Brandenburg an der Havel 06/2018

16.06.2018
FC Stahl Brandenburg – Ludwigsfelder FC 0:1
Brandenburgliga (VI)
Stadion am Quenz (Att: 100)

Der Freitag war mit drei WM-Spielen in den Etablissements „Zum Alten Fritz“ und „Huckebein“, sowie anschließend der Nachtbar des Theaters Hildesheim sehr hart. Fast so hart wie das Gekicke von Marokko gegen Iran (aber dafür war ja wenigstens Spanien vs. Portugal der erwartete Kracher). Und andere müssen noch härter gefeiert haben, denn am Samstagmorgen gab es zwei kurzfristige Absagen für die WET-Tour nach Brandenburg an der Havel. Dementsprechend bestieg ich nur mit Bega und BLZ den Zug gen Osten um 7:48 Uhr.

Searching for the perfect position to sleep

Über Umstiege und Umwege (hatten in WOB unseren Anschluss verpasst und mussten dann über Magdeburg anstatt Stendal weiter) waren wir kurz vor 12 Uhr in Brandenburg an der Havel. Bega und BLZ wollten nun das letzte Saisonspiel der 2.Herren des BSC Süd 05 ansteuern, aber das war 11.Liga und mir damit eine Spur zu unattraktiv. Auch wenn die Zwote immerhin im Stadion der 1.Mannschaft anstatt auf einem Nebenplatz spielte und außerdem die Meisterschaft und der Aufstieg in die 10.Liga gefeiert werden würde. Da schaue ich mir dennoch lieber drei Stunden eine wirklich tolle Stadt an. Zumal ich Teile der Hinfahrt zum Schlafen genutzt hatte und jetzt wieder putzmunter und topmotiviert war.

Bunte Häuser und BLZ

Brandenburg liegt sehr malerisch an der Havel, zwischen Breitlingsee und der Plauer Seenplatte. Die Neustadt, das Domviertel und weitere Ortsteile sind auf Inseln, umspült von den Armen der Havel, während die Altstadt nur zu zwei Seiten vom Fluss begrenzt wird. Wasser gibt es also in Hülle und Fülle und ein erstes Mal überquerte ich einen Havelarm, um von der Bahnhofsvorstadt in die Neustadt zu kommen.

Das St.Pauli Kloster in der Neustadt

Hier trennten sich dann auch vorerst die Wege von meinen Freunden und mir. Denn BLZ und Bega gingen durch Neustadt und Altstadt zum Werner-Seelenbinder-Stadion im Norden der Stadt (obwohl der Verein doch BSC Süd heißt), während ich von der Neustadt aus zunächst die Dominsel anpeilte. Die Domspitze war bereits weithin sichtbar und über den schmalen, aber mit Häusern bebauten Mühlendamm ging es nun rüber auf die andere Insel. Jedoch nicht ohne zuvor noch an der hier auf Seegröße gestauten Havel das Panorama zu genießen und viele Bilder zu knipsen.

Blick rüber zur Dominsel

Drüben war ich nun im ältesten Teil der Stadt angelangt. Nachdem die hier siedelnden germanischen Stämme während der Völkerwanderung weitgehend die Gegend verließen, stießen slawische Stämme vor und errichteten an dieser idealen Stelle eine Burg. Die namensgebende Brandenburg, auch Brennaburg oder Brendanburg genannt. Vermutlich 928 n. Chr. eroberte König Heinrich I. die Burg im Zuge der ostelbischen Expansion seines ostfränkischen Reiches. Sein Nachfolger Otto I. stiftete ungefähr 20 Jahre später das Bistum Brandenburg. Die Slawen konnten während eines Aufstandes im späten 10.Jahrhundert das Gebiet jedoch zurückerobern und die damit die Christianisierung wieder für über 150 Jahre stoppen.

Der Dom zu Brandenburg

Nachdem der letzte slawische Fürst Pribislaw 1150 kinderlos starb, fiel sein Land gemäß Erbvertrag an den Markgrafen Albrecht den Bären, der somit die Mark Brandenburg schuf und die bereits zuvor eingesetzte Rechristianisierung weiter forcierte (Pribislaw war bereits konvertiert und starb als Christ). 1157 wurde das Bistum Brandenburg rekonstituiert und 1165 mit dem Bau des Domes begonnen, der architektonisch zur Romanik zählt. Sein Erscheinungsbild als vollständig unverblendeter Backsteinbau war Vorbild für die Sakralbauten der ganzen Mark Brandenburg.

Weiße mit Schuß

Nach der inneren und äußeren Begutachtung der Kirche und ihrer Nebengebäude ließ ich mich am Domhof für ein kurzes Päuschen nieder. Auf den Außenplätzen des Restaurants „Remise“ gab es einen Kaffee und im Anschluß noch eine Weiße mit Waldmeisterschuß. Gut erfrischt wurde nun die Altstadt als nächstes Ziel in Angriff genommen.

