Górny Śląsk (Oberschlesien) 08/2026

  • 20.08.2026
  • Górnik Zabrze – AS Monaco 2:3
  • UEFA Conference League (Play-off)
  • Stadion Miejski w Zabrzu im. Ernesta Pohla (Att: 23.027)

Den Mittelteil unserer Sommerreise nach Schlesien widmeten mein Vater und ich dem oberschlesischen Industrierevier. Als Basislager für dieses Unterfangen hatte ich Katowice (Kattowitz) auserkoren. Dort bezogen wir am späten Mittwochnachmittag unsere pro Nacht je 55 € teuren Zimmer im Eurohotel im Stadtteil Nikiszowiec (Nickischschacht).

Eigentlich ist Katowice gelb, grün und schwarz

Nikiszowiec hatte bei meinen vorherigen Reisen nach Katowice einen bleibenden Eindruck hinterlassen und wurde daher diesmal der Kernstadt vorgezogen. Allerdings wollte ich meinem Vater auch nicht das Zentrum der größten Stadt des Reviers (ca. 280.000 Einwohner) vorenthalten und hatte dort für den heutigen Abend einen Tisch im Restaurant Tatiana reserviert.

Katowice-Nikiszowiec ist jedoch blau-weiß

Daher fuhren wir gegen 18 Uhr per Bus für 5,20 Złoty (ca. 1,20 €) pro Person zum in etwa sechs Kilometer entfernten Rynek (Ring) im Herzen der Stadt. Es folgte ein kleiner Streifzug durch das Zentrum, eher wir um 19 Uhr unsere Plätze im auch am heutigen Mittwochabend zu 100 % ausgelasteten Gastraum des Restaurant Tatiana einnahmen. Kulturfolgern von Schneppe Tours sei somit selbst unter der Woche eine vorherige Reservierung angeraten.

Die Fußgängerzone Staromiejska im Zentrum von Katowice

Nachdem wir zu unseren Plätzen geführt wurden, bestellten wir erstmal zwei halbe Liter Żywiec vom Fass. Die wurden uns zusammen mit einem Brotkorb und einem Schmalztöpfchen auf den Tisch gestellt. Anschließend wollte ich unbedingt wie bei meinem letzten Besuch die Żur śląski genießen. Mein Vater ließ sich von meinen Schwärmereien für diese schlesische Sauersuppe mit u. a. Białą kiełbasą (Weißwurst), pouchiertem Ei und Kartoffelpüree als Einlage anstecken und sollte es nicht bereuen.

Żur śląski

Da wunderte es nicht mich nicht, dass der Gastronom beim Hauptgang nochmal eine Empfehlung von mir annahm und sich für die köstliche Rinderroulade mit schlesischen Kartoffelklößen und Rotkohl entschied. Der Gastrodauergast wählte indes die mit Pute gefüllte Wirsingroulade, die von einer Weißweinsahnesauce, saurer Sahne, gebratenen Pfifferlingen und Buchweizenknäckebrot begleitet wurde. Wir waren am Ende beiderseits hochzufrieden und zahlten gerne die Rechnungssumme in Höhe von 260 Złoty (ca. 60 €). War für das Gebotene wirklich preiswert.

Tatianas Wirsingroulade

Anschließend sollte es noch auf einen Absacker in die Partymeile Mariacka gehen. Da war ebenfalls gut was los und viele der Bars gab es bei meinem letzten Besuch hier noch gar nicht. Nervig war allerdings, dass man mittlerweile alle drei Meter von jungen Damen in den so genannten Gentleman’s Club geködert werden soll. Weil ich auf dem Rückweg zum Rynek bemerkte, dass ich obendrein meine Jacke in der Bar Pijalnia Wódki i Piwa vergessen hatte, mussten wir insgesamt dreimal die Mariacka rauf und runter gehen und wurden dabei rund dreißig Mal angequatscht.

Die Ausgehmeile Mariacka in der Abenddämmerung

Nach einer angenehmen Nachtruhe genossen wir am Donnerstagmorgen ab 8 Uhr zunächst einmal das im Übernachtungspreis inbegriffene Frühstück. Anschließend machten wir in der Morgensonne einen kleinen Spaziergang durch Nikiszowiec. Die wahrscheinlich schönste Arbeitersiedlung Oberschlesiens wurde vor über 100 Jahren (1909 bis 1918) für die Bergmannsfamilien der damaligen Gieschegrube errichtet.

