- 16.05.2026
- SSV Ulm 1846 – Rot-Weiss Essen 2:3
- 3. Liga (III)
- Donaustadion (Att: 13.918)
Bevor Hannover 96 am 34. Spieltag im Niedersachsenstadion um die Rückkehr in die 1. Bundesliga kämpfen sollte, suchte ich noch etwas Zerstreuung. Schön am Vortag irgendwo dem Saisonfinale der 1. Bundesliga oder der 3. Liga beiwohnen. Im Oberhaus reizte natürlich der Abstiegskrimi zwischen dem FC St. Pauli und dem VfL Wolfsburg. Doch wenig überraschend kam man da als Außenstehender schwierig an Karten. Das sah beim Gastspiel von Rot-Weiss Essen beim SSV Ulm schon anders aus und dort ging es für RWE immerhin auch noch um den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Hin- und Rückfahrt kosteten im ICE faire 29,98 € und hätten Personen im Gleis mir nicht den Anschluss in Mannheim versaut, wäre in Ulm sogar noch Zeit für ein Mittagessen gewesen. Stattdessen musste ich am Mannheimer Hauptbahnhof mit einer Scheibe Leberkäse im Semmel Vorlieb nehmen, ehe ich um 12:33 Uhr statt 11:34 Uhr den seit Kurzem nur noch zweithöchsten Kirchturm der Welt erblickte. Sightseeing war aufgrund des Anpfiffs in weniger als einer Stunde ebenfalls nicht mehr drin. Aber das heutige Wetter lud auch kaum dazu ein und besonders viel wird sich am Stadtbild seit meinem letzten Besuch vor knapp drei Jahren nicht geändert haben (siehe Ulm 08/2023).

Um ziemlich genau 13 Uhr erreichte ich das 1925 eröffnete und derzeit 17.400 Zuschauer fassende Donaustadion. Insgesamt waren heute 13.918 Plätze besetzt und der RWE hatte sein Gästekontingent von 4.000 Karten vollends an den Mann und die Frau gebracht. Ich stand gleich neben den Schlachtenbummlern aus dem Ruhrgebiet in Block I (15 €) und auch in meinem Sektor, sowie auf der Gegengerade waren einige hundert Rot-Weisse auszumachen. Somit gehe ich insgesamt von knapp 5.000 Essenern in Ulm aus.

Der Anhang glaubte also offenbar noch daran, dass der MSV Duisburg gegen Viktoria Köln was liegen lässt oder der FC Energie Cottbus bei Jahn Regensburg verliert. Denn träte einer dieser Fälle ein, könnte der RWE noch von Rang 4 auf 3 klettern und somit gegen den Drittletzten der 2. Bundesliga um den Aufstieg spielen. Sollten im allerbesten Fall gar beide Konkurrenten patzen, wäre sogar Rang 2 und damit der direkte Aufstieg realisierbar. Aber so oder so setzte der Vorstoß in die Top 3 der Abschlusstabelle einen Auswärtssieg bei den bereits als Absteiger feststehenden Ulmern voraus.

Schon vor dem Anpfiff nahm die aktive Fanszene des Gastgebers mit wehenden schwarzen Fahnen und reichlich Feuerwerk Abschied von der 3. Liga. „Getrieben vom Chaos – Geprägt von düsteren Zeiten“ war das Motto der kleinen Leistungsschau im Ulmer D-Block. Dazu wurden vor der Kurve auch noch drei offenbar arg vom Leben gezeichnete Fancharaktere hochgezogen. Deren Optik passte ganz gut zu den Achterbahnfahrten, die der mittlerweile (seit 2009) vom Schwimm- und Sportverein Ulm 1846 abgespaltene SSV Ulm 1846 Fußball mit seinen Anhängern in den letzten Jahrzehnten veranstaltet hat. Da war der zweite Abstieg binnen zwölf Monaten bei Weitem nicht der tiefste Tiefpunkt.

In der Gästekurve wurde hingegen zu Spielbeginn um 13:30 Uhr keine optische Aktion geboten. Außerdem keine großen Schwenkfahnen und noch große Lücken im Zaunfahnenbild. Der Grund war, dass die mit Vandalz, Freaks, Rude Fans und Co besetzten Szenebusse zeitweilig von der Polizei an einem Rastplatz festgesetzt wurden. Es standen wohl Verdachtsmomente für Straftaten im Raum, aber immerhin wurde dem Tross irgendwann doch noch die Weiterfahrt gewährt. Letztlich traf der Mob zur 10. Spielminute ein und alsbald waren alle Leerstellen im Block und am Zaun gefüllt.

