Erfurt 12/2022

  • 04.12.2022
  • FC Rot-Weiß Erfurt – FC Energie Cottbus 2:2
  • Regionalliga Nordost (IV)
  • Steigerwaldstadion (Att: 7.463)

Nach dem enttäuschenden Vorrundenaus der deutschen Fußballnationalmannschaft beim FIFA World Cup Qatar 2022 drohte ich in ein tiefes Loch zu fallen. Ich hatte so mitgefiebert mit unseren Jungs und mir den Turnierverlauf in den buntesten Farben ausgemalt. Keine Minute der WM hatte ich bis dahin verpasst und mein bescheidenes Domizil innen wie außen schwarz-rot-geil dekoriert. Leider konnte ich nicht nach Katar reisen, aber zusammen mit meinen Freunden Anja, Tanja und Ingo machte ich die Spiele von Jogis Jungs Hansis Hanseln zu besonderen Festtagen im eigenen Wohnzimmer. Ich sah uns schon im Halbfinale. Mindestens. Es hätte der beste Dezember meines Lebens werden können und dann endet die Party bereits am 1. anstatt am 18.Dezember. Ich war fassungslos, traurig und wütend.

„Es liegt auf der Hand, dass es in Katar nicht die Werte sind, die Werder vertritt und die ich auch als Mensch vertrete.“

Niclas Füllkrug (der zwar nicht als Tourist von Hansi Flick nach Katar mitgenommen wurde, nun aber trotzdem noch Urlaub im Emirat macht)

Zum Glück fingen mich meine Freunde auf. Am 3.Dezember ging es gemeinsam auf eine Kohlwanderung, um schnell wieder auf andere Gedanken zu kommen. Vom Hildesheimer Ostbahnhof marschierten wir via Galgenberg und Brockenblick nach Itzum, wo uns in Renates Schlemmerküche nach rund zweistündiger Wanderung (und halbstündiger Pause im Brockenblick) das norddeutsche Traditionsgericht serviert wurde. Bier und Aquavit rundeten die Sache ab und beim geselligen Beisammensein kam die Lebensfreude wieder zurück in mein Gesicht. Ein bisschen war ich allerdings im Zwiespalt. Darf man als echter Fan bereits zwei Tage nach dem Ausscheiden unserer Nationalmannschaft schon wieder Spaß haben?

Ist es draußen am frieren, beginnt der Norddeutsche auf seinen Kohl zu gieren

Beim ersten Lacher des Abends kopierte ich noch instinktiv die Hand-vor-den-Mund-Geste unserer Nationalspieler, aber dann setzten sich Trotz und Lebensfreude durch. Denn wie sang Ricky Nelson 1962 so schön? Today’s teardrops are tomorrow’s rainbows and tomorrow’s rainbows I will share share with you… Meine Welt sollte so schnell wie möglich wieder bunter als eine One-Love-Binde werden und mein Goldtopf am Ende des Regenbogens hieß am 4.Dezember FC Rot-Weiß Erfurt vs. FC Energie Cottbus. Klar, nicht die Weltbühne des Fußballs, aber immerhin Erster gegen Zweiter in der viertklassigen Regionalliga Nordost. Warum nicht mal dem kleinen Fußball abseits von WM, EM, Champions League und Bundesliga eine Chance geben? Vielleicht ist das ja auch was für mich?

Eigentlich kein Fußballwetter in Erfurt

Bereits um 5:30 Uhr öffnete ich heute das vierte Türchen meines Adventskalenders und ’ne gute Stunde später saß ich im Metronom nach Göttingen. Da ich Anfang Dezember eine kurzfristige witterungsbedingte Spielabsage für möglich hielt, hatte ich mir ausnahmsweise nicht frühzeitig ein Sparpreisticket für den Fernverkehr gesichert. Das Spiel stand wegen des Wintereinbruchs in Mitteldeutschland auch tatsächlich auf der Kippe. Doch 150 Freiwillige hatten am Samstag fünf Stunden lang Schnee im Steigerwaldstadion geschaufelt, so dass die Platzkommission am Vorabend grünes Licht gab. Also nichts mit Sofasonntag und ich löste morgens das Quer-durchs-Land-Ticket für 42 €. Ging es halt lediglich in Nahverkehrszügen nach Erfurt, was sowieso nur minimal länger dauern sollte.

