Bielsko-Biała (Bielitz-Biala) 10/2022

  • 15.10.2022
  • TS Podbeskidzie Bielsko-Biała – Zagłębie Sosnowiec 2:2
  • I liga (II)
  • Stadion Miejski w Bielsku-Białej (Att: 3.699)

Von Cieszyn (Teschen) ging es am 15.Oktober um 13:20 Uhr per Kleinbus weiter nach Bielsko-Biała (Bielitz-Biala). 14 Złoty (ca. 3 €) verlangte der Personenbeförderer für die Mitfahrt. Über schlaglochreiche Straßen rollte sein Vehikel nun 70 Minuten durch die reizvolle Landschaft der Beskiden. Höhepunkt der Fahrt war allerdings der Klingelton der alten Frau vor mir. Die Grauhaarige dürfte ca. 60 Jahre alt gewesen sein und aus ihrem Smartphone tönte nun in seniorengerechter Lautstärke “What Is Love” von Haddaway als Klingelton. Aber nach kurzem Sinnieren fand ich es gar nicht mehr so kurios. Liege ich mit meiner Einschätzung ihres Alters richtig, war sie ungefähr 30 Jahre alt, als der Song erschien. Während meine Großeltern wiederum vor 30 Jahren immer noch gerne die Hits der 1950er und 1960er Jahre gehört haben und Musik aus dieser Zeit bei mir damals das Etikett Oppamusik bekommen hat, stehen wir nun an der Schwelle, dass die Omis und Opis der Gegenwart gerne Haddaway, Scooter oder House of Pain hören. Auf Böhse Opaz müssen wir uns ebenfalls einstellen.

  • 15.10.2022
  • BKS Stal Bielsko-Biała – LKS Bestwina 0:1
  • Klasa okręgowa, grupa śląska V (VI)
  • Stadion OSiR w Bielsko-Biała (Att: 80)

Der Bus hielt in Bielsko-Biała erfreulicherweise direkt vor meinem Hotel. Ich hatte mich für 65 € (inklusive Frühstück) im Hotel Qubus (****) einquartiert. Kurz den Rucksack im geräumigen Zimmer abgestellt und dann beim Blick auf die Uhr festgestellt, dass ich es pünktlich zum ersten Spiel des Tages schaffen werde. Der just 100 Jahre alt gewordene Traditionsverein BKS Stal sollte um 15 Uhr im Süden der Stadt den LKS Bestwina zum Pflichtspiel der sechstklassigen Klasa okręgowa, grupa śląska V empfangen.

Treppenstufen in den Vereinsfarben am Stadion

Pünktlich zum Anstoß erreichte ich das auf einem Hügel gelegene Stadion OSiR w Bielsko-Biała. Die Spielstätte wurde bereits 1911 als Stadion na Górce eröffnet und ist damit eines der ältesten Fußballstadien in ganz Polen. Es wurde jedoch erst in jüngerer Vergangenheit modernisiert und mit einem Kunstrasen versehen. 5 Złoty (ca. 1,10 €) durfte ich der Ehrenamtlichen am Kassenhäuschen in die Hand drücken, ehe ich etwas enttäuscht die einzige Tribüne der Anlage erblickte. Ich hatte ein ganz kleines bisschen die Hoffnung, dass sich die Waffenbrüder BKS Stal und Zagłębie Sosnowiec nicht nur heute Abend in großer Anzahl gemeinsam bei TS Podbeskidzie zeigen, sondern sich bereits hier lautstark auf den Höhepunkt des Tages einstimmen.

Stadion OSiR w Bielsko-Biała

Aber man kann nicht immer Glück haben und ein paar Szeneleute waren tatsächlich da, beschränkten sich jedoch auf’s Klönen. Im Laufe des Spiels trudelten sogar immer mehr Kleingruppen von Kurzhaarigen ein, so dass circa 40 Pseudokibice zusammen mit rund 40 Piknikfans die liebevoll mit Graffiti verzierte Tribüne säumten. Allerdings war ihnen kein Glücksmoment vergönnt. Dem Gast aus dem Dörfchen Bestwina gelang früh (2.Minute, Kacper Mielnikiewicz) das einzige Tor des Nachmittags und die in Sachen Talent arg limitierten Południowcy rannten den Rest der Spielzeit erfolglos der Musik hinterher. Ist eben nur Fußball auf Kreisebene und BKS Stal ziert am 10.Spieltag mit mickrigen zwei Zählern das Tabellenende (während der heutige Gegner im Mittelfeld rumdümpelt).

