- 01.06.2026
- TSV Heiligenrode II – TSV Vellmar 2:1
- Aufstiegsspiel zur Kreisliga A Kassel (X)
- Hessenkampfbahn (Att: 1.470)
Wir müssen alle wieder mehr arbeiten, um den Wohlstand unseres Landes zu erhalten. Ergriffen von dieser Forderung unseres Bundeskanzlers Friedrich Merz, machte ich aus staatsbürgerlicher Pflicht und volkswirtschaftlicher Verantwortung bereits im ersten Quartal 2026 fleißig Überstunden. So viele, dass mein Arbeitgeber mich aufforderte vor den Sommerferien wenigstens einen Teil abzubauen. Da Freizeit für mich eigentlich nur eine lästige Unterbrechung der Arbeit ist, wehrte ich mich natürlich mit Händen und Füßen gegen diese Anweisung. Doch offenbar war das Arbeitsrecht leider (noch) auf der Seite meines Arbeitgebers. Schweren Herzens entschied mich deshalb am 1. Juni mal für einen Tag der Arbeit fernzubleiben.

Immerhin meinte es König Fußball an meinem freien Montag gut mit mir. So sollte in Kassel mit der Hessenkampfbahn eines der schönsten Stadien des Bundeslaades seit langer Zeit mal wieder bespielt werden. Und auch die DB machte mir einen Ausflug nach Nordhessen schmackhaft, indem sie zwei Tage zuvor Last-Minute-Preise in Höhe von 7,49 € für ein paar ICE-Verbindungen zwischen Hildesheim und Kassel-Wilhelmshöhe anbot. Also nach dem Mittagessen um 13:21 Uhr einen ICE zum besagten Sonderpreis genutzt und ’ne knappe Stunde später kam ich am Fernbahnhof der größten Stadt Nordhessens an (ca. 198.000 Einwohner).

Im Kasseler Stadtteil Wilhelmshöhe ist mein Ankunftsbahnhof aber tatsächlich nur die zweitgrößte Attraktion. Daher Ehrensache, dass ich umgehend per Tram zum etwa 1.896 m entfernten Schloss Wilhelmshöhe weiterfuhr. Jenes Schloss geht ursprünglich auf eine mittelalterliche Klosteranlage am Hang des Habichtswaldes zurück. Dieses im 16. Jahrhundert säkularisierte Kloster ließen die Landgrafen von Hessen-Kassel wiederum im frühen 17. Jahrhundert zu einem Jagdschloss im Renaissancestil umbauen.

Als die Landgrafschaft durch den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775 – 1783) jedoch zu einem der reichsten deutschen Gliedstaaten aufstieg*, wünschte Landgraf Wilhelm IX. ein noch viel repräsentatives Schloss auf der später nach ihm benannten Wilhelmshöhe. Dieses ließ von 1786 bis 1798 im Stile des Klassizismus erbauen und selbstverständlich schuf man dem Bauherrn auch eine wunderbare Sichtachse auf seine Residenzstadt. Heute wird Schloss Wilhelmshöhe hingegen museal genutzt und beherbergt u. a. eine Gemäldegalerie mit Werken von Alten Meistern wie Rembrandt und Rubens. Da das Schloss montags seinen wöchentlichen Ruhetag hat, musste ich jedoch leider auf einen Streifzug durch dessen Innenräume verzichten.

Aber vielleicht war das auch gut so. Denn ich hatte unterschätzt wie weitläufig der 2013 von der UNESCO zum Welterbe erklärte barocke Bergpark ist. Dieser wurde bereits im späten 17. Jahrhundert angelegt und erstreckt sich hinter dem Schloss auf über 2,4 km². Will man dort alle Höhepunkte ablaufen, muss man allein schon einen halben Tag einplanen und vor allem auch einige Höhenmeter überwinden. Denn während das Schloss auf 282 m ü. NN erbaut wurde, findet die Parkanlage ihren krönenden Abschluss erst mit dem Herkules auf 526 m ü. NN. Einer 11,5 m hohen Statue jenes antiken Halbgottes, die wiederum einen monumentalen Unterbau von 70 m Breite und 33 m Höhe ziert.