Die über 900 Jahre alte und damit älteste erhaltene Synagoge Europas

9:46 Uhr erreichte ich meinen Zielort und hatte nun drei Stunden für klassische touristische Motive. Die bereits mehrfach von mir besuchte Hauptstadt Thüringens (ca. 215.000 Einwohner) hat diesbezüglich einiges zu bieten. Schließlich wurde Erfurt schon im Jahre 742 das erste Mal urkundlich erwähnt. Bonifatius, der Apostel der Deutschen, hatte am Ort der germanischen befestigten Siedlung Erphesfurt (einer Furt des Flusses Gera) einen Bischofssitz eingerichtet, den er sich in jenem Jahr vom Papst Zacharias bestätigen lassen wollte. Kurz darauf muss auch der Grundstein für den Erfurter Dom gelegt worden sein. Allerdings bestand das Bistum Erfurt nur wenige Jahre. Bereits 747 wurde es dem mächtigen Bistum Mainz untergeordnet.

Der Erfurter Dom mit seiner im wesentlichen erhaltenen gotischen Baugestalt aus dem 14./15.Jahrhundert

Die Mainzer Bischöfe (ab 782 Erzbischöfe) gewannen nun Einfluss auf das nahezu gesamte Gebiet des heutigen Freistaats Thüringen, wobei Erfurt sich zum geistigen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Region entwickelte. Auch weil Karl der Große die Stadt im 9.Jahrhundert zu einem der wichtigsten Handelsplätze an der Ostgrenze seines Kaiserreichs erkor und fortan wichtige Handelsrouten die Stadt kreuzten. Reisende Kaufleute sorgten nun für einen regen Handel mit den Slawen und Awaren jenseits der Reichsgrenze. Ferner wurden im 9.Jahrhundert auf Betreiben des Mainzer Erzbischofs Otgar die Reliquien des Heiligen Severus von Ravenna nach Erfurt überführt, was Pilger nach Erfurt lockte und den Ursprung der Severikirche auf dem Domhügel markiert.

Der zwischen 1697 und 1707 angefertigte Hochaltar im Erfurter Dom

In den folgenden Jahrhunderten sollten Könige und Kaiser immer wieder Hof in Erfurt halten, so dass sich die Stellung als Primatstadt im thüringischen Raum verfestigte. Dabei expandierte die Stadt, die sich zunächst lediglich zwischen dem Petersberg und dem Westufer der Gera ausgedehnt hatte, nun auch östlich des Flusses. Am anderen Ufer entstand um das Jahr 1000 eine Handwerks- und Kaufmannssiedlung. Dort schlägt bis heute – insbesondere am Anger – das geschäftige Herz der Stadt. Verbunden wurden die beiden Siedlungskerne Erfurts im Hochmittelalter mit mehreren Brücken, wobei die mit Fachwerkhäusern überbaute Krämerbrücke (1117 erstmals schriftlich erwähnt) bis heute eines der Wahrzeichen der Stadt darstellt und nebenbei mit 120 m die längste wohnbebaute Brücke der Welt ist (siehe auch Titelbild).

Auf der Krämerbrücke

Im 12.Jahrhundert wich die erste Stadtfestigung außerdem einer mächtigen Stadtmauer mit ca. 8.000 m Länge, zahlreichen Türmen und acht großen Toren. Dazu existierte eine Pfalz auf dem Petersberg und die Türme von etlichen Kirchen und Klöstern ragten innerhalb der Stadtmauern empor. Für Zeitgenossen muss Erfurt im Hochmittelalter eine höchst beeindruckende Silhouette gehabt haben und erfreulicherweise kann man das mittelalterliche Stadtbild bis in unsere Tage optisch gut nachvollziehen. Olfaktorisch fehlt uns dagegen zum Glück die Vorstellungskraft für die damalige Zeit. Gerade Erfurt verbinde ich seit Ausgabe 270 des Podcasts Geschichten aus der Geschichte mit einem besonders beschissenen Ereignis im späten 12.Jahrhundert.

