London 02/2018

10.02.2018
Tottenham Hotspur F.C. – Arsenal F.C. 1:0
Premier League (I)
Wembley Stadium (Att: 83.222)

Im Vorjahr fand ich bei Eurowings einen Wochenendtrip von Hannover nach London für 66€ im Februar 2018. Waren also ähnliche Voraussetzungen wie bei dem Trip vor exakt einem Jahr. Es war nur 10% teurer als im Vorjahr und dieses Mal wollte ich lieber wieder ins East End, anstatt nach Kensington. Daher wurde für Schirm, Bene, Fat Lo und mich das vom vorletzten London-Trip bekannte Ibis in Whitechapel gebucht (zwei DZ mit Einzelbetten für 35€ pro Nacht und Nase). Fußballspiele gab es natürlich auch in Hülle und Fülle und als der Spieltag fix terminiert wurde, fiel die Wahl auf Tottenham vs. Arsenal. Tickets für das 195.North-London-Derby gab es zwar nur mit persönlicher Buchungshistorie bei den Spurs, welche keiner von uns hatte. Doch mit Wasi gab es jemanden im Bekanntenkreis, der freundlicherweise damit aushelfen konnte. Er orderte uns vier Tickets der günstigsten Kategorie à 35£. Hvala!

Unsere kleinen Doppelzimmer

Am Abreisetag fuhr uns Benes Freundin zeitnah nach Feierabend zum Flughafen (opet hvala!), was uns diverse After-Work-Biere ermöglichte. Bei der Sicherheitskontrolle waren wir trotzdem reichlich früh, weshalb uns die Gala des mittelalten Pärchens vor uns nicht aus der Ruhe brachte. Entweder sind zum ersten Mal geflogen oder ein langes Intervall fand sein Ende. Flüssigkeiten, Laptop, Kamera usw. waren alle noch im Rucksack und wurden auf Nachfrage nacheinander mühsam herausgekramt. Auch die Gürtel waren noch an Mann und Frau und die Hosentaschen mussten nachträglich geleert werden. „Sind sind nun all ihre Taschen leer?“ „Ja!“ Das war gelogen, denn es piepte wieder, weil das Portemonnaie bei dem Herrn noch in der Gesäßtasche steckte. Eine großkalibrige, um den Hals getragene Patrone, ließ danach ein letztes Mal Alarm schlagen. „Was ist das für eine Patrone?“ „Das ist meine Glückspatrone!“ Die durfte leider nicht mitfliegen und kann binnen vier Wochen wieder am Flughafen abgeholt werden. Starke Show!

Auf die Gesundheit

Leider wurde unsere Reisegruppe heute nicht komplett, da Schirm sich eine bakterielle Infektion aus Israel als Souvenir mitgebracht hatte (bestimmt in Netanya eingefangen!). Bis zum Schluss wurde auf eine rechtzeitige Genesung gehofft, aber die Medikamente hatten Freitag immer noch nicht angeschlagen. Am Gate gab es nun Underberg auf sein Wohl und dann hob unser Eurowings-Flug operated by Tuifly in einer Boeing 737-800 mit Air Berlin Lackierung ab (mehr Kuddelmuddel geht nicht!). Nach einem weinhaltigen Zeitvertreib im Flieger, landeten wir fast pünktlich um 18:45 Uhr Ortszeit in Stansted. Schnell noch das erste Geld geholt, wobei der erstbeste Automat einem tatsächlich 1,41€ pro Pfund bei dem vorgeschlagenen festen Wechselkurs abknüpfen wollte (aktueller Kurswert war 1,12€). Diese dreiste Abzocke mit den festen Wechselkursen hält sich nun schon seit etlichen Jahren, aber einen versuchten Aufschlag von 25% hatte selbst ich bisher nicht erlebt. Also immer schön „without conversion“ klicken und zum tatsächlichen Wechselkurs abgerechnet werden!