Die Topographie des hiesigen Berghangs haben sich die Garten- und Landschaftsarchitekten der hessischen Landgrafen außerdem für ihre spektakulären Wasserspiele zunutze gemacht. So fließt das Wasser vom Herkules zunächst in der Hauptachse des Parks über Kaskaden hinab. In den weiteren Abschnitten werden Grotten und Wasserfälle naturnah imitiert, während auf etwa halber Strecke ein notwendiger Aquädukt wie eine Burgruine gestaltet wurde. Im Schlossteich finden die Wasserspiele ihr fulminantes Finale schließlich mit einer ca. 50 m hohen Fontäne.

Aber auch abseits der Wasserspiele gab es im Bergpark für mich noch so einiges zu entdecken. Ich stieß immer mal wieder auf typische barocke Staffagebauten wie Tempel, Pyramiden oder Kenotaphen. Ferner passierte ich bei meinem Abstieg auf 350 m ü. NN die Löwenburg. Sie wurde zwischen 1793 bis 1800 als romantisierende Nachahmung einer mittelalterlichen Ritterburg erbaut und diente Landgraf Wilhelm IX. als persönlicher Rückzugsort. Zugleich gilt sie als eines der frühesten Bauwerke der Neogotik auf deutschem Boden.

Weil die Pforten der Löwenburg montags ebenfalls für Besucher geschlossen sind, blieb mir leider auch hier eine Innenansicht verwehrt. Dafür machte ich bei meinem Rückweg zum Schloss noch einen Abstecher ins „chinesische“ Dorf Mulang. Dieses wurde ab 1782 im Auftrag von Landgraf Friedrich II. am Rande des Bergparks angelegt und spiegelt die damalige Begeisterung des europäischen Adels für das ferne China wider. Zugleich waren die insgesamt 21 im vermeintlich chinesischen Stil errichteten Gebäude nicht nur Zierde, sondern mit Viehzucht, einer Kornmühle oder auch einer Käserei wurde dem Dorf echtes Leben eingehaucht.

Im späten 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert entstand dann direkt angrenzend an Mulang eine gleichnamige Villensiedlung, die bis heute zu besten Wohnlagen in Kassel zählt. Entlang der dortigen Jugendstilvillen spazierte ich am späten Nachmittag schließlich wieder zurück zum Wilhelmshöher Endpunkt der Tram und stellte dort gegen 16:45 Uhr fest, dass ich bereits stolze 11 km in den Beinen hatte. Da hatte ich mir natürlich ein Abendessen mehr als verdient und checkte auf der Fahrt ins Stadtzentrum meine Optionen.

Montags hatten wenig überraschend auch einige Restaurants ihren Ruhetag. Aber mit dem Eckstein fand ich was einigermaßen Vielversprechendes in der Nähe der Hessenkampfbahn. Wenn man den Bewertungen im Internet Glauben schenken darf, sollen im Eckstein die Burger und Schnitzel ganz gut sein. Beim Nippen am sogleich georderten Starnberger Hell (5,40 €) machte ich in der Speisekarte allerdings auch Einflüsse der Balkanküche aus und entschied mich für den 19,95 € teuren Hausteller. Auf dem befanden sich Ćevapčići, Ražnjići und ein ausgelöstes Kotelette mitsamt Begleitung von Kräuterbutter, pikanter Grillsauce und Pommes frites. Solider Sattmacher, bei dem mir aber irgendwie der Pfiff fehlte.

Nach dem Essen passte noch ein kleiner Streifzug durch die Kasseler Innenstadt in den Zeitplan. Aber vom historischen Glanz der einstigen Residenzstadt ist hier aufgrund schwerer Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) nicht mehr so viel übrig. Die Nachkriegsarchitektur geizt dagegen nicht mit Bausünden, so dass man sich über jeden Solitär aus der Vorkriegszeit freut. Zu nennen wären da u. a. das Palais Bellevue (1714), das Fridericianum (1779) oder das Rathaus (1909).

Zum Fridericianum müssen dabei noch ein paar Worte verloren werden. Denn einerseits stiftete Friedrich II. mit dem Fridericianum eines der weltweit ersten öffentlichen Museen, in jenem der Landgraf ab 1779 die Kunstsammlung seiner Familie für die Allgemeinheit zugänglich machte. Andererseits ist dieses Museum seit 1955 der Kernort der documenta. Diese mittlerweile alle fünf Jahre stattfindende Ausstellungsreihe zur Gegenwartskunst hat sich zur weltgrößten ihrer Art entwickelt und lockt jedes Mal hunderttausende Besucher nach Kassel. Die Museen, Galerien und auch der öffentliche Raum der Stadt profitieren außerdem von hinterlassenen Werken vergangener Editionen, so dass Kassel auch abseits der documenta ein beliebtes Reiseziel für Kunstinteressierte geworden ist.

