Rio de Janeiro 09/2018

19.09.2018
CR Vasco da Gama – Coritiba FC 2:0
Campeonato Brasileiro (U20)
Estádio São Januário (Att: 250)

Aufrichtiges Ziel von allen war bei Reisebeginn am Sonnabend, dass niemand verkatert den Interkontinentalflug am Dienstag antreten wollte. Tja, manchmal hängen die Trauben halt zu hoch und dementsprechend waren alle fertig mit der Welt, als der Airbus A340 nach Rio de Janeiro bestiegen wurde. Kann man nichts machen, muss man durch!

Airbus A340

Ungefähr eine Stunde nach dem Start wurde auch schon das Mittagessen serviert. Gulasch! Mit Kartoffelpüree und Erbsen und Möhren. Ich muss zugeben, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Witzigerweise hatten wir alle noch davon gesprochen, wie toll etwas Deftiges wie Rouladen oder ein schöner Schmorbraten wäre, aber man garantiert Pasta oder Hühnerfrikassee bekommt. Mit etwas Grünzeug und einem Champignon-Käse-Salat, sowie einem Schokomousse als Dessert, hatte das Gulasch akkurate Begleiter und nach dem Essen dürfte es den meisten auch besser gegangen sein. Platznachbar Ole und mir schmeckte das Sagres jedenfalls schon wieder.

Eine Gulaschkanone war wohl auch an Bord

Filme, Musik, Spiele und vieles mehr bot dazu das Bordentertainment von TAP. Das sorgte ebenfalls für Zeitvertreib bei uns und ich habe nun auch mal das bescheiden gelungene Star Wars Spin-off „Solo“ gesehen. Ich war kurz davor „Außer Chewie, könnt ihr alle gehen“ im Flugzeug anzustimmen oder vorzeitig auszuschalten. Disney kills the saga!

Mahlzeit Nr.2

Nach knapp acht Stunden im Flugzeug und somit rund 90 Minuten vor der Landung, wurde schließlich das Abendessen serviert. Brötchen mit Wurst und Käse, Kiwi, Kuchen und etwas Schoki. Nachdem wieder abgeräumt war, begann auch schon der Landeanflug über dem Großraum von Rio de Janeiro und das Lichtermeer der Häuser und Straßen rückte immer näher. Pünktlich gegen 19 Uhr Ortszeit wurde gelandet und die Passkontrolle war auch fix gemeistert.

Rio from above

Erste Amtshandlung in Rio: Schauen wie Zvezda gespielt hat. 0:0 gegen Napoli, ein achtbares Ergebnis! Schöne Fotos und Videos unserer anwesenden Freunde El Abto, InterCityBerger und Johnny Power zeugten von einem stimmungsvollen Abend im Belgrader Marakana. Die Jungs hatten in dieser Woche auf jeden Fall auch eine geile Tour zusammengestellt mit u.a. Zvezdas CL-Auftakt und Dinamo versus Fenerbahce in der EL. Da konnte man fast neidisch werden.

Der fuhr uns leider nicht bis zum Hotel

Zweite Amtshandlung war dann ein Taxi organisieren. Am Flughafen geht das sehr umkompliziert und die seriösen Anbieter haben Schalter an denen man im Voraus bezahlt und einen Voucher bekommt. Damit besteht nicht die Gefahr, dass man von einem der schwarzen Schafe der brasilianischen Taxler-Zunft über den Tisch gezogen wird. 140 Reais (umgerechnet 30€) waren für die 25km zu unserem Hotel an der Copacabana zu berappen. Eigentlich kostet die Distanz unter 100 Reais, aber wir hätten zu sechst zwei Taxis gebraucht und für ein bisschen „extra money“ fuhr uns ein Taxi. Schön, wenn man dann als Reiseleiter in der Sardinenbüchse Anspruch auf den Beifahrersitz hat.

Eines der Schlafgemächer

Angekommen bei den Copacabana Suites*** hatten alle nur noch Bock auf ins Bett legen, doch blöderweise war unsere Reservierung nicht im System. Zum Glück hatte der Reiseleiter alles ausgedruckt und wir bekamen unsere drei Suites à 500 Reais (ca. 100€) für drei Nächte nach endlos wirkenden Formalitäten. Die Suites waren sehr geräumig, aber schon ordentlich in die Tage gekommen. Egal, bei dem Preis halten sich die Ansprüche in Grenzen. 50 Meter Entfernung von der Metro und 500 Meter vom Strand der Copacabana waren bei der Buchung kriegsentscheidender als das Alter der Möblierung.

Eines der Wohnzimmer

Dann gab es acht Stunden Nachtruhe und am ersten Morgen in Rio landete ein Teil unserer Reisegruppe auf der Suche nach dem Frühstücksbüffet wieder in der Lobby, die in dem Moment einem Schwimmbad geglichen haben soll. Mir war das Spektakel leider nicht vergönnt, aber ein Rohrbruch hatte die Lobby komplett unter Wasser gesetzt. Nicht nur die Möbel, auch die Haustechnik war hier wahrscheinlich aus der Zeit zwischen Brasiliens WM-Titeln Nr. 2 und 3.

Time for breakfast

Das Frühstück war dafür frisch und lecker. Mit brasilianischer Kielbasa, Speck und Zwiebeln, sowie pochierten Eiern und Tosta Mista, wurde unisono auf deftige Kost gesetzt. Süßschnäbel oder Freunde gesunder Frühstückskost wären auch auf ihre Kosten gekommen. Doch davon wollte heute in der Reisegruppe keiner etwas wissen.

Ausblick vom Hotelbalkon

Gut gestärkt versammelten wir uns kurz vor 9 Uhr in der Lobby, wo ein feuchter Fußboden und Eimer unter der Bruchstelle noch vom Disaster des frühen Morgens zeugten. Und draußen wartete schon unser Guide nebst Kleinbus und Chauffeur.