Altstädtisches Rathaus

Eigentlich wollte ich außer dem altstädtischen Rathaus nebst seinem Roland und der St.-Gotthardt-Kirche (Godehard von Hildesheim geweiht und sogar ein paar Jahre älter als der Dom) auch noch das Slawendorf besichtigen (ein Freilichtmuseum, wo ich die slawische Siedlungsgeschichte in der Region nochmal anschaulich hätte vertiefen können). Doch ich blieb in den Gassen der Altstadt und am Ufer der Havel bei einem Volksfest hängen. Ich glaub es hieß auch Havelfest.

An der Havel

Des Weiteren musste ich noch ein Geschenk für meinen Freund Olbert besorgen. Der hatte am nächsten Tag Geburtstag und weil er mittlerweile nur noch die Hälfte von mir wiegt, dachte ich mir ein Kindershirt in Größe 152 würde ihm gut passen und wäre der ultimative Beweis, dass er nur noch einen Kinderkörper hat. In der örtlichen Dependance einer Ausbeuter-Kette wurde ich fündig und bekam vor allem auch ein gelungenes Design mit WM-Bezug.

Lángos

Zufrieden stärkte ich mich im Anschluß mit Lángos auf dem Fest. Die ungarische Teigspezialität ließ ich mir Letscho und Käse belegen (4,50€) und nach dem Verzehr setzte eine gewisse Trägheit ein. Auch erlaubte ich mir einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass in 45 Minuten Anpfiff sein würde. Fast 2,5 Stunden war ich nun unterwegs gewesen und das Slawendorf musste ausfallen. Mehr noch, zum Stadion waren es über 4km von meinem derzeitigen Standort. Da würde mir jetzt noch ein strammer Marsch bevorstehen.

Steintorturm

Erfreulicherweise kam gerade eine Straßenbahn um die Ecke, die Richtung Stadion weiterfuhr, so dass ich doch noch komfortabel vor Anpfiff das Stadion erreichte. Im Umfeld gab es ein bißchen Streetart der lokalen Fanszene, tatsächlich Stahlindustrie, Einzelhandel und eine Wohnsiedlung. 5€ wurden als Vollzahler für den Eintritt investiert und dann war ich drin in der guten Stube des Brandenburger Fußballs.

Industrie-Relikte am Stadion

Auch wenn die charakteristischen Ostblockflutlichtmasten letztes Jahr abgerissen wurden, versprühte das 15.500-Plätze-Rund immer noch mächtig Charme. Traurig natürlich, dass sich nur 100 Seelen hierher verirrten, aber es ist nunmal nur 6.Liga und zu allem Überfluss ist man frisch in die Siebtklassigkeit abgestiegen. Lang sind die Glanzzeiten her, in denen Stahl erstklassig in der DDR-Oberliga kickte (1984-1991), sich für den UEFA-Pokal qualifizierte (1985/86) und dort in der 2.Runde knapp (0:2, 1:1) am IFK Göteborg scheiterte (damals europäische Spitzenklasse und in jener Saison auch Sieger des Wettbewerbs).

Ein gesprühtes Stahl-Wappen

Auch gelang in der Wendezeit die Qualifikation zur 2.Bundesliga. Geläufige Namen wie der spätere A-Nationalspieler Steffen Freund oder auch Christian Beeck und Roy Präger schnürten damals die Stiefel für Stahl (übrigens auch alle drei Jungs aus der Region). Dennoch reichte es nicht für den Klassenerhalt und der Niedergang mit Abstiegen, Konkurs und dem heutigen fußballerischen Dasein in den Grenzen der Region setzte ein.

Sprecherturm des Stadions

Da hat es der heutige Gegner und frischgebackene Aufsteiger Ludwigsfelder FC schon besser. Die waren 2013 ebenso in die Siebtklassigkeit abgerutscht, dürfen nun aber kommende Saison wieder in der 5.Liga kicken (Oberliga Nordost-Süd). Eine kleine Feiermeute bevölkerte heute auch den Gästeblock, aber deren Dorf-Ultra-Attitüde wurde von den Brandenburgern nur belächelt. Da half es auch nicht, dass sie sich mit „In nur einem Jahr seid ihr wieder da“-Gesängen anbiedern wollten. Na ja, sportlich fair war das ja schon.

Blick rüber zum Gästeblock

Die Stahl-Szene hatte selbst keine Motivation zu supporten, aber wie gesagt, sie waren bereits abgestiegen. Leider keine Chance auf einen Last-Minute-Klassenerhalt wie im Vorjahr. Übrigens fiel die Entscheidung wieder in Eisenhüttenstadt (wo wir letztes Jahr auch zugegen waren), doch diesmal schon am vorletzten Spieltag und eben mit dem schlechteren Ende für die Brandenburger. Mit 7:1 entschied der FC Eisenhüttenstadt das 6-Punkte-Spiel gegen den direkten Abstiegskonkurrenten für sich. Ohne Worte!

