Mannheim & Ludwigshafen 11/2019

  • 30.11.2019
  • Arminia Ludwigshafen – SV Elversberg II 1:2
  • Oberliga Rheinland-Pfalz / Saar (V)
  • Südweststadion (Att: 178)

Um meine fleißig gesammelten BahnBonus-Punkte nicht dem Verfall preiszugeben, löste ich 2.000 davon für eine Freifahrt (Hin- und Rückfahrt) am 30. November 2019 ein. Als Reiseziel bot sich Ludwigshafen an, da dort ausnahmsweise ein Spiel im altehrwürdigen Südweststadion stattfand und gleich nebenan im Anschluss auch noch das Stadion an der Mundenheimer Straße bespielt wurde. Ein so genannter Doppler, wie die Groundhopper es wohl nennen. Um mich jedoch wohltuend von den Pfandsammlern Stadionsammlern der Fankultur abzugrenzen, hatte ich mir natürlich noch ein kleines Kulturprogramm überlegt.

Gyrospita als verspätetes Frühstück

Dass das Residenzschloss Mannheim zur Zeit aufgrund von Restaurationsarbeiten für den Publikumsverkehr geschlossen ist, verhagelte mir allerdings Plan A. Doch ein professioneller Kulturreisender hat natürlich immer auch einen Plan B im Gepäck und das war ein stadtgeschichtgeschichtlicher Rundgang. Nur bevor der starten konnte, musste nach meiner Ankunft um 10:44 Uhr erstmal ein verspätetes Frühstück her. Dafür ging es zum griechischen Imbiss Pita Pita nahe des Wasserturms. Für 4,10 € gab es knuspriges Schweinefleisch vom Drehspiess, welches mit Zwiebeln, gerösteten Kartoffelscheiben und pikanter Paprikafetacreme in Pitabrot gerollt wurde. Sehr zu empfehlen.

Das Bauensemble aus Altem Rathaus und der Kirche St. Sebastian (ab 1700 erbaut)

Es folgte der auf der Hinfahrt fix ausgearbeitete Rundgang, der mich in die nicht ganz so alte, aber interessante Stadtgeschichte eintauchen ließ. Denn zwar wurde eine Siedlung namens Mannenheim in dieser Gegend bereits 766 erstmals urkundlich erwähnt, aber bis in die Frühe Neuzeit blieb es ein Dorf. Die eigentliche Stadtgeschichte beginnt erst mit dem Bau der Festung Friedrichsburg, für die der Pfälzer Kurfürst Friedrich IV. 1606 den Grundstein legte. Zusammen mit der Festung entstand auch eine angeschlossene Planstadt, deren gitterförmiger Grundriss noch heute prägend für die Quadratestadt ist. Blöd für Mannheim, dass wenig später der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648)ausbrach und die Kurpfalz davon besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde. Auch im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 – 1697) wurde die junge Stadt ein weiteres Mal zerstört.

Im Innenraum von St. Sebastian

Doch Mannheim wurde unter Kurfürst Johann Wilhelm wieder aufgebaut und dabei enstanden u. a. ab 1700 am Marktplatz das Rathaus und die angeschlossene katholische Kirche St. Sebastian. Das Ensemble ist das älteste erhaltene Bauwerk in Mannheims Stadtkern und ein bekanntes Beispiel für die Mannheimer Symmetrie. Zwei symmetrische Gebäudeteile, getrennt von einem Mittelturm, sind stilbildend für diesen besonderen Architekturtypus der Quadratestadt, dem auch die ebenfalls heute von mir besuchte Konkordienkirche (zwischen 1706 und 1717 erbaut) und das im Zweiten Weltkrieg zerstörte alte Kaufhaus am Paradeplatz (zwischen 1724 und 1741 erbaut) zugerechnet werden. An Stelle von letzterem steht heute das Stadthaus (von 1991), welches den Stil der Mannheimer Symmetrie modern interpretiert.

