København (Kopenhagen) 11/2011

  • 03.11.2011
  • FC København – HSV von 1896 1:2
  • UEFA Euro League (Group Stage)
  • Parken (Att: 27.853)

Erste Runde Bukarest, zweite Runde Rom, in Kopenhagen schellt das Telefon… Das Europapokallied, dessen Urheber die Fans des KSC in den 90er Jahren waren, stimmte zwar bei 96 in den ersten beiden Runden bzw. bei den ersten beiden Gegnern auf internationalem Parkett nicht, aber nach Kopenhagen ging es dennoch in der Gruppenphase. Ein sehr schönes Los für den dritten Auswärtsauftritt bei der diesjährigen 96-Tournee durch Europa. Stadt und Stadion waren mir zwar bereits bekannt, aber mit 96 irgendwo aufzuschlagen, ist doch nochmal etwas ganz anderes. In der 96-Fanszene (und im Prinzip auch darüber hinaus) stieß das Spiel auf riesige Resonanz. Irgendwelche Internetnutzer feierten sich in Foren dafür, dass sie als mutmaßlich erste Fans in der Geschichte des Fußballs die Idee hatten sich schon mal über den gastgebenden Verein mit Karten außerhalb des Gästeblocks einzudecken. Dass einige Deppen sich Karten für den Stammblock der schlägkräftigen Kopenhagener Anhänger besorgten oder mit sinnlosen E-Mails und Anrufen beim FCK fast ein Storno aller Ticketbestellungen aus Deutschland auslösten, war dann quasi zwangsläufig. Mein Bruder Ziii, InterCityBerger und ich reisten zusammen mit unseren Bockenemer Freunden und hatten teils Karten für den Gästebereich und teils für die Haupttribüne (angrenzend zum Gästebereich). Außerdem hatten wir uns frühzeitig einen 9er-Bus gemietet (die sollen in der Region Hannover schnell knapp geworden sein) und drei 3er-Zimmer in einem preiswerten, da rezeptionslosen Budgethotel gebucht, bevor zigtausend andere 96-Touristen das Thema ebenfalls angingen. Die Rahmenbedingungen für den Trip waren also recht kostenarm abgesteckt. Gut so, da Kopenhagen bekanntermaßen kein günstiges Pflaster ist.

VM99 an Deck

Um Urlaubstage zu sparen, wurde die Anreise erst am Spieltag in aller Frühe angetreten. Auf der A7 nach Norden waren viele Fanbusse und PKW mit 96-Fans zu sehen. Es schien heute in der Tat die schwarz-weiß-grüne Invasion zu werden, von der alle im Vorfeld schwadronierten. Die Fähren von Puttgarden nach Rödby waren vormittags entsprechend fest in roter Hand. Auf unserer trafen wir meine Gruppierungsgenossen der „Verrückten Meute“ und deckten wir uns mit pfandfreiem Dosenbier zu preiswerten Konditionen ein. An Deck der Fähre feierten die meisten anwesenden 96er eine kurze, aber heftige Dosenbierparty. Die Vorfreude auf das heutige Spiel und sein Vorgeplänkel war groß. Da auch die letzten 160km auf dänischen Straßen reibungslos abliefen, konnten wir am frühen Nachmittag Quartier im Viertel hinter’m Bahnhof beziehen. So eine Gegrend ist auch im schönen Dänemark nicht die beste Adresse. Aber für nur eine Nacht, stellten wir keinen hohen Ansprüche und die Zimmer waren noch recht neu und sauber.

96 kilometres to go

Nach dem Check-In führte ich unsere Reisegruppe erstmal zu einem Pizza (und Salat) All-You-Can-Eat-Buffet, welches mir als preiswerter Kalorien-Lieferant vom letzten Besuch in Dänemarks Hauptstadt in Erinnerung geblieben war. Für umgerecht 9,60€ konnten wir uns dort satt essen und geschmacklich war es auch okay. Gut gestärkt ging es nun über „Tivoli“, „Radhuspladsen“ und die Haupteinkaufsstraße „Stroget“ zum gemeinsamen Treffpunkt der Szene; einem Platz namens „Kongens Nytorf“ (Neuer Königlicher Markt). Dieser Platz war der größte der Stadt und er grenzte an den schönen „Nyhavn“ (quasi der eigene Hafen des Marktplatzes). Rund um den „Nyhavn“ gab es zum einen bunte Giebelhäuser (siehe Titelbild) und zum anderen, wie es sich für eine Hafengegend gehört, viele Bars und Tavernen. Das war genau die richtige Gegend für rund 10.000 durstige Deutsche und wir genossen am Platz erstmal ein paar Dosen Carlsberg in guter Gesellschaft. Die Polizei war dort übrigens nur marginal aufgefahren und die anwesenden Beamten zeigten uns gegenüber skandinavische Entspanntheit. Freundlich, hilfsbereit, teils nachsichtig und ohne martialische Ausrüstung auftretend war Kopenhagens Polizei heute zunächst.