11,5% Vol auf 25.000 Fuß

Der Bahnhof Liverpool Street wurde 20:15 Uhr erreicht und dort steuerten wir sofort den hoffnungslos überfüllten Wetherspoon’s „Hamilton Hall“ an. In Anbetracht unseres Hungers, verzichteten wir auf ein Schnelles am Tresen und zogen lieber gleich weiter zu einem anderen Wetherspoon’s in der Nähe unseres Hotels. Im „Goodman’s Field“ gab es nun das heutige Manager’s Special, was ein 200gr. Rindersteak mit Fritten und zwei Spiegeleiern war (kostete 4,99£, fairer Deal). Diverse Biere (Fuller’s London Pride für 3,80£) gab es ebenfalls und Fat Lo räumte nebenbei noch am Automaten ab. Normale Leute müssen im Urlaub zum erstbesten Geldautomaten, Fat Lo geht zum nächsten Spielautomaten, wenn er Geld braucht. Aus 5£ Einsatz wurden schnell 60£ und damit die Mißgunst sich in Grenzen hielt, spendierte er wenigstens ’ne Runde Jägerbombs für uns.

Kleine Steaks für große Racker

Immerhin hatte Lo kein Glück in Sachen Einzelzimmer. Aufgrund von Schirms Fehlen hatten wir ja ein DZ mit Einzelbelegung und haben deshalb einen Shekel geworfen, wer alleine schlafen darf. Der Gewinner: Bene. Nach dem Check-In kurz vor Mitternacht, durfte er allein Quartier beziehen. Aber natürlich zogen wir vor der Nachtruhe nochmal gemeinsam los. Gegenüber vom Hotel war mit dem „Indo“ schließlich ein interessanter Pub. Ein DJ legte Platten auf (Soul, Funk und Hip Hop) und die Biere hatten teilweise interessante Namen. Da gab es nämlich vermeintliche deutsche Biere vom Faß. Allerdings klangen „Stüttgarter Helles“ (ja, wirklich mit Umlaut geschrieben) und „Sanwald Wheatbier” eher nach Fantasienamen, denn nach echter deutscher Braukunst.

Londoner Herrengedeck

Aber das Stüttgarter (4£ das Pint) schmeckte ganz gut und drei Runden wurden es noch, ehe die Müdigkeit nach 22 schlaflosen Stunden nicht mehr ignoriert werden konnte. Zum Einschlafen gab es nun noch olympisches Curling aus Pyeongchang und Irn-Bru für den Nachdurst. Für den kommenden Morgen hatten wir 9 Uhr als Abmarschzeit festgelegt und daher klingelte Wecker Nr.1 bereits 8:15 Uhr.

Good Morning London

Anpfiff war heute schon um 12:30 Uhr und eine Stunde dauert es allein von Whitechapel nach Wembley. Der Plan war gegen 10 Uhr in einem Pub in Stadionnähe zu frühstücken und dann 60 bis 90 Minuten später zum Stadion weiterzuziehen. Die Idee mit dem vormittäglichen Pubbesuch im Stadionumfeld hatten jedoch auch unzählige Fans der Spurs, so dass die Pubs riesige Schlangen an den Türen hatten. Geschätzt ’ne halbe Stunde draußen auf Einlass und vielleicht ebenso lange drinnen auf Frühstück warten, war nicht so die prickelnde Perspektive. Beim nächsten Mal also doch lieber noch in der Innenstadt Essen und Trinken und erst kurz vor Anpfiff das Stadion anpeilen. Die gerechte Strafe war nun notgedrungenes Frühstück bei der gerade öffnenden KFC-Filiale.

Full Rubbish Breakfast

Nachdem die Snacks von mutmaßlich weniger glücklichen Hühnern verzehrt waren, gönnten wir uns erstmal Cider aus einem Minimarkt. In der Gegend scheinen wohl ein paar Lausbuben mit langen Fingern unterwegs zu sein. Jedenfalls verbot ein Schild am Eingang mehr als zwei Schulkindern gleichzeitig im Laden zu sein. Doch in Wembley gibt es auch betagte Gauner, wie wir alsbald feststellen konnten. Vor’m Stadion fragte uns ein Opi, ob wir Tickets verkaufen. Das hatten wir in der Tat vor, da Schirms Ticket bekanntermaßen überflüssig geworden war. 20£ würde er uns zahlen, er sei nämlich armer Pensionär und könne sich die teuren Tickets nicht leisten. Herzergreifend! Weil ansonsten landestypisch keine Ticketsuchenden auszumachen waren, wollten wir das Billet jetzt gern abstoßen, aber die 35£ Originalpreis sollten es schon sein. Immerhin war klar, dass der arme alte Mann garantiert nicht neben uns sitzen wird, sondern noch gut abzusahnen gedenkt. Er willigte ein und blitzschnell war das Ticket aus meiner Hand und von Geldscheinen ersetzt worden. Hand geöffnet und nur 25£ vorgefunden. Sorry Schirm, aber wir hatten jetzt einfach nicht Muße den Typen noch zur Rede zur stellen und ohne Gewalteinwirkung hätte er bestimmt keinen Nachschlag rausgerückt.

