Petrópolis 09/2018

An unserem letzten Tag in Rio hatten wir noch einen Hotelwechsel vor der Brust. Geplant war eigentlich am heutigen Freitag nach Paraty weiterzureisen und von dort zwei Tage später São Paulo anzusteuern. Brasiliens Wirtschaftsmetropole sollte am Sonntag für den überfälligen ersten Besuch eines regulären Herrenfussballspiels auf brasilianischem Boden herhalten. Corinthians und São Paulo FC hatten in unserer Planungsphase Heimspiele angesetzt. Irgendwer würde schon sonntags spielen und das wurde letztlich Corinthians (gegen Internacional aus Porto Alegre in der WM-Arena). Da aber alle gierig auf das Morumbi-Stadion vom São Paulo FC waren, mussten wir doch bereits spätestens Samstagmittag in São Paulo aufschlagen. Paraty für eine Übernachtung machte nun nur noch wenig Sinn und wir hingen einen Tag und eine Nacht in Rio hintendran.

Kunst in unserem neuen Bairro

Weil es Samstag bereits um 6:30 Uhr mit dem Bus nach São Paulo gehen sollte, wurde sich für das Ibis nahe des Busbahnhofs entschieden, anstatt in unserem Hotel an der Copacabana um eine Nacht zu verlängern. Der halbe Tag nach dem Hotelwechsel brauchte Inhalt und wir hatten die nahe Stadt Petrópolis im Auge. Wir fragten natürlich auch die Expertin Emel, ob das lohnt und sie meinte das sei eine gute Idee. Wenn wir wollen macht sie uns ein Angebot dafür. Das war dann preislich geringfügig über den Kosten, die die Taxis von Hotel zu Hotel und eine Busfahrt hin und zurück von Rio nach Petrópolis gekostet hätten. Da gab es nichts zu überlegen und wir ließen uns 11:30 Uhr von Emel und ihrem Fahrer an den „Copacabana Suites“ abholen.

Die besten Betten der Reise

Das gebuchte Ibis*** war dann überraschenderweise außer Betrieb und wir wurden ohne Aufpreis in das benachbarte Novotel**** umquartiert (war quasi ein Gebäudekomplex). Nach dem Check-In organisierten wir noch fix die Bustickets für die morgige Weiterreise und danach konnte unser heutiger Ausflug beginnen, der sozusagen unter dem Motto „Auf deutschen Spuren in Brasilien“ stand. Das begann vermeintlich schon bei der Ausfahrt aus Rio. Dabei passierten wir einen riesigen Favela-Komplex namens „Complexo do Alemão“ (zu deutsch: Anlage des Deutschen). Dort leben ungefähr 650.000 Menschen.

Raus aus Rio

Der Komplex heißt so, weil 1920 der Pole Leonard Kaczmarkiewicz das Land gekauft hatte und dort eine große Rinderfarm gründete. Doch die polnische Nation war den Durchschnittsbrasilianern ziemlich unbekannt (gab ja auch erst seit knapp zwei Jahren wieder einen polnischen Staat auf der Landkarte), weshalb sie Kaczmarkiewicz nur den Deutschen nannten.

Ein Ausschnitt des Complexo

Ländliche Romantik mit auf grünen Hügeln weidenden Kühen ist natürlich schon lange nicht mehr. Jedoch erspähten wir eine Seilbahn über der Riesenfavela. Laut Emel vor wenigen Jahren ein Leuchtturmprojekt (Einweihung 2011), um dem chaotischen Häusermeer eine Nahverkehrsinfrastruktur zu schenken. Kurz nach den Olympischen Spielen 2016 wurde der Betrieb aus Kostengründen jedoch wieder eingestellt. 62 Millionen Euro Investionskosten stehen fünf Betriebsjahre gegenüber. Es hätte für diese Mittel wahrscheinlich nachhaltigere Verwendungszwecke gegeben (z.B. im Bereich Abwasser, Gesundheitswesen oder Stromversorgung).

Regenwald

Nach ungefähr 30km Fahrstrecke war Schluss mit Häusermeer und beim Städtchen Santa Cruz da Serra begannen die bewaldeten Höhenzüge der „Serra dos Órgãos“. Der Atlantische Regenwald machte heute seinem Namen alle Ehre und es schüttete hier ganz ordentlich. Gab es zunächst von den Serpentinen der Fernstraße noch schöne Ausblicke, wurde es kurz vor Petrópolis immer nebliger und als wir einen „Miradouro“ (Aussichtspunkt) nahe der Stadt erreichten, war die Brühe leider so trüb, dass man gar nichts mehr sah. Schade, aber nicht zu ändern.

