Magdeburg 10/2026

  • 10.10.2026
  • 1. FC Magdeburg – Hannover 96 3:0
  • 2. Bundesliga (II)
  • Heinz-Krügel-Stadion (Att: 26.502)

Hannover 96 hat 2025/26 die beste Zweitligasaison seit dem Abstieg 2019 gespielt und die Aufstiegsplätze nur knapp verpasst. Dennoch ging der verantwortliche Trainer Christian Titz nach einen enttäuschenden Saisonfinale mit kaum Kredit in die neue Spielzeit. Zugleich wurde von Martin Kind mit Jonas Boldt ein neuer Geschäftsführer installiert, der offenbar bei der Kaderplanung keine gemeinsame Linie mit dem Trainer fand. Blöd, da viele Stammspieler aus der Vorsaison den Club verlassen hatten und Martin Kind nur ein bescheidenes Budget für Neuzugänge bewilligte. Nichtsdestotrotz hieß das Saisonziel mehr oder weniger offen Aufstieg und gemessen an dieser Zielsetzung legte Hannover 96 einen Fehlstart hin. Nach fünf Ligaspielen standen lediglich vier Punkte auf dem Konto und der Geschäftsführer bekam vom greisen Gesellschafter das Go den Trainer zu wechseln.

Kuttenpower

Während U23-Trainer Lars Barlemann interimsweise übernahm und kurz vor einer dreiwöchigen Länderspielpause gegen den VfL Bochum immerhin mit der Mannschaft den zweiten Saisonsieg feiern durfte, präsentierte Boldt den Nachfolger von Titz. Es wurde Sandro Wagner. Der selten um kontroverse Statements verlegene Ex-Nationalspieler hatte zwar letztes Jahr in Augsburg seine Premiere als Cheftrainer einer Profimannschaft grandios vergeigt, aber Kind und Boldt offenbar in den Gesprächen überzeugt. Kind adelte den neuen Mann an der Seitenlinie gar als einen „kleinen Mini-Klopp“. Dieser seltsame Pleonasmus fußte auf Kinds Eindruck, dass Wagner sehr offen, sehr freundlich und sehr kommunikativ sei und eine starke Fähigkeit zu motivieren besäße.

Der neue 96-Trainer (heute als kleiner Mini-Kompany verkleidet)

Ob der 82-jährige mit seiner Analyse richtig liegt und Wagner wirklich ein Upgrade zu Titz ist, wird sich zeigen müssen. Ein erstes Fazit ist wahrscheinlich in ein paar Wochen seriös. Aber als Fan war man natürlich trotzdem gespannt auf das erste Spiel unter dem neuen Trainer und gemeinsam mit Olbert, Musche, Schmalbe und Iwen ging es am 10. Oktober per PKW von Hildesheim via Gandersheim nach Magdeburg. Dabei wurde direkt der Gästeparkplatz des Heinz-Krügel-Stadions* angesteuert, wo ich mich erstmal vom Rest trennte. Denn ich hatte wie gewohnt eine Haupttribünenkarte (31,50 €) und befand mich dort in guter Gesellschaft von weiteren 96ern wie Lumi und Nik.

Ein vier Euro teures Mittagsessen im Stadionumlauf

Heimseitig stand der heutige Spieltag ganz im Zeichen einer Tragödie, die sich dieser Tage zum zehnten Mal jährt. Es war der späte Abend des 1. Oktobers 2016, als der 25-jährige Hannes Schindler per Zug mit drei Freunden von Haldensleben nach Magdeburg fahren. Die vier FCM-Anhänger trafen in der Regionalbahn auf eine größere Gruppe Fans des Halleschen FC, die sich auf der Rückreise eines Auswärtsspiels befanden. Es kam offenbar sofort zu Anfeindungen und Handgreiflichkeiten. Wenig später wurde eine Tür des fahrenden Zuges notentriegelt und Hannes stürzte die Böschung hinunter. Dabei verletzte sich der junge Mann sehr schwer und erlag am 12. Oktober 2016 seinen Verletzungen.

Choreo für Hannes

Der genaue Hergang ließ sich bis heute nicht aufklären. Aber nach der Veröffentlichung des mehrteiligen und meines Erachtens hörenswerten Podcast Der Zug von Auf Ex Productions und der Süddeutschen Zeitung ergaben sich offenbar neue Ermittlungsansätze. Entsprechend rollen Polizei und Staatsanwaltschaft das Ganze gerade nochmal auf und vielleicht gibt es doch noch eine Antwort darauf, ob Hannes aus Panik aus dem Zug gesprungen ist oder eine Fremdeinwirkung in der Auseinandersetzung ursächlich für den Sturz war.

Zwei Lichter der Erinnerung

Der Block U gedachte Hannes heute mit einem Gedenkmarsch zum Stadion und einer Blockfahne beim Einlaufen der Mannschaften. Auf dieser waren das Konterfei von Hannes, sowie die Wappen des FCM und des Kreises Börde (Hannes Heimat) zu sehen. Es folgte eine Ansprache eines Freundes von Hannes, der die große Trauer und den Wunsch nach Aufklärung emotional in Worte fasste.