Verpasst hatten die Zuspätkommer allerdings die frühe Führung ihrer Mannschaft. Denn just war die zweite Spielminute angebrochen, als Torben Müsel nach Vorarbeit von Cuber Potočnik aus kurzer Distanz zum 0:1 einschieben konnte. Ein Start nach Maß, der die Gästekurve erstmals an diesem Nachmittag beben ließ. Zugleich unterstrich das Tor die eigenen Ambitionen und dürfte auch auf den anderen Plätzen für ein Raunen gesorgt haben. Denn in der Blitztabelle war der RWE vorerst am MSV vorbei und der nun punktgleiche FC Energie geriet auch etwas unter Zugzwang.

Nach dem Führungstreffer blieb die Koschinat-Elf am Drücker und schnürte die Ulmer regelrecht in deren Hälfte ein. Torschüsse gab es reichlich, doch so schnell ließ sich SSV-Schlussmann Ortag kein zweites Mal verladen. Als er schließlich in der 27. Spielminute zum gefühlt siebten Mal einen Torschuss von Potočnik parierte, sollte sich der Essener Chancenwucher rächen. Denn beim von Ortag eingeleiteten Konter kam Röser im gegnerischen Strafraum zu Fall. Den fälligen Strafstoß verwandelte der Gefoulte sogleich selbst zum 1:1 (29.) und schob die Gäste damit wieder auf Rang 4 im Tableau.

Doch es sollte noch dicker kommen. Einerseits hatte Cottbus fast zeitgleich in Regensburg zum 0:1 getroffen und andererseits ging wenig später ein Rückpass auf RWE-Keeper Golz komplett in die Hose. Den Ball fing nämlich der offenbar übersehene Ulmer Offensivmann Dennis Chessa ab. Dieser umkurvte Golz mit dem Leder am Fuß und schob das Runde anschließend ungefährdet ins Eckige (33.). In den nächsten Minuten verhinderte der weiterhin glänzend aufgelegte Ortag außerdem eine direkte Antwort. Erst ein wuchtiger, wie platzierter Distanzschuss von Müsel war unhaltbar genug, um den Torhüter der Spatzen ein zweites Mal zu überwinden (40.). Somit ging es wenigstens mit 2:2 in die Kabinen.

Es war eine Halbzeit, die sich zweifelsohne dem heutigen Wetter in Ulm angepasst hatte. Heiter bis wolkig, mit zwischenzeitlichen Niederschlägen. Während die Mannschaften sich davon ein wenig erholten, bereitete der Essener Anhang unterdessen eine Choreographie vor. Die wahrscheinlich ursprünglich für den Spielbeginn gedachte Aktion bestand aus einer den ganzen Block überspannenden Fahne. Auf ihr hatte man Essens lateinischen Stadtnamen Assindia verewigt und am Zaun war parallel in ganzer Länge der Satz „Wo du spielst, da werd‘ ich sein“ zu lesen. Die gleichen Worte waren zugleich lautstark zu vernehmen, da sie aus einem populären Fangesang der Rot-Weissen stammen.

Als die Blockfahne nach Wiederanpfiff alsbald eingerollt wurde, waren wenig überraschend etliche maskierte Menschen in den Reihen der Ultras auszumachen. Doch ihr Feuerwerk wollten sich die Fanatiker offenbar noch für einen besonderen Moment aufsparen. Potočnik, Mizuta, Müsel und Co wollten diesen gern zeitnah ermöglichen, aber Ortag hatte leider weiterhin einen Sahnetag.

Nichtsdestotrotz breitete sich um etwa 14:37 Uhr eine Welle der Glückseligkeit im Gästesektor aus. Schuld waren unzählige vibrierende Smartphones, die per Push-Benachrichtigung den Duisburger Rückstand im Wedaustadion übermittelten. Jetzt wäre RWE selbst mit einem Unentschieden Dritter, aber in Meiderich war natürlich genau wie in Ulm noch über eine halbe Stunde zu spielen. Entsprechend fahrlässig wäre es gewesen, wenn man die Bemühungen auf einen erneuten Führungstreffer auch nur ein klein wenig reduziert hätte.

Dass jene Bemühungen lange einfach nicht fruchten wollten, sorgte jedoch zunehmend für Anspannung im Anhang des Deutschen Meisters von 1955. Zumal selbst der Platzverweis von Ulms Verteidiger Mazagg (71.) keine spürbare Auswirkung auf das Geschehen zu haben schien. RWE machte weiterhin mit fettem Chancenplus das Spiel, doch der SSV hielt sich nach wie vor schadlos und sorgte manchmal gar mit Entlastungsangriffen für kleine Schockmomente.