Die Trikotdesigner haben versucht darzustellen wie viel rot, gelb und grün bisher in der Politik der gegenwärtigen bundesdeutschen Ampelkoalition steckt

Außer sich selbst und seine Tradition – in den 1970er und 1980er Jahren spielte man insgesamt sieben Saisons zweitklassig und verpasste 1974 und 1982 als Vizemeister der 2.Liga nur ganz knapp den Aufstieg in die Ekstraklasa – hat man leider nichts zu feiern im Jubiläumsjahr 2022. Zur großen Geburtstagsfeier im Vormonat kam übrigens der VfL aus der Partnerstadt Wolfsburg nach Bielsko-Biała. Allerdings in Form einer Traditionsmannschaft mit Roy Präger und anderen Altwölfen (u. a. die beiden Polen Piotr Tyszkiewicz und Waldemar Kryger). Aber auch besser so. Gegen die Bundesligaprofis, die U23 oder die U19 hätte BKS Stal keinen Stich gesehen, gegen die Oldies gewann man wiederum mit 7:1 vor stolzen 3.500 Zuschauern im Stadion Miejski w Bielsku-Białej.

Geburtstagsgraffiti

Nach Abpfiff der ersten Partie des Tages blieben mir drei Stunden für Sightseeing in der Doppelstadt Bielsko-Biała. Da ich auf der Bielsko-Seite war und das Stadion des Abendspiels sich auf der Biała-Seite befand, fing ich logischerweise in Bielsko mit meiner Zeitreise an. Das ist obendrein der ältere Teil der Doppelstadt. Die schlesischen Piastenherzöge warben im späten 13.Jahrhundert deutsche Siedler an und diese gründeten auf dem heutigen Altstadthügel, westlich des Flusses Bialka, die Stadt Bielitz. Die Bialka wurde 1315 zum Grenzfluss zwischen den Herzogtümern Teschen und Auschwitz und somit ab 1475 zur Grenze zwischen den Königreichen Böhmen und Polen.

In den Gassen der Altstadt haben sich zahlreiche Bürgerhäuser aus dem 17.Jahrhundert erhalten

Nachdem die böhmische Krone 1526 an die Habsburger gefallen war, blieb das Herzogtum Teschen zunächst von der schlesischen Linie der Piasten beherrscht (die ihr Herzogtum Teschen 1327 unter den Schutz der böhmischen Krone gestellt hatten). Bielitz nebst umliegenden Dörfern wurde jedoch 1572 vom Herzogtum Teschen abgetrennt und zu einer Mediatherrschaft bzw. Minderherrschaft erhoben (das waren relativ autonome Verwaltungseinheiten, deren Herrscher jedoch nicht den gleichen Rang wie die Landesherrn von Herzog- bzw. Fürstentümern hatten). Zu dieser Zeit verschaffte die Tuchmacherei der Stadt einen gewissen Wohlstand und zugleich wurde die Reformation in Bielitz angenommen. Damals waren in etwa 75 % der Herrschaftsuntertanen deutschsprachig und in einem sonst mehrheitlich slawischsprachigen Umland sollte sich diese Sprachinsel bis ins Jahre 1945 erhalten.

Der Rynek (Marktplatz) in Bielsko

Nach dem Ersten Schlesischen Krieg (1740-1742) fiel der größte Teil Schlesiens an Preußen. Doch die Minderherrschaft Bielitz verblieb bei den Habsburgern. Zehn Jahre nach dem Krieg wurde mit Graf Aleksander Józef Sułkowski ein polnischer Adliger Landesherr von Bielitz. Dieser hatte zuvor Karriere am polnischen Hof gemacht und verstand es auch in der Wiener Hofburg zu antichambrieren. Kaiser Franz I. (HRR) erhob Sułkowski in den Reichsfürstenstand, während des Kaisers Gemahlin Maria Theresia, ihres Zeichens Erzherzögin von Österreich und Königin von u. a. Böhmen, Bielitz zum Herzogtum aufwertete (1754).