Eines der ältesten erhaltenen Gebäude der Stadt ist das Haus zur Steinecke (um 1200 errichtet)

Beim so genannten Erfurter Latrinensturz am 26.Juli 1184 wollte der deutsche König und spätere Kaiser Heinrich IV. einen Streit zwischen Erzbischof Konrad I. von Mainz und Landgraf Ludwig III. von Thüringen auf einem Hoftag in der Erfurter Dompropstei schlichten. Doch der Fußboden des Versammlungssaales im 2.Stock war wohl bereits etwas morsch und brach unter der Last der vielen anwesenden Würdenträger und ihrer Gefolgsleute zusammen. Physikalische Gesetze sorgten dafür, dass auch ein Stockwerk tiefer der Boden der Masse an stürzenden Menschen nachgab und diese letztlich in der Latrine unterhalb des 1.Stockwerks landeten. Man weiß nicht viele Menschen insgesamt durch die Decken der Dompropstei gekracht sind, aber eine Quelle nennt allein 60 Todesopfer des Sturzes, die zum Teil in den Fäkalien ertrunken oder erstickt sind und zum Teil von nachstürzenden Bauteilen erschlagen wurden.

Der Innenhof des ab 1277 erbauten Augustinerklosters

Die unzureichenden hygienischen Bedingungen waren im Mittelalter bekanntlich auch immer wieder der Motor bei der Ausbreitung von Epidemien. Die schlimmste und bis heute zuvorderst mit dieser Epoche verbundene Seuche war gewiss die Pest. Der Schwarze Tod machte im 14.Jahrhundert auch vor Erfurt nicht halt und allein beim Ausbruch 1350/51 sollen geschätzt 12.000 Bürger den Kontakt mit dem Erreger mit dem Leben bezahlt haben. Die hohe Opferzahl lässt nebenbei erahnen, was für eine Metropole Erfurt im Spätmittelalter war. Man geht von bis zu 20.000 Einwohnern im 14. und 15.Jahrhundert aus. Heuer wäre das nur Kleinstadtstatus, aber seinerzeit war Erfurt nach Köln, Nürnberg und Magdeburg die viertgrößte Stadt im Reich.

Lutherdenkmal vor der Kaufmannskirche am Anger

Zu der herausragenden Stellung passt ebenfalls, dass 1392 in Erfurt mit der Universitas Studii Erfordiensis eine der ältesten Universitäten auf deutschem Boden den Lehrbetrieb aufnahm. Rasch entwickelte sich diese zu einer der bedeutendsten Lehranstalten nördlich der Alpen. 1501 immatrikulierte sich auch ein gewisser Martin Luther in Erfurt und schloss sein Studium der Freien Künste 1505 als Magister ab. Kurz darauf trat er als Novize in das Erfurter Augustinerkloster ein und schloss ein Theologiestudium an. 1507 erfolgte außerdem Luthers Priesterweihe in Erfurt. Es verschlug Luther zwar bald nach Wittenberg, doch nachdem er seine Berufung gefunden hatte, kehrte er noch mehrmals als Reformator nach Erfurt zurück. Mit Erfolg. In den 1520er Jahren wendete sich die Bürgerschaft mehrheitlich dem evangelischen Bekenntnis zu. Das war zwar nicht im Sinne des Erfurter Landesherrn (immer noch der Mainzer Erzbischof), aber Verträge besiegelten letztlich die Religionsfreiheit der Erfurter.

Haus zum Stockfisch (Bürgerhaus aus dem frühen 17.Jahrhundert, welches heute das Stadtmuseum beherbergt)

Im teilweise religiös motivierten Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) wurde Erfurt leider dennoch schwer in Mitleidenschaft gezogen. Von 1631 bis 1635 und von 1637 bis 1650 war Erfurt schwedisch besetzt und wurde dabei auf Geheiß des Königs Gustav II. Adolf von Schweden zur Festung ausgebaut. Zwar erhoffte sich die Bürgerschaft nach dem Krieg die Loslösung von Kurmainz, ergo die Entlassung in die Reichsfreiheit, jedoch wurde im Westfälischen Frieden (1648) der Status quo ante bellum bestätigt. Die Erfurter widersetzen sich dem Erzbischof in den Folgejahren, doch dessen 15.000 Mann starkes Heer setzte 1664 den Herrschaftsanspruch gewaltsam durch. Die militärische Niederlage der Erfurter ging dabei mit dem Verlust der schon seit dem Mittelalter gewährten Teilautonomie einher. Kurmainz hatte der aufstrebenden Stadt viele Privilegien eingeräumt, entmachtete nun jedoch den Stadtrat und setzte einen Mainzer Statthalter ein.

