São Paulo 09/2018

22.09.2018
São Paulo FC – América FC 1:1
Campeonato Brasileiro Série A (I)
Estádio Morumbi (Att: 47.846)

Am Morgen unserer Reise nach São Paulo klingelten die Wecker kurz nach 5 Uhr. Doch das war nicht weiter schlimm, da wir am Vorabend bereits um 21 Uhr im Bett lagen und die Exemplare von Novotel**** natürlich weltweit sehr bequem sind. Lediglich eine Technoparty in einer Fabrikruine nebenan störte manch einen. Ich gehörte zum Glück nicht dazu.

Das Areal der Technoparty

An der um 6 Uhr morgens immer noch relativ pulsierenden Technoparty mussten wir unweigerlich vorbei, um mitsamt Gepäck zum 1.000 Meter entfernten Busbahnhof zu gelangen. Natürlich nicht ohne angelungert zu werden. „Ey Gringos! Gringos!“ Ignorieren und weitergehen half, denn nach ein paar Hundert Metern gab der Mann mit dem lauten Organ und der Antatschfreudigkeit auf.

Durch das Hochland

Da die Bustickets bereits organisiert waren (je 115 Reais, aktuell also ca. 25€), konnten wir nach einem kleinen Proviantkauf unseren Reisebus des Unternehmens „Expresso do Sul“ besteigen. 6:30 Uhr war Abfahrt und in der Bus-Klasse „Executivo“ kann man doch recht bequem reisen. Ebenso spielte der Verkehr mit und wir kamen gut aus der Metropole raus. Es ging durch das Hochland des Bundesstaates Rio de Janeiro gen Süden und auf halber Strecke gab es 30 Minuten Pause zum Frühstücken am Rasthof von Itatiaia.

Frühstückspause

Umgerechnet 8,80€ wurden in meinem Fall für Tosta Mista, Kibbe, Coxinha, einen Hähnchenbrustspieß und einen Softdrink auf den Tresen gelegt. Das sollte den Körper bis zum Abend zufriedenstellen und auch die anderen kamen auf ihre Kosten. Pappsatt bestiegen wir um 9:15 Uhr wieder den Bus und näherten uns weiter dem Ziel.

Was man halt so an den Straßenrand baut…

Auf die Minute pünktlich erreichte unser Transportvehikel um 12:30 Uhr den großen Busbahnhof von São Paulo („Tietê“) im Norden der Stadt. Erfreulicherweise gab es auch hier keine wilde Taxi-Meute, sondern wie schon in Rio am Flughafen ganz gesittete Schalterpraktiken. 57 Reais (tagesaktuell 11,50€) waren für die 16km zum Hotel pro Taxi zu zahlen. Fairer Deal und auf der Fahrt wurde schon mal ein erster Eindruck von der 12-Millionen-Einwohner-Stadt gewonnen.

Erste Fahrt durch die Megacity

Alte Gemäuer gibt es im Stadtzentrum nur wenige, dafür ein Meer von Hochhäusern. Dazu wie in Rio ganz viel Streetart am Wegesrand. In der dicht bebauten Innenstadt ohne nennenswerte Freiflächen war dann auch kein Platz für Favelas. Dafür schien es viele Obdachlose zu geben, die z.B. unter den Brücken hausten. Insgesamt war jedoch der erste Eindruck, dass die Stadt wesentlich geschäftiger und irgendwie strukturierter als Rio wirkte. São Paulo könnte vielleicht auch irgendwo in den USA stehen, ohne dort exotisch zu wirken.

Ausblick aus dem Zimmerfenster

Gegen 13 Uhr erreichten wir unser Ibis*** am Flughafen Congonhas. Da wir dort Montagmorgen einen Flug in Richtung Regenwald besteigen wollten, war das eine strategisch günstige Wahl. Man war von hier nämlich in fünf Fußminuten am Terminal. Und zum Estádio do Morumbi war es von hier auch nicht ganz so weit. Dorthin orderten wir nach dem Check-In und einer kleinen Verschnaufpause zwei Taxis (die Öffi-Anbindung von Congonhas ist ausbaufähig, wobei es immerhin Busse gibt und das Liniennetz nicht so chaotisch wie in Rio wirkt).