Für unser Kennenlernen der Riesenmetropole Rio hatte ich die aus Hannover stammende Wahl-Carioca Emel Mangel vorab kontaktiert. Um es gleich vorweg zu nehmen, dieser zufällige Kontakt war ein absoluter Glücksgriff. Emel hatte sich bereits als Schülerin bei einem Austausch in das Land verliebt und Brasilien ließ sie nicht mehr los. Nach ihrem Master in Kulturwissenschaften zog es sie 2012 endgültig von Deutschland an den Zuckerhut.

Auf auf den Zuckerhut!

Sie weiß gefühlt alles über Rio und ist bei der Tourgestaltung sehr flexibel. Dazu wirkte die Preisgestaltung sehr fair und dass einem das Organisatorische und die Tingelei von A nach B abgenommen wird, ist auch Gold wert. Gerade wenn man diese Metropole noch gar nicht kennt und nur zwei oder drei Tage dort ist, ist so eine Tour mit Guide top. Erst recht in einer Kleingruppe und in der Muttersprache der Reisenden.

Zuckerbrot ohne Peitsche

Erstes Ausflugsziel des Tages war der Zuckerhut im Nachbarviertel Urca. Ein Muss für jeden Touristen in Rio und es ist völlig unmöglich diesen Ort überzubewerten. Mit der Seilbahn „Bondinho“ (ca. 20€ p.P. nach aktuellem Wechselkurs) ging es zunächst auf den Nachbargipfel „Morro da Urca“. Von hier gab es schon einen tollen Ausblick über Rio und eine höchstfotogene Ansicht des „Pão de Açúcar“ (was übersetzt eigentlich Zuckerbrot und nicht Zuckerhut heisst).

Blick auf die Copacabana

Danach folgte Seilbahnabschnitt Nummer 2 (übrigens die drittälteste Personenseilbahn der Welt) und der Gipfel des Zuckerhuts war erreicht. Es erwarteten uns tolle Panoramen in alle Himmelsrichtungen und Emel bot schon mal Orientierung, was es wo zu sehen gibt. Dazu hatte sie auf unsere kulturellen, historischen und naturwissenschaftlichen Fragen alle Antworten parat. Enstanden ist dieser 396m hohe Glockenberg vor über 500 Millionen Jahren, als gneisartige Granite während der pan-afrikanischen Orogenese (Geologenfachwort für Gebirgsbildung) aus der Erdkruste aufstiegen. Das Klima sorgte in der Folgezeit für eine Abschuppung äußerer Gesteinsplatten, so dass die charakterischte Form des Zuckerhuts sich weiter ausprägte. Im Prinzip als wäre der Berg eine Nuss und hätte sich seiner Schale entledigt.

Moonrakermäßige Seilbahnfahrt

Gute 45 Minuten bewegten wir uns auf dem Plateau, sahen den epischsten Konflikt des Tierreichs (Languste vs. Weißkopf-Büschelaffe) und erfrischten uns noch auf der Terrasse des hiesigen Ausflugslokal, ehe es wieder abwärts ging und uns unten Fahrer Edson erwartete. Übrigens an einer Säule, die dort 1922 zur 100jährigen Unabhängigkeit Brasiliens aufgestellt wurde.

Auch ein kleines Stadion lag zu unseren Füßen

Durch die Viertel Urca, Botafogo und Flamengo und mit vielen Infos über das rechts und links Sichtbare, stießen wir nun ins Zentrum vor. Dabei räumte Emel unter anderem mit dem Mythos auf, dass die Portugiesen am 1.Januar 1502 die riesige Bucht für einen Fluss gehalten haben und den Ort deshalb Rio de Janeiro (Januar-Fluss) getauft haben. Den damals besten Seefahrern der Welt war zuzutrauen, dass sie eine Bucht von einem Fluss unterscheiden konnten. Der „Rio“ war wahrscheinlich der damals noch sichtbare Fluss „Rio Carioca“ (heute im Stadtgebiet unterirdisch), an dem sie später auch siedelten.

Die Säule von 1922

Eine geschützte Bucht und Süßwasservorkommen waren das, was die Portugiesen für eine Stadtgründung brauchten, jedoch ließen sich ab 1555 erstmal die Franzosen in der Guanabara-Bucht nieder. 10 Jahre später machten die Portugiesen mit Waffengewalt ihren Anspruch auf das Gebiet geltend und vertrieben die Franzosen wieder. Es entstand eine Siedlung und eine Zitadelle auf dem Festland (unweit des Zuckerhuts am mittlerweile abgetragenen Berg „Morro do Castelo“) und rasch entwickelte sich eine Stadt mit mehreren Tausend Einwohnern.

Obergeschoss des Paço Imperial

Als um 1700 begonnen wurde die Bodenschätze im Hinterland abzubauen (in der banachbarten Region Minas Gerais), wurde Rio de Janeiro zum wichtigsten Exporthafen der portugiesischen Kolonie. Der Zuwachs an Bedeutung und Bevölkerung führte auch dazu, dass Rio ab 1763 Hauptstadt der zum Vizekönigreich erhobenen Kolonie wurde. Als 1808 das portugiesische Königshaus vor Napoleon nach Rio floh, stieg es gar zur temporären Hauptstadt des Weltreichs auf und bekam nun auch einen riesigen Schub im kulturellen und architektonischen Bereich.

Igreja de Nossa Senhora da Candelária

Emel zeigte uns nun steinerne Zeugen dieser Epoche wie den „Paço Imperial“, der ab 1808 als königlicher Palast von Rio de Janeiro diente und ab 1822 kaiserlicher Palast von Brasilien wurde (auf Brasiliens Unabhängigkeit ab 1822 und die Kaiserzeit werde ich im nächsten Bericht noch näher eingehen). Oder die prächtige Barockkirche „Igreja de Nossa Senhora da Candelária“ (Candelaria-Kirche).

