Wien 07/2019

26.07.2019
SK Rapid Wien – FC Salzburg 0:2
Bundesliga (I)
Weststadion (Att: 24.200)

Der letzte Stopp unserer kleinen sommerlichen Europatournee führte Milano Pete und mich nach Wien. Freitagmorgen ging es von Ljubljana via Villach in die österreichische Hauptstadt. 33€ rief die ÖBB als Sparpreis pro Person auf (inklusive Reservierung) und 9:22 Uhr startete eine entspannte Bahnfahrt in komfortablen und pünktlichen Fernverkehrszügen der Österreichischen Bundesbahnen. Dabei ging es durch landschaftlich reizvolle Gegenden der Alpenrepublik und 15:35 Uhr war der Wiener Hauptbahnhof erreicht.

Ist das wirklich der Zug nach Wien oder eine Falle?

Da wir kein Hotel gebucht hatten, entledigten wir uns sogleich am Bahnhof des Gepäcks. 2€ kostete ein Schließfach, in welches beide Rucksäcke passten. Nach dieser Investition sicherten wir uns für 8€ ein 24h-Ticket des Wiener Verkehrsverbundes. Das benötigten wir spätestens abends nach Hütteldorf, doch auch innerhalb des Zentrums war es uns nun hilfreich, um Zeit zu sparen bzw. größere Distanzen schneller zurückzulegen. So ging es gleich mal unterirdisch zwei Stationen nach Favoriten, wo nahe des Reumannsplatzes eine Münze geworfen wurde, ob wir bei „Balkan Express“ oder „Balkan Burek“ das Mittagessen nachholen. Letzteres Lokal setzte sich durch und es wurden 10 Ćevapčići mit Lepinja, Zwiebeln, Ajvar und Kajmak für 5,50€ serviert.

Ćevapčići in Favoriten

Cafés, Bars, Restaurants etc. ex-jugoslawischer Prägung gibt es in Wien übrigens in Hülle und Fülle. Gerade in den Bezirken, in denen viele Migranten vom Balkan leben. Durch die geschichtlichen Verbindungen, die räumliche Nähe und die Gastarbeiteranwerbung in den 60er und 70er Jahren, sowie Flucht und Vertreibung in den 90er Jahren, ist Wien „balkanisiert“ worden. Besonders Serben findet man jede Menge in Österreichs Hauptstadt. Über 100.000 Wiener sprechen Serbisch als Muttersprache, so dass Wien gerne als die größte serbische Stadt außerhalb Serbiens bezeichnet wird (obwohl das in Wirklichkeit Banja Luka ist).

Unterwegs in Wien-Favoriten

Nach dem vorzüglichen Mahl kauften wir uns noch Mineralwasser in einem Supermarkt und steuerten als nächstes das Schloss Belvedere an (siehe Titelbild). Jetzt begann unser Sightseeing-Part und ein paar Absätze zur Stadtgeschichte will ich nicht aussparen. Da gibt es spannende Parallelen zu Belgrad und Ljubljana. Denn auch Wien geht auf eine ursprünglich keltische Siedlung zurück, die im 1.Jahrhundert an das Römische Reich fiel. Die Römer bauten an der Stelle des keltischen Vindobona ein Kastell und eine zivile Stadt. In den Wirren der Völkerwanderungszeit fielen germanische Stämme in Vindobona ein und die Stadt wurde größtenteils zerstört. In 6.Jahrhundert kam die Restsiedlung erst unter langobardische und dann unter awarische Herrschaft. Wie auch in Belgrad und Ljubljana, kamen mit den Awaren ebenfalls erstmals Slawen in die Stadt.

Ausgrabungen aus der Römerzeit am Michaelerplatz

Dann war es in Wien so wie in Ljubljana, dass die Awaren und Slawen um das Jahr 800 von den Franken verdrängt bzw. unterworfen wurden. Nachdem sich das Frankenreich (genauer gesagt das Ostfränkische Reich) Mitte des 10.Jahrhunderts gegen die in den Wiener Raum vordringenden Magyaren (Ungarn) durchsetzen konnte, etablierte das fränkisch-bayrische Adelsgeschlecht der Babenberger die Markgrafschaft Ostarrichi als Keimzelle des heutigen Österreichs. Auch Wien lag auf dem Territorium dieser Markgrafschaft und entwickelte sich im Hochmittelater zu deren wichtigster Stadt. 1155 erklärte der Markgraf Heinrich II. Wien zur Hauptstadt von Ostarrichi und als die Stadt 1221 das Stapelrecht verliehen bekam, stieg sie zu einer Handelsmetropole des Mittelalters auf.