Deftiges Frühstück im Eurohotel

Die beauftragten Architekten erschufen dabei eine wunderbar symmetrische Mustersiedlung, deren Häuserreihen mitnichten so schlicht und monoton wie bei vergleichbaren Siedlungen wirken. Mit Erkern, Torbögen und Arkaden bekamen die Wohnblöcke aus Barock und Klassizismus inspirierte Stilelemente. Dazu wird der dunkelrote Backstein durchgängig von knallroten Fensterrahmen kontrastiert.

Nikiszowiec ist bekannt für seine knallroten Fensterrahmen

Die meisten Wohnstraßen laufen sternförmig auf den zentralen Plac Wyzwolenia (Befreiungsplatz) zu. An jenem großzügig geplanten Marktplatz sind Arkaden mit Ladenlokalen und die neobarocke Kościół św. Anny (St.-Anna-Kirche) zu finden. Zugleich ist der Platz der ideale Startpunkt für den von der Tourismusbehörde empfohlenen Rundgang durch Nikiszowiec. Dieser umfasst insgesamt 14 Stationen, an denen man dreisprachige Informationsstelen in Polnisch, Englisch und Deutsch vorfindet.

Die St.-Anna-Kirche in Nikiszowiec

Abseits dieser markanten Punkte, schauten wir außerdem in die Hinterhöfe der so genannten Familoki*, wo etliche Graffiti mit Fußballbezug die Wände zieren. Dabei wird allerdings nicht den Lokalmatadoren von GKS Katowice gehuldigt, sondern dem Rivalen KS Ruch aus der Nachbarstadt Chorzów (Königshütte). Das ist historisch so gewachsen und die Struktur der Fanszenen erlaubt nicht, dass sich Heranwachsende aus Nikiszowiec überlegen könnten ihr Herz einem anderen Club als Ruch Chorzów zu schenken. Entsprechend ist hier ein blau-weißer Sprengel im ansonsten von den GKS-Farben grün, gelb und schwarz dominierten Katowice.

Torgebäude in Nikiszowiec mit den Initialen der Psychofans von Ruch Chorzów

Nach unserem Streifzug durch Nikiszowiec stand am späten Vormittag eine kurze Autofahrt zum 2015 eröffneten Muzeum Śląskie (Schlesisches Museum) auf dem Programm. Dieses Museum wurde auf dem Gelände der 1999 stillgelegten Steinkohlenzeche Kopalnia Węgla Kamiennego Katowice angesiedelt. Dazu wurde die historische Bausubstanz oberirdisch saniert, während sich der eigentliche Museumsneubau als Reminiszenz an die Bergbautradition bis zu 14 m tief unter Tage erstreckt und an der Oberfläche von diesen Gebäuden lediglich kleine Glaskuben zu sehen sind.

Das ins Museum integrierte Fördergerüst des Schachts Warszawa II

Allein schon architektonisch ist das Muzeum Śląskie daher einen Besuch wert. Aber wir zahlten auch gerne je 28 Złoty (ca. 6,50 €) für eine Zugangsberechtigung zu den Ausstellungsräumen. Dabei erwartete uns unter Tage zunächst die Galerie der polnischen Malerei. Dort sind Gemälde aus dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Künstlern wie Jan Matejko, Józef Chełmoński, Aleksander Gierymski und Stanisław Wyspiański zu sehen. Außerdem schließt sich eine weitere Galerie für polnische Kunst von 1945 bis in die Gegenwart an.

Żydówka z pomarańczami (Die Jüdin mit den Orangen) von Aleksander Gierymski (1881) und Powrót z balu (Rückkehr vom Ball) von Józef Chełmoński (1879)

Eine Etage tiefer folgt im Hauptgebäude die Dauerausstellung Światło historii: Górny Śląsk na przestrzeni dziejów (Das Licht der Geschichte: Oberschlesien im Laufe der Zeit). Sie führt chronologisch, sowie dreisprachig (Polnisch, Deutsch und Englisch), von den ersten Siedlungsspuren bis in die jüngere Vergangenheit der Region. So tauchten wir dort u. a. in die Herrschaft der Piasten im Mittelalter und in das neuzeitliche Ringen der Habsburger (Österreich) und der Hohenzollern (Preußen) um Schlesiens ein, bei dem der Großteil des Gebiets bekanntlich im 18. Jahrhundert vom Königreich Preußen annektiert wurde.

