Hoyerswerda & Dresden 09/2025

  • 20.09.2025
  • SV Laubusch – SV Radibor 1:3
  • Kreisliga A Westlausitz (IX)
  • Glück-Auf-Stadion (Att: 60)

Selbstverständlich wollte ich das auf Sonntag den 21. September terminierte Gastspiel des HSV von 1896 bei der SG Dynamo nicht ohne mein Beisein stattfinden lassen. Da mir besagter Sonntag mit ca. 10 Stunden auf der Schiene und zwei Stunden Fußball allerdings nicht ideal gefüllt vorkam, buchte ich mir bereits für den Vortag eine 20,99 € teure Frühaufsteherverbindung von Hannover nach Dresden (Abfahrt: 6:36 Uhr).

Dieser Mitropa-Speisewagen war eines der Schmuckstücke am Tag der Schiene in Leipzig

Es fehlte zwar an richtigen Straßenfegern in sächsischen Stadien an jenem Samstag, aber dafür bot sich das Beseitigen eines blinden Flecks auf meiner Deutschlandkarte an. Dementsprechend sollte es von Dresden unmittelbar weiter ins Lausitzer Braunkohlerevier gehen. Blöd nur, dass mein InterCity um 9:15 Uhr außerplanmäßig in Leipzig endete. War letztlich aber doch kein Beinbruch, da mein angedachter Spielbesuch nicht in Gefahr geriet. Außerdem ermöglichten 45 Minuten ungeplanter Aufenthalt in Leipzig einerseits eine Erfrischung in der DB Lounge und andererseits einen Blick auf teils museales Rollmaterial. Denn heute war zufällig Tag der Schiene am Leipziger Hauptbahnhof.

Diese Lok der DR-Baureihe 130 wurde in der sowjetischen Diesellokomotivfabrik „Oktoberrevolution“ in Voroshilovgrad* gefertigt

Um 10:00 Uhr ging es per proppenvollem RegionalExpress weiter gen Osten. Eine Stunde später musste ich nochmal in Priestewitz umsteigen, ehe ich um 12:18 Uhr mein Zwischenziel Schwarzkollm (obersorbisch Čorny Chołmc) erreichte, wo ich es heute auf die Krabatmühle im Koselbruch abgesehen hatte.

Krabat-Denkmal in der Schwarzkollmer Dorfmitte

Da der Sommer mit in der Spitze 29° C nochmal ein kurzes Comeback feierte, spazierte ich nun in der brütenden Mittagshitze gute zwei Kilometer durch Schwarzkollm. Übrigens ein sehr gepflegtes sorbisches Reihendorf mit etlichen für die Region typischen Vierseithöfen, sowie vielen kleinen und großen Referenzen an die Krabat-Sage.

Die Krabatmühle im Koselbruch

Jener sorbischer Sagenstoff spielt in der Schwarzen Mühle im Koselbruch, die allerdings im 19. Jahrhundert abgebrannt ist. In der jüngeren Vergangenheit wuchs jedoch die Motivation eine neue Mühle zu bauen. Die Gelder für die Finanzierung sammelte der Krabatmühle-Schwarzkollm e. V. ein und 2010 konnte dieser regionale Verein im Koselbruch einen ca. 10.000 m² großen Erlebnishof rund um die Krabat-Sage eröffnen, welcher mittlerweile über 50.000 Besucher pro Jahr anlockt.

Kleine, kostenlose Mühlenbegehung

Herzstück des kostenlos besuchbaren Erlebnishofes ist natürlich die Mühle, die nach historischen Vorbildern aus der Region errichtet wurde und deren Mühlentechnik original aus älteren Getreidemühlen stammt. Darüber hinaus finden in der Mühle und in den anderen Gebäuden des Hofes viele Requisiten aus einer Krabatverfilmung von 2008 eine Anschlussverwendung.

