Stockholm 05/2018

20.05.2018
Hammarby IF – AIK 0:1
Allsvenskan (I)
Tele2 Arena (Att: 29.266)

Für Pfingsten stand keine wirkliche „Schneppe Tour“ an. Vielmehr setzte ich mich ins gemachte Nest und schloss mich einer Busreise von 50 hannoverschen Szeneleuten an, die die Kontakte zu AIK nach Stockholm seit Jahren pflegen. Es galt unsere schwedischen Freunde einmal mehr bei ihrem Derby zu unterstützen und dafür mit Freude insgesamt über 34 Stunden in einem Reisebus zu sitzen. Wer touristische Beschreibungen Stockholms erwartet, wird den Umständen geschuldet leider enttäuscht werden. Den muss ich an die Stockholm-Reise von 2015 verweisen.

19.06.2018
SV Borussia Hannover – TuS Garbsen 3:1
Bezirksliga Hannover, Staffel 2 (VII)
Sportanlage an der Kanalbrücke (Att: 44)

Die Tour zum Stockholmer Derby sollte Samstagabend um 19 Uhr in Hannover starten. Ideal also, um zuvor noch ein nachmittägliches Amateurspiel in Hannover zu gucken. Für Bega, Ole und mich fiel die Wahl auf das Heimspiel von Borussia Hannover gegen TuS Garbsen (Bezirksliga). 5€ waren für den Eintritt zu entrichten, 2,20€ kostete die 0,33l Molle Herrenhäuser. Jene hannoversche Biermarke, die auch von der Brust der Borussia-Trikots grüßte.

Willkommen bei Borussia

Der Gast aus Garbsen war tabellarisch jenseits von Auf- oder Abstiegskampf (6.Platz), während die Borussen zur Zeit auf einem Abstiegsrang logieren. Drei Punkte waren deshalb fast schon Pflicht, um auf Tuchfühlung mit dem rettenden Ufer zu bleiben. Nachdem die Partie über 30 Minuten ereignisarm geblieben war, fiel in der 35.Minute das 0:1. Der Torwart der Hausherren klatschte einen Freistoß ab und Garbsens René Hammer staubte ab. Hammer ist übrigens ein etatmäßiger Torhüter der Garbsener, was gleich etwas über die dünne Personalsituation des TuS aussagte. Denn auf der Bank war nur noch ein weiterer Ersatztorwart zu finden, nachdem Hammer bereits in der Frühphase des Spiels für einen verletzten Feldspieler kam.

Sportanlage an der Kanalbrücke

Die Borussen, ausgestattet mit dem Rückenwind von sieben Spielen ohne Niederlage in Serie, ließen sich vom Rückstand nicht schocken und kamen noch vor der Pause durch Sandtel aus ca. 20 Metern zum Ausgleich (42.Min). Beflügelt vom Treffer zum psychologisch wichtigen Zeitpunkt, marschierten sie topmotiviert aus der Kabine und rissen das Spiel in der 2.Hälfte endgültig an sich. Der schon im ersten Durchgang auffällige Stürmer Christoph Wiesner zeigte in der 52.Minute, dass er ganz viel Gefühl im Fuß hat und versenkte einen Freistoß direkt ins Gästetor. Drei Minuten später war es erneut Wiesner, der die Borussen nach toller Vorarbeit von Wittmann zu einer komfortablen 3:1 Führung schoss.

SV Borussia Hannover vs. TuS Garbsen

Während die Vahrenheider nun noch wechseln konnten, schwand bei den Garbsenern die Kraft und das große Aufbäumen gegen die Auswärtsniederlage blieb aus. Spätestens als SVB-Keeper Tibbe in der 69.Minute ganz stark bei einem Distanzschuss abtauchte und so den Zwei-Tore-Abstand bewahrte, schien klar zu sein, dass der TuS nicht nochmal rankommen würde. Am Ende durfte der Jugendverein von 96-Trainer André Breitenreiter über einen auch in der Höhe verdienten Sieg jubeln, schafft es nur leider immer noch nicht die Abstiegsränge zu verlassen, weil die Konkurrenz zur Zeit auch fleißig punktet. Mit dem Schwung von nun acht Spielen ohne Niederlage, dürfte der Glaube an den Klassenerhalt trotzdem groß sein. Erst recht, wenn man Montag im nächsten Nachholspiel gegen das bereits abgestiegene Schlusslicht SV Türkay Sport Garbsen nachlegt.

