- 14.02.2025
- Hertha BSC – Hannover 96 2:3
- 2. Bundesliga (II)
- Olympiastadion (Att: 41.788)
Am 14. Februar gastierte der Hannoversche Sportverein von 1896 im 40 Jahre jüngeren Berliner Olympiastadion. Zu jenem Spiel gegen die Hertha fuhren wir mit einer neunköpfigen Reisegruppe aus Hildesheim um 8:37 Uhr per ICE. Weil der 14. Februar im Kalender nicht nur für den Weltmettbrötchentag, sondern auch für die Verliebten okkupiert wurde, herrschte übrigens beinahe Geschlechterparität in der Reisegruppe.

Um das Ganze noch romantischer zu machen, hatte der ein oder andere bereits ordentlich Bier für die morgendliche Hinreise eingepackt. Nach der zweistündigen Bahnfahrt ging es außerdem zwecks Frühschoppen in die Charlottenburger Schankwirtschaft Zum Hecht. Definitiv ein Ort, der das Herz bei Kneipenromantikern höher schlagen ließ.

Am derzeit knapp 74.000 Zuschauer fassenden und heute von 41.788 Menschen besuchten Olympiastadion kreuzten wir dann gegen 12:15 Uhr auf. Dort trennte ich mich vorerst vom Rest. Denn meine Wenigkeit saß aus Gewohnheit mal wieder mittig auf der Gegengerade, um wie der heute gesperrte Hertha-Trainer Stefan Leitl von einem zentralen Tribünenplatz das Spielgeschehen bestens im Blick zu haben.

Zu sehen war ab 13:00 Uhr ein als Topspiel zu deklarierendes Zweitligaduell. Denn der derzeit fünftplatzierte Hannoversche SV hatte zuletzt drei Siege in Serie feiern dürfen und war von der Tabellenspitze nur noch hauchzart entfernt. Hertha (aktuell 6. Platz) hatte derweil am Vorwochenende auswärts Elversberg (4.) geschlagen und in der noch jungen Rückrunde Darmstadt (1.) und Schalke (2.) immerhin Punkteteilungen abgerungen. Heute ein Heimsieg gegen den Tabellennachbarn aus Hannover und die Alte Dame wäre ebenfalls wieder auf Tuchfühlung mit den Aufstiegsrängen.

Doch Hertha steckte obendrein eine englische Woche mit einem unglücklich im Elfmeterschießen verlorenen Pokalviertelfinale gegen den SC Freiburg in den Knochen. So wirkte die von rund 6.000 Schlachtenbummlern unterstützte Titz-Elf tatsächlich etwas frischer und kam sehr gut in diese richtungsweisende Partie. Bereits in der 8. Minute durfte aus niedersächsischer Sicht gejubelt werden. Bei einem Leopold-Freistoß hatte sich Boris Tomiak clever jeglicher Manndeckung entzogen und schob aus kurzer Distanz unbedrängt zum 0:1 ein.

Da war der Gästeanhang natürlich ganz verzückt und sang am Valentinstag besonders inbrünstig davon, wie er für seinen Herzensverein die ganze Welt bereist und überall sexuelle Handlungen vollzieht. Doch damit man als 96-Fan zumindest perspektivisch wieder von internationalen Abenteuern träumen darf, muss wahrscheinlich so langsam die Rückkehr in die 1. Bundesliga her. Wie gut daher, dass die Roten Riesen am Drücker blieben und die Führung noch vor dem Pausenpfiff ausbauen konnten. Benjamin Källman durfte sich für sein 13. Saisontor feiern lassen (29.).

Das 0:2 markierte zugleich den Pausenstand und wenn es an der bisherigen Darbietung von 96 irgendwas zu meckern gab, dann höchstens, dass man mit ein, zwei Toren zu wenig in Führung lag. Aber alles in allem war das schon eine sehr aufstiegsreife Vorstellung in den ersten 45 Minuten. Die weckte bei mir sogar wieder so große Gefühle für meine Alte Liebe, dass ich die 2. Halbzeit ausnahmsweise mal im etatmäßigen Gästebereich verbringen wollte.

Okay. Ehrlicherweise wollte ich einfach wieder Bier trinken und mache das halt niemals allein. So freute ich mich in der Pause, dass am Bierstand hinter der Gästekurve alles Hand in Hand ging und ich bei Wiederanpfiff mit zwei alten Freunden und drei frisch Gezapften zusammen in einer großen und starken Wand stand. Blöd nur, dass der Mittelpunkt unseres Lebens wenige Minuten später durch einen Handelfmeter von Fabian Reese den Anschlusstreffer kassierte (53.).