Die große nostalgische Anzeigetafel

Immerhin gelang heute ein Abschied ohne ein weiteres Debakel. Der Meister ging zwar früh in Führung durch Thomas Poznanski (10.Minute), doch danach kam wenig von beiden Teams. Ohne recherchiert zu haben, gehe ich mal von einer absoluten B-Elf bei den Gästen aus (oder alternativ einer verfrühten Saisonabschlussfahrt unter der Woche). Da die Stahl-Akteure immerhin so wirkten, als wollten sie heute unbedingt nochmal eine gute Leistung zeigen und viel Aufwand betrieben, hätte ich ihnen natürlich noch den Ausgleich gegönnt.

Stadion am Quenz

Aber der Sommerkick blieb über weite Strecken lahm und chancenarm. In der Spielmitte zwischen 15. und 75.Minute hatte Ludwigsfelde noch ein- bis zweimal Gelegenheit das zweite Tor zu erzielen und Stahl ebenfalls ein bis zwei Chancen zum Ausgleich. Da bleibt einem als Zuschauer auch nicht viel übrig, als den Bierstand zu beehren (faire 2,50€ für ein großes Bier), das Stadion zu genießen und sich ein wenig zurückzulehnen.

Somersby steht drauf, Bier war drin

In der Schlußphase drehten dann allerdings die Japaner der Heimelf nochmal richtig auf. Nachdem aus einem Duo durch die Einwechslung von Yoshido (73.Min) ein Trio geworden war, kombinierten die Fußballer aus Fernost richtig stark und speziell der Joker hatte mehrfach in der Schlußviertelstunde den Ausgleich auf dem Fuß. Doch Pech und die Reflexe des Gästetorwarts verhinderten ein Tor und es blieb bis zum Schluß beim 0:1.

Stahl-Graffiti am Stadion

Nach Abpfiff gab es noch ein bißchen Smalltalk mit ein paar Heimfans und zeitnah steuerten wir den nächstbesten Bahnhof an. Natürlich wurde auf dem Weg noch ein Discounter zum Provianterwerb heimgesucht. Während BLZ und ich uns edlen Kornbrand teilten, schien Bega noch Größeres vorgehabt zu haben. Mit einer ganzen Plastiktüte voll Billigfusel kam er aus dem Netto zurück. Nun denn, es war ja noch eine lange Fahrt.

Der einarmige Bierbaron von Brandenburg

Außerdem trafen wir beim Zustieg am Bahnhof Brandenburg-Altstadt auch gleich auf die richtigen Mitreisenden. Ein Junggesellinnenabschied, bei dem keine Dame unter 40 war (inklusive der „Bride to be“), saß genau dort, wo wir einstiegen. Alkoholgeschwängert wurden wir sofort angeschekert („Sind das etwa endlich die Stripper?“), signierten die Scherpe der bald Vermählten und ließen unsere Gesichter mit Lippenstift einsauen.

Unser Treibstoff

Selbst die Schaffnerin gesellte irgendwann dazu und ließ sich von der Stimmung (und den Freigetränken) anstecken. Fast schon schade, dass sich am Endpunkt Rathenow die Wege trennten, da die Damen in Premnitz beheimatet waren und nun in eine andere Richtung mussten. Dort sind sie übrigens nicht wie von uns unterstellt in einem Kegelclub aktiv, sondern in einem Carnevalsclub. Läuft ja fast auf’s Gleiche hinaus. Premnitz hellau!

JGA-Mob

Nach unserem durchschlagenden Erfolg im Segment der reiferen Frauen, probierten wir auf der fortgesetzten Reise über Stendal und Wolfsburg außerdem unser Glück bei Frauen aus unserer Generation und sammelten tatsächlich noch Handynummern. Ich weiß nicht warum, aber im ostdeutschen Nahverkehr sind die Frauen irgendwie kontaktfreudiger als im Westen.

Der Beweis: Olbert ist ein 12jähriger

Zum Glück unterbanden die Spaßbremsen vom Enno ab WOB die weitere Alkoholversorgung und wir kamen langsam zur Ruhe. Denn am Sonntag wartete nach dem Ausschlafen noch Olberts 27.Geburtstag auf mich. Mit den WM-Spielen des Tages (Srbija 1, Costa Rica 0. Wie hat eigentlich Die MANNSCHAFT gespielt?), lauter Grillspezialitäten (u.a. Abtos patentierten Pljeskavica) und fast der ganzen Tourimeute am Start. Und natürlich passte dem Geburtstagskind das Kindershirt. Starke Party, trotz Sonntagstermin! Jetzt ist auch wirklich Sommerpause und sollte nichts Unerwartetes passieren, gibt es die nächste Tour und somit auch den nächsten Bericht Anfang August. Auch ich muss ja mal zur Ruhe kommen.