Markgraf Heinrich II. (an der Fassade des Wiener Schottenstiftes)

Im späten 13.Jahrhundert kam Österreich unter habsburgische Herrschaft und für die kommenden über 600 Jahre sollte die Geschichte des Hauses Habsburg und der Stadt Wien untrennbar miteinander verbunden sein. Von 1279 bis 1918 regierten die Könige und Kaiser dieser Dynastie ihre entsprechenden Reiche fast ausnahmslos von der Wiener Hofburg aus. Da die Habsburger sich den Thron des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (kurz: HRR) von 1404 bis 1806 gesichert hatten (Interregna und eine Wittelsbacher Epsisode mal ausgeklammert), wurde Wien 1438 auch Residenzstadt des HRR. Außerdem bekam Wien 1469 das langersehnte eigene Bistum (vorher gehörte es zum Bistum Passau). Kathedrale des Bistums wurde der 1147 geweihte Stephansdo , den die schon die Babenberger damals als Bischofskirche geplant und entsprechend dimensioniert hatten.

Die Capistrankanzel von 1430 am Stephansdom

Zu Beginn der Neuzeit ist die Stadtgeschichte dann besonders von den Türkenkriegen geprägt. Die erste Belagerung der Truppen des Osmanischen Reiches (1529), konnte vermutlich nur durch glückliche Fügungen (Seuchen im türkischen Heerlager und ein früher Wintereinbruch) überstanden werden. Daher wurde in der Folgezeit die mittelalterliche Stadtmauer durch zeitgemäßige Festungsanlagen ersetzt. Diese bewährten sich erstmals im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), als Wien mehrfach erfolglos belagert wurde. Nichtsdestotrotz wurden die Fortifikationen nach dem bis dahin vielleicht schlimmsten Krieg der Weltgeschichte nochmals massiv verstärkt.

Der Platz „Am Hof“ mit der Mariensäule

1683 stellten die Türken die Festungsstadt mit ihrer zweiten Belagerung vor die Feuerprobe. Die Stadt hielt den circa 120.000 Angreifern und der modernen Artillerie des Großwesirs Kara Mustafa zwei Monate stand, ehe ein deutsch-polnisches Entsatzungsheer, angeführt vom polnisch-litauischen König Jan III. Sobieski, die Türken in der Schlacht am Kahlenberg schlug und Wien somit rettete. Ich übertreibe nicht, wenn ich diese Schlacht als einen Wendepunkt der europäischen Geschichte bezeichne. Die türkische Expansion in Europa endete und das geschlagene osmanische Heer musste sich vorerst bis nach Belgrad zurückziehen. Dort wurde der gescheiterte Feldherr Kara Mustafa auf Geheiß des Sultans am Weihnachtstag des Jahres 1683 erdrosselt. Die Habsburger wiederum sicherten sich in den Jahren nach der Belagerung, unter dem Kommando ihres legendären Feldherren Prinz Eugen von Savoyen, weite Teile Ungarns und des Balkans.

Karlskirche

Während das Habsburgerreich expandierte, wuchs auch seine Hauptstadt Wien. Um 1700 lebten dort circa 100.000 Menschen, 100 Jahre später waren es bereits rund eine Viertelmillion Einwohner. In Wiens Zentrum, sowie den nun entstehenden Vorstädten außerhalb der einstigen Stadtbefestigung, findet man viele barocke Bauwerke aus dieser Expansionsphase. Besonders fallen diesbezüglich natürlich Kirchen und Schlösser auf, wie das von uns besuchte Schloss Belvedere (Prinz Eugens Gartenpalais von 1723) und die heute ebenfalls inspizierte Karlskirche (von 1737). Auf dem Karlsplatz vor der Kirche fand an diesem letzten Juliwochenende übrigens das 10.Popfest (mit Künstlern wie Ebow, Lylit und Conchita Wurst) statt, was das Fotografieren des Bauwerks enorm erschwerte. Ich stieg deshalb knietief in den Teich des Karlsplatzes. Aber das nur am Rande.

Was macht der Mann da im Wasser?