Manchmal geht es eben nicht so wie man will und die 1892 gegründete und nach einem Spreedampfer benannte Hertha drängte in der Folgezeit sogar auf den Ausgleich. Aber die blau-weiße Angriffswelle lud das rote Fußballboot zugleich zu Kontern ein. Einen davon schloss der just eingewechselte Noah Weißhaupt mit seinem ersten Ballkontakt zum 1:3 ab (71.).

Zwischen den Treffern von Reese und Weißhaupt schaffte es außerdem eine gemeinsame Spruchbandaktion der beiden Fanszenen in mein Notizbuch. Zur 60. Minute tauchten in Ostkurve und Marathonkurve nämlich zwei gleich lautete Spruchbänder auf. „Fans & Vereine: Gemeinsam gegen die neuen SV-Richtlinien“ war an diesem Wochenende nicht nur im Berliner Olympiastadion, sondern noch in vielen weiteren Stadien zu lesen. Wir erinnern uns; Innenministerkonferenz im vergangenen Dezember. Fans, Vereine und Verbände konnten zwar zumindest die schlimmsten Szenarien wie personalisierte Tickets oder pauschale Gästefanverbote abwenden. Allerdings soll es auf Wunsch der IMK wenigstens eine neue, verschärfte Stadionverbotsrichtlinie* geben.

Während man hoffen muss, dass die repressive Pläne der IMK nur auf Sand gebaut sind, scheinen die hannoverschen Aufstiegsträume so langsam ein festes Fundament zu bekommen. Jedenfalls änderte auch ein weiteres Berliner Tor in der Nachspielzeit durch Eitschberger nichts mehr am Ausgang des Spiels. Mit dem heutigen Auswärtssieg springt der HSV von 1896 in der Blitztabelle erstmal auf den zweiten Rang und je nach Ausgang der noch ausstehenden Spiele dieses Wochenendes verbleibt man dort vielleicht auch länger als ein nur ein paar Stunden.

Entsprechend euphorisch wurde der Erfolgsmannschaft, die uns heute wieder viel gegeben hatte, nach Abpfiff von den mitgereisten Fans gedankt. Anschließend vereinigte ich mich vor den Stadiontoren wieder mit meinen Mitreisenden. Denn für ein gemeinsames Abendessen hatten wir um 17:30 Uhr noch einen Tisch in der bereits von mir im Oktober 2021 getesteten und für gut befundenen serbischen Restauration Šljiva reserviert (siehe Berlin 10/2021). Doch bis dahin musste noch etwas Zeit überbrückt werden und das taten wir mit Bier in der Moabiter Eckkneipe Zur Quelle. Auch definitiv was für Kneipenromantiker….

Von der Quelle war es am späten Nachmittag nur ein Katzensprung zum in der Arminiusmarkthalle zu findenden Šljiva. Dort bekamen die Biertrinker zwar leider kein Jelen oder Zaječarsko, aber beim mittlerweile erreichten Pegel konnte man auch gut mit Carlsberg oder Kronenbourg leben. Bei Vorspeisen wie Proja sa sirom oder Šopska Salata wurde dem Koch dann alsbald beim Schnitzelklopfen gelauscht. Denn die Mehrzahl hatte sich als Hauptgang für das Karađorđeva šnicla entschieden.

Die von Marschalls Titos persönlichem Koch Mića Stojanović in den 1950er Jahren kreierte Schnitzelrolle wird hier aus paniertem Schweinefilet mit einer Füllung aus Speck, Mascarpone und Kajmak zubereitet. Dazu reicht man Röstkartoffeln, saure Gurke und Tatarsauce. War köstlich und ich möchte zwischen dem zweiten und dem dritten Besuch dieser Lokalität ungern wieder 4,5 Jahre verstreichen lassen.

Während eine Vorhut direkt nach dem Essen zum nahen Berliner Hauptbahnhof aufbrach, blieben ein paar von uns noch am peruanischen Stand der Markthalle kleben und ließen sich Pisco sour für die nahende Heimfahrt abfüllen. Weil sauer bekanntlich lustig macht, wurde es nun eine besonders heitere Rückreise im Bordbistro des um in Berlin abfahrenden ICE 999.
*Obwohl solche Stadionverbote das Hausrecht als Rechtsgrundlage haben, sollen die bisher zuständigen Veranstalter (Vereine, respektive die den Vereinen angeschlossenen Profifußballgesellschaften) fortan außen vor bleiben. Stattdessen sollen DFB und DFL eine bundesweit zuständige Stadionverbotskommission einrichten, welche die Vorgaben der Innenministerkonferenz umsetzt. Die deutschen Fanszenen kritisieren nun, dass dieser Prozess gerade intransparent vorangetrieben wird, anstatt die Fans dabei anzuhören und einzubinden (siehe Stellungnahme der Fanszenen Deutschlands auf Faszination Fankurve).