Edinburgh 09/2017

Eine der schönsten Städte Europas verführte dank günstiger Transfermöglichkeiten mal wieder zu einem Wochenendbesuch. Mit Ryanair kostete Bremen-Edinburgh return von Freitag auf Sonntag nur 50€ (gebucht bereits im Juli) und für zwei Nächte hatten InterCityBerger, Milano Pete und ich ebenfalls nur jeder 60€ zu berappen. Kann man nicht knurren, auch wenn unser Hotel fünf Wochen vor Reiseantritt unsere Buchung stornierte und die Alternativen der Plattform hotels.com eher Downgrades waren. Dafür sollte überhaupt kein interessantes Fußballspiel locken. Da spielen die Hearts of Midlothian umbaubedingt bis Ende Oktober ihre Heimspiele im riesigen Rugby-Nationalstadion Murrayfield, aber ausgerechnet für das angesetzte Heimspiel am Reisewochenende konnten sie das Heimrecht mit Partick Thistle tauschen. Danach denkt man, mit dem Meadowbank Stadium gibt es einen halbwegs vernünftigen Trostpreis, bis man liest, dass Edinburgh City F.C. dort seit Sommer nicht mehr spielt, weil die Bude noch vor Weihnachten 2017 abgerissen wird. Immerhin waren unsere Flüge nicht unter den 2.100 Stück, die Ryanair wegen Personalproblemen bis Ende Oktober 2017 kurzfristig gestrichen hatte.

Abendlicher Abflug

Am Freitagmittag klapperte Berger erst meine und danach Milanos Arbeitsstelle ab und dann ging es erwartet langsam nach Bremen. Sowohl der Stau auf der A7 und die ebenfalls gestaute offizielle Umleitung wurden umfahren, ehe wir nach 90 Minuten im unvermeidlichen Stau auf der A1 vor Bremen standen (zur Zeit die einzige Weserüberquerung südlich der Bremer Kernstadt und daher chronisch überlastet). Nichtsdestotrotz waren wir früh genug für Kaffee und Kuchen in der Hansestadt und selbstverständlich ging auch noch ein Bier am Terminal. Als wir bereits im Flieger saßen, folgte jedoch eine neue Episode aus Leben am Limit: Luftraum gesperrt wegen einer Bombenentschärfung in der Bremer Überseestadt! Und Bremen ist natürlich nicht in der Lage so etwas vernünftig zu organisieren. Um 17 Uhr war Termin für die Entschärfung der 10-Zentner-WWII-Bombe, aber das übliche Verkehrschaos in Bremen machte den angedachten Zeitplan natürlich völlig obsolet (z.B. bekam Deutschlands Armenhaus laut Medien keinen funktionierenden Schienenersatzverkehr hin) und es wurde erst kurz nach 19 Uhr mit dem Unschädlichmachen des Unglücklichmachers begonnen. 19:25 Uhr kam endlich die Vollzugsmeldung und wir hoben 90 Minuten verspätet ab (gegen 19:45 Uhr).

A toast to Arthur Guinness!

Der Durst war bei Ankunft in Edinburghs Innenstadt logischerweise enorm und kaum aus dem Shuttlebus heraus (7,50 Pfund return), ging es sofort in den erstbesten Pub namens „The Booking Office“. Es war mittlerweile schon 21:45 Uhr und nachdem Chicken Tikka Masala und ein Pint Guinness dem Körper dringend benötigte Nährstoffe zugeführt hatten, votierten wir dafür, uns behutsam an das Hotel heranzutrinken. Nächster Stopp: „Guildford Arms“. Das „Booking Office“ zuvor war ein neuer schöner Pub mit historischen Stilelementen, während das „Guildford Arms“ alte viktorianische Eleganz ausstrahlte. So halbwegs elegant waren nebenbei auch die drei schottischen ü40-Damen vom Nachbartisch, die mit uns das Gespräch und die Nähe suchten. Sie hatten eine geführte Geistertour durch’s nächtliche Edinburgh gemacht und konnten dieses schaurig-schöne Erlebnis sehr empfehlen. Ihre Flirtoffensive beendete der Ladenschluss um 23:30 Uhr jedoch vorzeitig.