Nyhavn

Auch der pyrolastige Marsch von ein paar Tausend Fans zum Stadion wurde weitgehend passiv von der dänischen Staatsmacht begleitet. Da hier jedoch das komische Klientel mit unterwegs war, welches man auch oft bei nahen Auswärtsspielen sieht, und darüber hinaus offenbar noch alle Proleten mit minimalem Fußballbezug aus der Region Hannover den Weg nach Dänemark fanden, gab es leider auch Böllerwürfe und sinnlose Sachbeschädigungen. Hier griff die Polizei teilweise blitzschnell mit zivilen Beamten zu und so mancher juveniler Proll dürfte in einer Zelle ausgenüchtert haben. Wir gingen derweil sehr gemütlich und fielen im dem Tross weit zurück. War auch nicht weiter wild, wir wollten eh noch nicht so früh im Stadion abhängen.

Leichte Athletik im Österbro-Stadion

Bevor wir das dänische Nationalstadion Parken erreichten, machten wir noch einen Abstecher ins benachbarte Österbro Stadion. Dort waren gerade ein paar Leichtathleten und Leichtathletinnen am trainieren und wir stiegen mit ein. Mit Winterkleidung hatten wir aber keine Chance gegen die leichtbekleideten Athleten. Möge Hannover 96 es im deutsch-dänischen Vergleich besser machen, dachten wir uns und zogen weiter zum Parken. Ich tauschte meine Gästekarte dort gegen eine Haupttribünenkarte, weil ich Bock auf beste Sicht hatte (man wird eindeutig älter) und schaute entspannt auf das schöne Intro unserer Fanszene. Mit Glitzerfolien und Fackeln wurde ein sehr ansprechendes Bild gezaubert und neben der für uns Gäste vorgesehenen Hintertortribüne, war auch der komplette Oberrang der Gegengerade mit Hannoveranern belegt. Dazu gab es überall auf der Haupttribüne 96-Nester. Hier waren heute wirklich ca. 10.000 Fans aus Hannover zugegen. Wie sich anschliessend beim Support zeigte, mehr Masse als Klasse. Aber dass man als 96-Fan mal mit 9.999 weiteren Gästefans bei einem Auswärtsspiel im Europapokal auftaucht, hätte ich vor wenigen Jahren noch für völlig undenkbar gehalten.

Choreo der 96-Fans

Die Atmosphäre war auch zunächst ganz ordentlich. Zumindest der harte Kern hinter dem Tor machte in diesem stimmungsfreundlichen Stadion ordentlich Alarm. Und die Ultras des FCK versuchten aus ihrem Block heraus den Gästen nicht ganz das Feld zu überlassen. Die 96-Mannschaft überließ dagegen den Dänen erstmal das Spielfeld. Kopenhagen brauchte die drei Punkte dringender und unsere Mannen wollten deshalb auf ihre Konterstärke setzen. So richtig ließ sich der Gastgeber in der 1.Halbzeit aber noch nicht in die Konterfalle locken. Daher war es 45 Minuten lang ein müder Kick mit wenig Torraumszenen. Eine wirklich gute Chance ergab sich lediglich nach 40 Minuten durch einen Stindl-Kopfball über das Tor. Die Stimmung passte sich im Laufe der Halbzeit ebenfalls dem Kick an. So ein unansehnliches Spiel lockte die breite Masse (breit teilweise im doppelten Wortsinn zu verstehen) natürlich nicht aus der Reserve.

The Parken

In den zweiten 45 Minuten begann es ebenfalls verhalten, aber so langsam kam 96 zu Torchancen. Doch als das Spiel eigentlich im Griff schien, machte N’Doye fast aus dem Nichts das 1:0 für den FCK. Ausgerechnet N’Doye, der 96 im Hinspiel schon zwei der drei fast sicher geglaubten und auch verdienten Punkte raubte. Die FCK-Fans rund um die „Urban Crew“ (bezeichnenderweise mit der CFHH in Hamburg befreundet, was dazu führte, dass Hamburger sowohl im Heim- als auch Gästebereich anzutreffen waren) waren jetzt mal wieder zu hören. Aber Hannover lieferte das Echo auf den Rängen und dem Rasen. Vier Minuten später markierte Jan Schlaudraff sehenswert den Ausgleich und so langsam wird dieser Kerl zu Mr. Europapokal. Fortan machten sich ca. 96% der mitgereisten 10.000 Hannoveraner akustisch bemerkbar und die Mannschaft ließ sich willfährig nach vorne peitschen.