Im Gasthaus Zur Hohen Lilie bezog König Gustav II. Adolf von Schweden 1531 sein Quartier

Eine weitere Zäsur markierten die Koalitionskriege (1792 – 1815). Nachdem Napoleon sein französisches Reich bis an den Rhein ausdehnen konnte und das Erzbistum Mainz als Staatsgebilde auflöste, bekam das Königreich Preußen als Entschädigung für seine linksrheinischen Gebietsverluste u. a. Erfurt zugesprochen. Doch Napoleon sollte schon bald den Rhein überschreiten und nach der Niederlage Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt (1806) wurde die Festungsstadt Erfurt kampflos an die französischen Truppen übergeben. Napoleon erklärte Erfurt zu seiner kaiserlichen Domäne und sollte während der französischen Besatzungszeit die Stadt mehrfach besuchen (u. a. empfing Napoleon den russischen Zaren 1808 im Kaisersaal zum Erfurter Fürstenkongress). Im Januar 1814 gaben die Franzosen Erfurt jedoch nach mehrmonatiger Belagerung durch preußische, österreichische und russische Truppen auf und im Wiener Kongress (1815) wurde die Stadt abermals Preußen zugesprochen.

Das zwischen 1666 und 1668 errichtete Haupttor der Zitadelle Petersberg

Unter preußischer Hoheit entwickelte sich Erfurt im 19.Jahrhundert schließlich zu einer Industriestadt und insbesondere zu einem Zentrum des Gartenbaugewerbes. Den Grundstein für Erfurts bis heute kursierenden Beinamen als Blumenstadt legte Friedrich Adolf Haage jun. 1822 mit der Eröffnung seiner Großgärtnerei. Bereits 1838 gründete Haage mit 15 weiteren kommerziellen Gärtnereien den Erfurter Gartenbauverein und 1865 fand die erste Internationale Land- und Gartenbauausstellung auf dem Cyriaksberg statt. Bei Haage lernte außerdem Ernst Benary sein Handwerk, der 1843 seine eigene Gärtnerei in Erfurt eröffnete, sich auf Saatguterzeugung spezialisierte und in den kommenden Jahrzehnten zu einem der weltweit führenden Lieferanten von Gartensamen aufsteigen sollte. Auch die 1867 gegründete Erfurter Samen- und Pflanzenzucht N.L. Chrestensen wurde ein Global Player in Bereich Saatgut, so dass um das Jahr 1900 in unzählige Böden der Welt Erfurter Züchtungen geplanzt wurden.

Erfurt-Schriftzug auf dem Petersberg (ab Frühjahr werden darin wieder hunderte Blumen blühen)

Ferner entstanden in der Gründerzeit etliche Fabriken in der Stadt. Beispielsweise die Maschinenfabrik Christian Hagans (1857), die Königlich Preußische Gewehrfabrik (1859), die Erfurter Malzwerke (1864) oder die Schuhfabrik Eduard Lingel (1872). Die zahlreichen Arbeitsplätze, die Industrie und Gewerbe an diesem Ort boten, ließen Erfurt bis 1906 auf über 100.000 Einwohner anwachsen. Zugleich wurde die Stadt eine Hochburg der Arbeiterbewegung und 1891 fand im Erfurter Kaisersaal einer der bedeutendsten Parteitage der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) statt. Auf jenem beschlossen August Bebel, Wilhelm Liebknecht & Co das Erfurter Programm, welches über Jahrzehnte den politischen Kurs der SPD bestimmen sollte und zugleich als Blaupause für viele zeitgenössische Arbeiterparteien in anderen Ländern diente.