Der Mittellandkanal

Nach Abpfiff ging es für unser Trio sofort zum Treffpunkt in die Innenstadt. 18:30 Uhr sollte eigentlich Abfahrt sein. Am Ende wurde es natürlich 19 Uhr (Danke Bobob!), ehe sich der getönte Bus von „Märkische Schülerreisen“ (die perfekte Tarnung!) in Bewegung setzte. Die beiden u30-Busfahrer kutschieren dem Unternehmensnamen entsprechend normalerweise Schulklassen durch die Gegend (vorwiegend Kursfahrten nach Großbritannien). Das Fahrer-Duo, sowie die aus Interesse an Stockholm mitreisende Mitarbeiterin aus dem Büro, wussten zwar, dass wir keine Schüler mehr sind, aber mit einer halben Hundertschaft schwarz gekleideter Fußballfans hatten sie wohl auch nicht gerechnet. Nichtsdestotrotz war das Trio altersgerecht locker drauf und alle hielten sich selbstverständlich an die vereinbarten Spielregeln, so dass die Tour sehr entspannt ablief.

Die Sendung mit dem Gin Tonic

Auf den ersten 300 Kilometern verfolgten wir das DFB-Pokalfinale und freuten uns für den Anhang von Eintracht Frankfurt. Nicht nur, dass das für ein paar Sportwetter im Bus lukrativ war, auch gönnen wir der Frankfurter Szene die Europapokalreisen mehr als den süddeutschen Dullies aus Stuttgart. Und dass die Leipziger Niederlassung eines österreichischen Fußballfranchises nun nicht direkt für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert ist (das ist jetzt Eintracht Frankfurt als Pokalsieger), sondern zunächst drei Qualirunden überstehen muss, gefällt auch sehr. Jetzt steht Ralle Rangnick mächtig unter Druck bei der Trainersuche, das geplante Trainingslager kann nicht stattfinden und die Mannschaft hat nur wenige Wochen Sommerpause.

Wir sind immer blau, weil wir der Adel sind

Als ich zur Pokalübergabe mein Abendessen verzehrt hatte (fünf gegrillte, aber logischerweise kalte Chili-Mango-Steaks, die von einer Grillparty meines Bruders übrig waren), war ich endlich bereit für das „Beerbusiness“. Bier und Longdrinks flossen in Strömen und die Stimmung stieg. Reiseleiter Monti ließ mehrfach seinen neuen Song spielen und ansonsten dürfte jeder irgendwie musikalisch auf seine Kosten gekommen sein. Leider waren die ersten beiden Raucher- und Pinkelpausen zu ausgedehnt, so dass wir Bobobs Verspätung nicht egalisierten und unsere angepeilte Fähre um 23:15 Uhr knapp verpassten. 23:45 Uhr ging es nun von Puttgarden nach Rødby und im Bordshop wurde eine 1.000€-Überweisung aus Stockholm in Bier, Cider und Wodka investiert. Bei den hohen schwedischen Alkoholpreisen wird Besuch aus Hannover logischerweise immer als Schnaps- und Bierkurier eingespannt.