Drinking lager at Guildford Arms Pub

Nächster Stopp war das „Café Royal“ gleich um die Ecke (ebenfalls elegant viktorianischer Pub), nur hier war auch bald Feierabend und danach ging es schon mal sehr nah an’s Hotel in die Straße Elm Row. Hier hatte der Pub „The Windsor“ studentisches, aber tourifreies Publikum zu bieten und es war immerhin auch bis 1:00 Uhr morgens geöffnet. Gemütlich in Sessel versunken waren noch zwei weitere Pints möglich und dann kam wieder dieses unrühmliche Glockengebimmel an der Theke. Folglich war wenig später Ladenschluss und wir gingen weiter Richtung Unterkunft. Ein junger Schotte vor einem gerade schließenden weiteren Pub empfahl uns noch eine Bar in der Nähe, die bis 3 Uhr ausschenken soll. Aber da er nicht nur Schotte, sondern auch noch betrunken war, war der Name des Etablissements selbst für uns nicht zu verstehen und dementsprechend suchten wir gar nicht erst danach. Wir gingen lieber die 500 noch fehlenden Meter zum Hotel und waren überrascht über das großzügige 6-Bett-Zimmer (richtige Einzelbetten, keine Hostel-Etagenbetten o.ä.), welches wir zugewiesen bekamen. Schien der einstige Salon des Anwesens zu sein, mit Stuck an der Decke und Panoramafenstern. Also war es letztlich doch ein Upgrade zur Ursprungsbuchung, würde ich mal sagen.

Palace of Holyroodhouse

Am einzigen vollen Tag in Edinburgh ging es entsprechend der großen Agenda bereits um 9 Uhr zum Frühstück. Das im Zimmerpreis inkludierte Angebot des Hotels verschmähten wir (ich weiß, liebe Groundhopper und andere Schnorrer, das tut euch jetzt beim Lesen so richtig weh), weil es natürlich nicht die geilen Sachen gab, auf die wir scharf waren. Auf dem Weg zum dafür geeigneten Pub machten wir noch einen Schwenk zum Palace of Holyroodhouse (der Residenz der Queen, wenn sie in Schottland ist) und zum John-Knox-Haus (zu dem Herrn später mehr), um erste Touri-Spots abzuhaken. Auch zum nahen Arthur’s Seat (Edinburghs Hausberg) wurde mal rübergelinst, aber es blieb beim Anblick von unten. Mit leerem Magen war so eine körperliche Höchstleistung von über 200 Höhenmetern natürlich undenkbar.

In der Bildmitte: Das John-Knox-Haus

Im „Booking Office“ wurde dann deftiges schottisches Frühstück mit Würstchen, Schinken, gegrillter Tomate, Baked Beans, Toasts, Tattie Scones, Black Pudding und Haggis serviert. Ja, ich mag Haggis und die anderen fanden es auch nicht übel, weil ich ihnen natürlich erst später gesagt habe, was es ist. Zuvor: „Och, das ist so würziges Lammhack mit Getreidegrütze. Müsst ihr unbedingt probieren!“ Wer es nicht kennt; in Wirklichkeit verbergen sich hinter Haggis Schafsinneren, die mit Zwiebeln, Hafermehl und Pfeffer zu einer Art Grützwurst verarbeitet werden. Den anderen „Exoten“ namens Black Pudding (Schweineblut, -fett und Hafermehl gebacken) fanden sie auch ganz okay, müssen sie aber nicht zwingend nochmal bestellen. Und zu Tattie Scones (welche in England oder Wales leider auch nicht flächendeckend zur Frühstückskultur gehören) kann es sowieso nur eine Meinung geben: Äußerst delikat! Das ist aber auch nur ein harmloser Kartoffelpfannkuchen.

Full Scottish Breakfast

Das Essen wurde von Filterkaffee begleitet, aber als die 1.500 kcal vom deftigen Frühstück intus waren, quengelte der kleine Racker (Milano Pete) rum, dass er jetzt unbedingt Alkohol trinken will. Um geschmacklich einen sanften Übergang vom Kaffee zum Alkohol zu haben, trank ich zunächst ein Stout, während die beiden Begleiter mit ihrem Dark Fruit Cider mehr so in Richtung Dessertwein gingen. Jetzt wo die Büchse der Pandora geöffnet war, musste ein tragfähiger Kompromiss für die weitere Tagesgestaltung her. Wer uns kennt, weiß, dass wir kein Problem damit haben mal von morgens bis abends in einem Pub zu sitzen und uns ein Pint nach dem anderen einzuverleiben (auf dieser Internetpräsenz sind schließlich genug dieser Tage dokumentiert). Aber Edinburgh ist halt auch zu schön und Berger war außerdem zum ersten Mal hier. Daher beschlossen wir das geplante Sightseeing beizubehalten, jedoch circa jede Stunde auf ein Pint in einen Pub am Wegesrand einzukehren.

