Norrköping 04/2026

  • 28.04.2026
  • IFK Norrköping – Landskrona BoIS 1:3
  • Superettan (II)
  • Norrköpings Idrottspark (Att: 5.816)

Nach zweieinhalb Tagen Stockholm, sollte der kleine Schwedentrip von El Glatto und mir ab Dienstagnachmittag in Norrköping ausklingen. Denn einerseits lag die Stadt eh auf dem Weg in Richtung Heimat und andererseits sollte dort am Dienstagabend der Ball rollen. Entsprechend hatte ich unsere Rückreise bei der DB mit einem Stopover in Norrköping gebucht. Um 12:34 Uhr sagten wir Adjö zur schwedischen Kapitale und knapp 90 Minuten später erreichten wir unser rund 160 km südlich gelegenes Zwischenziel.

Välkommen till Norrköping

Da unser für kommende Nacht gebuchtes Hotell Drott seine Rezeption wegrationalisiert hatte, wurden wir leider nicht umgehend unser Gepäck los. Wir mussten noch auf einen Türcode warten, der uns erst um 15 Uhr virtuell übermittelt werden sollte. Da drängte sich natürlich eine Fika auf und die erstbeste Option in Hotelnähe hieß Mocca Deli. Für zwei Stück Kuchen und zwei Tassen Kaffee wurde die Kreditkarte dort mit 208 SEK (ca. 19 €) belastet.

Caramel Brownie Cheesecake und Oreo Cake bei Mocca Deli

Nach der Kaffeepause war der Türcode auch endlich eingetroffen und die Erkundung der Stadt konnte mit leichten Schultern vonstatten gehen. Wir suchten dabei natürlich erstmal nach dem historischen Kern Norrköpings, konnten aber nicht mal im Ansatz ein mit der Gamla Stan von Stockholm vergleichbares Quartier finden. Obwohl Norrköping spätestens im 14. Jahrhundert die Stadtrechte erhielt und damit nur unwesentlich jünger als die Hauptstadt ist.

Unterwegs im historischen Stadtzentrum

Doch die Stadtchronik klärte schnell auf, dass Norrköping ziemlich lange nur ein beschaulicher Marktflecken blieb und die Geschichte dieses Ortes eigentlich erst im 17. Jahrhundert so richtig an Fahrt aufnahm. Denn 1627 ließ sich der aus den Niederlanden stammende Geschäftsmann Louis De Geer hier nieder und begann einfach schon mal über 100 Jahre früher als die Engländer mit der industriellen Revolution. Dazu machte er sich die Stromschnellen des hiesigen Flusses Motala ström als Antriebskraft für Mühlen und Maschinen zunutze und gründete in Norrköping eine Werft, eine Waffenschmiede, eine Papierfabrik, eine Blechfabrik und eine Textilfabrik.

Die Hedvigs kyrka (17. Jahrhundert), in der u. a. Jacob Reenstierna beigesetzt wurde

De Geer kam obendrein nicht allein aus den Niederlanden nach Norrköping. Petter Speet folgte seinem Landsmann 1637 und gründete eine große Wollfabrik am Motala ström. Außerdem eröffneten die Brüder Jacob, Willem und Abraham Reenstierna im Laufe des 17. Jahrhunderts mehrere industrielle Unternehmen. Ihren Arbeitskräftebedarf deckten die niederländischen Fabrikanten zu großen Teilen durch Migranten aus ihrer alten Heimat, so dass in Norrköping seinerzeit wahrscheinlich mehr auf Niederländisch, als auf Schwedisch über harte Arbeit, schlechte Löhne und zu hohe Bierpreise geflucht wurde.

Am Motala ström entstand bereits im 17. Jahrhundert eine Industrielandschaft

Im 18. Jahrhundert diversifizierte sich die Industrielandschaft am Motala ström weiter. Es siedelten sich u. a. mehrere Zucker- und Tabakfabriken an. Dabei muss insbesondere der aus Stockholm stammende Kaufmann Petter Schwartz erwähnt werden. Der arbeitete ab 1751 zunächst als Buchhalter in der Zuckerfabrik Gripen, ehe er zehn Jahre später die erste Schnupftabakmühle der Stadt eröffnete. Mit ihr avancierte Schwartz zu einem Pionier der industriellen Produktion von Schwedens populärem Rauschmittel Snus.

Der Holmentornet (1750) ist gewissermaßen das Eingangstor zu Norrköpings Industrielandschaft

Im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung durch technische Innovationen zu einem epochalen Phänomen wurde, gewann die Wirtschaft Norrköpings nochmals an Fahrt. Es gab seinerzeit allein 15 große Textilfabriken in der Stadt, in denen in etwa die Hälfte aller schwedischen Kleidungsstücke produziert wurde. Insgesamt war Norrköping damals für über 15 % der gesamten industriellen Produktion des Königreichs verantwortlich. Das übertraf lediglich die Hauptstadt Stockholm (ca. 23 %), während Göteborg und Malmö sich damals noch deutlich hinter Norrköping einsortieren mussten.

