- 02.10.2025
- KKS Lech Poznań – FK Rapid Wien 4:1
- UEFA Conference League (League Phase)
- Stadion Miejski w Poznaniu (Att: 24.779)
Weil der UEFA-Rahmenterminplan mir bereits im Vorjahr verraten hatte, dass am 2. Oktober 2025 der Ball europäisch rollen wird, verlängerte ich das lange Feiertagswochenende zu Beginns des Monats gern noch um einen weiteren Tag. Ob der Urlaubstag an dieser Stelle des Kalenders wirklich sinnvoll platziert war, erfuhr ich allerdings erst am 31. August 2025. Denn an diesem Tag wurde von der UEFA die Ligaphase der Europa League und der Conference League terminiert. Aus meiner subjektiven Sicht hatte ich leider nicht den allerbesten Spieltag erwischt. Es schafften lediglich die Partien FC Basel gegen VfB Stuttgart und Lech Poznań gegen Rapid Wien in meine engere Auswahl.

Weil in Basel die Tickets über 100 € kosten sollten und eine Übernachtung ebenfalls deutlich dreistellig gekostet hätte, war ich am Ende allerdings geiziger als ein Schwabe. Nun ging es doch lieber nach Poznań (Posen), wo Eintrittskarte (33 €) und Unterkunft (45 €) meine Kreditkarte wesentlich geringer belasten sollten. Auch die Zugfahrt nach Polen war mit 55,69 € in der 1. Klasse ziemlich erschwinglich und startete am 2. Oktober um 8:37 Uhr. Zwei Stunden später war ich in Berlin, wo ich in der DB Lounge mein mitgeführtes Frühstück zusammen mit ein paar Freigetränken verzehrte.

11:52 Uhr ging es dann per EuroCity weiter ostwärts. Poznań erreichte ich um 14:31 Uhr und mir blieben somit noch gute vier Stunden bis zum Anstoß der heutigen Europapokalpartie. Als erstes bezog ich nun mein kleines Apartment im bahnhofsnahen Stadtteil Łazarz (St. Lazarus), in welchem mich die Übernachtung wie erwähnt 45 € kostete. Als zweites checkte ich im Umfeld der Unterkunft die Optionen für ein warmes Essen.

Die Wahl fiel auf das Lokal Projekt Wilson, von dessen Eingangstür mich nur fünf Fußminuten trennten. Hier wird durchgehend warme Küche serviert, so dass ich auch um 15 Uhr problemlos ein Kotlet schabowy bestellen konnte. Das panierte Schweinekotelett wurde mit Kartoffelpüree und Rohkostsalat serviert und kostete zusammen mit einer hausgemachten Limonade 73 Złoty (ca. 17 €).

Nach dem Essen spazierte ich erstmal durch den angrenzenden Park Wilsona, der 1901, ergo noch zu Kaisers Zeiten, als 7,2 ha großer botanischer Garten mitsamt Palmenhaus eröffnet wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) wechselte die Stadt jedoch bekanntlich den Besitzer. Aus Posen wurde Poznań und aus dem Botanischen Garten der Ogród botaniczny. Weil die Polen wussten, wem sie dafür Dank schuldeten, benannten sie den Park allerdings 1927 nochmal um. Mit dem Namen Park Wilsona sollte Woodrow Wilson (* 1856; † 1924) posthum in Poznań geehrt werden. Denn nach dem Krieg war Wilson als damaliger Präsident der USA maßgeblich für die europäische Neuordnung und die Rückkehr Polens* auf die Weltkarte verantwortlich.

Da sind wir also schon wieder mitten in der bewegten Geschichte von Poznań. Wer darüber mehr aus meiner Feder lesen will, den muss ich nun jedoch auf meine älteren Reiseberichte aus dieser Stadt verweisen. Insbesondere auf den ausführlichen Report Poznań 10/2019. Heute hingegen sparte ich Altbekanntes in der Altstadt aus und nutzte den Restnachmittag stattdessen für mir bisher unbekanntes Terrain zwischen dem Hauptbahnhof und dem Stadion von Lech.

