Drammen 04/2023

  • 30.04.2023
  • Strømsgodset Toppfotball – Tromsø Idrettslag 0:1
  • Eliteserien (I)
  • Marienlyst Stadion (Att: 5.008)

Nachdem erste Eindrücke von Oslo gewonnen waren, ging es am Sonntag per Bahn um 11:09 Uhr für 161 NOK (13,80 €) ins rund 45 km von der Hauptstadt entfernte Mjøndalen, welches zur Kommune Drammen gehört. In Drammen sollte Strømsgodset Toppfotball um 17 Uhr Tromsø Idrettslag im Rahmen der erstklassigen Eliteserien empfangen, doch zunächst schwebte mir eine kleine Wanderung vor.

Die Drammenselva bei Mjøndalen

Der Berg Knabben im Landschaftsschutzgebiet Solbergfjellet soll auf 368 m ü. NN angeblich eine tolle Aussicht über das Tal des Flusses Drammenselva und den Drammensfjorden, einen Nebenarm des Oslofjordes, bieten. Also auf Komoot einen Rundweg vom Bahnhof Mjøndalen ausbaldowert und gegen 12 Uhr losmarschiert.

Einer der Wasserfälle des Møllenhofbekkens

Zunächst musste ich die Drammenselva über eine Stahlbrücke überqueren und dann in einem Wohngebiet die ersten Höhenmeter machen. Bald begann der Wald und ich wanderte parallel zum Gebirgsfluss Møllenhofbekken weiter in die Höhe. Hier wurde ich gleich mal von mehreren schönen Wasserfällen überrascht, die bei Komoot nicht ausgewiesen waren. Da merkt der moderne Wandersmann, dass die App weitgehend von einem deutschen Publikum genutzt wird. Denn in Deutschland und im Alpenraum ist jede Rastbank mit etwas Aussicht als Höhepunkt markiert und mit Fotos aus der Community versehen, während in Norwegen nur absolute Topspots markiert sind.

Hochmoor im Solbergfjellet

Ich fand es natürlich ganz cool mal etwas unvorhergesehener als beispielsweise im Harz zu wandern und erfreute mich an überraschend schönen Weg- und Aussichtspunkten, die im Harz definitiv einen Stempelkasten hingestellt bekommen würden und bei Komoot mindestens 96 Nutzerfotos drin hätten.

Ausblick oberhalb des Borgetjern

Nächste Highlights beim Aufstieg waren die Stauseen Borgetjern und Svarttjern. Beide noch teils von einer Eisschicht bedeckt. Ab so 250 m ü. NN war es hier am letzten Tag des Aprils doch noch etwas winterlich. Das spürte ich erst recht nachdem ich den schönen Trail am Nordufer des Svarttjern gemeistert hatte. Denn beim weiteren Anstieg zum Knabben fungierte der Trail dank der Schneeschmelze als temporärer Gebirgsbach. Zwar nervig, aber mit wasserfestem Schuhwerk zum Glück kein Grund umzukehren.

Der eisige Svarttjern

In 300 m ü. NN ging der Trail schließlich in ein großes Schneefeld in einer Hochmoorebene über, dessen Tauen ursächlich für das überflutete Teilstück war. Irgendwo unter der noch bis zu 50 cm dicken Schneedecke musste der felsige Trail sein. Also mit den Trekkingstöcken durch den Sulzschnee gestochert und dabei wurde nicht nur viel Muskelkraft aufgewendet, sondern auch ungeahnt viel Zeit verloren.

Als der Trail noch trocken war…

Zum Glück musste am Ende des Schneefelds nur noch ein letzter kleiner und wieder nahezu eisfreier Anstieg gemeistert werden, um auf Wanderkilometer 6,9 nach 2:40 h das Felsplateau des Knabben zu erreichen. Zielpunkt war nun natürlich die dem Tal der Drammenselva zugewandte Seite des Felsmassivs, wo die so genannte Knabben utsikt die Mühen belohnen sollte (siehe Titelbild).

Endlich am Ziel

Nach 20 Minuten des Rastens und Genießens, zeigte die Uhr bereits 15 Uhr an. Tja, den geplanten Zug um 16:06 Uhr von Mjøndalen nach Drammen konnte ich wohl knicken. Zumal der Abstieg vom Knabben auf der dem Tal der Drammenselva zuwandten Seite herausfordernder als gedacht wurde. Klar, die App zeigte Passagen mit 20 % bis 25 % Gefälle an. Doch dass der Weg plötzlich an einer Felskante endete, war nicht zu erahnen. Aber ich war nicht vom richtigen Pfad abgekommen, sondern hier musste man sich eben abseilen.

