Mainz 06/2021

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Nach dem gelungenen Bamberg-Kurztrip im Oktober 2020 beschlossen wir alsbald wieder mal ein bieriges Wochenende Franken zu verbringen. Leider Gottes schlitterte Deutschland im Spätherbst in eine heftige zweite Pandemiewelle und die mutationsinduzierte dritte Welle folgte sogleich. Schien im Frühjahr 2021 so, als würde das Land gar nicht mehr wissen, wie es der Corona-Pandemie akut Herr werden solle, bzw. es wurde täglich über die richtige kurz- bis mittelfristige Strategie gestritten. Um so erstaunter war ich, dass InterCityBerger genau 125 Jahre nach dem Gründungstag des Hannoverschen F.C. (ab 1913 Hannoverscher SV) eine Frankentour für das erste Juni-Wochenende forcierte. Das war am 12.April zwar noch acht Wochen hin, aber im “Team Vorsicht” (dessen Anhänger ich war) herrschte die Ansicht, dass der deutsche Larifari-Lockdown nicht ausreichen wird, um die dritte Welle zu brechen und bis Ende April die Fallzahlen richtig eskalieren könnten. Entsprechend wäre bis in den Hochsommer hinein nicht mit großartigen Lockerungen zu rechnen gewesen. Doch egal, mit Storno-Option ging man kein Risiko ein. Als fränkisches Reiseziel war zunächst Nürnberg angedacht. Allerdings fiel beim Durchblättern des bayrischen Inzidenzatlas die Stadt Bayreuth ins Auge. Die hatte schon Anfang Mai Inzidenzwerte von unter 50, während in Nürnberg und unseren niedersächsischen Heimatkreisen aufgrund von Inzidenzwerten jenseits der 100 noch eine nächtliche Ausgangssperre verordnet war (the so called Bundesnotbremse).

Deutschland macht auf und ich mache endlich wieder einen drauf

Wir switchten nun auf Bayreuth um und Ende Mai war der Stadtkreis bereits seit über einer Woche deutlich unter einem Inzidenzwert von 35. Somit fiel dort am 26.Mai sogar in die Testpflicht in der Außengastronomie weg und bis zu 10 Personen durften sich fortan treffen. Mutmaßlich eine Mischung aus Impffortschritt, flächendeckender Testung, Saisonalität und wahrscheinlich noch zig anderen Faktoren (das menschliche Verhalten ist in den Modellrechnungen immer die größte Unbekannte), sorgte derweil bundesweit für eine Trendwende (auch Hildesheim und Hannover flutschten Ende Mai unter 50 bzw. 35) und die Rückkehr zur Normalität wurde langsam wieder eingeläutet. Anscheinend noch schneller, als “Team Vorsicht” in seinen kühnsten Modellrechnungen zu prognostizieren wagte. InterCityBergers Extrapolation der Fallzahlen, bei jener für Ende Mai auch Inzidenzen von unter 50 im Konfidenzintervall lagen, war dagegen korrekt. ICB 1, RKI 0. Danke! Bitte!

Bayreuth ohne Innengastronomie wäre nicht gerade der Hit geworden (Quelle: Bayreuther Tagblatt)