St. Giles Cathedral

Also erstmal wieder rauf zur Royal Mile und die St. Giles Cathedral besichtigt. St. Giles (St. Ägidius von Saint-Gilles) erfreute sich als einer der „14 Nothelfer“ der katholischen Kirche (der Einzige davon, der nicht als Märtyrer gestorben ist) im Mittelalter großer Beliebheit und die ihm geweihte gotische Kathedrale (14.Jahrhundert) ist mittlerweile nicht mehr katholisch, sondern die Hauptkirche der in der Schottland vorherrschenden presbyterianischen „Church of Scotland“. John Knox (nicht zu verwechseln mit Johnny Knoxville), der maßgeblich von Johannes Calvin geprägt wurde, gründete die Kirche in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts und predigte seine reformistischen, calvinistischen Thesen in der St. Giles Cathedral. Eine lebensgroße Statue unweit der Kathedrale erinnert sehr sichtbar an Knox, während sein Grab auf dem einstigen Friedhof der Kathedrale mittlerweile unter Parkplatz Nr. 23 des High Court liegt (kein Scherz).

Inside Ensign Ewart

Nachdem der „Kathedralenground“ abgehakt war, kehrten wir planmäßig in den Pub „Ensign Ewart“ ein. Der hatte es mir schon beim letzten Trip im November 2015 angetan. Es ist nicht nur der höchstgelegene, sondern auch der dem berühmten Castle am nächsten gelegene Pub Edinburghs. Außerdem ist es einfach eine urige Pinte (est. 1680) mit natürlich einer interessanten Geschichte hinter der Namensgebung. Der Ensign (dt. Rang: Fähnrich) Ewart diente dereinst bei den „Royal North British Dragoons“ (besser bekannt als „Scots Greys“) und war mit diesem Dragonerregiment auch in der Schlacht bei Waterloo eingesetzt (anno 1815). Hier erbeutete Ewart heldenhaft eine französische Standarte mit dem napoleonischen „Aigle de drapeau“ (dem imperialen Adler). Dementsprechend ist der Pub voll mit Devotionalien wie Säbeln und Gewehren, einer Replica des Standarten-Adlers und Schlachtgemälden von Waterloo. Wir genossen in diesem ansprechenden Setting erstmal ein Pint 3 Hop Lager der lokalen Caledonian Brewery.

The Edinburgh Castle

Danach ging es weiter zum mittelalterlichen Castle, dem westlichen Ende der Royal Mile, während der vor’m Frühstück besuchte Palace auf Holyroodhouse das östliche Ende in fast exakt 1,8km Entfernung von hier markiert ( umgerechnet eine schottische Meile). Das Castle ist wirklich sehenswert, auch von innen. Aber obwohl ich jetzt bereits 15 Jahre nicht mehr drin war, schloss ich mich der Meinung meiner Mitstreiter an, dass 17 Pfund Eintritt einfach zu happig sind. Draußen ist schließlich auch schon schön und der Ausblick vom Castle Rock ist ebenfalls top. Wenn nur nicht überall die Touristenmassen in Edinburghs Altstadt wären, die viele schöne Fotomotive unschön begleiten und auch beim Spazierengehen nerven. Aber die Stadt ist halt alles andere als ein touristischer Geheimtipp, daher Scheuklappen auf und voran!

Das Castle vom Grassmarket aus betrachtet

Um dem Treiben auf der Royal Mile endgültig zu entsagen, ging es nun vom Castle Rock runter zum Grassmarket. Eines der gastronomischen Epizentren der Stadt. Der einstige Pferdemarkt der Edinburgher Altstadt dürfte für jeden Geschmack was bieten. Wir wählten willkürlich „The Fiddler’s Arms“ am westlichen Kopfende des Platzes aus. Hier wurden wir beim Bierkauf tatsächlich nach unserem Ausweis von der Bardame gefragt. Ich hab nur auf mein ergrautes Haar gezeigt (so zwei oder drei davon hab ich wohl mittlerweile an den Schläfen). Aber keine Chance, sie bestand trotzdem auf einen Ausweis. Ich sehe halt immer noch aus wie höchstens 25 (in Großbritannien gibt es das Konzept „Challenge 25“, bei dem alle nach ihrem Ausweis gefragt werden, die aussehen wie höchstens 25, obwohl sie natürlich schon ab 18 Jahren Alkohol kaufen dürfen. So soll verhindert werden, dass U18-Menschen, die schon älter aussehen, problemlos an Alkohol kommen).