Brunnendenkmal von 1719 am Marktplatz

1720 stieg Mannheim dann sogar zur Residenzstadt der Kurpfalz auf. Kurfürst Carl Philipp verlegte seinerzeit Fürstenhof von Heidelberg nach Mannheim und ließ  u. a. das Schloss (Bauzeit 1720 bis 1760) und die Jesuitenkirche (1738 bis 1760) errichten. Während mir das Schlossmuseum, wie eingangs erwähnt, heute verwehrt blieb, verbrachte ich umso mehr Zeit in der wunderschönen Jesuitenkirche. Sie gilt es eine der herausragendsten Barockkirchen Deutschlands und ist den Ordensgründern St. Ignatius von Loyola und St. Franz Xaver geweiht. Malereien, Statuen, Reliefs und Stuckarbeiten erwarten den Besuchern hinter der Kirchenpforte.

Die Konkordienkirche

Nach wenigen Jahrzehnten endete jedoch überraschend die Zeit als Residenzstadt, da Carl Philipps Sohn und Nachfolger Carl Theodor seinen Hof 1778 nach München verlegte. Denn gemäß eines pactum confraternitatis (zu deutsch: Erbeinung) der Kurfürstentümer Bayern und Pfalz (jeweils mit Wittelsbachern auf dem Thron) fiel Bayern in jenem Jahr an Carl Theodor. Die Erbeinung schrieb vor, dass im Falle des Aussterbens einer der männlichen Linien, Bayern oder die Pfalz an die überlebende Linie fallen würde. Das war am 30.Dezember 1777 der Fall, als der bayrische Wittelsbacher Maximillian III. Joseph ohne eigenen männlichen Erben verstarb. Gemäß Vertrag war die Residenzstadt der nun in Personalunion zu regierenden Staaten Kurpfalz und Bayern – die 1806 im Königreich Bayern aufgingen – die bisherige bayrische Residenzstadt München.

Die barocke Jesuitenkirche

Während der Napoleonischen Kriege (1792 – 1815) kam es zunächst zu einer französischen Eroberung Mannheims (1795) und anschließend zur temporären Besetzung durch österreichische Truppen. 1803 fiel die rechtsrheinische Kurpfalz mit Mannheim (und Heidelberg) an das unter Napoleon Bonapartes Protektion entstandene Kurfürstentum Baden (vorher nur Markgrafschaft). Diese Grenzen wurden am Kriegsende auf dem Wiener Kongress (1815) nochmal bestätigt, weshalb Mannheim bis heute zu Baden bzw. Baden-Württemberg gehört. Die Randlage innerhalb des badischen Territoriums war zunächst nicht förderlich für die weitere Stadtentwicklung, doch im Rahmen der Industrialisierung erlebte Mannheim ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Blüte.

Der Hochaltar der Jesuitenkirche

Wegbereiter für die industrielle Hochphase waren 1828 die Eröffnung des Mannheimer Rheinhafens (heute der viertgrößte Binnenhafen Europas) und 1840 der Anschluss an das Eisenbahnnetz. Doch bevor der ganz große Boom einsetzte, war Mannheim in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts noch eher Bürger- denn Arbeiterstadt. Politisch dominierten liberale, demokratische und nationalstaatliche Ideale die bürgerlichen Zirkel in der Quadratestadt. Entsprechend spielte Mannheim eine gewichtige Rolle im Revolutionsjahr 1848.

Das Mannheimer Residenzschloss

Doch bereits 1819 fand hier ein dramatisches Ereignis auf dem langen Weg zur Revolution statt. Am 23. März 1819 wurde der in Mannheim lebende Dramatiker und Schriftsteller August von Kotzebue vom burschenschaftlich organisierten Studenten Karl Ludwig Sand erdolcht. Von Kotzebue war Monarchist, polemisierte gegen die Nationalbewegung und galt außerdem als Spion des russischen Zaren. Dementsprechend war er ein prominentes Feindbild der noch jungen Burschenschaftsbewegung, die 1817 auf dem Wartburgfest symbolisch seine Bücher verbrannte. Mit dem Mord hoffte Sand nun ein revolutionäres Feuer zu entfachen. Doch die nationale Erhebung blieb aus. Stattdessen legte die Aristokratie im seit 1815 bestehenden Deutschen Bund – Staatenbund der souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands, der auf das 1806 aufgelöste HRR folgte – mit den Karlsbader Beschlüssen allen nationalliberal Gesinnten die Daumenschrauben an.