We’re going to Wembley

Lieber endlich rein in die gute Stube des englischen Fußballs. Von außen machte das (relativ) neue Wembleystadion (Wiedereröffnung war 2007) gar nicht so viel her. Zumindest, wenn man wie wir über die „White Horse Bridge“ (für mich wird es immer die „Dietmar Hamann Bridge“ sein!) aus Richtung  Wembley Central kommt. Im Umfeld versperrten nämlich viele Baustellen und bereits fertig gestellte große Komplexe die Sicht auf das Stadion, beziehungsweise rauben ihm etwas die Exponiertheit. Ein neues Viertel mit zig Hotels, einem Outlet-Center, Verwaltungsgebäuden u.v.m. entsteht zur Zeit Stück für Stück um das Stadion herum.

Der größte Moment der Stadiongeschichte

Die Einlasskontrollen waren. trotz Vorwarnung auf LED-Tafeln, dass durch erhöhte Sicherheitsmaßnahmen mit Verzögerungen zu rechnen ist, binnen fünf Minuten passiert. Drinnen ging es nun über viele Rolltreppen hoch zum Oberrang. Charmant waren auf dem Weg dorthin die vielen Wandtafeln zur Geschichte des Stadions. Auch ein Hinweis auf den Triumph von Cardiff City im englischen FA Cup 1927 durfte nicht fehlen, was ich natürlich fotografisch festhalten musste.

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The Wembley Stadium

Oben haben wir zuerst unsere Plätze gesucht und schon mal das 30 Minuten vor Anpfiff noch fast leere Stadion geknipst. Dann nutzten wir die restliche Zeit bis Spielbeginn für eine Runde Bier, welches landestypisch nicht auf den Zuschauerrängen verzehrt werden darf. An den Ständen war jetzt der Andrang, der auf den Rängen noch ausblieb, aber wir fanden eine kurze Schlange und hatten 20 Minuten vor Anpfiff jeder 500ml Carlsberg aus der Plastikflasche in der Hand (je 5£). Insgesamt überzeugte das Catering nicht. An unserem abseitigen Stand gab es neben Bier, Smirnoff Ice und Softdrinks nur Chickenburger à 6£ und diverse Schokoriegel. An den großen Ständen mit mehr Andrang, schien es auf jeden Fall noch Popcorn zu geben (damit liefen einige Kids rum) und bestimmt auch Pies, Hot Dogs u.v.m. Aber mit Sicherheit alles mit einem schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Plastikbier

Kurz vor Anpfiff strömten wir wie das Gros des Publikums durch die Mundlöcher auf die Zuschauerränge und während die Teams sich auf dem Rasen aufstellten, waren gefühlt 96% der Plätze besetzt. Erste Schlachtrufe hallten durch den Stadionkoloss und als der Ball rollte rief das ganze Stadion „Come on you Spurs“ (abgesehen von circa 3.000 Gästefans). Es gab bei den ersten Angriffen der Spurs ein typisches „Roar“ und viel Szenenapplaus. Nachdem sich Arsenals Anhang auch mal lautstark bemerkbar machte, stand fast das ganze restliche Stadion zu „Stand up, if you hate Arsenal“ auf. Das war alles in allem gar nicht so schlecht. Wir hätten nicht gedacht, dass sich die Gesänge und Schlachtrufe regelmäßig auf nahezu alle Blöcke übertragen.