Die Ponte Estaiada über den Rio Pinheiros

13km waren nun zu überwinden (in São Paulo verhältnismäßig ’ne Nahdistanz) und dafür 45 Reais pro Taxi zu löhnen. Nach etlichen Kilometern auf mit Hochhäusern gesäumten Stadtautobahnen, erreichten wir ein ruhiges und baumreiches Wohnviertel. Die großzügigen Grundstücke verfügten über hohe Mauern und Hecken, die fast überall von Natodraht gekrönt wurden. Morumbi war anscheinend so ein bisschen das Beverly Hills von São Paulo. Hier sollte also gleich ein großes Fußballstadion auftauchen? Aber die GPS-Karte zeigte es an und der Taxifahrer wirkte auch so, als wüsste er was er tut. Und tatsächlich, von den Hängen Morumbis ging es in einen Talkessel, wo das Estádio do Morumbi ersichtlich wurde (offiziell Estádio Cícero Pompeu de Toledo, benannt nach einem ehemaligen Clubpräsidenten).

Babushka-Streetart

Irgendwann ging es für Autos nicht weiter und wir sprangen aus dem Taxi. Der Menschenstrom sah alles in allem sehr bürgerlich aus, was zum Stadionumfeld passte. Der SPFC ist eben der Verein der Mittel- und Oberschicht und die Fans werden von Anhängern der Ortsrivalen „Bambis“ genannt. Das ist ein Synonym für „Schwuchteln“, denn so bzw. mindestens als metrosexuell sehen die „Working Class“ und die „Workless Class“ von São Paulo die mehrheitlich hellhäutigen, gut gekleideten und fein frisierten Fans vom São Paulo FC. Wie das bei Klischees so ist, darf man davon keine Allgemeingültigkeit ableiten. Aber einen wahren Kern hatte das schon.

Fans vorm Stadion

Da mein Portugiesisch immer noch zu rudimentär ist und keine Stadionpläne an den Kassenhäuschen vorhanden waren, forderte ich sechsmal die teuerste Karte. 80 Reais sollte die kosten, also ungefähr 16€. Klang nicht teuer, weshalb 480 Reais über die Theke wanderten. Der passende Eingang wurde auch schnell gefunden und wir wurden zu Plätzen im Mittelrang geleitet, wo uns von Hostessen goldene Bändchen um das Handgelenk fixiert wurden. Allerdings war der Block selbst doch recht profan und wir saßen auch noch direkt unter dem Fanblock der Paulistas in der Kurve. Leider gab es auch keine Getränke oder Snacks für die Blockbesucher und ich fragte mich warum es dann nicht auch eine normale Kartenkontrolle anstatt der Bändchenquatsch sein kann.

Eu sou importante

Also erstmal wieder raus aus dem Block und den Hunger und Durst mit Pizza und Limo gestillt. Hier bewahrheitete sich auch was Emel in Rio über das brasilianische Schulsystem und die Rechenfähigkeiten der unterprivilegierten Menschen erzählt hatte. Trotz Schulpflicht ist aufgrund der Qualität der staatlichen Schulen die Bildung der einfachen Leute absolut mangelhaft. So musste die gute Frau am Imbissstand mit dem Taschenrechner 12+7 und dann 50-19 errechnen. Laut Emel Alltag im kleinen Einzelhandel oder der einfachen Gastronomie.

Kleiner Pizzasnack

Aufgrund des geschilderten Mangels unserer Plätze und des fehlenden Mehrwerts des „VIP-Blocks“, wurden wir vor Spielbeginn nochmal wechselwillig. Linksrum zur Haupttribüne standen wichtige Anzugträger mit Walkie Talkie am Ohr, die schließlich auch deren noch wichtigere Vorgesetzte herangerufen haben. Da niemand von denen Englisch konnte und mein Portugiesisch wie angedeutet eher so A2 ist, brachten wir unser Anliegen vielleicht nicht verständlich rüber. Oder die Bürokratie ließ auch für ausgewiesene ausländische Journalisten keinen Blockwechsel zu. Die Chefin eskortierte uns wieder in unseren Block und sagte gnädig, dass wir von hier gucken dürfen und tolle Fotos machen können. Ähm, das ist eh unser erworbener Block…

Ich glaube es geht los

Nachdem unsere Anstandsdame verschwunden war, wurde halt rechtsrum zur Gegengerade gegangen und dort stand nur ein Mann in Ordnerweste. Goldenes Bändchen vorgezeigt und schon ging das Tor auf. Im Mittelrang, auf Höhe der Mittellinie, ließen wir uns auf exzellenten Plätzen nieder und durften uns sogleich zur Nationalhymne wieder erheben, welche in Brasilien vor jedem Spiel ertönt.