Der Mannheimer Schlossplatz

1830 schwappte jedoch die bürgerlich-liberale französische Julirevolution in viele europäische Länder. In mehreren italienischen Staaten kam es zu Unruhen, die südlichen Provinzen der Niederlande spalteten sich ab (Belgiens Geburtstunde), Griechenland wurde vom Osmanischen Reich unäbhängig und im unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilten Polen erhob sich das polnische Volk gegen die Fremdherrschaft. Letzteres sorgte im bürgerlichen Lager der Staaten des Deutschen Bundes gar für eine regelrechte Polenbegeisterung und den geschlagenen polnischen Aufständischen, die durch deutsche Lande ins Exil nach Frankreich, Großbritannien oder Übersee zogen, wurde Begeisterung und Unterstützung zuteil (Funfact am Rande: Dadurch wurde die Polonaise zum Gesellschaftstanz in Deutschland). So rumorte es bald auch in mehreren Ländern des Deutschen Bundes und einige Fürstentümer erließen liberalere Verfassungen (zum Beispiel das Königreich Hannover oder auch Schwarzburg-Sondershausen).

Das Mannheimer Zeughaus (heute Teil des Reiss-Engelhorn-Museums) von 1779

Spätestens jetzt begann die Epoche des Vormärzes, in der im 30 km von Mannheim entfernten Hambach an der Weinstraße 1832 das berühmte Hambacher Fest stattfand. Zehntausende bürgerliche Oppositionelle versammelten sich damals in der Schlossruine Hambach und forderten Freiheit, Einheit und Volkssouveränität. Wirklich revolutionär wurde es allerdings erst 1848, als die französische Februarrevolution neue Inspiration gab. In Deutschland sprang der Funke zunächst auf Baden über und in der Mannheimer Volksversammlung am 23. Februar 1848 forderten die liberalen Bürger u. a. uneingeschränkte Pressefreiheit, Abschaffung der Adelsprivilegien, Volksbewaffnung und ein deutsches Parlament. Die Mannheimer Forderungen verbreiteten sich im ganzen Gebiet des Deutschen Bundes und nachdem die badischen Revolutionäre am 1. März das Ständehaus in Karlsruhe besetzt hatten, folgten Unruhen in u. a. Berlin (Preußen), Wien (Österreich) und München (Bayern).

Ausschnitt eines badischen Flugblattes von 1848

Am 18. Mai kam dann erstmals die Nationalversammlung, das erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament, in der Frankfurter Paulskirche zusammen, um die deutsche Einheit vorzubereiten und eine Verfassung für den neuen Einheitsstaat auszuarbeiten. Doch für die Umsetzung fehlte es ausgerechnet an Einigkeit. Die Fraktionen, die sich in der Paulskirche gebildet hatten, stritten leidenschaftlich über die Staatsform. Soll es eine parlamentarische Volksrepublik oder eine konstitutionelle Erbmonarchie werden? War bei der Bildung eines Nationalstaats eine kleindeutsche Lösung (ohne Österreich) oder eine großdeutsche Lösung (mit Österreich) anzustreben? Zu der lähmenden Uneinigkeit der Abgeordneten kam das Fehlen einer handlungsfähigen Exekutive, welche Beschlüsse des Parlaments hätte durchsetzen können. Die Exekutivgewalt lag immer noch bei den Fürsten, die natürlich die alte Ordnung erhalten wollten und die Konterrevolution vorantrieben. Trotz allem wurde am 28. März 1849 mit einer knappen Mehrheit für einen kleindeutschen Gesamtstaat in Form einer konstitutionellen Monarchie, mit dem preußischen König als Kaiser, votiert.