When the Spurs go marching in…

Sportlich war die 1.Halbzeit temporeich, aber sehr chancenarm. Die Spurs hatten dabei etwas mehr vom Spiel, allerdings nur eine gute Chance. In der 27.Minute köpfte Harry Kane nach Zuspiel von Christian Eriksen knapp über die Torlatte. Ansonsten mussten sie sich mit Halbchancen begnügen, bei denen Mustafi oder Koscielny in der Regel noch vor Schlussmann Cech klärten. Özil, sowie die jüngst bei ihrer Premiere brillierenden Neuzugänge Mkhitaryan und Aubameyang, bekamen dagegen auf der Gegenseite überhaupt nichts Gefährliches zustande. Der offensive Gunner mit den meisten Ballkontakten war heute Jack Wilshere, aber die Abwehr der Spurs war bei seinen Pässen in die Spitze immer einen Schritt schneller als Wilsheres Mitspieler. Den einzigen Arsenal-Torschuss in der 1.Halbzeit probierte die Swag-Koryphäe Hector Bellerin in der 40.Minute, doch sein Abschluss aus 18 Metern ging weit über das Tor von Lloris.

West Stand

Es ging dem Spielverlauf entsprechend mit 0:0 in die Pause. Wir nutzten die Viertelstunde für einen Toilettengang, die geplante Nahrungsaufnahme fiel jedoch aufgrund utopisch langer Schlangen aus. Der Endkunde von Schirms Eintrittskarte wurde davon übrigens nicht abgeschreckt und verpasste dadurch das Beste. Es war ein Tourist aus Indien und wir fragten gar nicht erst nach, was er für die Karte bezahlt hat. Teile dieser Antwort hätten uns nur verunsichert. Aber rein spekulativ: Flug nach London 600£, zwei Hotelübernachtungen 200£, Ticket für Spurs vs. Arsenal 125£, Chickenburger im Wembley Stadium 6£. Wegen des Chickenburgers das einzige Tor des Spiels verpassen: Unbezahlbar!

1930 schaute die Graf Zeppelin mal vorbei

Denn schon in der 49.Minute verließ eine butterweiche Flanke den Fuß des walisischen Nationalspielers Ben Davies und im Arsenal-Strafraum schraubte sich Harry Kane höher als alle anderen. Im Stile eines Niklas Füllkrug köpfte Kane den Spurs-Anhang in die Derby-Ekstase! Übrigens sein 7.Tor in seinem 7.Spiel gegen Arsenal. Der Mann kann Derby! Der Torjubel war so langsam abgeklungen, als Manpreet aus Mumbai wieder seinen Platz einnahm. Ich erörtete ihm das Tor detailgetreu und er wirkte zwar satt, aber nicht glücklich. Derweil köpfte Kane in der 51.Minute schon wieder auf das Tor, doch der Ball ging diesmal knapp drüber.

Tottenhams Torjubel

Die Spurs waren nun wie ausgewechselt und erspielten sich Chance um Chance. Manpreet machte sich berechtigte Hoffnungen doch noch ein Tor zu sehen. In der 55.Minute war es abermals Kane, der einen Treffer auf dem Fuß hatte. Jetzt prüfte er Cech mit einem Volleyschuss, doch der tschechische Routinier konnte den Ball noch erwischen. Die Fans sangen „Harry Kane – He’s One of our Own“ und die allgemeine Lautstärke erschwerte die Kommunikation mit meinen Mitmenschen erheblich. Petr Cech, der weiterhin auf sein 200.Spiel ohne Gegentor in Premier Leugue warten muss (Nr. 199 war am 16.12.17 gegen Newcastle United), durfte in der 57.Minute gleich wieder glänzen. Diesmal entschärfte er einen scharf geschossenen Freistoß von Eriksen.

Freistoß von Eriksen

Und Arsenal? Von denen war jetzt endgültig nichts mehr in des Gegners Hälfte zu sehen. Stattdessen ließen sie den Spurs riesige Räume nach Ballverlusten, welche besonders Dele Alli und Heung-Min Son zu nutzen wussten. Die Bälle für sie eroberte übrigens gefühlt jedes Mal Mousa Dembele im defensiven Mittelfeld. Neben Kane für mich der Mann der Tages. Wenger wusste, dass er etwas ändern musste und in der 64.Minute gingen Mkhitaryan und Elneny vom Platz. Iwobi und Lacazette kamen, aber auch diese frischen Offensivkräfte stellten Tottenhams Verteidigung nicht vor ernste Probleme. Stattdessen blieben die Spurs nah am 2:0 dran. In der 71.Minute schoss Dele Alli knapp am Tor vorbei und in der 76.Minute glänzte einmal mehr Petr Cech, als Kieran Trippier einen schönen Volleyschuss auf das Gästetor abfeuerte. Mein indischer Sitznachbar merkte völlig zurecht an, dass es eigentlich schon 5 oder 6 zu 0 stehen müsste. Entsprechend feierten die Anhänger der Spurs ihre Stars mit individuellen Songs. Die Textstelle bei Dele Alli, dass er besser als Özil ist, konnte ich heute auf jeden Fall unterschreiben.

