Sangerhausen 06/2022

  • 18.06.2022
  • VfB 1906 Sangerhausen – SV Eintracht Elster 1:2
  • Verbandsliga Sachsen-Anhalt (VI)
  • Friesenstadion (Att: 62)

Aktiv Wandersport und passiv Fußballsport im Harz ist eine bewährte Kombination bei Schneppe Tours. Diesmal legte ich mich auf die Südostflanke meines Lieblingsmittelgebirges fest. Bei Sangerhausen sind die drei zu meinem Wohnort am weitesten entfernten Stempelstellen der Harzer Wandernadel zu finden. Mir gefiel der Gedanke dieses Trio vorzeitig von der Brust zu haben. Als Freund der Quantenmechanik versuche ich mich nämlich so ein bißchen an der Hundschen Regel zu orientieren. Die 222 „Elektronen“ (Stempel) möchte ich möglichst gleichmäßig nacheinander auf die „Orbitale“ (von mir festgelegte geographische Quadranten des Harzes) verteilen. Das hat den Vorteil, dass am Ende nicht nur Stempelstellen in weiter Entfernung übrig bleiben. Somit läuft man nicht Gefahr auf den buchstäblich letzten Metern zum Wanderkaiser in eine Motivationskrise zu geraten.

Vom Grill servierte Garanten der Glückseligkeit

Wobei ich aufpassen musste die Wanderlust für die heutige Tour nicht kurzfristig zu verlieren. Am Vorabend hatte der gute Olbert im kleinen Kreis auf seinen Geburtstag im Restaurant Mediterran angestoßen. Wie immer wurden hervorragende Grillspezialitäten des Balkans serviert und wir hatten im lauschigen Garten des Restaurants einen wunderbaren Abend. Bei guten Freunden des Hauses eskaliert es allerdings immer in Sachen Rakija. Prinzipiell war am Ende Free Refill bei den Schnapsgläsern angesagt und man musste irgendwie den Absprung schaffen, wollte man am Folgetag nicht katern müssen. Zum Glück hatten auch andere Anwesende Pläne für Samstag geschmiedet (Kim und Ole wollten mich beispielsweise zu einem Revisit des Erfurter Steigerwaldstadions motivieren), so dass man im Konsens um 23 Uhr das Pflaumenbrandparadies geschlossen verließ.

Bemalte Hotelfassade am Nordhäuser Bahnhofsplatz

So fehlten doch noch ein paar Centiliter für eine Änderung der Agenda und ich stand am Samstagmorgen halbwegs fit auf. 7:37 Uhr war Abfahrt in Hildesheim und via Elze, Northeim und Nordhausen ging es komplikationslos nach Sangerhausen. Gegen 11:20 Uhr konnte ich meine geplante Wanderung starten und hatte nun ein knapp dreistündiges Zeitfenster für 12,5 km inklusive 310 Höhenmetern. Denn 14:11 Uhr musste ich in Grillenberg in einen Bus steigen, sofern ich dem VfB 1906 Sangerhausen beim Saisonausklang im schmucken Friesenstadion beiwohnen wollte. Der nächste Bus wäre nämlich erst 16:11 Uhr gefahren.

Wandbild in Sangerhausen

War machbar, aber schon eine gewisse sportliche Herausforderung. Erst recht bei bis zu 36° C Lufttemperatur und nur wenigen schattigen Teilstücken auf der Route. Ich überschlug im Kopf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,5 km/h, ergo waren wenige bis keine Pausen drin und gleich der erste Anstieg von Sangerhausen zur Moltkewarte hatte es in sich. Auf den drei Kilometern dorthin musste ich auch 150 Höhenmeter mit teilweise 15 % Steigung und kaum Schatten meistern. Der Schweiß plätscherte regelrecht von der Stirn und das Shirt hätte ich alsbald auswringen können.