Auch im 19.Jahrhundert setzte sich das Wiener Wachstum unbegrenzt fort. Doch zunächst einmal war die Stadt ein Schauplatz der Napoleonischen Kriege (zweimal konnte Bonaparte Wien besetzen) und an deren Ende fand 1814/15 in der Donaumetropole der Wiener Kongress statt. Europa wurde damals von den Diplomaten seiner Mächte neugeordnet, wobei man versuchte ein Gleichgewicht zwischen den Großmächten Österreich, Preußen, Russland, Großbritannien und Frankreich herzustellen und so langfristig den Frieden auf dem Kontinent zu sichern. Bis zur Revolution von 1848 lebte man auch tatsächlich in friedlichen Zeiten und die Industrialisierung lockte weiterhin Menschenmassen nach Wien. Im Revolutionsjahr besaß die Stadt daher schon eine halbe Million Einwohner.

Glücksspieltradition seit 1752

Die von liberalen und demokratischen Motiven, sowie von der Idee der nationalen Selbstbestimmung getragenen Revolutionen in Wien, Ungarn, Böhmen, Norditalien und weiteren Teilen der Habsburgermonarchie, ließ der Kaiser brutal niederschlagen. 1849 war die absolutistische Monarchie in Österreich restauriert, allerdings wurde immerhin die Feudalherrschaft abgeschafft. Die folgende Gründerzeit zeigte sich zumindest wirtschaftlich liberal und die Wiener Konjunktur brummte bis zur Weltausstellung 1873, welche auf dem Wiener Prater stattfand. Während der Weltausstellung kam es nämlich zu einem Börsencrash, der zahlreiche Bankhäuser, Unternehmen und Anleger ruinierte. Doch der so genannte Gründerkrach wurde schnell überwunden und Wien stieg in den 1870er Jahren sogar zur Millionenstadt auf. Etliche Eingemeindungen und der ungebrochene Zuzug von vor allem Arbeitskräften aus den slawischen Reichsteilen, sorgte für diesen neuerlichen Bevölkerungsanstieg.

Des Kaisers Monogramm auf dem 1831 neu eingedeckten Dach des Stephansdomes

Im Jahre 1910 wurden schließlich erstmal über 2.000.000 Einwohner bei einer Volkszählung erfasst. Wien war damit seinerzeit die viertgrößte Stadt der Welt (nach New York, London und Paris) – Unnützes Wissen am Rande: Im Jahr 1913 lebten Hitler, Stalin, Trotzki und Tito zeitgleich in Wien – und multiethnisch, sowie multireligiös geprägt. Beispielsweise sollen 25% der Einwohner ihre Wurzeln in Böhmen, Mähren oder der Slowakei gehabt haben und 12% der Einwohner waren jüdischen Glaubens. Das Zusammenleben funktionierte dabei nicht immer spannungsfrei und die Slawen waren dem Chauvinismus der Deutschen (nach heutiger Lesart Österreicher) ausgesetzt, während die Juden unter ausprägtem Antisemitismus litten.

Die ab 1870 bebaute Schwindgasse

Im Ersten Weltkrieg wurde Wien zwar nicht zum Schlachtfeld, jedoch sorgte die Niederlage Österreich-Ungarns für massive Umwälzungen. Die Doppelmonarchie an der Donau wurde von den Siegermächten zerschlagen. Nach den Verträgen von Saint-Germain und Trianon 1919/20 wurde das österreichisch-ungarische Staatsgebiet auf sieben bestehende oder neu entstandene Staaten aufgeteilt (Deutschösterreich, Ungarn, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien, Italien und Polen). Die damaligen Grenzziehungen wirken bis heute konfliktreich nach und mittlerweile ist das Erbe der Donaumonarchie sogar auf 12 Staaten verteilt. In Wien änderte sich als Kriegsfolge nochmals die Bevölkerungsstruktur. Etliche Deutschsprachige siedelten aus den verlorenen Gebieten nach Wien über, während viele Slawen und Magyaren in ihre nun unabhängigen Heimatländer zurückkehrten.

