- 12.04.2026
- SV Wiesbaden 1899 – SV Rot-Weiß Hadamar 2:4
- Verbandsliga Hessen, Gruppe Mitte (VI)
- Helmut-Schön-Sportpark (Att: 155)
Nach dem wichtigen hannoverschen Auswärtssieg bei den Lilien am Samstagabend (siehe voriger Bericht), wachte ich am nächsten Morgen gegen 10 Uhr im Darmstädter IntercityHotel auf. Weil die Zugbindung meines ICE-Tickets nach Hannover wegen einer Fahrplanänderung aufgehoben war, hatte ich beschlossen auch den ganzen Sonntag noch im Rhein-Main-Gebiet zu verbringen und saß um 10:38 Uhr in einem Zug in Richtung Wiesbaden.

Nach einer 45minütigen Bahnfahrt erreichte ich die von ca. 290.000 Menschen bewohnte Hauptstadt des Bundeslandes Hessen und hatte zunächst ein deftiges Mittagsmahl im Sinn. Es ging deshalb in den Ex-Yu Balkan Grill, wo ich beim bosnischen Grillmeister zehn Ćevapčići nebst Brot, Kartoffeln, Zwiebeln und Ajvar orderte. War köstlich und kostete zusammen mit einem Tee 15,50 €.

Anschließend widmete ich dem Stadtbild der hessischen Kapitale, deren Geschichte eng mit ihren insgesamt 14 kochsalzhaltigen Thermalquellen verwoben ist und zugleich bis in die Antike zurückreicht. Denn bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. erkannten die Römer den besonderen Wert jener heißen und heilsamen Quellen. Als sie ihr Imperium zu jener Zeit bis an den Rhein ausdehnten, gründeten sie hier die Siedlung Aquae Mattiacorum (benannt nach dem germanischen Stamm der Mattiaker) und errichteten mehrere Badehäuser. Einziges sichtbares Erbe der Römerzeit ist heute jedoch lediglich ein Mauerrest aus dem 4. Jahrhundert. Diese so genannte Heidenmauer wurde indes im 19. Jahrhundert zum Bau einer neuen Straße durchbrochen und am Durchbruch errichtete man ein nach antiken römischen Vorbildern gestaltetes Stadttor.

Mit dem Rückzug der Römer im 5. Jahrhundert n. Chr. verlor die Stadt zunächst wieder an Bedeutung und verfiel teilweise in den Wirren der Völkerwanderungszeit. Doch im Frühmittelalter entwickelte sich unter fränkischer Hoheit eine neue Siedlungsstruktur rund um die immer noch sprudelnden Thermalquellen. Anfang des 9. Jahrhunderts taucht nun erstmals der Name Wisibada für diesen Ort auf, welcher sich ins heutige Hochdeutsch mit Heilbad übersetzen lässt.

Im 13. Jahrhundert fiel Wiesbaden wiederum an die Grafen von Nassau. Unter deren Herrschaft begann eine neue Blütezeit, da im sich im Hoch- und Spätmittelalter durch Pilger und Kranke erste Formen des Bädertourismus entwickelten. Vom mittelalterlichen Stadtbild ist aber ebenfalls nicht wirklich etwas übrig, da im 16. Jahrhundert nahezu die gesamte Bausubstanz verheerenden Bränden zum Opfer fiel.

Doch die mittlerweile gefürsteten Grafen von Nassau-Usingen ließen Wiesbaden wieder aufbauen und machten es 1744 sogar zur Residenzstadt ihres Fürstentums. Folglich entstand ein Schloss und einiges Weiteres an repräsentativer Architektur. Fürst Karl von Nassau-Usingen (* 1712; † 1775) erteilte Wiesbaden im Jahre 1771 außerdem eine Konzession für Glücksspiele und wenig später gründete sich die berühmte Spielbank Wiesbaden.