Trübe Aussichten

In Petrópolis (Geburtsort der „Fußballlegende“ Kevin Kuranyi) stoppten wir am Stadtrand erstmal an einer „Casa do Alemão“. Der hier in der Gegend über mehrere Filialen verfügende Gastronomiebetrieb wurde 1945 von einer deutschen Familie gegründet. Das süße Sortiment aus Keksen, Kuchen und Torten wurde irgendwann noch um Wurstwaren ergänzt und scheint in Gänze guten Absatz zu finden.

Die Casa do Alemao von außen

Der Mittagszeit entsprechend ignorierten wir Tortenschrank und Kuchentheke und orderten Fast Food. Mit einer typisch niederländischen Gulaschkrokette (Niederländer sind für die Brasilianer wahrscheinlich auch „Alemãos“) und einem Schinkengriller im weichen Hot-Dog-Brötchen wurde der Hunger gestillt. Ich bin ja nicht so der Typ, der im Ausland nach deutscher Küche Ausschau hält, doch der Laden hatte als kitschige brasilianische Imitation deutscher Gemütlichkeit irgendwie was. Zumal es nicht der befürchtete „Oktoberfestschuppen“ war.

Kleiner Snack

Das süße Dessert zum deftigen Snack folgte schließlich ein paar hundert Meter stadteinwärts bei der „Fábrica de Chocolates Patrone“. Familie Patrone produziert hier seit 1913 Schokoladenspezialitäten. Dickflüssige heiße Schokolade floss die Kehlen hinunter und der gemeine Tourist hätte neben Tafelschokoladen und Pralinen auch noch lauter nicht essbare Souvenirs kaufen können. Irgendwo zwischen Nostalgie und Kitsch musste man auch dieses Verkaufslokal einordnen, aber ich glaube der Brasilianer mag’s generell gerne kitschig.

Eine Villa in Petropolis

Im Anschluss widmeten wir uns der durchschnittlich 838 Meter über NN gelegenen Großstadt (ca. 300.000 Einwohner) und ihrer Geschichte. Die Stadt liegt an einer seit 1722 genutzten Route von Rio in die Bergbauregion Minas Gerais („Caminho Novo das Minas“). Bergbauern ließen sich auf dem Gebiet der heutigen Stadt nieder und 1822 schwärmte der Kaiser Dom Pedro I. bei einem Zwischenhalt auf dem Weg nach Minas Gerais vom wohltuenden Klima hier oben. Seine Vision einer Sommerresidenz setzte jedoch erst Sohnemann und Thronerbe Dom Pedro II. ab 1843 um.

Palacio Amarelo (heutige Stadtverwaltung)

Für die Residenz und die dazugehörige Stadt beauftragte er den in Mainz geborenen Major und Ingenieur Julius Friedrich Koeler (sein Denkmal ziert das Titelbild dieses Berichts). Angesiedelt wurden deutsche Immigrantenfamilien (ca. 1896 Menschen), von deren Herkunft die Stadtviertel Bingen, Worms, Ingelheim, Darmstadt usw. bis heute zeugen. Koeler und seine Landsleute setzten städtebaulich einen neuen Standard in Brasilien mit z.B. breiten Avenidas und Wassergräben vor den Häusern. Besonders schön waren dabei die ganzen Villen im Aristokratenviertel am Kaiserpalast. Denn logischerweise wollte auch der Rest des Adels jetzt den heißen Sommern Rios entfliehen und dem Kaiser nah sein.

