Słubice (Frankfurt / Oder) 06/2021

  • 12.06.2021
  • Polonia Słubice – Stilon Gorzów Wielkopolski 2:1
  • IV Liga lubuska (V)
  • Stadion Olimpijski w Słubicach (Att: 150)


Nach dem pandemiebedingt verschenkten Reisejahr 2020, wollte ich diesen Sommer zwar auch noch nicht meine Mobilität eskalieren lassen, jedoch wenigstens eine Woche irgendwo hinfahren. Sommerfrische sozusagen. Nach 15 Monaten Urlaubsmoratorium (Kurztrips im Inland zählen nicht) war es einfach mal wieder an der Zeit einen Rucksack zu packen und eine Reise zu organisieren. Dabei bot sich ein geplanter Wochenendtrip mit Freunden als Sprungbrett an. Denn am 12.Juni sollte es mit Fat Lo, dem Abt, der Languste und der Krake auf die polnische Oderseite gehen. Endlich mal die endgeile Schüssel in Słubice wegscheppern und das Ding mit dem Ground in Rzepin doppeln, wie man im Soziolekt der Groundhopper formulieren würde. Warum bleibe ich dann nicht gleich östlich der Oder, wenn ich die Woche darauf eh keine beruflichen Verpflichtungen habe? Zumal in Polen noch diverse Ansetzungen in den Spielplänen zu finden waren und die Corona-Maßnahmen auf ein kaum noch spürbares Maß heruntergefahren wurden (Inzidenz landesweit konstant unter 10).

Reiseproviant

Ich organisierte nun in der Vorwoche einen groben Reiseplan und buchte schon einmal eine Rückfahrt von Warszawa (Warschau) nach Hildesheim am 20.Juni. Ein Ticket in der 1.Klasse war 10 Tage im Voraus für 74,90€ zu haben. Ansonsten wollte ich Züge und Hotels in Polen größtenteils spontan buchen, nur unsere gemeinsame Unterkunft in Słubice (ehemals die Dammvorstadt von Frankfurt / Oder) hatte ich natürlich schon reserviert (“Hotel Cargo” für 33€ pro DZ). Am 12.Juni starteten wir dann um 8 Uhr per PKW gen deutsch-polnische Grenze. Weil ich gut drauf war, spendierte ich “Jelen Pivo” für alle (außer den Fahrer, der bekam Imperialistenbrause) und stieß mit meinen Freunden auf die Rückkehr von Fußball und Reisetätigkeit an.

Nachschub

Leider lief die Hinreise abseits der Getränkeversorgung nicht ganz so reibungslos. Die Krake hatte sich entschieden woanders als in den eigenen vier Wänden zu nächtigen und musste im Harzvorland eingesammelt werden. Da hatten wir die erste Stunde verloren. Es ging jetzt über die A7 und die A39 gen ehemalige Zonengrenze. Allerdings tat Fat Lo so, als würde er das erste Mal in Richtung Berlin fahren. Kurz vor Wolfsburg fragte Languste mal in die Runde, ob irgendwo Stau ist oder weshalb wir den Umweg über die Volkswagenstadt nahmen? Fat Lo schob es auf mich, da ich als Beifahrer natürlich die Pflicht gehabt hätte ihn zu navigieren. Na gut, mein Fehler. Konnte ja keiner ahnen, wie anspruchsvoll diese Strecke für den Fahrer ist (vielleicht hätte ich ihm doch eine Dose “Jelen” aufreißen sollen?). Also wieder 20 Minuten verloren. Aber unser sportlicher Appetitanreger Ilanka Rzepin vs. Arka Nowa Sól (5.Liga) um 14 Uhr war immer noch locker zu erreichen. Gerade weil die A2 zunächst einen sportlichen Fahrstil zuließ.

Mein Zimmer in Słubice

Als wir just brandenburgischen Autobahnasphalt unter dem Boliden hatten, rasten wir allerdings in ein Stauende. Dabei war wenige hundert Meter zuvor noch eine Abfahrt, doch die Stauwarnung kam Sekunden zu spät auf’s Mobiltelefon. Rund zwei Stunden dauerte es nun, bis wir die Unfallstelle passierten und dabei einen hochgradig verdichteten LKW erblickten. Jetzt war nur noch unser “Hauptspiel” in Słubice um 17 Uhr machbar und unsere Getränkevorräte waren obendrein aufgezehrt. In Michendorf ging es also mal kurz runter von der Bahn, um in einem Supermarkt mehr Nachschub zu kaufen, als auf den folgenden 113 Straßenkilometern (Fahrzeit 69 Minuten) konsumierbar war. Egal, haben ist besser als brauchen.

