Ahlen 09/2025

  • 06.09.2025
  • Rot Weiss Ahlen – SV Lippstadt 08 2:1
  • Oberliga Westfalen (V)
  • Wersestadion (Att: 905)

Auf dem Weg nach Kiel hatten Jojo und ich uns am letzten Augustwochenende ein paar Gedanken über das erste Septemberwochenende gemacht. Denn an diesem sollte der Profifußball aufgrund von Länderspielen ruhen. Ostdeutsche Optionen wie die Pokalspiele vom FC Carl Zeiss in Greiz und vom Halleschen FC in Weißenfels hatten am Ende das Nachsehen gegenüber dem Topspiel der Oberliga Westfalen. Dieses sollten am Samstagabend (18 Uhr) Rot Weiss Ahlen und der SV Lippstadt 08 im Ahlener Wersestadion bestreiten.

Sieh an, Ahlen hat einen Aal als Wappentier

Die abendliche Anstosszeit ermöglichte uns natürlich auch eine späte Anreise. So starteten wir erst nach Anbruch der zweiten Tageshälfte in unseren jeweiligen Wohnorten, trafen uns in Minden und erreichten unseren Zielort schließlich um 15:32 Uhr. Das wiederum ermöglichte uns vor dem Kick noch einen kleinen Streifzug durch die größte Stadt des Kreises Warendorf (ca. 53.000 Einwohner), sowie ein vorgezogenes Abendessen.

Ararat hat satt gemacht

Um Letzteres kümmerten wir uns zuerst und suchten dafür das orientalische Grillrestaurant Ararat in der Ahlener Fußgängerzone auf. Jojo entschied sich dort für einen Dönerteller (14 €) und einen Ayran (2 €), während ich eine kleine Grillplatte (22 €) und einen Cay (2 €) orderte. Wir waren beide sehr zufrieden mit dem Gereichten, wurden beim Genuss jedoch von einer lärmenden Menschenmenge gestört. Das war wiederum der Ahlener Fanmarsch, der sich gegen 16 Uhr in Bewegung gesetzt hatte und die Innenstadt dabei lautstark beschallte.

Der Ahlener Fanmarsch

Während die hiesige Fanszene somit frühzeitig das Wersestadion aufsuchte, schlenderten wir nach dem Essen noch ein wenig durch die bereits 850 erstmals urkundlich erwähnte Stadt. Wobei es sich damals noch um einen sächsischen Edelhof handelte, um den sich im Frühmittelalter offenbar eine kleine Siedlung mitsamt einer Pfarrkirche namens St. Bartholomäus gebildet hatte. Die wiederum ist bis heute im Herzen Ahlens zu finden, verdankt ihr spätgotisches Antlitz allerdings einem großen Aus- und Umbau im 15. Jahrhundert.

Die seit dem 9. Jahrhundert verbriefte Kirche St. Bartholomäus

Besagte Siedlung bekam anno 1214 das Marktrecht verliehen und schloss sich im 14. Jahrhundert der Hanse an. Die kommenden Jahrhunderte entwickelte sich Ahlen zu einer westfälischen Handelsstadt, wenngleich Feuersbrünste, Seuchen und Kriege – insbesondere der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) – immer wieder für Rückschläge sorgten. Diese Katastrophen gehören wiederum zu den Gründen, warum die mittelalterliche Bausubstanz heute nur noch bedingt vorhanden ist.

Häuserzeile am Ahlener Markt

Ferner sorgte ein Strukturwandel im 19. Jahrhundert für große Veränderungen im Stadtbild. Denn 1847 bekam Ahlen einen Eisenbahnanschluss, der zugleich die Industrialisierung an diesem Ort einleitete. Dazu entdeckte man Steinkohlevorkommen vor den Toren der Stadt, die von 1913 bis 2000 von der Zeche Westfalen gefördert wurden. Der Arbeitskräftebedarf dieses Bergwerks, plus dessen wirtschaftliche Nebeneffekte, sorgten für rasches Bevölkerungswachstum. Das wiederum erzwang den Bau einer Zechensiedlung und weiterer neuer Wohngebiete. Insgesamt stieg Ahlens Einwohnerzahl von ca. 15.000 im Jahre 1913 auf über 25.000 im Jahre 1933.