Bierverschieber

Nachdem den drei Vertretern unseres Busunternehmens beim Beladen glatt die Augen ausfielen („Ja, natürlich wollen wir das alles trinken. Ist ja noch eine lange Fahrt bis Stockholm… Nein, Spaß, ist für Freunde in Stockholm.“), ging es humorvoll bei der Grenzkontrolle weiter. Businsasse X: „Wie Ausweiskontrolle? Ich hab nichts dabei. Seit wann gibt es Kontrollen zwischen Deutschland und Dänemark?“ Quasi seit in Deutschland leider die AFD boomt. Der Grenzpolizist nahm „den Staatenlosen“ zur Seite und erörterte ihm, dass er nun mit der nächsten Fähre nach Deutschland zurück muss. Beim entgeisterten Blick unseres Experten fing der Polizist zum Glück zu grinsen an und meinte „War nur Spaß, wir glauben dir, dass du Deutscher bist. Natürlich darfst du einreisen.“

Das, was der Sturmhaubentyp sagt!

20.05.2018
Hammarby IF – AIK 0:1
Allsvenskan (I)
Tele2 Arena (Att: 29.266)

Zwischen Rødby und Kopenhagen erreichte die Laune im Bus schließlich ihren Höhepunkt. Selbstverständlich dem ungeschriebenen Naturgesetz folgend, dass im hinteren Busteil das Epizentrum der Stimmung ist. War auch nicht so, dass wir nur 18 Liter Schnaps und 96 Paletten Bier für die AIK-Lads gekauft haben. An den Eigenbedarf wurde natürlich auch gedacht. Schlecht nur, wenn man wie Bega mit dem Hausschlüssel versucht einer Flasche Rotwein den Korken zu ziehen. Die Flasche blieb verschlossen und die Hälfte des Schlüssels blieb im Korken stecken. Auch Reiseleiter Monti sorgte für Erheiterung. Denn plötzlich musste noch Geld für die Öresundrücke nach Schweden eingesammelt werden (2€ p.P.). Solche überraschenden Sonderkosten während der Fahrt kannte ich bisher nur von palästinensischen Taxifahrern in der West Bank. Monti hatte wohl ein Praktikum bei Taxi Ali Jebreen in Bethlehem gemacht.

Officer with Hijab

In dem Königreich, wo ich alles außer den hohen Alkoholpreisen und der Kombination der Landesfarben schätze, gab es nun die nächste Passkontrolle. Denn auch das sonst als liberal geltende Schweden, setzt zur Zeit mehr auf Kontrolle, denn auf offene Grenzen und unkontrollierte Zuwanderung.  Dass der Staat trotzdem der Xenophobie eher unverdächtig ist, sowie integrationsinteressiert, zeigte vielleicht schon die Grenzpolizistin mit Hijab, die uns kontrollierte (ich glaub seit über 10 Jahren dürfen muslimische Polizistinnen damit in Schweden Dienst leisten). Mister X ohne Ausweisdokumente durfte übrigens problemlos einreisen. Das Glück ist mit den Dummen!

Lass die Sonne in dein Leben

Auf den schwedischen Straßen kehrte dann langsam Ruhe in der rollenden Diskothek ein. Die Musik wurde leiser und bei 96% der Busbesatzung dürften die Äuglein zugefallen sein. Ich gehörte natürlich auch zur Majorität und gönnte dem Körper mal eine Pause. Nach nicht all zu langer Zeit wurde ich erstmals wieder wach. Gibt es etwas Besseres als mit guter Musik bei Sonnenaufgang durch schwedische Wälder zu fahren? Bestimmt, aber in dem Moment konnte ich mir gerade nichts Besseres vorstellen. Die grünen Baumkronen der Fichten gingen über in ein herrliches Morgenrot und der Boden war von Frühnebel verschleiert. Romantik pur! Wie gern hätte ich jetzt die frische Morgenluft gerochen, anstatt das Aroma im Bus… Daher schnell wieder die Augen zu und von Blütenduft geträumt.

Danke BLZ!!!

