Dolny Śląsk (Niederschlesien) 08/2026 (II)

  • 22.08.2026
  • Śląsk Wrocław – Widzew Łódź 3:3
  • Ekstraklasa (I)
  • Stadion Miejski (Att: 21.205)

Unsere kleine Vater-Sohn-Reise durch Schlesien bekam ihr Finale in Wrocław (Breslau). Dort sollte die Urlaubswoche von Freitag bis Sonntag mit Sportveranstaltungen, Sehenswürdigkeiten und Schmackhaftigkeiten ausklingen. Die von rund 670.000 Menschen bewohnte Hauptstadt der Województwo dolnośląskie (Woiwodschaft Niederschlesien) erreichten wir am Freitagnachmittag gegen 16:45 Uhr und mussten uns zunächst einmal quer durch die Stadt und ihren Feierabendverkehr quälen, um den Ort unserer heutigen Abendveranstaltung zu erreichen.

Welcome to Wrocław

Ziel war das 1928 als Schlesierkampfbahn eröffnete Stadion Olimpijski im Stadtteil Zalesie. Allerdings stand ausnahmsweise kein Fußball auf unserer Agenda, sondern Żużel. So nennt der Pole den in seinem Land äußerst beliebten Rennsport Speedway und darf seine Leidenschaft dafür mit meinem Vater teilen. Der hat seinerseits auch schon ein paar Rennen in Deutschland und Dänemark besucht und wusste zu berichten, dass Speedway vor 40, 50 Jahren in der Bundesrepublik ebenfalls einigermaßen populär war. Der Höhepunkt der nationalen Begeisterung war wahrscheinlich erreicht, als Egon Müller 1983 Deutschlands erster (und weiterhin einziger) Weltmeister in dieser Sportart wurde.

Ankunft am Stadion Olimpijski

Heute sind die deutschen Fahrer und Teams leider alle weit weg von internationaler Klasse, während Polens Ekstraliga seit vielen Jahren das Maß der Dinge ist. Die Zuschauerzahlen sind hoch und auf den Rängen gibt es sogar eine ziemlich lebendige Fankultur. Daher baute ich diesen Programmpunkt nicht nur Vattern zuliebe ein, sondern war selbst auch vorfreudig auf meinen Erstbesuch beim Speedway. Um das Erlebnis noch etwas umfangreicher zu machen, organisierte ich uns obendrein zwei Presseakkreditierungen.

Die Gegengerade mit dem Fanblock von Sparta

Nichtsdestotrotz stand der heutige Rennabend unter keinem guten Stern. Weil Unwetter drohte, wurde der Startschuss des ersten Laufs zwischen Gastgeber Sparta Wrocław (aktueller Spitzenreiter der Ekstraliga) und Włókniarz Częstochowa (derzeit Tabellenschlusslicht) kurzfristig um eine Viertelstunde auf 17:45 Uhr vorverlegt und wir schafften es gerade so rechtzeitig ins immerhin mit gut 10.000 Zuschauern gefüllte Rund. Darunter auch knapp 200 Gästefans aus dem ca. 160 Kilometer entfernten Częstochowa (Tschenstochau).

Startschuss für den ersten Lauf des Abends

Bevor ich jetzt auf den Rennverlauf eingehe, komme ich wohl nicht umhin kurz das Regelwerk zu erläutern. Gefahren wird auf einer Sandbahn mit Motorrädern ohne Bremsen und Gangschaltung. Es finden 15 Rennläufe à vier Runden statt und pro Lauf (polnisch Biegi) wetteifern je Team zwei Fahrer um Punkte. Der Erstplatzierte bekommt drei Punkte, der Zweite zwei, der Dritte einen und der Letzte geht leer aus. Entsprechend ist das bestmögliche Ergebnis pro Biegi ein 5:1 für eines der Teams. Diese Teams bestehen übrigens insgesamt aus sieben Fahrern (darunter immer auch zwei U21-Fahrer) und weil jeder davon maximal an fünf Läufen teilnehmen darf, spielt die Teamstrategie eine sehr wichtige Rolle. Die Teamchefs müssen gut abwägen, in welchen Läufen sie ihre stärksten Fahrer einsetzen und wie sie personell auf die Entwicklungen im Laufe des Rennens reagieren.