Das Sulkowski-Schloss mit Schlosskapelle

Unterdessen hatte sich auch am gegenüberliegenden Ufer der Bialka eine kleine Stadt entwickelt. Biala entstand im 16.Jahrhundert als kleinpolnisches Dorf im Herzogtum Auschwitz und zog im 17.Jahrhundert (vorwiegend deutschsprachige) Protestanten aus Bielitz an, die vor der von den Habsburgern forcierten Gegenreformation flüchteten. Unter den Deutschen mauserte sich Biala zu einer kleinen Markt – und Handwerkerstadt, was der polnische König August II Mocny (August der Starke, der seinerzeit Sachsen und Polen in Personalunion regierte) im Jahre 1723 mit der Verleihung der Stadtrechte würdigte. Durch die Erste Polnische Teilung im Jahre 1772 verschwand wiederum die Staatsgrenze zwischen Bielitz und Biala. Denn Galizien, was von der Bialka im Westen bis an den Sbrutsch im Osten reichte (heute ukrainisches Staatsgebiet), fiel damals auch noch an die Habsburger.

Das 1890 eröffnete ehemalige Deutsche Theater (heute Teatr Polski)

In den folgenden Jahrzehnten verschmolzen Bielitz und Biala immer mehr zu einer Stadt und die zahlreichen Protestanten beiderseits der Bialka durften sich über das Toleranzedikt von Kaiser Joseph II. im Jahre 1781 freuen, welches sozusagen den Endpunkt der Gegenreformation in den Habsburgischen Erblanden markierte. Fortan konnte sich die evangelische Gemeinde in Bielitz und Biala frei entfalten. Parallel entwickelte sich diese Doppelstadt zum größten Standort der Wollindustrie im schlesischen Raum. Als die Kaiser Ferdinands-Nordbahn, die Wien mit Kraków (Krakau) verband, 1855 einen Abzweig nach Bielitz bekam, beschleunigte sich die Industrialisierung nochmals.

Das Rathaus in Biała (ein Neorenaissance-Bau, der 1895–1897 errichtet wurde)

Eine Zäsur markierte der Erste Weltkrieg (1914 – 1918). Danach fiel nicht nur Galizien an den reorganisierten polnischen Staat, sondern nach dem sich anschließenden Polnisch-Tschechoslowakischen Grenzkrieg bekamen die Polen 1920 auch die Gebiete zwischen der Olsa und der Biala zugesprochen. Damit blieb Bielitz und Biala eine erneute Teilung erspart. Wirklich vereinigt wurden die beiden Städte allerdings erst nach dem deutschen Überfall auf Polen, der zugleich den Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) auslöste. Während der Rest von Galizien 1940 ins polnische Generalgouvernement eingegliedert wurde, wurden Biala und dessen Vororte nach Bielitz eingemeindet und direkt vom Deutschen Reich annektiert. Wie diese kurze Episode endete, sollte bekannt sein. Die polnische Bevölkerung von Bielitz-Biala wurde vertrieben oder zu Zwangsarbeit eingezogen, die jüdische Bevölkerung wurde größtenteils im nahen KZ Auschwitz ermordet und viele Männer der deutschen Mehrheitsbevölkerung fielen auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs.

Das Froschhaus (ein Jugendstilwohnhaus von 1903 in Biała)

Nach dem Krieg wurde Bielitz-Biala als Bielsko-Biała wieder polnisch und die verbliebenen Deutschen wurden in den Nachkriegsjahren vertrieben. Durch die Ansiedlung größerer Industriekombinate, entpsrechende Neubausiedlungen und Eingemeindungen stieg die Bevölkerungszahl zwischen 1950 und 1970 von ca. 55.000 auf über 100.000. Der Trend setzt sich bis fort und 2018 wurden 171.277 Einwohner gezählt. Dabei kommen übrigens auf 100 Männer 112 Frauen. Nun weiß ich also, dass nicht jede Schönheit, die mir am Fuße der Beskiden über den Weg gelaufen ist, zwangsläufig mit einem der hiesigen Stiernacken liiert sein muss. Eine Information, die ich für den nächsten Besuch in Bielsko-Biała abspeichern werde.