Escadaria Selarón

Nächster Stopp war schließlich die „Escadaria Selarón“. Eine Treppe, die in den letzten Jahren zu einem Highlight für alle Besucher von Rio de Janeiro geworden ist. Sie ist das Werk des 1947 in Chile geborenen Künstlers Jorge Selarón, der es als seine Hommage an das brasilianische Volk bezeichnete. Zunächst begann er die heruntergekommenen Treppen vor seinem Wohnhaus mit Mosaiken in den brasilianischen Nationalfarben zu schmücken. Die 215 Stufen lange Treppe vom Viertel Lapa hoch nach Santa Teresa in ein großes Kunstwerk zu verwandeln, wurde schließlich Selaróns Lebensaufgabe und Menschen aus aller Welt spendeten ihm Schmuckfliesen.

Ein buntes Kunstwerk

Ebenfalls dürfen des Künstlers Lieblingsmotive nicht fehlen. Er malte gern abstrakte Bilder von schwangeren Frau oder gleich sich selbst als bärtiges und trächtiges Weib. Laut Emel waren diese Werke, die er auch auf Leinwand versuchte an den Mann oder die Frau zu bringen, nicht so der Verkaufsrenner. Daher war er Zeit seines Lebens knapp bei Kasse und auf Material- und Geldspenden für seine Treppe angewiesen. 2013 wurde Selarón tot aufgefunden und nachdem ein Gewaltverbrechen zunächst nicht ausgeschlossen werden konnte (der Künstler hatte erst kurz zuvor von Mordrohungen berichtet), kamen die Ermittlungen letztlich zu dem Ergebnis, dass es sich um Suizid handelte (Selarón soll unter Depressionen gelitten haben).

Kurz vor der „Danger Zone“

Übrigens wies uns Emel noch darauf hin, dass der obere Teil der Treppe, der von unten nicht einsehbar ist, relativ unsicher ist. Unbedarfte Touris, die sich zu weit vorwagen, können schon mal Opfer eines Überfalls werden. Ich hatte beispielsweise auch noch vor Reiseantritt den Bericht eines Reporters der „Zeit“ gelesen, der morgens beim fröhlichen Knipsen des Kolonial- und Künstlerviertels Santa Teresa ausgeraubt wurde. Sicherheit ist natürlich ein Thema, was auf die Agenda eines Rio-Reisenden gehört. Emel glaubt jedenfalls nicht, dass es hier auch nur einen Einwohner gibt, der noch nie in seinem Leben ausgeraubt wurde und auch sie wurde schon mehrmals überfallen. Sowohl als Carioca (so nennen sich die Bewohner Rios), als auch als Tourist gilt es die Risiken (unbelebte Gegenden meiden und Reichtum nicht zur Schau tragen) und den potentiellen Verlust zu minimieren (keine Unsummen mitführen).

Catedral Metropolitana

Nach der Treppe war die große Kathedrale der Stadt, die „Catedral Metropolitana“, das nächste Zwischenziel. Sie ist (in meinen Augen) schon irgendwie hässlich, jedoch zugleich faszinierend. Von 1964 bis 1979 wurde nach den Plänen des brasilianischen Architekten Edgar de Oliveira da Fonseca an dieser Großkirche gebaut. Optisch sollte sie weg von den europäischen Vorbildern, hin zu einem lateinamerikanischen Stil. So erinnert sie stark an die Pyramiden der Maya, wenngleich jene mesoamerikanische Kultur nicht direkt mit Brasilien verknüpft ist. Der graue Beton weckte jedoch bei mir auch Assoziationen mit Bauwerken des sozialistischen Modernismus im einstigen Ostblock.

Der Innenraum

Der 96 Meter hohe Innenraum, der Platz für bis zu 20.000 Gläubige bietet, fasziniert dann mit einem tollen Lichkonzept. Vier bunte Glasfronten, die bis an die Decke reichen, bilden ein symmetrisches Kreuz. Sie laufen alle auf den zentralen und ebenfalls kreuzförmigen Lichtschacht im Zentrum der Decke zu. Durch die Anordnung der Zugangsportale wird außerdem eine konstante Luftzirkulation des Inneraums gewährleistet. Nicht die schlechteste Idee bei dem Klima hier.

Rio Downtown

Die Kathedrale befindet sich übrigens in der Nachbarschaft der Wolkenkratzer von der Entwicklungsbank (BNDES) und der staatlichen Ölgesellschaft (Petrobras). Daher nennen die Cariocas die Gegend das Bermudadreieck. Denn bei diesen drei Institutionen verschwindet immer wieder jede Menge Geld. Irgendwo muss der Reichtum des Landes ja versickern. Der Masse kommt er jedenfalls kaum zugute. Neoliberale Ideale dominierten in der Neuzeit mindestens bis 2003 die brasilianische Politik und das mehr oder wenige große Vorbild USA hat seinen Einfluss in Politik und Wirtschaft gesichert. Daher war bis zur Präsidentschaft von Lula da Silva das Credo auch „Jeder ist sein Glückes Schmied“. Dass die Startbedingungen für die große Mehrheit beschissen sind, wurde ignoriert oder als von Gott gegeben in Kauf genommen. Umverteilung (von oben nach unten) ist dagegen der Teufel, weil das würde die Empfänger demotivieren ihr tolles Eisen zu schmieden.

Altstadtgässchen

Emel meinte, dass die wohlhabenden Brasilianer nach einer Europareise immer von den egalitären Gesellschaften dort schwärmen und die gefühlte Sicherheit und die relativ geringe Armut loben. Wenn man den Brasilianern dann jedoch erklärt, dass man dafür Abgaben erhöhen müsste und sich die wohlhabenden Brasilianer vielleicht von ein oder zwei Bediensteten trennen müssten, ebbt die Begeisterung auch schon wieder ab. In Brasilien stand die Umverteilung von unten nach oben seit jeher auf der Tagesordnung und dass nach Lula da Silvas Sozialprogrammen plötzlich 20 Millionen Brasilianer in die Mittelschicht aufstiegen, schien die vorwiegend weiße obere Mittelschicht (die sehr dünn ist) und die Superreichen eher zu befremden, denn von ihnen als Fortschritt gefeiert zu werden.

