Meppen 11/2022

  • 12.11.2022
  • SV Meppen – VfL Osnabrück 0:3
  • 3.Liga (III)
  • Emslandstadion (Att: 12.700)

Nach dem gelungenen Ausflug nach Kiel am Freitag (siehe Kiel 11/2022), sollte mich mein Weg am nächsten Tag ins Emsland führen. Da die Fernverkehrsverbindungen dorthin kaum Zeit gegenüber dem Nahverkehr sparen und man mit dem Niedersachsenticket obendrein die InterCitys zwischen Bremen und Emden nutzen darf, wurde am frühen Morgen besagtes ÖPNV-Tagesticket für Niedersachsen gelöst (24 €). Via Bremen und Leer ging es nun nach Meppen. Wobei der Fahrplan in Leer 50 Minuten Aufenthalt vorsah und ich diese knappe Stunde schon mal für einen vormittäglichen Spaziergang durch die reizende Leeraner Innenstadt nutzte. Da Ostfriesland noch ’ne regelrechte Leerstelle auf Schneppe Tours ist, kann ich mir gut vorstellen noch mal für einen ganzen Tag zurückzukehren. Die ersten Eindrücke und Erkenntnisse machten jedenfalls Lust auf Leer.

Der lange Arm der FIFA scheint nicht bis Leer zu reichen, so dass dieser Regenbogen nicht während der WM überpinselst werden muss

11:49 Uhr erreichte ich schließlich Meppen und wollte auch hier ein Stündchen Sightseeing betreiben und mich etwas mit der Stadtgeschichte auseinandersetzten. Die Kreisstadt des Landkreises Emsland und ihre ca. 35.000 Einwohner können nämlich auf eine lange Geschichte zurückblicken. Bereits vor über 1.200 Jahren (ca. 780) wurde von den Karolingern eine Missionskirche am Zufluss der Hase in die Ems gestiftet, welche die Christianisierung im von Karl dem Großen im Rahmen der Sachsenkriege unterworfenen Emsland vorantrieb. Dabei wurde die Missionszelle selbstredend an einem bereits besiedelten Ort errichtet. Die Sachsen hatten offenbar einige Höfe an Ems und Hase gegründet und betrieben dort schon lange Landwirtschaft.

Höltingmühle an der Hase

Wäre man gehässig, könnte man den Ausflug in die Stadtgeschichte nun auch wieder beenden. Zwar haben sich Technik und Methodik der Land- und Viehwirtschaft weiterentwickelt, aber Bauern sind die Meppener bis heute geblieben. Zumindest wenn man die heute gastierenden Osnabrücker oder andere Rivalen fragen würde. Mein Streifzug durch die historische Altstadt deutete aber doch auf etwas mehr wirtschaftliche Diversifikation in den letzten Jahrhunderten hin. Im Spätmittelalter hatte sich aus den Bauernhöfen eine städtische Siedlung entwickelt, die der Fürstbischof von Münster als damaliger Landesherr im ausgehenden 14.Jahrhundert befestigen ließ. 1387 schenkte der Fürstbischof den Meppenern außerdem das Marktrecht und damit man sich endgültig nicht mehr als Dorf, sondern als Stadt fühlen konnte, wurde 1408 mit dem Bau des Rathauses begonnen.

Das Meppener Rathaus

Das aus Findlingen errichtete Erdgeschoss des Rathauses ist aus dieser ersten Bauphase erhalten geblieben. Der Rest des Meppener Wahrzeichens kam im frühen 17.Jahrhundert dazu. Zu dieser Zeit wurde Meppen auch rekatholisiert, nachdem es sich 1543 zunächst der Reformation zugewendet hatte. Das durften 70 Jahre später jedoch ins Emsland entsandte Jesuiten wieder korrigieren. Wenig später (1618) brach der Dreißigjährige Krieg aus, der auch in Meppen für Verheerungen sorgen sollte. Das Emsland trotzte am Ende allerdings den protestantischen Heeren und blieb katholisch. Dürfte auch die Jesuiten gefreut haben, die in den Jahren 1743 bis 1746 mit der barocken Gymnasialkirche ein weiteres Wahrzeichen Meppens schufen. Ferner wurde Meppen als Lehre aus dem Dreißigjährigen Krieg im Nachgang stark befestigt. Ab 1660 ließ der Münsteraner Fürstbischof die Festung Meppen zeitgemäß ausbauen. Zwar wurden die Festungsanlagen gute 100 Jahre später wieder geschliffen, doch die Zacken der Schanzen sind bis heute prima auf dem Stadtplan zu erkennen und die grünen Wallanlagen rund um die Altstadt erinnern noch ganz anschaulich an das militärische Großbauwerk.