Die Frankfurter Paulskirche

Schlecht nur, dass Friedrich Wilhelm IV., seines Zeichens gegenwärtiger König von Preußen, die ihm zugedachte Rolle am 3. April 1849 ablehnte. Friedrich Wilhelms despektierliche Bezeichnung der ihm angetragenen Kaiserkrone als imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken ging in die Geschichtsbücher ein und obendrein berief er alle preußischen Abgeordneten von der Frankfurter Nationalversammlung ab. Revolution und Gegenrevolution bekämpften sich fortan blutig. Am Ende sollte Baden nicht nur Schauplatz des ersten, sondern auch des letztes Aktes der Deutschen Revolution von 1848/49 zu werden. Denn hier hatten die Revolutionäre am 1. Juni 1849 die Badische Republik ausgerufen. Doch ein Heer des Deutschen Bundes unter preußischer Führung marschierte ins Großherzogtum ein. Die hastig aufgestellte badische Revolutionsarmee, kommandiert vom polnischen „Berufsrevolutionär“ Ludwik Mierosławski, leistete zwar Widerstand, aber mit der Einnahme der Festung Rastatt durch preußische Truppen am 23. Juni war dieser nach wenigen Wochen gebrochen.

Der Wasserturm von 1880, eines der Wahrzeichen der Stadt

Das antirevolutionäre Bundesheer wurde übrigens von angeführt von Prinz Wilhelm von Preußen, der 1871 unter anderen Vorzeichen Deutschland doch noch einigen sollte und erster Kaiser des Zweiten Deutschen Reiches wurde. Zu jenem Reich gehörte auch Baden mitsamt Mannheim, welches einen großen Beitrag zum Aufstieg des Reiches zur industriellen Weltmacht leistete. Denn einige große deutsche Unternehmen haben in der Stadt an Rhein und Neckar ihre Wurzeln. So wurde 1848 in der Quadratestadt die Badische Gesellschaft für Gasbeleuchtung gegründet. Aus dieser ging 1865 die Badische Anilin- und Soda-Fabrik (BASF) hervor, die das namensstiftete Baden jedoch schon kurz darauf verließ. Denn am anderen Ufer des Rheins, dem nach wie vor mit Bayern unierten Teil der Pfalz, lockte der bayrische König Maximillian II. mit einem großen Firmengelände und noch größeren Subventionen, um die 1859 von ihm gegründete Stadt Ludwigshafen zu fördern.

Carl Benz ihm seine Erfindung

Doch auch ohne die BASF wurde Mannheim eine industrielle Hochburg, in der Carl Benz im Jahre 1886 seinen Motorwagen Nummer 1 patentieren ließ (die Geburtsstunde des Automobils). Neben Mecedes Benz sorgten außerdem der schweizerische Elektrotechnikkonzern BBC (heute Bombardier) und die Zellstofffabrik Waldhof (bekannt für ihre Zewa-Papiertücher) für großes Wirtschaftswachstum in der Quadratestadt. Ferner enwickelte sich „gegenüber“ von BASF eine eigene Mannheimer Chemie- und Pharmaindustrie mit u. a. Boehringer Mannheim (gehört mittlerweile zum Konzern Roche) und der Sunlicht-Seifenfabrik (gehört heute zum Konzern Unilever, der gegenwärtig seine Pflegeprodukte der Marke Dove in Mannheim produziert).

