Wernigerode 09/2020

06.09.2020 FC Einheit Wernigerode – FC Grün-Weiß Piesteritz 3:0 Verbandsliga Sachsen-Anhalt (VI) Mannsberg-Stadion (Att: 305)

Den ersten Septembersonntag des Jahres 2020 wollte ich nutzen, um mal zwei meiner Sammelleidenschaften unter einen Hut zu bekommen. Nämlich das Sammeln von Fußballstadien und das Sammeln von Wanderstempeln. Ich hatte es im März auf meiner Rückreise aus Prag ja schon geahnt gehabt… So ein Virus namens SARS-CoV-2 würde mir wohl auf lange Sicht das Freizeitvergnügen einschränken. Monate ohne Fussball folgten und an Reisen war vorerst auch nicht zu denken.

Fußballromantik in Algermissen
Irgendwann rollte der Ball zwar in diversen Nachbarländern (z. B. in CZ ab Juni) und ebenso in Deutschland (ab Juli) endlich wieder vor Zuschauern, aber ich bin bekanntlich kein Groundhopper (Reisen ist die Hauptsache, Fußballstadien besuchen nur die Nebensache). Während die Suchties also schon wieder Klobasa-Fresswettbewerbe abhielten, ließ ich auch den Juni und Juli fussballlos verstreichen. Erst im August schaute ich erste Saisonvorbereitungsspiele vor der eigenen Haustür (in Eldagsen, Peine und Algermissen) und am 5.September schließlich das erste Pflichtspiel seit dem 8.März. Mit den bekannten Nasen El Abto, Fat Lo, Ole, Languste, Meiniche und dem Holzmichel ging es zum Landesligakick 1.FC Sarstedt versus SV Bavenstedt vor 450 zugelassenen Zuschauern (1:2 Tore, neun Gelbe Karten, zwei Platzverweise).
Das Harzer Bodetal sieht auch nicht so viel anders aus, als die Piva-Schlucht im Dinarischen Gebirge auf dem Balkan
Langeweile kam zwischen März und September trotzdem selten auf. Zum einen übe ich eine „systemrelevante“ berufliche Tätigkeit aus und hatte somit durchgehend persönliche Vollbeschäftigung (und ergo auch keinen wirtschaftlichen Nachteil durch die Pandemie). Zum anderen bin ich in Sachen Freizeitgestaltung ziemlich breit aufgestellt. Hobbys wie Wandern und Lesen bekamen jetzt noch mehr Gewicht als eh schon. Obendrein habe ich mich erinnert, dass wir ja ein Netflix-Familienabo besitzen und ich das doch auch mal wieder nutzen könnte. Ferner hörte ich bei Spaziergängen und Wanderungen vermehrt Podcasts. Habe ich bekanntlich schon auf langen Bahnfahrten gerne getan, aber jetzt hatte ich dafür richtig Zeit und Muße. Für den Bereich Fußball und Fankultur kann ich die App „Football Was My First Love“ empfehlen, die zig Podcasts bündelt (Mein Lieblingsformat: „Der Weg ist das Spiel“). Ansonsten haben zum Glück irgendwann zunächst die Restaurants und später die Kneipen neuerlich öffnen dürfen, so dass meine Sozialkontakte außerhalb der Kernfamilie nach Wochen der Kontaktbeschränkung endlich wieder vermehrt öffentlich gepflegt wurden. Dann fand ich die Welt schon wieder ganz in Ordnung, auch wenn die Reiserei weiterhin fehlte.