Graffiti de Janeiro

Man will in Vereinen, Restaurants, Theatersälen etc. lieber unter sich bleiben und nicht plötzlich neben den Kindern seines Gärtners sitzen. Die Abstiegsängste der oberen Mittelschicht sind groß und führen just dazu, dass im aktuell laufenden Präsidentsschaftswahlkampf ein wirklich mieser Rechtspopulist die besten Umfragewerte hat. Jair Bolsonaro ist Hauptmann a.D., verherrlicht die einstige Militärdiktatur, würde seine Söhne lieber tot als schwul sehen und will den ganzen sozialen „Mummpitz“ der Vorgängerregierungen wieder einstampfen. Die Mittelschicht erhofft sich von dem Typen mehr innere Sicherheit und die Absicherung ihres Wohlstandes. Die Oberschicht darf mit lukrativen Privatisierungen und großen Steuergeschenken rechnen und die potentiellen Verlierer seines angedrohten Kurses wählen Bolsonaro auch zuhauf, weil die aus den USA importierten Evangeliken (die mittlerweile mehr Einfluss als die katholische Kirche zu haben scheinen) oder auch Fußballidole wie Rivaldo und Ronaldinho ihn anpreisen. Außerdem werden die Medien zu weiten Teilen von Bolsonaro wohlgesonnenen Unternehmerdynastien kontrolliert.

Ist das rechtspopulistische Feuer noch löschbar?

Da das staatliche Schulsystem laut Emel wirklich richtig mies ist – Lehrergehälter der staatlichen Schulen liegen so knapp über Existenzminimum, unterrichtet wird in Klassenverbänden von rund 50 Schülern, trotz Schulpflicht gehen die Kinder der Landbevölkerung und aus den Favelas oft nicht oder nur wenige Jahre zur Schule –, errreicht man die größte, aber wenig gebildete Bevölkerungsschicht ganz gut über Fernsehen, Facebook oder eben die Kanzel. Die raren seriösen Medien, erst recht Print, erreichen die Masse dagegen nur rudimentär. Also wählen wohl Millionen Brasilianer demnächst gegen ihre Interessen oder vielleicht sogar indirekt für die Abschaffung der Demokratie (auch wenn ich als linksliberaler Europäer, der Brasilien und die Brasilianer kaum kennt, jetzt „grünenmäßig“ drohe den schmalen Grat der Bevormundung und Besserwisserei zu betreten).

Streetart im Hafenviertel

Bevor der Grat zu schmal wird, verlassen wir wieder die schwere Kost der brasilianischen Politik, über die jeder Interessierte aktuell aufgrund der Wahl auch viele Artikel in den deutschen Medien finden kann. Denn unsere Gesprächsthemen und Tourinhalte hatten natürlich noch andere Schwerpunkte. Wie beispielsweise Graffiti / Streetart, der wir uns im Hafenviertel („Porto Maravilha“) widmeten und wo ich entprechend Bilder zwischen den letzten Absätzen platziert habe.

Mural der Feministin Panmela Castro

Besonders haut einen bei diesem Thema das 3.000 Quadratmeter grosse und 170 Meter lange Wandbild „Etnias“ vom brasilianischen Künstler Eduardo Kobra um. Gezeigt werden die fünf Kontinente unserer Welt und fünf indigene Völker. In der Szene ist Kobra international schon lange ein Begriff, aber mit diesem Werk anlässlich der Olympischen Spiele 2016 hat er sich wohl unsterblich gemacht. Für das Guinness-Buch der Rekorde hat es jedenfalls schon mal gereicht.

Ein Teilstück von Etnias

Nach unserer Graffiti-Tour stand das Mittagessen auf dem Programm. Dafür hatte Emel im Zentrum ein traditionsreiches Restaurant herausgesucht. Am „Largo de São Francisco da Prainha“ gibt es nicht nur sehenswerte historische Häuser und eine Kirche, die 200 Jahre älter als Hannover 96 ist, sondern seit 1977 auch das Restaurant „Angu do Gomes“. Bereits 22 Jahre zuvor hatte der Vater des Eröffners damit begonnen über mobile Verkaufstheken „Angu“ (eine beliebte brasilianische Maispolenta) unter’s Volk zu bringen.

Largo de São Francisco da Prainha

So erfolgreich, dass eben in den 70er Jahren eine Großküche mit angeschlossenem Restaurantbetrieb hermusste. Die Spezialität des Hauses wurde allerdings von uns verschmäht und wir setzten auf den preiswerten Mittagstisch. Fisch oder Rindersteak wurden mit Fritten, Reis und Bohnensauce für so ungefähr 6€ gereicht. Dazu ein frisch gepresster Ananassaft und der Körper hatte alles bekommen, wonach er lechzte.

Unser Mittagessen

Bei einem Caipirinha nach dem Essen interessierte uns nochmal Emels Immigration nach Rio und wir mussten erfahren, dass Einwanderung nach Brasilien nur sehr theoretisch möglich ist, außer man heiratet eine Brasilianerin bzw. wie Emel einen Brasilianer. Brasilien ist zwar multikulturell, aber kein klassisches Einwanderungsland mehr. Selbst bei Fachkräften muss dein potentieller Arbeitgeber nachweisen, dass es keinen Brasilianer mit deiner Qualifikation für den Job gibt. Ebenso haben es Flüchtlinge nicht leicht. Brasilien ist zwar hochoffiziell bereit für die Kriegsflüchtlinge dieser Welt als temporäres Refugium zu fungieren, jedoch gibt es keinerlei staatliche Unterstützung für die Asylsuchenden, so dass nicht nur die Distanz zu den aktuellen Kriegsgebieten der Welt das Land für Flüchtlinge uninteressant macht. Wirtschaftsflüchtlinge aus den nördlichen Nachbarländern, besonders aus dem superkriselnden Venezuela, gibt es allerdings. Auch ein aktuelles Wahlkampfthema und unterprivilegierte Brasilianer sehen in den Flüchtlingen natürlich eine Konkurrenz. Ratet mal welcher Präsidentschaftskandidat die Grenzen dicht machen will…

Grüß dich, Katze!