Die Fankurve

Wir sahen nun den Tabellenführer, wie er versuchte dem Spiel gegen einen Aufsteiger sofort seinen Stempel aufzudrücken. Sie wurden dabei von einer lautstarken Fankurve angepeitscht. Federführend von der großen Gruppe „Torcida Independente“ und der kleineren, auffallend in rot gekleideten „Torcida Dragoes da Real“. Nur kam zunächst nichts Zählbares zustande, weil der noch lange nicht von Abstiegssorgen befreite Gast (aktuell 12.Platz) mit elf Mann hinten drin stand.

Auch die andere Kurve war gut gefüllt

Der América FC ist übrigens einer von drei Erstligisten der Stadt Belo Horizonte. Was Erfolge und Zuschauerzuspruch angeht, muss man sich allerdings klar hinter den Ortsrivalen Cruzeiro und Atlético Mineiro einordnen. Obwohl América von 1916 bis 1925 beachtliche zehnmal hintereinander die Staatsmeisterschaft von Minas Gerais gewonnen hat (nationale oder gar internationale Titel allerdings Fehlanzeige). Gastgeber São Paulo FC wiederum gehört zu den absoluten Aushängeschildern des brasilianischen Fußballs. Die seit 1971 bestehende offizielle Landesmeisterschaft Brasiliens gewann man bereits fünfmal und die traditionsreiche Staatsmeisterschaft von São Paulo (ältester Fußballwettbewerb Brasiliens, seit 1902 ausgetragen) stolze 21mal. Dazu gesellen sich drei Triumphe in der Copa Libertadores (1992, 1993 und 2005), welche jeweils mit dem anschließenden Gewinn des Weltpokals bzw. der Klub-WM gekrönt wurden.

Der São Paulo FC macht Druck

Doch die Meriten der Vergangenheit und die gegenwärtige Tabellenführung nutzten weiterhin wenig. Erstmals wirkliche Torgefahr gelang, als Liziero in der 30.Minute zu einem Volleyschuss im Strafraum kam, der jedoch ins Toraus abgefälscht wurde. In der 37.Minute wurde es dann richtig mitreißend, als Diego Souza einen Fallrückzieher aus sechs Metern knapp über das Gästetor setzte. Diesem Spieler, Kategorie bulliger Mittelstürmer, attestierten wir allgemein die größte Torgefahr (Zitat: „Der 9er knipst auf jeden Fall noch!“) und er sollte uns nicht enttäuschen. In der Nachspielzeit brachte er das Morumbi zum Brodeln, als er eine Flanke an der 5-Meter-Linie zum 1:0 einköpfte.

Der spärlich gefüllte Gästeblock

Leider gab die Führung zum psychologisch wertvollen Zeitpunkt den Paulistas keinen Aufwind für die zweiten 45 Minuten. Souza (nun 10 Saisontore in 24 Spielen) wollte weiter gefüttert werden, nur hatte América die Außenbahnspieler des Gegners gut unter Kontrolle und begann in der Schlußphase plötzlich eigene Akzente zu setzen. Dafür sorgte vor allem ein in der 70.Minute eingewechseltes 20jähriges Leichtgewicht namens Matheusinho. Dieser konnte nach einem der circa drei Torschüsse von América binnen 90 Minuten in der 81.Minute aus kurzer Distanz abstauben. Mit diesem 1:1 waren die Gäste natürlich hoch zufrieden und stellten sich nochmal 10 Minuten erfolgreich hinten rein.

Der Mond erscheint über dem Morumbi

Die Gastgeber dürften auf keinen Fall mit der Punkteteilung zufrieden sein. Denn die Spitzengruppe ist eng beieinander und schon am morgigen Sonntag könnten wir Zeuge werden wie Internacional den SPFC als Tabellenführer ablöst. Ebenso kann der Ortsrivale Palmeiras bis auf einen Punkt aufschließen und Flamengo bis auf drei Punkte. Es dürfte noch ein spannendes letztes Saisondrittel in Brasilien geben, ehe am 1.Advent der Meister gekürt wird.

Ein Perspektivwechsel zum Schluss

Nach Abpfiff waren leider keine Taxis im Stadionumfeld zu finden (dafür fliegende Händler mit auf Mopeds herangekarrten Pizzas, sowie mobile Grillstände en masse), so dass wir erstmal zu Fuß losmarschierten. Weil wir zu faul waren bergauf in die Richtung zu gehen, aus der wir gekommen waren, ging es ebenerdig mit der Masse der Fans eine Allee entlang. Als dann nach ein bis zwei Kilometern die erste große Hauptstraße unseren Weg kreuzte, versuchten wir Taxis zu organisieren. Das erste klappte recht schnell. Das zweite erforderte viel Langmut.