Der Kaiserpalast

Aufgrund erheblichen Regenfalls hatte jedoch vorerst ein Spaziergang durch das Stadtzentrum wenig Sinn. Also zogen wir den Besuch des zentral gelegenen Kaiserpalastes vor und hofften, dass nach der Besichtigung wieder besseres Wetter auf uns wartet. – Apropos Wetter: In Petrópolis gibt es übrigens auch Favelas, die an den Hängen am Stadtrand in die Höhe wachsen. Doch das niederschlagsreiche Klima hier sorgt  für viele Erdrutsche. Diese kosten immer wieder Menschenleben, aber der relative Wohlstand der Stadt zieht die armen Menschen in der Hoffnung auf Arbeit ungebrochen an. –

Eingangshalle

Im Museum musste man nun Puschen überziehen und konnte damit die zwei Etagen des Palastes gleich mal durchwienern. Wir sahen uns etliche Gemälde der kaiserlichen Familie an, sowie den Thron und die Kronjuwelen. Stolzestes Ausstellungsstück ist diesbezüglich natürlich die Kaiserkrone. Dazu gab es viele Möbel aus ehemals kaiserlichen Beständen zu sehen, die allerdings größtenteils aus dem ganzen Land zusammengetragen wurden. Es ist dementsprechend nicht so, dass man das Palastinnere im Originalzustand kennenlernt, sondern eher eine große Sammlung vorfindet. Das hängt damit zusammen, dass nach dem Ende der Kaiserzeit aus dem Palast eine Schule wurde und man das imperiale Interieur veräußerte.

Die Kaiserkrone

Tja, wie kam Brasilien überhaupt zu seinem Kaiser? 1807 floh Portugals königliche Familie mitsamt Hofstaat (15.000 Menschen) vor den anrückenden französischen Truppen Napoleons aus Lissabon. Ziel ihrer Schiffe war Rio de Janeiro in der Kolonie Brasilien. Das wertete Rio plötzlich zur Hauptstadt des Weltreichs auf und gab der Stadt einen unglaublichen Schub. Gleichwohl zeichnete sich mit den Jahren ab, dass Brasilien nicht mehr im Status einer Kolonie verbleiben konnte, sondern nach mehr Selbstverwaltung und eigener Identität strebte. Also wurde die Kolonie 1815 zu einem Königreich erhoben und die Königreiche Brasilien und Portugal sollten fortan in Personalunion regiert werden.

Der Kaiserthron

Formell war Königin Maria I. von Portugal die Herrscherin beider Königreiche, doch aufgrund ihres Geisteszustandes regelte ihr Sohn Joâo die Regierungsgeschäfte als Prinzregent. Nach ihrem Tod 1816 wurde Joâo IV. zum König von Portugal und Brasilien gekrönt und obwohl der Krieg in Europa vorbei war, blieb er vorerst in Brasilien. Unruhige Nachkriegszeiten im Mutterland erforderten 1821 jedoch seine Rückkehr nach Europa. Als Regenten für Brasilien ließ er unterdessen seinen Sohn Pedro zurück.

Kaiser Dom Pedro I

Ein Jahr später erklärte dieser jedoch mit dem dramatischen Ruf „Indepêndencia ou morte!“ (Unabhängigkeit oder Tod!) die Unabhängigkeit Brasiliens und machte sich selbst zu Dom Pedro I., dem ersten Kaiser des Landes. Ein wohl mit seinem Vater abgesprochener Schachzug. Die panamerikanischen Ideen des Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolivar griffen in ganz Lateinamerika um sich (die ehemals spanischen Nachbarkolonien hatten alle ihre Unabhängigkeit erreicht) und wenn der Sohnemann im Sinne der „brasilianischen Sache“ mit Portugal bricht, könnte man den Thron im Familienbesitz des Hauses Braganza halten.

Kaiserliche Kutsche

Vater und Sohn führten jetzt jedenfalls keinen Krieg gegeneinander, sondern der abtrünnige Filius behielt sogar all seine Erbansprüche. Deshalb wurde Pedro nach dem Tod von Joâo IV. 1826 auch neuer König von Portugal. Die beiden Reiche versuchte er jedoch aus Brasilien zu regieren. Als das aufgrund neuerlicher innenpolitischer Probleme in Portugal nicht mehr möglich schien, verließ er 1831 Brasilien und dankte dabei auch als Kaiser ab (so sollte dem Anschein vorgebeugt werden, er wolle Brasilien wieder an Portugal binden). Sein fünfjähriger Sohn Pedro II. wurde zum neuen Kaiser erklärt, musste jedoch noch volljährig werden, um auch die entsprechende Regentschaft zu übernehmen.