Mit der Gewissheit, dass vor dem Traumruhestand in Rio noch die brasilianische Traumfrau gefunden werden muss, zogen wir weiter. Der kommende, spontan vereinbarte Programmpunkt war das Sambódromo von Rio. Der für das moderne Antlitz Brasiliens so prägende Architekt Oscar Niemeyer zeigt sich für dieses weltweit einzigartige Stadion verantwortlich (die viel kleineren Sambódromos in anderen brasilianischen Städten klammere ich jetzt aus). 1984 wurde es erbaut, um der Parade, also dem Wettbewerb der Sambaschulen an Karneval eine große Kulisse zu bieten. Rund 60.000 Menschen können auf den je 700 Meter langen Tribünen das jährliche Schaulaufen bewundern.

Das Sambodromo

Karneval und Nordeutsche, das passt nicht zusammen. Erst recht nicht, wenn ich an diese Karnevalsveranstaltungen im Westen (z.B. Köln) und Osten (z.B. Braunschweig) der Bundesrepublik denke. Aber in Rio ist (wie jeder wissen dürfte) Karneval eine wirklich epische Veranstaltung, die laut Emel das öffentliche Leben für rund eine Woche zum Erliegen bringt. Über 10 Millionen Menschen sind dann in Feierstimmung. Sambatruppen und Bands („Blocos“) ziehen durch die Stadt und überall entstehen spontane Straßenpartys. Der Wettkampf der Sambaschulen ist dann der Höhepunkt des Spektakels. Hat man auch als Laie alles schon mal gehört. Dass es jedoch mehrere Ligen gibt (1.Liga, 2.Liga, 3.Liga), inklusive Auf- und Absteigern, war uns allen neu. Und dass jede Liga an darauffolgenden Abenden von Samstag bis Dienstag (1.Liga ist Sonntag und Rosenmontag) von 20 Uhr bis in die frühen Morgenstunden tanzt, war uns ebenfalls unbekannt. Laut Emel, die selbst schon in der 3.Liga mitgelaufen ist, geht so eine Veranstaltung rund 10 Stunden und der Sieger wird schon wieder bei Tageslicht von der Jury gekürt.

Caipi Nr.2

Neben dem Stadion und Sambaschönheiten, die gegen einen Obolus mit Touristen für’s Foto posieren (oder man selbst kann für wenige Taler ein Kostüm anlegen), interessierte uns noch der hiesige Getränkestand. Caipis wurden für 5 Reais (also so 1,25€) frisch gemixt und auch jene knallten ganz schön rein. Neben deutlich mehr Schnaps, kommt in den originalen Caipirinha weißer anstatt brauner Zucker und Crushed Ice nimmt der Brasilianer auch nicht, sondern Eiswürfel. Ein wenig beschwipst hatten wir nun das Ende des heutigen Programms erreicht.

Ein Traumstrand names Copacabana

Nachdem uns Emel gegen 15 Uhr wieder am Hotel abgesetzt hatte, beschlossen wir uns badeklar für die Copacabana zu machen. Wirklich ein herrlicher Strand und aktuell, in der Nebensaison, trotz fast 30°C, wenig frequentiert. Beim Ausschlürfen einer Kokosnuss unter den Palmen der „Copa“ entschieden sich Languste, Ole und ich letztlich in Rio doch nicht fußballfrei bleiben zu wollen und wir trennten uns vorläufig vom Rest.

Kokosmilchschlürfen

Der Fußballgott hatte es für uns in Sachen Rio nicht gut gemeint. Vor Sonntag sollte kein Erstligaspiel steigen und unter der Woche spielten die in den internationalen Wettbewerben vertretenen Teams aus Rio alle auswärts. Die U20-Landesmeisterschaft hielt heute jedoch zwei Partien im Großraum Rio parat. Zum einen das Derby Flamengo gegen Fluminense (allerdings 45km außerhalb) und zum anderen empfing Vasco da Gama den Coritiba FC.

Graffito der Torcida von Vasco da Gama

Gegen 16:30 Uhr enterten wir ein Taxi an der Copacabana (Fahrpreis ca. 15€ für 13km) und betraten 30 Minuten später ein wahnsinnig schönes Stadion namens „Estádio São Januário“. Schon die Fassade wusste zu begeistern und das Innere der Haupttribüne versprühte mit Marmorboden und einer Bronzebüste des portugiesischen Seefahrers Vasco da Gama die Eleganz vergangener Zeiten.

Stadionfassade

Auch im Innenraum hatte sich das Stadion seit der Eröffnung anno 1927 kaum verändert. Daher dürfen bei Pflichtspielen der 1.Mannschaft nur maximal 15.500 Tickets für das 35.000-Plätze-Stadion herausgegeben werden (für große Spiele wird entsprechend ins Maracanã ausgewichen). Die hufeisenförmigen Zuschauerränge erinnerten ein wenig an das altehrwürdige Stockholmer Olympiastadion. Gerade auch in Sachen Detailverliebtheit, wie den Logenbalkonen auf der Haupttribüne und der Zier von all dem Interieur.