Die Motorräder driften durch die Kurve

Bei der heutigen tabellarischen Ausgangssituation würden aber wahrscheinlich selbst die genialsten taktischen Kniffe der Gäste die Qualitätsunterschiede der beiden Rennkader nicht ausgleichen können. Und obwohl Włókniarz in den ersten acht Läufen gleich viermal seinen besten Fahrer Jakub Miśkowiak antreten ließ und dieser die Maximalausbeute von zwölf Punkten holte, punktete Sparta konstanter. Entsprechend stand es nach acht Läufen bereits 27:21 für die rot-gelben Gastgeber. Wir rechneten nun fest damit, dass das Ergebnis im zweiten Teil des Rennabends noch deutlicher wird. Jedoch war der Regen von Lauf zu Lauf stärker geworden und kurz vor dem neunten Biegi verkündete der Stadionsprecher leider den Rennabbruch.

Jubel auf der Haupttribüne

Als ich mich gerade bei Petrus mit einem beliebten polnischen Kraftausdruck für die Verhinderung meines ersten Speedway-Länderpunkts bedanken wollte, wurden wir von polnischen Kollegen glücklicherweise über einen weiteren Punkt des Reglements aufgeklärt. Ein Rennen kann ab acht Biegi gewertet werden und 27:21 war demgemäß das reguläre Endergebnis des heutigen Matches. Wir zogen jetzt mit dem Rest der Pressevertreter zum Fahrerlager und zur Mixed Zone, wo sich die siegreichen Spartaner den Interviewwünschen der Journalisten stellten. Sie hatten die Tabellenführung erfolgreich verteidigt und gehen nun als größter Titelfavorit in die Play-offs. In denen müssen sie sich nochmal mit den zweit- bis vierplatzierten Teams der acht Teilnehmer starken Ekstraliga messen, während die untere Tabellenhälfte mitsamt Włókniarz einen Absteiger ermitteln muss.

Support im Fanblock

Trotz des unerwartet schnellen Endes – letztlich dauerten die acht Rennläufe kaum mehr als eine halbe Stunde – war es meinerseits ein interessanter Einblick in diesen Sport. Ich bin ja eigentlich kein großer Motorsportfan, aber Speedway gefällt mir vom Modus eine Ecke besser als klassische Motorrad- oder Autorennen. Obendrein war die Stimmung auch ganz nett. Dabei muss ich erwähnen, dass das Publikum während der Läufe natürlich ordentlich mitfieberte und es für geglückte Überholmanöver immer Szenenapplaus gab. Wirklich lautstark gejubelt wurde allerdings nur am Ende eines erfolgreichen Rennlaufs und am lautesten war es immer zwischen den Läufen. In diesen Pausen herrscht eine Stimmung wie in polnischen Fußballstadien mit Klatscheinlagen, Fangesängen und brachialen Schlachtrufen. Macht eben wenig Sinn während der Biegi gegen den Motorenlärm anzubrüllen.

Das Fahrerlager

Als wir gegen 19 Uhr das Stadion verließen, stellten wir außerdem fest, dass es in Polen beim Speedway sogar zu Hooliganismus kommen kann. So wurden wir tatsächlich noch Zeugen wie eine Gruppe Vermummter versuchte einen der Gästebusse an der Parkplatzausfahrt anzugreifen. Doch die Polizei war auf Zack, vereitelte den Angriff und nahm ein paar Gewalttäter Motorsport aus Wrocław fest. Während die Gäste anschließend sicher abreisen konnten, zog es uns vom Stadion Olimpijski zum Stadion Miejski ans andere Ende der Stadt. Allerdings nicht für eine weitere Sportveranstaltung an diesem Abend, sondern weil wir direkt neben der Heimstätte des Fußballclubs WKS Śląsk Wrocław unser Hotel für die kommenden zwei Nächte beziehen mussten.