Palais Equitable von 1891

Das kleine Deutschösterreich (1920 in Republik Österreich umbenannt) wurde natürlich von der riesigen Hauptstadt dominiert, die 1922 eigenständiges Bundesland wurde und rund zwei Millionen der insgesamt 6,5 Millionen Einwohner des Landes stellte. Die eingeführte Demokratie sorgte in der „Arbeiterstadt Wien“ für linke Mehrheiten (in Wien holten die Sozialdemokraten zwischen 1918 und 1934 immer die absolute Mehrheit), während im Gesamtstaat trotzdem das bürgerliche Lager eine Mehrheit hatte. 1933 wurde das österreichische Parlament allerdings vom christsozialen, also bürgerlichen Kanzler Engelbert Dollfuß ausgeschaltet und eine faschistische Diktatur eingeführt (der austrofaschistische Ständestaat). 1933 wurden im Zuge dessen bereits die NSDAP und die Kommunistische Partei verboten und 1934, nachdem es im Februar zu einem Arbeiteraufstand gekommen war, ereilte die Sozialdemokraten (größte Fraktion im Parlament vor der Machtergreifung von Dollfuß) das gleiche Schicksal.

Der Heldenplatz der Wiener Hofburg

Mit dem im März 1938 von Hitler erzwungenen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, wich der Austrofaschismus dem Nationalsozialismus. Auf dem Heldenplatz der Wiener Hofburg bereiteten hunderttausende Österreicher ihrem neuen Diktator einen begeisterten Empfang. Auch der Antisemitismus der Nationalsozialisten fiel in Wien auf fruchtbaren Boden. Von einem Tag auf den anderen waren die Juden entrechtet und und ihre Verfolgung, Demütigung und gewaltsame Enteignung musste nicht einmal angeordnet und organisiert werden. Nach den Pogromen im März und November – im November 1938 kam es zur Reichspogromnacht, einem diesmal systematisch von den Nazis organisierten Pogrom – konnten von rund 200.000 Wienern jüdischen Glaubens ca. 120.000 emigrieren. Vom Rest überlebten nur etwas über 5.000 den Holocaust.

Ehrenmal der Roten Armee und der Hochstrahlbrunnen

Im Zweiten Weltkrieg lag Wien bis ins Frühjahr 1944 außerhalb der Reichweite alliierter Bomberflotten, so dass die insgesamt 50 Luftangriffe auf die Stadt erst im letzten Kriegsjahr stattfanden. Nichtsdestotrotz genügte das für großflächige Zerstörungen (generell gab es viele der heftigsten Bombardements von deutschen Städten erst gegen Kriegsende). Am 13.April eroberte schließlich die Rote Armee Wien und die zukünftige Hauptstadt der zweiten österreichischen Republik wurde wie Berlin zu einer Vier-Sektoren-Stadt. Seine Souveränität erlangte Österreich 1955 zurück, als die österreichische Regierung und Vertreter der vier Besatzungsmächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich den Österreichischen Staatsvertrag im Schloss Belvedere unterzeichneten.

1950 wurde das Dach des Stephansdom nach den Kriegsschäden rekonstruiert

In Österreich kam es seinerzeit analog zur Bundesrepublik Deutschland zu einem Wirtschaftswunder und das Stadtbild Wiens wurde mächtig modernisiert. Gerade im Hinblick auf die steigende Motorisierung der Gesellschaft. In Sachen ÖPNV wurde dagegen 1978 die heute von uns rege genutzte Wiener U-Bahn eröffnet. Übrigens kostet eine ÖPNV-Jahreskarte in Wien nur 365€. Sehr begrüßenswert, doch so etwas ist Deutschland politisch leider (noch) nicht gewünscht. Aber vielleicht geht es der seit 1945 wieder durchgängig links regierten Stadt auch einfach zu gut? Jedenfalls ist Wien der Sitz etlicher österreichischer und internationaler Unternehmen und seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Osterweiterung bestehen auch wieder rege Handelsbeziehungen zu den einstigen Habsburger Territorien wie der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarn, Slowenien usw.

Der Stephansdom umrahmt von neuzeitlichen Geschäftsgebäuden

Unser heutiger historischer Stadtrundgang endete gegen 19:30 Uhr am Stephansdom. Nun ging es von hier via U-Bahn und S-Bahn raus nach Wien-Hütteldorf. Gegen 20 Uhr waren wir am Weststadion, welches 2016 das altehrwürdige Gerhard-Hannapi-Stadion von 1977 ersetzte und eigentlich den Namen eines Versicherungskonzerns trägt. Dieser Herr Hannapi war übrigens der Architekt des Stadions, doch zuvor auch Rapid-Spieler und außerdem viele Jahrzehnte Österreichs Rekordnationalspieler (bis ihn Toni Polster und Andreas Herzog übertrafen).