Teilansicht des Erlebnishofes

Auf dem gleichermaßen der touristischen Entwicklung der Region und der sorbischen Kultur- und Brauchtumspflege dienenden Gelände existieren außerdem noch einige in traditioneller Holzbauweise errichtete Wirtschaftsgebäude. So gibt es u. a. einen Souvenirshop, Ferienunterkünfte, ein eigenes Backhaus, ein Restaurant und einen Biergarten. Letzteres regte mich natürlich zu einem kleinen Mittagessen im Koselbruch an. Genossen wurden Letscho mit Bratwursteinlage (6,50 €) und Krabat Pils (3,20 €).

Mein kleines Mittagsmahl in Schwarzkollm

Nach dem wirklich köstlichen Imbiss war mittlerweile 14 Uhr durch und ich musste zum heutigen Fußballspiel aufbrechen. Ich hatte mich für die Kreisligapartie des SV Laubusch gegen den SV Radibor im ca. 4,5 km von der Krabatmühle entfernten Glück-Auf-Stadion entschieden. Diese 1955 eröffnete und ca. 5.000 Zuschauer fassende Sportstätte erreichte ich kurz vor Anpfiff und entrichtete gern 3 € Eintritt zur Förderung des lokalen Breitensports.

Für 3 € Gebühr durfte ich dieses Tor durchschreiten

Fußball wird in Laubusch übrigens seit 1919 gespielt. Damals gründeten Bergleute der hiesigen Braunkohlegrube Erika den 1. FC Schwarz-Weiß Grube Erika. Nachdem der Spielbetrieb im Zweiten Weltkrieg zum Erliegen gekommen war und 1945 im besetzten Deutschland erstmal alle Vereine aufgelöst werden mussten, ging es in der sowjetischen Besatzungszone zunächst als SG Johnny Schehr** Grube Erika weiter. Ab 1950 firmierte man als BSG Aktivist Laubusch und in Summe war der Club im DDR-Fußball immerhin zwei Jahrzehnte drittklassig unterwegs.

Während ich dieses Foto knipste, spielte die Stadionregie das Steigerlied

Nach der Wende benannte man sich 1990 in SV Laubusch um und wurde in die Bezirksklasse einsortiert. Mittlerweile ist es seit einigen Jahren nur die Kreisliga, aber angeblich soll bei Kracherspielen wie den Derbys gegen den SV Lauta immer noch gut was los sein im Glück-Auf-Stadion. Der heutige Kick gegen den 1922 gegründeten SV Radibor war jedoch offensichtlich kein Kracher, so dass sich lediglich 60 Zuschauer auf den Rängen verteilten. Ich hoffe dennoch, dass die Laubuscher Fangruppe mit dem genialen Namen Ultima Erika ihre Aktivität nicht grundsätzlich eingestellt hat und von ihr weiterhin ausgewählte Spiele mit Support, Pyrotechnik und Choreographien veredelt werden.

Sitzplatztribüne und Funktionsgebäude des Glück-Auf-Stadions

Heute erwartete mich hingegen ein absolut ruhiger Fußballnachmittag, weshalb ich zuvorderst den Spielern lauschte. Dabei fiel schnell auf, dass die Gastmannschaft untereinander geschlossen auf Sorbisch kommunizierte. Dementsprechend befragte ich eine künstliche Intelligenz auf meinem Smartphone nach der Bevölkerungszusammensetzung von Radibor. Verlässliche Zahlen bekam ich zwar nicht, aber alle Quellen sind sich einig, dass Radibor zu den sorbischsten Dörfern im Sorbenland gehört.

Die stolz wehende Clubfahne vor der Clubhausterrasse

Vielleicht war die „Geheimsprache“ sogar ein Wettbewerbsvorteil. In jedem Fall bekamen die Sorben keine Gelben Karten wegen Meckerns, während der Schiedsrichter die deutschsprachige Heimmannschaft gleich mehrfach aus diesem Grund verwarnte. Allerdings haderten die Laubuscher bei zwei ihrer drei Gegentore zurecht mit dem Schiedsrichter. Ferner fielen alle Gegentore, und auch der zwischenzeitliche Anschlusstreffer, im ersten Durchgang. Entsprechend viel langweilte ich mich in der 2. Halbzeit. Aber da der nächstbeste Zug am 2,3 km entfernten Schwarzkollmer Bahnhof erst 17:18 Uhr fahren sollte, gönnte ich meiner Haut bis zum Abpfiff um 16:48 Uhr noch etwas Farbe auf den sonnigen Traversen.