Als das nächste Mal meine Augen aufgingen, drückte mir BLZ (Burgdorfs letzter Zecher) reaktionsschnell ein Frühstückscider in die Hand. Circa 66% der Busbesatzung waren schon wieder putzmunter, sprich an Schlaf war ab 7:00 Uhr nicht mehr zu denken. Zeit für eine Pause auf einem Rastplatz, ergo Zeit für frisches Wasser und Zähne putzen. Wir waren mittlerweile eine ganze Weile an der Küste eines Sees gefahren. Der Vättern (Vättersee) ist gar nicht mal so klein und gar nicht mal so unidyllisch. Aber wir hatten keinen Natururlaub gebucht, sondern Monti Tours und hatten zu allem Überfluss auch noch wichtige Termine. Daher wurde der Bus nach kurzer Rast die letzten 300km nach Stockholm gepeitscht. Letztlich waren wir eine gute halbe Stunde später als angekündigt, nämlich gegen 10:30 Uhr, in Stockholm. Nochmal: Danke Bobob!

Edles Anwesen am Vättern

An unserem Treffpunkt mit den Ultras Nord ’02 lagerten ungefähr 200 flinke Hände in Windeseile die Alkohollieferung um und dann ging es mit der T-Bana (Stockholm schneller U-Bahn) zum eigentlichen Spieltagstreffpunkt der AIK-Ultraszene (neben Ultras Nord waren u.a. auch Sol Invictus zugegen). Es war der zentrale Stadtpark Kungsträdgården im Schatten der Königlichen Oper von Stockholm. Schnell wurde noch ein Mobfoto mit dem Stockholmer Königsschloss im Hintergrund geschossen, ehe es in den angrenzenden Pub „Harry B. James“ ging. Bei 25°C waren die Tische des Außenbereichs das Gebot der Stunde und die Bierpreise waren überraschend fair. Da hatten die Stockholmer für’s schwache deutsche Portemonnaie etwas Gutes rausgesucht. Ein Pint „Norrlands Guld“ kostete umgerechnet 4,80€, Importbiere wie Heineken oder Murphy’s Draught nur etwas über 5€. Dazu stand überall gekühltes Tafelwasser „for free“ rum. Auch nicht schlecht, um einer Dehydration vorzubeugen.

Sankt Jacobs kyrka

Gute zwei Stunden verbrachten wir bei kühlen Getränken, deftigem Essen und guten Gesprächen mit unseren Stockholmer Freunden. Um 13:12 Uhr machte sich der Mob schließlich auf zum Stadion von Hammarby IF (und Djurgårdens IF), welches im südlich des Zentrums liegenden Stadtteil Johanneshov zu finden ist. Dazu ging es erstmal zu Fuß rüber auf die Altstadtinsel Stadsholmen. So sahen die Gäste aus Hannover nochmal das Königsschloss aus der Nähe und ein wenig von der malerischen Gamla Stan (Stockholms Altstadt). Die Polizeibegleitung war dabei skandinavisch deeskalierend, an der Brücke zu Södermalm jedoch konsequent (absolutes Hammarby-Territorium an Spieltagen, da Heimat des Clubs und vieler Fans). Daher erübrigten sich auch Befürchtungen (für mich natürlich Hoffnungen), dass man die ganzen 5km zum Stadion seine Turnschuhe beanspruchen muss.

Spaziergang durch die Gamla Stan

An der Station Gamla Stan ging es in eine T-Bana und an der stadionnahen Station Blåsut wieder raus. Durch ein Wohngebiet spazierten wir die letzten Meter zum Stadion. Hier war die Polizeipräsenz höher als in der Innenstadt (da war wirklich kaum was, außer Zivis und ein paar dutzend Polizisten für ungefähr 200 Ultras), aber immer noch nicht vergleichbar mit dem Aufriss bei großen Derbys in Deutschland. Schon gar nicht mit H96-BS. Der Mob betrat nun eine Stunde vor Spielbeginn das Stadion. Ein Verkaufsstand war aufzubauen, eine Choreographie war vorzubereiten… Ole und ich empfanden das jedoch als zu früh, holten uns eiskalte Biere an einer Tankstelle und setzen uns zu sündhaft schönen Blondinen in AIK-Trikots. Der Einfachheit halber erwähne ich es nicht 1.896mal, sondern nur einmal: Wahnsinn, was hier für hübsche Frauen rumliefen! Und mittlerweile knapp 30°C machten die optischen Reize nicht geringer. Da kann man auch mal in Hotpants und Bikinioberteil zum Fußball gehen, dachten sich die Damen.