So durchstreifte ich nach dem Park Wilsona auch die benachbarten Straßenzüge von Łazarz. Kam einem alles irgendwie vertraut vor, da der Stadtteil im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden ist und dementsprechend ausschaut wie alle „deutschen“ Wohnquartiere aus der Gründerzeit. So sind die symmetrisch angeordneten Straßen und Plätzen von meist vierstöckiger und teilweise reich verzierter Gründerzeitarchitektur in Blockrandbebauung gesäumt. Vieles wurde in jüngerer Zeit saniert, so dass Łazarz aktuell wahrscheinlich zu den begehrteren Wohngegenden der wirtschaftsstarken 540.000-Einwohner-Stadt zählt.

Aber es gibt auch Architektur jüngeren Datums in Łazarz. So ist im Norden des Stadtbezirks beispielsweise das im Wesentlichen in den 1920er Jahren erbaute Messegelände zu finden, auf das ich heute übrigens aus meinem Schlafzimmerfenster blicken durfte. Die hiesige Messegesellschaft Międzynarodowe Targi Poznańskie ist außerdem auch der aktuelle Betreiber der markanten Hala Arena im Park Jana Kasprowicza (Jan-Kasprowicz-Park). Jene kreisrunde Multifunktionshalle aus Stahl, Beton und Aluminium wurde 1974 eröffnet und hat sich offensichtlich den 17 Jahre älteren Palazzetto dello Sport in Roma (Rom) zum architektonischen Vorbild genommen.

Als ich um das brutalistische Bauwerk schlich, war es mittlerweile 17:30 Uhr. Daher machte ich mich von dort direkt zum 2,5 km entfernten städtischen Stadion auf. An der 1980 eröffneten für die EM 2012 grundlegend modernisierten Sportstätte traf ich kurz nach 18 Uhr ein und genoss noch ein bisschen das Flair auf dem Stadionvorplatz. Exakt 18:30 Uhr und somit eine Viertelstunde vor Spielbeginn nahm ich dann meinen 140 Złoty (ca. 33 €) teuren Platz im Block R3 auf der Gegengerade ein, von wo ich beide Fanlager bestens im Blick haben sollte und aufgrund der Randlage sogar eine Sitzreihe für mich alleine hatte.

Übrigens hatte ich vor ziemlich genau drei Jahren in der Gruppenphase der UEFA Conference League beim Spiel von Lech gegen Austria Wien für gerade einmal 60 Złoty mehr eine VIP-Karte mit Speis und Trank bekommen (Vgl. Poznań 09/2022). Heute wurden für die gleiche Ticketkategorie (Strefa Silver) hingegen 320 Złoty (ca. 75 €) aufgerufen. Das spricht für ordentlich Inflation in den letzten Jahren.

Für die „normalen“ Ticketpreise fehlen mir die Vergleichszahlen, aber die dürften auch eher nicht günstiger geworden sein. Nichtsdestotrotz teilte ich mir das Stadion mit mehr Menschen als vor drei Jahren. Damals kamen 20.102 Zuschauer, heute waren 24.779 der insgesamt 42.837 Plätze besetzt. Auch der Gästesektor soll diesmal deutlich voller gewesen sein. Angeblich hatte die Rapid aus Wien-Hütteldorf 1.000 Tickets abgesetzt, während der Lokalrivale aus Wien-Favoriten seinerzeit nur von rund 500 Schlachtenbummlern begleitet wurde.

Der Anhang des österreichischen Rekordmeisters, der die vorerst letzte der insgesamt 32 Meistertrophäen*** übrigens 2008 überreicht bekam, hatte außerdem ein paar hundert grüne und weiße Fähnchen dabei. Mit diesen, sowie einer Banderole mit der Aufschrift „Forza Rapid Wien“, wurde die Gastmannschaft kurz vor Anpfiff von ihren Fans empfangen. Das goutierten die heute in ihren roten Auswärtsdressen auflaufenden Spieler mit Applaus, bevor sie Aufstellung auf dem Feld nahmen.