Typische Küche eines Familok im 19. Jahrhundert

Breiten Raum nimmt natürlich die Industrialisierung Oberschlesiens im 19. Jahrhundert ein, wo Kohle und Stahl aus einem agrarisch geprägten Landstrich ein wirtschaftlich wichtiges Ballungszentrum des Deutschen Reichs machten. Darauf folgt eine intensive Auseinandersetzungen mit den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts, als die oft zweisprachige Bevölkerung vor eine Zerreißprobe zwischen polnischer und deutscher Identität gestellt wurde.

Diese Plakate warben 1921 im Vorfeld der oberschlesischen Volksabstimmung für einen Anschluss an Polen

Wir erfuhren viel über die Aufstände der polnischen Patrioten nach dem Ersten Weltkrieg, die Volksabstimmung von 1921 und die daraus resultierende Abtretung von Teilen Oberschlesiens an Polen. Auch danach blieb die Nationalitätenfrage der Schlesier ein großes Thema. Im Zweiten Weltkrieg planten die deutschen Besatzer schließlich, ganz ihrer nationalsozialistischen Rassenideologie folgend, eine vollständig Germanisierung der Region. Doch der Ausgang des Krieges sorgte genau für das Gegenteil. 1945 wurde erstmals ganz Oberschlesien polnisch und wer als zweisprachiger Schlesier im seinerzeit sozialistischen Polen bleiben wollte, sah sich wiederum einer strikten Polonisierungspolitik ausgesetzt. Der beugten sich viele bisherige deutsche Staatsbürger in Oberschlesien, wohingegen die zu weit über 90 % rein deutschsprachigen Niederschlesier fast vollständig aus Polen vertrieben wurden.

Diese Plakate warben wiederum für einen Verbleib Oberschlesiens im Deutschen Reich

Auch die größtenteils wirtschaftliche schwierigen Jahre in der sozialistischen Volksrepublik Polen werden natürlich beleuchtet. Als die Not in den 1980er Jahren immer größer wurde, übersiedelten viele Oberschlesier mit deutschen Vorfahren schließlich in die Bundesrepublik (oder teilweise auch in die DDR). Da denkt man als deutscher Fußballfan natürlich an so einige frühere Bundesligastars. Martin Max, 1967 in Tarnowskie Góry (Tarnowitz) geboren, Dariusz Wosz, 1969 in Piekary Śląskie (Deutsch Piekar) geboren, Miroslav Klose, 1978 in Opole (Oppeln) geboren, oder Lukas Podolski, 1985 in Gliwice (Gleiwitz) geboren, wären besonders prominente Beispiele für oberschlesische Spätaussiedler mit bundesdeutscher Fußballkarriere. Mit 96-Bezug fällt mir außerdem noch Christoph Dabrowski ein, der 1978 hier Katowice das Licht der Welt erblickte.

Von der späten 1960er Jahren bis in die frühen 1990er Jahre wurde in Oberschlesien der Polski Fiat gebaut

Zurück an der Oberfläche schauten wir uns gern noch die Ausstellungen in den renovierten Zechengebäuden an. Dort sind teils Maschinen aus der hiesigen Bergbaugeschichte und teils lokale Industriegüter wie Modelle des früheren polnischen Volksautomobils Polski Fiat zu bewundern. Außerdem ist Platz für ständig wechselnde Sonderausstellungen. Bei unserem Besuch war dies eine Werkschau des Katowicer Fotojournalisten Józef Makal. Sein fotografischer Nachlass aus über 40 Berufsjahren bot ebenfalls nochmal einen Einblick in das Oberschlesien der 1960er bis 1990er Jahre.

Ausblick vom Fördergerüst

Zu guter Letzt durfte bei unserem Besuch natürlich auch nicht die Auffahrt auf das einstige Fördergerüst des Schachts Warszawa II fehlen. Dort ist in 40 m Höhe eine Aussichtsplattform, die einem einen herrlichen Rundumblick über Katowice und die Nachbarstädte gewährt. Wir erspähten dabei natürlich auch „unser“ Nikiszowiec, wohin wir schließlich zur Kaffeezeit zurückkehrten. Entsprechend nahmen wir gegen 15 Uhr am zentralen Plac Wyzwolenia in den Arkaden vor dem Cafe Byfyj Platz und ließen es uns dort für insgesamt 98 Złoty (ca. 23 €) mit Cappuccino, Blaubeerhefestücken und Zitronenlimonade gutgehen.

