Praha (Prag) 04/2022

  • 02.04.2022
  • AC Sparta Praha – FC Baník Ostrava 2:1
  • 1.česká fotbalová liga (I)
  • Stadion Letná (Att: 15.205)

Mein April sollte unbedingt mit einer Fußballtour starten. Ich studierte fleißig die Spielpläne von Deutschlands Anrainerstaaten und letztlich lachte mich die Ansetzung AC Sparta Praha vs. FC Baník Ostrava am meisten an. Ich hatte nämlich noch Koruna česká von Olberts JGA im März übrig (seinerzeit ging es nach Pilsen) und die Bahnpreise waren auch annehmbar. Hin und zurück mit meinem Mobility Partner für 60 € und ein gutes Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs sollte 41 € inklusive Frühstück kosten. Obendrein spielte Sparta erst um 19 Uhr gegen Baník, so dass zuvor noch ein Abstecher zu Dukla drin war. Auf dem Rückweg am Sonntag würde ich wiederum Germania Halberstadt gegen Lok Leipzig mitnehmen.

Berlin Hauptbahnhof

Da der FK Dukla jedoch bereits um 14:30 Uhr gegen den SK Líšeň kickte, musste ich tatsächlich schon um 5:55 Uhr in Hildesheim abfahren. Es folgten zwei unspektakuläre Umstiege in Wolfsburg und Berlin, wobei in Berlin natürlich die Ukrainisierung des Hauptbahnhofs ins Auge fiel. Überall Plakate in ukrainischer Sprache und mit den Vereinsfarben des TuS Celle FC unterlegt. Das Konzept wirkte gut strukturiert und über die Warnwestenfarbe der Volunteers waren sogar deren Sprachkenntnisse ersichtlich. Allerdings waren die Willkommens- und Informationsschalter verwaist. Aber das mag anders aussehen, wenn ein Zug aus Warszawa oder Przemyśl am Berliner Hauptbahnhof eintrifft.

  • 02.04.2022
  • FK Dukla Praha – SK Líšeň 4:2
  • Fotbalová národní liga (II)
  • Stadion Juliska (Att: 602)

In Prag verließ ich den EuroCity bereits um 13:26 Uhr am Bahnhof Praha-Holešovice, da dieser verkehrsgünstiger zum Stadion Juliska als der Hauptbahnhof lag. Hier hatte ich direkt Anschluss an einen Regionalzug, der mich weiter nach Praha-Podbaba transportierte. Von dort war das Stadion des einstigen Armeesportklubs nur noch einen Steinwurf entfernt. Ich erreichte es gegen 14 Uhr und entrichtete 150 CZK (ca. 6 €) für eine Zugangsberechtigung zum heutigen Wettkampfspiel.

Netter Ausblick über Prag

Dank der Hanglage des Stadions genießt man am oberen Ende der imposanten Haupttribüne wirklich einen tollen Ausblick über Prag. Ich ließ also erstmal 20 Minuten den Blick schweifen und war fast geneigt zu behaupten, dass allein das Panorama das Eintrittsgeld wert war. Dazu war die Stadionarchitektur ebenfalls top. Gegenüber der monumentalen Haupttribüne wirkte die Gegengerade mit ihren immerhin auch rund 25 Stehreihen richtig mickrig und insgesamt würden wohl ca. 30.000 Menschen auf die Ränge passen. Offiziell zugelassen ist das Stadion jedoch nur für 8.150 Zuschauer. Könnte mir vorstellen, dass dies der Anzahl der Sitzplätze auf der Haupttribüne entspricht. Allerdings waren die Stehplätze nicht gesperrt und man konnte sich im ganzen Stadion frei bewegen.

Massive Haupttribüne

Kurz vor Anpfiff holte ich mir gegen das Magenknurren natürlich noch eine pikante Klobasa vom Grillmeister. Kostete 60 CZK (ca. 2,50 €) und war geschmacklich ganz okay. Kaum biß ich das erste Mal in den krossen Fettschlauch, entdeckte ich ein bekanntes Gesicht. Jojo aus Hannover war auch zugegen und hatte ebenfalls gerade die obligatorische Klobasa verspeist. Gemeinsam verquatschen wir nun die 1.Halbzeit und sahen dabei zunächst zwei Tore des SK Líšeň. Jaroslav Málek (6.Minute) und David Machalík (32.) waren für die aus Brno (Brünn) angereiste Gastmannschaft erfolgreich. Freute die 15 Gästefans hörbar, die aber ansonsten hauptsächlich am Bierstand kachelten.