Lautenthal statt Lake Placid
Auslandsreisen wären zwar diesen Sommer eingeschränkt möglich gewesen, aber muss man während einer Pandemie zwingend durch die Weltgeschichte reisen? Ich mache da lieber eine Art „Heilfasten“ und schaue mal wie sich die Situation 2021 entwickelt. Gut möglich, dass auch erst 2022 wieder in gewohnter Art und Häufigkeit um die Welt gereist wird. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl irgendwas zu verpassen und bin bis hierhin auch einfach mal dankbar für alles bisher Erlebte rund um den Globus. Gerade weil ich schon viel von der Welt gesehen habe und mich überall auch etwas tiefer mit der politischen und wirtschaftlichen Situation der bereisten Staaten auseinandergesetzt habe, sehe ich es als Privileg an in diesem relativ freien, aber vor allem wohlhabenden und hochentwickelten „Land der Bekloppten und Bescheuerten“ Dietmar Wischmeyer) leben zu dürfen. Das macht demütig. Genau, wie ich bereits lernen durfte, dass die Gesundheit eines Menschen sein höchstes Gut ist. Dass einige Mitbürger beispielweise das situationsbedingte Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung als Freiheitsentzug und Kennzeichen einer aufziehenden Diktatur sehen, ist für mich ein irritierender, aber anschaulicher Beweis, dass es uns in Deutschland einfach (zu) gut geht. Da hilft vielleicht auch mal die Außenperspektive, wie viele Menschen, insbesondere während der aktuellen Pandemie, gerne in Deutschland leben würden oder sich deutsche Zustände in ihrem Heimatland wünschen. Das ist natürlich kein Freibrief für unseren Regierungsapparat und jede uns einschränkende Maßnahme ist permanent zu begründen und zu evaluieren. Auch will ich die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen des gegenwärtigen „Ausnahmezustandes“ nicht nivellieren. Aber ich glaube bisher hat Deutschland vieles (nicht alles!), richtig gemacht und langfristig sage ich: „Wir schaffen das“.
Ein Hoch auf das Hopperticket
Doch bevor es hier zu staatstragend wird, ab zur heutigen Tour! 8:14 Uhr ging es am Hildesheimer Hauptbahnhof los. Bei der Ticketbuchung kamen mir allerdings 16,65€ für Hildesheim nach Wernigerode via Goslar etwas teuer vor. Gut, ist der Normalpreis (inklusive BC25-Rabatt) und Bahnfahren ist in Deutschland nun mal unverschämt teuer. Aber da Hildesheim-Goslar nur 8,75€ kostet, wollte ich mal gucken, was die DB für Goslar-Wernigerode aufruft. Und siehe da: Nur 5,60€. Also wurden für die selbe Verbindung lediglich 14,35€ fällig (Einfache Fahrt). Als ich dann noch entdeckte, dass Goslar-Wernigerode-Goslar nur 9,10€ kostet, war ich endgültig aus dem Häuschen. Auf Hin- und Rücktour also in Summe 6,70€ gespart (26,60€ statt 33,30€). Mein Dank im DB-Tarifdschungel gilt dem “Hopper-Ticket” Sachsen-Anhalt (ja, das heißt wirklich so), welches innerhalb des Bundeslandes der Frühaufsteher (Eigenbezeichnung von Sachsen-Anhalt) einfache Fahrten von maximal 50km im Nahverkehr für 5,60€ und Hin- und Rückfahrten für 9,10€ anbietet (Goslar liegt zwar in Niedersachsen, ist aber als grenznahe Stadt trotzdem in diesem Angebot inkludiert).
Das reich verzierte Krummelsche Haus in Wernigerode
Nach einer Stunde und 21 Minuten Reisezeit erreichte ich das schöne Wernigerode bei herrlicher Morgensonne. Ziel war sogleich das hiesige Schloss, welches ich gerne schon kurz nach Öffnung (10 Uhr) besichtigen wollte. Ganz unabhängig von der gegenwärtigen Pandemie mag ich keine Toruimassen und auf einem Sonntag drohte natürlich viel Andrang bei so einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Also sogleich den Schlossberg hochgekraxelt und damit die Waden schon mal für die Aufgaben des Tages eingeschworen.
Fachwerk soweit das Auge reicht
Nach meiner exorbitanten Ersparnis beim Bahnticket, entrichtete ich selbstverständlich gerne 7€ für den Zutritt ins Schlossinnere. Doch bevor ich das Drehkreuz passierte, genoss ich noch den herrlichen Ausblick von der Schlossterrasse. Beim heutigen Wetter gab es ein schönes Panorama des Oberharzes zu bewundern, mit dem erhabenen Brocken (1141 Meter ü. NN) in dessen Mitte. Der höchste Gipfel des Harzes liegt übrigens noch auf dem Stadtgebiet Wernigerodes, obwohl er gute 17 Wanderkilometer von der Kernstadt entfernt ist.