Bolek i Lolek (deren Zeichentrickfilme in den 1960er Jahren in Bielsko-Biała produziert wurden)

Die heutige Visite machte dabei durchaus Lust auf mehr. Ich fand es auf jeden Fall sehr spannend und lehrreich mit dem Körper durch die Doppelstadt und mit dem Geist durch ihre Geschichte zu spazieren. Obendrein gibt es bestimmt außerhalb der beiden historischen Stadtkerne ebenfalls einiges zu entdecken. Und falls wider Erwarten doch nicht, gäbe es schließlich noch die Berge im Umland zur Befriedigung der mich stets begleitenden Wanderlust.

  • 15.10.2022
  • TS Podbeskidzie Bielsko-Biała – Zagłębie Sosnowiec 2:2
  • I liga (II)
  • Stadion Miejski w Bielsku-Białej (Att: 3.699)

Krönender Abschluss meines Erstbesuchs sollte natürlich die heutige Zweitligapartie zwischen Podbeskidzie Bielsko-Biała und Zagłębie Sosnowiec werden. Die hatte Derbycharakter, da beide Städte nur 60 km trennen und Zagłębies Anhang eine ganz dicke und schon lange existierende Freundschaft zu den Fans von BKS Stal Bielsko-Biała pflegt. Der Ortsrivale von TS Podbeskidzie war entsprechend zahlreich im Stadion vertreten und alle relevanten Zaunfahnen aus dem Fanlager von BKS Stal hingen heute. Wer im gut gefüllten Gästesektor allerdings aus Sosnowiec und wer aus Bielsko-Biała kam, war optisch nicht voneinander zu unterschieden. Denn alle trugen heute einheitliche Oberbekleidung in Form von schwarzen Shirts mit hellgrauen Ärmeln und dem Clubemblem von Zagłębie auf der Brust.

Das Städtische Stadion zu Bielsko-Biała (ca. 15.000 Plätze)

Zum Glück sind die polnischen Fans immer sehr auskunftsfreudig und so weiß ich trotzdem, dass unter 900 Fans im Gästesektor 270 dem BKS Stal, 25 Beskid Andrychów und einer SK Slavia zuzurechnen war. Während dieses Fanlager sich zu Spielbeginn noch gemächlich in der Kurve sortierte, läutete der Heimanhang die Partie mit einer kleinen Choreographie ein. Dabei wurde eine neue Zaunfahne mit der Anschrift des Stadions (Rychlińskiego 21) und dem Untertitel „Nasze miejsce, nasza duma, nasz dom!“ (Unsere Stadt, unser Stolz, unser Zuhause!) eingeweiht. Zusätzlich hatte eine ausgerollte Blockfahne jene Straße und einen Teil des Stadions stilisiert als Motiv. Garniert wurde das Ganze mit ein paar Signalfackeln in der ersten Reihe des Blocks und Strobos unter dem Stoff der Blockfahne.

Choreographie der Ultras von Podbeskidzie

Für ’ne Szene, von der ich bisher wenig gehalten habe, ganz okay. Mittlerweile scheint sich auch bei Podbeskidzie etwas auf den Tribünen zu entwickeln, inklusive Ultrà- und Hooligangruppierungen. Zuvor sah es da lange mau aus. Aber der Club existiert in dieser Form auch erst seit 1997, als BBTS Włókniarz (deren älteste Wurzel der Bielitzer FK von 1907 ist), Inter Bielsko-Biała und DKS Ceramed Komorowice zum BBTS Ceramed Komorowice fusionierten, der wiederum seit 2002 als TS Podbeskidzie Bielsko-Biała firmiert. Man startete in der 5.Liga, erreichte dank finanziell üppiger Mittel vom Sponsor Ceramed jedoch bereits im Sommer 2011 erstmals die höchste Spielklasse Polens. In der Ekstraklasa konnte man sich bis 2016 halten und feierte außerdem in der Saison 2020/21 nochmal ein kurzes Comeback im Oberhaus. Auch nach dem neuerlichen Abstieg blieb man ambitioniert und hielt sich in der Vorsaison bis ins Frühjahr in der Spitzengruppe.