Die Halde Hohe Linde bei Sangerhausen

Ich stieß serbische, polnische und englische Flüche aus, die allerdings niemand außer der Allmächtige hören konnte. Denn keiner sonst schien heute dämlich motiviert genug zu sein, um am vorerst heißesten Tag des Jahres auf Stempeljagd zu gehen. Ergo kein Anstehen am Stempelkasten Nr. 209 der Harzer Wandernadel. Diesen platzierte man an einem 1903 eröffneten Aussichtsturm (siehe Titelbild) auf dem 310 Meter hohen Berg Schlößchenkopf. Während die meisten seinerzeit erbauten Aussichtstürme Fürst Otto von Bismarck gewidmet wurden (es gab damals eine reichsweite Bewegung zur Errichtung von Bismarcktürmen), bedachten die Sangerhäuser Graf Helmuth von Moltke. Von Moltke war wenige Jahrzehnte zuvor als preußischer Generalfeldmarschall und Chef des Generalstabes siegreicher Schlachtenlenker im Deutsch-Dänischen Krieg (1866), im Preußisch-Österreichischen Krieg (1866) und im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) gewesen.

Blick hinüber zum Röhrigschacht

Während rund um die Moltkewarte wenigstens ein bisschen Wald war, durfte ich anschließend rund 3,5 km über Feldwege und die Straßen des Dorfes Lengefelde marschieren. Zwar lediglich mit moderater Steigung, aber dafür wieder ohne Schatten. Erst ab Wegkilometer 6,5 wurde es für die nächsten 750 Meter bewaldet. In jenem Waldstück war am Bergbaulehrpfad Wettelrode der zweite Stempelkasten des Tages zu finden (die Nr. 222 im Gesamtnetz und mein persönlicher Stempel Nr. 96). Hier ist unweit des Schaubergwerks Röhrigschacht ein ca. 4 km langer Lehrpfad angelegt worden, der einem Technik und Geschichte des Bergbaus im südlichen Harzvorland näherbringen soll.

Bergbaulehrpfad Wettelrode

Entgegen meiner Gepflogenheiten musste der Bildungscharakter heute jedoch zurücktreten und nach dem Stempel und einem großen Schluck aus der Getränkeflasche marschierte ich stante pede weiter. In der prallen Sonne ging es nun an Bergwiesen ca. 3 km sanft bergab gen Grillenberg. Auf Wegkilometer 10 wurde am Dorfrand bei der Kippmühle die Gonna überschritten und es erwarteten mich im letzten Sechstel der Tour nochmal 1.896 Meter bewaldeter Hangweg, um von der Kippmühle zur Burgruine Grillenburg zu gelangen.

Die Gonna bei Grillenberg

80 Höhenmeter hatte das letzte Teilstück ebenfalls für mich parat und ich merkte, dass die heutige Tour auch keinen Kilo- oder Höhenmeter mehr haben durfte. Strecke und Steigung waren auf dem Papier nicht das Problem, aber das Pensum in sengender Hitze ohne Pause durchziehen, zeigte mir dann doch die persönliche Belastungsgrenze auf. Beim nächsten freien Tag mit über 30° C bade ich lieber in einem See, anstatt im eigenen Schweiß. Aber wir wissen ja alle, Durst und Schweiß heißt der Preis, um Triumphe zu erleben… Und kann es etwas Schöneres geben
als irgendwann Wanderkaiser zu sein?