Estádio São Januário

Unterhalb dieser Logen ließen wie uns nieder und verfolgten nun ein flottes Fußballspiel. Vasco da Gamas Nachwuchs spielte im Mittelfeld einen sehr guten Ball, hatte aber zunächst Pech beim Abschluss. Es dauerte bis zur 45.Minute, ehe der bereits regelmäßig bei der 1.Mannschaft auflaufende 19jährige Stürmer Marrony das 1:0 markierte.

CR Vasco da Gama – Coritiba FC

In der Halbzeit gönnten wir uns einen Snack im museumsgleichen Casino der Haupttribüne (ganz edle Einrichtung, mit zahlreichen Erinnerungsstücken an den Wänden) und sahen im TV, dass das andere U20-Spiel wohl die bessere Wahl gewesen wäre. Wir hatten zuvor noch spekuliert, ob aktive Fans bei einem U20-Derby in Brasilien auflaufen und sich daher Fla-Flu lohnen würde. Ja, dem war so. Es wurde oft zu den beiden Fanblöcken rübergeblendet und insgesamt schien mindestens eine mittlere vierstellige Anzahl an Besuchern im Stadion gewesen zu sein.

Die Spieler jubeln über das 2:0

Na ja, zeitlich hätten wir es eh erst zur 2.Hälfte zum Derby geschafft und hier war dafür wenigstens das Stadion ein absolutes Highlight. Sportlich liefen dann die zweiten 45 Minuten ähnlich wie der erste Durchgang, nur dass Marrony diesmal schon früher knipste (58.Minute). Da brannte in der Folgezeit nichts mehr an und die überlegene Heimmannschaft gefiel sich jetzt in ihrer Verspieltheit, ohne jedoch konsequent auf ein drittes Tor zu drängen.

Die Haupttribüne

Nach Abpfiff organisierten wir uns ein Taxi und erfuhren vom Taxifahrer, dass Vasco da Gama total scheisse ist und Flamengo der geilste Club der Welt, mit den besten Fans der Welt ist. Um das zu belegen suchte er während der Fahrt bei youtube Videos der Kurve raus und zeigte uns diese. Der restliche Verkehr interessierte ihn derweil wenig, aber er hatte ja seine Hupe für Notfälle. Nichtsdestotrotz mussten wir bei diesem Sympathikus, dessen Dauerhusten mit der ultrakalten Klimaanlage in Zusammenhang stehen könnte, für großen Herzschmerz sorgen. Denn als wir auf Nachfrage unsere Herkunft offenbarten, ein Land namens „sete – um“, starb er tausend Tode (Live im Stadion bei diesem berühmten 7:1 war übrigens Emel. Unser Neid war ihr gewiss).

Senhor da Gama von hinten

Um 20 Uhr war ich dann bereits hundemüde (gut, für meinen Körper war gefühlt 1 Uhr nachts) und ging zeitnah zu Bett. Dafür konnte ich schon ab 6 Uhr morgens nicht mehr pennen und war froh, dass es den anderen genauso erging. Daher gab es sehr frühes Frühstück (heute auch noch mit zweitem und vitaminreichen Gang) und anschließend wurde gegen 8:30 Uhr erneut zum Strand aufgebrochen.

Vitaminbombe

Es war zwar schon wieder ungefähr 25°C warm, allerdings kam der Atlantik heute wesentlich rüder als gestern daher. Dementsprechend war Schwimmen derzeit untersagt. Gut, wir wollten eh noch den benachbarten „Ipanema Beach“ ausprobieren. Also wurde es anstatt Badespaß zunächst ein Strandspaziergang die ganze Copacabana entlang.

Der Atlantik

Neben Krücken-Milano verfluchte auch ich mich wenig später für diese Idee. Denn Adiletten scheinen doch nicht für einen 4km-Fußmarsch geeignet zu sein, was neben mir auch Fat Lo zu spüren bekam. Die Jungs in Flip Flops steckten den Spaziergang (Marsch wäre zwar treffender, aber klingt immer so martialisch und befeuert mein altes Sklaventreiber-Image) dagegen besser weg und am Strand von Ipanema durfte jetzt jeder machen, wonach ihm der Sinn stand.

Die Copacabana am Morgen

Die dümmste Idee hatte auf jeden Fall Milano Pete. Der beschloss mit seinen Gehhilfen den Strand wieder zu verlassen und im Viertel nach einem Friseur zu suchen (und fand im Übrigen keinen). Ole und Glatto gingen dagegen an den öffentlichen Fitnessgeräten pumpen und Languste, Fat Lo und ich erklommen zunächst einen von Katzen beherrschten Felsen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Danach stürzten wir uns in die Fluten.

Noch ein Bild für El Abtos Katzenkalender

Schwimmen war hier nicht mehr untersagt, allerdings rissen uns die surferfreundlichen Wellen doch das eine oder andere Mal um (keine Angst, die brasilianische Baywatch-Truppe stand für den Fall der Fälle parat). Insgesamt fand ich den Ipanema Beach noch einen Tick schöner als die Copacabana. Beide Strände verdienen allerdings das Prädikat Weltklasse. Solche Strände vor Haustür (plus Berge und Regenwald, plus die Annehmlichkeiten einer Metropole, plus das gute Wetter fast das ganze Jahr über) sorgen wahrscheinlich dafür, dass Rio immer wieder als schönste Stadt der Welt genannt wird.

Ipanema

Nach Planschen und Duschen stand schließlich „Rio Art Tours 2.0“ auf dem Plan. Heute sammelten Emel und Edson uns um 11:45 Uhr am Hotel ein und es gab gleich zu Beginn eine schlechte Nachricht. Es hatte im ewig jungen Krieg zwischen Exekutive und der Organisierten Kriminalität einen Schusswechsel in der Favela Vidigal gegeben. Ein Polizist wurde dabei getötet und die Rache der Polizei dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Dort würde sich heute keiner mehr auf die Straße wagen (die Liste unschuldiger Todesopfer durch verirrte Kugel, die „balas perdidas“, ist lang) und ein Besuch unsererseits wäre sowieso nicht möglich, weil die Zufahrtsstraßen nun gesperrt sind (aber nicht, dass wir das überhaupt in Betracht gezogen haben ;-)).