Ist dieses Seil auch für schwere Lasten ausgelegt?

Zwei weitere Seilpassagen – allerdings an relativ gut ohne Seil begehbaren Wurzelabhängen – überraschten dann schon nicht mehr, ehe ich auf Kilometer 8,6 meiner Tour einen komfortablen Wanderweg oberhalb des Ortes erreichte. Gegen 16:10 Uhr war ich schließlich wieder in einem Wohngebiet und beschloss meine Rundwanderung nicht zu vollenden. Statt weiter zum Bahnhof zu laufen, wurde nach 10,2 km Wanderstrecke und 3:32 h Wanderzeit (exklusive Pause auf dem Berg) die Aufzeichnung der Tour beendet und per Bolt App ein Taxi geordert. Anders wäre der heutige Kick nicht mehr pünktlich zu erreichen gewesen.

Ab diesem markanten Wegpunkt wurde es wieder ein Spaziergang

Der aus Somalia stammende Taxler sammelte mich um 16:33 Uhr ein und erzählte mir passend zu meiner Herkunft und meinem Fahrtziel davon, dass in den 1980er Jahren in Somalia immer einmal pro Woche eine Zusammenfassung der Bundesliga im TV lief (von wegen wir haben die Auslandsvermarktung verschlafen!). „My favourite player was Karl-Heinz Rummenigge, but my favourite club was the one with the goat. What’s their name again?“ Außerdem hatte er noch interessante Infos über die norwegische Förderung der E-Mobilität (gefühlt sind im Großraum Oslo 96 % der PKW elektrisch angetrieben). Während Verbrenner mittlerweile nochmal extra hoch besteuert werden, werden E-Autos massiv vom Staat subventioniert. Ich habe anschließend nochmal Zahlen recherchiert und jene besagen, dass im 1.Quartal 2023 landesweit knapp 90 % aller Neuzulassungen auf Elektroautos entfielen. Norwegen dürfte also nicht nur bei Wärmepumpen, sondern auch bei Elektromobilität der amtierende Europameister sein.

Wo bitte geht’s hier zum Taxistand?

Nach 18,96 Minuten Fahrzeit erreichten wir das 1924 eröffnete und gegenwärtig ca. 8.900 Zuschauer fassende Marienlyst Stadion in Drammen. Nachdem meine Kreditkarte zunächst für die Fahrdienstleistung mit 286 NOK (ca. 24,50 €) belastet wurde, wurden weitere 330 NOK (ca. 28 €) für einen Platz auf der Haupttribüne des Stadions fällig. Diesen nahm ich drei Minuten vor Anpfiff ein und wurde sogleich Zeuge wie die aus Tromsø mitgereisten Fans eine kleine Blockfahne mit einem Eisbären präsentierten und diese mit ein paar Leuchtfeuern umrahmten. Für die Banderole „Tromsø på tur“ bedurfte es dann keiner Übersetzung.

Fackelfreudige Nordlichter

Ungefähr 200 Fans waren auf Tour gegangen, um ihren Herzensverein Tromsø IL im rund 1.700 km entfernten Drammen zu unterstützen. Das ist eine Entfernung wie von Hannover nach Neapel und zu 96 % wird die An- und Abreise der Fans per Flugzeug erfolgt sein. Aber Respekt, falls jemand mit seinem Elektroauto einen emissionsarmen 3-Tages-Trip daraus gemacht hat. Da Alta IF mittlerweile nur noch drittklassig kickt, darf sich Tromsø IL damit rühmen der nördlichste Profifußballclub der Welt zu sein (Tromsø liegt 344 km nördlich des Polarkreises) und schlägt sich trotz eines gewissen Standortnachteils ziemlich erfolgreich.

Mehr als 5.000 Zuschauer waren heute ins Marienlyst Stadion geströmt

1986 und 1996 wurde der norwegische Fußballpokal in die eisige Polarregion entführt und insgesamt zehn Spielzeiten war TIL bereits im internationalen Wettbewerb vertreten. Im heimischen Alfheim Stadion konnten dabei u. a. Chelsea, Galatasaray, Partizan, Beşiktaş und der FK Crvena zvezda geschlagen werden. Allerdings stellt Erzrivale FK Bodø/Glimt die Tromsøværinger gerade national wie international ein wenig in den Schatten. Hm, so’n Polarderby in Bodø oder Tromsø wäre doch auch mal was für Schneppe Tours?