Christuskirche von 1911

Die Industrialisierung ließ Mannheim um 1900 erstmals die Marke von 100.000 Einwohnern überschreiten, was eine rege Bautätigkeit im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderz zur Folge hatte. Am eindrucksvollsten ist dabei sicherlich der neobarocke Friedrichsplatz mit dem 60 Meter hohen Wasserturm (1889) in seiner Mitte. In den wärmeren Jahreszeiten begeistern Wasserspiele die Besucher der Anlage und im November und Dezember findet hier jährlich der bekannteste Mannheimer Weihnachtsmarkt statt. Um das Areal herum entstand eine geschlossene und repräsentative Bebauung in Neobarock und Jugendstil, die zum Stadtjubiläum 1907 (300 Jahre Stadt Mannheim) im wesentlichen abgeschlossen war. Seitdem ist der Friedrichsplatz das Tor zur Innenstadt und der Wasserturm neben dem Schloss wohl das bekannteste Wahrzeichen Mannheims.

Der um 1900 entstandene Mannheimer Friedrichsplatz

Der für das Deutsche Reich sieglose Erste Weltkrieg (1914 – 1918) brachte Mannheim nochmal in eine Randlage, da die Alliierten (hauptsächlich in Form der französischen Armee) das linksrheinische Reichsgebiet (und damit auch Ludwigshafen) bis 1930 besetzt hielten. Gleichwohl blieb die hiesige Wirtschaft produktiv und innovativ. So wurde 1921 in Mannheim der berühmte Lanz Bulldog der Heinrich Lanz AG erstmals gefertigt. Dieser Traktorpionier leistete einen bedeutenden Beitrag zur Mechanisierung der deutschen Agrarwirtschaft. Nichtsdestotrotz gingen die Inflation von 1923 und die Deflation von 1929 (Weltwirtschaftskrise) natürlich nicht spurlos an der Stadt vorüber. Besonders die Weltwirtschaftskrise begünstigte bekanntermaßen den Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland.

Häuserfassade in der Stresemannstraße, unweit des Friedrichsplatzes

Nach deren Machtergreifung 1933 wurde natürlich auch Mannheim gleichgeschaltet und die politischen Gegner (in erster Linie Kommunisten und Sozialdemokraten) vom totalitären Nazi-Regime verfolgt. Auch die rassenideologisch motivierten Verfolgungen machten vor Mannheim nicht halt. So war bis 1945 das jüdische Leben der Stadt durch den organisierten Völkermord der Nazis an den Juden ausgelöscht worden. Der Zweite Weltkrieg (1939 – 1945) sorgte außerdem für großflächige Zerstörungen im Stadtgebiet von Mannheim (und Ludwigshafen). Die kriegswichtigen Industrieanlagen, aber auch die Wohnquartiere des Rhein-Neckarraumes, erfuhren zahlreiche Bombardements durch alliierte Luftstreitkräfte. Auch soll es Erwägungen gegeben haben, eine Atombombe über der Doppelstadt abzuwerfen, doch dafür kenne ich keine geschichtswissenschaftlich zu 100 % belastbare Quelle. Da der Krieg in Europa noch vor der Einsatzreife der us-amerikanischen Atombombe endete, waren etwaige Planungen auch obsolet geworden.

Die rekonstruierten Bauwerke Schloss und Jesuitenkirche von Ludwigshafen aus gesehen

In der Nachkriegszeit war der Wiederaufbau der zu weiten Teilen zerstörten Stadt eine große Herausforderung. Es musste wie vielerorts in Deutschland schnell und günstig neuer Wohnraum her. Die Rekonstruktion historischer Bauwerke beschränkte sich dabei auf wenige Wahrzeichen wie das Schloss, das Rathaus und den Wasserturm. Nachdem in den 1970er Jahren die moderne Stadtneugestaltung weitgehend abgeschlossen war, musste Mannheim noch einen Strukturwandel vom Industrie- zum Dienstleistungssektor bewältigen. Das produzierende Gewerbe stellt zwar immer noch ein Viertel der hiesigen Arbeitsplätze, doch dereinst waren es über 75 %. Der erstarkte Dienstleistungssektor wird neben Finanz- und Informationsdienstleistern und Gastronomie, auch vom Handel getragen. Mannheim ist im Ballungsraum Rhein-Neckar die wichtigste Einkaufsstadt. Außerdem handelt es sich um einen bedeutenden Hochschulstandort. Teile der Universität Mannheim (die größte der hiesigen Hochschulen) sind übrigens im Mannheimer Schloss untergebracht, wo mein rund zweieinhalbstündiger Geschichtsspaziergang endete und ich gegen 13:30 Uhr nach Ludwigshafen übersetzte.