Ein letzter Blick ins mittlerweile leere Rund

Dabei handelte es sich um das Ibis Budget Wroclaw Stadion, welches uns pro Zimmer und Nacht (inklusive Frühstück) insgesamt 130 € berechnete. Nach dem Check-in dort musste natürlich noch ein Abendessen her und dafür war die nächstbeste Option die Stadiongastwirtschaft Stu Mostów*, welche von der gleichnamigen lokalen Brauerei betrieben wird. Wir bestellten uns dort jeder ein Burgermenü, bei dem uns für 67 Złoty (ca. 15,50 €) Cheeseburger, Fritten und große Biere serviert wurden. Bier übrigens das WRCLW Pilz von Stu Mostów.

Burgerdeal bei Stu Mostów

Nach dem Abendessen kamen wir gerade so trockenen Fußes zurück ins Hotel. Denn gegen 21:30 Uhr tobte tatsächlich noch ein richtiges Unwetter mit Starkregen und heftigen Sturmböen über Wrocław. Zum Glück sah die Welt am nächsten Morgen schon wieder besser aus und nach dem Frühstück wagten wir uns trotz bewölktem Himmel erstmal ohne Regenschirme ins etwa sechs Kilometer vom Hotel entfernte historische Herz der Stadt.

Ein deftiger Start in den Tag

Die Distanz dorthin überwanden wir per Tram und lösten gleich mal Tagestickets à 15 Złoty (ca. 3,50 €), da noch mindestens drei weitere Bahnfahrten im Tagesverlauf absehbar waren. Wir verließen die Bahn an der Haltestelle Rynek und waren nach wenigen Schritten am gleichnamigen Platz. Jener Rynek (Ring) zählt mit einer Fläche von ca. 3,8 Hektar zu den größten Marktplätzen Europas und ist seit dem 13. Jahrhundert verbrieft. Der Platz wird von etlichen wunderschönen historischen Bürgerhäusern gesäumt und im Zentrum steht mit dem Stary Ratusz (Altes Rathaus) ein architektonisches Meisterwerk der Gotik.

Häuserzeile am Rynek

Der Bau des Rathauses begann ebenfalls im 13. Jahrhundert und wirklich vollendet war er eigentlich erst im Jahre 1580, als die Ostfassade ihre markante astronomische Uhr bekam. Wie die meisten Gebäude am Rynek erfuhr das Stary Ratusz leider schwere Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Allerdings haben die Polen nach 1945 fast alles an historischer Bausubstanz wieder rekonstruiert, so dass Wrocław trotz dieser Katastrophe einen der schönsten Stadtkerne des Landes vorweisen kann. Wer mehr über die wechselvolle Geschichte der niederschlesischen Stadt und ihre vielen kulturellen Einflüsse lesen will, bekommt nun einen Verweis auf meinen Bericht Wrocław 07/2023.

Das Stary Ratusz

Am Rynek wurde mein Vater natürlich auch auf die vielen bronzenen Zwerge aufmerksam, von denen es im ganzen Stadtgebiet mittlerweile wohl eine vierstellige Anzahl gibt. Die kleinen Skulpturen erinnern an den so genannten Zwergenprotest in den 1980er Jahren. Damals hatten Studenten in Wrocław die Pomarańczowa Alternatywa (Orangene Alternative) gegründet und Zwerge als Bildsprache für ihren subversiven Protest gegen das kommunistische Regime benutzt. Es wurde in Zwergenkostümen demonstriert, die politischen Graffiti der Gruppe kamen nie ohne Zipfelmützenträger aus und irgendwann tauchte über Nacht der erste Bronzezwerg auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt auf.

Einer der unzähligen Bronzezwerge in Wrocław

Vom Rynek führte uns der Weg dann ein paar hundert Meter nach Norden zum monumentalen Hauptgebäude der hiesigen Universität. Dabei widmete sich mein Vater, wie wahrscheinlich jeder Erstbesucher, erstmal einer kleinen Zwergenjagd als Sidequest. Am Zwischenziel wollten wir uns die berühmte barocke Aula Leopoldina der 1702 von Kaiser Leopold I. (HRR) als Jesuitenkolleg gegründeten Hochschule anschauen. Doch die Schlange war uns etwas zu lang und am gegenüberliegenden Ufer der Odra (Oder) lächelte uns ein just öffnender Biergarten an.