Bereits in der 35. Minute erzielte Radibor per Strafstoß den Endstand von 1:3

Dann ging es mit besagtem Zug weiter ins wenige Minuten Fahrzeit entfernte Hoyerswerda (obersorbisch Wojerecy), wo ich mich heute für eine Nacht im Dormero Hotel eingebucht hatte. Doch zunächst spazierte ich am Zielort natürlich erst einmal mit gewohnt großem Geschichtsinteresse durch die Gassen der vom Volksmund nur Hoywoy genannten Stadt (Kofferwort aus der jeweils ersten Silbe des deutschen und sorbischen Ortsnamens).

Unterwegs in den Gassen von Hoywoy

Jener Ort wurde übrigens 1268 erstmals urkundlich erwähnt. Damals war Hoyerswerda ein sorbisches Dorf, welches sich im Schatten einer im Zuge der deutschen Ostkolonisation errichteten Burg zu einer städtischen Siedlung entwickelte. Die Stadtrechte bekam Hoyerswerda dann 1423 verliehen. Fortan durften Märkte abgehalten werden, was Hoyerswerda in einer damals dünn besiedelten Gegend zu einem regionalen Zentrum für Handwerk und Handel machte.

Straßenszene in der Hoyerswerdaer Altstadt

Eine Zäsur bedeutete jedoch der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648), in jenem die Stadt beinahe jährlich von durchziehenden Heeren geplündert wurde. Nach diesem verheerenden Krieg fiel Hoyerswerda an das Kurfürstentum Sachsen. Die neuen Herrscher machten sich an den Wiederaufbau und die Revitalisierung von Stadt und Umland, doch eine wahre Blütezeit vermerkt die Chronik erst wieder ab 1704. Im jenem Jahr überließ Kurfürst August der Starke die einstige Burg, die mittlerweile ein Renaissanceschloss war, mitsamt der lehnsrechtlich zugehörigen Stadt an seine zeitweilige Mätresse Katharina von Teschen.

Das ursprünglich im 15. Jahrhundert errichtete Rathaus, welches 1680 nach einem Stadtbrand seine heutige Gestalt bekam

Die auf Betreiben ihres Liebhabers auch in den Fürstenstand erhobene Katharina ließ das Schloss Hoyerswerda im Stile des Barock zu einem repräsentativen Wohnsitz umbauen und erweitern. Ferner modernisierte sie die städtische Verwaltung, reformierte das Schulwesen und förderte insbesondere das Handwerk in Hoyerswerda. Nach über 30 Jahren trat sie ihre Herrschaft schließlich im Jahr 1737 gegen eine Jahresrente von 18.000 Talern wieder an das Kurfürstentum ab.

Das nach 1990 teilweise rekonstruierte Schloss

Sachsen verlor große Teile der Oberlausitz mitsamt Hoyerswerda wiederum im Jahr 1815 an Preußen. Ein wesentlich größerer Umbruch erwartete die Stadt ein halbes Jahrhundert später allerdings mit der Industrialisierung. 1873 bekam Hoyerswerda einen Bahnanschluss und anschließend entstanden mehrere Industriebetriebe (u. a. Glasfabriken), sowie eine größere Eisenbahnreparaturwerkstatt. Ferner begann im ausgehenden 19. Jahrhundert rund um Hoyerswerda der Abbau von Braunkohle.