Willkommen am Weststadion

Das neue Weststadion gefällt mir persönlich sehr gut. Außen hat es eine Schlauchbootoptik in grünen Farbtönen und hinter der Haupttribüne geht noch eine Röhre mit ungefähr 20 Metern Durchmesser entlang, die an ihrer Kopfseite mit einem riesigen Rapidwappen abgeschlossen wird. In der Röhre befinden sich u.a. die Geschäftsstelle, der Hauptfanshop, der Kabinentrakt u.v.m.. Das Stadion fasst 28.345 Zuschauer bei nationalen (Steh- und Sitzplätze) und 24.288 Zuschauer bei internationalen Spielen (nur Sitzplätze). Witzigerweise erschienen heute fast genau 24.288 Stadionbesucher, doch da es sich um ein nationales Spiel handelte, blieben somit rund 4.000 Plätze unbesetzt.

Die Kopfseite der Röhre

Insgesamt fielen aber kaum Lücken im stimmungsfreundlich gestalteten Stadioninneren auf. Milano und ich saßen übrigens gegenüber vom Fanblock „Block West“ auf der Nordtribüne. Der Norden gegenüber vom Westen? Im alten Stadion standen die treuesten Fans im Westen, doch beim Neubau wurde das Spielfeld um 90° gedreht, so dass sich die Fantribüne nun im Süden befindet. Auf den Traditionsnamen „Block West“ wollte man aber nicht verzichten und ich bin mir sicher, dass die wenigsten Fans sich per Kompass orientieren müssen. Auf unserer Nordtribüne gab es derweil die günstigsten Karten außerhalb des Fanblocks oder des Familienblocks und die kosteten für Vollzahler 29€. Allerdings gab es heute auch einen Topspielzuschlag, normal kosten die Tickets ein paar Taler weniger. Doch wenn der aktuelle Seriensieger der österreichischen Fußballmeisterschaft zum Eröffnungsspiel in Hütteldorf beim Rekordmeister gastiert, gilt das nunmal als Topspiel.

Choreo zu Spielbeginn

Seit 2014 hieß der Meister leider jedes Jahr FC Red Bull Salzburg. Die Sehnsucht diese Serie reißen zu lassen, postulierten die Rapid-Fans um die „Ultras Rapid ’88“ zu Spielbeginn mit einer Choreografie. „Der Teller gehört nach Hütteldorf“ war in deren Zentrum zu lesen und auf allen Tribünen gab es zustimmenden Applaus. Außerdem via Banner vor’m Block: „Erfolg ist uns Erbe und Gebot zugleich“. Umrahmt wurde dieser Ausspruch mit Abbildern der wichtigsten Trophäen, die Rapid in seiner 120jährigen Vereinsgeschichte errungen hat. Unter anderem auch die Deutsche Fußballmeisterschaft im Jahre 1941 und 32 Österreichische Meistertitel (der jüngste davon datiert allerdings aus dem Jahr 2008).

Die Haupttribüne

Ein Sieg gegen den Salzburger Plastikclub, der mit den Millionen des Red Bull Konzerns hochgezüchtet wurde, war den Wienern von uns natürlich ausgedrücklich gewünscht. Wenn man sich das ganze Red-Bull-Konstrukt, mit den angeblich völlig voneinander unabhängigen Dependancen in Salzburg, Leipzig und in Übersee anschaut, wird einem als Traditionalisten speiübel. Ich bin gar nicht mal der größte Purist und verdamme Sponsoring oder Investments im Fußball natürlich nicht grundsätzlich. Kommerziell ist der Fußball im Prinzip schon seit sich jemand außer den Akteuren selbst für das Treiben interessiert. Allerdings gehen Clubs, die nur aus Marketingszwecken gegründet werden einen Schritt zu weit. Erst recht, wenn auch noch jedes Schlupfloch zum Wettbewerbsvorteil ausgenutzt wird und man die Fans für dumm verkaufen will und die Verbände sich bedauerlicherweise fürdumm verkaufen lassen.