Hotel war gebucht (30€ pro Nacht und Nase) und eine Biergarten-Schnitzeljagd durch ganz Bayreuth war ebenfalls schon vorbereitet, als die Wettervorhersage uns nochmal zum Umdenken bewog. Es gab eine Unwetterwarnung für fast ganz Süddeutschland und das Regenradar des Deutschen Wetterdienstes hatte für das kommende Wochenende permanent Regen- und Gewitterwolken über Bayreuth projiziert. Eigentlich wäre uns das egal gewesen, aber da der Söder Markus immer noch die Innengastronomie konsequent unterband, hatten wir düstere Prognosen. Wahrscheinlich wären ausreichend witterungsgeschützte Außenplätze Mangelware und vielleicht würden manche Biergärten bei 48 Stunden Unwetterwarnung und Dauerregen gar nicht erst öffnen. Also Donnerstagabend nochmal alles umgeworfen und zig Alternativen debattiert. Das nahezu maßnahmenbefreite Polen oder die Küstenländer M.-V. und S.-H. waren vielversprechend für unsere Zwecke. Nur die Geographie unserer Arbeitsstätten sprach gegen Norden oder Nordosten. Denn Kräftchen startete seinen Motor mittags in NRW, ich arbeitete bis 13 Uhr in Hannover und Johnny Power musste bis 15 Uhr in Göttingen knüppeln. Da sprach trotz Unwetter weiterhin alles für Süddeutschland, falls man den Freitag nicht ganz herschenken wollte. Weil in RLP bereits Außen- und Innengastronomie geöffnet war, warf irgend jemand Mainz in den Raum. Zwar kein Traumziel, aber auch nicht das Wolfsburg oder Bitterfeld des Südwestens. Endlich mal wieder etwas Anderes sehen, gemütlich beisammen sitzen und Völlerei ginge dort auch. Also Attacke! Hotel und Biergartentische in Bayreuth wurden storniert und stattdessen zwei Apartments (für zusammen 300€) und Wirtshaustische in Mainz gebucht.

Stellplatz 96 (Grüße an Martin Kind und Robert Schäfer)

Ich nahm Freitag nach Feierabend wie geplant den nächstbesten Zug nach Hildesheim und wurde 14:15 Uhr von InterCiterBerger und dem stummen Kai eingesammelt. Dabei war der PKW bereits mit kühlen Bieren präpariert. Schnell noch ein Drive-In-Testcenter aufgesucht und mit negativen Testergebnissen gen Göttingen aufgebrochen. Dort wurde Johnny Power aufgelesen und gemeinsam ein stark verregnetes Hessen durchquert, ehe gegen 18:30 Uhr auf der Theodor-Heuss-Brücke der Rhein überquert wurde. Am anderen Ufer war in der Peter-Altmeier-Allee sogleich eine preiswerte Mainzer Parkgarage, in welcher wir die Karre das Restwochenende für insgesamt 7,50€ sicher abstellen konnten. Weiter ging es zum 800 Meter entfernten Restaurant “Maxim” am Neubrunnenplatz, über welchem unsere “Maxim Apartments” zu finden waren. Kräftchen hatte bereits eingecheckt, 300€ vorgestreckt (nur Bares ist Wahres) und die Kühlschränke mit „Welcome Drinks“ ausgestattet. Vereint stießen wir nun auf ein hoffentlich geiles Wochenende an und zogen trotz dunkler Wolken noch trockenen Fußes zum Biergarten „Eulchen“ auf der schönen Kupferbergterrasse. Hier thront die überregional bekannte Sektkellerei Kupferberg über der Altstadt von Mainz.

Willkommen auf dem Mainzer Kupferberg

Unser auf 20:30 Uhr reservierter Tisch war im Innenhof des kupferbergschen Komplexes (der neben dem tiefgeschichtetsten Sektkeller der Welt auch die Privatbrauerei „Eulchen“ beherbergt). Dort gönnten wir uns jeder zunächst ein Probierbrett mit vier verschiedenen vor Ort gebrauten Bierspezialitäten. Doch kaum waren Pils, Helles, Kellerbier und IPA serviert, blitzte und donnerte es am Mainzer Abendhimmel. Starkregen trieb die Gäste in den großen Saal des Brauereiausschanks, wo wir dann nicht nur unsere Biere verköstigten, sondern obendrein den Hunger mit der angeblich beliebtesten Pizza von Rheinland-Pfalz stillten (sie haben letztes Jahr ein Voting des Magazins „Falstaff“ gewonnen). Das “Eulchen” pries seine Steinofenpizza in der Karte mit hauseigener Bierhefe, 72 Stunden Teigruhe und hochwertigen regionalen Zutaten an. Mein Exemplar “Infernale” (für 12,90€) war mit hausgemachter Tomatensauce, Mozzarella, Peperonisalami der Mainzer „Metzgerei Hamm“ und marktfrischer Paprika belegt, sowie mit Chiliöl beträufelt. War definitiv lecker und auch die anderen hatten mit Varianten wie “Meatlovers” oder “Bianca Funghi Deluxe” nichts verkehrt gemacht. Es folgten diverse Helle im Halbliterglas, ehe wir gegen 0:30 Uhr das just schließende Etablissement verließen. Übrigens standen auf der Schlussrechnung nur 43€. Aber ehrlich währt am längsten (durch die wetterbedingten Tischwechsel war wohl etwas durcheinander geraten).