Der 1769 eröffnete Erfurter Kaisersaal

Die erste Hälfte des 20.Jahrhunderts war natürlich von zwei Weltkriegen und mehreren Wirtschaftskrisen geprägt. Insbesondere die Weltwirtschaftskrise (1929) traf die Stadt hart und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) bekam fortan enormen Zulauf in Erfurt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 profitierte die hiesige Industrie dann von staatlichen Rüstungsaufträgen und dem Bau zahlreicher militärischer Einrichtungen (Erfurt wurde zur Garnisonsstadt und zum Luftwaffenstützpunkt auserkoren). Der Krieg auf den hier und anderswo im Reich buchstäblich hingearbeitet wurde, begann bekanntlich bereits 1939 und endete sechs Jahre später mit der totalen Niederlage des Deutschen Reichs. Dabei starben nicht nur tausende Erfurter an der Front oder – wie im Falle der jüdischen Gemeinde – in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten (deren Krematorien übrigens u. a. in Erfurt gefertigt wurden). Obendrein forderten mehrere Luftangriffe über 1.000 zivile Todesopfer und machten mehr als 20.000 Bürger obdachlos. Einen geplanten britischen Großangriff im April 1945, dessen Bombenlast womöglich die gesamte Stadt ausradiert hätte, verhinderte zum Glück der unerwartet rasche Vorstoß der alliierten Bodentruppen in Thüringen.

1970 besuchte mit Willy Brandt erstmals ein Regierungschef der BRD die DDR und die Erfurter forderten lautstark, dass der Bundeskanzler sich am Fenster des Erfurter Hofs zeigen möge (der Bitte wurde natürlich entsprochen)

Nach dem Krieg gehörte Erfurt zur Sowjetischen Besatzungszone und damit ab 1949 zur Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Der Wiederaufbau der Stadt und der Aufbau des Sozialismus sollte das Leben der Bürger in den nächsten Jahren dominieren. Dabei wurden die ganzen Traditionsbetriebe der Stadt verstaatlicht und der Planwirtschaft unterworfen. Man hielt aber auch an Altbewährtem fest und veranstaltete 1950 unter dem Motto Erfurt blüht die erste Gartenschau nach dem Krieg (die stolze 551.000 Besucher zählte). Weitere Ausstellungen mit teilweise internationalem Publikum folgten und schließlich fand zwischen 1961 und 1990 jährlich die Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder (iga) in Erfurt statt. Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde aus der iga die ega (Erfurter Gartenbauausstellung) und das Gelände auf dem Cyriaksberg (egapark) kann mittlerweile ganzjährig besucht werden. Dort fand 2021 außerdem erstmals eine Bundesgartenschau in der Blumenstadt statt.

Weihnachtsmarkt auf dem Erfurter Domplatz

Den egapark hebe ich mir mal für eine andere Jahreszeit auf, aber auch für die Erfurter Altstadt habe ich nur blumige Worte übrig. Die sozialistischen Bausünden halten sich in Grenzen und die historische Bausubstanz wurde seit 1990 flächendeckend saniert. In drei Stunden gelang mir der Besuch der meisten Sehenswürdigkeiten und Zeit für eine leckere Thüringer Rostbratwurst (4 €) auf dem Weihnachtsmarkt blieb ebenfalls. Doch dann rief König Fußball. Um 13 Uhr stand mein dritter Besuch im Erfurter Steigerwalstadion an. Eigentlich war jener bereits im September geplant, aber Krankheit verhinderte das Beiwohnen beim Thüringenderby Rot-Weiß Erfurt vs. Carl Zeiss Jena (Vgl. Lübeck 09/2022).