Dieser Teil der Industrielandschaft wird heute universitär genutzt

Mitte des 20. Jahrhunderts setzte jedoch wie fast überall in Europa ein tiefgreifender Strukturwandel ein. Die schwedische Textilindustrie konnte dem Preisdruck des globalen Marktes nicht standhalten und nach und nach schlossen alle Fabriken. Norrköping geriet dadurch in eine tiefe wirtschaftliche Krise und musste sich neu erfinden. Es begann eine umfassende Transformation, die der Staat mit der Umsiedlung mehrerer Behörden von Stockholm nach Norrköping unterstützte.

Das so genannte Styrkjärn (Bügeleisen) war einst eine Weberei und beherbergt heute das Museum der Arbeit

Zugleich setzte die Stadt fortan stark auf Kultur und Bildung. Die brachliegende Industrielandschaft wurde restauriert und modernisiert, so dass in die alten Fabrikhallen u. a. mehrere Museen, ein Kino, ein Konzertsaal, ein Kongresszentrum und ein Universitätscampus einziehen konnten. Jene Industrilandskapet gilt mittlerweile als Musterbeispiel für einen gelungenen Strukturwandel und ist heute die lebendige Mitte der von ca. 98.000 Menschen bewohnten Stadt.

Die Brauereigaststätte Knäppingen

Nach unserem Rundgang kehrten wir am frühen Abend unweit des Motala ström in die Brauereigaststätte Knäppingen ein. Die hatten uns mit ihrem Afternoon Deal gelockt, bei man für 239 SEK (ca. 22 €) einen Burger nebst Fritten und Gewürzgurke, sowie 40 cl des hauseigenen Lagerbiers Borracho serviert bekam. Außerdem tranken wir jeder noch für 115 SEK (ca. 10,50 €) die gleiche Menge vom ebenfalls hier gebrauten Gild the Lily (IPA), ehe es gegen 18:30 Uhr zum 800 m entfernten Idrottspark ging.

Double Bacon & Cheese im Knäppingen

In jenem bereits 1903 eröffneten Stadion, das 1958 WM- und 1992 EM-Spielstätte war, empfing der IFK Norrköping um 19 Uhr die Landskrona BoIS. Zwar nur ein Kick der zweitklassigen Superettan, aber wir zahlten pro Ticket trotzdem gern 260 SEK (ca. 24 €). Schließlich zählt der 1897 in Norrköping gegründete Idrottsföreningen Kamraterna mit 13 Meistertiteln und sechs Pokalsiegen zweifelsohne zu den erfolgreichsten Fußballvereinen Schwedens. So viel Tradition hat auch in der 2. Liga eine gewisse Anziehungskraft und mit 5.816 Zuschauern war immerhin über ein Drittel der insgesamt 15.000 Plätze besetzt.

Schalparade bei der Clubhymne

Die seit 1915 aktive Boll och Idrottssällskap aus Landskrona konnte in Sachen Palmarès zwar nicht mit den Hausherren mithalten, durfte aber immerhin schon einen Pokalsieg feiern. Im Jahre 1972 zog die BoIS ins Endspiel ein und bezwang damals ausgerechnet den IFK Norrköping. Außerdem gehörten die beiden heutigen Kontrahenten im Jahre 1924 zu den zwölf Gründervereinen der Allsvenskan. Sie bestritten sogar das offizielle Eröffnungsspiel der bis heute höchsten Spielklasse Schwedens, wobei der Sieger damals ebenfalls Landskrona BoIS hieß.

Hinter der Haupttribüne ging die Sonne unter

Auf der Landkarte der Allsvenskan war Landskrona bisher insgesamt 34 Jahre vertreten (zuletzt 2005) und belegt in Ewigen Tabelle zur Zeit den 15. Platz. Der IFK Norrköping hat hingegen letztes Jahr seine bereits 82. Spielzeit in Schwedens Eliteklasse verbracht (Rang 4 in der Ewigen Tabelle) und möchte selbstredend sofort wieder aus der Superettan aufsteigen. Für dieses Ziel hat Peking* in den ersten drei Saisonspielen zumindest schon sechs Punkte gesammelt, während Landskrona bisher nur drei Punkte auf der Habenseite verbuchen konnte.

Sechs Fans und deren SLO** bevölkerten heute den Gästeblock

Auf dem Papier waren Sportkameraden aus Norrköping also der Favorit. Nur die Wahrheit lag wie immer auf dem Platz. Hier kamen die Gäste aus der südschwedischen Region Skåne (Schonen) besser ins Spiel und gingen schließlich in der 37. Minute durch einen Treffer des erst 18jährigen Angreifers Enes Hebibović in Führung. Großer Jubel bei der kleinen Gästeschar aus Landskrona, lange Gesichter beim Rest des Publikums. Doch noch vor der Pause konnte der IFK zurückschlagen. Die mittlerweile 33jährige Vereinsikone Christoffer Nyman schoss in der Nachspielzeit sein 112. Pflichtspieltor für die Vita-Blå (Weiß-Blauen) und ließ die Curva Nordahl*** beben.