Blick zum Brocken
Im Schloss eröffneten sich mir (und natürlich auch allen anderen Besuchern) zwei Rundgänge. Dabei besichtigt man rund 50 weitgehend originalgetreue Wohnräume aus dem 19.Jahrhundert und lernt außerdem einiges zur Geschichte des Schlosses und des Adelsgeschlechts Stolberg-Wernigerode. Vermutlich im frühen 12.Jahrhundert entstand eine Höhenburg an der Stelle des heutigen Schlosses. Erstmals urkundlich erwähnt wurde dieses „Castrum“ im Jahre 1213. Es war der Stammsitz der Grafen von Wernigerode, deren zivile Siedlung am Fuße des Burgbergs 1229 das Stadtrecht verliehen bekam und sich neben Goslar zu einer der bedeutendsten Städte des Nordharzes entwickelte.
Hausmannsturm von der Freiterrasse aus gesehen
Als die Grafen von Wernigerode 1429 in männlicher Linie ausstarben, fielen Grafschaft und Burg Wernigerode an die verwandten Grafen zu Stolberg. In der Folgezeit wurden die Verteidigungsanlagen der Burg massiv ausgebaut und diese hielten bis ins frühe 17.Jahrhundert jedem Angriff stand. Erst im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) wurden die Anlagen von den wehrtechnischen Entwicklungen (schwere Feuerwaffen) überholt und die Burg wurde großflächig zerstört. Die Grafen Stolberg siedelten nun vorübergehend ins nahe Ilsenburg um.
Spaziergang an der Schlossmauer entlang
Rund ein Vierteljahrhundert nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs ließen die Grafen die Burgruine in ein barockes Wohnschloss umbauen und ab 1710 war Schloss Wernigerode wieder der Hauptsitz der Grafen zu Stolberg-Wernigerode. Dies war nun die ältere Hauptlinie des Hauses Stolberg, nachdem man sich 1645 in die Linie Stolberg-Wernigerode und die Linie Stolberg-Stolberg geteilt hatte. Nach einem Rezess im Jahre 1714 musste der damalige und bis dahin reichsunmittelbare Graf Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode allerdings die Oberhoheit Preußens über die Grafschaft Wernigerode anerkennen (wobei der preußische König der Grafschaft weiterhin eine gewisse Souveränität zugestand).
Auf dem Innenhof des Schlosses
Innerhalb Preußens (bzw. ab 1871 innerhalb des Deutschen Kaiserreichs) machte dann der Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode (* 30. Oktober 1837; † 19. November 1896) eine steile Karriere. 1867 wurde Graf Otto zunächst zum ersten Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hannover berufen und später zum deutschen Botschafter in Wien befördert (1875). Im Jahre 1878 wurde der Graf schließlich sogar zum Vizekanzler des Deutschen Reiches (also Stellvertreter des Reichskanzlers Otto von Bismarck) und stellvertretenden preußischen Ministerpräsidenten ernannt. Aufgrund seiner Stellung, durfte Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode zahlreiche Würdenträger in seinem Schloss empfangen. Dabei sind Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm II. natürlich die ranghöchsten Gäste gewesen. Im Festsaal des Schlosses ist die Tafel übrigens so hergerichtet, wie seinerzeit bei einem Bankett im Jahre 1890, als Kaiser Wilhelm II. nebst Kaisergemahlin Auguste Victoria im Schloss logierte. Damals wurde Ottos Erhebung in den Reichsfürstenstand gefeiert.
Der Festsaal von Schloss Wernigerode
Da Graf Otto nicht nur politisch Karriere machte, sondern auch wirtschaftlich sehr erfolgreich war (über 500km² Grundbesitz und mehrere Fabriken und Stahlhütten im Eigentum seines Adelsgeschlechts warfen beträchtliche Erträge ab), verfügte er über die Mittel, um das Schloss zwischen 1862 und 1885 im großen Stile umzugestalten. Dem beauftragten Blankenburger Architekten Carl Frühling gelang dabei ein Meisterwerk des romantischen Historismus. Neben dem Schweriner Schloss vielleicht das schönste „Märchenschloss“ Norddeutschlands und in Publikationen gelegentlich als „Neuschwanstein am Harz“ angepriesen.