Eine Thüringer war Pflicht

Das Stadion in der Erfurter Löbervorstadt, welches 1931 als Mitteldeutsche Kampfbahn eröffnet wurde von 1948 bis 1991 nach dem bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff benannt war, hatte ich bereits vor und während des großen Umbaus der Jahre 2015 bis 2017 besucht. Mittlerweile ist der FC Rot-Weiß Erfurt der Hauptnutzer eines modernen Multifunktionsstadions mit bis zu 18.599 Plätzen. Der Baucharakter der alten Kampfbahn, der im Wesentlichen bis 2015 noch erhalten geblieben war, ist nun nur noch zu erahnen. Lediglich die 1994 eröffnete ehemalige Haupttribüne (die fortan als Gegengerade fungieren soll) und die 1970 eingeweihte und vor rund 20 Jahren grunderneuerte Flutlichtanlage hat man erhalten. Darüberhinaus verfügt das Stadion nach wie vor über eine Laufbahn und weitere Leichtathletikanlagen, so dass weiterhin nationale und internationale Leichtathtletikwettbewerbe in Erfurt stattfinden können.

Ich konnte mich sicher fühlen

Bei derlei Veranstaltungen dürfte die Polizei auch deutlich weniger präsent sein, als bei so mancher Ansetzung des FC Rot-Weiß. Quantitativ und qualitativ wurde heute seitens der Staatsmacht mächtig was aufgeboten. Inklusive Pferdestaffel und Wasserwerfern. Da wunderte es mich auch nicht, dass zum regulären Preis für einen Sitzplatz auf der neuen Haupttribüne (22,50 €) obendrein ein Sicherheitszuschlag von 3 € pro Ticket für dieses Risikospiel erhoben wurde. Beim Derby gegen Jena hätte ich diese Leistungsschau der Exekutiv nachvollziehen können, aber gegen Energie Cottbus wirkte das doch übertrieben. Klar, beide Fanlager haben gewaltbereite und gewaltsuchende Anhänger in ihren Reihen und sind einander auch nicht grün, aber es ist meines Wissens trotzdem kein Duell mit großer Gewalthistorie.

Die alte Haupttribüne wurde ins neue Stadion integriert, bleibt jedoch vorerst für Zuschauer gesperrt

In jedem Fall war es wie eingangs erwähnt ein echtes Topspiel. Der von Ex-96er Fabian Gerber trainierte FC RWE – übrigens 7.Platz in der Ewigen Tabelle der DDR-Oberliga – hatte sich als Aufsteiger die Tabellenführung erobert. Während Energie Cottbus – nebenbei 24.Platz in der vorgenannten Ewigen Tabelle – nach 14 Spieltagen auf dem 2.Tabellenplatz lauerte. Mit einem Auswärtssieg im Schatten des Steigerwalds würde man vorerst an den Erfurtern vorbeiziehen können. Entsprechend hatte die Fanszene des FC Energie in den letzten Tagen mächtig für dieses Spiel getrommelt. Das Ziel war mit 1.000+x Gästefans in Erfurt aufzutauchen. Es ist den Lausitzern gelungen, wenngleich x wahrscheinlich nur durch eine sehr niedrige Zahl ersetzt werden kann. Aber über 1.000 Fans im Gästeblock (und knapp 7.500 Zuschauer insgesamt) war schon top, da kann man nicht meckern.

Das Intro der Cottbusser

Zumal sich die Cottbusser zur Steigerung von Spaß und Motivation eine Mottofahrt 90er Jahre ersonnen hatten. Ich rechnete fest mit vielen Bombenjacken und alten Jacquardschals und sollte nicht enttäuscht werden. Zu Spielbeginn wurden die feinmaschig gewebten Schals kollektiv empor gestreckt, während ein überdimensionierte Nachbildung in Bannerform an den Zaun geklatscht wurde. Dieses Meer von rot-weißen Schals schwappte beim folgenden Fansgesang von links nach rechts und wieder zurück. Die Fankurve des FC Rot-Weiß bot dagegen kein besonderes optisches Intro. Aber die Kurve war voll, gut beflaggt und ein paar Schwenkfahnen waren ebenfalls im Einsatz. Außerdem hatte man an der alten Haupttribüne, die der FC RWE gegenwärtig frei von Zuschauern lässt, ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Boycott Qatar 2022“ befestigt.