Die Gegengerade

Dass es für derlei Konstrukte einen Markt gibt, beweist allerdings der Zuschauerzuspruch in Salzburg und Leipzig. Irgendwie ironisch, dass sich die Fanlager bei der Farce in der vergangenen Europa League Spielzeit, als beide Clubs aufeinandertrafen, nicht grün waren. Die Salzburger sehen sich anscheinend a) als das wahre Red Bull (ja, ich rolle gerade mit den Augen) und b) wollen sie nicht zum Zulieferer für das Konzernflaggschiff in Leipzig degradiert werden. Wenn ich „Fan“ eines solchen Kontruktes werde, brauche ich mich über solche Entwicklungen jedoch nicht zu wundern. Diesen komischen Kunden gönnt man den sportlichen Erfolg, der eh das Hauptmotiv ihres Fandaseins ist, natürlich auch kein Stück.

Der Salzburger Fanblock

Leider ging der fromme Wunsch von mindestens 96% des heutigen Stadionpublikums nicht in Erfüllung. Dabei begann Rapid gut und hätte durch einen Distanzschuss von Taxiarchis Fountas (18.Minute) oder einen Kopfball ans Außennetz von Stefan Schwaab (20.Minute) durchaus in Führung gehen können. In der 35.Minute bekam jedoch Salzburgs Takumi Minamino einen tollen Pass in die Schnittstelle gespielt und der Japaner hob den Ball über Rapid-Schlussmann Strebinger ins Tor. Da Minamino zu allem Überfluss bei dieser Aktion auch noch Strebinger mit dem Knie am Kopf erwischte, musste Rapid früh den Torwart tauschen.

Pyro zu Beginn des zweiten Durchgangs

Den neuen Tormann Tobias Knoflach nahm die tauringeschwängert wirkende Salzburger Offensivabteilung gleich massiv unter Beschuss. Doch gute Reflexe und einmal Aluminium ließen aus einem halben Dutzend Torchancen bis zur Pause nichts Zählbares mehr herausspringen. Der Beginn der zweiten 45 Minuten wurde schließlich von einer Pyroaktion im Rapidsektor markiert. Mutmaßlich die „Tornados ’96“ hatten ein paar Fackeln und jede Menge grünes Rauchpulver gezündet. Sah erst gar nicht so wild aus, doch es legte sich am Ende ein schöner grüner Schleier über die ganze Fantribüne.

Fußball durch die grüne Brille

Als der Rauch abgezogen war, hatten wir wieder Augen für das Spielgeschehen. Es entwickelte sich ein munterer Schlagabtausch, bei welchem wirklich nicht abzusehen war, ob Rapid nun ausgleichen oder Salzburg alsbald die Führung ausbauen würde. Für die Gäste vergab der sambische Stürmer Patson Daka beispielsweise mehrfach aus aussichtsreicher Position und die Wiener hatten gute Möglichkeiten durch Murg (Freistoß in der 67.Minute) und Knasmüllner (Flachschuss ganz knapp neben den Pfosten gesetzt in der 76.Minute).

Nochmal Pyro im Rapid-Sektor

In der 82.Minute kam es schließlich zum Genickbruch für die Grünen. Salzburgs zweiter japanischer Legionär, der 23jährige Masaya Okugawa, tauchte allein vor Knoflach auf und umkurvte den Tormann spielstark. Mit dem 0:2 war die Partie gelaufen und die letzten Minuten empfand ich Salzburgs Konstrukt auch näher am dritten Tor, als den altehrwürdigen Sportklub am Anschlusstreffer. Der SK Rapid hatte sich über weite Strecken des Spiels teuer verkauft, doch am Ende gab die individuelle Klasse der Salzburger Brausetruppe den Ausschlag.

Unser 2€-Souvenir

Anstatt nochmal auf die Mateschitzschen Maschenschaften zu schimpfen, will ich am Ende auch Rapid etwas kritisieren. Die Fans waren einsame Klasse und zauberten eine famose Stimmung ins Stadion. Allerdings ist die Spieltagsorganisation ihres Clubs ausbaufähig. So ist der Zugang zu unserer Tribüne megabeschissen gewesen. Man musste sich einen Eingang mit der ganzen Gegengerade teilen und anschließend jene Tribüne innen an den Verkaufskiosken entlanglaufen, um auf die Nordtribüne zu gelangen. Im Umlauf der Gegengerade war es natürlich vor Spielbeginn gerammelt voll mit solchen Fans, die für Snacks oder Getränke anstanden und solchen, die gemütlich für ein Schwätzchen vor’m Block standen. Außerdem kam man nicht um eine Bezahlkarte namens Rapid-Mari€ herum, wenn man die Verkaufskioske nutzen wollte. Wir mussten natürlich bei den heutigen Temperaturen jeder noch etwas trinken, aber 10€ Guthaben reichten wegen des Becherpfandes von 2€ nicht mal für zwei Softdrinks auf einmal.