Gastgeber im Exil

Es ging mit der unverhältnismäßig knappen Führung in die Schlußviertelstunde, in welcher die Spurs den Ball, unter Jubel des Publikums, hauptsächlich in ihren Reihen zirkulieren ließen. Kurz vor Schluß wurde dann auch noch die Zuschauerzahl durchgegeben. 83.222 Besucher waren heute zugegen, was einen neuen Rekordwert in der Geschichte der Premier League bedeutet. Möglicherweise haben wir sogar auf lange Sicht das bestbesuchte Premier League Spiel aller Zeiten besucht. Denn das Tottenhamer Intermezzo in Wembley endet bald und ein noch besser frequentiertes Spiel ist bis Sommer zwar nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich.

Prall gefüllte Ränge (83.222 Besucher heute)

Die Uhr tickte derweil gnadenlos runter und in der der 89.Minute hätte der inzwischen für Alli gekommene Erik Lamela für die Vorentscheidung sorgen können. Doch bei einem Überzahlkonter zog er vorschnell ab und schoss neben das Tor, anstatt die frei stehenden Mitspieler im Strafraum zu bedienen. Normal rächt der Fußballgott so eine fahrlässige Chancenverwertung und in der Nachspielzeit hatte Arsenal tatsächlich noch die Gelegenheit den Spielverlauf auf den Kopf zu stellen. Einmal hatte die von Jan Vertonghen organisierte Abwehrreihe gepennt und Lacazette tauchte allein vor Lloris auf. Doch der 53 Millionen-Euro-Mann zeigte Nerven und schoss am Tor vorbei. Als letzte Chance  bekam Arsenal in der 4.Minute der Nachspielzeit noch einen Freistoß an der Strafraumgrenze zugesprochen, was knapp 80.000 der Zuschauer überhaupt nicht goutierten. Ein Fall für Mesut Özil, doch die Mauer sprang hoch genug, um seinen Schuß abzuwehren. Danach war Feierabend und der Heimanhang feierte den Derbysieg, sowie die vorläufige Eroberung von Platz 3 im Tableau. Arsenal dagegen bleibt auf Platz 6 und der angepeilte Champions-League-Startplatz, wofür im Winter nochmal so massiv aufgerüstet wurde, ist schon in ganz weiter Ferne.

Selfie-Viecher

Die Mannschaft feierte den Derbysieg nicht wirklich mit den Fans, weshalb sich das Stadion nach dem kurzen Winken der Stars vom Mittelkreis schnell leerte. Das nutzten wir nochmal für weitere Erinnerungsfotos und dann hieß es raus aus dem Tempel und rein in die Schlange am Bahnhof Wembley. Fast exakt 30 Minuten im strömenden Regen standen wir an, ehe wir binnen 10 Minuten mit dem Zug zum Bahnhof Marylebone transportiert wurden. Auch wenn Bene es nicht glauben wollte, bei der U-Bahn-Station Wembley Central, hätten wir nach 10 weiteren Minuten Fußmarsch auch mindestens 20 Minuten angestanden und dann weitere 25 Minuten mit der Tube in die Innenstadt (Baker Street) gebraucht.

Old Town Hall of Marylebone

Jetzt, am Endbahnhof des Sonderzuges, waren wir fünf Fußminuten von der Baker Street entfernt, wo wir einen Wetherspoon’s ansteuern wollten. Aus Gründen der Durstigkeit kehrten unser Trio jedoch erst einmal in den nächstbesten Pub namens „Allsop Arms“ ein. Hier gab es eine Runde Hophouse Lager in gediegener Atmosphäre. Das Pint kostete allerdings über 5£ und die klasisschen Pubgerichte, wie Burger oder Fish & Chips, schlugen auch alle mit über 10£ zu Buche, weshalb es nach dem Durstlöschen weiter zur „Metropolitan Bar“ im Schatten der Sherlock Holmes Statue an der Baker Street ging.