Nach Spielende

Dafür schien dessen Fahrer gute Abkürzungen zu kennen. Wir mieden die verstopften Hauptstraßen und fuhren durch ruhige Wohngebiete Morumbis, wobei wir sogar an „Gated Communities“ vorbeikamen. Nachdem wir ungefähr 20 Minuten später als das erste Taxi am Hotel waren, konnte es wiedervereint zum Abendessen gehen.

Abmarsch

Zu diesem Zwecke hatte ich das 2km entfernte Restaurant „Fogo de Chão“ rausgesucht. Der Laden wirkte schon von außen nobel und drinnen waren alle etwas feiner angezogen. Wir liefen dagegen in Sporthosen, T-Shirts und Sneakers auf. Na ja, wenn es schon an der Tür keinen gestört hat, wird es im Restaurant selbst auch keinen stören. Wir wurden vom Maître d’hôtel jedenfalls nicht gefragt, ob wir uns verlaufen haben, sondern für wieviele Personen wir einen Tisch brauchen.

Rodizio

Wir wurden sofort zu einem passenden Exemplar geleitet und ungefragt tauchte ein Schwarm von Kellnern an unserem Tisch auf und schnippelte Scheiben von den mitgeführten Fleischspießen. Erst nachdem jeder drei bis vier Fleischportionen auf dem Teller hatte, kamen wir dazu nach dem Preis für dieses Rodizio zu fragen. 146 Reais, also ungefähr 30€ wurden aufgerufen (inklusive AYCE am üppigen kalten Buffet). In Anbetracht der bereits zu erahnenden Fleischqualität ein fairer Preis.

Lauter Köstlichkeiten

Ich hatte in der Heimat mal ein Rodizio für 19,90€ getestet und die Qualität war wie sie sein muss, um mit 19,90€ wirtschaftlich zu sein. Das Fleisch war von bescheidener Güte und wenig brasilianisch wirkend (es gab u.a. Kassler Nacken). Dazu so Sachen wie Erbsen und Möhren aus der Dose oder Salzkartoffeln als Zwischengang. Nee, danke! Aber in Deutschland schreit die Mehrheit nun mal immer nach billig und viel, anstatt nach Qualität zu angemessenen Preisen. Für das heute in São Paulo Gebotene müsste man in Deutschland wahrscheinlich 99€ p.P. nehmen.

Fleisch! Fleisch! Fleisch!

Es war jedenfalls unbeschreiblich gut. Auch das Buffet wusste zu überzeugen mit gegrilltem Gemüse, vielen frischen Salaten, Wachteleiern, Kaviar, hochwertigem Schinken und vielem mehr. Da wollte man nicht auf ein paar Beilagen verzichten, obwohl diese dem Fleisch etwas Raum im Körper nahmen. Nichtsdestotrotz dürfte jeder an ungefähr 15 Fleischgängen partizipiert haben (es wurden ja auch keine riesigen Stücke abgeschnippelt). Zuletzt, als eigentlich schon erste Wehklagen zu vernehmen waren, kam noch ein Garçon, der mit Käse verfeinertes Filet Mignon am Spieß hatte. Da wurde nochmal final zugeschlagen, ehe wir die Rechnung kommen ließen.

Filet Mignon

Zum Glück gaben die 2.000m Rückweg zum Hotel einen passablen Verdauungsspaziergang ab. Es war auf jeden Fall das bisher beste Essen der Reise und in Sachen Fleisch lag die Messlatte jetzt hoch für Argentinien und Uruguay.

23.09.2018
SC Corinthians – Internacional 1:1
Campeonato Brasileiro Série A (I)
Arena Corinthians (Att: 27.199)

Am Sonntagmorgen beschlossen wir zeitnah in die Innenstadt aufzubrechen. Um 16:00 Uhr sollte Anpfiff bei den Corinthians sein und zuvor wollten wir das Stadtzentrum noch genauer unter die Lupe nehmen. Die verkehrsbedingt halbstündige Taxifahrt (knapp 20€ pro Taxi) offenbarte unheimlich viele Fahrradfahrer auf den Straßen der Stadt. Viele Straßen waren sogar für den Autoverkehr gesperrt und seit einigen Jahren wird das Netz der knallroten Fahrradspuren immer weiter ausgebaut. Ein sinnvolles Konzept, um das Verkehrchaos einer Megacity mit über 12 Millionen Einwohnern (21 Millionen im Ballungsgebiet) zu reduzieren. Denn auch werktags sollen mittlerweile schon mehrere Hunderttausend Arbeitnehmer auf den Drahtesel umgestiegen sein.