Die Pfarrkirche St. Marien wurde ursprünglich im 13. Jahrhundert erbaut und im frühen 20. Jahrhundert im Stile der Neogotik nahezu komplett neu errichtet

Das Jahr 1933 markiert jedoch leider auch den Beginn der NS-Diktatur in Deutschland, die unweigerlich in den Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) führte. Ahlener Bürger fanden in diesem verbrecherischen Krieg zuhauf an der Front oder in den Vernichtungslagern den Tod. Dazu forderten die insgesamt 45 Luftangriffe auf Ahlen ebenfalls Todesopfer und zerstörten neben Industriebetrieben auch rund 5 % der Wohngebäude der Stadt. Eine Skizzierung der Ahlener Stadtgeschichte nach 1945 erspare ich mir nun. Ich möchte aber unbedingt noch erwähnen, dass ich vor vielen Monden ein Semester zur deutschen Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1949 hatte und dabei natürlich auch das Ahlener Programm der CDU zum Lehrstoff gehörte. Das wurde am 3. Februar 1947 in Ahlen als Grundsatzprogramm dieser damals noch jungen Partei beschlossen und beginnt legit mit folgenden Worten:

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.

Auszug aus dem Ahlener Programm der CDU

Anstatt das kapitalistische Wirtschaftssystem hat die CDU allerdings später lieber das Ahlener Programm eingesargt. Oder es irgendwann in der Werse versenkt, an der Jojo und ich gegen 17:15 Uhr vom Stadtzentrum zum seit 1997 nach diesem Fluss benannten Stadion spazierten (eröffnet wurde die Sportstätte hingegen 1949 als Glückaufkampfbahn). Dort kauften wir an der Tageskasse Tickets à 16 € für die Haupttribüne und staunten nicht schlecht über den hochmotivierten Ordnungsdienst. Der nahm uns die Ladekabel für die Smartphones ab, da die laut Stadionordnung verboten seien. Für uns beide eine Premiere, obwohl wir seit Jahren fast bei jedem Spielbesuch derlei gefährliche Wurfgeschosse in den Taschen haben.

Willkommen im Wersestadion

Von unseren Plätzen im heute insgesamt von 905 Zuschauern besuchten Wersestadion sahen wir nun, dass die Willi Pott Tribüne* bereits eine Choreografie vorbereitete. Sie sollte ganz im Zeichen des Ahlener Stadtwappens stehen, welches ein Aal ziert. Dieses Wappen war nicht nur auf die heutigen Mottoshirts, sondern auch auf etliche rote und weiße Papptafeln gedruckt worden. Ferner hatte man es auf eine große Blockfahne gepinselt, die beim Einlaufen der Mannschaften am Stadiondach hochgezogen wurde. Leitspruch des Ganzen: „Hier an der Werse trägst du den Aal im Wappen“

Ahlener Aal-Choreo

Mir fehlen natürlich Einblicke und Referenzen, aber ich glaube heute war der Mobilisierungsgrad der Heimszene deutlich höher als sonst und auch der akustische Support, bei dem die Lieder teilweise per Snaredrum begleitet wurden, wusste zu gefallen. Schön, dass beim ehemaligen Zweitligisten (2000 bis 2006 und 2008 bis 2010) immer noch was los ist. Wenngleich die mitunter tristen Jahre seit der Insolvenz im Jahre 2011 natürlich ihren Tribut forderten und einst tonangebende Gruppen wie Tribuna Unida (gegründet 2008) und Comprades (2011) sich mehr oder weniger zurückgezogen haben. Weiterhin aktiv sind jedoch das Kollektiv Rot Weiss (2022) und die durchaus auch als schlagkräftig bekannte Gruppe Block G (seit 2008 aktiv). Sie versammeln sich nun mit anderen alten und neuen Aktivposten hinter dem Banner Willi Pott Tribüne.

