scheiß-Betten.

Essen gab es auch und Bene und ich gönnten uns jeder ‘ne Munchie Box für 10£. Die war allerdings ‘ne Vollkatastrophe. Labbrige Wings, Tiefkühl-Burgerpatties, Tiefkühl-Potatowedges und Knoblauchbaguette wussten kein Stück zu begeistern. Da hatte ich schon bessere Boxen für weniger Geld. Außerdem gehört da definitiv Chicken Pakora und Kebabfleisch rein! Auch die Mac’n’Cheese von Fat Lo und wahrscheinlich alles weitere von der Karte (Lasagne etc.) schienen nichts anderes als Fertiggerichte aus der Mikrowelle zu sein. Doch egal, der Alkohol schmeckte und die Halbfinals der Dartsport-WM wussten auch zu überzeugen. Erst zeigte Altmeister Phil Taylor dem jungen Waliser Jamie Lewis, wo der Frosch die Locken hat (6:1) und anschließend lieferten sich Rob Cross und Michael van Gerwen ein episches Duell um den Finaleinzug.

Mikrowellen-Makkaroni

Wenig bis gar nicht für Darts interessierten sich dagegen die peu à peu eintrudelnden und vorwiegend älteren Casuals. Als wenn irgendwo ein Nest wäre, wurde es circa alle 30 Sekunden einer mehr und am Ende waren es über 20 von ihnen. Sie pendelten fleißig zwischen Tisch, Toilette und Theke und schienen bereits äußerst berauscht. Man sah zwar durch keinerlei Accessoires oder Kleidungsstücke ihre Vereinszugehörigkeit, aber in Glasgow erkennt man mit etwas Erfahrung trotzdem auf den ersten Blick, wer zu welcher Szene gehört und das waren definitiv Rangers-Leute. Diese Gabe ist schon von Vorteil, denn es dauerte natürlich nicht lange bis die Träger der Marken Stone Island, Aquascutum, Lyle & Scott und Lacoste auf drei ähnlich gekleidete Typen wie uns aufmerksam wurden. So konnten wir nicht in die Falle tappen bei „Oh, Germany? I love Germany! I went there lots of times to watch football. Do you like Saint Pauli?“ und weiter in Ruhe Darts gucken.

First Bad Munchie Box Experience

Gegen halb 12, als es bei Cross vs. van Gerwen bereits 4:4 stand, schaffte es dagegen ein Mob motivierter Katzen uns vom Bildschirm abzulenken. Der Buttergolem in der Runde feierte den Devotionalien nach zu urteilen Geburtstag und die sieben Freundinnen waren allesamt sehr schön anzuschauen. Die Girls sahen so aus, als wären sie große Verfechterinnen der #metoo-Kampagne (Achtung, Ironie), doch nach einem Drink brachen sie leider schon ins diskothekarische Nachtleben von Glasgow auf. Auch ich überlegte kurz zum Ort meiner Jugensünden, der „Garage“, zurückzukehren. Aber scheiße, ich bin jetzt halt ein alter Mann, der lieber Sport am TV glotzt und seinen „Dad Bod“ mit diversen Bieren pflegt.

Tolbooth Steeple

Am nächsten Morgen war nach dem landestypischen Frühstück (die Pfunde müssen ja rauf) erstmal Frust-Shopping bei „JD Sports“ angesetzt (die Pfund müssen ja weg). Dann wollte ich auch nochmal ein gutes Stündchen Sightsseing machen (ob auch noch alles steht und so aussieht wie früher), aber es fing echt berstig an zu stürmen und zu regnen. Den Spaß musste ich mir also alleine gönnen. Kein Vorwurf an die anderen, ich bereute es selbst sehr schnell nochmal losgezogen zu sein. Nur Umkehr kam mir auch nicht mehr in den Sinn, weshalb es von den Shoppingmeilen erstmal in östliche Richtung zum Tolbooth Steeple ging und danach nordwärts zur St Mungo’s Cathedral.

St Mungo’s Cathedral

Die gotische Kathedrale ist in ihrer heutigen Erscheinung zwischen dem 12. und 15.Jahrhundert entstanden und Schottlands Nationalheiligen St. Mungo geweiht. Dieser missionierte im 6.Jahrhundert in Schottland und gründete damals das Bistum Glasgow. Seine Gebeine liegen in der Krypta der Kathedrale. Außerdem liegen noch zahlreiche Gebeine in der an die Kirche anschließenden Nekropole. Die ist auch unbedingt einen Rundgang wert, alledings war mir das heute zu matschig. Deshalb ging es mit Rückenwind wieder zum Hostel, um Punkt 11 Uhr auszuchecken. Meine Freunde erwarteten mich bereits und Manchester erwartete uns. Auf nach Manchester, auf zur letzten Etappe unserer UK-Winterreise!