Die Belastungsprobe für die Nerven wurde sogar noch größer, als die Smartphones erneut vibrierten. Denn diesmal war eine bittere Pille zu schlucken. Dem MSV war 15 Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit der Ausgleich gegen Viktoria Köln gelungen. RWE ging folglich als Vierter der Blitztabelle in die Schlussviertelstunde und wahlweise Ortag oder das Aluminium verhinderten eine zeitnahe Veränderung dieses Zustands. Dass die dunklen Wolken über dem Donaustadion mittlerweile Hagelkörner niederprasseln ließen, passte nun perfekt zur Dramaturgie.

Es musste erst die Nachspielzeit anbrechen, als nicht nur ein paar zarte Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brachen, sondern Ben Hüning für einen dieser Momente sorgte, die des Fußballs Faszination ausmachen. Essens Brechstangentaktik hatte den inzwischen zwölften Eckstoß erzwungen. Den Standard trat Mizuta und fand im rappelvollen Ulmer Strafraum seinen Mitspieler Kraulich. Doch dessen Kopfball in Richtung Tor wurde abgeblockt. Der Nachschuss ebenfalls, aber jetzt landete der Ball vor Hüning und der fand im Gewirr die erlösende Lücke.
Absoluter Wahnsinn, als um 15:23 Uhr der Ball im Netz zappelte. Hüning riss sich sofort das Trikot vom Leib, sprang über die Bande und rannte zur Gästekurve. Seine Mitspieler nahmen umgehend die Verfolgung auf standen und gemeinsam mit dem Torschützen vor einer Wand der Ekstase. Die ersten Fans sprangen natürlich über die Zäune, blieben jedoch hinter der von der Polizei aufgebauten Barriere aus Hamburger Gittern.

Selbstredend fackelten nun auch endlich die Maskierten in den Reihen der Fans los und selten hat der Begriff Freudenfeuer besser gepasst. Der möglicherweise letzte von bisher insgesamt sagenhaften 38 Essener Torabschlüssen schien dem 1907 gegründeten Traditionsverein einen späten Sieg und wahrscheinlich auch Platz 3 in der Endabrechnung beschert zu haben. Denn einerseits war in Regensburg bereits abgepfiffen und das einzige Tor des Tages hatte dort den 2. Platz des FC Energie manifestiert. Andererseits stand es in Duisburg immer noch 1:1 und der MSV musste sich zur Minute wieder hinter dem Revierrivalen einsortieren.

Nichtsdestotrotz waren bei Hünings Treffer erst zwei der angezeigten fünf Minuten Mindestnachspielzeit um und in Duisburg sollte der Ball ebenfalls noch ein paar Minuten rollen. Dort hatte der MSV natürlich auch längst die Brechstange ausgepackt und versuchte irgendwie das dringend benötigte zweite Tor zu erzwingen. Das hatte Rasim Bulić um 15:25 Uhr sogar auf dem Fuß, aber trotz freier Schussbahn traf der Mannschaftskapitän der Zebras aus kurzer Entfernung nur den Pfosten. Wahnsinn!

15:27 Uhr beendete Schiedsrichter Florian Exner dann zumindest schon mal den Kick im Donaustadion und wenige Live-Ticker-Aktualisierungen später war auch im Wedaustadion Feierabend. SSV Ulm – Rot-Weiss Essen 2:3, MSV Duisburg – Viktoria Köln 1:1. Rot-Weiss Essen 70 Punkte, MSV Duisburg 68 Punkte. Meiderich am Boden, Bergeborbeck im siebten Himmel.

Das sorgte natürlich noch ein zweites Mal für großartige Bilder in und vor der Gästekurve. Vorerst war vergessen, dass RWE mit drei kuriosen bis unerklärlichen Niederlagen an den Spieltagen 34 bis 36 seine gute Ausgangsposition für den 2. Platz hinter Meister Osnabrück verspielt hatte. Der große Traum vom Aufstieg in die 2. Bundesliga darf am Ende des 38. Spieltags doch noch weiterleben und dass ausgerechnet der verhasste MSV der Leidtragende des heutigen Finale Furioso war, dürfte dabei für die Fans die Kirsche auf der Sahne gewesen sein.

In etwa 26 Stunden werden die Essener dann wissen, wer ihr Gegner in der Relegation sein wird. Beispielsweise könnte es zu Duellen mit moderaten Reisekilometern gegen Fortuna Düsseldorf oder Arminia Bielefeld kommen. Außerdem sind Eintracht Braunschweig und die SpVgg Fürth dick in der Verlosung und zumindest theoretisch könnten auch der 1. FC Magdeburg oder die Dynamo Dresden noch auf Rang 16 der 2. Bundesliga abrutschen. So oder so, kommenden Freitag wird die Hafenstraße garantiert ein Hexenkessel und den Dienstag darauf fügt sich der bewegten Vereinschronik entweder ein himmlisches oder tragisches Kapitel hinzu.