Auf dem Weg in die Arena

Nach einem Liter alkoholarmen (3,5%) Bier vor dem Stadion (Supermärkte, Tankstellen etc. dürfen nur alkoholhaltige Getränke bis maximal 3,5% Vol verkaufen, für alles darüber muss man zum staatlichen Monopolisten „Systembolaget“), betraten wir 10 Minuten vor Anpfiff die Arena. Leider gab es die schönen neuen AIK-Fanshirts, auf die wir es eigentlich noch abgesehen hatten, nur noch in Größe S. Doch ich würde trotzdem sagen, Ole und ich haben bei der Gestaltung der Phase vor dem Spiel alles richtig gemacht.

Schmackhaftes Norrlands Guld

Die Arena war für mich bekanntes Terrain von meiner Stockholmreise 2015, jedoch war die Vorfreude auf das Spiel darin nun erheblich höher als damals. Hammarby vs. AIK ist schon etwas anderes, als Djurgården vs. Gefle. Heute waren die Voraussetzungen ein ausverkauftes Stadion und zwei topmotivierte Fanszenen. Und obwohl die Arena optisch dem modernen Fußball in vielerlei Hinsicht Rechnung trägt, gab es zum Glück noch richtige Stehplätze hinter den Toren, wo wir uns dicht gedrängt im Stimmungszentrum hinter dem Vorsängerpodest platzierten.

AIK Choreo

Für die Choreographie war natürlich kurz vor Anpfiff bereits alles angerichtet. „Allzeit am größten und stärksten“ stand übergroß auf einem Banner vor dem AIK-Sektor. Quer erstreckten sich Folienbahnen in den Vereinsfarben des 11fachen schwedischen Meisters und im Zentrum wurde ein überdimensionales Vereinsemblem ausgerollt. Dazu dutzende bengalische Feuer, schwarze und gelbe Rauchtöpfe, sowie weiße Wurfrollen. Sprich, es war ein bunter Mix verschiedener Elemente, der ein sehr geiles Gesamtkunstwerk ergab.

Mächtig was am qualmen

Auf der Heimseite fiel auf, dass der Unterrang in weiß gekleidet war und der Oberrang in grün. Sie zogen zu Spielbeginn eine große Blockfahne mit der grün-weiß gestreiften Hammarby-Flagge hoch. Darauf stand „Haltet die Fahne hoch“ geschrieben und flankiert wurde das Teil von etlichen grün-weißen Schwenkfahnen. Pyrotechnik fehlte natürlich auch nicht, so dass beide Szenen ihren Anteil am etwas verspäteten Anpfiff hatten. Das Intro der Hausherren war ebenfalls nicht schlecht, aber den Punkt für die bessere Kurvenshow würde ich sicher auch als neutraler Beobachter an AIK vergeben. Allgemein ist es schön, dass die Auswärtsfans sich in Schweden meist so frei entfalten können. Obwohl oft diese brandgefährliche Pyrotechnik eingesetzt wird. Dittmann, Bartels, Kerner und Co, macht besser einen großen Bogen um diesen gemeingefährlichen Schurkenstaat!

Intro Hammarby

Doch nun kurz zum Sportlichen; Hammarby ist nach 9 Spieltagen mit 25 Punkten Tabellenführer (AIK ist ärgster Verfolger mit 19 Punkten). Über diesen grandiosen Saisonstart spricht ganz Schweden, denn das Team dümpelt sonst eigentlich jedes Jahr um Platz 10 rum. Besonders bei AIK rieb man sich die Augen und war sich der Wichtigkeit des heutigen Spiels durch die Bank bewusst. Gewinnt der Stadtrivale, ist er neun Punkte weg. Schafft man den Auswärtssieg, sind es nur noch drei Punkte. Entsprechend der Ausgangssituation waren die Teams auf dem Rasen zuvorderst darauf bedacht keine Fehler zu machen und wir sahen kaum Torabschlüsse.