Innis & Gunn Lager Beer

Nachdem mein bibliches Alter geklärt war, bekam auch ich mein Pint Lager aus dem Hause Innis & Gunn und überlegte, ob ich nun ein sinnloses Fußballspiel (Edinburgh City vs. Peterhead FC, 4.Liga) in einem unspektakulären Stadion (Ainslie Park) gucken soll. Die Antwort war ein klares Nein. Ich hatte jüngst international genug unterklassigen Fussball mit 50 bis 500 Zuschauern gesehen und Edinburgh ist einfach zu geil, um dafür jetzt mit An- und Abreise (Stadion ist ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt) über drei Stunden zu opfern. Daher ging es nun vom Grassmarket an der Süd- und Westseite der Burg entlang zu den Princes Street Gardens. Dabei nahmen wir noch die Parish Church of St. Cuthbert und ihren romantischen Friedhof mit Grabmälern aus dem 18. und 19.Jahrhundert en passant mit.

St. Cuthbert & Cemetery

Im Park liefen am frühen Nachmittag die Vorbereitungen für ein Freiluft-Musikfestival. Beim „Fly Open Air“ sollten 14 DJs heute elektronische Musik auflegen. Ein Haufen spärlich bekleideter 18 bis 25jähriger Mädels stand schon am Einlass Schlange und leere Buckfast-Flaschen pflasterten ihren Weg. Da waren viele gute Brit-Cats dabei, die das Interesse am Festival fast noch mehr als die Musik weckten. Klar, es waren auch etliche Buttergolems darunter (es ist eben Großbritannien), aber ich bin schließlich auch kein Cary Grant oder Sean Connery und außerdem nur an den inneren Werten interessiert (nein, nicht die Cholesterinwerte). Ergo wollten wir auch unbedingt auf das Festival, spätestens abends. Leider hatte die Security am Eingang die schlechte Nachricht für uns, dass das Event schon seit Wochen ausverkauft ist. Verdammt! Wir fühlten uns wie der 1.FC Köln. Mal verlierst du und mal gewinnen die anderen…

Die New Town

Also doch weiter Sightsseeing unter Führung von General Snepanovic. Auf meiner Liste stand jetzt die New Town nördlich der Old Town. Die Princes Street oberhalb der eben besuchten Gärten markiert den Beginn dieser georgianischen Musterstadt (Baubeginn Mitte 18.Jahrhundert, wesentliche Erweiterungen Mitte 19.Jahrhundert). Nebenbei ist die Princes Street, im Konglomerat mit ihren Nebenstrassen, auch die 1a-Einkaufslage Edinburghs. Aber das interessierte heute weniger. Mich begeistert jedes Mal wieder die symmetrische Anlage des Stadtviertels und die harmonische Architektur. Nicht ohne Grund ist die New Town wie die Old Town UNESCO Weltkulturerbe.

Thistly Cross Cider

Und Pubs gibt es dort natürlich auch. Sogar richtig große wie „The Alexander Graham Bell“. Es war mal wieder Zeit einzukehren und die Kehlen etwas zu benetzen. Die Wahl fiel auf den fruchtigen, eher naturtrüben Thistly Cross Cider. Hier waren auch diverse Technojünger und -jüngerinnen zum Vorglühen (es war mittlerweile 14 Uhr) und wir beschlossen am Abend nochmal einen zweiten Anlauf bezüglich Festival-Einlass zu wagen. Aber erst einmal musste der Rest der New Town abgegrast werden und ein später Mittagssnack musste auch noch her, weil der kleine Racker schon wieder quengelte. Hätte er mal sein Frühstück aufgegessen.