Die Heimkurve im Erfurter Steigerwaldstadion

In der Kurve der Erfurter also eher business as usual, während die Cottbusser richtig motiviert waren ihre Schokoladenseite zu präsentieren. Zumal der FC Energie, der vor der Saison von vielen Experten als einer der Aufstiegsfavoriten benannt wurde, bereits in der 13.Minute durch Dennis Slamar in Führung ging. Dass mit Slamar ausgerechnet ein langjähriger Zeisser das 0:1 markierte, machte es für die Erfurter Fans natürlich nicht besser. Immerhin drängte ihre Mannschaft anschließend auf den schnellen Ausgleich. Doch die Wollitz-Schützlinge standen defensiv gut oder hatten wie beim Kopfball von Aaron Manu an die Torlatte (26.Min) das nötige Quäntchen Glück.

Ein paar Schwenkfahnen im klassischen Look hatten die FCE-Fans auch dabei

Unterdessen rechnete ich im letzten Drittel der 1.Halbzeit fest mit einer Pyroshow der Gästefans. Der harte Kern entfremdete in der 33.Minute seine großen Schwenkfahnen als Sichtschutz und bekanntlich zischt, leuchtet und qualmt es nach solchen Aktionen regelmäßig in den Fanblöcken der Republik. Aber es folgte keine pyrotechnische Reminiszenz an die wilden Neunziger mit schwarzem Rauch, Bengalos und Leuchtspur. Stattdessen leuchteten bei Ultima Raka & Co lediglich die heimlich unter der Fahne auf orange gewendeten Bomberjacken. Signalfarbe anstatt Signalfackeln. Aber sollten die sorbischen Schelme ihre gute Lautstärke und ihre bisherige Mitmachquote von ca. 96 % das ganze Spiel über halten, würde ich ausnahmsweise auch ohne Feuerwerk eine gute Endnote vergeben.

Flieger, grüß mir die Sonne

Es ging also pyrofrei mit 0:1 in die Pause und nachdem die Spieler die Seiten gewechselt hatten, lief es vorerst weiter wie gehabt. Erfurt versuchte Druck aufzubauen, aber der ehemalige Bundesligist ließ kaum gute Torgelegenheiten zu und lauerte zugleich auf Konter. Für den ersten Höhepunkt des zweiten Durchgangs sorgten daher wieder die FCE-Fans. Sie hatten die viertelstündige Unterbrechung genutzt, um überall im Block Wurfrollen in rot und weiß zu verteilen. In der 49.Minute gingen diese schließlich auf Kommando als Schleier auf der Tartanbahn nieder. Danach blieben die über 1.000 Mitgereisten weiterhin sangesfreudig und durften in der 67.Minute ein weiteres Tor ihrer Lieblingsmannschaft bejubeln. Denn das Team verfügt über etwas, was im Cottbusser Fanblock wahrscheinlich weiterhin Mangelware ist: Einen sichtbaren und sehr aktiven Linksaußen. Nicolas William Wähling heißt dieser und konnte in besagter Spielminute auf 0:2 erhöhen.

Rot-weiße Wand aus Wurfrollen

Würde der positive Lauf des am 26.Januar 1966 formierten FC Rot-Weiß Erfurt heute vorläufig enden? Normal hätte der nur fünf Tage jüngere Gastverein den Vorsprung jetzt über die Zeit bringen müssen. Doch das bisherige Überraschungsteam der Saison zeigte, dass insbesondere die Moral einer der Bausteine ihres Höhenfluges ist. Cheftrainer Gerber wechselte kurz nach dem zweiten Gegentor offensiv und einer der Joker (Robbie Felßberg, ein 19jähriges Eigengewächs) legte RWE-Torjäger Romario Hajrulla in der 75.Minute den Anschlusstreffer auf. Schön im Stile eines Jan Schlaudraffs schob Hajrulla aus 12 Metern per Außenrist am Torwart vorbei. Die Heimfans, deren zwischenzeitliches Verstummen bereits lautstark aus dem Gästefans hinterfragt wurde („Warum seid ihr Huren so leise?“), erhoben nun wieder Haupt und Stimme. Kurz darauf rasteten sie sogar regelrecht aus. Denn nur vier Minuten später sorgte Hajrulla per Kopf auch noch für den Ausgleich.