Supportende Gästefans

Die sportliche Entwicklung bei Podbeskidzie war eines der Argument für den hiesigen Stadionneubau, dessen Entwurf 2008 eingereicht wurde und dessen Eröffnung letztlich 2015 gefeiert wurde. Konzipiziert war es eigentlich für eine gemeinsame Nutzung von TS Podbeskidzie und BKS Stal. Doch seit BKS 2018 aus finanziellen Gründen in die 6.Liga abgeschmiert ist, kann TSP die Bude alleine nutzen und die Choreographie der Fans sollte zu Spielbeginn auch prinzipiell die Message transportieren, dass dieses Stadion jetzt die (alleinige) Heimat von Podbeskidzie ist. Klar, noch sind die Jungs von BKS Stal – die in ganz Polen einen exzellenten Ruf haben – zwei Nummern zu groß für die Szene von TSP. Aber falls BKS Stal sportlich nicht irgendwann wieder die Kurve kriegt, wird man wohl dabei zusehen müssen wie die jungen Leute lieber zu Podbeskidzie rennen und vielleicht eines Tages an der Vormachtstellung von No Ultra ’98, South Boys & Co im Beskidenvorland gerüttelt wird.

Zwischen die Szenen von Zagłębie und BKS Stal passt kein Blatt Papier

Aber weg von der Glaskugel, hin zur sportlichen Gegenwart. Denn in jener sahen 3.699 zahlende Zuschauer – hier kamen auf 100 Männer übrigens nur ca. 5 Frauen – am heutigen Abend ein munteres Spiel mit Chancen hüben wie drüben. Den Torreigen eröffnete dabei Kamil Biliński in der 14.Minute. Er brachte den Gastgeber in Führung und das Publikum im Heimsektor zum Ausrasten. Kurz nach dem 1:0 begann allerdings auch der Gästeblock seinen Support. Zagłębie & Co waren natürlich noch einige Dezibel lauter als die Heimseite und hielten ihren ersten Rhythmus aus Trommeln, Klatschen und Skandieren gleich mal 10 Minuten. Es folgten weitere brachial laute Schlachtrufe und imposante Hüpfeinlagen, so dass ich gewohnt angetan von der Szene aus dem Zagłębie Dąbrowskie (Dombrowaer Kohlebecken) war.

Der Fanblock von Podbeskidzie

Das Spielgeschehen kippte zwischenzeitlich ebenfalls zugunsten der Gäste. Kurz vor der Pause nahm der VAR bzw. der Schiedsrichter nach minutenlangem Videostudium einen Strafstoß gegen Zagłębie zurück (sehr zum Unmut aller, die es mit Podbeskidzie hielten) und direkt nach Wiederanpfiff gelang dem Team aus Sosnowiec der Ausgleich durch den zur Pause eingewechselten Szymon Sobczak (46.Minute). 14 Minuten nach dem 1:1 meinte es der VAR jedoch wieder besser mit den Bielszczanie. Nachdem Bilińskis zweiter Treffer an diesem Abend vom Linienrichter zunächst abgewunken wurde (60.Minute), griff die unsichtbare Macht erneut ein. Allerdings vergingen wieder gefühlt fünf Minuten bis dieses dämliche VAR-Procedere abgeschlossen war und der Schiedsrichter letztlich doch auf den Mittelpunkt zeigte. Na ja, konnte der Heimanhang prinzipiell zweimal seine Freude rausbrüllen.

Zagłębie feiert das 1:1 in der 46.Minute

Dennoch war der Towarzystwo Sportowe Podbeskidzie kein Happyend vergönnt. Eine gute halbe Stunde hielt man den Angriffen der Gäste stand, doch in der Nachspielzeit wollte der Unparteiische wohl die VAR-Zeitverluste ausgleichen ließ die Uhr neun weitere Minuten laufen. Der Gästeanhang hatte bereits seine Zaunfahnen abgehangen, als ihrer Herzensmannschaft in der 9.Minute der Nachspielzeit noch ein Eckstoß zugesprochen wurde. Sekunden später köpfte der groß gewachsene Verteidiger Dominik Jończy das Leder direkt vor dem Zagłębie-Mob in die Maschen. Dieser späte Ausgleich berührte natürlich jeden im Stadion (siehe Video). Pure Ekstase bei Mannschaft und Fans aus Sosnowiec und deren Freunden, Wut und Verzweifelung beim Heimanhang. Selbst der TSP-Medienmitarbeiter in der Reihe vor mir war kurz davor seinen Pressepult zu zerlegen und stieß mehrfach emotional das Lieblingsfluchwort aller Polen aus.