Barbarische Streetart

Unser Fahrer erzählte uns den ganzen Kram, weil er Angst hatte wir würden ihn und seinen Kollegen wegen der Umwege für Abzocker halten. Unbegründete Sorgen, denn Abzocker-Taxifahrer sind in der Regel immer superfreundlich und sagen nicht so Sachen wie „Du bist Argentinier oder?“ „Nein, warum?“ „Dein Bauch ist so groß wie der von Maradona!“.

Justizpalast

Als die Gegend der Kathedrale endlich erreicht war, knipsten wir gleich mal den benachbarten Justizpalast. War wohl keine gute Idee, denn zwei Militärpolizisten kamen auf uns zu und begrüßten uns mit „Good morning gentlemen, where are you from?“. Ich dachte, vielleicht darf das Gebäude nicht fotografiert werden? Doch die fließend englischsprachigen Herren hatten uns nur sofort als Touristen identifiziert und wollten uns gleich mal warnen, wie gefährlich das hier ist. Durch den Park vor der Kathedrale sollen wir auf keinen Fall gehen, sondern uns nur am Rand aufhalten. Immer Abstand von den Leuten halten, niemanden fotografieren, nicht mit Geld oder Wertsachen rumhantieren. Okay…

Die Kathedrale

Der Blick schweifte nun unweigerlich durch das Areal und sagen wir mal so, zumindest sah von den mehreren Hundert hier lungernden Menschen niemand so aus, als arbeite er werktags in einem der Geschäftsgebäude in der Umgebung. Fast schon beruhigend, dass viele der Stammgäste des Parks noch zu schlafen schienen. Nichtsdestotrotz stand der Stadtspaziergang jetzt unter einem unguten Stern. Wenn man so explizit gewarnt wird und als Erstbesucher aus Europa die Situation nicht selbst einschätzen kann, geht man doch mit einem mulmigen Gefühl weiter. Aber letztlich war der Schlusssatz der Uniformierten, „Enjoy Brazil!“, derjenige, den wir uns am meisten zu Herzen nehmen wollten.

Innenraum der Kathedrale

Zunächst fürwahr etwas schwergängig. Denn alles, inklusive Gastronomie, war im Umfeld der Kathedrale verriegelt und unheimlich viele Obdachlose hatten in den Straßen und auf den Plätzen Quartier bezogen. Aber vielleicht gar nicht mal verkehrt, nicht nur hochglanzpolierte Tourispots zu sehen, sondern diese Kombination aus den hochragenden Horten des Kapitals und den Systemverlierern in deren Schatten wahrzunehmen. Einer Favela z.B. kann man ja doch eine gewisse Romantik abgewinnen (siehe Favela-Boom Mitte der 2010er Jahre). Verwahrlosten Menschen, die auf Pappkartons in beißend nach Urin riechenden Häusernischen hausen, wohl weniger. In Brasilien, wo man eine soziale Komponente in der Marktwirtschaft mit der Lupe suchen muss, kommt man auf jeden Fall schnell auf die Idee, dass der Markt doch nicht alles optimal von alleine regelt.

Der obere Teil des 165m hohen Edificio Italia

Touristisch hatte ich natürlich auch etwas vorbereitet. Besonders ausufernd konnte dieses Programm allerdings nicht werden, da das „Alte São Paulo“ fast komplett dem bis heute anhaltenden Bauboom der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zum Opfer gefallen war. Selbst bei der Kathedrale („Catedral da Sé“), die wir zu Beginn des Rundgangs von innen und außen begutachteten, wurde erst 1913 der Grundstein gelegt (Fertigstellung 1954). Durch den neogotischen Stil wirkt sie allerdings für das ungeschulte Auge älter.