Blick zum Oberrang

Auf den Rängen wurde dagegen Vollgas gegeben. Unser Gnaget-Sektor bestach mit Ausdauer, Abwechslung, Lautstärke und hoher Mitmachquote. Als 96-Fan ist man so etwas ja gar nicht mehr gewohnt und ich war nach 45 Minuten komplett aus der Puste. Grund genug in der Pause den Block zu verlassen und erstmal ein Bier zu trinken. Es gab hier auch 3,5%iges (immerhin) und mit so umgerechnet 8€ wurde die Kreditkarte für jeden Halben belastet. Wie immer in Schweden, hatte ich zu keiner Zeit Bargeld in der Hand. Das ist da einfach kaum noch im Umlauf und selbst Kaugummis oder ’ne Tageszeitung werden meistens mit Kreditkarte bezahlt.

Die Arena von HIF und DIF

Im zweiten Durchgang platzierten wir uns mit ein paar durstigen Leuten im Randbereich des Gästeblocks, denn da konnten wir in Ruhe unser Bier schlürfen und situativ in den Support einsteigen. In der 54.Minute, als unser Block mal mehr als fünf Sekunden zwischen zwei Liedern pausierte, haben wie erstmals Hammarbys Fanblock so richtig laut gehört. Nicht, dass sie nicht aktiv waren. Zumindest optisch war dort dauerhaft Bewegung zu sehen. Jedoch hatte nur eine von drei Tribünen die Last des Supports zu tragen. Haupttribüne und Gegengerade wirkten extrem nach Popcorn-Publikum und stiegen anscheinend so gut wie gar nicht in die Gesänge ein. Hätte ich so nicht erwartet von der „Bajen Family“, die sich immer dafür rühmt den fast leeren Trophäenschrank (2001 gab es den einzigen Meistertitel) mit besonders leidenschaftlicher Fankultur zu kompensieren.

Nochmal Fackelei bei Hammarby

Nichtsdestotrotz ist das natürlich Kritik auf hohem Niveau und 2015, beim Derby mit AIK-Heimrecht, nahm ich die Gäste von Hammarby minimal stimmungsvoller als AIK wahr. Ist eben ein Vorteil auswärts kompakt zu stehen und in der Fremde ist man als Szene auch immer ein wenig motivierter, denke ich. Wie dem auch sei, in Sachen verbaler Support ging der nächste Punkt des Tages an AIK. Quasi 2:0 für die Gäste (wer mag, klickt hier für ein 20minütiges Supportvideo vom Spiel).

Die Sicherheit immer im Blick

Fehlte nur, dass auch endlich auf dem Spielfeld was passierte. Das dauerte jedoch bis zur 79.Minute. Hammarbys Jiloan Hamad foulte Daniel Sundgren im Strafraum strafstoßwürdig. Der Unparteiische zeigte auf den Punkt und der Norweger Tarik Elyounoussi (in Deutschland vielleicht durch sein mehrjähriges Gastspiel bei der TSG Hoffenheim bekannt) verwandelte eiskalt. Kollektives Ausrasten im Gästesektor, mit Bierduschen und Bengalos. Alle schrien, sprangen und fielen sich in die Arme. Das ist Fußball! Beim Torjubel merkte man auch, dass auf der Haupttribüne und Gegengerade ebenfalls etliche Zuschauer aufsprangen. In Summe waren es dann wohl so 8.000 Gästefans heute und die gaben nun nochmal gute 10 Minuten Vollgas, um ihre Mannschaft zum so wichtigen Auswärtssieg zu peitschen.