Felsen zwischen der Copacabana und Ipanema

Nach Vidigal wollten wir, weil Emel dort selbst mal gelebt hat und über entsprechend gute Kontakte verfügt. Das Viertel soll eigentlich seine schlimmste Zeit hinter sich gehabt haben und hatte Mitte der 2010er Jahre einen regelrechten Boom. Die Polizei begann dauerhaft für Ordnung zu sorgen und die tolle Hanglage, nahe den heute bereits von uns aus Richtung Ipanema bewunderten Felsen „Dois Irmaos“ und in Nachbarschaft zum Nobelviertel Leblon, zog sogar Ausländer als Bewohner an. Hostels und Restaurants entstanden zuhauf und sogar Spekulanten kauften Immobilien in Vidigal (quasi die Gentrifizierung einer Favela). Seit 2017 geht es wohl aber wieder abwärts…

Für uns geht es aufwärts

Nun denn, erster Programmpunkt der Tour war eh ein anderer und zwar der Berg Corcovado mit der berühmten Christusstatue auf seiner Spitze. Dazu fuhren jetzt zum Startbahnhof der Zahnradbahn ins schöne Viertel „Cosme Velho“. Die 1885 eröffnete Bahn (also noch zu Kaisers Zeiten) bringt einen für aktuell umgerechnet 20€ auf den 710 Meter hohen Berg. In circa 25 Minuten fährt die Bahn die 3824m lange Strecke von 40m auf 680m über NN (der steilste Abschnitt weist ca. 30% Gefälle auf), wo dann die letzten 30 Meter mit Treppen oder einem Lift bewältigt werden müssen. Die Zahnradbahn durchquert übrigens einen Teil des im Jahre 1961 eröffneten Tijuca-Regenwald-Nationalparks. Auf der Fahrt gibt es also links und rechts neben tollen Ausblicken auch eine interessante Flora und Fauna zu sehen.

Cristo Redentor

Zur Mittagszeit auf den Corcovado zu fahren, war Emels langjähriger Erfahrung zu verdanken. Nur frühmorgens oder mittags hält sich der Andrang hier in Grenzen. Denn vormittags und nachmittags nehmen unzählige Reisegruppen (zum Beispiel von den Kreuzfahrtschiffen) den Berg in Beschlag. Mittags jedoch werden die Gruppen in ihren Reisebussen irgendwo zum Mittagessen hingekarrt. Mit dem Zuckerhut verhält es sich ähnlich. Da hatten wir gestern ja auch gut daran getan, dass wir morgens mit einer der ersten Bahnen hochgondelten.

Ausblick nach Norden (u.a. mit dem Maracana)

Nichtsdestotrotz war es alles andere als menschenleer an der Christusstatue, aber man konnte sich frei bewegen und halbwegs gute Fotos / Selfies schießen. Der Ausblick war auch toll, jedoch war das Wetter heute trüber als gestern. Aber dass uns in dieser wechselhaften Jahreszeit am Vortag ein klarer Tag vergönnt war, reichte uns genügsamen Naturen. Im Schatten von „Cristo Redentor“ will man auch einfach nicht mit der Todsünde der Maßlosigkeit aufwarten (auch wenn der Bengel uns bestimmt sofort erlöst hätte, zumindest die vier Katholiken).

Blick hinüber zum Zuckerhut

Seit 1931 breitet der Filius von Gott hier im Übrigen schon seine Arme schützend über Rio aus. Spötter (z.B. aus dem geschäftigen São Paulo) und selbstironische Bewohner Rios behaupten folgendes: Sollte die Figur eines Tages die Arme verschränken, würden die Cariocas endlich zur Arbeit fahren. Arbeit… das ist wirklich nicht so das Ding der Cariocas. Gearbeitet wird nur soviel wie nötig, zum Beispiel ein paar Stunden am Tag, bis es zum Überleben reicht, und dann wird das Leben genossen. Jenes ist schließlich einfach zu kurz, um es 24/7 mit einer so genannten Karriere und den entsprechenden Verpflichtungen zu füllen. Ratet mal, wer die Cariocas sofort als Brüder und Schwestern im Geiste identifizierte…

Blick nach Süden über die Lagune

Gegen 14 Uhr machten uns nach rund einer Stunde auf dem Corcovado wieder auf ins Tal.  Auf halber Strecke verließen wir die Bahn bereits und wurden an der Passstraße von Edson eingesammelt. Der Gourmet hatte sich inzwischen eine der zahlreichen Jackfrüchte im Regenwald geerntet („Jacksons, richtige Jacksons“) und fuhr uns nun zu einem Aussichtspunkt über die Favela „Morro dos Prazeres“ (zu deutsch: Hügel der Vergnügten). Emel hatte während unserer Zeit an der Christusstatue nachgedacht und entsprechend umgeplant. Wir sollten zunächst hier schon mal einen Überblick über eine Favela bekommen und mit „Rocinha“ im Anschluss auch noch direkt eine kennenlernen.

Der Hügel der Vergnügten

Doch bevor es weiter nach Rocinha ging, schoben wir noch einen kurzen Halt am berühmten Maracanã, offiziell Estádio Jornalista Mário Filho, ein. Der Schauplatz des vierten deutschen WM-Triumphes kann auch besichtigt werden, allerdings war dafür heute keine Zeit. Das schlug Emel uns für den morgigen Tag vor, wofür wir eh noch ein eigenes Programm brauchten. Dementsprechend blieb es bei einem Erinnerungsfoto und Milano kaufte sich noch eine Sambapfeife bei einem der fliegenden Händler an diesem Touri-Spot. Zimmernachbar Ole durfte sich jetzt auf Gratis-Konzerte in den Morgen- und Abendstunden freuen, he he.