Ein Tschechenkracher ohne Klobasa ist möglich, aber sinnlos

Dem FK Dukla gelang allerdings kurz vor’m Pausenpfiff noch der Anschlusstreffer (Lukáš Buchvaldek, 45.Minute) und im zweiten Durchgang kam der favorisierte SK Líšeň (gegenwärtig 2.Platz) tatsächlich noch unter die Räder. Duklas Daniel Souček avancierte zum Mann des Tages. Dem Spielführer der Gelb-Roten (zur Zeit Tabellensiebter) gelang ein lupenreiner Hattrick mit Toren in der 57., 64. (per Foulelfmeter) und 69.Minute. Danach waren die mährischen Gäste bedient und die auf der Tribüne versprengt sitzenden Heimfans im Freudentaumel (es hatten zwar einige Stadionbesucher Trikots oder Schals von Dukla am Leib, doch richtig in einem Fanblock haben die sich nicht gesammelt und großartige Anfeuerungen gab es auch nicht).

Das Stadion Juliska wurde 1960 eröffnet

Aber nun gut, der FK Dukla war nie das liebste Kind der Prager und in der jüngeren Vergangenheit gab es obendrein eine Spaltung des Clubs. Dukla wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom Verteidigungsministerium gegründet und war fortan der Systemclub schlechthin in der Hauptstadt. Von den Kadern der Kommunistische Partei und vom mächtigen Verteidigungsministerium protegiert, bekam Dukla regelmäßig die besten Spieler des Landes delegiert und konnte etliche Erfolge feiern (elfmal Meister, achtmal Pokalsieger). Nichtsdestotrotz verzeichnete man einen der schlechtesten Zuschauerzusprüche in der 1.Liga der Tschechoslowakei. Zum einen gab es weiterhin die alten Traditionsvereine Sparta, Slavia und Bohemians (auch wenn diese sich etwas an das neue System anpassen mussten), zum anderen hatte das Regime natürlich nicht den Rückhalt der breiten Masse und Armeesportklub Dukla zog eher nur die linientreuen Genossen an.

Der Sprecherturm auf der Gegengerade (im Hintergrund sind Häuser der Werkbundsiedlung zu sehen)

Nach der Wende 1989 fielen die Zuwendungen vom Verteidigungsministerium weg bzw. sanken drastisch. Maßgeblich für sportlichen Erfolg wurden im neuen kapitalistischen System Gönner und Sponsoren aus der Wirtschaft. Jene unterstützten in den 1990er Jahren vor allem Sparta und Slavia, während Dukla sportlich abschmierte. 1997 zog die professionelle Herrenmannschaft nach Příbram um und firmierte fortan als FC Dukla Příbram (heute 1.FK Příbram). Die Jugendabteilung von Dukla verblieb allerdings in Prag und 2001 fusionierte diese mit dem Stadtteilclub Dukla Dejvice zu einem neuen FK Dukla Prag, der an alter Wirkungsstätte das historische Erbe des Traditionsclub reklamiert und zwischenzeitlich auch wieder bis in die 1.Liga vordringen konnte. Rechtsnachfolger des alten FK Dukla ist jedoch weiterhin der 1.FK Příbram, auch wenn dieser mittlerweile Namen, Wappen und Vereinsfarben von Dukla abgelegt hat.

Dukla-Legende Josef Masopust (1962 Europas Fußballer des Jahres)

Nach Abpfiff wollte ich eigentlich meiner Neigung für Architekturgeschichte nachgeben und mir die Werkbundsiedlung Výstavní kolonie na Babě oberhalb des Stadions aus der Nähe anschauen. Aber bei der Tagesplanung war ich von einem Solotrip ausgegangen und geselliges Biertrinken und Abendessen mit Jojo war nun die bessere Option. Nichtsdestotrotz hatten wir ein paar architektonische Schmankerl auf unserer Route von Stadion zu Stadion (das Juliska und das Letná liegen nur 3,3 km voneinander entfernt).