Gedenkbanner der Gästefans

Bei der anschließenden Gedenkminute leuchteten außerdem zwei Fackeln auf dem Vorsängerpodest des Block U auf und alle 26.502 hielten einen Moment inne. Dabei sei erwähnt, dass die etwa 3.000 mitgereisten Fans in den Gästesektoren sich nicht nur respektvoll am gemeinsamen Schweigen beteiligten, sondern auch ein Gedenkbanner für Hannes dabei hatten. „Hannes unvergessen – Ultras sterben nie“ wurde auf der Zaunkrone entrollt.

96 wurde von 3.000 Schlachtenbummlern nach Magdeburg begleitet

Auf die Stille folgte der Lärm, den man von diesem Stadion normalerweise gewohnt ist. Denn kaum rollte der Ball, lud Hannover 96 die Hausherren zum Toreschießen ein. Franz Roggow verarbeitete ein Zuspiel von 96-Schlussmann Weinkauf in Strafraumnähe zu fahrig und Magdeburgs Kwarteng luchste ihm den Ball ab, um ihn sogleich an Weinkauf vorbei ins Netz zu schieben (3.).

Ein schwarzes Gedenkbanner der Magdeburger blieb das Spiel über hängen

Auch nach dem frühen Schock fand die Wagner-Elf oft nicht die richtigen Mittel gegen das Magdeburger Pressing. Das daraus resultierende Übergewicht der Blau-Weißen verwertete Iyoha noch vor der Pause per Abstauber zum 2:0 (30.). Lumi, Nik und ich kamen zu einer übereinstimmenden Halbzeitanalyse. Das war bisher nichts und es wird wahrscheinlich ein historischer Nachmittag. Denn immerhin hat Hannover 96 bisher jedes Auswärtsspiel im Heinz-Krügel-Stadion gewonnen.

Schalparade der Heimkurve

Die vage Hoffnung, dass Wagner in der Pause ein genialer taktischer Kniff gelingt oder die von Kind gerühmten Motivationsfähigkeiten des neuen Trainers für ein anderes Auftreten sorgen, erfüllte sich leider nicht. Zwar war nach Wiederanpfiff eine kleine Anfangsoffensive der Roten auszumachen. Doch Neubauer und Chakroun scheiterten bei ihren Abschlüssen an Reimann im Magdeburger Tor.

Fruchtlose Angriffsbemühungen der Roten

Nach wenigen Minuten hatten die Blau-Weißen das Spiel aber wieder im Griff und 96 hatte Glück, dass Żukowski beim vermeintlichen 3:0 in der 55. Minute im Abseits stand. In der Folgezeit kamen die Gäste aus Niedersachsen nur noch selten zu Abschlüssen. Lediglich ein Pfostentreffer von Hartel (72.) ließ nochmal aufhorchen. Aber es ging ohne Anschlusstreffer in die Schlussphase und das ideenlos wirkende Anrennen der 96-Elf produzierte mehr gefährliche Kontersituationen als eigene Torgefahr. Eine dieser Kontergelegenheiten nutzte Żukowski schließlich für die Entscheidung (86.).

Heute durfte nur der FCM-Anhang jubeln

Wenige Minuten nach dem dritten Tor wussten die Magdeburger dann endlich wie sich ein Heimsieg gegen Hannover anfühlt. Obendrein klettert die Mannschaft von Petrik Sander in der Tabelle mit nun 13 Punkten auf Rang 4. Als der FCM zuletzt so gut stand, hieß deren Trainer noch Christian Titz. Hannover 96, dass übrigens am Ende der Vorsaison ebenfalls mit Christian Titz so gut platziert war, rutscht dagegen auf Rang 13 ab.

Grüße an Michael Schjønberg

Wagner resümierte nach der Niederlage, er habe noch sehr viele Themen mit der Mannschaft. Die hatten wir auf der von dänischen Frustbieren geprägten Rückfahrt auch. Aber trotz sehr negativer Grundstimmung in Sachen 96; es war erst einmal nur ein misslungenes Debüt. Findet der Trainer schnell Antworten auf seine vielen Themen und folgen gegen St. Pauli, den Erzrivalen aus Ostniedersachsen und Kaiserslautern dreimal Wagner-Festspiele, sähe die Welt schon wieder ganz anders aus. Das Fußballfandasein lebt nunmal von einer unerschütterlichen Hoffnung. Wir werden sehen, ob Wagner dieser Hoffnung bald einen Nährboden gibt oder Martin Kind die mittlerweile sechsundneunzigste personelle Fehltentscheidung getroffen hat.

*Heinz Krügel (* 1921; † 2008) war von 1966 bis 1976 Cheftrainer des 1. FC Magdeburg. Er feierte in dieser Zeit drei nationale Meistertitel und zwei Pokalsiege mit dem FCM. Außerdem wurde er mit dem Club 1974 sensationell Europapokalsieger. Wer mehr über diesen größten internationalen Vereinserfolg des DDR-Fußballs lesen will, wird in meinem Bericht Magdeburg 05/2024 fündig.