Das um 1830 erbaute einstige königlich preußische Landratsamt

Doch erst nach einer von 1933 bis 1945 währenden braunen Schreckensherrschaft führte ein weiterer großer Umbruch dazu, dass die Braunkohle für eine regelrechte zweite industrielle Revolution in Hoyerswerda sorgte. So gehörte die Lausitz von 1949 bis 1989 zur DDR und dieser sozialistische Staat setzte für seinen Energiebedarf primär auf die reichen Braunkohlevorkommen in jener Region. 1952 wurde deshalb bei einer Gebietsreform der Großteil der Lausitz zum so genannten Energiebezirk Cottbus zusammengefasst und 1955 beschloss der Ministerrat der DDR den Bau eines Gaskombinats vor den Toren Hoyerswerdas.

Immer noch Energiebezirk oder mittlerweile Dynamoland?

Das Gaskombinat Schwarze Pumpe*** sollte Braunkohletagebau, Brikettproduktion, Kokerei und Kraftwerke zur Energiegewinnung vereinen und letztlich einen Großteil der DDR mit Strom und Wärme versorgen. Ergo ein gigantischer Betrieb, der schon bald zehntausende Arbeitskräfte beschäftigte. Somit ging mit dem Bau des Kombinats auch die Errichtung einer komplett neuen Wohnstadt einher. Diese Hoyerswerdaer Neustadt sollte in Plattenbauweise Wohnraum für bis zu 38.000 Einwohner bieten. Doch selbst das war zu defensiv geplant. Denn dank der Schwarzen Pumpe stieg die Einwohnerzahl von Hoyerswerda binnen 2,5 Jahrzehnten von ca. 7.500 (1955) auf 71.124 (1981). Ein schönes filmisches Zeugnis dieser Epoche ist nebenbei der für’s DDR-Fernsehen produzierte Dokumentarfilm Gundi Gundermann über einen Schaufelradbaggerfahrer und Liedermacher aus Hoyerswerda.

Filmtipp

Nach der Wende brach der Bergbau- und Energiesektor fast komplett zusammen und der Strukturwandel erwischte die kaum diversifizierte Wirtschaft in und um Hoyerswerda sehr hart. Hohe Arbeitslosigkeit führte zu hoher Abwanderung, so dass die Bevölkerung nach der deutschen Wiedervereinigung um rund 45 % schrumpfte. Dazu schrieb Hoyerswerda im September 1991 sehr unrühmliche Schlagzeilen, als dort mehrere Tage lang rassistisch motivierte Angriffe auf ein Wohnheim für ausländische Vertragsarbeiter und eine Flüchtlingsunterkunft stattfanden. Nachdem die Bewohner der Einrichtungen allesamt unter Polizeischutz aus Hoyerswerda evakuiert wurden, deklarierte die Naziszene Hoyerswerda feierlich zur ersten ausländerfreien Stadt Deutschlands und hoffte leider nicht vergeblich auf Nachahmer in anderen Städten.

Ein Teller mit griechischen Grillspezialitäten

Aber ein paar Ausländer gibt es mittlerweile wohl wieder in Hoyerswerda. Denn nach meinem kleinen Abendbummel durch Hoywoy suchte ich gegen 18:30 Uhr das gut besuchte griechische Restaurant Akropolis auf. Nachdem es dort gleich einen Ouzo zur Begrüßung gab, orderte ich ein großes dunkles Bier (5,80 €) und den Dimatra-Teller (22,50 €). Vorweg gab es den zum Gericht gehörenden kleinen Salat und dann wurde mir ein Teller mit Gyros, Souvlaki, Souzouki, Knoblauchkartoffeln und Zaziki serviert. Das Fleisch war durch die Bank großartig und auch der Zaziki war fantastisch. Kleine Abzüge gibt es nur, weil die Kartoffelscheiben Convenience aus der Tiefkühltruhe waren.