Cottage Pie

Der Pub war gut gefüllt mit Fans der Spurs, aber weil es zuging wie im Taubenschlag, haben wir schnell einen Tisch für das ersehnte und verspätete Lunch bekommen. Hier gab es heute auch ein Manager’s Special und zwar Cottage Pie für 6£. Wir schlugen geschlossen zu und bekamen Rindfleisch mit Möhren in Sauce und mit Kartoffelpüree gratiniert. Dazu gab es Erbsen und weiteren „Gravy“. Sehr lecker und erstaunlicherweise auch sättigend für uns. Sah auf den ersten Blick etwas klein aus, stopfte aber ordentlich.

Leckeres Kaffeebier

Ein paar Runden Bier mussten natürlich auch noch sein. Hopsack von der Phoenix Brewery (ein mildes blondes Ale), Hedge Hop aus dem Hause Flack Manor (fruchtig-hopfiges Ale) und Yallah Mild von Brauerei Cronx (ein Kaffeebier) wurden es bei mir. Außerdem versuchte Fat Lo den nächsten Automaten zu plündern, doch sein unverschämtes Glück bekam kein neues Kapitel. Nichtsdestotrotz gönnten wir uns noch eine Runde Jägerbombs, dann halt jeder auf eigene Rechnung, ehe ich einen kleinen Pubcrawl im Viertel Marylebone anregte.

The Larrik

Ich hatte mir eine App namens „Pub Mapper“ runtergeladen, die für etliche Gegenden Londons Pubcrawls vorschlägt. Für Marylebone gab es auch eine Route mit fünf Pubs auf ein paar hundert Metern. Der erste Pub sollte eigentlich der „Duke of Wellington“ sein, doch den gab es nicht mehr. Dauerhaft geschlossen… Also weiter zum nächsten Pub und „The Larrik“ hatte geöffnet und war gut gefüllt. Der Laden scheint sich an junges, aber zahlungskräftiges Publikum zu richten. Aber da wir gerade zur Cocktail Happy Hour auftauchten, blieb die Belastung für die Brieftasche überschaubar (zwei Cocktails kosteten 10£, was rund 50% Ersparnis zum regulären Preis bedeutete). Weil wir ja zu dritt waren, griff ich allerdings zu Bier und war damit (5,60£ das Pint) der Preisführer in unserer Runde. Dafür schmeckte das Frontier Craftlager aus dem Hause Fuller’s sehr vorzüglich.

Lord Wargrave ihm seine Whiskytheke

Die dritte Markierung in der App war das „Lord Wargrave“. Hatte auch geöffnet, aber war mehr Restaurant als Pub. Egal, ein Bier sollte es trotzdem sein und wir griffen zur Vorbereitung auf den kommenden Porto-Trip zu Sagres vom Fass. Wobei wir in Porto a) hauptsächlich Super Bock trinken werden und b) Sagres (oder auch Super Bock) nur ungefähr ein Drittel des Londoner Preises von 4,50£ kosten wird. Danach standen „The Windsor Castle“ und „The Victory“ noch auf der Liste. Doch beide Lokale existierten nicht mehr. Also gab es nur 2 von 5 Pubs des Crawls, was nicht gerade für die Aktualität der App spricht.

Gut was los im Indo

Ein bisschen enttäuscht, aber trotzdem schon gut angeheitert, marschierten wir nun zur nächstbesten Underground Station (Edgware Road) und steuerten „unser“ Viertel Whitechapel an. An der Station Tower Hill ging es wieder an die Oberfläche und wir spazierten zunächst für diverse Drinks ins „Goodman’s Field“. Als das Personal wie am Vortag um 23 Uhr den Ausschank einstellte, zogen wir auf ein Bier ins „White Hart“ auf der Whitechapel High Street weiter. Die hatten immerhin bis 1 Uhr geöffnet, nur hier war kurz vor Mitternacht schon nichts mehr los, so dass wir es bei einem Pint beließen und gleich weiter ins „Indo“ zogen. Heute war ein anderer DJ als am Vortag an den Plattentellern, doch die Bandbreite der Songs reichte trotzdem von „Incense and Peppermints“ von „Strawberry Alarm Clock“ bis zu „Ante Up“ von „M.O.P.“.