Patio do Colegio

Wirklich alt sind nur der „Palacete do Carmo“ (Stadtpalais aus dem 18.Jahrhundert) und der „Pátio do Colégio“ (eine einstige Jesuitenkirche und -schule aus dem 16.Jahrhundert). Beide Gebäudekomplexe beherbergen heute Museen. Der „Pátio do Colégio“ ist zugleich die Keimzelle der Stadt. Denn hier bauten die Jesuiten am 25.Januar 1554 ihren Missionsstützpunkt. Weil die katholische Kirche an diesem Tag das Fest der Bekehrung des Apostels Paulus feiert, war der Name der Stadt, bzw. zunächst der Mission, auch schnell gefunden.

Etwas ältere Innenstadtbebauung (frühes 20.Jh.)

Das Stadtrecht gab es 1711 und 111 Jahre später wurde in São Paulo die Unabhängigheit Brasiliens von Portugal erklärt (näheres dazu schrieb ich ja bereits im vorherigen Bericht). Ab Mitte des 19.Jahrhunderts setzte in der Region schließlich ein Kaffeeplantagenboom ein und wenig später sorgte die Industrialisierung für noch größeren Aufschwung. Die Zuwanderung war enorm und im frühen 20.Jahrhundert stieg São Paulo bereits zu Brasiliens Industriestandort Nr.1 auf. Anfang der 1930er Jahre wurde die Millionenmarke geknackt und in der Nachkriegszeit sorgte dann die letzte große Einwanderungswelle für über 5 Millionen Einwohner. Innerbrasilianische Migration und hohe Geburtenraten bescherten irgendwann um die Jahrtausenwende den Bürger Nr. 10.000.000 im Register des Einwohnermeldeamts.

Art Deco Hochhäuser

Weil die alle irgendwo wohnen müssen, ist die Stadt ein gigantisches Häusermeer. Wahrscheinlich gibt es nirgendwo auf der Welt soviele Hochhäuser wie in São Paulo. Die ganz großen Wolkenkratzer (ab 150m) kann man zwar mit zwei bis drei Händen abzählen (das „Mirante do Vale“ ist nebenbei mit 170 Metern das höchste Gebäude von São Paulo und ganz Brasilien), jedoch steht mit dem „Edifício Copan“ das größte Wohngebäude der Welt in São Paulo (116.153 Quadratmeter Wohnfläche). Oscar Niemeyer, der prägende Architekt des modernen Brasiliens, entwarf den Giganten in den 1950er Jahren.

Kleiner Mittagssnack

Eigentlich wollten wir zur Aussichtsterrasse des Copan hinauf, doch leider war diese wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Daher kehrten wir zunächst in ein Café im Erdgeschoss des Komplexes ein. In der „Padaria Santa Efigênia“ gab es nicht nur Backwaren, sondern auch viele warme Gerichte. Wir gönnten uns Acai-Smoothies (seit Rio mein neues Lieblingsgetränk) und Calabrese-Sandwiches (diese Baguettes kamen mit Omelette und einem würzigen Steak daher). Dabei wurde recherchiert, von wo man noch den Ausblick über die Stadt genießen könnte. Edifício Banespa: heute geschlossen, Edifício Italia: macht erst um 15 Uhr auf, Edifício Matarazzo: nur werktags geöffnet…

Ein paar Innenstadthochhäuser

Das Thema wurde abgehakt und wir setzten nochmal unseren Rundgang auf dem Erdboden fort. Nachmittags wirkte die Innenstadt etwas freundlicher, denn der Einzelhandel und die Gastronomie hatten so ab 12 oder 13 Uhr teilweise ihre Pforten geöffnet. Jetzt bummelte viel Publikum durch die Straßen und die Verlierer des Systems waren nicht mehr in der Majorität.

Theatro Municipal

Wir schauten uns nun noch das wunderschöne „Theatro Municipal“ und die benachbarte Shopping Mall an und ließen uns anschließend von der achtspurigen „Avenida 23 de Maio“ beeindrucken, die das Stadtzentrum in der Mitte durchpflügt. Sie teilt es in einen Westteil rund um das Theatro und einen Ostteil rund um die Kathedrale.

Avenida 23 de Maio

Dann streiften wir nochmal dem Platz der Kathedrale, wo wir im Gegensatz zu 10 Uhr morgens auch nicht mehr die einzigen Touristen waren. Von dort zogen wir weiter ins Japaner-Viertel, da der Taxifahrer uns vormittags erzählt hatte, dass da irgend ein Fest gefeiert würde. Was genau, war auch vor Ort nicht feststellbar. Auf jeden Fall war unheimlich viel Volk auf diesem Fest, welches eigentlich nur aus Fressbuden und Nippes-Verkaufsständen bestand.