Der Bankdirektor wacht über das Standing Order

Für’s Essen bot sich „The Standing Order“ im Herzen der New Town an (Ecke George St. / Frederick St.). Das war wie schon eben „The Alexander Graham Bell“ ein Pub aus dem Wetherspoon-Imperium. Dieses riesige Lokal in einer ehemaligen Bank wurde im November 2015 bereits getestet und für gut befunden. An einem Samstagnachmittag war natürlich wieder kaum einer der mehreren hundert Tische unbesetzt. In einem der Nebenräume von der Haupthalle fanden wir schließlich noch etwas Freies und Milano Pete aß einen Chicken-Avocado-Wrap, um endlich seinen Magen zum Schweigen zu bringen. Berger gönnte sich überbackene Nachos mit Salsa und Guacamole und ich bin ja auf Diät. Also trank ich nur ein mildes rotes Ale namens Kelburn Red Smiddy.

Circus Lane

Nach der Stärkung war der nördliche Rest der New Town fällig. Hier waren viele Straßenzüge rund oder halbrund angelegt und die Bebauung war allgemein etwas niedriger. Obwohl man eigentlich noch mitten in einer pulsierenden Stadt war, wirkte die Gegend teilweise schon sehr beschaulich. Die Canon Lane, die Circus Lane und den Royal Circus kann ich nur jedem Architekturliebhaber ans Herz legen. Und schon ein paar Meter nördlich der genannten Straßen begrenzt der Fluss Water of Leith die New Town nach Norden hin. Edinburgh wäre nicht Edinburgh, wenn es nicht den ganzen Flussverlauf zu einem tollen Naherholungsgebiet gestaltet hätte. Von der Mündung in Leith in den Firth of Forth (der Meeresarm der Nordsee, an dem Edinburgh liegt) bis zum dörflichen Vorort Balerno gibt einen wunderschönen Wanderweg.

Der Well Court im Dean Village

Gerne würde ich den Weg mal komplett ablaufen, aber heute war leider nur Zeit für ein besonders schönes Teilstück. Wir spazierten daher von Stockbridge zum Dean Village. Die Bezeichnung Village kommt dabei nicht von ungefähr. Man kann schon denken, man wäre plötzlich in einem idyllischen schottischen Dorf gelandet (siehe auch Titelbild). Stattdessen waren wir aber weiterhin sehr zentral in Schottlands Kapitale und auch nur 3,2 Meilen vom Stadion Ainslie Park entfernt. Allerdings war bereits 17 Uhr durch und damit das angedachte, aber doch verworfene Fußballspiel seit wenigen Minuten abgepfiffen. Ich hatte ein 0:3 vor 356 Zuschauern verpasst. Die Trauer hielt sich arg in Grenzen. Es tut einfach gut kein Groundhopper zu sein und stattdessen zwanglos seine Reisen genießen zu können.

St. Bernard’s Well

Jetzt war es langsam an der Zeit sich mal wieder Richtung Princes Street Gardens, also Festivalgelände, zu bewegen. Dabei sollte noch das ebenfalls architektonisch wunderschöne West End durchstreift werden. Der Nordteil des Viertels ist noch georgianisch und im Südteil wird es viktorianischer. Hier musste natürlich auch endlich wieder irgendwo eingekehrt werden. In der gepflegten „Au Bar“ gönnten wie uns ein Pint Schiehallion Lager der Harviestoun Brewery (das erste Bier über 5 Pfund auf dieser Tour, aber richtig lecker!). Hier versackten wir doch etwas länger als geplant (immerhin steckten uns auch schon 15 Kilometer Fußmarsch in den Knochen). Es wurde noch eine weitere Runde geordert und beim Trinken viel Mist erzählt. Sparwortwitz des Abends: „Wenn ich BVB-Fan wäre, würde ich rechts nebenan das ‚Me Young‘ eröffnen.“ Keine Angst, der Rest war lustiger.