Blick auf das Hauptgebäude der 1702 als Universitas Leopoldina gegründeten Uniwersytet Wrocławski

Der angesteuerte Ausschank befand sich auf der Wyspa Słodowa (Malzinsel) und an dem Ort, wo sich dereinst die Mälzereien der Stadt befanden, mussten wir natürlich etwas Gerstenmalzhaltiges bestellen. Es wurden zwei halbe Liter Miłosław Pilzner à 18 Złoty (ca. 4,20 €). Doch kaum waren die ausgetrunken, begann es um Punkt 12 Uhr zu regnen. Zum Glück erstmal nur ein kurzer Schauer, den wir unter dem dichten Blätterdach einer Kastanie vorüberziehen ließen.

Inselhopping

Allerdings deutete das Regenradar auf weitere Kapriolen im Laufe des Nachmittags hin, so dass wir uns fortan vorwiegend in Innenräumen aufhalten wollten. Über ein paar der über 100 Brücken der Stadt ging es daher von der Wyspa Słodowa via Wyspa Młyński (Mühleninsel) und Wyspa Piasek (Sandinsel) zur Ostrów Tumski (Dominsel). Jene Insel ist wiederum Wrocławs ältester Siedlungskern. Bereits im 10. Jahrhundert errichteten die slawischen Piasten hier eine hölzerne Burg und um das Jahr 1000 herum entstand ein erster Dom. Dessen gotischer Nachfolgebau aus dem 13. Jahrhundert ist bis heute das Herzstück der Insel und der Innenraum jener Johannes dem Täufer geweihten Kathedrale war natürlich nicht nur schön trocken, sondern ist auch schön ausgestaltet.

Kathedra und Chorgestühl im Dom

Nach der Domvisite stand als Nächstes die zum UNESCO Welterbe zählende Hala Stulecia (Jahrhunderthalle) auf unserer Agenda. Bei besserem Wetter hätte sich ein etwa drei Kilometer langer Spaziergang am Ufer der Odra angeboten. Doch heute war ein Zustieg am Dom in die touristische Tramlinie T die bessere Option. Diese Linie verkehrt immer an Samstagen und Sonntagen in historischen Bahnen auf einer ca. sechs Kilometer langen Route zwischen der Oper und der Jahrhunderthalle. Dabei ist die Nutzung zu normalen Tarifen möglich, weshalb wir mit unseren Tagestickets mitfahren konnten.

Unterwegs in einer in den 1920er Jahren in den Breslauer Linke-Hoffmann-Werken gebauten Straßenbahn

Kaum saßen wir in einer rund hundert Jahre alten Tram mit Holzinterieur, prasselte erneut ein starker Regenguss auf Wrocław nieder. Ergo ging es vom Endpunkt der Linie T mit besonders schnellen Schritten zum Eingang der Hala Stulecia. Dort konnten wir uns für 26 Złoty (ca. 5,90 €) Schutz vor dem Wolkenbruch erkaufen. Da der Kuppelbau jedoch gerade von Netflix für eine Produktion angemietet war, war die eigentliche Halle nur leider verdunkelt und größtenteils mit riesigen Vorhängen abgehangen. Aber der Innenraum beeindruckte auch in diesem Zustand und im Foyer vermittelten uns interaktive Ausstellungsräume anhand von Touchscreens, VR-Brillen und Filmaufnahmen die Bau- und Nutzungsgeschichte der Halle.

Ein erster Blick auf die Jahrhunderthalle

Die Zeitreise führte uns dort zurück ins Jahr 1911, als die Stadt noch amtlich Breslau hieß und zum Deutschen Reich gehörte. Dieser von der preußischen Hohenzollerndynastie beherrschte erste deutsche Nationalstaat wollte zwei Jahre später reichsweit an den 100. Jahrestag der preußischen Erhebung gegen Napoleon und den Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig erinnern. In der damaligen Feierlaune bekam der Breslauer Stadtbaurat Max Berg die öffentlichen Mittel zum Bau einer großen Veranstaltungshalle bewilligt und erstes Ereignis in der Jahrhunderthalle wurde natürlich eine große Ausstellung zur Völkerschlacht und den Befreiungskriegen gegen die Franzosen in den Jahren 1813 bis 1815.