Japaner-Fete

Nach einem kurzen Rundgang organisierten wir zwei Taxis und ließen uns zur rund 25km vom Zentrum entfernten Arena der Corinthians kutschieren (ich glaube je Taxi waren das ungefähr 100 Reais, also 20€). Dort wurden auch während der WM 2014 sechs Spiele ausgetragen (u.a. das Eröffnungsspiel Brasilien – Kroatien und das Halbfinale Niederlande – Argentinien) und nach dem Turnier übernahm der zweitbeliebteste Fußballclub des Landes (nach Flamengo) die Rolle des Hauptnutzers dieser modernen Sportstätte. Dafür wurde die Kapazität allerdings von 62.601 auf 48.000 Plätze reduziert. Da heute, geschätzt über 30 Millionen Corinthians-Fans hin oder her, auch nur knapp 30.000 zahlende Zuschauer die Drehkreuze passierten, sicher eine vernünftige Entscheidung (gemessen an der Kaufkraft der meisten Fans, sind die Eintrittskarten auch nicht so günstig).

Die Arena von außen

Wir lösten sechs Billets à 18€ für den Oberrang der Haupttribüne und waren nach der Einlasskontrolle schon etwas überrascht. Ich las mal vom Verfall der brasilianischen WM-Stadien, z.B. dem Maracanã (trotz Nachnutzung). Hier konnte man nicht davon sprechen, denn das großzügige Foyer sah aus wie neu. Marmor, Glas, Edelmetall… alles strahlte. Besonders der Inhalt des Trophäenschranks glänzte, wo an jeden gewonnenen Wettbewerb mit einem entsprechenden Pokal erinnert wird. 29 Staatsmeisterschaften von São Paulo (Rekordmeister vor dem Erzrivalen Palmeiras, dem Santos FC und dem gestern besuchten SPFC), sieben brasilianische Meisterschaften, einmal die Copa Libertadores (2012) und zweimal die FIFA-Klub-Weltmeisterschaftschaft (2000 und 2012) sind da in erster Linie zu nennen.

Edles Etablissement

Ich habe mich natürlich gefragt, wie man zweimal die Klub-WM gewinnen kann, wenn man nur einmal die Copa gewonnen hat. Die Antwort: 2000 gab es in Brasilien die Erstausgabe dieses Wettbewerbs (Spielorte waren das Maracanã in Rio und das Morumbi in São Paulo) und neben den sechs Kontinentalmeistern und dem amtierenden Weltpokalsieger, war auch der aktuelle Landesmeister des ausrichtenden Staates qualifiziert. Das war halt der Corinthians FC, der sein 4er-Gruppe vor Real Madrid gewann und im Traumfinale (aus brasilianischer Sicht) Vasco da Gama schlug.

Das Clubemblem im Foyer der Haupttribüne

Aktuell ist der amtierende brasilianische Meister nicht ganz so in der Erfolgsspur (derzeit 8.Platz). Eine Leihgabe aus Hannover namens Jonathas bekam leider nicht die Möglichkeit am „Turnaround“ mitzuwirken. In 8 von 14 Ligaspielen reichte es für ihn bisher nicht für den Spieltagskader und aktuell laboriert er an einer Fibrose im Oberschenkel. Da muss wohl noch viel passieren, damit die Corinthians ihre Kaufoption nächstes Jahr ziehen.

Blockfahne auf der Heimseite

Dafür stand mit Fagner ein alter Bekannter aus der Bundesliga in der Startformation der Corinthians (2012/13 bei einer VW-Tochter angestellt) und später sollte mit Andrés D’Alessandro ein weiteres bekanntes Gesicht im gegnerischen Dress eingewechselt werden (der mittlerweile 37jährige Argentinier war auch mal Gastarbeiter in Wolfsburg).

Blick zur Heimkurve

Dieser Fagner sorgte in der 8.Minute gleich für die erste Großchance des Spiels, doch Tormann Marcelo Lomba tauchte bei seinem Schuss rechtzeitig ab und faustete zur Ecke. Insgesamt war es in der 1.Hälfte von beiden Teams kein schlechtes Spiel, bis zum ersten Tor mussten wir jedoch ähnlich lange wie gestern warten. Diesmal fiel es in der 45.Minute und wieder war ein Sturmtank mit der Nr.9 dafür verantwortlich. Edenilson zirkelte einen Freistoß von außen auf den langen Pfosten und dort erwischte Leandro Damiao den Ball mit der Fußspitze.