Abendspaziergang durch Edinburgh

Nach Sonnenuntergang, so gegen 19:30 Uhr, ging es wieder gen Festival. Dem „Fly Open Air“ lauschten wir wie viele junge und jung gebliebene Menschen zunächst als Zaungäste von der Princes Street. Dabei gab es immer wieder Ablenkung, wenn die Security diverse Typen jagte, die versuchten sich illegal durch den Park Zutritt zu verschaffen. War schon stark, wie die Lads ins Gebüsch sprangen, wenn plötzlich die Lichtkegel von den Taschenlampen der Security näher kamen. Oder wie Bauzäune unter- oder überwunden wurden. Erinnerte mich irgendwie an gute britische Ausbrecherfilme à la „The Great Escape“ (Gesprengte Ketten). Jedenfalls summte ich immer wieder leise den Marsch aus jenem Celluloidschauspiel vor mich hin. Wir wagten natürlich auch nochmal einen Versuch auf das Gelände zu kommen, aber waren zu bequem für Geländespiele. Der gute alte Presse-Joker sollte gezogen werden. Doch auch auf diesem Wege nichts zu machen, Zutritt für Journalisten nur mit Vorab-Akkreditierung 😦

Das Fly Open Air

Egal, wird halt irgendwo Indoor gefeiert. Dazu ging es wieder zum Grassmarket und dort in den „Black Bull“. Ist ein großer Pub, ziemlich touriarm, der abends mit DJ und Tanzfläche lockt. Erst tranken wir noch ein paar Pints Caledonia Best (ein preiswertes Bitter aus Glasgow) und stiegen wenig später auf Haggis Bombs um (nicht zu verwechseln mit Harris Bombs, davon hatte Bremen gestern eine). Bombs sind allgemein Drinks, wo ein Shot im Longdrinkglas schwimmt. Sehr berühmt ist mittlerweile ja die Jägerbomb (vgl. meine Ausflüge nach Cardiff oder jüngst nach Manchester), wo ein Glas Jägermeister in einem Energy Drink schwimmt. Bei der Haggis Bomb dagegen war es die britische Antwort auf Jägermeister namens Messerschmitt (Marketingabteilung der Brennerei: „Hm, es muss sehr deutsch, aber doch für unsere Ohren vertraut klingen. Wie wäre es mit Messerschmitt?“), die in einem Glas voll Irn-Bru (Schottlands nach süßem Kaugummi schmeckender meistverkaufter Softdrink) serviert wird.

Haggis Bombs

Alkohol macht ja bekanntlich lockerer und im Laufe des Abends hatten wir uns eine kleine Weltauswahl angelacht, bestehend aus einem Ginger Girl, einer Ostasiatin und einer Inderin (jedoch alles Englisch-Muttersprachlerinnen). War aber natürlich alles nur rein platonisch und weil wir keine Lust auf Tanzen zu Hits von Madonna und Co hatten, tanzten wir kurz vor Mitternacht ohne die Girls ab. Es ging nun nebenan in den Pub „The Last Drop“. Der Name des Pubs hat den Hintergrund, dass am Grassmarket früher der örtliche Galgen war. Dementsprechend waren auch viele Stricke und Bilder von Exekutionen an den Wänden des eigentlich ganz gemütlichen Pubs. Hier haben wir mit dem Ale namens Campbell’s Ramble stilgerecht unsere Gaumen hingerichtet. Das Gesöff schmeckte einfach nur nach Essig. Widerlich! Dann bimmelte es schon wieder an der Theke und wir spülten schnell noch mit Lager nach. Um Punkt Mitternacht wurde zugesperrt, so dass wir zwangsläufig weiterziehen mussten.

Essigbier. Finger weg!

Ziel: das „Finnegan’s Wake“. Ein großer Irish Pub in der altstädtischen Victoria Street, der um diese Uhrzeit mehr Tanzlokal denn Pub ist. Wobei traditionelle Live-Musik anstatt Diskomucke geboten wird, um die Menschenmasse auf der großen Tanzfläche in Wallung zu bringen. Das Publikum bestand gefühlt wenig aus Einheimischen und besonders deutsche junge Touristen und Austauschstudenten scheinen auf den Laden abzufahren. Solch Volk gibt es allgemein in Edinburgh in ähnlich hoher Konzentration wie in Dublin. Ich hasse den Satz „Hey, seid ihr auch aus Deutschland?“, denn ich fahre nicht ins Ausland, um dort mit fremden Deutschen abzuhängen. Zumal mir diese Leute kulturell in der Regel nicht besonders nahestehen. Deutsche Twens auf Selbstfindungstour durch die Backpacker-Epizentren der Welt: Genießt euren kurzen Ausbruch aus dem vorbestimmten Spießer-Idyll bitte ohne mich!