Auch die Tore wurden mit Pyrotechnik zelebriert

Nur drei Minuten nach dem 1:1 überlupfte Lars Stindl die Kopenhagener Verteidigung und hämmerte das Ding aus 17 Metern ins lange Eck. Das Parken war jetzt ein Tollhaus und Stindl tat so als ginge er beim Torjubel an ein bimmelndes Telefon. In Kopenhagen schellt das Telefon… Was für ein geiles Tor, was für ein geiler Jubel! Hannover spielte, mitgetragen von den Fans, das Spiel souverän zu Ende. Heute brachte sie der FCK in den Schlussminuten nicht noch einmal um den verdienten Lohn. Nach dem Abpfiff hatte es dann kaum ein 96-Fan eilig und die Mannschaft wurde gebührend gefeiert. Das Tor zur nächsten Runde war jetzt weit aufgestoßen, da Poltawa wohl eher keine Siegesserie mehr starten wird und man den FCK schon mal im direkten Vergleich hinter sich lassen würde (und aktuell sowieso vier Punkte vor ihnen lag).

Die Mannschaft wurde noch lange nach Abpfiff gefeiert

Nachdem Matchwinner Lars Stindl per Megaphon mit uns das Europapokallied gesungen hatte, gingen wir beseelt aus dem schönen Stadion. In Stadionnähe entdeckten wir zum Glück schnell einen Supermarkt, dessen Biervorräte sich allerdings schon rasant gemindert hatten. Doch wir kamen noch alle an unser Siegesbier und beschlossen mit der Bahn zurück ins Stadtzentrum zu fahren. Man war von dem ganzen Latschen heute und dem mitreißenden Spiel doch ziemlich im Eimer. Und so fiel für ein paar von uns (inklusive mir) die ganz große Sause in CPH Downtown aus. Schade, denn eigentlich hätte dieser Sieg mehr Würdigung am Glas verdient gehabt.

Im Kastellet

Wenigstens mutierten mein Bruder und ich dadurch am folgenden Tag wieder zu Frühaufstehern. Wir wollten noch so viel wie möglich von Kopenhagen mitnehmen und wandelten zunächst auf den gestrigen Pfaden wieder zum „Nyhavn“. Von dort ging es weiter in die Festung „Kastellet“ und danach zur berühmten, aber unspektakulären Meerjungfrau. Jener Mensch-Fisch-Hybrid bekam von uns noch einen Hannoverliebt-Schal umgehangen und dann ging’s weiter durch die Grünanlagen der Innenstadt. Pünktlich zum Wachwechsel erreichten wir schließlich Schloss Amalienborg.

Royaler Touri-Kram

Die weitere Zeit bis zur Abfahrt verbrachten im Anschluss im dänischen Nationalmuseum. Ganz wie es sich für einen ehemaligen und einen aktuellen Geschichtsstudenten gehört. Dort gab es von der Frühgeschichte bis zur neueren Geschichte allerhand zu sehen. Wir legten bei unserem Rundgang den Schwerpunkt auf den Zeitraum von den Bronzezeit bis zum Mittelalter. Gerade aus diesen Epochen gab es die herausragendsten Exponate zu bewundern. So z. B. den „Sonnenwagen von Trundholm“ oder den „Kessel von Gundestrup.“ Hier konnte man gut ein paar Stunden Zeit verbringen. Das taten wir auch, bis irgendwann der Rest vom Fest anrief und zeitnah gen Heimat aufsatteln wollte.

Der Sonnenwagen von Trundholm

Wir hatten das Nationalmuseet bewusst ans Ende unserer Touri-Tour gelegt, da es von dort nur ein Katzensprung zum Hotel war. So waren wir quasi auf Zuruf am abfahrbereiten Auto und traten gut gelaunt die Heimreise an. Das war wieder ein toller Trip, der viel zu bieten hatte. Party, Sightsseing, tolles Spiel und natürlich wie immer auch viel zu lachen. Dieser Europapokal ist genauso cool wie wir immer dachten. Möge dieses Abenteuer nicht so schnell enden! Am besten letzte Runde Bukarest…

Song of the Tour: Kopenhagener Punkband singt über ihre Stadt. Mindestens in der dänischen Musikszene ein Klassiker.