Mein Zimmer in Hoyerswerda

Beim Bezahlen gab es noch einen Granatapfellikör auf’s Haus und anschließend ging es ins diese Nacht (inklusive Frühstück) lediglich 60 € teure Dormero Hotel. Dort erwartete mich ein schönes Zimmer mitsamt einer kostenlosen Minibar. Aber einen Malus gab es dennoch. Es war nämlich leider keine Klimaanlage vorhanden. Da die Temperaturen selbst in der Nacht nicht unter 20° C fallen sollten, wurde eine derartige technische Einrichtung wirklich sehr von mir vermisst.

  • 21.09.2025
  • Dynamo Dresden – Hannover 96 2:2
  • 2. Bundesliga (II)
  • Rudolf-Harbig-Stadion (Att: 31.733)

Am nächsten Morgen ging’s nach einem erfrischenden Duschbad gegen 7:30 Uhr ans Frühstücksbuffet. Dort wurde die für ein Mittelklassehotel gewohnte Kost geboten. In jedem Fall fand ich genug zum Sattwerden und checkte alsbald nach der ersten Mahlzeit des Tages aus. Anschließend schaute ich mir noch kurz das neben dem Hotel stehende Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion an, wo gestern übrigens auch ein Spielbesuch möglich gewesen wäre und eigentlich sogar angedacht war. Aber die Kombi aus Krabatmühle und Glück-Auf-Stadion fand ich letztlich doch attraktiver als den Kick vom Hoyerswerdaer FC gegen den FSV Neusalza-Spremberg. Hinter der Bude in Hoywoy mache ich dann eben irgendwann anders einen Haken.

Frühstückszeit

Von der einstigen Heimspielstätte der früheren BSG Aktivist Schwarze Pumpe spazierte ich nun bei schnell steigenden Temperaturen zum etwa drei Kilometer entfernten Hauptbahnhof. Dort ging es um 9:33 Uhr zusammen mit vielen Dynamofans per Deutschlandticket nach Dresden. Gute 2,5 Stunden vor Anpfiff der heutigen Fußballpartie erreichte der Zug seinen Endbahnhof Dresden-Neustadt, so dass ich ohne Zeitdruck noch ein wenig durch die gegenwärtig von ca. 565.000 Menschen bewohnte sächsische Hauptstadt flanieren konnte.

Das Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion in Hoyerswerda

Ich war bekanntlich schon oft in Dresden. Dementsprechend hatte ich heute einerseits keine touristische Bucket List und andererseits kann ich an dieser Stelle für Kultur- und Reisetipps oder historische Ausführungen auf meine älteren Berichte verweisen. Diesbezüglich ist Dresden 09/2019 wahrscheinlich der interessanteste oder zumindest der umfangreichste Reisebericht.

Die Dresdner Frauenkirche

Ferner nahm mir heute auch die Mittagshitze etwas die Motivation für große Kilometerleistungen. Stattdessen wurde es mehr oder weniger der direkte Weg vom Bahnhof Dresden-Neustadt zum Rudolf-Harbig-Stadion. Aber an dem lagen u. a. der Goldene Reiter, die Semperoper, der Zwinger und die Frauenkirche. Gibt sicher schlechtere Routen für einen Stadtspaziergang im so genannten Elbflorenz.

Der 1975 von Leoni Wirth geschaffene Hyazinthenbrunnen

Am Stadion kreuzte ich letztlich um 12:45 Uhr, und somit exakt 45 Minuten vor Anpfiff auf. Nachdem dort mein 49 € teures Ticket für die Haupttribüne gescannt war, musste erstmal ein kleines Mittagessen her. Obwohl ich noch gar nicht wieder groß Hunger hatte… Doch nach Abpfiff erwartete mich eine eng getaktete Rückreise mit Nahverkehrszügen, bei der wahrscheinlich keine Zeit für ein warmes Abendessen bleiben würde. Somit zwang mich mein Mitgefühl für Zukunftsschneppe zur Investition von 6 € für eine Nudelbox mit Tomatensauce, Jagdwurst und Reibekäse.