Nochmal drei Bier bitte

Kurz nach 1 Uhr hörte im „Finnegan’s Wake“ die Musik auf und wenig später ging das Licht an und die Aufräumarbeiten begannen. Nichtsdestotrotz tranken wir noch gemütlich aus und verließen gegen 1:30 Uhr den Pub im letzten Schwung von Gästen. Der Pegel war hoch, aber zum Glück nicht hoch genug, um noch in einen der Clubs weiterzuziehen, die bis 3 Uhr aufhaben. Kenn‘ dein Limit! Stattdessen hat der Alkohol natürlich megahungrig gemacht und komischerweise kam uns weder Salat, noch Obst in den Sinn, sondern der Duft von Friteusenfett bestimmte den eingeschlagenen Kurs. Ich sehnte mich nach einer triefenden Munchie Box, nach Unmengen von frittierten Spezialitäten der Imbisskultur. Doch dann der Schock; obwohl alle Zutaten vorhanden waren, offerierten die Männer mit Wurzeln auf dem indischen Subkontinent (mutmaßlich Pakistanis) dieses kulinarische Kulturgut nicht! Was nun? Da Dönergerichte auf der Insel immer kacke sind, aß ich enttäuscht eine Pizza. Die war aber auch keine Offenbarung (labbriges Ding, spärlich belegt) und mein arrogantes „As spicy as you can“ sollte ich nicht direkt, aber am nächsten Tag bereuen. Wüsste ich noch wie der Imbiss heißt, würde ich jetzt empfehlen ihn zu meiden.

Mit dem Doc durch das nächtliche Edinburgh

Nach dem unbefriedigenden Esserlebnis kauften wir noch alkoholfreie Getränke für den Nachdurst und schnappten uns das erstbeste Taxi zum Hotel. Wir staunten nicht schlecht darüber, dass der Taxifahrer einfach mal ein Doppelgänger der Filmfigur Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“ war.  Am nächsten Morgen haben wir sofort gecheckt, ob wir uns wirklich noch im Jahre 2017 befinden (beim Doc weiß man ja nie) und dann der Morgentoilette gewidmet. Um 10 Uhr mussten wir aus dem „Edinburgh House Hotel“ raus sein und schnappten im Anschluss frische Luft auf dem Calton Hill. In der Innenstadt ist dieser Hügel mit über 100 Metern über NN die markanteste Erhebung und die Stadtväter wussten im 19.Jahrhundert die exponierte Lage für einige repräsentative Bauwerke zu nutzen. Hier sind u.a. St. Andrew’s House (Sitz der schottischen Regierung), das National Monument of Scotland (dem Athener Parthenon nachempfunden), Nelson’s Monument (dem siegreichen Admiral von Trafalgar gewidmet) und die städtische Sternwarte zu finden.

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Governor’s House (li.) und St. Andrew’s House (re.) auf dem Calton Hill

Das meiste der Bauwerke hatte der berühmte Architekt William Henry Playfair (*1790, † 1857) entworfen, der auch maßgeblich verantwortlich war für die bereits erwähnten Erweiterungen der New Town im 19.Jahrhundert (z.B. den Royal Circus). Neben den Bauwerken gab es natürlich auch tolle Ausblicke zu genießen. Im Osten liegt einem Leith zu Füßen (mit dem Hafen und dem Stadion des Hibernian F.C.), im Süden schaut man auf die Salisbury Crags und Arthur’s Seat und im Norden auf den Firth of Forth und die Küste auf der gegenüberliegenden Seite des Meeresarmes. Im Westen wiederum ist das Panorama von Old und New Town zu sehen und ich knipste da auch das beliebte Touri-Fotomotiv am Dugald Stewart Monument. Calton Hill; daran führt in Edinburgh einfach kein Weg vorbei!

Auf dem Calton Hill (Dugald Stewart Monument)

Zur gerade abfotografierten New Town ging es nun hinunter, um dort feste Nahrung zu erwerben. Rührei mit fein gemahlenem schwarzen Pfeffer und nicht fein gemahlener weißer Kopfschmerztablette hieß heute mein bescheidenes Frühstück. So ein üppiges Mahl wie gestern früh, weckte bei meiner heutigen körperlichen Verfassung keine Begeisterung. Und auch Milano aß nur einen Avocado-Bagel (was hat der eigentlich dauernd mit diesem exotischen Obst? Ist er jetzt auch so ein Superfruit-Jünger und bestellt demnächst Haggis mit Chia-Samen?), während InterCityBerger sich als einziger wieder an das landestypische Frühstück heranwagte (the perfect hangover cure…). Mit diversen Tassen Kaffee wurde das Essen erstmal im Pub sacken gelassen und der vorangegangene Tag gemütlich in Sofas versunken rekapituliert.