Hotel International

Nachdem wir auf dem Stadionvorplatz von Dukla die Fußabdrücke diverser Vereinslegenden und eine Statue von Josef Masopust begutachtet hatten (knapp 400 Pflichtspiele für Dukla, 63 A-Länderspiele für die Tschechoslowakei und 1962 zu Europas Fußballer des Jahres gekürt), kamen wir am Hotel International vorbei. Dieses 1956 im Stile des Sozialistischen Realismus (Zuckerbäckerstil) fertiggestellte Hotel ist so’n richtiger Stalinstachel, der über 278 Gästezimmer verfügt und dessen roter Stern in 88 Metern Höhe über dem Bauwerk thront. Ursprünglich unter dem Namen Hotel Družba als Militärhotel vom Verteidigungsministerium projektiert, wurde es kurz nach der Eröffnung doch in ein öffentliches Luxushotel umfunktioniert und in Hotel International umbenannt. Nach der politischen Wende 1989 wechselte es mehrfach den Besitzer und gehört gegenwärtig zur Mozart Hotel Group.

Diese Prager Kirche heisst wie meine Taufkirche in Hildesheim

Vom Hotel International ging es nun durch die Gründerzeitstraßezüge von Praha-Bubeneč zur Gastwirtschaft Na Slamníku. Bubeneč (Bubentsch) wurde übrigens 1197 das erste Mal urkundlich erwähnt und war bis 1922 selbstständige Stadt. Dann wurde es von Prag eingemeindet. Jedoch ist der alte Ortskern noch gut zu erkennen und direkt neben unserem gastronomischen Ziel waren u. a. das einstige Rathaus und die Kostel svatého Gotharda (Kirche St. Gotthard, 1313 geweiht und um 1800 barockisiert) zu finden. Dass ein Heiliger aus Hildesheim das Patronat dieses Gotteshauses inne hat, ließ bei mir natürlich Heimatgefühle aufkommen.

Mein Mährischer Spatz

Aber größer als das Heimat- war das Hungergefühl und deshalb kehrten Jojo und ich mit großer Vorfreude ins Na Slamníku ein. Wie bestellt war im gut besuchten Schankraum noch ein Zweiertisch für uns frei. Während Jojo sich Szegediner Gulasch mit Serviettenknödeln servieren ließ, gönnte ich mir den so genannten Mährischen Spatz (zartes Wildschweinragout mit Spinat und zweierlei Knödeln). Außerdem naschte jeder zwei halbe Liter Únětické pivo 10,7° vom Fass (Únětický ist eine kleine Privatbrauerei aus dem Prager Umland). Am Ende standen faire 622 CZK (25,50 €) auf der Gesamtrechnung.

Einer der Eingänge der russischen Botschaft

Vom Restaurant waren es noch 1,2 km bis zum Stadion Letná und weil Bubeneč in seinen alten Villen und Stadtpalais einige Auslandsvertretungen beheimatet, sahen wir wehende Flaggen von so Schurkenstaaten wie Saudi-Arabien und Russland. Aber wer wie diese beiden Autokratien die Rohstoffe für den relativen Wohlstand der breiten Masse in der EU und den absurden Reichtum von ein paar Wenigen liefert, dem muss man Morde an Oppositionspolitikern oder kritischen Journalisten, jedwede weitere Tyrannei und sogar ein Stück weit die Kriegstreiberei innerhalb ihrer selbst festgelegten Interessensphären zugestehen. Oder zwar alles schon irgendwie suboptimal finden, aber trotzdem unser verlogenes Mantra Wandel durch Handel rauf- und runterbeten.

Die russische Botschaft nimmt seit zwei Jahren extra die Adresse einer anderen Liegenschaft als Postanschrift

Okay, bei Russland bröckelt das Mantra gerade ein wenig. Vielleicht hat Vladimir Vladimirovich mittlerweile doch den Bogen überspannt? Sahen jedenfalls ein paar tschechische Bürger so und haben die Mauern der russischen Botschaft mit kritischen Parolen verziert. Auch hat die Botschaft einige Farbbeutel abbekommen und die Farben der Ukraine wurden prominent in die Nachbarschaft der russischen Diplomaten gepinselt. Übrigens heißt der Platz vor der Botschaft mittlerweile Náměstí Boris Němcova. Boris Nemtsov war einer der schärfsten und prominentesten Kritiker von Vladimir Putin in Russland. Jedoch wurde er unter ungeklärten Umständen in Moskau ermordet.