Über den Rhein (links Ludwigshafen, rechts Mannheim)

Auch wenn ich dort auf dem Weg vom Rheinufer zum Südweststadion nur einige (der wenigen) Sehenswürdigkeiten en passant mitnahm, möchte ich doch noch ein paar Worte zur Ludwigshafener Geschichte verlieren. Die Stadtgründung von 1859 geht auf die Mannheimer Rheinschanze zurück. Ein linksrheinischer Brückenkopf der rechtsrheinischen Festung Friedrichsburg, für die ebenfalls 1606 der Grundstein gelegt wurde. Die Schanze, die in den Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts mehrfach zerstört wurde, wurde schließlich im frühen 19. Jahrhundert von Mannheim getrennt. Wie bereits von mir erläutert, wurde die rechtsrheinische Pfalz badisch (ab 1803) und die linksrheinische Pfalz verblieb bei den Wittelsbachern, also beim 1806 gebildeten Königreich Bayern.

Das 1989 installierte Denkmal Rheinschanze des Künstlers Wolf Spitzer (links im Hintergrund die Mannheimer Jesuitenkirche)

Ab 1820 entstand auf dem Gelände der ehemaligen Rheinschanze ein Handelshafen, der zu Ehren von Bayerns damaligem König Ludwig I. den Namen Ludwigshafen erhielt. Ludwigs Sohn und Thronfolger Maximillian II. förderte Ludwigshafen gezielt und verantwortete das erwähnte stadtgeschichtliche Schlüsselereignis der BASF-Ansiedlung. Doch schon vor der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik hatte sich 1858 die Firma Benckiser (heute Reckitt-Benckiser) mit ihrer Chemiefabrik in Ludwigshafen angesiedelt. Mit u. a. dem Pharmaunternehmen Knoll & Co (1886 gegründet, heute Teil des Konzerns Abbott), der Raschig GmbH (1891) und den Pfalzwerken (Energieversorger von 1912) wurde Ludwigshafen Heimat noch weiterer großer Unternehmen.

Die Pegeluhr von 1900 an der Ludwigshafener Kammerschleuse

Die wirtschaftliche Entwicklung ließ Ludwigshafen binnen weniger Jahrzehnte zur Großstadt aufsteigen. 1921 waren erstmals über 100.000 Einwohner gemeldet. Im Zweiten Weltkrieg wurden durch die bereits erwähnten massiven Luftangriffe auf die Doppelstadt Mannheim-Ludwigshafen allerdings über 80 % der Bausubstanz zerstört. Während Mannheim in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland zu Baden-Württemberg kam, wurde Ludwigshafen Teil von Rheinland-Pfalz. Ungeachtet dessen teilt man sich u. a. eine Telefon-Vorwahl und das Straßenbahnnetz mit Mannheim. Allerdings hinkte man der Nachbarstadt in der Nachkriegsentwicklung lange hinterher. Nichtsdestotrotz ist Ludwigshafen heuer hinter Mainz die zweitgrößte Stadt von Rheinland-Pfalz und zählt über 170.000 Einwohner.

