Wolfsburg 05/2026

  • 21.05.2026
  • VfL Wolfsburg – SC Paderborn 07 0:0
  • Relegation (I / II)
  • Volkswagen Arena (Att: 27.800)

Im Nachhinein war es eine dumme Entscheidung, dass ich schon Sonntagmittag das freundliche Angebot eines Wolfsburgers annahm. Er würde jetzt gleich sein Vorkaufsrecht für das Relegationsheimspiel wahrnehmen und könne mir eine Karte für die Haupttribüne mitbestellen. Schuld meiner sofortigen Zusage war die Wahl der falschen Fanbrille. Denn einerseits war sie zu schwach, um wirklich noch an einen Last-Minute-Vorstoß von Hannover 96 auf den 2. Platz zu glauben. Andererseits war sie zu stark, um eine Abrutschen auf Rang 4 ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren Passion & Pride

Dementsprechend galt bei mir vor Anpfiff der Partie Hannover 96 vs. 1. FC Nürnberg das Motto „Haben ist besser als brauchen“. Zu blöd, dass mir Nürnbergs Mohamed Ali Zoma in der 25. Minute bei seinem Torjubel ein „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ zubrüllte und in der 47. Minute mit „Niemals die Rechnung ohne den Wirt machen“ nochmal nachlegte. Kurz vor Spielende packte Luka Lochoshvili außerdem die alte kaukasische Bergbauernweisheit „Hinten kackt die Ente“ aus (83.). Außerdem erreichte mich aus Darmstadt von Paderborns Stefano Marino schon früh ein „Wer zuletzt lacht…“, welches Sven Michel kurz vor Abpfiff mit „…lacht am besten!“ ergänzte.

Sonst gab es in Hannover am letzten Spieltag aber leider nichts zu feiern

Aufgrund dieses Phrasenfeuerwerks hatte sich der SC Paderborn 07 in der Abschlusstabelle noch am Hannoverschen SV von 1896 vorbeigeschoben und bekam als Dritter die zwei Bonusspiele gegen den Bundesligasechzehnten VfL Wolfsburg. Klang schon im Vorfeld erschreckend langweilig und wenig überraschend wollte niemand in meinem Umfeld meine 48 € teure Karte für diesen Relegationskracher haben. Genauso wenig hatte mein Ticketdealer noch einen Abnehmer in Wolfsburg finden können.

Eine Viertelstunde vor Spielende sah es für die Roten noch nach Relegation aus

Dank Deutschlandticket entstanden immerhin keine weiteren Kosten für mein letztes Profifußballpflichtspiel der Saison 2025/26 und nach Feierabend stieg ich am frühen Donnerstagsabend in einen Regionalexpress von Hannover nach Wolfsburg. Die Schornsteine des Existenzgrundes der gerade mal 88 Jahre alten Stadt an Aller und Mittellandkanal erblickte ich kurz vor 19 Uhr. Somit blieben mir noch gute 1,5 Stunden bis zum Anpfiff und die waren wahrscheinlich am sinnvollsten mit einem kleinen Abendessen zu füllen.

Anatolisches Abendessen in Ostniedersachsen

Ich suchte in der nach wie vor nicht zum Bummeln einladenden Wolfsburger Innenstadt den Imbiss Steak Döner auf und bestellte die eponymische Drehspießspezialität als Tellergericht (15 €). Ich hatte anschließend nicht nur das ersehnte Sättigungsgefühl, sondern auch so’n Bauchgefühl, dass das Beste an diesem Ausflug bereits hinter mir liegt.

Folgt nach dem Verbrenner-Aus mit dem Erstliga-Aus der nächste Tiefschlag für Volkswagen?

Nach dem Imbiss ging es am Mittellandkanal entlang zur 2002 eröffneten und bis zu 28.917 Plätze fassenden Arena des VfL. Dort erspähte ich überraschend viele Gesichter aus Hannover und fühlte immerhin nicht mehr allein dumm. Weil beim VfL die Dauerkarte auch das Relegationsspiel abdeckte, aber nur ca. 96 % der Inhaber das kostenlose Zusatzspiel am heutigen Abend besucht haben, konnte sich einer davon sogar neben mich setzen. Schrecklicher Verdacht: Es waren vielleicht deutlich weniger, als die offiziell angegebenen 27.800 Zuschauer im Stadion.

Sieht diese Spielstätte bald erstmals Zweitligafußball?