Auf ins Stadion Letná

Allerdings geschah dieser Mord am 27.Februar 2015 und die Tschechen haben den Platz bereits 2020 nach Boris Nemtsov benannt. Moment mal, war Putin etwa auch schon vor dem Überfall auf die Ukraine gar nicht so lupenreiner Demokrat und Menschenfreund, wie alle – insbesondere jene, denen er den Blick auf den eigenen Kontostand versüßt hat – dachten? Wie konnte er die deutschen und viele weitere europäische Spitzenpolitiker nur so lange erfolgreich täuschen? Mysteriös!

  • 02.04.2022
  • AC Sparta Praha – FC Baník Ostrava 2:1)
  • 1.česká fotbalová liga (I)
  • Stadion Letná (Att: 15.205)

Das Stadion Letná ist bei der russischen Botschaft gleich um die Ecke, so dass man gar nicht genau wusste, ob das Großaufgebot an Polizei jetzt zum Schutz der Botschaft hier präsent war oder in erster Linie die An- und Abreise der Fanmassen beim heutigen Risikospiel absichern und überwachen sollte (Gästeeingang und Botschaftseingang für Konsularangelegenheiten sind tatsächlich nur 200 Meter voneinander entfernt).

Fahnenparade vor Spielbeginn

Am Stadion realisierten Jojo und ich dann, dass wir nicht nur beide auf der Gegengerade im selben Block sitzen, sondern sogar in der selben Reihe. Wir hatten uns eben beide gedacht, dass die erste Reihe im Oberrang optimal für kurvenorientierte Stadiontouristen ist und jene Plätze waren uns umgerechnet 19 € wert. Wir schafften es nun auch direkt nebeneinander zu sitzen und man hatte in der Tat auf beide Fanblöcke eine gute Sicht. Lediglich die unter’s Stadiondach montierten Heizstrahler nervten hart. Da packt man sich bei 5° C Außentemperatur (Tendenz in den Abendstunden natürlich fallend) extra dick ein und dann könnte man wegen der Strahler sogar im T-Shirt das Spiel verfolgen. Diese verdammte westliche Dekadenz!

Die Fans stimmen sich ein

19 Uhr war schließlich Anpfiff und wir freuten uns natürlich, dass auch ca. 1.000 mährisch-schlesische Schlachtenbummler den Weg in die Hauptstadt gefunden hatten. Bei Sparta dagegen sogar im Fanblock noch ein paar Lücken. Aber das war gewiss nicht der einzige Grund, warum uns die Fans im Gästeblock etwas lauter vorkamen. Der Anhang des FC Baník ist durch die Nähe zum Nachbarland Polen und die langjährige Freundschaft mit GKS Katowice (seit 25 Jahren) ziemlich polnisch geprägt. Brachial laut und geschlossen vorgetragen ist ergo ihr akustischer Support für den Herzensverein.

Solidaritätsminute für die Ukraine vor Anpfiff

Die Chachaři (schlesisch umgangssprachlich für Vagabund, Schurke o. ä.) hatten früh etwas zu feiern. Bereits in der 8.Minute ging der FC Baník durch ein Kopfballtor von Innenverteidiger Jaroslav Svozil in Führung. Sparta, als Tabellendritter noch mit Meisterambitionen, bemühte sich jedoch um eine schnelle Antwort und die gelang in der 16.Minute. Ein Kopfball von Tomáš Čvančara prallte gegen die Torlatte und sein Sturmpartner Adam Hložek konnte erfolgreich abstauben. Das ganze übrigens kurz nach der Choreographie der Ultras Sparta. Gab Folienbahnen, Tafeln und ein großes Banner in blau und rot. Auf dem Banner stand „Pražská Sparta“ (Prager Sparta) und unter den Folien wurden ein paar pyrotechnische Blinklichter entzündet. Die kamen jedoch kaum zur Geltung.

Torfreude beim FCB-Anhang

Zwar hatte auch Baník im weiteren Verlauf der 1.Halbzeit Chancen auf ein zweites Tor, aber vergönnt war dieses nur Sparta. Tomáš Wiesner brachte den 1893 gegründeten Athletic Club in der 41.Minute in Führung. Beim als Tormusik eingesetzten Instrumental von Daft Punks „One More Time“ wedelten fast alle Zuschauer außerhalb des Gästebereichs mit ihrem Fanschal und gingen wenig später mit einem guten Gefühl in die Halbzeitpause. Dank mächtig Durst, schloss ich mich nun der Karawane zu den Schank- und Grillbuden an. Allerdings waren die Warteschlangen bereits beim Halbzeitpfiff utopisch lang. Aber gut, der Otto-Normal-Honza konsumiert halt gerne und reichlich im Stadion. Spätestens in der Halbzeit muss der nochmal ordentlich nachladen. Da kann man nichts machen und nachdem ich in 13,12 Minuten Anstehen kaum Meter gemacht hatte, kehrte ich mit leeren Händen in den Block zurück.