Kaffeepause in Nikiszowiec

Nach der kleinen Auszeit durfte mein Vater den Caddy von Nikiszowiec ins ca. 25 km entfernte Zabrze (Hindenburg O.S.) steuern. Denn dort sollte heute um 20 Uhr der KS Górnik mit der AS Monaco um den Einzug in die Gruppenphase der UEFA Conference League wettstreiten und zuvor wollten wir natürlich einen kleinen Zug durch die Gemeinde machen.

Dieses Wandbild erinnert an Górniks denkwürdigste Europapokalsaison**

Allerdings fiel die Vorabrecherche zu den touristischen Höhepunkten von Zabrze ziemlich ernüchternd aus. Waren leider auf allen Plattformen nur ganz kurze Listen, auf denen jedes Mal das Bergwerksmuseum Kopalnia Guido ganz oben stand. Nur hatten wir uns heute in Katowice bereits ausführlich mit der Geschichte und der Technik des Bergbaus auseinandergesetzt. Höchstens, dass es dort 320 m unter der Erde eine Kneipe geben sollte, machte das Museum doch wieder interessant. Aber ich fand keine belastbare Quelle, dass der tiefste Pub der Welt heute wirklich geöffnet hatte.

Welcome to Zabrze Downtown

Also beschränkten wir uns auf das Stadtzentrum und dafür braucht man wirklich kaum Zeit einplanen. Denn obwohl in Zabrze immerhin über 150.000 Menschen leben, kommt in der Kernstadt überhaupt kein Großstadtflair auf. Es gibt kaum geschäftiges Treiben und gastronomisch hat die erste polnische Niederlassung von Mangal Döner nur wenig Konkurrenz. Auch fehlt es an einem klassischen Marktplatz mit Aufenthaltsqualität und allgemein an historischer Bausubstanz. Das liegt daran, dass Zabrze erst im 19. Jahrhundert durch den Bergbau städtische Strukturen entwickelt hat und seit kaum mehr als 100 Jahren (1922) das Stadtrecht besitzt. Im Prinzip ist es bis heute eine Ansammlung von diversen Arbeitersiedlungen aus der Zeit der Industrialisierung und einigen großen Plattenbaukomplexen aus der sozialistischen Zeit. Daher auch kein Wunder, dass der prominente Miteigentümer von Mangal Döner und Górnik Zabrze lieber in Katowice wohnt.

Die hiesige Dönerdependance von Lukas Podolski

Bei dieser Gemengelage erschien uns es bereits nach wenigen Minuten am sinnvollsten, dass wir die Zeit bis zum Anpfiff größtenteils in einer Kneipe verbringen. Nur die waren die im Zentrum auch absolute Mangelware, weshalb es erst mal ein Bier im Imbiss Zapiekanki Z ogórem czy bez? tranken. Immerhin passend zur Abendgestaltung das Górnicze Lager. Dieses offizielle Bier des KS Górnik Zabrze kostete hier pro 0,5 l Flasche faire 9 Złoty (ca. 2,10 €) und war durchaus schmackhaft.

Das passende Bier zum heutigen Kick

Doch wir beließen es bei einer Runde suchten alsbald den Gastropub Oficyna auf. Der befindet sich auf halber Strecke zwischen Hauptbahnhof und Stadion und durfte uns in seinem gemütlichen Biergarten helle und dunkle Fassbiere der Browar Zamkowy zu je 14 Złoty (ca. 3,30 €) pro Pint servieren. Jene Brauerei aus dem etwa 50 km entfernten Racibórz (Ratibor) ist nebenbei auch Hersteller des Górnicze Lager.

Pre Match Pint

Eine gute Stunde vor Anpfiff machten wir uns dann auf zum seit 2009 sukzessive modernisierten Stadion im. Ernesta Pohla. Der Umbau dieser 1934 als Adolf-Hitler-Kampfbahn eröffneten Sportstätte zum zeitgemäßen Fußballstadion für rund 32.000 Zuschauer ist mittlerweile fast abgeschlossen. Lediglich auf der neuen Haupttribüne warten ein paar Sektoren noch auf ihre Fertigstellung, so dass aktuell 28.236 Besucher zugelassen sind.