Mural auf meinem „Heimweg“ zum Hotel

Wegen derlei Emotionen lieben wir doch den Fußball, oder? Entsprechend beseelt spazierte ich nach dem postwendend erfolgten Abpfiff durch die Nacht zurück zu meiner 1,896 km entfernten Unterkunft. Ich erlaubte mir eine Nachtruhe bis 7:30 Uhr und stürzte mich dann auf das wirklich üppige Frühstücksbuffet im Panoramarestaurant meines Hotels. Auch weil ich am Vortag in meinen engen Zeitplan keinen Restaurantbesuch unterbringen konnte, gönnte ich mir nun ohne Ende. Müsli, Obstsalat, ein Brötchen mit Käse, ein Brötchen mit Chorizo, gebrühte Krakauer, krossen Speck, Rührei mit Schnittlauch, gebratene Kiełbasa, gegrillte Pilze… Die pure Völlerei, bis ich nach dem vierten Gang zum Buffet mal auf die Uhr schaute und feststellte, dass mein Zug in wenigen Minuten abfahren sollte. Aber wer fressen kann, kann auch sprinten (heißt es bekanntlich in einem alten deutschen Sprichwort).

Frühstück im Hotel Qubus

Just in time (und somit Business as usual) erreichte ich meine Regionalbahn nach Katowice (Kattowitz), für die mich das Ticket 18 Złoty (ca. 4 €) kostete. Nach kurzem Aufenthalt ging es von dort per EuroCity weiter nach Berlin. Das entsprechende Ticket hatte ich bei den Polskie Koleje Państwowe (Polnische Staatsbahnen) bzw. deren Tochter PKP IC gebucht. Denn die Polen verlangten umgerechnet 25 € bis Berlin, während die DB mir für Katowice-Berlin fast 70 € abknöpfen wollte (oder alternativ über 100 € für Katowice-Hannover). Wäre zwar gut für meinen Statuslevel bei der DB gewesen, aber schlecht für’s Portemonnaie. Auch für das notwendige Anschlussticket vom Berliner Ostbahnhof oder Hauptbahnhof in die niedersächsische Landeshauptstadt rief die DB auslastungsbedingt Preise ab 50 € aufwärts auf. Aber man kennt zum Glück Verbindungen, die einem die DB App unterschlagen will. Entsprechend habe ich ein Ticket für einen ICE vom Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen nach Hannover für 26,15 € gebucht.

Das orientalische Abschlussabendessen meiner Mitteleuropatour

Die preiswerte Verbindung ließ mir nicht nur mehr liquide Mittel auf dem Konto, sondern sorgte außerdem für 96 Minuten Aufenthalt am Gesundi, die ich für ein Abendessen bei Alaturka am Nettelbeckplatz nutzen konnte. Ich bekam für 14,90 € leckeres Adana Kebab mit Reis, gegrillter Tomate und gegrillter Paprika, sowie Brot und einem großen gemischten Salat dazu. Richtig gut, mein Dank gilt dem lokalen Fürsprecher dieser Ocakbaşı! Gegen 23 Uhr war ich schließlich wieder daheim und blickte auf einen abermals fantastischen Trip durch die Länder Mitteleuropas zurück. Zugleich wird Hildesheim dank Bauarbeiten fortan für einige Wochen vom Fernverkehr abgehängt. Der Knoten Hannover ist zwar nicht weit, aber parallel dazu dünnt eine weitere Baumaßnahme die Verbindungen zwischen Hannover und Hildesheim aus, bzw. man muss teilweise Schienenersatzverkehr nutzen. Mal sehen ob meine Reisefreude darunter leiden wird.