Versteckte Reste der Grillenburg

Ich hatte eigentlich geplant noch ein wenig durch die Ruine der erstmals im frühen 13.Jahrhundert bezeugten Grillenburg zu streifen und dann dem Wanderweg weitere 500 Meter zum Grillenberger Waldbad zu folgen. Aber in mir kamen Bedenken auf, dass es zeitlich doch eng wird. Mittlerweile war es 13:58 Uhr und der Bus sollte 14:11 Uhr die Haltestelle am Bad anfahren. Aber mangels Fahrgästen und Verkehr ist so’n Überlandbus am Wochenende vielleicht auch mal zwei, drei Minuten eher an der Bushaltestelle. Also ging es nach kurzer Trinkpause steil bergab zum nahen Dorfkern, wo der Bus laut Plan erst 14:14 halten sollte. Um 14:09 Uhr, nach 12,1 km Wegstrecke und 2:49 h Wanderzeit, erreichte ich jene Bushaltestelle und beendete die digitale Aufzeichnung der Tour. Zwar war der Bus doch exakt im Fahrplan. Aber wenn der nächste erst zwei Stunden später fährt, ist es eben geboten das Risiko zu minimieren.

Ausblick auf Grillenberg

13:36 Uhr endete die Busfahrt am Sangerhäuser Bahnhof und von dort durfte ich bei 36° C nochmal gute 12 Minuten zum 1.000 Meter entfernten und je nach Quelle 4.000, 5.000 oder 8.000 Zuschauer fassenden Friesenstadion latschen. Benannt übrigens nach Karl Friedrich Friesen. 1784 in Magdeburg geboren und seines Zeichens Pädagoge, Turnvater und Angehöriger des Lützowschen Freikorps Anfang des 19.Jahrhunderts. Bevor jetzt jemand denkt, dass das historische Siedlungsgebiet der Friesen sich bis an die Hänge des Südharzes erstreckte… (im Übrigen bitte ich um Verzeihung, dass es heute an Zeit und Motivation fehlte tiefer in die Stadtgeschichte einzutauchen)

Der Eingang zum Friesenstadion

5 € hatte ich am Kassenhäuschen zu entrichten und ca. 60 weitere Sportfreunde hatten es mir gleichgetan (die 50 Leute, die vielleicht sonst im Schnitt mehr kommen, steuerten heute wahrscheinlich lieber in eine Freibad oder einen Badesee an). Die nächsten Taler wurde ich Sekunden später an der Grillbude los. 3 € für einen Thüringer Roster im Brötchen und 1 € für 0,4 l Mineralwasser (für Bier oder Softdrinks im gleichen Gebinde wurden übrigens 2 € aufgerufen) wechselten den Besitzer. Bratwurst und Brötchen führten meinem Organismus dringend benötigte Energie zu und Wasser konnte ich bei diesen Temperaturen natürlich auch nicht genug trinken.

Mein Energielieferant

Im heutigen Glutofen Friesenstadion mussten besonders die 22 Fußballer auf ihren Flüssigkeits- und Energiehaushalt achten. Ihnen kam dabei vielleicht entgegen, dass es am heutigen letzten Spieltag der Meisterrunde der Verbandsliga Sachsen-Anhalt für beide Teams um nichts mehr ging. Mit der Teilnahme an der Meisterrunde war der Klassenerhalt schließlich obligatorisch und als Meister und damit Aufsteiger in die Oberliga stand schon lange der SV Westerhausen fest. Mit anderen Worten; die Akteure konnten es locker angehen lassen.

Die Hauptgerade mit dem Funktionsgebäude

Das taten sie auch und erst nach der Trinkpause Mitte der 1.Halbzeit kam etwas Bewegung ins Spielgeschehen. In der 27.Minute brachte Marc Plewa die Gäste aus der Elbe-Elster-Region in Führung und nur fünf Minuten später glich Eric Hildebrandt für den 1906 gegründeten bzw. 1993 wiedergegründeten VfB aus. Denn zu DDR-Zeiten firmierte man logischerweise nicht als Verein für Bewegungsspiele von 1906, sondern als BSG Stahl (ab 1949) und als BSG Mansfeld-Kombinat (ab 1970). Als Betriebssportgemeinschaft des Mansfeld-Kombinats (Zusammenschluss mehrerer Kupferhütten der Region) feierte man auch den bisher größten Erfolg der Vereinsgeschichte. 1980 wurde man hallescher Bezirksmeister und stieg dadurch in die zweitklassige DDR-Liga auf. Allerdings endete das Gastspiel bereits einen Sommer später.