Wirklich nett ist außerdem die sich am Fuße der Innenstadt ausbreitende Karlsaue. Parallel zum Lauf der Fulda ließ Landgraf Karl in der Niederung des Flusses ab 1680 einen etwa 1,5 km² barocken Garten mit vielen Wasserbassins und Kanälen anlegen. Ferner findet man in der Karlsaue mit der Orangerie ein wunderschönes Barockschloss aus dem frühen 18. Jahrhundert. Wie der Name vermuten lässt, diente dieses Schloss früher tatsächlich als Pflanzenhaus, in dem u. a. die Orangenbäume der Landgrafen überwinterten. Als der deutsche Adel nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) schließlich seine Privilegien verlor und Deutschland zur Republik wurde, nutzte man die Orangerie zunächst für Gewerbeschauen und andere Ausstellungen. Später zog u. a. ein bis heute noch existierendes Planetarium in das Schloss ein.

Außerdem erbaute man nach dem Ersten Weltkrieg im Rücken der Orangerie die 1926 eröffnete und bis zu 8.000 Zuschauer fassende Hessenkampfbahn. Dass ich heute um 19 Uhr auf dieser altehrwürdigen Kampfbahn einem Fußballpflichtspiel beiwohnen durfte, war maßgeblich dem hiesigen Kreisfußballwart Matthias Schmelz bzw. auch zwei Podcastern zu verdanken. Denn Schmelz war letztes Jahr im Podcast Kreis.Liga.Kult zu Gast und im Gespräch regten seine beiden dem Groundhopping nicht abgeneigten Gastgeber an, dass doch mal ein Kreispokalfinale oder Ähnliches auf der schon seit vielen Jahren nicht mehr bespielten Hessenkampfbahn stattfinden könnte.

Schmelz nahm die Idee gern mit und aufgrund des 100. Geburtstag der heute zuvorderst für Schulsport, Leichtathletik und American Football genutzten Hessenkampfbahn machte er sogar schon wenige Monate später Nägel mit Köpfen. Letztlich entschied sich der Verband aber nicht für’s Kreispokalfinale 2026, sondern für das Aufstiegsspiel zur neuntklassigen Kreisliga A (welches genau wie ein Kreispokalfinale einen Endspielcharakter hat und stets auf neutralem Platz ausgetragen wird).

Dieses Aufstiegsspiel trugen heute der TSV Vellmar und die Zweitvertretung des SV Heiligenrode aus, die jeweils Vizemeister in den zwei Staffeln der Kreisliga B geworden waren und nun den dritten Aufsteiger in die Kreisliga A ermitteln mussten. Doch schon lange bevor diese Paarung feststand, wurde das Spiel bereits fleißig in den sozialen Medien beworben. Entsprechend waren nicht nur die Anhänger der beiden Mannschaften durchaus zahlreich erschienen, sondern auch etliche neutrale Zuschauer anwesend. Von den insgesamt 1.470 Zuschauern konnte man über die Hälfte mehr oder weniger in die Schublade Groundhopper stecken. Dabei kam dem Austragungsort natürlich seine günstige Lage in der Mitte der Bundesrepublik zugute.

Für ein Eintrittsgeld von 3 € bekamen alle Stadionfreunde von nah und fern eine wahre Perle der Sportstättenarchitektur geboten. Schließlich ist der Charakter der Hessenkampfbahn seit 1926 quasi unverändert geblieben. Mit den zwei Kopfbauten auf der Nordseite, dichten Buchenhecken im Osten und Westen der Anlage und einer sich zur Orangerie öffnende Südseite, fügt sich die Hessenkampfbahn ästhetisch sehr gelungen in die Karlsaue ein.

Ernsthafte Ideen, um aus dem Schmuckstück eine moderne Sportstätte machen, gab es in der Vergangenheit zum Glück nicht. Selbst die Laufbahn hat man nie von den vor 100 Jahren noch üblichen 500 m Länge auf den heutigen internationalen Standard von 400 m geändert. Dieser Umstand macht die Kampfbahn allerdings noch weitläufiger als gewöhnliche Leichtathletikstadien, weshalb es für Fußballspiele aus Publikumssicht eigentlich kein optimaler Austragungsort ist. Wohl einer der Gründe, warum sich seit 100 Jahren kein Kasseler Fußballclub um die Hessenkampfbahn als dauerhafte Spielstätte bemüht hat. Lediglich als Ausweichstadion wussten der KSV Hessen und andere Kasseler Fußballvereine den Platz hinter der Orangerie zu schätzen.