Schlosskirche St. Pantaleon und Anna
Im Nachgang des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918) erloschen mit der Weimarer Verfassung die Adelsprivilegien in Deutschland und 1930 wurde das Schloss aus finanziellen Motiven der Öffentlichkeit teilzugänglich gemacht. Die Familie Stolberg-Wernigerode war damals hart von der Weltwirtschaftskrise getroffen worden und weil so’n Schloss gewiss nicht günstig zu unterhalten ist, freute man sich bis zum Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) über um 40.000 zahlende Besucher pro Jahr. Nach Kriegsende fiel Wernigerode dann in den Bereich der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und wurde somit ab 1949 Teil der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Adelsfamilie setzte sich nach Westdeutschland ab und in der realsozialistischen Diktatur wurde das Schloss zum Feudalmuseum, in dem der Arbeiter- und Bauernstaat über den Feudalismus aufklärte. Selbstredend mit der entsprechenden politischen Färbung.
Ein Teil der Porzellansammlung
Auch 1990, nach der Deutschen Wiedervereinigung, blieb das Schloss ein öffentliches Museum und erfreute sich in den vergangenen Jahren über rund 200.000 Besucher per annum. Thematisch hat man das Museum natürlich umgestaltet und seit 1998 darf man sich erstes deutsches museales Zentrum für Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts nennen. Neben den bereits erwähnten rund 50 Zimmern mit Möbeln, Gemälden, Porzellan, Schmuck usw. aus dem 19.Jahrhundert, gibt es außerdem noch wechselnde Sonderausstellungen. Bei meinem Besuch durfte ich eine Sonderausstellung unter dem Titel „Leidenschaft für Schönheit – Gartenträume in Sachsen-Anhalt“ durchwandeln. Dabei gab es für mich noch die eine oder andere touristische Inspiration im Nachbarbundesland.
Ich wollte schon immer mal stempeln gehen
Nach meiner rund 96minütigen Schlosstour erklomm ich als nächstes den Agnesberg (395 Meter ü. NN), welcher einen märchenhaften Ausblick auf Schloss und Stadt Wernigerode erlaubte (siehe Titelbild). Darüberhinaus befand sich dort eine Stempelstelle der „Harzer Wandelnadel“ (HWN). Das HWN-Stempelsystem lädt quasi zum “Hikinghopping” ein. Es gibt insgesamt 222 Stempel über den ganzen Harz verteilt. Sie befinden sich auf den traditionellen Wanderwegen durch Norddeutschlands exponiertesten Höhenzug und an touristisch reizvollen Punkten (auf Bergen, Klippen, an Stauseen usw.). Wer irgendwann (es gibt keine zeitliche Begrenzung) alle Stempel hat, darf sich “Harzer Wanderkaiser” nennen und bekommt gegen Vorlage des vollen Stempelheftes eine entsprechende Urkunde und eine Trophäe. Um die „Jäger & Sammler“ bis dahin bei Laune zu halten, existieren noch diverse Leistungsabzeichen auf dem Weg zum Wanderkaiser. Ab acht Stempeln gibt es schon die erste Nadel. Da man auf moderaten Halbtagswanderungen i. d. R. lediglich zwei bis drei Stempelstellen kreuzen kann, ist das auch sinnvoll. Wer nicht gerade im Harz wohnt oder jedes Wochenende zum Wandern dorthin fährt, braucht schon ein paar Jährchen für alle Stempel und freut sich, wenn er binnen eines Jahres wenigstens die Goldnadel erwandert hat (24 Stempel).
Der Altar der Wahrheit
Da mein Vater wie ich gerne wandert und auch eine Ferienwohnung im Harz sein Eigen nennt, kannte ich das Stempelsammeln schon länger. Allerdings ließen mein Terminplan bzw. meine Freizeitprioritäten die letzten Jahre immer nur zwei, drei Ausflüge in den Harz zu, so dass ich zögerte ihm nachzueifern. Durch die gegenwärtige Pandemie wendete sich jedoch das Blatt und ich war im Frühling und Sommer 2020 sehr häufig im Harz wandern. Entsprechend holte ich mir vor der dritten Wandertour dieses Jahres endlich auch das Stempelheft und bin immerhin schon so ungefähr ein „Zehntel-Wanderkaiser“.