Zu Gast bei Polonia Słubice

Gegen 15 Uhr erreichten wir nun Słubice und checkten sodann im Hotel ein. Das lag verkehrsgünstig an der Autobahn und bot einen guten Standard. Wir schauten noch ein bisschen Wales vs. Schweiz im TV, ehe es 16:30 Uhr gemeinsam zum 1,2km entfernten Stadion von Polonia Słubice ging. Dort staunten wir nicht schlecht über vier Mannschafts- und fünf Streifenwagen der “Policja”. Das machte Hoffnung, dass Gästefans aus Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) anreisen würden. Noch war der Gästekäfig allerdings leer.

Durstige Männer… haben Soplica

Ebenfalls leer bleiben sollte die Stadionkasse, da Polonia keinen Eintritt erhob. Da lachte das Hopperherz. Dafür gab landes- und ligatypisch leider kein Catering in Polens 5.Liga. Dabei hätten wir mangels fester Nahrung im bisherigen Tagesverlauf garantiert versucht einen Kiełbasa-Verzehrrekord aufzustellen. Stattdessen verließ der Abt kurz vor Anpfiff nochmal das Stadion und organisierte auf dem nahen Polenmarkt Bier und Schnaps für die Bande. Das gab neidische Blicke der ca. 30 anwesenden deutschen Groundhopper, während wir unsere polnischen Sitznachbarn auf eine Runde einluden.

Blick hinüber zum Gästekäfig

Inzwischen waren auch 20 Gästefans eingetroffen, die wir uns mal aus der Nähe anschauten. Anstatt Python I und Python II waren jedoch ganz nette Zeitgenossen mit einer optisch zur Schau gestellten proserbischen Einstellung zugegen. Slawische Solidarität in der Kosovofrage eben. Der Abt vertiefte die Völkerverständigung sogar noch im Gästeblock und seine Gesprächspartner waren erstaunt, dass irgendwelche deutschen Fußballtouristen alle Freunde und Feinde der Stilonszene kannten. Dabei wollte der Abt doch eigentlich nur wissen, ob sich Chrobry Glogów gegen Arka Gdynia lohnen würde und mit wie vielen Leuten aus Gorzów sie morgen dorthin fahren würden.

Der Heimmob

Übrigens hatte sich auch auf Heimseite ein Teenagermob gebildet, der seine Mannschaft lautstark unterstützte. Das war alles nichts Weltbewegendes, jedoch mehr als wir erwartet hatten. Dazu zählt das Stadion wirklich zu den Perlen Polens. Bereits 1914 wurde begonnen das “Stadion an der Kleisthöhe” zu bauen. Es wurde endgültig im Jahre 1927 fertiggestellt (Erster Weltkrieg und folgende Wirtschaftskrise verhinderten eine zeitnahe Eröffnung) und ist ein tolles Beispiel für die Stadionarchitektur des frühen 20.Jahrhunderts. Damals wurde sich sehr an antiken Vorbildern orientiert und das ist in Słubice besonders in der Kurve mit ihren Kalksteinarkaden zu erkennen.

Grounds und Bier, das lob‘ ich mir

Gedacht war diese Sportstätte von Anfang an als Mehrzweckstadion, in welchem oft Leichtathletikwettkämpfe und Turnfeste stattfanden. Auf der Gegengerade gibt es sogar ein Schwimmbecken. Auch Gewerbeschauen und Kirchentage fanden in den 1920er und 30er Jahren auf dem nun in Ostmarkstadion umgetauften Areal statt. Darüberhinaus eignete sich das Stadion natürlich auch für politische Kundgebungen. Entsprechend nutzte es die seit 1933 im Deutschen Reich herrschende NSDAP für ihre Nazi-Aufmärsche. Deren verbrecherischer Angriffskrieg ab 1939 ist dann auch verantwortlich dafür, dass dieser einstige Teil Frankfurts seit 1945 polnisches Staatsgebiet ist und Słubice heißt.