Die nächsten Polski Fiat (diesmal von einem lokalen Automobilklub auf dem Stadionvorplatz ausgestellt)

Bevor wir wie 23.025 weitere zahlende Zuschauer durch’s Drehkreuz gingen, gönnten wir uns auf dem Vorplatz noch Hot Dogs à 18 Złoty (ca. 4,20 €). Dann ließen wir uns auf unseren 123 Złoty (ca. 29 €) teuren Sitzplätzen in der nordöstlichen Stadionecke nieder. So hatten wir nicht nur das Spielfeld, sondern auch die Heimkurve auf der Südtribüne bestens im Blick. Dort herrschte heute wieder Normalbetrieb, nachdem beim vorherigen Heimspiel gegen Ferencváros aufgrund einer UEFA-Strafe nur angemeldete Gruppen von Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahre auf die Süd durften.

Der erste Abendsnack

Gegen den ungarischen Serienmeister scheiterte der amtierende polnische Pokalsieger letzte Woche leider in der 3. Qualifikationsrunde zur Europa League, so dass jetzt nur noch der Einzug in die Gruppenphase der Conference League möglich ist. Allerdings bekam man mit der AS Monaco (Siebter der Ligue 1 in der Vorsaison) als letzte Hürde ausgerechnet einen der dicksten Brocken zugelost. Daher wird die erste internationale Saison von Górnik seit 2018 wohl enden, bevor sie richtig angefangen hat.

Gut gefüllte Ränge im nach Ernst Pohl*** benannten Stadion

Eine Chance das sportliche Schwergewicht aus dem mit Frankreich assoziierten Steuerparadies auszuschalten, existiert eigentlich nur, wenn das heutige Hinspiel vor heimischer Kulisse ein magischer Abend wird. Entsprechend heizte man das Publikum kurz Anpfiff mit einer Live-Performance des Fansongs Górnik Zabrze, kocham Cię ein. Außerdem wurden zwischen Spielfeld und Gegengerade beim Einlaufen der Mannschaften etliche Feuerwerksbatterien abgefeuert, was die UEFA höchstwahrscheinlich nicht genehmigt haben dürfte, aber der Club der Torcida offenbar trotzdem gestattete.

Das Feuerwerk vor Spielbeginn

Besagte Torcida (gegründet 1999) ist größte und einflussreichste Fangruppe von Górnik und hatte zuletzt nicht nur mit Verbandsstrafen wie der Kurvensperre gegen Ferencváros Schlagzeilen gemacht. So gelang der polnischen Polizei im Vorjahr ein großer Schlag gegen die mutmaßlich auch in die organisierte Kriminalität verstrickte Torcida. Es gab etlichen Razzien und Festnahmen in Zabrze und den Nachbarstädten. Als angeklagte Führungsköpfe in Haft schließlich erklärten mit der Staatsanwaltschaft kooperieren zu wollen, kündigten die Szenen von GKS Katowice und ROW Rybnik im Dezember 2025 das schlagkräftige oberschlesische Dreierbündnis mit Górnik auf. Jetzt sind die Górnicy in der von strategischen Allianzen geprägten polnischen Fanlandschaft ziemlich isoliert (lediglich die mittlerweile 38 Jahre alte Freundschaft mit Wisłoka Dębica konnte bewahrt werden).

Schlesisches Schalmeer

Doch zumindest was die Lautstärke im Stadion angeht, kommt die Torcida auch alleine gut klar. Die treibende Kraft der Fankurve sorgte heute mit der landestypisch hohen Mitmachquote für einen enormen Lärmpegel. Zumal auch immer mal die Fans von den anderen Tribünen mit in die Schlachtrufe und Gesänge einstiegen. Daran änderte auch das frühe Gegentor durch Monacos dänischen Stürmer Mika Biereth nichts (9.). Dieser Rückenwind von den Rängen schien der Mannschaft zu helfen den Dämpfer schnell zu verdauen und ihrerseits ein paar Nadelstiche zu setzen.