Choreographie der Ultras Sparta

Ich war natürlich so püntklich zurück, weil ich zum Wiederanpfiff den Einsatz von pyrotechnischen Gegenständen nicht ausschließen konnte. Aber die Fangruppen passten sich dem Konsumverhalten des Restpublikums an und warteten mit ihren Kurvenshows noch ein wenig. Zunächst einmal bereiteten die Chachaři in aller Seelenruhe etwas vor und präsentierten ab der 65.Minute, was sie sich in ihren mährischen Mietskasernen so ausgedacht haben. Es gab eine große Blockfahne über beide Ränge und links davon, in der oberen Stadionecke, wurde ordentlich gefackelt.

Schalparade bei den Chachaři

Die Blockfahne zeigte den Schauspieler Rudolf Hrušínský als Karel Kopfrkingl mit seiner Filmtochter Zina aus der tschechoslowakischen Horrorgroteske Spalovač mrtvol (Der Leichenverbrenner) von 1968. Der Film spielt in Prag zur Zeit der deutschen Okkupation (ab 1939) und Krematoriumseigentümer Kopfrkingl entwickelt sich im Film vom netten Familienvater zum Massenmörder. Beeinflusst von der mörderischen NS-Ideologie und den ihn faszinierenden buddhistischen Lehren, fängt Kopfrkingl an zu glauben, dass der Tod ein Geschenk für die Menschen ist. Je mehr Menschen er tötet, desto besser sei das für sein Karma. Kopfrkingl tötet seine Familie und viele weitere Menschen und gleitet dabei immer weiter in eine Wahnwelt ab. Am Ende sieht man ihn schließlich als Kommandanten eines Todeslagers und er spricht den Satz „Nikdo nebude trpět, spasím je všecky“ („Niemand wird leiden, ich werde sie alle retten“), der nun leicht abgeändert am Fuße der Blockfahne geschrieben stand. Die Chachaři würden also gerne die Letenští „retten“.

Blockfahne und Pyro im Gästesektor

Doch so wie das kurz darauf im Heimsektor aussah, wollten die Prager Fußballfreunde eher aus Seenot gerettet werden. Jedenfalls gingen direkt nach der Aktion der Gästefans dutzende Signalfackeln im Fanblock der Ultras von Sparta an (siehe Titelbild). Dazu noch Rauchpulver und Funkenfeuerwerk. Das war definitiv ein schönes Bild (hier auch mal als kurzer Videoclip) und der hässlichen Fratze des Fußballs wurde ausreichend genüge getan. Wobei ich bekanntlich ein anderes Schönheitsideal in Sachen Fankultur als Funktionäre und andere Fanatiker von Law & Order habe und der Applaus der Fans auf der Gegengerade bewies, dass der „Normalo“ in Prag ähnlich sauber wie ich tickt.

Die ersten Fackeln werden entzündet

Das Spiel auf dem Rasen probierte derweil gar nicht erst der Show auf den Rängen Konkurrenz zu machen. Lediglich Sparta hatte noch ein paar Möglichkeiten die Führung auszubauen, während Baník zunehmend passiv wurde. Bei denen wird es im Jubiläumsjahr (100 Jahre Baník) wohl eher nicht für den internationalen Wettbewerb reichen. Sie bleiben zwar Fünfter, haben nun jedoch schon 13 Punkte Rückstand auf Platz 3 (der nach Europa führen würde). Diesen Platz belegt weiterhin Sparta mit 60 Punkten und bleibt damit auf Tuchfühlung mit Ligaprimus Viktoria Plzeň (65 Punkte) und dem Erzrivalen Slavia (64 Punkte). Außerdem stehen die Letenští im diesjährigen Pokalfinale.