Die Gymnasialkirche

1815 fiel Meppen an das Königreich Hannover und 41 Jahre später bekam es einen Bahnanschluss im Rahmen der Hannoverschen Westbahn zwischen Münster und Emden. Eine weitere wichtige Infrastrukturmaßnahme des 19.Jahrhunderts war der Bau des Dortmund-Ems-Kanals, der Meppen seit 1899 auf dem Wasserweg mit Nordsee und Ruhrgebiet gleichermaßen verbindet. Eine Industrialisierung im großen Stil setzte jedoch nicht ein. Meppen ist bis heute eine Handels- und Behördenstadt in einem nach wie vor sehr ruralen Umland geblieben und tatsächlich verschaffte erst der Fußball dieser kleinen Stadt im Emsland bundesweite Aufmerksamkeit. Der 1912 gegründete SV Meppen stieß 1979 in die drittklassige Oberliga Nord vor und etablierte sich dort schnell. 1987 gelang schließlich der große Wurf und man zog mit einer Mannschaft, deren Kicker fast ausschließlich aus der Region stammten, in die 2.Bundesliga ein.

Das Zeughaus (einst Waffen- und Munitionsdepot der Festung Meppen)

Der Feierabendfußballer aus dem Emsland galten in ihrer Premierensaison natürlich als krasse Außenseiter. Doch der SVM schaffte nicht nur überraschend den Klassenerhalt, sondern blieb stolze 11 Jahre am Stück zweitklassig. Dabei wurde er eine Dekade lang zum bundesweiten Synonym für fußballerische Provinzialität auf Profiebene. Im Abstiegskampf der 1.Bundesliga wurde gerne mal von Fans oder Sportreportern das Satzfragment „sonst geht es nächste Saison nach Meppen“ bemüht und 1988 verabschiedete sich Torwart Toni Schumacher vom Absteiger Schalke 04 medienwirksam mit den Worten „Ich spiel‘ doch nicht in Meppen“. Dabei war sich nicht einmal Diego Maradona zu schade in Meppen seine Europapremiere auf Vereinsebene zu feiern, als die Meppener 1982 als damaliger Drittligist einfach mal den FC Barcelona zu einem Freundschaftsspiel ins Emsland lockten. Und zwischenzeitlich drohte der deutschen Fußballelite nicht nur bei Abstieg eine Reise ins Emsland. 1991/92 und vor allem 1994/95 logierte der von Horst Ehrmantraut trainierte SVM wochenlang auf den Aufstiegsplätzen zur 1.Bundesliga, verspielte die gute Ausgangsposition allerdings jeweils noch im Saisonendspurt.

Diese Schwenkfahne erinnert prima an die alte Zeit in Meppen

In den aus Meppener Sicht glorreichen Zweitligajahren entwickelte sich auch die Rivalität zum VfL aus dem 75 km entfernten Osnabrück. Mit denen konkurrierte man in der 2.Bundesliga nicht nur um Punkte, sondern teilweise auch um das Einzugsgebiet. Entsprechend war das heute ein besonderes Spiel und eine erfolgreiche Fantrennung für die Polizei das oberste Gebot. Möglichst alle Osnabrücker, insbesondere jedoch von der Polizei als Problemfans eingestufte Gäste, sollten aus der Innenstadt ferngehalten werden. Denn dort wollten sich vormittags die Fans des SV Meppen auf das Derby einstimmen und letztlich einen Fanmarsch zu ihrem 1,896 km entfernten Stadion initiieren.

Anti-Osna-Doppelhalter

Bei meiner Ankunft am Marktplatz gegen 12:30 Uhr müssen leider bereits alle Fans unterwegs gewesen sein. Der Platz sah allerdings sehr wüst aus und Anwohner unterhielten sich über schlimme Szenen am Vormittag. Während die Meppener am Derbymorgen noch Felder und Vieh versorgen mussten oder ihren Kornrausch von einer freitäglichen Scheunenparty ausschliefen, waren ca. 200 Osnabrücker bereits gegen 9 Uhr in der Meppener Innenstadt aufgetaucht und konnten so den Marktplatz kampflos besetzen. Parolen und Gesänge der Lila-Weißen schallten durch das Herz der Stadt und das obligatorische Mobfoto vor’m Rathaus durfte natürlich auch nicht fehlen.