Royal Mile

Dabei entwickelte sich in uns doch nochmal Appetit auf richtiges Essen, wofür ich den schweinegeilen Imbiss „Oink“ auf der Liste hatte. Das Pulled Pork und der Kopf seines Vorbesitzers lachen einen hier schon im Schaufenster an. Dieser gezupfte Schweinebraten (Hog Roast), optional mit diversen Extras serviert, ist dann auch die einzige Speise bei „Oink“. Ein Lokal, dass in Deutschland sicher Fördergelder von der AfD bekommen würde, aufgrund dieser Monokultur. But keep politics out of nutrition! Es war auf jeden Fall ein sauleckerer Snack, der völlig zurecht auf jeder bekannten Bewertungsplattform Höchstnoten bekommt. Ich respektiere die gläubigen Abrahamiten und Mohammedaner bekanntlich sehr, aber hier verpasst ihr was!

Esst die Hog Roast Roll! Sie ist sehr gut!

Nach dem Mittagssnack ging es nochmal die Royal Mile und ihre Nebengassen entlang. Dabei bekamen wir noch ein paar Sonnenstrahlen ab und genossen abermals diese fantastische Architektur und die Ausblicke, die immer mal wieder zwischen der dichten Altstadtbebauung gewährt werden. Außerdem hatte ich noch die Mission ein Geburtstagspräsent für meine werte Frau Mutter zu besorgen. Touri-Nippes (wovon es in Edinburgh allerdings wirklich ein paar ansprechende Sachen gibt) sollte es nicht unbedingt sein. Daher fiel die Wahl auf einen schönen Wollschal in landestypischer Optik, von mutmaßlich glücklichen Schafen der Insel Arran (übrigens auch ein sehr lohnendes Reiseziel!). Neben meiner ewig versicherten Liebe das Mindeste, was ich meiner Mutter zu ihrem Ehrentag schenken kann.

Noch ein wenig durch die Stadt flanieren

Um 14 Uhr Ortszeit ging es leider zwangsweise zum Airport. Zum Glück komme ich schon am 27.Dezember für ein paar Tage zurück nach Edinburgh, was den Abschied von Großbritanniens schönster Stadt etwas leichter machte. Am Gate beim Warten auf’s Boarding fragten wir uns noch, ob wir nun zurück in die Bundesrepublik kehren oder Heim ins Reich kommen. Gut, dass es für 50+1% Stimmen für die AfD reichen könnte, war natürlich ausgeschlossen. Die erhebliche Förderung des BRD e.V. über 20 Jahre war nicht auszumachen, konfliktfähig ohne Ende sind Birgit von Strolch, Frau Kepetry, Alice aus dem Schweizer Wunderland usw. auch nicht und außerdem haben sie sich noch nicht die Markenrechte an der Bundesrepublik Deutschland in irgendwelchen Hinterzimmerdeals gesichert. Daher haben wir doch kein politisches Asyl in Schottland beantragt und pünktlich unsere Sitze an den Notausstiegen in Reihe 17, also mit super viel Beinfreiheit, eingenommen.

Vorzügliche schottische Limonaden

An Bord waren übrigens viele St.Pauli-Fans, die wohl am Vortag beim „Old Firm“ waren. Allerdings alles entspanntere ältere Semester, die ja nicht so aggressiv und intolerant gegenüber Fans von nicht mit ihnen befreundeten Szenen auftreten wie die adoleszenten Pauli-Ultras. Ich hoffe das „Old Firm“ kann ich dann im Dezember auch endlich mal abhaken. Seriöse Kartenangebote dafür werden schon jetzt entgegen genommen ;-). Nach pünktlicher Landung ging es mit Karacho gen Heimat und als Beifahrer durfte ich die ersten Hochrechnungen der Bundestagswahl recherchieren und ebenso die ersten Reaktionen der Parteien weiterleiten. Dabei passierte mir doch tatsächlich ein Freudscher Verleser: „Gauleiter: Wir werden Merkel jagen!“ Na ja, scheiß auf Politik. Schlimm genug, dass heute wegen der Wahl kein Tatort im Ersten lief!