Rauchwand bei Sparta

Nach Abpfiff regte Jojo noch einen kleinen Klobasakonsum an. Ich war eigentlich immer noch satt von meinem Mährischen Spatz, aber nein sagen konnte ich auch nicht. Außerdem gab es noch eine Pepsi, um die fettige Wurst runterzuspülen. Der Doppelpack kostete mich 115 CZK (ca. 4,70 €) und immerhin die Pepsi wanderte komplett in meinen Magen. Dann trennten sich die Wege von Jojo und mir, da wir unterschiedliche Bahnen zu unseren Unterkünften nehmen mussten. Ich hoffe Jojo hatte mindestens genauso viele siegesgetrunkene und alkoholgeschwängerte Spartaner wie ich in seiner Tram. Mit Wechselgesängen und Hüpfeinlagen machten sie ersten 18 Minuten der Fahrt zur Passion Schneppi. Aber am Hauptbahnhof torkelten 96 % der Aerosol-Atzen aus der Tram. Wenn ich in den nächsten Tagen auch endlich dieses SARS-CoV-2 habe, ist der pummelige Teenager mit der feuchten Aussprache schuld, der mir ständig „Sparta!!!“ ins Gesicht brüllte.

Spartas Klobasa

Das gebuchte Hotel Olšanka (****) war nur drei Tramstationen vom Hauptbahnhof entfernt und da ich bereits online eingecheckt hatte, musste ich an der Rezeption lediglich meine Schlüsselkarte in Empfang nehmen. Mein großzüziges Zimmer war im 4.Stock des riesigen Hotelkomplexes, welcher u .a. über mehrere Restaurants, Sport- und Schwimmhallen, einen Wellnessbereich, Konferenzräume und sogar einen eigenen Souvenirshop verfügt. Letztlich lag ich dann kurz vor 23 Uhr im bequemen Bett und hatte somit acht Stunden Nachtruhe.

Meine Schlafkammer

Um 7:02 Uhr sprang ich am nächsten Morgen unter die Dusche und zwölf Minuten später packte ich mir am Frühstücksbüffet den ersten Teller voll. Mit Spiegeleiern, Baked Beans und einem Würstchen wurde eröffnet. Anschließend bastelte ich mir noch Stullen mit Salami, Schnittkäse und Spiegeleiern und packte mir außerdem ein bisschen Salat auf einen weiteren Teller. So schnell würde ich heute keine weitere Mahlzeit begehren, stand für mich beim anschließenden Check-out um 8 Uhr fest.

Frühstückszeit

10 Minuten später erreichte ich mit der nächstbesten Tram den Hauptbahnhof und konnte gemütlich zum Bahnsteig schlendern. Denn EC 176 sollte erst um 8:25 Uhr abfahren. Im Zug hatte ich kein Problem einen unreservierten Platz zu finden und mit den gewohnt schönen Ausblicken ging es die Elbe entlang gen Dresden. Zum Glück wechselte ich entgegen des empfohlenen Routings meiner Fahrkarte schon am Dresdner Hauptbahnhof in den RE 50 nach Leipzig. So bekam ich noch einen Sitzplatz, was mir beim hinterlegten Umstieg in Dresden-Neustadt möglicherweise nicht mehr gelungenen wäre. Morgens um kurz nach 11 Uhr wollten jedenfalls auffällig viele Menschen von der einen in die andere sächsische Metropole.

  • 03.04.2022
  • VfB Germania Halberstadt – 1.FC Lokomotive Leipzig 2:3
  • Regionalliga Nordost (IV)
  • Friedensstadion (Att: 703)

Ab Leipzig hatte ich logischerweise den gleichen Reiseweg wie die Fanszene des 1.FC Lok. Aber alle ganz locker drauf. Die Älteren haben geklönt und die Jungschen haben halt ein bisschen gezecht und lauthals bei den abgespielten Hits von Wolfgang Petry, Peter Wackel und Lorenz Büffel mitgegrölt. In Halberstadt ließ es die Polizei zunächst nicht zu, dass ich mich vom Leipziger Mob separieren konnten. Alle angereisten Gästefans sollten nämlich per weiterem Zug zum stadionnahen Bahnhof Halberstadt-Spiegelsberge transportiert werden. Auf dem Bahnsteig des Folgezugs musste ich jedoch nur als Einziger einen Mund-Nasen-Schutz vor die entsprechende Gesichtspartie spannen und schon war ich für die Polizeikräfte nicht mehr zum Mob dazugehörig.