Mein Mittagessen

Nach dem Verzehr dieser Pasta alla Germania dell’Este freute ich mich natürlich auf einen schönen und für 96 hoffentlich siegreichen Kick vor ausverkauften Rängen. Um diese Kulisse noch schicker zu machen, hatten sich die hannoverschen Schlachtenbummler eine schöne Choreografie überlegt. So wurde auf den Stehrängen des Gästesektors zu Spielbeginn eine Blockfahne im Stile eines 96-Wimpels ausgerollt. Der benachbarte und ebenfalls komplett ausgelastete Sitzplatzbereich sekundierte mit einem Fahnenmeer in schwarz, weiß und grün.

Dresdner Schalparade vor dem Anpfiff

Auch auf dem Rasen sah das gästeseitig schon wieder ganz gut aus. Bereits in den ersten zehn Minuten kam 96 zu vielversprechenden Abschlüssen. Die vorerst beste Chance hatte Ime Okon in der 10. Minute bei einem Eckstoss. Doch der Kopfball des Südafrikaners wurde von Dresdens Faber in höchster Not geblockt.

Ein kleines Fahnenmeer…

Beim anschließenden Konter war Dynamo wiederum nur per Foul zu stoppen und Neuzugang William Kokolo (von Stade Lavallois) sah die Gelbe Karte. Doch bevor der fällige Freistoß ausgeführt werden konnte, spurtete Schiedsrichter Burda an die Seitenlinie. Der VAR hatte sich eingeschaltet und ich konnte mir zunächst keinen Reim auf diesen Eingriff machen. War das taktische Foul von Kokolo doch schlimmer, als es aussah? Gab es gerade eine versteckte Tätlichkeit?

…und ein übergroßer Wimpel

Doch statt 96 war überraschenderweise der Hausherr der Leidtragende. Denn der VAR wies auf ein Handspiel von Faber in der Szene kurz zuvor hin. Burda wurde von den Videoaufzeichnungen überzeugt und zeigte zum Frust der Sachsen auf den Punkt. Den Strafstoß für die Niedersachsen trat nun der Österreicher Benedikt Pichler und verwandelte sicher. Großer Frust beim Heimpublikum und noch größerer Jubel im bisher eh schon gut aufgelegten Gästesektor.

Mit der Forderung bin ich d’accord

In der Folgezeit behielt der am 12. April 1896 gegründete Hannoversche SV die Spielkontrolle, doch die exakt 57 Jahre jüngere SG Dynamo hatte ganz im Stile einer Sportorganisation der inneren Sicherheitsorgane den eigenen Strafraum abgeriegelt. Immer wieder scheiterte der HSV an der Abwehrmauer und kassierte obendrein in der 35. Minute per Eigentor von Virgil Ghiță den Ausgleich. Nun war die SGD plötzlich im Spiel und Fröling konnte wenig später bei einem Eckstoß sogar zum 2:1 abstauben (41.). Aber die Gastmannschaft fand prompt die passende Antwort. In einem mutmaßlichen Günter-Schabowski-Moment ließen die Strafraumschützer den Hannoveraner Aseko durch und dieser sorgte in der 43. Spielminute mit einem Traumtor aus der Drehung für den Pausenstand von 2:2.

Der Gästeanhang freut sich über Asekos Ausgleich

Nach dem Seitenwechsel hofften die etwa 3.000 mitgereisten 96-Fans natürlich auf weitere Tore ihrer Lieblingsmannschaft. Die kam gut aus der Kabine und geriet darüberhinaus rasch in Überzahl. Denn in der 54. Minute flog Dresdens Sapina nach grobem Foulspiel vom Platz. Mit etwas zu viel Arroganz rechnete ich nun definitiv mit einem Auswärtssieg und der damit verbundenen Rückeroberung der Tabellenführung. Allerdings war der antihannoversche Schutzwall weiterhin kaum löchrig und Aseko war leider zur Pause ausgewechselt worden. Es schien schon bald so, als könnten nur noch Regelwidrigkeiten wie Untertunneln, Überfliegen oder ein Durchbruchsversuch mit dem 96-Mannschaftsbus zu einem dritten Tor verhelfen.