Nicht kostenlos, aber trotzdem zahlreich hatte sich auch der Anhang des SC Paderborn 07 mit Tickets eingedeckt. Es waren nicht nur die 3.000 regulären Gästetickets über den virtuellen Verkaufstresen gegangen, sondern eine kleine vierstellige Anzahl an Blau-Schwarzen dürfte noch in anderen Stadionbereichen verteilt gesessen haben. Ich gehe mal von knapp 4.500 Ostwestfalen aus, die ihren SCP nach Ostniedersachsen begleitet haben.

Der Auswärtssektor am heutigen Abend

Besondere optische Aktionen gab es ihrerseits zwar nicht, aber der harte Kern der Paderborner trug wie schon am letzten Spieltag in Darmstadt einheitliche Fanshirts und hatte außerdem ein großes Banner mit der Aufschrift „Schulter an Schulter bis zum Schluss“ im Gepäck. Dieser Losung folgend, waren die Fans der Mannschaft über weite Strecken der kommenden 90 Minuten ein lautstarker Rückhalt.

Die Heimkurve zu Spielbeginn

Ein so genannter Schulterschluss herrscht mittlerweile auch wieder beim bereits seit 1997 ununterbrochen erstklassigen VfL Wolfsburg. Nach zwischenzeitlichen Verstimmungen gingen Fanszene und Mannschaft mit neuer Geschlossenheit ins Saisonfinale und man erreichte so zumindest noch das Minimalziel Platz 16. Außerdem entfachte jüngst die Rückkehr zum alten Zinnenwappen eine neue Euphorie in der Anhängerschaft. Ein cleverer Schachzug der seit 2007 hundertprozentigen Tochter des Volkswagenkonzerns, um für noch mehr Wagenburgenmentalität im Abstiegskampf zu sorgen.

Der jahrelange Kampf um’s Zinnenwappen wurde jüngst belohnt

Entsprechend schien sich die No-Show-Rate bei den Dauerkartenbesitzern der Nordkurve im kaum messbaren Bereich zu bewegen und an akustischer Unterstützung sollte es ebenfalls nicht mangeln. Nur leider fehlten auf dem Rasen die positiven Verstärker, um mehr als ein oder zweimal auch die anderen Tribünen mitzunehmen. Denn obwohl das Wolfsburger Starensemble den SC Paderborn nicht nur in Sachen Marktwert deutlich übertraf, sondern letztlich auch in allen Kennzahlen der heutigen Spielstatistik überlegen war, blieben sie viel zu ungefährlich vor des Gegners Gehäuse.

Paderborner Arme in der Abendsonne

Aber wenigstens ließ der seit März wieder vom früheren Erfolgstrainer Dieter Hecking betreute VfL den Paderbornern auch kaum Raum zum Entfalten. Lediglich die erste, bei der Santiago Castañeda per Kopf nur das Aluminium traf (9.), und die letzte Torchance des Abends, bei jener ein Schuss von Filip Bilbija auf der Linie geklärt werden konnte (86.), verbuchten die Gäste für sich. Dazwischen kamen die Wölfe immerhin zu 17 Torabschlüssen. Aber wie gesagt, kaum einer davon war wirklich gefährlich.

Die Wölfis hatten heute freundschaftlichen Besuch aus Esbjerg

Am Ende war’s ein 0:0 der schlechteren Sorte und am Pfingstmontag geht es völlig offen ins Rückspiel. Dann wird auf Paderborner Boden spätestens in einem etwaigen Elfmeterschießen geklärt, ob in Wolfsburg auch im 30. Jahr in Folge Erstligafußball geboten wird oder ob der SCP seine Saison mit dem insgesamt dritten Bundesligaaufstieg der Vereinsgeschichte krönen darf. In letzterem Fall würde sich übrigens erstmals seit 2019 wieder der Zweitligist in den Relegationsspielen zwischen 1. und 2. Bundesliga durchsetzen.

Kurz vor Abpfiff wäre dem SCP fast noch der Lucky Punch gelungen

Nach dem Schlusspfiff des Grottenkicks sollte es natürlich schnellstmöglich nach Hause gehen. Allerdings fiel der letzte Direktzug nach Hildesheim kurzfristig aus und ich musste über Hannover heimfahren. War ich halt erst nach 1 Uhr nachts im Bett und konnte wenige Stunden später auf der Arbeit noch euphorischer von meinem Kurzausflug erzählen. Abends bei einer Brauereiführung in Herrenhausen sollte aber alles erfolgreich verarbeitet werden. Ich bin wieder mit mir im Reinen.