Die mitgereisten Anhänger der AS Monaco

Ehrlicherweise bot die 1. Halbzeit jedoch kaum Höhepunkte auf dem Rasen. Dafür wurde die Partie nach dem Seitenwechsel umso mitreißender. So ließ Lamine Camara kurz nach Wiederanpfiff zunächst die etwa 25 mitgereisten Fans aus Monaco (oder wahrscheinlich eher französischen Umlandgemeinden) ein zweites Mal jubeln (51.). Doch dem 1948 als sozialistischem Musterclub für die Bergarbeiter der Zabrzer Gruben gegründeten Hausherren gelang die schnelle Antwort. Kaum rollte der Ball wieder, besorgte Erik Prekop den Anschlusstreffer und ließ das Stadion so richtig beben (53.). 

Armeinsatz

Leider konnte das Momentum nicht genutzt werden und bereits in der 58. Minute musste der aus der Region Hannover, genauer gesagt Luthe stammende Torwart Philipp Schulze ein drittes Mal hinter sich greifen. Überwunden wurde er dabei von seinem Landsmann Paris Brunner, dessen Tor jedoch mitnichten die Moral des vierzehnfachen polnischen Meisters brach. Górnik warf nochmal alles nach vorne und Sondre Liseth brachte die Weiß-Blau-Roten wieder zurück ins Spiel (74.).

Torfreude bei den Górnicy

Ging jetzt doch noch was für den Herzensclub von Lukas Podolski, bei dem Poldi erst vor wenigen Monaten seine Spielerkarriere beendete und von dem er mittlerweile 94,3 % der Anteile besitzt? Leider nein. Trotz einer Schlussoffensive der Oberschlesier brachten die Monegassen ihren knappen Vorsprung durch und dürften nächste Woche im Rückspiel wohl nichts mehr anbrennen lassen. Aber die Erfolge der Vorsaison – neben dem Pokalsieg gelang auch die Vizemeisterschaft – und der gute Start in die aktuelle Spielzeit – drei Siege in den ersten drei Ligaspielen – deuten darauf hin, dass bei Górnik gerade vieles richtig läuft. Vielleicht sehen wir den Club in Zukunft wieder regelmäßig europäisch.

Denkt so mancher Katowicer oder Rybniker an Torcida-Kronzeugen in der Nacht, ist er um den Schlaf gebracht

Am Freitagmorgen saßen wir bereits um 7 Uhr am Frühstückstisch. Denn bevor die Reise an diesem Wochenende wieder in Dolny Śląsk (Niederschlesien) ausklingen sollte, hatten wir noch einen Termin in der ca. 35 km von Katowice entfernten Stadt Oświęcim (Auschwitz). Ihr deutscher Name ist bekanntlich zum Synonym der Shoah geworden, da im Zweiten Weltkrieg allein in den dortigen Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern über 1.000.000 europäische Juden systematisch ermordet wurden.

Für den Besuch dieses Erinnerungsortes des wahrscheinlich dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte hatten wir uns eine geführte Tour in deutscher Sprache gebucht. Sie sollte 3,5 Stunden dauern und kostete pro Teilnehmer 150 Złoty (ca. 35 €). Nachdem wir die Ticketkontrolle und die Sicherheitsschleuse passiert hatten, begann die Führung um 9:45 Uhr im so genannten Stammlager (Auschwitz I). Der Guide der Gedenkstätte händigte uns Audiogeräte aus, damit wir seinen Ausführungen jederzeit problemlos auf dem Gelände folgen konnten. Außerdem erläuterte er uns den Ablauf der Führung. Dabei erwähnte er auch, dass Fotografieren auf dem gesamten Gelände zu Dokumentationszwecken gestattet sei (mit Ausnahme von wenigen explizit gekennzeichneten Bereichen).

Die Frage, ob ich den Besuchsbericht bebildern muss, beantwortete ich mir allerdings mit nein. Jeder wird durch Bücher, Filme oder Dokumentationen die entsprechenden Bilder vom Torbogen mit der zynischen Aufschrift Arbeit macht frei oder die berüchtigte Bahnrampe von Birkenau kennen. Da möchte ich diesen Ort nicht wie eine banale Sehenswürdigkeit in Szene setzen. Überhaupt fällt es schwer das Gesehene in Worte zu fassen. Ich werde daher versuchen mir ein Vorbild am durchweg nüchtern-sachlichen Stil unseres Guides zu nehmen und zunächst einfach erst den Ablauf des Besuchs nacherzählen.