Jetzt gibt’s hier ’ne Bierverkostung

Das Unwetter war bereits weitergezogen und wir suchten nach neuen Einkehrmöglichkeiten. Unser Herbergsrestaurant “Maxim” war für einen Absacker angedacht, hatte allerdings bereits geschlossen. Der geöffnete Club nebenan namens “Living” wäre wohl nichts für unseren Geschmack gewesen und die Rockkneipe “Good Time” um die Ecke war brechend voll und ließ keine Gäste mehr hinein. Ansonsten gegen 1 Uhr ziemlich tote Hose in diesem Teil der Mainzer Innenstadt. Zwangsläufig gab es erstmal einen Mitternachtsdöner bei “Berliner Gemüse Kebap”, ehe der alkoholische Absacker in einem Späti organisiert wurde. Das letzte Bier des Abends sollte nun eben am Neubrunnenplatz „open air“ konsumiert werden, wo auch ein paar andere Grüppchen von Nachtschwärmern lungerten.

Pizza Infernale im Eulchen

Hier stieß bald ein älterer Herr mit Aktentasche dazu, der sich mit Bier in unsere Runde einkaufen wollte. So richtig warm wurden wir mit dem zugezechten Peter allerdings nicht mehr. Seine unweigerlich ausgebreitete Lebensgeschichte hatte ein paar Logikfehler und seine Anekdoten und Sprüche waren auch nur beim ersten Mal für einen Lacher gut. Bei seinen ständigen Wiederholungen ließ unser Interesse an einer Konversation nach und als wir dann aufbrechen wollten, bot er nochmal an Schnaps für alle im Späti zu kaufen. Er präsentierte seine volle Brieftasche und wollte uns nun ein paar Scheine für den Schnapskauf zustecken. Die nahen Apartments waren jetzt allerdings verlockender, als sich mit einem prinzipiell harmlosen, aber auch irgendwie nervigen alten Mann mit Schnaps zu betrinken. Na ja, ich bin sicher er hat am Ende noch andere Trinkbrüder oder -schwestern gefunden.

Es geht wieder abwärts für uns

Am nächsten Morgen machte die Wohngruppe Berger / Kräftchen schon um 9 Uhr Druck an der Tür des mit Johnny, Kai und mir belegten Nachbarapartments. Nachdem sie uns geweckt hatten, gingen sie bereits runter ins „Maxim“ frühstücken. Gegen 10 Uhr war dann auch unser Trio startklar und stieß dazu. Die Sonne schien und bis zum Nachmittag sollte das Wetter noch einigermaßen stabil bleiben. Also beschlossen wir alsbald ein paar touristische Meter durch Mainz zu machen (übrigens war im „Maxim“ das Kartelesegerät kaputt; nur Bares ist Wahres…). Erste Amtshandlung waren jedoch frische Tests auf Sars-CoV-2 in einer Apotheke, die abermals negativ ausfielen und unsere erneuerte Eintrittskarte für die Innengastro darstellten. Auf die würden wir laut Regenradar heute garantiert nochmal angewiesen sein.

Die Christuskirche im Baustil der Neorenaissance

Nach den Tests ließen wir uns allerdings erstmal auf eine Rutsche Bier vor dem Lokal „Zeitungsente“ nieder. Bei denen ist ganz sympathisch, dass man dort ausschließlich mit Getränken bewirtet wird, aber Speisekarten für nahe Restaurants und Imbisse ausliegen und eine Essensbestellung bei jenen Gastronomen ausdrücklich erwünscht ist. So brachten u. a. der Italiener „Da Bruno“, der Inder „Bengal“ und der „Döner König“ ihre Speisen an unsere Nachbartische. Da waren wir auch fast versucht schon zu Mittag zu essen. Allerdings wollten wir uns zunächst ein bisschen weiteren Appetit erlaufen. Der erste Rundgang führte durch die Mainzer Neustadt und hatte Sehenswürdigkeiten wie die protestantische Christuskirche oder die neue Synagoge zu bieten. Eine Mischung aus Vor- und Nachkriegsbebauung in verkehrsberuhigten Straßen und grünen Alleen, sowie an netten Plätzen erwartet einen in diesem Barrio. Außerdem hat man im Osten des Viertels das Rheinufer zum Flanieren.