Halbzeitwurst gab es zusammen mit 0,4 l Softdrink für faire 59 NOK (ca. 5 €)

Auch der heutige Gastgeber Strømsgodset Toppfotball zählt zu den besseren Adressen des norwegischen Fußballs. Zwei Meisterschaften (1970, 2013) und fünf Pokalsiege (1969, 1970, 1973, 1991, 2010) durften bereits in Drammen gefeiert werden. Entsprechend hat der 1907 gegründete Stammverein von Superstar Martin Ødegaard (und Ex-96er Iver Fossum) auch schon einige Europapokalauftritte auf dem Buckel. Große Sternstunden sind im internationalen Teil der Vereinschronik jedoch bisher nicht auszumachen.

Der Fanblock von Strømsgodset

Dennoch reicht der Palmarès für eine nennenswerte Anhängerschaft. Die sangesfreudigsten Fans von Godset hatten sich hinter dem Tor versammelt, aber ein Torschrei war ihnen heute nicht vergönnt. Stattdessen schoss Tromsøs erst vier Minuten zuvor eingewechselter Linksaußen Yaw Paintsil in der 73.Minute das einzige Tor des Abends. Große Freude im Block der Tromsøværinger, die wieder ein paar rote Fackeln entzündeten und nach dem Treffer nochmal richtig auftauten. Ein gutes Dutzend supportete in der Schlussviertelstunde nun sogar oberkörperfrei. Dass manch einer bei 13,12° C bereits mit kurzen Ärmeln und kurzen Hosenbeinen unterwegs war, will ich auch nicht unterschlagen. In Norwegen ging das heute schon als Frühsommer durch.

Das Tor des Tages wird zelebriert

Nach Abpfiff ließ sich Mannschaft des am 15.September 1920 gegründeten Tromsø Idrettslag für die drei Punkte ausgiebig vor dem Gästeblock feiern. Damit bleibt TIL diese Saison weiterhin ungeschlagen und klettert mit acht Punkten aus vier Spielen temporär auf den 3.Platz im Tableau. Die heute unterlegenen Drammensere müssen dagegen vorerst mit Rang 13 Vorlieb nehmen. Aber die Saison ist noch lang…

3.400 km für 3 Punkte

Das wiederum traf auf den Rückweg nach Oslo nicht zu. Am 500 m vom Stadion entfernten Hauptbahnhof der Kommune Drammen fuhr die erstbeste Bahn nach Abpfiff um 19:17 Uhr ab und exakt 33 Minuten später erreichte ich gegen ein Beförderungsentgelt von 132 NOK (ca. 11,20 €) die Osloer Sentralstasjon. Nun waren ein Duschbad und neue Kleidung das Gebot der Stunde. Anschließend musste natürlich ein üppiges Abendessen her, um wenigstens einen Teil der heute laut Smartphone über 5.000 verbrannten Kilokalorien zu egalisieren. Da ich einen Tipp von Arne Berger bekommen hatte, ging das sogar ohne ein Vermögen loszuwerden. Er hatte mir die Kette Egon empfohlen, die sonn- und montags ganztägig ein Pizza- und Salatbuffet (AYCE) für 149 NOK (gegenwärtig ca. 12,70 €) offeriert.

Back in Oslo

Der nächste Egon war direkt an der Sentralstasjon und somit nur 350 m von meinem Hotel entfernt. Zwar musste man um 20:30 Uhr draußen Schlange stehen, aber nach einer guten Viertelstunde hatte ich die Pole Position inne und bekam den nächsten freien Tisch. Zum Buffetangebot wurde noch ein Orangensaft geordert, so dass die Kreditkarte letztlich mit 198 NOK (16,97 €) belastet wurde. Im Gegenzug spazierte ich viermal mit je zwei kleinen Tellern zum Buffet. Der Salat war ein Witz (lediglich eine Box mit Blattsalat und ein Trog mit Dressing), aber immerhin fünf Pizzen standen zur Auswahl. Ich probierte sie alle (Hawaii, Tex-Mex, Bolognese, Verdura und Speciale) und war anschließend pappsatt. Es war wenig überraschend nicht die beste Pizza meines Lebens und wird wohl auch nicht die beste Pizza Oslos sein, aber das Preis-Leistungsverhältnis war ansprechend.

Pizzavöllerei bei Egon

Gegen 22 Uhr war letztlich zurück im Hotel und checkte vor dem Schlafengehen nochmal mein elektronisches Postfach. Vålerenga fragte per Rundmail wortwörtlich, ob ich bereit für Norwegens heißestes Derby am morgigen Tag sei? Das Ganze garniert mit einem Bild von einer lodernden Heimkurve. Jetzt war ich aber sowas von bereit!