Der von 1893 bis 1898 erbaute Luitpoldhafen

Eines der wenigen überregional bekannten Nachkriegsbauwerke der Stadt ist tatsächlich das heute von mir besuchte Südweststadion, welches 1950 eröffnet wurde. Dessen Wälle wurden aus dem reichlich vorhandenen Trümmerschutt Ludwigshafens aufgeschüttet und boten zunächst 40.000 Besuchern Platz (später gar über 80.000). Doch in Ludwigshafen existierte kein erfolgreicher Fußballclub, um das Rund zu füllen. Mit Länderspielen der deutschen Fußballnationalmannschaft und Endspielen um die Deutsche Fußballmeisterschaft, wie auch um den DFB-Pokal, konnten in den 1950er und 1960er Jahren allerdings regelmäßig große Kulissen verbucht werden. Außerdem wich der 1.FC Kaiserslautern gelegentlich nach Ludwigshafen aus. Der damalige Platzhirsch FC Arminia 03, der zwischen 1966 und 1975 immerhin neun Spielzeiten drittklassig war, erzielte dagegen nur mäßige Zuschauerzahlen und zog sich 1979 wieder in seinen Heimatstadtteil Ludwigshafen-Rheingönheim zurück. Da passte es ganz gut, dass der SV Waldhof aus Mannheim zwischen 1983 und 1989 kein bundesligataugliches Stadion auf der anderen Rheinseite zur Verfügung hatte und für insgesamt 102 Bundesligapflichtspiele ins Südweststadion auswich.

Haupttribüneneingang des Südweststadions

Der Umzug der Mannheimer in die Vorderpfalz, wurde vom Ligakonkurrenten 1. FC Kaiserslautern sehr argwöhnisch gesehen, da die Lauterer die gesamte linksrheinische Pfalz als ihr Einzugsgebiet betrachten. In der ersten Bundesligasaison 1983/84 verzeichnete der SV Waldhof auch sogleich einen deutlich besseren Zuschauerschnitt (26.982 Zuschauer) als der 1.FCK (19.017), doch ein Überlaufen der vorderpfälzer Fußballfans war nicht auszumachen und Kaiserslautern zog in den Folgejahren wieder dauerhaft mehr Zuschauer als der Parvenü vom anderen Ufer. Der SV Waldhof spielt allerdings seit Sommer 1989 wieder in Mannheim (erst Stadion am Alsenweg, seit 1994 im Carl-Benz-Stadion). Stattdessen war das Südweststadion zwischenzeitlich mal Heimspielstätte des FSV Oggersheim (der 2007/08 in der 3. Liga spielte) und nun kehrt der gegenwärtige Fünftligist FC Arminia für ausgewählte Spiele an die alte Wirkunsgstätte zurück, da der Platz in Rheingönheim in niederschlagsreichen Zeiten zur Unbespielbarkeit neigt.

Schön für die Groundhopper der Republik oder Stadionenthusiasten wie mich. So waren heute unter den 178 zahlenden Zuschauern (10 € für Vollzahler) circa 50 Groundhopper auszumachen. Man erkennt sie halt und auch sie erkannten sich größtenteils untereinander und hielten ihre Plauderrunden über Grounds und Skills im Schnorren ab. Dass sich niemand aus dieser Besuchergruppe so wirklich für das Fußballspiel interessierte, kann man allerdings keinem vorwerfen. War wirklich nicht besonders geil. Immerhin klingelte es kurz vor der Halbzeitpause in jedem Gehäuse einmal und es ging somit mit einem Spielstand von 1:1 in die Kabinen. Nachdem der Halbzeitsnack Schnitzelbrötchen verputzt war (lecker und mit 3 € fair bepreist), fiel sogleich das zweite Tor der saarländischen Gäste und diese knappe Führung brachte der SV Elversberg II über die Zeit.

Halbzeitsnack

Der FC Arminia geht nun als vorläufig Vierzehnter in die Winterpause (21 Punkte aus 19 Partien) und befindet sich in Abstiegsgefahr, während der Nachwuchs des SV Elversberg als Vierter (34 Punkte aus 19 Spielen) Tuchfühlung zum einzigen Aufstiegsplatz der Oberliga Rheinland-Pfalz / Saar hat (man wäre jedoch eh nicht aufstiegsberechtigt, da 2. Herren von Dritt- und Viertligsten maximal Oberliga spielen dürfen). Der TSV Schott Mainz (der gegenwärtig mit 38 Punkten das Tableau anführt), wie auch die prominenteren Aufstiegsaspiranten Eintracht Trier, Wormatia Worms und TuS Koblenz, müssen die Elversberger Konkurrenz also nicht fürchten.