Ein Luchs muss tun, was ein Luchs tun muss
Der zweite Stempel des Tages erwartete mich anschließend im Wernigeröder „Wildpark Christianental“. Rund 30 Wanderminuten vom Agnesberg entfernt. Mit einem Zwischenstopp am „Altar der Wahrheit“ wanderte ich den bewaldeten Berghang entlang dorthin. Auf Höhe des Wildparks ging es schließlich runter in besagtes Christianental und neben dem nächsten Stempelkasten, erwartete mich auch ein netter kleiner Wildpark. Höhepunkt war natürlich das Luchsgehege. Ein Vertreter dieser scheuen Raubkatzen zeigte sich sogar mal in sicherer Distanz zu meiner schlechten Smartphone-Kameralinse (als mein Modell auf den Markt kam, wurde Felipe als Neuzugang bei Hannover 96 vorgestellt). Ansonsten gibt es im Christianental u. a. Greifvögel, Eulen, Wildkatzen, Waschbären, Auerhühner, sowie Rot-, Dam- und Schwarzwild zu sehen.
Rathaus Wernigerode
Vom Wildpark ging es anschließend durch das Mühlental, respektive den Stadtteil Nöschenrode zurück in die Wernigeröder Altstadt. Die lag eh auf dem Weg zum Stadion des FC Einheit Wernigerode (ca. 6km Distanz) und da ich noch 90 Minuten Zeitpolster hatte, konnte ich problemlos einen kleinen Umweg über den Marktplatz einplanen. Das Rathaus, das Gotische Haus, das kleinste Haus der Stadt u. v. m. wollte ich mir natürlich auch mal aus der Nähe anschauen. Die Fachwerkpracht der „Bunten Stadt“ am Harz ist schon überwältigend.
Das Westerntor
Rund 35 Minuten vor Anpfiff verließ ich die Altstadt durch das Westerntor und konnte ab dort nett an den Gleisen der Harzer Schmalspurbahn entlang spazieren. Das erlaubte nicht nur “Trainspotting”, sondern führte auch zielsicher in den Ortsteil Hasserode (Bierfreunden sicher ein Begriff). Vom Timing wurde es beinahe ’ne Punktlandung. Exakt 14 Uhr erreichte ich das Sportareal. Da die Schlange am Eingang jedoch recht lang war, verpasste ich dennoch das erste Tor des Tages (3.Minute) bei FC Einheit Wernigerode versus FC Grün-Weiß Piesteritz (Piesteritz ist übrigens ein Stadtteil von Wittenberg). Jedenfalls visuell, akustisch war der Treffer am Stadiontor natürlich deutlich wahrnehmbar.
Eisenbahnromantik in Hasserode
Der Platzhirsch war durch Kevin Hildach in Führung gegangen. Mein persönliches Highlight folgte dann in der 15.Minute: Ich wurde angeschossen! Durch diese Spielballberührung war ich nun gemäß Groundhoppinggesetzbuch (§96 GGB) berechtigt das Fußballspiel vor Ablauf der regulären 90 Minuten zu verlassen und dennoch den Ground als gemacht werten zu dürfen. Sonst darf man den Ground bekanntlich nur zählen, wenn man mindestens 80% der Nettospielzeit gesehen hat (gegen 10 Minuten später kommen oder früher abhauen ist nichts einzuwenden, aber Tod und Hass allen Halbzeithoppern!).
Endlich wieder Fußball
Ansonsten erwähne ich gerne meine Beobachtungen in Sachen Hygieneauflagen. Die scheinen in Sachsen-Anhalt, dem aktuellen Infektionsgeschehen in diesem Bundesland angemessen, recht moderat zu sein. Am Eingang lagen zwar Listen zur Kontaktverfolgung aus, aber weil die einsam rumlagen, trug sich nicht jeder ein. Ein paar Meter dahinter war erst die Kasse und man bekam somit problemslos ein Ticket ohne Datenabgabe. Mund-Nasen-Schutz trug auf dem gesamten Gelände niemand und Abstandsregeln und Sitzplatzgebot (wie in Niedersachen ab 50 Zuschauern) gab es auch nicht. Das war völlig ein normales Amateurfußballerlebnis, wie in der guten alten Zeit vor „Corona“.