Wenn Dresdner ausnahmsweise mal lustig sein wollen, frühstücken sie wahrscheinlich solche Clowns

Doch Leopold hatte keinen Spaten dabei, Rochelt zauberte kein kurioses Fluggerät aus dem Hut und der Busfahrer musste wahrscheinlich seine Lenkzeiten einhalten. Somit tickte die Uhr gnadenlos zugunsten des achtfachen DDR-Meisters. Dabei entzückte natürlich jeder schwarz-gelbe Ballgewinn und jeder schwarz-weiß-grüne Fehlschuss das Heimpublikum. Die Gästefans mühten sich derweil auch weiterhin redlich der 12. Mann zu sein. Aber wahrscheinlich hätten sogar zwölf Hannoveraner heute kein Tor mehr gegen zehn Dresdner erzielt.

Auch per Freistoß war die Dresdner Abwehrmauer nicht zu überwinden

Stattdessen hatte die SGD in der Schlussphase sogar bei ein, zwei Kontern das dritte Tor auf dem Fuß. Letztlich ging das Spiel aber halbwegs leistungsgerecht mit 2:2 über die Ziellinie. Mein Fazit: Die Titz-Elf braucht für solche Spiele dringend einen Plan B und die Fanszene muss sich vielleicht mal ein Lied auf die Melodie von David Hasselhoffs „Looking for Freedom“ überlegen. Möglicherweise hätte so ein Fangesang vor fünf Wochen in Cottbus oder heute in Dresden für den Fall der Abwehrmauer gesorgt.

Sächsisches Sonnenbaden

Kurz nach Spielende saß ich dann mit einem hasselhoffschen Ohrwurm in einer Tram gen Hauptbahnhof und erhielt so noch mühelos einen Sitzplatz im schon bereitstehenden RE nach Leipzig. Der war nämlich erwartungsgemäß megavoll, als er schließlich 16:15 Uhr in Elbflorenz losrollte. Aber pünktlich war er wenigstens. Dementsprechend bekam ich mühelos meinen Anschluss in Leipzig. Auch alle weiteren Umstiege auf meiner per Deutschlandticket bestrittenen Rückfahrt klappten planmäßig, so dass ich kurz nach 22 Uhr Heimatboden betrat und wenig später im Bett lag.

Song of the Tour: Anstatt Hasselhoff, darf es in dieser Rubrik letztlich doch Gundermann sein

*Diese Diesellokomotivfabrik wurde 1896 von der Russkoye obshchestvo mashinostroitel’nykh zavodov Hartmana (Russische Gesellschaft der Hartmannschen Maschinenbauwerke) im damals zum russischen Zarenreich zugehörigen ukrainischen Luhansk errichtet. Nach der Oktoberrevolution bekam die Fabrik 1922 von den Sowjets ihren neuen Namen, während Luhansk zwischenzeitlich in Voroshilovgrad umbenannt wurde (zu Ehren des sowjetischen Volkskommissars Kliment Voroshilov).

**Johnny Schehr war ein am 9. Februar 1896 in Altona geborener KPD-Funktionär. Nachdem die Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtergreifung den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann verhaftet hatten, übernahm Schehr im Frühjahr 1933 kommissarisch den Vorsitz der notgedrungen in den Untergrund abgetauchten Kommunistischen Partei Deutschlands. Doch durch einen Verräter in den eigenen Reihen, konnte die Gestapo Schehr am 13. November 1933 aufspüren und festnehmen. In Haft wurde Johnny Schehr am 1. Februar 1934 von den Nazis ermordert.

***Die Bezeichnung Schwarze Pumpe leitet sich von einem früheren Gasthof namens Zur Schwarzen Pumpe zwischen Spremberg und Hoyerswerda ab. In jenem Gasthof hatte sich ab 1955 der Aufbaustab des geplanten Kombinats einquartiert und somit wurde Schwarze Pumpe erst zum Synonym und später tatsächlich auch zum offiziellen Namen für das Großprojekt.