In der Heimkurve gab es leider keine besondere Fanaktion. Allerdings herrschte dauerhaft ein nettes optisches Erscheinungsbild, weil im Unterrang alle weiße Shirts und im Mittelrang alle blaue Shirts trugen (der Oberrang war mangels Nachfrage nicht in den Verkauf gegangen). Ferner sorgten die Lechici mit gewohnt hoher Geschlossenheit bei Hüpfeinlagen und Gesängen und mit ihrer brachialen Lautstärke natürlich auch ohne Choreographie für einen stimmungsvollen Fußballabend.

Bei so einem Gegenpart hatten es die ebenfalls durchgängig aktiven Gästefans natürlich schwer, sich Gehör zu verschaffen. Zumal die Kräfteverhältnisse auf dem Rasen heute ähnlich eindeutig verteilt waren. Der amtierende und insgesamt neunfache polnische Meister erzielte bereits nach wenigen Sekunden das vermeintliche 1:0, doch Lechs Stürmer Claudy Mbuyi stand hier hauchzart im Abseits. In der 13. Minute, als Luis Palma nach einer unglücklichen Faustabwehr von Tormann Niklas Hedl das Netz ein zweites Mal zappeln ließ, war jedoch alles regelkonform. Entsprechend wurde der enthusiastische Torjubel der Kolejorz (Eisenbahner) diesmal nicht abgewürgt.

Nur sieben Minuten später sah Hedl ein zweites Mal blöd aus. Einen eher harmlos wirkenden Torschuss von Palma konnte er nur unzureichend abwehren, so dass Lechs Toptorjäger Mikael Ishak zum 2:0 abstauben konnte. Da ich keine direkten Sitznachbarn hatte, war ich übrigens einer der wenigen Stadionbesucher, die dieses Tor sahen. Denn just während dieses Angriffs zelebrierte fast das komplette Heimpublikum auf allen vier Tribünen den berühmten Poznań. Nebenbei ist dieses kollektive Einhaken und Hüpfen mit dem Rücken zum Spielfeld mittlerweile so sehr Markenzeichen von Lech geworden, dass der Club jetzt sogar diverses Merch unter dem Motto „Let’s all do the Poznań“ vertreibt und seine Spiele mit diesem Claim bewirbt.

Der Grundstein für die Kommerzialisierung dieser besonderen Fandarbietung wurde übrigens vor fast genau 15 Jahren am 21. Oktober 2010 gelegt. Damals gastierte Lech Poznań im Rahmen der UEFA Europa League bei Manchester City. Das englische Publikum beeindruckte die spezielle Hüpfeinlage der etwa 6.000 polnischen Gästefans so sehr, dass sie es dauerhaft adaptierten und das Ganze einfach The Poznań nannten. Nun zog die Nummer noch größere Kreise und mittlerweile ist The Poznań ein fester Begriff in der englischen Sprache, der seit 2019 sogar einen eigenen Eintrag im Cambridge Dictionary hat.

Weil Noel und Liam Gallagher treue Anhänger von Manchester City sind, ist der Poznań außerdem ein kleiner, aber feiner Bestandteil der aktuellen Welttournee von Oasis. So forderte Liam bisher bei jedem Konzert vor der Performance des Songs „Cigarettes & Alcohol“ folgendes vom Publikum: „Everybody turn around, take each others arms and do the Poznań to this tune!“ Da etliche Medien dieses Phänomen bei ihrer Konzertberichterstattung aufgriffen und über die Hintergründe aufklärten, hat Oasis indirekt auch Lech Poznań ein ganzes Stück bekannter auf der Welt gemacht. Der polnische Club sendete den prominenten Botschaftern jüngst Fanpakete, aber in Merch von Lech wurden die Gallaghers bisher dennoch nicht in der Öffentlichkeit gesichtet.