Kaiser Dom Pedro II

Bis zu diesem Tag bekam der Kaiser eine exzellente Ausbildung, die dahingehend Früchte trug, dass Pedro II. zu einem sehr belesenen und modernen Monarchen wurde. Er erschloss sein Riesenreich mit Straßen, Eisenbahnlinien und Telegraphenleitungen und förderte Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen. Im Großen und Ganzen hatte Brasilien unter seiner Regentschaft fünf goldene Jahrzehnte. Doch die Monarchie wirkte Ende des 19.Jahrhunderts wie ein Anachronismus zwischen all den Republiken auf dem amerikanischen Kontinent. 1889 wurde Pedro II. weggeputscht und ging ins Exil nach Frankreich.

Großzügige Grünanlagen umgeben den Palast

Ein wichtiges Corpus Delicti seiner letzten Tage als Kaiser sahen wir am Ende der Ausstellung. Denn als sich Pedro II. 1888 auf Reisen in Europa befand, unterzeichnete seine als Interimsregentin fungierende Tochter Isabella das „Lei Áurea“ (das goldene Gesetz). Nach etlichen Gesetzen, welche die Sklaverei zuvor bereits einschränkten, wurde diese nun endgültig abgeschafft. Prinzipiell sogar eine Entscheidung im Sinne des humanistischen Vaters. Allerdings verlor die Monarchie dadurch den Rückhalt der mächtigen Großgrundbesitzer (wichtigste Stütze des Kaisers, nachdem das gebildete Bürgertum mehrheitlich republikanisch zu denken begann und außerdem Kaiser und Klerus ein sehr distanziertes Verhältnis pflegten). Die Abschaffung der Sklaverei war somit Türöffner für den Putsch vom 15.November 1889, obwohl eines der wichtigsten Anliegen der Republikaner die nun endlich erfolgte Abschaffung der Sklaverei war.

Die neogotische Kathedrale

Nach unserer Museumstour war das Wetter leider nicht wirklich besser geworden. Aber nichtsdestotrotz spazierten wir jetzt durch das Aristokratenviertel und steuerten die Kathedrale der Stadt an. Dort liegen die Gebeine der letzten Kaiserfamilie, die 1925  nach Petrópolis überführt wurden (als man den Monarchen in der Retrospektive doch nicht mehr so schlecht fand). Für uns ein passender Abschluss für das Kapitel Kaiserreich.

Die Sarkophage der Kaiserfamilie

Petrópolis hatte jetzt noch ein paar Sehenswürdigkeiten im trockenen zu bieten. Zuvorderst wäre da das Stefan-Zweig-Haus zu nennen, in dem der berühmte Schriftsteller seinen Lebensabend verbrachte. Oder auch das Haus des brasilianischen Flugpioniers Santos Dumont (wie die Casa Stefan Zweig nun ein Museum). Den Zuspruch der Gruppe bekam allerdings wenig überraschend die örtliche Brauerei „Bohemia“.

Das Sudhaus von Bohemia

Die konnte man auch besichtigen und außerdem lockten Speis und Trank im angeschlossenen Lokal. In den Abendstunden knurrte der Magen ja doch wieder. Deshalb gab es nach einer Bierprobe noch Burger und Fritten oder andere fleischlastige Kost. Geschmacklich alles durch die Bank gut.

Bierprobe

Die Brauerei wurde, wie sollte es auch anders sein, 1853 von deutschen Einwanderern gegründet. Und während Brahma und viele andere brasilianische Brauereien Biere aus Mais brauen, setzen die Puristen bei Bohemia noch auf Gerste. Ganz nach böhmischer Tradition. Ob nach dem Reinheitsgebot, will ich jetzt nicht beschwören, jedoch waren alle getesteten Biere (Aura Lager, 14-Weiss und 838 Pale Ale) sehr wohlschmeckend.

Burgerbegehren

Nachdem die Brauerei uns ausreichend Zuflucht vor den Regengüssen geboten hatte, sammelte uns der Fahrer ein und nach Einbruch der Dunkelheit brachen wir wieder nach Rio auf. Emel gab uns noch den Tipp jetzt nicht mehr im Hotelumfeld unterwegs zu sein (wie wohl fast überall in der Welt, war der große Busbahnhof der Stadt nicht mit dem seriösesten Umfeld gesegnet), allerdings waren wir eh alle müde und gingen sofort ins Bett. Drei tolle Tage in und um Rio herum waren vorüber und die Vorfreude auf São Paulo teilte sich die Verantwortung für unser Wohlbefinden mit der Nachfreude über all das bisher in Brasilien erlebte.

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