Zu Beginn der Führung gab es kleinen Film zur historischen Einordnung und Vorbereitung auf den Rundgang. Danach schritten wir durch besagtes Lagertor und erfuhren u. a., dass das Stammlager bis zum Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen als Kaserne der polnischen Armee genutzt wurde. Die dadurch bereits vorhandene Infrastruktur, eine gute Verkehrsanbindung (vor allem auf der Schiene), aber dennoch eine ländliche Gegend ohne allzu viele Anwohner waren drei der Gründe, um an diesem Ort ein Konzentrationslager zu errichten.

In den ehemaligen Kasernenblöcken befinden sich heute Ausstellungsräume, die wir nach und nach als Gruppe durchschritten. Wir lernten, dass neben Juden auch weitere zu Volksfeinden erklärte Menschengruppen hier interniert waren (u. a. polnische Intelligenz, homosexuelle Männer und Sinti und Roma). Die überwältigende Mehrheit waren allerdings Juden und ab 1942 wurde der Großteil der hierhin deportierten Juden gar nicht mehr interniert, sondern unmittelbar nach Ankunft vergast und eingeäschert.

In den Ausstellungsräumen lagern heute unzählige persönliche Gegenstände der hier ermordeten Menschen wie Koffer, Schuhe, Brillen und Prothesen. Auch gibt es einen Raum, in dem bergeweise Haare der Häftlinge zu sehen sind. Denn egal ob man die ankommenden Häftlinge sofort ermordete oder im Lager zunächst noch ihre Arbeitskraft ausbeutete, schor man ihnen nach Ankunft in Auschwitz die Köpfe. Industrielle Käufer füllten mit den Haaren der KZ-Häftlinge beispielsweise Matratzen oder produzierten Garne daraus.

Industriell ist leider auch das Stichwort für die systematische Ermordung von weit über einer Million Menschen an diesem Ort. Unser Guide sparte die schockierenden Zahlen, Daten und Fakten dieses Massenmordes selbstverständlich nicht aus und am Ende des Rundgangs im Stammlager Auschwitz I besichtigten wir die einzige dort noch erhaltene Gaskammer mitsamt Krematorium. Der Guide zeichnete nun nach wie das Töten und Beseitigen der Leichen hier Schritt für Schritt effizienter wurde und die von den Nazis beschlossene Endlösung der Judenfrage schließlich mit dem Gas Zyklon B und neuen, leistungsfähigeren Verbrennungsöfen als fabrikmäßiger Massenmord umgesetzt werden konnte.

Nach etwa zwei Stunden im Stammlager, fuhren wir mit einem Shuttlebus zum ca. 2,5 km entfernten Lager Auschwitz II – Birkenau. Der dortige Rundgang startete unmittelbar an der so genannten Rampe, wo die aus Viehwaggons bestehenden Deportationszüge nach oft tagelangen Transporten ankamen. Die Insassen der Züge waren bereits durch die Internierung in Ghettos und Konzentrationslagern schwer gezeichnet und jetzt entschied ein oberflächlicher Anblick und ein darauf folgender Fingerzeig der SS-Ärzte in Sekundenschnelle, ob man sich sofort in die Schlange zu den Gaskammern einreihen musste oder man vor der Ermordung noch für eine meist kurze Zeitspanne als Zwangsarbeiter ausgebeutet werden konnte.

Anders als im Stammlager, sind in Birkenau jedoch nur noch wenige Gebäude erhalten. Das liegt daran, dass das Gelände erst ab Herbst 1941 erschlossen wurde und man für die Häftlinge größtenteils nur provisorische Holzbaracken errichtete. Kurz vor Kriegsende wurde schließlich fast das gesamte Lager abgerissen, um die Spuren des Völkermords zu beseitigen. Dementsprechend sind auch von den dortigen Gaskammern und Krematorien nur noch die Fundamente zu besichtigen. Zwischen den Trümmern befindet sich heute ein großes Mahnmal, welches 1967 errichtet wurde. In 23 Sprachen ist dort folgende Inschrift zu lesen:

Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis über anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas.