Doch zurück zum Spiel… Mit den lautstarken Fans und der Führung im Rücken blieb der am 19. März 1922 gegründete Kolejowy Klub Sportowy (Eisenbahnersportverein) weiter dominant. Rapid schwamm mächtig, aber Hedl konnte immerhin etwas Wiedergutmachung betreiben, indem er in der 34. Minute einen Handelfmeter von Ishak parierte. Doch Lech bekam weiterhin etliche Einladungen zu Angriffen, als wolle man sich nochmal für die Rettung Wiens durch Jan Sobieski im Jahre 1683 bedanken. Das wusste Lechs Flügelspieler Taofeek Ismaheel in der Nachspielzeit des ersten Durchgangs schließlich zum wahrscheinlich vorentscheidenden 3:0 zu nutzen.

Nach dem Seitenwechsel gingen die Poznaniacy zumindest auf dem Rasen etwas gebremster zu Werke, was den Grün-Weißen nach einer guten Stunde immerhin den Anschlusstreffer durch Andrija Radulović ermöglichte (64.). Vielleicht passiert nun noch was in der berühmten Rapid-Viertelstunde****, war meine ganz kleine Hoffnung auf etwas Spannung in der Schlussphase. Nur kaum war die eingeläutet, machte Lechs Joker Leo Bengtsson (77.) den Sack endgültig zu.

Um 20:41 Uhr erlöste der irische Unparteiische Hennessy die Wiener dann endlich von ihrem Leid. Wobei die Gästefans aufgrund ihrer Blocksperre noch gezwungen waren dem Gegner beim Feiern zuzuschauen. Als sie irgendwann ihre ca. 700 km lange Rückreise antreten konnten, lag ich wahrscheinlich schon im Bett. Denn da ich heute bereits13,12 km zu Fuß gelatscht war, nahm ich nun die erstbeste Tram und war eine gute halbe Stunde nach Abpfiff zurück im Apartment.

Schnell noch der Welt bei Instagram mitgeteilt, wo man heute beim Fußball war und dann gingen die Augen tatsächlich relativ zeitnah zu. Aber gut so, da ich am nächsten Morgen schon wieder früh aus den Federn musste, um meinen kleinen internationalen Trip von Polen nach Tschechien fortzusetzen. Somit werdet ihr im Folgebericht als Content garantiert Pivo und Klobasa geliefert bekommen.
*Von 1795 bis 1919 existierte Polen de facto nicht. Die angrenzenden Großmächte Russland, Preußen und Österreich hatten sich instabile politische Verhältnisse in Polen zu Nutze gemacht und das Land komplett untereinander aufgeteilt.
**Der Legende nach sollen dereinst zwei Ziegenböcke von der Schlachtbank auf den Rathausturm geflohen sein. Dort rangen sie mit ihren Hörnern und belustigten die Bürger und Würdenträger auf dem Marktplatz so sehr, dass diese beschlossen in die Turmuhr zwei mechanische Ziegenböcke zu installieren, welche bis heute Schlag Mittag aus dem Turm hinausfahren und sich mit ihren Hörnern stoßen. Mittlerweile sind Ziegenböcke so etwas wie die inoffiziellen Wappentiere der Stadt Poznań, sowie des Kolejowy Klub Sportowy Lech.
***Streng genommen hat Rapid sogar 33 Meistertitel, aber der Gewinn der Deutschen Fußballmeisterschaft im Jahre 1941 unter den bekannten politischen Umständen der damaligen Zeit hat natürlich keine Relevanz für das Etikett österreichischer Rekordmeister.
****Wahrscheinlich begannen die Rapid-Anhänger bereits vor über 100 Jahren damit die Schlussviertelstunde klatschend einzuläuten und somit der Mannschaft nochmal einen Anschub zu geben. Da früher tatsächlich viele Rückstände, insbesondere auch in wichtigen Spielen, in der Rapid-Viertelstunde gedreht wurden, war schnell ein Mythos geboren, der bis heute folkloristisch gepflegt wird.