So genannte Serbenfreunde

Der sogleich im August 1945 gegründete Sportclub “Polonia” (allerdings damals noch unter dem Namen “Kotwica”) nutzte die vorhandene Infrastruktur und füllte seine Chronik fortan mehr mit Namensänderungen, denn mit Titeln. Auf “Kotwica” folgte “Gwardia” (1954 – 1957). Dann hieß man “Ogniwo” (1957), “Odra” (1957 – 1960), “Słubiczanka” (1960 – 1966), nochmal “Odra” (1966 – 1977), “Komes” (1978 – 1987) und “MLKS” (1987 – 1993). Seit 1993 trägt man den stolzen Namen “Polonia” und konnte 1998 und 2007 jeweils den 4.Platz der 4.Liga erreichen. Näher kam man der 3.Liga bisher nicht. Ansonsten war der Einzug in das Sechzehntelfinale des polnischen Pokals in der Saison 2009/10 noch ein Achtungserfolg. Man hatte immerhin Chemik Police, Warmia Grajewo und GKS Katowice ausgeschaltet, ehe man sich in Słubice vor 700 Zuschauern Piast Gliwice knapp mit 1:2 geschlagen geben musste.

Bigos & Pierogi

Gegenwärtig ist Polonia im oberen Drittel der 5.Liga platziert. Genau wie der heutige Gast Stilon. Entsprechend war es ein Spiel auf Augenhöhe, welches ein Eigentor der Gästemannschaft zugunsten Polonias entschied. Nichtsdestotrotz wird man nicht mehr ins Aufstiegsrennen eingreifen können. Da man zwar den 4.Platz von Stilon erobert hat, aber kurz vor Saisonende dennoch zwölf Punkte zum Aufstiegsplatz fehlen. Tabellenführer ist übrigens Carina Gubin. Den Club kennt der geneigte Leser von “Schneppe Tours” auch und ich erinnerte mich unweigerlich an den verpatzten Länderpunkt Moldawien. Man kann nicht immer Glück haben.

Einmal alles bitte

Nach dem Spiel suchten wir ein einladend ausschauendes Holzrestaurant namens “Kociołek Lubuski” in Stadionnähe auf. Zwar äußerten ein, zwei Mitreisende den Verdacht, dass hier, direkt am Polenmarkt, nur die Brandenburger Käufer von gefälschten Yakuza-Klamotten abgezockt werden sollen. Jedoch entpuppte sich das Lokal als solider Kostservierer und Bedienung Paula als ganz schön keck. Die war zwar Polin aus Słubice, hatte allerdings gerade ihr deutschsprachiges Abitur in Frankfurt / Oder gemacht und freute sich auf ihre baldige Abifahrt nach Novalja (Kroatien). Auch freute sie sich darauf heute noch mit Schulfreunden auszugehen und am vorzeitigen Feierabend hinderten sie die einzigen verbliebenen Gäste. Also ließen wir auf Żurek, Bigos und Pierogi nicht mehr ganz so viele Bierrunden folgen. Gegen 21 Uhr hatten wir ein Einsehen und gaben noch großzügig Trinkgeld.

Da simma dabei, dat is prima… Viva Polonia

Überhaupt saßen die Euro und Złoty heute recht locker, weshalb uns auch die 3€ pro Bier in der nächstbesten Bar nicht störten. Es stimmte halt auch das Ambiente. Dann ging es weiter ins eigentliche Zentrum von Słubice, wo der “London Pub” noch geöffnet hatte. Dort feierten Teile der Polonia-Mannschaft ihren Sieg und man kam nochmal ins Gespräch. Gegen 2 Uhr nahmen wir uns allerdings ein Taxi zum Hotel, sicherten uns noch Hot Dogs an der Tankstelle gegenüber und letzten Endes saß ich mit Languste und Fat Lo spontan an der Hotelbar. Zum Glück nur für einen Scheidebecher. Ich musste schließlich am nächsten Tag um 7:30 Uhr aufstehen, während der Rest ausschlafen konnte. Immerhin hatte ich deshalb ein DZ zur Einzelnutzung. Das erhöhte die Qualität der Nachtruhe. Weil es ein wirklich gelungener Ausflug war, schlief ich sodann recht beseelt ein. Schön mal wieder mit den Jungs so richtig auf den Putz gehauen zu haben.

Song of the Tour: Lief recht häufig auf dieser Tour. Ist eben auch ein Meisterwerk.