Auf dem Rückweg vom Mahnmal zum Parkplatz besuchten wir noch eine der wenigen erhalten gebliebenen Holzbaracken. Ihr Inneres vermittelte einen Eindruck, unter welchen Bedingungen die Insassen hier bis zu ihrer Ermordung leben mussten. Sechs Häftlinge hatten sich eine Holzpritsche von 2 x 2 m zu teilen und als sanitäre Anlage für mehrere hundert Menschen gab es nur eine kleine Waschkaue. Dazu wurde es im Sommer in den Baracken unerträglich heiß und im Winter bitterkalt. Gepaart mit der chronischen Unterernährung, der harten Zwangsarbeit und den brutalen Misshandlungen durch die Wachen, war es nur eine Frage der Zeit bis zum von den Nazis gewünschten Ergebnis.

Am Ende der Führung verließ ich diesen Ort mit großer Scham. Gar nicht explizit, weil ich durch Zufall Jahrzehnte nach diesen unfassbaren Verbrechen im gleichen Land wie die damaligen Täter geboren wurde. Sondern ganz allgemein, weil zunächst einfach nicht in meinen Kopf will, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun können. Und auch wenn Auschwitz allen Werten widerspricht, mit denen ich mich als Mensch identifiziere, fragt man sich doch, ob man die Anlagen für solche Untaten nicht trotzdem in sich trägt und irgendwelche Umstände einen plötzlich frei von Skrupel und Empathie machen können.

Allerdings endeten Empathie, Solidarität und Menschenwürde nicht erst am Lagertor, sondern schon viel früher. Und daher konnte meine Reflexion über die damaligen Untaten nur kurz entnationalisiert und vor allem entideologisiert bleiben. Man muss verstehen, mit welchen Mechanismen eine menschenfeindliche Ideologie in Deutschland an die Macht gekommen ist, wieso es dafür fruchtbaren Boden gab und warum sich nahezu das gesamte deutsche Volk zwischen 1933 und 1945 mit großer Schuld beladen hat. Manche als Henker, manche als Schreibtischtäter und ganz viele als Untätige. Deren Schuld ist dabei nicht unsere Schuld. Aber wir tragen alle eine historische Verantwortung, dass der Pfad, der dereinst bis Auschwitz und die anderen Vernichtungslager führte, nie wieder eingeschlagen wird. Selbst wenn die ersten Meter darauf vermeintlich unverfänglich wirken, sollte man ihn einfach nie wieder betreten.

*Familoki ist der polnische, beziehungsweise schlesische Begriff für die typischen Ziegelhäuser des oberschlesischen Industriereviers. Er leitet sich etymologisch vom deutschen Begriff Familienblock ab und sollte den Familien der Berg- und Industriearbeiter günstigen Wohnraum bieten. Dereinst lebten in einem Familok vier bis sechs Familien in kleinen, jeweils ca. 35 m² großen Wohnungen.

**1969/70 konnte der KS Górnik im UEFA Cup Winners‘ Cup (Europapokal der Pokalsieger) in den ersten drei Runden die Gegner Olympiakos, Rangers FC und Levski Sofia ausschalten. Es folgte ein denkwürdiges Halbfinale gegen die AS Roma, bei dem es nach Hin- und Rückspiel 3:3 stand. Da damals Auswärtstorregel und Elfmeterschießen noch nicht im Regelwerk zu finden waren, wurde eine Entscheidungsspiel auf neutralen Platz angesetzt. Als dieses ebenfalls keinen Sieger vorbrachte, entschied ein Münzwurf zu Gunsten des polnischen Pokalsiegers. Im Endspiel setzte sich anschließend jedoch der Manchester City FC mit 2:1 gegen Górnik durch. Übrigens bis heute die einzige Teilnahme eines polnischen Fußballclubs in einem Europapokalendspiel.

***Ernst Pohl (* 1932; † 1995) war ein oberschlesischer Fußballspieler, der zwischen 1956 und 1967 für Górnik Zabrze die Stiefel schnürte. Als Rekordtorschütze des Clubs trug er mit 143 Ligatoren maßgeblich zum Gewinn von acht Meistertiteln in jenem Zeitraum bei. Zwar wurde Ernst Pohl als deutscher Staatsbürger geboren, doch seine Familie bekannte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zur polnischen Nation. Entsprechend konnten die Pohls nach 1945 in ihrer oberschlesischen Heimat bleiben und Ernst betritt während seiner Karriere auch 46 Länderspiele für die polnische Nationalmannschaft. Seinen Lebensabend verbrachte er dann allerdings als Spätaussiedler in der Bundesrepublik Deutschland.