Ein Banner wider dem einstigen Knuddel-Image

Eine böse Überraschung für zunächst die Einsatzleitung und später auch die Meppener Fanszene. Offenbar kam es sogar noch zu einem Angriffsversuch, als erste Meppener ihren angedachten Treffpunkt aufsuchen wollten. Aber die Polizei konnte laut Eigenaussage eine direktes Aufeinandertreffen der Gruppen unterbinden und gegen 11 Uhr wurden die Osnabrücker von der Staatsmacht in Shuttlebusse zum Stadion komplimentiert. Auch wenn die Meppener nun noch ihren geplanten Marsch mit ca. 1.000 Fans durchführen konnten, war das dennoch der erste Punkt des Tages für die Osnabrücker (kenne Fanszenen, da wäre es undenkbar am Derbytag morgens um 9 Uhr noch im Bett zu liegen).

Choreographie der Osnabrücker

Im mit 12.700 Zuschauern ausverkauften Stadion – ca. 1.000 Plätze ließ man aus Sicherheitsgründen frei – sollte es ebenfalls ein lila-weißer Festtag bleiben. Dabei wurde in der Kategorie Intro sogleich der nächste Punkt geholt. Während Meppens Fanblock nur ein bisschen zum 15.Geburtstag der Gruppe Meppen Inc fackelte (siehe Titelbild und Video), hatten Violet Crew & Co in Gästesektor eine schöne Choreographie aus Fähnchen und XXL-Doppelhalter umgesetzt. Klar, Pyrotechnik goutiert die Redaktion von Schneppe Tours grundsätzlich immer, aber für’s Intro bei einem Heimderby zeugt das irgendwie von einem Mangel an Kreativität oder Kunstfertigkeit. Man könnte höchstens wohlwollend den Nostalgiefaktor von 20 Leuten mit Bengalos auf dem Zaun hervorheben und die Meppener dafür loben, dass sie bereits zu Beginn der Ultrabewegung in Deutschland den für sie perfekten Stil gefunden haben und dem auch noch ein Vierteljahrhundert später treu geblieben sind.

Die Fähnchen wurden immer mal wieder beim Support eingesetzt

Während die Meppener also offenbar nicht jedem Trend hinterherrennen und ihre Stadionatmosphäre insgesamt als nostalgisch durchging (fehlte nur noch ein Comeback der niederländischen Blaskapelle aus den glorreichen 1990er Jahren), kamen die Ultras des VfL Osnabrück ziemlich State of the Art daher. Die vielen Fähnchen der Choreographie wurden gleich mal szenisch bei einem Wechselgesang eingesetzt (siehe Video) und Pyrotechnik blieb über 90 Minuten ein buchstäblicher Dauerbrenner. Dabei kam dem Mob aus der so genannten Friedensstadt natürlich auch der Spielverlauf entgegen. Beide Teams waren mäßig bis schlecht in die Saison gestartet, aber der VfL ließ sich heute nicht mit in den Abstiegsstrudel reißen, sondern verschaffte sich mit einem deutlichen Sieg in der Fremde wieder ein Polster zur Todeszone der 3.Liga.

Das 0:1 fiel dabei kurz vor der Pause per Strafstoß und wurde entsprechend mit Fackeln und Rauchschwaden im Gästesektor zelebriert (siehe auch Video). Ba-Muaka Simakala hieß der sichere Schütze vom Punkt und dieser deutsch-kongolesische Angreifer erhöhte nach dem Seitenwechsel gleich noch auf 0:2 (51.Min). Als Jannes Wulff in der 69.Minute außerdem das 0:3 besorgte, war der Mob aus Osnabrück vollends in Partylaune versetzt und die Szene des SV Meppen endgültig bedient. Amisia Ultrà & Co hingen nun all ihre Zaunfahnen ab (darunter übrigens auch ein Freundschaftsbanner von Brügge & Meppen) und stellten den Support ein.

Torfreude beim 0:2

Die Osnabrücker nutzten den für sie günstig verlaufenden Nachmittag natürlich noch für ein paar Sticheleien und Pöbeleien. Ich bin mir beim verspäteten Schreiben dieses Berichts – 14 Tage Verzug und zwischendurch wurde mehrfach die Festplatte formatiert – allerdings nicht mehr sicher, ob tatsächlich auch Evergreens wie „Zieht den Meppenern die Gummistiefel aus“ oder „Asozial und die Scheune voller Deppen, das ist SV Meppen“ dabei waren oder ich das in der rauschhaften Nacht von Samstag auf Sonntag nur nachträglich geträumt habe. In jedem Fall gab es noch folgendes Spruchband bei den Osnabrückern: „Das H tätowieren – 300 € – Mit den Banausen den Hinterausgang nehmen – unbezahlbar“. Die genauen Hintergründe sind mir unbekannt, aber es braucht nicht viel Fantasie, um daraus zu lesen, dass die Meppener beim angedeuteten Ereignis wohl leichtathletisch anstatt kampfsportlich glänzten.