Sanierungsstau in Halberstadt

Jetzt konnte ich die 3,5 km zum Stadion zu Fuß absolvieren. Sagen wir mal so, die schönsten Ecken von Halberstadt spart der kürzeste Weg vom Hauptbahnhof zum Friedensstadion aus. Aber ich war natürlich nicht zum Sightsseing hier, sondern für König Fußball. Mein heimlicher Regent hatte mich zwar nicht zu einem wirklichen Kracherspiel geführt, aber das Halberstädter Friedensstadion kann man sicher auch schlechter machen, als mit Lok auswärts. Das war mir jedenfalls gerne 10 € für einen Stehplatz wert.

Das Friedensstadion (echt ein zeitloser Name)

Die ca. 400 Lokisten machten ganz gut Stimmung, während der Fanblock vom VfB Germania nur überschaubar gut gefüllt und natürlich selten zu vernehmen war. Lok (aktuell 4.Platz) machte auch auf dem Platz gut Attacke und schien sich bewusst darüber zu sein, dass bis Saisonende nur noch Siege zählen, so denn man noch ins Aufstiegsrennen eingreifen will. Allerdings war der Halberstädter Abstiegskandidat (gegenwärtig 15.Platz) bei seinen Kontern brandgefährlich und nutzte einen davon für das 1:0 durch Julian Weigel in der 12.Minute. Der Schock bei Blau-Gelb hielt sich jedoch in Grenzen und Djamal Ziane gab schon drei Minuten später die passende Antwort. Der 1.FC Lok blieb auch nach dem Ausgleich am Drücker, musste aber in der 35.Minute einen weiteren Nackenschlag hinnehmen. Diesmal war Steffen Korsch für die Germanen erfolgreich.

Schalparade im Gästeblock

In der 40.Minute wollte ich mir dann schon mal vor dem Halbzeitansturm eine Wurst organisieren, doch irgendwie bin ich einmal falsch abgebogen und war plötzlich auf der Haupttribüne. Hier gab es zum Glück ebenfalls Harzer Schmorwurst à 3 € im Brötchen und weil es ein wenig zu regnen begann, blieb ich den restlichen Spielbesuch auf der überdachten Haupttribüne. Okay, aus der Nähe haben die Klatschpappen des Haupttribünenpublikums etwas genervt, aber ich habe bekanntlich immer was zu nörgeln. Dafür sah ich von meinem neuen Premiumplatz gleich das nächste Tor. Sascha Pfeffer war für den Europapokalfinalisten von 1987 vom Elfmeterpunkt erfolgreich. Mit 2:2 ging es somit in die Kabinen.

Harzer Schmorwurst

Als die zweite Halbzeit mit Chancen hüben wie drüben an mir vorbeilief, wurde meine Nörgelstimmung durch die Gesprächsthemen meiner Sitznachbarn weiter befeuert. Die redeten doch tatsächlich über die kommende Arbeitswoche. Da wurde es mir ebenfalls gegenwärtig, dass ich am kommenden Morgen früh raus muss. Wenn ich allerdings schon den Zug um 17:49 Uhr in Halberstadt-Spiegelsberge nehme, wäre ich eine Stunde früher als geplant daheim. 10 Minuten mehr Viertligafußball vs. 60 Minuten mehr Entspannungszeit auf dem heimischen Sofa. Ihr wisst alle was sich durchgesetzt hat und in der 80.Minute riskierte ich abermals eine Anzeige der Groundhoppingpolizei. Dass ich nun Loks Siegtreffer in der Nachspielzeit verpasst habe, war ein bisschen ärgerlich, aber zu verschmerzen.

Leipziger Lokisten in Partystimmung

Dürften die Leipziger auf der Heimreise nochmal ein bißchen vom Aufstieg in die 3.Liga träumen. Wobei es weiterhin elf Punkte Rückstand auf Tabellenführer BFC Dynamo sind und selbst nach Siegen in den beiden ausstehenden Nachholspielen bliebe in der “bereinigten” Tabelle immer noch ein Delta von fünf Zählern. Aber Träumen ist dennoch ein gutes Stichwort; ich war nun bereits 19:42 Uhr zurück in Hildesheim und wenig später im Land der Träume. Da war der Montagswecker im Morgengrauen nicht ganz so schrecklich und außerdem sind die nächsten Touren auch schon geplant und gebucht. April / Mai geht einiges bei Schneppe Tours, so denn alles nach Plan läuft.

Song of the Tour: Ich freue mich endlich mal Daft Punk in die Playlist packen zu können