Konfessions- bzw. Religionszugehörigkeiten in Mainz von 1800 bis heute grafisch aufbereitet

Zur Christuskirche muss ich als Historiker allerdings noch zwei, drei Sätze verlieren. Denn als 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss die jahrhundertelange Herrschaft der Mainzer Erzbischöfe über das Kurfürstentum Mainz (Kurmainz) endete, gab es nur ein paar protestantische Familien in Mainz. Protestanten hatten bis dahin wie Juden in Kurmainz nicht die vollen Bürgerrechte. Die verlieh ihnen nun der neue temporäre Herrscher Napoleon Bonaparte, der das französische Konkordat von 1801 bzw. die “Articles organiques” auf das besetzte Kurmainz übertrug. 1816 fiel Mainz an Hessen und die jüngst erworbene religiöse Toleranz blieb bestehen, so dass sich weiterhin Protestanten in Mainz ansiedelten. Im späten 19.Jahrhundert war bereits ein Drittel der Stadtbevölkerung protestantisch und die wollten auch endlich eine Großkirche haben. Ab 1896 wurde dann an der Christuskirche gewerkelt, die mit 80 Metern Kuppelhöhe fast die Höhe des Mainzer Doms (82,5m) erreichte und fortan zusammen mit ihm die Stadtsilhouette dominierte.

Die Mainzer Interpretation von Shakshuka

Um Füße und Köpfe nicht zu überfordern, ließen wir uns irgendwann am Frauenlobplatz in der „Neustadt Apotheke“ nieder. Dieses Bistro war tatsächlich dereinst eine Apotheke und die Lampen aus alten Apothekerflaschen über der Theke erinnern daran. Junges, akademisches Großstadtmilieu tummelte sich hier und nach einer ersten Runde „Binding naturtrüb“ gab es u. a. Shakshuka serviert. Wobei wir zum Essen die Terrasse fluchtartig verlassen mussten, weil der angekündigte Monsum gegen 15 Uhr einsetzte. Bis 16:30 Uhr mussten wir nun ausharren, ehe der Regen so nachgelassen hatte, dass man sich draußen auch wieder ohne Schirm und Funktionskleidung bewegen konnte (es wollte sich ja niemand eine Erkältung holen und damit seine volkswirtschaftliche Produktivität in der kommenden Woche gefährden). Umso froher waren wir jetzt, dass wir die möglichen Stadionbesuche beim TSV Schott Mainz oder dem FSV Mainz 05 II verworfen hatten. Da wäre es bestimmt für Menschen aus Zucker vorsichtige gesellschaftliche Leistungsträger auch nicht angenehm gewesen. Doch weil wir keine Groundhopper dabei hatten, war das Thema Spielbesuch eh schnell vom Tisch gewesen.

It’s raining Meenz, Hallelujah

Nachdem die Rechnung in der „Neustadt Apotheke” beglichen war (Kartenlesegerät war übrigens auch hier defekt), ging es am Rhein entlang in die Mainzer Altstadt. Die Neustadt war nett, aber die größten touristischen Höhepunkte der rheinland-pfälzischen Hauptstadt gibt es natürlich in der Altstadt zu sehen. Man findet vereinzelt Spuren aus römischer Zeit, die davon zeugen, dass Mainz bereits auf über 2.000 Jahre Geschichte zurückblicken darf. Zunächst war es ein Legionslager am Rhein namens Mogontiacum, welches 89 n. Chr. zur Hauptstadt der römischen Provinz Germania superior wurde. Schon im 4.Jahrhundert etablierte sich das Christentum in der Stadt und Mainz wurde Bischofssitz. Entsprechend war der Mainzer Dom natürlich auch Pflichtprogramm für uns. Der Ursprungsbau des heutigen Doms ist aus dem späten 10.Jahrhundert, wurde jedoch mehrfach erneuert und ausgebaut, so dass sich romanische, gotische und barocke Architektur vermischt haben. Einen Heimatbezug für unsere Reisegruppe stellte übrigens die Gotthardkapelle dar. Dieser Anbau aus dem 12.Jahrhundert hat das Patrozinium des Heiligen Godehard von Hildesheim.