Der Gästebereich aus der seitlichen Perspektive

Die Abwehr um den ehemaligen 96-Spieler Alexander Milošević blieb auch in der Schlußphase stabil und in der fünften Minute der Nachspielzeit wurde abgepfiffen. Derbysieger, Derbysieger, hey, hey! Während der AIK-Anhang nun mit der Mannschaft feierte, schlich Bajen mit gesenkten Häuptern von dannen. Es gab noch lautstark Häme mit auf den Weg und „Always Look on the Bright Side of Life“ wurde intoniert. Doch nicht alle Heimfans hatten es eilig. Ein Mob griff über den Oberrang der Gegengerade den Gästebereich an. AIKs sowieso im Oberrang weilendes schlagkräftiges Personal reagierte und kam dem Lieblingsfeind  entgegen. Die Angreifer wurden in die Flucht geschlagen und ihr Fluchtweg wurde nun auch noch zu allem Überfluss von der Polizei abgeschnitten. Die hässliche Fratze des Fußballs lieferte uns einmal mehr Szenen, die wir in keinem Fußballstadion sehen wollen! Trotzdem, nächster Punkt für AIK. Somit kategorieübergreifend ein 4:0 Derbysieg.

Krawall und Remmidemmi

Im Stadion gab es nun wirklich nichts mehr zu sehen und es ging wieder raus in die Sonne, wo sich der AIK-Ultramob sammelte, um gemeinsam zur Bahnstation zu marschieren. Die Fantrennung funktionierte und gegen 18 Uhr war der „Stolz der Stadt“ wieder im Zentrum präsent. Mit Derbysieger-Sprechchören (ja, auf deutsch) ging es die letzten Meter zum Pub. „Harry B. James“ durfte noch einmal Reibach machen. Es war eine ausgelassene Stimmung und es wurden neue Pläne für gemeinsame Aktivitäten geschmiedet. Ich ärgere mich schon jetzt, dass ich zu den Quali-Runden der Europa League keinen Urlaub kriegen werde.

Der Mob

Um 21 Uhr hatten unsere Busfahrer sowohl ihre vorgeschriebene Ruhezeit erreicht, als auch den Weg zum Pub gefunden. Der qualifizierte Alkoholgenuss der letzten Stunden wurde im Bus fortgesetzt und die Party war mindestens so gut wie auf der Hinfahrt. Eher besser. Schließlich hatten wir jetzt keine Termine mehr und leicht einen sitzen. Irgendwann fielen natürlich doch mal die Augen zu, aber Monti ist bekanntlich besser als jeder Wecker. Über das Mikro klärte uns unser „palästinensischer“ Reiseleiter auf, dass völlig überraschend die Öresundbrücke auch auf der Rückfahrt Maut kostet. Diesmal wollte er im Windschatten seiner Beschwichtigungen von jedem nochmal sechs Euro in den Hut gelegt haben, weil er sich auf der Hintour verrechnet hatte. Komm, schmeiß rein… Hannover hat’s ja!

Die Ostsee

Auf jener Brücke blieb leider überraschend der Bus liegen. Wir rechneten fest damit, dass Monti gleich abermals den Hut rumgehen lässt. „Ja, sorry. Das war so nicht eingeplant. Können wir nichts für, können die Fahrer nichts für. Aber hier geht meine Mütze rum und jeder tut bitte 5.000€ rein und dann kaufen wir davon einen neuen Bus.“ Gott sei Dank sprang die Karre nach gefühlt 30 Minuten wieder an. Im Halbschlaf interessierte mich wenig, was eigentlich los war und wie die Busfahrer es repariert haben. Hauptsache es ging wieder voran. Auf der Fähre nach Puttgarden wurde schließlich noch Alkohol für den Heimbedarf gekauft und vielleicht lag es an der Übermüdung, aber ich glaube ich habe erst einen Affen in unserem Bus gesehen und dann an Deck der Fähre ebenfalls.

Ich glaub mich laust ein Affe

Zwischen Hamburg und Hannover gab es leider noch zwei Staus, welche man natürlich, nach rund 40 Stunden unterwegs, gebrauchen konnte wie Fußpilz. Doch um Punkt 14 Uhr durften wir alle aus dem märkischen Schülerreisebus purzeln. Mit Palms abfahrbereiter Freundin (Besten Dank!) ging es nun als Kleingruppe zu weiteren Zielen. Für Bega war dies den Ersatzschlüssel organisieren, für Palm und Gattin eine Gartenparty und für Ole und mich das Fußballkreispokalfinale Hildesheims in Asel.