Die Kurstadt hatte nun alles, was die reisefreudige Hautevolée jener Zeit anzog. In den Heilbädern und Parkanlagen fand man Erholung, in den Salons und Kulturhäusern kam es zu gesellschaftlichen Vergnügen und wer etwas Nervenkitzel suchte, zockte in der Spielbank. Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im 19. Jahrhundert, als Nassau 1806 einerseits zum Herzogtum aufstieg und andererseits mit dem Bürgertum eine weitere Schicht wohlhabend und mobil genug für einen Kuraufenthalt wurde.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs im Jahre 1871 wurde zwar das Glücksspiel verboten, aber dafür kurte mit Kaiser Willhelm II. (* 1859; † 1941) einer der größten Influencer des Reiches am liebsten in Wiesbaden. Im Glanze des Kaisers stand das Nizza des Nordens bei Blaublütigen und betuchten Bürgerlichen weiterhin hoch im Kurs und um die Jahrhundertwende kam es erneut zu einer regen Bautätigkeit. In dieser Zeit entstanden rund um den Stadtkern mehrere Villenviertel im Jugendstil, sowie als neue Landmarken im Zentrum u. a. das Neue Rathaus (1887), das Königliche Theater (1894), der Hauptbahnhof (1906) und das in meinem Titelbild zu sehende Neue Kurhaus (1907).

Da Wiesbaden im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) im Vergleich zu Frankfurt, Darmstadt oder Kassel relativ wenig zerstört wurde, stieg es nach dem Krieg zur Hauptstadt des Bundeslandes Hessen auf. Der Landtag zog ins zwischen 1837 und 1841 errichtete Stadtschloss und für die Staatskanzlei und die Ministerien fanden sich ebenfalls gut geeignete öffentliche Gebäude. Ferner beschlossen die Besatzungsmächte, dass der Rhein unverrückbar die Grenze zwischen den neu gebildeten Bundesländern Rheinland-Pfalz und Hessen sein soll. Das wiederum führte dazu, dass die linksrheinische Nachbarstadt Mainz ihre rechtsrheinischen Stadtteile Amöneburg, Kastel und Kostheim an Wiesbaden abtreten musste. Seitdem schwelt der AKK-Konflikt.

Außerdem wurde nach dem Krieg das Glücksspiel wieder legal in Wiesbaden und die neue Spielbank der Stadt zog erst ins Foyer des Hessischen Staatstheaters und 1955 schließlich ins Neue Kurhaus. Die stetig steigenden Steuereinnahmen aus dem Glücksspielgeschäft ließen verschmerzen, dass der klassische Kurbetrieb in jüngeren Vergangenheit nicht mehr so florierte. Dazu sorgen u. a. der Beamtenapparat einer Landeshauptstadt und ein starker Dienstleistungssektor für eine wirtschaftlich ganz gut aufgestellte Stadt.

Gegen 14:30 Uhr endete mein Stadtrundgang wieder am Hauptbahnhof und von dort ging es nun zum einen guten Kilometer entfernten Helmut-Schön-Sportpark. Jene bereits 1907 eröffnete Sportstätte hieß bis 2009 Stadion an der Berliner Straße, ehe sie zu Ehren des früheren Bundestrainers Helmut Schön umbenannt wurde. Schön, der 15. September 1915 in Dresden geboren wurde, hatte sich Anfang der 1950er Jahre in Wiesbaden niedergelassen und lebte hier bis zu seinem Tod am 26. Februar 1996.

Lange bevor Schön die DFB-Auswahl zu ihrem ersten EM-Titel (1972) und zu ihrem zweiten WM-Titel (1974) führte, hat der Mann mit der Mütze in der Saison 1951/52 sogar den SV Wiesbaden trainiert. Zu dieser Zeit versuchte der 1899 gegründete SVW im Unterbau der Oberliga Süd vergeblich an die Leistungen der Vorkriegszeit anzuknüpfen, als man immerhin mehrere Jahre erstklassig unterwegs war.