Die Kuppel der Jahrhunderthalle

Wenngleich der Anlass rückwärtsgewandt war, wirkte Bergs Entwurf umso fortschrittlicher. Er setzte auf einen damals neuartigen Baustoff namens Stahlbeton und seine für bis zu 10.000 Besucher ausgelegte Halle bekam die seinerzeit größte freitragende Kuppel der Welt mit einem Durchmesser von 65 Metern. Breslau hatte fortan einen der modernsten Veranstaltungsorte des Reiches, der rege für u. a. Messen, Konzerte, politische Kundgebungen und Sportveranstaltungen genutzt werden sollte. Das blieb auch nach 1945 so, als fast ganz Schlesien an Polen fiel. Aus der Jahrhunderthalle wurde allerdings erstmal die Hala Ludowa (Volkshalle) und 1948 montierte man eine fast 100 m hohe Stahlnadel als Symbol des polnischen Neubeginns auf den Vorplatz.

Ein Teil der Zuschauerränge

Fast 100 Jahre nach der Fertiggestellung der Jahrhunderthalle, konstatierte die UNESCO schließlich, dass Max Berg durch seinen gewagten Entwurf und den bahnbrechenden Einsatz von Eisen- und Stahlbeton mit der Jahrhunderthalle den Monumentalbau der Moderne bedeutend prägte. Entsprechend wurde das Bauwerk 2006 von der UNESCO ins Welterbe eingetragen und zugleich kehrte man in Polen zum ursprünglichen Namen, respektive der polnischen Entsprechung zurück.

Die Jahrhunderthalle von außen

Als wir die Jahrhunderthalle gegen 14:30 Uhr verließen, hatte der Regen erstmal wieder aufgehört. Wir schlenderten noch ein wenig über den Trödelmarkt vor der Halle und durch den das Gelände einfassenden Park Szczytnicki (Scheitniger Park). Anschließend nutzten wir die Linie T end to end. Vom Opernhaus wollten wir noch ein zweites Mal quer durch die Altstadt flanieren. Wobei wir diesmal eine andere Route wählten und u. a. noch die 1906 eröffnete und ebenfalls aus Stahlbeton errichtete Hala Targowa (Markthalle) besuchten.

Der andere Endpunkt der Linie T

In diesem „Bauch von Breslau“ ignorierten wir jedoch alle kulinarischen Verlockungen. Denn weil heute um 20:30 Uhr Fußball für uns angesagt war, hatte ich bereits für den späten Nachmittag (17 Uhr) einen Tisch für’s Abendessen reserviert. Es ging zurück auf die Ostrów Tumski, wo im Restaurant Lwia Brama² vom Guide Michelin empfohlenes Fine Dining geboten wird.

Der Dom und der Bischofspalast auf der Dominsel

Im mittelalterlichen Gewölbekeller des Restaurants wurden wir zunächst mit Kaninchenpastete als Amuse-Gueule begrüßt. Anschließend wählte ich als Vorspeise das Tatar vom Rinderfilet. Das rohe und mit u. a. Eigelb vermengte Rinderhack war mit einer klassischen Sauce tartare bestrichen und wurde von einem Dach aus frischen Kräutern wie Liebstöckel und Schnittlauch gekrönt. Mein Vater hatte sich indes für den Sommersalat entschieden. Dahinter verbarg sich eine Mischung aus Obst und Gemüse, die sich den Teller mit sautierten Pfifferlingen und gegrilltem Käse teilte.

Rinderfilet als Vorspeise

Als Hauptgang hatten wir uns gleichermaßen für das Entenfilet mit Kirschsauce, Grillgemüse und Kartoffelgratin entschieden. Zum zartrosa gegrillten Geflügel hatten wir uns einen passenden Rotwein empfehlen lassen und davon zwei Gläser geordert. Die füllten zusammen mit einer Flasche Wasser und zwei Tassen Espresso die Sparte Getränke auf der letztlich 434 Złoty (ca. 100 €) hohen Gesamtrechnung.