Die Fans feiern den Ausgleich

Der im 1997 gegründeten Dachverband Peking Fanz organisierte Heimanhang ging nun hoffnungsvoll in die Halbzeitpause und bekam 15 Minuten nach dem Seitenwechsel einen weiteren euphorischen Moment spendiert. Denn ihr Tormann Theo Krantz parierte in 60. Minute einen Strafstoß. Allerdings schien das Ereignis eher die BoIS, als den IFK zu beflügeln. So gelang zunächst Gustaf Westström die neuerliche Führung (73.), bevor Gustaf Bruzelius, der auch schon die ersten beiden Treffer der Gäste vorbereitet hatte, endgültig den Deckel drauf machte (88.).

Seit der letzten Stadionmodernisierung im Jahre 2009 ist nur noch die Südtribüne unüberdacht

Nach Abpfiff ging es unsererseits direkt wieder ins Brauhaus Knäppingen. Wir ließen uns zunächst zweimal 40 cl Bitter à 99 SEK (ca. 9 €) zapfen. Als uns bejaht wurde, dass die Küche noch offen ist, bestellten wir außerdem noch eine Kleinigkeit zu beißen. Wir teilten uns eine 195 SEK (ca. 18 €) teure Plock på planka, auf der Wurstwaren, Käse, Gurken, Oliven, Kartoffelchips & hausgemachtes Sauerteigbrot angerichtet waren. Natürlich nichts zum Sattwerden, aber genau richtig für den kleinen Appetit.

Plock på planka

Als die Biergläser sich geleert hatten, waren wir tatsächlich auch schon die letzten Gäste. Statt uns weiter zu bewirten, wollte man lieber um 22 Uhr Feierabend machen. Verständliche Entscheidung, aufgrund derer wir mangels Alternativen schon bald in den Betten der pro Einzelzimmer 60 € teuren Unterkunft lagen. Die liegende Position behielten wir immerhin bis 8 Uhr bei. Wenig später aßen beim ziemlich bescheidenen Frühstücksbuffet unseres Hotel einen Happen und machten anschließend nochmals einen kleinen Stadtspaziergang inklusive Supermarkteinkauf.

In Schwedens Schnellzug X2 ließ es sich komfortabel reisen

Mit reichlich Proviant ging‘s dann um 10:40 Uhr erstmal von Norrköping nach Malmö, wo ich uns eine einstündige Mittagspause in den Reiseplan eingebaut hatte. Wir kehrten gegen 14 Uhr unweit des Bahnhofs in die Spoonery ein, in der eine üppige Portion Köttbullar mit Kartoffeln, Gurkensalat und Preiselbeeren für 155 SEK (ca. 14 €) zu bekommen war (inklusive so viel Brot und Wasser, wie man wollte).

Wir verabschiedeten uns aus Schwedenstilsicher mit einer großen Portion Köttbullar

Im Anschluss an die letzte Mahlzeit dieser Reise gingen wir die kurze Ostseeüberfahrt nach København (Kopenhagen) an und von dort fuhren wir 16:22 Uhr via Hamburg zurück nach Hannover. Die niedersächsische Landeshauptstadt erreichten wir wie geplant um 22:53 Uhr und netterweise bekam nicht nur Glatto einen Taxiservice nach Hause. Da ich am nächsten Morgen bereits weiter nach Österreich reiste und dieser Umweg der werdenden Eltern meine Nachtruhe erheblich verlängern sollte, möchte an dieser Stelle noch ein weiteres Mal für für diese unerwartete Dienstleistung danken.

Song of the Tour: Ein Lied über eine Jugend in Norrköping

*Sowohl die Stadt Norrköping, als auch ihr IFK tragen den Spitznamen Peking. Das liegt daran, dass die Vorsilbe Norr umgangssprachlich sowieso gerne weggelassen wird und Köping eine gewisse phonetische Nähe zu Peking hat. Erst recht, wenn man zum Spoonerismus neigt.

**SLO steht für Supporter Liaison Officer. So werden die offiziellen Fanbeauftragten der Fußballclubs nicht nur im englischsprachigen Raum, sondern auch in Skandinavien genannt.

***Die Heimkurve in Norrköpings Idrottspark hat sich den Namen der Vereinslegende Gunnar Nordahl gegeben. Der gute Gunnar wurde mit dem IFK Norrköping zwischen 1945 und 1948 viermal in Folge schwedischer Meister und in den 1940er Jahren obendrein viermal Torschützenkönig der Allsvenskan. In den 1950er Jahren avancierte Nordahl außerdem zum Topstürmer der AC Milan und feierte in Italien ebenfalls zwei Meistertitel. Mehr noch; er ist mit insgesamt 221 Pflichtspieltoren bis heute Milans Rekordtorjäger. Darüber hinaus hatte Nordahl noch vier Brüder, die auch allesamt für den IFK Norrköping in dessen Glanzzeiten die Stiefel schnürten.