Die Gegengerade mit überdachten Sitzplätzen in ihrer Mitte

Bis zur Wende war wieder Fußball auf Bezirksebene angesagt und 1990 ging die BSG Mansfeld-Kombinat in den SSV Blau-Weiß Sangerhausen über und wurde nach der Deutschen Wiedervereinigung in die damals viertklassige Verbandsliga Sachsen-Anhalt eingegliedert. Als man aus dieser 1993 abstieg, spalteten sich die Fußballer als VfB 1906 vom SSV ab. 2002 kehrte der VfB in die mittlerweile fünftklassige Verbandsliga zurück und 2007 stieg man als Fußballmeister Sachsen-Anhalts in die Oberliga Nordost auf (damals 4.Liga). Unter anderem durften die Sangerhäuser nun mit dem Halleschen FC, dem Chemnitzer FC und dem FSV Zwickau die Klingen kreuzen, zogen jedoch fast immer den Kürzeren. Folgerichtig endete der zweite große Höhenflug der Vereinsgeschichte ebenfalls nach nur einer Saison.

Die Akteure mühten sich bei widriger Witterung redlich

Es ging wieder zurück in die Verbandsliga, die durch eine weitere Reform just 2008 zur sechsten Ligastufe degradiert wurde. In jener Beletage des Bundeslandes Sachsen-Anhalts ist man seitdem konstant verblieben und wie bereits erwähnt war auch in der aktuellen Spielzeit der Klassenerhalt frühzeitig gesichert. Entsprechend wenig dramatisch war der neuerliche Rückstand in der bereits um 15:55 Uhr angepfiffenen 2.Halbzeit. Konrad Schramm durfte sich in der 61.Minute diebisch über das 2:1 aus Sicht der Eintracht aus Elster freuen und ich prüfte unterdessen meine Zugverbindung für die Rückfahrt nochmal (ich wollte wieder die Südharzroute nehmen). Dabei stellte ich fest, dass eine frühere Verbindung auf der Nordharzroute knapp 20 Minuten Verspätung hatte (ohne, dass der Anschluss in Sandersleben gefährdet war). Das musste ein Wink des Schicksals sein. Ich folgte nun meiner inneren Stimme und verließ das Stadion bereits in der 69.Spielminute um 16:20 Uhr.13 Minuten und 12 Sekunden später erreichte ich das Bahnhofsgebäude und bekam den verspäteten Zug mühelos (planmäßig 16:18 Uhr, heute jedoch erst 16:36 Uhr).

Wandmosaik von Wilhelm Schmied im Bahnhof Sangerhausen

Gott sendete mir selbstverständlich noch ein Zeichen, um letzte Zweifel an der Richtigkeit meines Handelns auszuräumen. Denn es war beim 1:2 im Friesenstadion geblieben. Was soll ich also noch verpasst haben? Jedoch kam es auf meiner Verbindung kurzfristig zu einer Streckensperrung zwischen Vienenburg und Goslar. Jetzt musste ich über Bad Harzburg fahren und war somit doch ’ne Stunde später als gedacht in Hildesheim. Immerhin nutzte ich die 35 Minuten Aufenthalt in der Kurstadt sinnvoll für einen Gang zum Supermarkt. Dort lachte mich im so genannten E-Center der ehemaligen Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin das Sortiment der Klosterbrennerei Wöltigerode an. Auch diesen himmlischen Wink wusste ich zu deuten und beschwerte meinen Wanderrucksack mit diversen im Klostergut befüllten Schnapsflaschen. Gegen 21 Uhr konnten diese in meinem heimischen Schnapsregal befristet Quartier beziehen, während ich nach einer revitalisierenden Dusche den Abend mit Eiscreme vor’m Ventilator ausklingen ließ.

Song of the Tour: Was würde diesmal besser passen?