Late Night Kebab

Fat Lo erlag früh der Verlockung des Hotelbetts auf der anderen Straßenseite, aber Bene und ich hatten noch Lust auf ein paar Pints Stüttgarter, ehe es gegen 3 Uhr ein aufgekommenes Loch im Magen zu füllen galt. Bierkonsum und Heißhunger auf fettiges Essen, da scheint es einen kausalen Zusammenhang zu geben… Der „Mahdiya Peri Peri Grill“ um die Ecke, unweit von „Indo“ und Hotel, hatte das Stillen des Hungers schon im November 2016 gut hinbekommen und Dönerfleisch (Donner Meat) mit Fritten kostete immer noch faire 3£. Und wer auf die Frage „Spicy?“ mit „Yes“ antwortet, bekommt weiterhin eine höllisch scharfe Fleischportion. Nach dem Essen schritten wir Feuer speiend wie walisische Drachen zur Nachtruhe.

Princess of Prussia Pub

Am Sonntagmorgen wollte ich das Bett schon noch möglichst lange ausnutzen. Es gab bis zum Abflug schliesslich keine Termine und die Olympischen Winterspiele liefen auf BBC Sport. Also schaute ich Felix Lochs vermeintliche „Gold Runs“ im Rennrodeln und verließ erst nach dem 3.Lauf (kurz vor 12 Uhr) das Hotel. Ziel war abermals der Pub „Goodman’s Field“ und um mal was anderes zu sehen, ging ich nicht die gewohnte Route dorthin. So entdeckte ich den sehr sehenswerten Pub „Princess of Prussia“. Leider noch geschlossen, aber als historischer Nerd muss ich da mal rein. Immerhin war die Namensgeberin nicht nur die älteste Tochter von Königin Victoria und ihrem Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, sondern auch für 99 Tage Deutsche Kaisergemahlin an der Seite von Friedrich III. im Dreikaiserjahr 1888.

The Goodman’s field horses

Meine Kumpels erwarteten mich bereits im Pub, hatten schon gefrühstückt und ebenfalls die Olympischen Spiele geschaut. Ich bestellte auch noch schnell einen Breakfast Wrap (Sausage, Bacon, Egg und Hash Brown in dünnes Brot gerollt) und einen Kaffee und danach war mir noch nach Süßem. Mit Fat Lo fand ich wenig überraschend einen willfährigen Partner für das Angebot „2 Desserts for 6£“. Er gönnte sich einen warmen Brownie mit Eiscreme und Sauce und ich mir ein warmes Cookie Dough Sandwich mit Vanilleeis und salziger Karamellsauce. Bene machte dagegen wohl Diät, um am morgigen Rosenmontag in die von mir geliehene britische Uniform aus den Zulukriegen zu passen. Ich bin sicher, er wird darin ausgesehen haben wie Lieutenant Gonville Bromhead bei der Schlacht von Rorke’s Drift bzw. wie Michael Caine im Film „Zulu“.

Cookie Dough Sandwich

Dann schauten wir bei einem Mixed Fruit Cider den 4.Lauf im Rennrodeln, bei dem Felix Loch ein kapitaler Fehler unterlief und er von Platz 1 auf 5 fiel. Immerhin rutschte Johannes Ludwig so noch auf Platz 3 und bekam Bronze. Dann hatte ich endgültig genug Wintersport für heute geschaut und selbst die reizenden BBC-Expertinnen Chemmy Alcott und Amy Williams hielten mich nicht mehr vor’m TV. Aber was tun? Fußballerisch wäre wie vor fast exakt einem Jahr ein Viertelfinale im „FA Sunday Cup“ möglich gewesen, aber ich wollte für New Salamis FC versus Highgate Dynamo meine Serie von fünf internationalen 1.Liga-Spielen in Folge nicht reißen lassen.

Die Tower Bridge

Da ich aber nicht wie die beiden Karneval-Kutten Bene und Fat Lo am nächsten Tag frei hatte, wollte ich auch nicht den ganzen Nachmittag im Pub sitzen. Also blieb mir nur übrig solo auf Sightseeing-Tour zu gehen. Die Tower Bridge war ja gleich um die Ecke und südlich der Themse war ich schon lange nicht mehr in London unterwegs gewesen. Deshalb ging es gegen 13:30 Uhr auf zu 150 Minuten Touri-Quatsch. Dabei war das Wetter sogar recht nett zu mir, da es konstant trocken blieb und die Wolken immer weniger wurden.