Entenfilet als Hauptgang

Wir verließen das Restaurant gegen 18:30 Uhr sehr zufrieden und fuhren mit der Tram erstmal zum Hotel zurück. Dort gönnten wir uns noch zwei eiskalte Żywiec à 8 Złoty (ca. 1,80 €) aus dem Kühlschrank in der Lobby. Denn man hatte uns gestern in der Stadionkneipe bereits vorgewarnt, dass beim heutigen Risikospiel gegen den 1910 gegründeten vierfachen polnischen Meister Widzew sowohl im Stu Mostów, als auch im Stadion von Śląsk nur alkoholfreies Bier im Ausschank sein wird.

Das Stadion Miejski in der Abendsonne

Bei Risikospielen finden lokale politische Autoritäten in Polen bekanntlich gerne Gründe den Gästesektor zu sperren. Aber obwohl beide Fanlager spätestens seit einem tödlichen Zwischenfall im Jahre 2003** unversöhnlich verfeindet sind, waren unter den insgesamt 21.205 zahlenden Zuschauern auch rund 1.700 Schlachtenbummler aus dem ca. 200 km Łódź (Lodsch). Damit war das für die EM 2012 errichtete mit seinen 45.000 Plätzen für Śląsk leider überdimensionierte Stadion Miejski immerhin knapp zur Hälfte gefüllt.

Die Heimkurve am heutigen Abend

Entsprechend konzentrierten sich unsere Augen von den 66 Złoty (ca. 15 €) teuren Haupttribünenplätzen nicht nur auf den Rasen und die Heimränge, sondern auch auf den gut gefüllten Gästesektor. Allerdings verzichteten beide Fanlager zunächst auf besondere optische Aktionen und beschränkten sich auf landestypisch laute akustische Selbstinszenierung. Einen ersten Höhepunkt erreichte der Lärmpegel in der 7. Spielminute, als Widzews Verteidiger Przemysław Wiśniewski nach VAR-Intervention wegen groben Foulspiels vom Platz gestellt wurde.

Die Czerwona Armia (Rote Armee) aus Łódź

Jetzt waren die Anhänger des zweimaligen polnischen Meisters WKS Śląsk natürlich guter Dinge, dass am fünften Spieltag der zweite Saisonsieg glückt. Doch der Wiederaufsteiger, der 2025 übrigens als amtierender polnischer Vizemeister den Gang in die 2. Liga antrat, fühlte sich schnell im falschen Film. Denn trotz Unterzahl ging Widzew durch einen Treffer von Mario García in Führung (15.) und Fran Álvarez baute den Vorsprung bald sogar noch aus (36.). Dieser Spielverlauf sorgte zwischenzeitlich für viele halbnackte Widzewiacy im Gästeblock, während die Heimsektoren ihre enttäuschende Elf teilweise mit Pfiffen in die Pause verabschiedeten.

Jubelszenen nach dem zwischenzeitlichen 0:2

Während die Mannschaften in der viertelstündigen Unterbrechung mit ihren Trainern an der Marschrichtung für die zweite Halbzeit feilten, herrschte auch im Gästesektor reges Treiben. Die Ultras Widzew entrollten eine Blockfahne, die nahezu die gesamte Stadionecke ausfüllte. Als der Ball dann wieder rollte, leuchtete und qualmte es erwartungsgemäß an den Rändern des großflächigen Textils.

Blockfahne der Ultras Widzew

Kaum war der Rauch verzogen, brachte ausgerechnet ein Eigentor von Widzews Verteidiger Steve Kapuadi die 1947 als Wojskowy Klub Sportowy (Armeesportklub) gegründeten Hausherren zurück ins Spiel (48.). Es folgte eine Sturm- und Drangphase der Wrocławianin, in jener der Ausgleich mehrfach in der Abendluft lag. Doch bei einem Entlastungsangriff der Gäste konnte sich mit Ángel Baena verrückterweise auch noch der dritte Spanier in den Reihen von Widzew in die Torjägerliste eintragen (62.).