Gästefans

Die rund 1.000 Gästefans aus dem 1.150km entfernten Porto Alegre waren aus dem Häuschen und mit 0:1 ging es in die Halbzeitpause. Zeit für eine Stilkritik der Fans! Bei den Corinthians dachten wir erst, dass die heute richtig Power machen. Gut gefüllter Block und zu Beginn wurde eine große Blockfahne entrollt. Ebenfalls war die Beflaggung des Blocks und die konsequente Bekleidung in Vereinsfarben (war gestern beim SPFC auch so) sehr ansprechend. Die Mitmachquote im Block gefiel auch, nur blöderweise gab es vier Stimmungskerne und jeder kochte sein eigenes Süppchen. Da schreien die einen gerade das Team mit viel Gestik nach vorn, während die anderen Samba tanzen und die nächsten gerade mit dem Rücken zum Spielfeld hüpfen. Nicht so meins…

Heimfans

In der 2.Hälfte drückten die Corinthians sehr zu unserer Freude gleich auf den Ausgleich und wurden bereits in der 50.Minute belohnt. Douglas konnte nach einem Eckstoß mit dem Kopf abstauben. Der Torjubel war natürlich ganz geil, weil das Stadion kollektiv ausrastete. Ein schöner Moment, bevor wieder heterogen getrommelt, getanzt oder gesungen wurde.

Ein Meer von Menschen

Wir erwarteten jetzt, dass die Heimelf das Momentum nutzt und auf Sieg spielt oder Internacional, auch ein Schwergewicht des brasilianischen Fussballs, nochmal zurückschlägt. Die sind aktuell schließlich Zweiter und könnten mit einem Sieg die Tabellenführung übernehmen. Doch die großen Chancen blieben fortan auf beiden Seiten aus.

Die Haupttribüne

Somit mussten am Ende alle ein gerechtes Unentschieden beklatschen. Das verdiente Remis bestätigten auch die statistischen Daten mit je 50% Ballbesitz, 9:8 Torschüssen und 2:3 Ecken. Für die Ambitionen der Gäste wohl am Ende zu wenig, doch in der Meisterschaft hat der 45fache (!) Staatsmeister von Rio Grande do Sul (dazu dreimal brasilianischer Meister, zweimal Copa Libertadores und einmal Klub-WM) weiterhin gute Karten. Als Sympathisant von Gremio FB Porto Alegre kann ich das natürlich nicht gutheißen und drücke anderen Titelaspiranten die Daumen. Vielleicht mischt am Ende sogar Gremio selbst noch ganz oben mit (aktuell 5.Platz mit vier Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter).

Letzter Angriff…

Nach dem Verlassen des Stadiongeländes schnappten wir uns schnellstmöglich zwei Taxis und düsten wieder zum Hotel (ca. 30km, ca. 25€). Hungergefühle waren nicht wegzudiskutieren und nach einer Lagebesprechung checkten wir das Hotelumfeld nochmal aus. Ein Hybrid aus Bar und Restaurant namens „Charme de Congonhas“ bekam den Zuschlag. Denn der Laden war gut besucht und außerdem lief Fußball auf mehreren Bildschirmen (Boca gegen River und Sport Recife gegen Palmeiras).

Picanha for two

Das Thema Hunger wurde von Milano, Glatto und Ole mit Bife (wie in Rio mit Reis, Fritten und Bohnsensauce) angegangen (ca. 7€), während Languste und ich uns Picanha servieren ließen. Das ist gegrillter Tafelspitz, der um Reis, Fritten und Gemüse ergänzt wurde (ca. 8€). Fünf Leute waren sehr zufrieden, nur Fat Lo hatte daneben gegriffen. Sein Hamburger (ca. 4€) erinnerte an ’ne „Heiße Hexe“ aus dem Freibadkiosk. Da wurden Kindheitserinnerungen wach!

Trinkspaß

Außerdem gab es 2,5l-Biersäulen eines trinkbaren Lagerbieres namens „Germania“ für umgerechnet 5€. Da wurde selbstverständlich geschlossen in 2er-Teams zugeschlagen. Allerdings beließen wir es bei drei Säulen und gingen danach gegen 21 Uhr zurück ins Hotel. Am nächsten Morgen mussten wir schließlich wieder früh raus, um unseren Flieger in den Regenwald zu bekommen. Der Makel der Vernünftigkeit kommt wohl mit dem Alter und nimmt hoffentlich nicht irgendwann überhand.

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