Die Gegengerade an der Mannsbergstraße
Allerdings enttäuschte das Stadion. Die betagte Haupttribüne, die ich bei meiner Vorabrecherche auf Bildern erspäht hatte, muss in jüngerer Vergangenheit abgerissen worden sein. Ebenso die Stehtraversen neben der Tribüne. Dafür hatte man hinter dem einen Tor ein großes, modernes Funktionsgebäude errichtet. Stufen gibt es nunmehr nur noch auf einer Spielfeldseite, so dass die Kapazität von 5.000 auf ungefähr 3.000 Plätze gesunken sein dürfte. Davon waren heute jedoch nur ca. 10% belegt. Der Sechstligist dürfte also auch ohne Tribüne eher selten unter Kapazitätsengpässen leiden.
Baufrisches Funktionsgebäude
Die Tribüne war 1976 errichtet worden. Kurz nach dem erstmaligen Aufstieg des 1949 gegründeten Vereins in die zweitklassige DDR-Liga (1975 war man Meister im Bezirk Magdeburg geworden und somit aufstiegsberechtigt). Die BSG Einheit – zu DDR-Zeiten war man eine Betriebssportgemeinschaft in Trägerschaft der Stadtverwaltung, also so eine Art Beamtensportclub – hielt sich zunächst fünf Spielzeiten im Unterhaus des DDR-Spitzenfußballs. Nach dem Abstieg 1980, folgte der sofortige Wiederaufstieg und man durfte nochmals drei Saisons in der 2.Liga mittun. Nach der politischen Wende 1989 wurde aus der BSG der FC Einheit Wernigerode. Man fusionierte zwischenzeitlich mit dem Ortsrivalen Germania zum 1.FC Wernigerode und spielte Anfang der 1990er Jahre in der drittklassigen Oberliga Nordost. Nach dem Abstieg in die Verbandsliga (1996) wurde die finanzielle Situation kritisch und 1998 spalteten sich die Fußballer von Einheit wieder ab und gründeten den FC Einheit neu. Dieser musste in der Kreisklasse seinen Neubeginn vollführen, während der 1.FC Wernigerode 2002 nach Insolvenzverfahren aufgelöst wurde.
Stadion an der Mannsbergstraße
Der FC Einheit schaffte es binnen weniger Jahre wieder in die Verbandsliga Sachsen-Anhalt (Aufstieg 2004) und pendelte die letzten Jahre fröhlich zwischen siebtklassiger Landesliga und sechstklassiger Verbandsliga. Heute könnte man mit einem Heimsieg vorübergehend die Tabellenspitze der Verbandsliga erobern und mit einer 1:0 Führung sah das zur Halbzeitpause schon mal ganz gut aus. Auch wenn man einiges an Chancen liegen ließ, in der 40.Minute einen Strafstoß verschoss und zweimal Glück bei Piesteritzer Aluminiumtreffern hatte.
Erst Bockwurst
Jene Pause nutzte ich für einen Gang zum Kiosk und erwarb eine Bockwurst mit Senf und ein Mineralwasser für zusammen 3€ (zuzüglich 0,50€ Becherpfand). Einen Grill schien es leider nicht zu geben. Nirgendwo waren Rauchschwaden auszumachen. Nach dem Pausensnack rollte der Ball auch schon wieder und der FC Einheit ließ erneut diverse Torchancen aus. Doch just nachdem ich vor dem Funktionsgebäude beim Stadionrundgang tatsächlich noch einen (Gas)Grill entdeckte und mir für 2€ eine mittelmäßige Bratwurst (mit Ketchup) gönnte, schafften die Hausherren in der 65.Minute durch Niclas Eheleben endlich das 2:0. Fünf Minuten später machte Nikita Brölin, nach Vorarbeit von Eheleben, den Sack zu. Die Grün-Weißen würden nun gewiss punktlos ihre Rückreise in die Lutherstadt Wittenberg antreten.