Der Hohe Dom St. Martin zu Mainz

Ganz interessant, da sich das Erzbistum Mainz unter Erzbischof Aribo noch im 11.Jahrhundert mit jenem Godehard um das Stift Gandersheim zoffte (zweite Phases des bischöflichen „Beefs“, nachdem im 10.Jahrhundert bereits Bischof Bernward mit Erzbischof Willigis um Gandersheim gerungen hatte). Wobei sich das Bistum Hildesheim unter Godehard dauerhaft durchsetzte und bei der Frankfurter Generalsynode von 1027 endgültig die Jurisdiktion über das nahe Gandersheim zugesprochen bekam. Alles mal Stoff in meinem lange zurückliegenden Seminar über die Ottonen und ihre Zeit gewesen. Aber ich nervte meine Mitreisenden nur leicht damit. Einen Kneipengang in den nahen „Domsgickel“ verhinderte jetzt ein Kippen der Stimmung.

Ein Stückchen Hildesheimat: Die Gotthardkapelle am Mainzer Dom

Nach der Runde im „Domsgickel“ schauten wir uns noch ein bisschen weitere Altstadtarchitektur an. Diese vermittelt einen Eindruck davon, dass Mainz lange ein wichtiger „Player“ im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (HRR) war. Der bereits eingeworfene Begriff Kurmainz hat es ja schon angedeutet; hier herrschten dereinst Kurfürsten. Genauer gesagt war der Erzbischof von Mainz einer der Kurfürsten im HRR. Ihm oblag mit sechs weiteren Kurfürsten (drei geistliche und vier weltliche Kurfürsten) die Kaiserwahl. Dabei war der Mainzer Kurfürst noch etwas exponierter, denn bis zur Auflösung des HRR (1806) war der Mainzer Erzbischof und Kurfürst zugleich Erzkanzler (Archicancellarius per Germaniam) und damit formell nach dem Kaiser der zweitmächtigste Mann im Reich. Neben dieser weltlichen Machtposition, galten die Mainzer Erzbischöfe im Mittelalter auch als erster Vertreter des Papstes nördlich der Alpen.

Teilansicht des Kurfürstlichen Schlosses von Südosten

Entsprechend dieser Verbindung von kirchlicher und weltlicher Macht, wurde das Erzbistum sehr wohlhabend und bekam den Beinamen „Aureum caput regni“ („Goldenes Haupt des Reiches“) oder kurz „Aurea Moguntia“ (“Goldenes Mainz”), was im Karnevalsbegriff „Goldisches Meenz“ bis heute fortlebt. Ja, Mainz ist eine Karnevalshochburg (haben wir dieses für norddeutsche Menschen uninteressante Faktum auch kurz abgehandelt). Etwas Geographisches, nämlich, dass bei Mainz der Main in den Rhein mündet, ist da schon wieder wichtiger. Dieser Umstand tat sein Übriges für die wirtschaftliche Prosperität der Stadt. Dass selbstbewusste Kaufleute und Kirchenfürsten in den kommenden Jahrhunderten miteinander rangen und Mainz zwischen von 1244 bis 1462 eine Freie Stadt war (also seinerzeit von den Bürgern und nicht den Bischöfen regiert), ist nebenbei guter Stoff für ein weiteres Geschichtsseminar. Aber zuvorderst waren wir natürlich hier, um uns an Bier, denn an Bildung zu berauschen.