Gemäß polnischer Gewohnheit folgte auf eine Blockfahne natürlich Pyrotechnik

Da bist du fast seit Spielbeginn ein Mann mehr und liegst zuhause nach einer guten Stunde trotzdem mit 1:3 zurück. Obendrein gegen eine Mannschaft, die bisher nur einen Punkt mehr als du geholt hat und eigentlich einigermaßen auf Augenhöhe sein sollte. Wie verarbeitest du das als Mannschaft, wie reagierst du als Trainer? Wahrscheinlich hat Chefcoach Ante Simundza die Auswechselbank von Śląsk fieberhaft nach Spaniern abgesucht.

Die Anhänger von Śląsk wittern wieder Morgenluft

Mangels iberischen Optionen, mussten es jedoch Joker mit anderen Nationalitäten richten. Einer davon war der Pole Przemysław Banaszak, der den Grünen mit dem 2:3 in der 78. Minute wieder Hoffnung schenkte. Danach folgte eine packende Schlussoffensive, in welcher der Heimanhang alsbald wieder jubelte. Doch der bosnische Śląsk-Stürmer Luka Marjanac stand bei seinem vermeintlichen Ausgleichstor offenbar hauchzart im Abseits.

Freude über den späten Ausgleich

Aber dieser verrückte Fußballabend hatte ja noch ein paar Minuten und kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit ließ der albanisch-deutsche Doppelstaatsbürger Eniss Shabani mit dem zweiten Jokertor des Abends den WKS-Anhang abermals ausflippen. Es sprang also immerhin eine Punkteteilung heraus, die bei netto neunzig Minuten in Überzahl eigentlich enttäuschend war, aber sich ob des dramatischen Spielverlaufs nun doch fast wie ein Sieg anfühlte.

Na zdrowie!

Mindestens genauso zufrieden wie die Fans, waren bei Abpfiff auch mein Vater und ich. Das war mitreißende Unterhaltung gewesen, auf die wir wenig später nochmal in der Hotellobby anstießen. Diesmal mit dem ebenfalls acht Złoty teuren American Pale Ale aus dem Hause Żywiec. Am Sonntagmorgen stand dann außer Frühstücken nichts mehr auf unserer Agenda in Wrocław, so dass wir um 8:30 Uhr auf zumindest bis Berlin sehr leeren Autobahnen die Heimreise antraten. Ziemlich genau acht Stunden später endete schließlich unsere insgesamt sieben Tage und 1.896 km lange Reise.

Song of the Tour: Wrocław Got To Do With It?

*Wrocław trägt den Beinamen Miastem stu mostów (Stadt der 100 Brücken), weil tatsächlich weit über 100 Brücken innerhalb der Stadtgrenzen die Odra und ihre Nebenarme überspannen.

**Am 17. Mai 2003 kam es auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel in Bełchatów auf einem Parkplatz nahe Walichnowy zu einem Angriff auf einen Fanbus von Śląsk. Hooligans von Widzew hatten den Bus offenbar mit mehreren PKW verfolgt und überraschten die rastenden Fans aus Wrocław. Bei den Auseinandersetzungen wurde der 17jährige Śląsk-Fan Roland „Rolik“ Leszczyński sehr schwer verletzt. Er erlag seinen Verletzungen acht Tage später im Krankenhaus.

Gedenkbanner für Roland „Rolik“ Leszczyński

Die Rivalität ist allerdings noch älter und hat ihre Wurzeln bereits in den frühen 1980er Jahren, als Widzew mehr oder weniger aus dem Nichts in die nationale Spitze vorstieß und für seine Erfolge fast im ganzen Land gleichermaßen beneidet und gehasst wurde. In jüngerer Vergangenheit bekam die alte Feindschaft zwischen Śląsk und Widzew obendrein neuen Zündstoff, weil die 2016 von Wisła, Ruch, Widzew und Elana formierte Achse WRWE die seit den 1970er Jahren bestehende Freundschaft der Szenen von Wisła und Śląsk zerstörte.