Für die Oberliga und später die Bundesliga sollte es zwar nie reichen, aber der SV Wiesbaden durfte wenigstens ein paar Ausrufezeichen im gehobenen Amateurbereich setzen. So stand er in den Jahren 1964 und 1965 zweimal hintereinander im Finale um die deutsche Amateurmeisterschaft. Wenngleich die Hessen in beiden Endspielen der Amateurmannschaft des heute vor exakt 130 Jahren gegründeten Hannoverschen SV von 1896 unterlagen.

Die jüngere Vergangenheit des SVW ist indes eher von Pech und Pleiten geprägt. 1994 stieg man aus der damals drittklassigen Oberliga Hessen ab und war obendrein zahlungsfähig. Es folgte ein Neubeginn in der untersten Spielklasse, der zwischenzeitlich (2013 bis 2016) sogar wieder hinauf bis in die fünfte Ligastufe führte. Nur fehlte es für die dauerhafte Etablierung im gehobenen Amateurniveau an Sponsoren. Denn seit 2007 der potente Dorfclub SV Wehen nach Wiesbaden gezogen ist und direkt neben dem Helmut-Schön-Sportpark seine Arena errichtet hat (Vgl. Wiesbaden 03/2024), ist die Akquise bei der lokalen Wirtschaft noch schwieriger geworden.

Während die mittlerweile als SV Wehen-Wiesbaden firmierenden Wehener der Landeshauptstadt endlich Profifußball bieten und auch sonst im Rhein-Main-Gebiet einige Optionen für höherklassigen Fußball existieren, fristet der SV Wiesbaden sein Dasein zur Zeit in der Gruppe Mitte der sechstklassigen Verbandsliga Hessen. Obendrein las ich im Stadionheft, welches es als kostenlose Beigabe zur 7 € teuren Eintrittskarte gab, dass aus den bisherigen sechs Spielen im Jahr 2026 lediglich ein Punkt herausprang. Entsprechend rutschte man in der Tabelle von Rang 9 auf 13 und steckt mittlerweile im Abstiegskampf.

Heute war eine Trendwende leider unwahrscheinlich. Denn zu Gast im bis zu 12.000 Zuschauer fassenden Helmut-Schön-Sportpark war der aktuelle Tabellenführer SV Rot-Weiß Hadamar. Die haben nach der Winterpause jedes Spiel als Sieger beendet und sind mit bisher 90 Treffern zugleich die Torfabrik der Liga. Da ist es wahrscheinlich ein Wiesbadener Achtungserfolg, dass die Rot-Weißen heute lediglich vier weitere Tore auf der Habenseite verbuchen konnten. Erst recht, weil der traditionell in den Nassauer Farben orange und blau auflaufende SVW bereits nach zehn Minuten mit 0:2 hinten lag und ab der 40. Minute gar in Unterzahl spielen musste.

Doch nachdem ich nach der Pause vom Bierstand zurück auf meinem Tribünensitz gekehrt war und Hadamar prompt auf 0:3 erhöhen konnte (50.), gaben sich die Wiesbadener widererwartend nicht auf. Sie hielten so gut es ging dagegen und kamen in Form eines Strafstoßes sogar zum Anschlusstreffer (71.). Als der SV Rot-Weiß aus dem 60 km entfernten Hadamar kurz vor Schluss nochmal auf 1:4 stellte (86.), verkürzte man in der Nachspielzeit wiederum zum Endstand von 2:4 (90.+3).

Nach dem Schlusspfiff dieser mittelprächtig unterhaltsamen Partie ging es per Bahn schnellstmöglich nach Frankfurt. Nachdem es am dortigen Hauptbahnhof noch fix eine Bratwurst im Brötchen (4 €) bei Wursthelden auf die Faust gab, fuhr ich um 17:46 Uhr per ECE weiter nach Hannover. Gute vier Stunden später schloss ich die Haustür auf und freute mich schon jetzt auf die nachträglichen Feierlichkeiten des heutigen Geburtstagskindes Hannover 96 am kommenden Wochenende. Samstagabend gegen den SC Paderborn ist im Niedersachsenstadion Gänsehaut garantiert.