Noch vor der Sonne ging der SVM unter

Nach Abpfiff wurde es dann mal kurz etwas wilder. Ein paar Meppener und Osnabrücker tauschten Nettigkeiten am Zaun zum Gästebereich aus und der harte Kern der Meppener kletterte vermummt aus dem Heimsektor auf’s Spielfeld. Aber mehr als eine Werbebande umkicken und eine Eckfahne durch die Luft werfen war nicht gewollt oder nicht gekonnt. Sieben Ordnern gelang es jedenfalls die Meppener von schlimmeren Aktionen abzuhalten. Schnell waren alle wieder zurück auf der Tribüne bzw. alsbald hinter jener und damit außerhalb meines Sichtbereichs. Kann mir auch gut vorstellen, dass deren Interesse eher noch den eigenen Spielern, als den Osnabrücker Schlachtenbummlern galt. Die verdiente Derbyniederlage heute war schließlich bereits das dreizehnte sieglose Spiel in Folge und man rutscht hinunter auf den 19.Platz, auf welchem man nun überwintern muss.

Wütende Meppener

Der VfL klettert dagegen auf Rang 10 und hat erstmal ein Polster von sechs Punkten auf die Abstiegszone. Deshalb wurden die Appelle des von der Polizei instruierten Stadionssprechers auch gepflegt ignoriert. Der bat mehrmals, dass alle Osnabrücker doch bitte umgehend in die Shuttlebusse zum Bahnhof steigen mögen. Aber die Adressaten wollten ihre Derbyhelden und sich selbst natürlich noch gebührend im Emslandstadion feiern. Ich wiederum hatte mittlerweile mächtig Hunger und freute mich auf den Verbrauchermarkt gegenüber vom Stadion. Blöd, dass der ausgerechnet heute wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war.

Osnabrück feiert

Für einen Moment hingen meine Mundwinkel so tief wie bei den SVM-Atzen, die hier nach Spielschluss lungerten. Der Parkplatzimbiss hatte jedoch geöffnet und machte gut Reibach. Leider war das auf Pappe servierte Ensemble aus Bratcurry und Pommes frites spezial nicht mal die überraschend niedrigen 5 € wert. Die Fritten hatten ein viel zu kurzes Fettbad genossen und die Wurst durfte das Grillrost auch nur für wenige Wimpernschläge berühren. Aber gut, dass war jetzt so überraschend wie Korruptionsenthüllungen bei der FIFA (schrecklicher Verdacht; ist die WM in Katar gekauft worden?) oder Alkohol- und Regenbogenverbote in katarischen Stadien. Ich hätte es einfach besser wissen müssen.

Der Hunger trieb es rein

Am Bahnhof war dann wenigstens noch etwas Spektakel. Jeder, der den Meppener Bahnhof kennt, kann sich vorstellen, dass konsequente Fantrennung dort etwas schwierig ist. Erst recht, wenn beide Fanszenen auf dem selbem Bahnsteig auf den selben Zug warten. So gab es dort noch ein bißchen Pöbelei und die Tagesvollsten wollten gar die Fäuste schwingen, so dass die Polizei irgendwann doch mal losknüppelte. Ich wartete nun ab, bis der Zug in Südrichtung mit Meppenern und Osnabrückern weg war und es etwas ruhiger auf dem Bahnsteig wurde. Dann wagte ich mich auch über die Schienen und stieg wenig später mit den restlichen Meppener Fans in den Zug nordwärts.

Remmidemmi auf dem Bahnsteig

Die 4,5 stündige Heimfahrt nutzte ich nun für das Verfassen meines Erlebnisberichts aus Kiel und in Hildesheim wurde dem Körper, wie bereits angedeutet, endlich mal wieder Alkohol zugeführt. Weil Fat Lo, Languste und diverse andere Freunde im Huckebein saßen, wollte ich nochmal für ein, zwei Runden Bier dazustoßen. Ich dachte die wären nach einem langen Sport- und Kneipentag eh schon in Aufbruchstimmung und ich war gegen 23 Uhr eigentlich auch ziemlich kaputt. Aber falsch gedacht, es wurde noch eine lange Nacht.

Song of the Tour: Ist doch mal ’ne gute Gelegenheit für diesen Klassiker