Nun war natürlich zu erwarten, dass der heute gebotene Amateurfußball ästhetisch nicht ganz mit der Spielstätte mithalten kann. Doch Vellmars Kenneth Söder belehrte mich bereits nach fünf Minuten eines Besseren, als er den TSV wunderschön per Volley wunderschön in Führung schoss. Und apropos Söder… Wurst gab es natürlich auch. Aber ich konnte froh sein, dass ich satt auf der Kampfbahn eingetroffen war. Denn einerseits waren die Wartezeiten gigantisch und andererseits sah die Bratwurst zumindest optisch nicht so aus, als wären dafür 4,50 € gut investiert.

Auf dem Rasen lieferte die Reserve des TSV Heiligenrode indes eine schnelle Antwort auf das Gegentor. Denn kaum rollte der Ball wieder, drangen sie in des Gegners Strafraum ein und waren dort nur per Foul vom Spielgerät zu trennen. Den fälligen Strafstoß verwandelte Christian Brandt zum 1:1 (8.) und anschließend rissen die Knilche** das Spiel mehr und mehr an sich. Die logische Folge war noch vor der Pause das 2:1 durch Lukas Walter (35.).

Nachdem ich mich in der Halbzeitpause mit einer Apfelschorle erfrischt hatte (0,5 l für 4 €), ging es auf dem Rasen leider weniger unterhaltsam weiter. Dem TSV Vellmar fehlten die Ideen und Heiligenrode II ging auch nicht mehr ins Risiko. Wenngleich der knappe Vorsprung nach hinten raus natürlich zum Zittern einlud. So bäumten sich die Kicker aus Kassels Vorstadt Vellmar in der Schlussphase doch nochmal auf und kamen dem 2:2 mehrfach sehr nahe. In der Nachspielzeit zappelte der Ball sogar ein zweites Mal im Netz der Knilche, aber eine Abseitsstellung verhinderte den späten Ausgleich.

Kurz darauf war Schluss und die Zweitvertretung des TSV Heiligenrode lag sich in den Armen. Nachdem erst das Kreispokalfinale der Reserveteams dramatisch im Elfmeterschießen verloren hatte (4:5 gegen den FSC Lohfelden II) und am letzten regulären Spieltag nur ein Tor für die Staffelmeisterschaft fehlte, bekam deren Saison doch noch ihr Happy-End. Und somit durfte sich auch Matthias Schmelz in doppelter Hinsicht freuen. Denn einerseits hatte der Kasseler Kreisfußballwart zusammen mit vielen weiteren Ehrenämtlern ein tolles Fußballfest auf die Beine gestellt und andererseits ist der TSV Heiligenrode der Heimatverein von Schmelz.

Im Schatten der Jubelbilder orientierte ich mich gegen 19 Uhr so langsam wieder gen Wilhelmshöhe, von wo es um 21:48 Uhr für abermals 7,49 € per ICE nach Hause ging. Am nächsten Morgen durfte ich endlich wieder arbeiten, wurde aber nach 3,5 produktiven Tagen schon wieder zu einer dreitägigen Zwangspause verdonnert. Für den kommenden freien Montag war obendrein kein lohnenswertes Fußballspiel auszumachen, so dass mich lediglich das Schreiben dieses Berichts vom Müßiggang abhielt. Hoffentlich bekommt die Regierung zeitnah den Arbeitnehmerschutz gelockert. So kann es einfach nicht weitergehen.
*Über einen Subsidienvertrag vermietete Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel den Briten ca. 5 % seiner Untertanen als Soldaten für den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Da die Söldner aus Hessen-Kassel und weitere kleinere Kontingente deutscher Herkunft gut ein Drittel der britischen Truppenstärke in Nordamerika ausmachten, sind die Hessians fest in der Geschichte des Unabhängigkeitskrieges verankert.
**Die Bewohner von Heiligenrode – und damit natürlich auch die Fußballer – tragen schon so lange den Beinamen Knilche, dass keiner genau weiß, warum das so ist. Eine Theorie besagt, dass man Kleinbauern im Kasseler Raum früher abwertend Knilche nannte und es in Heiligenrode eben besonders viele Kleinbauern gab.