Der Block West ist sicher eine der stimmgewaltigsten Fantribünen im deutschsprachigen Raum

Der Abmarsch via Gegengerade klappte nach Spielende wenigstens besser, da nun natürlich niemand mehr im Weg stand und fast alle das Ziel Ausgang hatten. Jetzt ging es mit der U-Bahn zurück ins Zentrum, wo wir kurz vor Mitternacht den Schwedenplatz erreichten. An den Platz grenzt das so genannte Bermudadreieck, Wiens altstädtisches Kneipenviertel. Auf dem historischen Grund des einstigen römischen Legionärslager Vindobona hat sich rund 2.000 Jahre später eine lebendiges Szeneviertel entwickelt.

Biergenuss im Krah, krah

Erster Stopp war das „Krah, krah“ am Rabensteig. Es handelt sich dabei um den Kneipenpionier dieses Viertel, der im Mai 1980 in einem ehemaligen Textilgeschäft eröffnete und damit eine Welle von Gastroeröffnungen lostrat. Leider schloss das urige Lokal schon um 1 Uhr seine Pforten, so dass wir ins „Pickwick’s“ in der Marc-Aurel-Strasse weiterziehen mussten. Dieser Pub ist zugleich eine Buchhandlung für englischsprachige Literatur und zwischen all den Büchern war es auch ganz gemütlich. Bedauerlicherweise war hier bereits um 2 Uhr Feierabend.

Das Pickwick’s steht für Bier und Bücher

Nach einem Fast-Food-Zwischenstopp am Schwedenplatz, fanden wir schließlich noch eine Pinte, die um 2:30 Uhr gut gefüllt war. Das „Vulcania“ in der Judengasse war eine gute Alternative zu den ansonsten noch geöffneten Clubs des Viertel, deren Türsteher wahrscheinlich zwei Typen in Turnschuhen und Sportshorts abgewiesen hätten. Wir mussten nämlich bis zum Abflug aus Wien noch ein paar Stunden rumkriegen. Weil der gebuchte Eurowingsflug nach Hannover (à 39€) schon um 6:05 Uhr abheben sollte, verzichteten wir auf ein Hotel. Für eine Nachtruhe von 0 Uhr bis 4 Uhr hätte sich das nicht gelohnt, dann lieber 20€ in Bier als 40€ in ein Bett investieren.

Letzte Biere in der Vulcania Bar

Um 4 Uhr fuhren wir schließlich zum Hauptbahnhof und holten das Gepäck. Anschließend ging es mit der U-Bahn weiter zum Bahnhof Wien-Mitte. Von dort sollte 4:49 Uhr die erste S-Bahn des Tages fahren. Das war zwar bei planmäßiger Flughafenankunft um 5:12 Uhr und Boarding um 5:35 Uhr etwas knapp, jedoch war diese Verbindung als erste des Tages in unserem 24h-Ticket inklusive. Die nächtlichen Expressbusse einer privaten Gesellschaft von Schwedenplatz hätten stattdessen nochmal 8€ pro Person gekostet und auch dieses Geld war in Bier natürlich wesentlich besser investiert.

Nachts unterwegs im Wiener Bermudadreick

Außerdem klappte alles reibungslos und es blieb sogar noch Zeit sich zu waschen. Im Flieger hatten wir anschließend eine Reihe im Best-Bereich für uns und konnten schon mal eine Stunde Schlafen. In Hannover fungierte dann unser Freund Fat Lo dankenswerterweise als Chauffeur und schon um 8 Uhr lag ich im heimischen Bett. Das war einmal mehr eine geniale „Schneppe Tour“. In zwölf Tagen waren wir in sieben europäischen Hauptstädten (betreten hatten wir sogar den Boden von 10 Hauptstädten) und sahen in diesen Hauptstädten sieben Fußballspiele in fünf verschiedenen Wettbewerben. Uns vorgespielt haben dabei Teams aus 10 europäischen Staaten. Mit ziemlich genau 1111€ Gesamtaufwand zwischen dem Ab- und Wiederaufschließen der heimischen Wohnungstür, war der Trip außerdem mit überschaubaren Kosten verbunden. Nächstes Jahr gerne wieder! Ein paar europäische Länder fehlen mir ja noch…