Remember the 13th of July 2014

In Rocinha beschäftigten wir uns dann nochmal genauer mit dem Leben in den Favelas. Wir lernten Rocinha als ziemlich charmanten und gut funktionierenden Stadtteil kennen. Rocinha ist auch wirklich bereits legalisiert (und weitgehend befriedet worden), so dass es tatsächlich ein offizieller Stadtteil von Rio de Janeiro ist und keine Favela mehr im eigentlichen Sinne. Nichtsdestotrotz weist Rocinha noch die ganzen optischen Charakteristika einer Favela auf. Grundsätzlich sind Favelas, ob legal oder illegal, auch nicht so viel anders als andere urbane Siedlungen.

Rocinha

Für die große Landflucht in Brasilien stand und steht eben nicht genug Wohnraum in den Städten zur Verfügung. Also schaffen die Zugezogenen sich ihr Dach über dem Kopf notgedrungen selbst. Zuerst behelfsmäßig aus Schrott, später auch fest aus Stein. Und diese Menschen sind zu 99,9% auch rechtschaffende Bürger. Meistens Familien, die irgendwo ganz regulär im Niedriglohnsektor angestellt sind oder sich als Tagelöhner verdingen müssen. Darüberhinaus gibt es in den Favelas selbst ebenfalls viel Gewerbe wie Friseure, Kneipen, Werkstätten, Einzelhändler u.v.m.

Haupteinkaufsstraße von Rocinha

Allerdings ist eine Favela aufgrund der schlechten Lebensperspektive ein gutes Rekrutierungsfeld für kriminelle Banden und außerdem aufgrund der unübersichtlichen Struktur und dem Fehlen dauerhafter Polizeipräsenz ein idealer Rückzugsort für die Drogengangs (deren Mitglieder trotzdem selten das 25.Lebensjahr erreichen).

In den Favelas sorgen Mototaxis für den ÖPNV

Als Tourist kann man sich in legalisierten und befriedeten Favelas wie Rocinha meiner bescheidenen Einschätzung nach auch relativ sicher bewegen. Vielleicht ist die Gefahr in touristischen Gegenden wie Santa Teresa oder der Copacabana ausgeraubt zu werden sogar größer? Nichtsdestotrotz sollte man seinen gesunden Menschenverstand nicht ausschalten und ebenso nicht wie ein wandelnder Geldschein aussehen. Außerdem sollte man sich mit Fotos zurückhalten. Das aber eher aus Respekt vor den Menschen. Einfach so Menschen (könnte übrigens auch mal ein Bandenmitglied darunter sein, welches nicht so gerne wie „Locke der Boss“ fotografiert wird) oder Häuser knipsen, als sei man in einem Zoo oder auf Safari, geht natürlich gar nicht. Straßenszenen oder Panoramen sind aber okay.

Reisvariationen und Fritten

Unser für Vidigal geplantes Mittagessen holten wir dann auch in Rocinha im Restaurant „Trapia“ nach. Emel offenbarte uns, dass das „Favela-Essen“ in Vidigal bereits im Tourpreis enthalten war und sie daher hier für uns bezahlt. Es gab nun Fleisch- und Reisplatten für alle (die mit insgesamt 142 Reais absolut im Budget lagen) und eiskaltes Bier aus dem Hause „Brahma“. Die Cariocas trinken ihr Bier immer knapp über dem Gefrierpunkt (und sie trinken oft Bier, noch öfter als Caipirinha) und Bier aus dem Kühlschrank gilt schon als zu warm, weshalb wir Deutschen hier als Warmbiertrinker gelten.

Diverses Fleisch

Im Rahmen des Essens und der anschließenden Rückfahrt zum Hotel konnten wir auch gleich besprechen, was man so am morgigen Tag unternehmen könnte. Wir hatten uns ein paar Sachen überlegt und wolten dazu Emels Expertenmeinung einholen (der eigentliche Plan nach Paraty weiterzureisen wurde König Fußball geopfert und daher waren wir 24 Stunden länger als geplant in Rio). Unseren Favoriten, die 50km entfernte Stadt Petrópolis in den Bergen der Serra dos Órgãos, konnte sie uns auch wärmstens empfehlen, wenngleich sie trotz Fußballinteresse nicht wusste, dass der immer so belesen wirkende Weltfußballer der Herzen Kevin Kuranyi aus Petrópolis stammt (das war wieder mal mein Nerd-Wissen). Und Edson hatte komischerweise auch noch nie vom brasilianisch-panamanesisch-deutsch-ungarischen Zauberfußballer gehört.

Copacabana Palace Hotel

Als wir dann unser „Bairro“ erreicht hatten, sprang Milano Pete frühzeitig aus dem Kleinbus, weil er einen Friseur entdeckte. Emel meinte noch, das sei aber mutig. Er könne doch gar kein Portugiesisch. Na ja, hätten wir Extremfall eben den dritten „Skinhead“ in der Runde, nachdem Ole und El Glatto bereits vor Reiseantritt die Schermaschinen haben glühen lassen. Begründung: Keine Lust jeden Tag die Haare stylen zu müssen. Müssen? Die Jugend ist eben eitel!

Schlummertrunk

Im Hotel gönnte ich mir noch ein Bier, aber dabei gingen die Äuglein auch schon dauernd zu. Also die gleiche Chose wie gestern, nur dass heute die anderen noch recht munter waren und Bock auf Feiern hatten. Daher zog der Rest ohne mich ins Ausgehviertel Lapa. Schade, wie Rio feiert, hätte ich schon gerne gesehen. Aber alte Männer müssen eben Abstriche machen und den Titel „Fittester Mitreisender am dritten Morgen in Rio“ kann mir keiner mehr nehmen.

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