  • 30.11.2019
  • SV Südwest 1882 Ludwigshafen – VfB Hassloch 5:0
  • Bezirksliga Vorderpfalz (VIII)
  • Stadion Mundenheimer Straße (Att: 120)

Nach dem Abpfiff um 16:23 Uhr machte ich mich mit einer Hopperkarawane im Schlepptau auf zum benachbarten Stadion an der Mundenheimer Straße. In diesem dereinst für ca. 10.000 Besucher ausgelegtem reinen Fußballstadion, sollte der SV Südwest Ludwigshafen den VfB Hassloch um 16:30 Uhr zum Punktspiel der achtklassigen Bezirksliga Vorderpfalz empfangen. Ja, das war sportlich ein noch größerer Leckerbissen, als erste Spiel des Nachmittags. Allerdings versprühte das alte Stadion soviel Flair, dass ich es als fast genauso besuchenswert wie das Südweststadion einstufe. Da investierte ich doch gerne 4,50 € für ein Billet und 2,50 € für eine Rindswurst. Schön, dass die Spielplangestalter des Südwestens mir diesen Doppelbesuch an einem Tag möglich machten.

Groundhopper at work

Das Stadion feierten alle heutigen Erstbesucher der Anlage ziemlich ab und außerdem gab es Tore satt. Der SV Südwest Ludwigshafen dominiert die Liga bisher und steht mit 41 Punkten aus 17 Spielen auf dem 1. Platz, der am Saisonende zum direkten Aufstieg in die Landesliga berechtigen würde. Der SV Südwest ist übrigens das Ergebnis einer Fusion aus dem Jahre 1964. Damals schlossen sich TuRa Ludwigshafen und der SV Phönix 03 Ludwigshafen zusammen, die wiederum selbst Fusionsprodukte waren (der Stammbaum des SV Südwest kommt auf stolze 15 Vorgängervereine). Ziel war der Einzug in die 1963 gegründete Bundesliga, wo man dann das Südweststadion hätte bespielen können. Doch es langte nur für 10 Jahre in der zweitklassigen Regionalliga Südwest, ehe man 1974 den Einzug in die neugeschaffene 2. Bundesliga verpasste und die nächsten Jahrzehnte dritt- bis achtklassig kicken musste. Immerhin gewann man 1983, 1987 und 1990 den Südwestpokal und kratzte als Oberligist noch gelegentlich am Aufstieg zur 2. Bundesliga. Bekanntester Südwestkicker war wohl Igli Tare. Der albanische Nationalstürmer hatte 1992 bei den Ludwigshafenern sein erstes Auslandsengagement und schnürte später u. a. für den 1.FC Kaiserslautern und die Società Sportiva Lazio die Schuhe.

Für Dominik Brust wird es wohl nicht mehr für die Fußballnationalmannschaft seines Heimatlandes reichen, aber der 31jährige ist aktuell der Topstürmer des SV Südwest und war heute viermal erfolgreich (davon zweimal per Strafstoß). Am Ende stand es 5:0 für die Hausherren und angeblich wurden der Sieg und die Herbstmeisterschaft noch im Clubheim Treffpunkt Südwest ausgiebig gefeiert. Ich war da jedoch schon auf dem Weg zum Ludwigshafener Hauptbahnhof, um via Umstieg in Mannheim die Heimreise anzutreten und noch vor Mitternacht das heimische Bett zu erreichen. Das war ein gelungener Ausflug, der mich tief in die Geschichte der zwei besuchten Städte eintauchen ließ und ebenfalls zwei überragende Fußballstadien für mein Nostalgikerherz bot.

Song of the Tour: Lieber eine Tochter als einen Sohn Mannheims.