Schalparade bei den Erfurtern in der Schlussphase

Es war in sportlich, fantechnisch und dramaturgisch wirklich ein würdiges Spitzenspiel und das Momentum war nun tendenziell auf Erfurter Seite. Wäre es ein Abendspiel gewesen, hätte ihr heutiger Nineties Vibe die Cottbusser bestimmt dazu bewegt das Flutlicht zu sabotieren. Diese bewährte Option, um einen überlegenen Gegner aus dem Spielfluss zu reißen, fiel heute jedoch raus. Aber auch ohne miese Tricks hielt der DFB-Pokal-Finalist von 1997 den Auswärtspunkt fest. Zwar ärgerlich, dass der Sieg noch verspielt wurde, aber eine Punkteteilung war kein gravierender Rückschlag im Aufstiegsrennen. Entsprechend zeigten sich auch die Zeitreisenden aus dem ersten Nachwendejahrzehnt – deren schlimmste damalige Entgleisungen glücklicherweise am Time Warp gescheitert waren – nach Abpfiff zufrieden mit ihrer Mannschaft. Sie durften sich nebenbei auch selbst feiern, denn die angedrohte gute Note für ihren Auftritt konnte ich am Ende tatsächlich vergeben.

Erfurt feiert

Die thüringischen Verteidiger der Tabellenführung drehten natürlich auch noch eine Ehrenrunde und ließen sich vor der Kurve hochleben. Zu „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey“ hüpften Fans und Mannschaft gleichermaßen, ehe noch weitere Schlachtrufe folgten und die Szene sich mit einem „Chemie-Schweine raus“ schon mal auf das nächste Auswärtsspiel bei der BSG Chemie Leipzig am kommenden Sonntag einstimmte. Energie Cottbus muss unterdessen bereits am Vortag in Potsdam-Babelsberg ran. Dieses brisante brandenburgische Derby ist wie Chemie vs. RWE eine veritable Alternative zum WM-Konsum. Ich rechne bei beiden Partien mit gut besuchten Rängen und etwas Rambazamba auf eben jenen.

Auf der Rückfahrt aus der KiKA-Stadt Erfurt freute ich bereits auf das Sandmännchen….

Ich hatte nun eine gute Stunde bis zur Abfahrt meines Zuges und schlich deshalb noch ein wenig um das Stadion. Die Wege zum Gästebereich waren extrem gut abgesichert, aber als seriös wirkende Einzelperson kam ich natürlich durch die Polizeiketten hindurch und konnte nochmal schauen, ob die Cottbusser vor der Heimreise noch ein paar Senfgurken auf dem Parkplatz naschen. Ich fand es nun ebenfalls klug, mich nochmal zu stärken und entdeckte wenig später im Bahnhof einen Metzger mit Warmtheke. Dort kostete die Thüringer Rostbratwurst vom Grill sogar nur 2,50 €. 16:10 Uhr rollte dann der RegionalExpress gen Göttingen ein. In Summe erinnerten Fußballfans, Wochenendpendler, Einkaufsbummler (heute war auch Verkaufsoffener Sonntag in Erfurt) und Weihnachtsmarktbesucher in jenem Zug an die Zeit des 9-€-Tickets. Ich musste tatsächlich die kompletten 100 Minuten Fahrzeit stehen.

…aber vor dem Schlafengehen gab es noch leichte Abendkost

Zum Glück waren mir zwischen Göttingen und Hildesheim wieder Sitzgelegenheiten vergönnt. Sonst hätte sich doch noch ein kleiner Schatten auf diesen eigentlich großartigen Trip gelegt. Gegen 19:30 Uhr endete die Reise schließlich und weil zwei Bratwürste im Brötchen natürlich nicht meinen Tagesbedarf an Kalorien decken können (erst recht nicht bei den 23.587 Schritten heute), ging es auf dem Heimweg noch zum City Grill. Schön ’ne große Calzone mit Kebabfleisch als Abendschmaus (10 €). Eher vegetarisch und vitaminreich ist dann wieder unter der Woche angesagt. Vielleicht.

Song of the Tour: Auch wenn die Cottbusser sich bestimmt lieber Bomberpilot von den Onkelz gewünscht hätten