21.06.2018
FSV Sarstedt – TuS Grün-Weiß Himmelsthür 1:0
Kreispokal Hildesheim (Finale)
Sportanlage am Farkenberg Asel (Att: 800)

Gegen 14:30 Uhr krochen wir den Farkenberg hoch und entrichteten 4€ für das Premiumspiel des Hildesheimer Fußballkreises. Zusammen mit ungefähr 800 weiteren Zuschauern, wovon mindestens 200 den Himmelsthürern die Daumen drückten. Aber auch Sarstedt hatte Anhang in dreistelliger Anzahl mitgebracht. Deren Club hatte gerade erst den Aufstieg in die Bezirksliga gefeiert, will seine Fußballabteilung vom Gesamtverein ausgliedern und mittelfristig noch etwas höher hinaus. Himmelsthür dagegen hat sich nach dem letztjährigen Aufstieg in die Kreisliga dort etabliert, muss aber immer noch mit dem Makel leben, dass ein Fanatiker der Eintracht aus BS in ihren Reihen kickt. Dementsprechend waren meine Sympathien klar auf Seiten der Sarstedter.

Einsatz – Wille – Leidenschaft – Holt den Pokal

Mit Freude erinnerte ich mich an das letztjährige Kreispokalhalbfinale, als der BS-Mokel (nach der Derbyniederlage seiner Eintracht und dem Scheitern im Aufstiegskampf der 2.Bundesliga) im Elfmeterschießen versagte, vor uns wie ein Lieberknecht rumsprang und laut pöbelte, ehe er im Boden versank. Aufgrund einer Verletzung würde es heute leider keine Wiederholung dieser Szenen auf dem Rasen geben, aber dennoch sollte der gegenwärtige Schmerz über den wunderbaren Abstieg der Eintracht in die 3.Liga auf keinen Fall mit einem persönlichen sportlichen Erfolg gelindert werden.

Überdimensioniertes Trikot der Himmelsthürer

Zum Glück kam alles so wie gewünscht. Eine ausgeglichene Partie, auf nicht besonders hohem Niveau, konnte der FSV Sarstedt durch das einzige Tor des Tages für sich entscheiden. Dominik Rössig war in der 25.Minute für die blau-weißen Kicker erfolgreich. Diese Führung blieb lange ungefährdet, erst in der Schlussphase bäumten sich die Himmelsthürer nochmal auf. Da meldete sich dann auch ihr Anhang zu Wort. Ist ja schön und gut ein Spruchband zu malen, Fahnen mitzunehmen und richtig viele Leute zu mobilisieren. Aber warum man dann 80 Minuten schweigt, anstatt ab und an die wacker kämpfenden Jungs anzufeuern, ist mir ein Rätsel. Zumal man nun sah, dass die Anfeuerungsrufe nochmal das Letzte aus den Spielern rauskitzelten. Ergo verschluckte ich mich in der 89.Minute fast an der besten Bratwurst im Kreis (für alle Grillfreunde: Urheber ist die Schlachterei Quante in Borsum). Bei einer Flanke verschätzten sich alle Akteure und der Ball wurde länger und länger, ehe er von der Sarstedter Torlatte ins Aus prallte.

Edelfans

Wenig später war Abpfiff und Sarstedts Kapitän Thilo Neumann durfte die begehrte Trophäe vom NFV-Kreisvorsitzenden entgegen nehmen. Ich dagegen nahm meine im Spind der 2.Herren des SC Asel zwischengelagerten Bierpaletten wieder entgegen (da hätten die sonst nicht lange überlebt) und brauste mit den zugestoßenen Mitstreitern Bene und Fat Lo von dannen. 12 Stunden Schlaf waren noch drin, bevor die neue Arbeitswoche eingeläutet werden musste.