HMS Belfast

Ich spazierte also über die Tower Bridge und dann wie hunderte weitere Touristen am Südufer der Themse entlang. War schon eindrucksvoll mit was für einem babylonischen Sprachgewirr man bei einem Spaziergang durch die Touri-Gegenden Londons konfrontiert wird. Ich schaute mir den WWII-Veteranen HMS Belfast und die Rekonstruktion von Shakespeares Globe Theatre an. Das Museumsschiff ist Teil des Imperial War Museums (welches ich heute mal wieder als Schlechtwetter-Alternative auf der Agenda hatte) und das Globe Theatre ist teilweise auch Museum, wird aber ebenfalls für Shakespeares Stücke als Bühne genutzt. In den Sommermonaten (der Innenraum des Theaters ist „Open Air“) werden jedes Jahr diverse Stücke aufgeführt und Karten gibt es tatsächlich schon ab 5£ (für Stehplätze im Innenraum). Den „Ground“ könnte man also auch mal „wegscheppern“, wie es im Slang der Theaterhopper heisst.

The Globe Theatre

Ein kleines Stück vom Ufer weg, erwartete mich außerdem die gotische Southwark Cathedral (in Langform: The Cathedral and Collegiate Church of St Saviour and St Mary Overie). Die Kathedrale ist im Wesentlichen aus dem 13. bis 15.Jahrhundert und steht nun im Windschatten vom höchsten Gebäude der EU. Der 310 Meter hohe Wolkenkratzer „The Shard“ war bis 2013 sogar das höchste Gebäude Europas (irgendwelche Sendemasten o.ä. gehen bei mir nicht in die Wertung), doch in der Russischen Föderation gab und gibt es bezüglich Wolkenkratzern eine rege Bautätigkeit und mittlerweile übertrumpfen schon vier jüngst in Moskau fertiggestellte Hochhäuser „The Shard“ in der Bauhöhe.

Southwark Cathedral & The Shard

Einen weiteren Abstecher in Southwark widemete ich anschließend noch dem „George Inn“ aus dem 17.Jahrhundert. Das soll Londons besterhaltenes „Coaching Inn“ sein (also ein ehemaliges Motel für Postkutschen). Danach überquerte ich die Themse via Fußgängerbrücke „Millennium Bridge“ (siehe Titelbild) wieder nach Norden. Die führt seit Mai 2000 von der „Tate Modern“ in Southwark mit Sichtachse zur St Paul’s Cathedral in die City. Das an Werktagen pulsierende Finanzzentrum war an einem Sonntagnachmittag kaum frequentiert. Selbst Touristen waren abseits der berühmten Kathedrale von Baumeister Christopher Wren (der Londons Wiederaufbau nach dem großen Brand von 1666 prägte wie kein Zweiter) kaum unterwegs.

The Gherkin

Ich spazierte also ziemlich allein in den alten Gassen zwischen St Paul’s und der Bank of England umher und knipste weitere schöne Fotos für ein neues London-Album. Bald waren die imposanten Wolkenkratzer der City rund um „The Gherkin“ erreicht und von hier war es auch nur noch eine halbe englische Meile bis zum „Goodman’s Field“. Kurz nach 16 Uhr kehrte ich schließlich in den Pub zurück und konnte noch ein Pint London Pride zum Abschluss trinken, ehe wir 16:45 Uhr zum Bahnhof Liverpool Street aufbrachen.

Abschluss-Pint

Der Stansted Express um 17:10 Uhr wurde unser und am 50 Minuten später erreichten Airport war erfreulicherweise wenig los. Schnell noch eingecheckt (gab leider nur noch Mittelplätze, aber immerhin im Bestbereich mit mehr Beinfreiheit) und 18:25 Uhr sind wir schon durch die Sicherheitskontrolle gewesen. Die 60 verbliebenen Minuten bis zum Abflug wurden auch noch irgendwie vertrödelt und 21:45 Uhr Ortszeit landeten wir wieder in Hannover. Benes Freundin erwartete uns bereits und die zeitnahe Ankunft daheim ermöglichte mir noch solide 7 Stunden Nachtruhe, bevor der Wecker wieder mal der Vorbote einer neuen Arbeitswoche wurde. Zum Glück hab ich in zwei Wochen schon wieder eine Woche Urlaub. A rolling stone gathers no moss!