Dann Bratwurst
In der der 74.Minute kam ich schließlich zu meiner zweiten Spielballberührung. Okay, das musste ein Zeichen von oben gewesen sein. Noch kurz den Pfandbecher retourniert (man hat ja nichts zu verschenken) und zur 76.Minute verließ ich das Sportgelände. Tore habe ich keine mehr verpasst (Endstand 3:0) und hätte ich jetzt (15:33 Uhr) richtig Gas gegeben, wäre sogar schon der Zug um 16:18 Uhr möglich gewesen. Da mir jedoch bereits über 15km Fußmarsch in den Knochen steckten, drosselte ich alsbald das Tempo und gönnte mir lieber eine zusätzliche Stunde Wernigerode.
In Wernigerode-Hasserode freut man sich über das 3:0
Die Altstadt war einfach zu berückend, um sie links liegen zu lassen. Doch da ich in diesem Bericht meine kulturelle Schuldigkeit bereits getan habe, lasse ich diesbezüglich einfach Hermann Löns zu Wort kommen: „Alle Städte den Harz hinauf, den Harz hinab, haben ihre Schätze und Kostbarkeiten; keine aber ist so reich und bunt wie Wernigerode. Alles ist da, was das Herz begehrt, lustiges Leben und träumerische Stille, städtische Eleganz und dörfliche Einfachheit, flutender Fremdenverkehr und feststehende Eigenart, neue Bauart und alte Architektur; sie ist die Stadt der bunten Gegensätze, die zu einer stimmungsvollen Einheitlichkeit verschmolzen sind.“
Wernigerodes kleinstes Haus
Dass die gesamte Altstadt als Ensemble mit mehreren hundert Gebäuden unter Denkmalschutz steht, löst auch in mir gewiss keine Widerrede aus. Mein gelungenes Wernigeröder Gesamterlebnis aus Bildung, Sightseeing, Wandern und Fußball bekam am Ende lediglich noch Abzüge in der B-Note, weil der hiesige „Balkan Imbiss“ erst um 17 Uhr öffnen sollte. Das war mir zu knapp, um ihn vor meiner Abreise für das Abendessen zu berücksichtigen. Und in den aktuell tobenden Preiskampf der innerstädtischen Dönerimbisse wollte ich mich nicht einmischen. Alle warben unisono plakativ mit Dönertellern für 6€. Dann lieber noch ein paar Taler in die heimische Imbissszene stecken…
Der Wernigeröder Marktplatz
17:21 Uhr bestieg ich schließlich einen Nahverkehrszug am Wernigeröder Hauptbahnhof und 18:42 Uhr betrat ich wieder Hildesheimer Boden. Wie geplant, holte ich mir schnell noch eine Pizza beim hochgeschätzten Oststadt-Grill. Damit fiel die Kalorienbilanz des Tages nicht ganz so katastrophal defizitär aus. Mit dem Pizzakarton auf dem Schoss klang der Sonntag gemütlich auf dem Sofa aus. Nicht mal Muskelkater gab es. Aber waren am Ende auch nur 24,9km gewesen. Da habe ich schon ganz andere Tageswerte erlaufen.
Das Runde muss ins Runde
Nun schauen wir mal, was noch so geht bis Jahresende. Die ein oder andere Tour bzw. den einen oder anderen Tagestrip innerhalb der bundesdeutschen Grenzen kann ich mir natürlich vorstellen. Ein paar Wandertouren im Harz habe ich ebenfalls noch im petto. Ganz unabhängig von mir, haben sich außerdem weitere Bekannte dieses Jahr dem Stempelsammeln verschrieben und erste gemeinsame Touren gab es bereits. Ebenso wollen mein Vater und ich im Herbst auch nochmal zusammen die Wanderstiefel schnüren. Ich war im Frühjahr sogar schon kurz davor eine Extrarubrik für Wandertouren bei „Schneppe Tours“ zu eröffnen, aber wie eingangs bereits erwähnt, trotz Pandemie wollte bei mir nicht die rechte Beschäftigungslosigkeit aufkommen.