Prächtige Reihenhäuser in der Altstadt

Dementsprechend suchten wir gegen 19 Uhr den Brauereikeller „Eisgrub“ unweit der Überreste des römischen Amphitheaters auf. Hier hatten wir einen Tisch reserviert und schmausten formidable zu Abend. Zunächst mit einer Platte „Mainzer Tapas“ (die man hier „Dibbscher“ nennt). Spundekäs, Handkäs, Schnittkäsewürfel, Mettenden, Hackbraten und Wurstsalat wurden in kleinen Schälchen mit Brot und kleinen Brezeln gereicht (13,50€). Genau richtig bevor die Hauptgerichte an den Tisch gebracht wurden. Ich hatte ein großes Schnitzel mit geschmorten Zwiebel und Pommes (leider keine Bratkartoffeln oder warmer Kartoffelsalat im Programm, was Abzüge bei der Beilagenvielfalt gab). Da alles mundete und das Schnitzel vom Landschlachter geliefert wurde, waren 16,90€ trotz „Side Order Gate“ vertretbar.

Dibbscher nennt der Meenzer seine Vorspeisenschälchen

Ebenfalls noch vertretbar war der Literpreis von 8,30€ beim georderten 5-Liter-Turm zum Selbstzapfen. Die Gastronomen haben es bekanntlich die letzten Monate nicht leicht gehabt, während die Arbeitnehmer in unserer Reisegruppe keinen Mangel an Einkünften verspürten. Außerdem war es jetzt Gold wert im trockenen Kellergewölbe zu sitzen. Die Gäste, die nach uns aufkreuzten, waren allesamt bis auf die Knochen durchnässt. Oben tobte wohl die zweite Auflage des heutigen moguntianischen Monsums. Also wir hatten den ganzen Tag echt ein gutes Timing. Denn als wir die Gasthofbrauerei gegen 21:30 Uhr wieder verließen, nieselte es nur noch leicht.

Pommes frites, der Karnevalsverein unter den Schnitzelbeilagen

Als Quintett nahmen wir nun noch einen gemeinsamen Absacker auf der überdachten Terrasse des Restaurants „Goldstein“ in der Altstadt. Dann mussten die morgigen Autofahrer Kräftchen und Johnny pflichtbewusst das Feld räumen. Wir lieferten sie noch in den Apartments ab, ehe wir diesmal Glück mit dem „Good Time“ hatten. Dort war noch ein Tisch für Berger, Kai und mich frei. In Gesellschaft langmähniger Kuttenträger tranken wir zu Klassiker der Rockmusik noch ein bis zwölf Halbe, ehe der Wirt auch irgendwann Feierabend machen wollte. War tatsächlich noch 4 Uhr geworden.

Diverse Biere in der Rockkneipe Good Time

Am Sonntagmorgen gaben wir Maxim ihm seine Apartmentschlüssel wieder im Restaurant „Maxim“ ab und tranken noch einen Kaffee zum fit werden in der „Zeitungsente“. Eigentlich war noch gar nicht geöffnet, aber wir sahen laut Bedienung so aus, als könnten wir einen Pott Kaffee gut vertragen. Zumindest die drei Fünftel der Reisegruppe, deren Nachtruhe nur halb so lang wie jene der beiden Fahrer war. Gegen 11 Uhr startete Kräftchen schließlich sein pseudogrünes übermäßig staatlich gefördertes Hybridfahrzeug (PKW mit nichtbinärer Fahrzeugidentität, wie man sprachlich inklusiv sagt) und auch Bergers Verbrenner mit Power am Steuer kehrte Mainz den Rücken. Wir kamen wieder gut durch und ich konnte mir noch ein Nachmittagsnickerchen gönnen, ehe abends der Triumph der kuntzschen U21-Truppe über Portugal im EM-Endspiel verfolgt wurde. Kein Überschuss an Supertalenten wie teilweise bei der Konkurrenz, aber ’ne richtige Mannschaft mit der entsprechenden Mannschaftsleistung. Sowas goutiert der Fußballpurist, der im nächsten Bericht übrigens auch wieder Fußballtourist ist. Das kommende Wochenende bin ich schließlich wieder mit Groundhoppern unterwegs.