Der Gästesektor am heutigen Abend

Ansonsten fiel mir noch auf, dass sich seit meinen drei Spielbesuchen mit Hannover 96 – zuletzt 2007 im DFB-Pokal – auch ein bisschen was am Wersestadion getan hatte. So investierte man als damaliger Stadioneigentümer die Einnahmen aus dem Verkauf von Marco Reus – 2009 für geschätzt 1 Mio € zu Borussia Mönchengladbach gewechselt – in Steine anstatt Beine. Sogleich zu Beginn der Saison 2009/10 wurde nämlich die Südtribüne erweitert und überdacht. Weitere Ausbaupläne lagen bereits in der Schublade, doch irgendwie gingen die Finanzkalkulationen nicht richtig auf und nach dem zweiten Zweitligaabstieg im Sommer 2010 folgte in der kommenden Saison die bereits erwähnte Insolvenz. Damals fiel das Wersestadion übrigens zurück an die Stadt Ahlen, während der Hauptnutzer in die 5. Liga zurückgestuft wurde.

Blick zur inoffiziellen Marco-Reus-Tribüne auf der südlichen Hintertorseite

Zwar kickte Rot Weiss Ahlen 2015 bis 2017 und 2021 bis 2024 zwischenzeitlich wenigstens wieder viertklassig, aber letztes Jahr folgte ein erneuter Abstieg in die Oberliga Westfalen und in der Vorsaison war man meilenweit vom Wiederaufstieg entfernt. Diese Spielzeit gehört der Aufstieg sicher auch nicht zu den erklärten Zielen, aber einen besseren Saisonstart als die errungenen vier Punkte aus den ersten vier Spielen hätte es sicher trotzdem sein dürfen. Zumal heute mit dem SV Lippstadt 08 der derzeitige Klassenprimus angereist war, der noch ohne Niederlage ist und bereits zehn Punkte auf der Habenseite verbuchen konnte. Verliert RW Ahlen heute, muss man definitiv von einem Fehlstart sprechen.

Ahlener Arme

Favorit waren also die Lippstädter, über deren Stadt, Verein und Fanszene ich übrigens im Vorjahr etwas mehr geschrieben habe (siehe Lippstadt 02/2024). Doch der 1996 durch eine Fusion von TuS Ahlen (gegründet 1945) und Blau-Weiß Ahlen (1929) entstandene Hausherr wirkte beflügelt von der heutigen Kulisse und bestimmte auf dem Rasen zunächst das Geschehen. Auf erste gute Chancen folgte in der 22. Minute schließlich die verdiente Führung, die Hakan Sezer aus gut 20 Meter nach einem zunächst abgewehrten Eckstoß erzielte und damit für großen Jubel bei einem Großteil des Publikums sorgte.

Die Fanszene Lippstadt begleitete ihre Gesänge immer mal wieder mit vereinzelten Fackeln

Während die rund 120 Lippstädter im Gästebereich akustisch ganz gut dagegen hielten, fand die von Los Aliados & Co angepeitschte Mannschaft allerdings bis zum Pausenpfiff keine gute Antwort auf den Rückstand. Somit ging es mit 1:0 in die Kabinen. Doch nach dem Seitenwechsel sahen wir endlich ausgewogenere Spielanteile und der SV Lippstadt 08 bekam nun ein paar gute Gelegenheiten zum Ausgleich. Zugleich hatten die Ahlener aber auch ein paar Mal das 2:0 auf dem Fuß. Dennoch blieb die 2. Halbzeit lange torlos und für wahre Höhepunkte musste nochmals die Willi Pott Tribüne sorgen. So tauchten sie ihren Fanblock in der 70. Minute in roten Fackelschein und erleuchteten außerdem den Ahlener Abendhimmel mit etwas Feuerwerk.

Ladekabel nehmen sie dir am Eingang ab, aber Pyrotechnik kommt natürlich wieder ohne Probleme durch die Kontrollen…

Als die Rauchschwaden dieser Pyroaktion gerade wieder abgezogen waren, kam es in der 77. Minute zu einem vielleicht spielentscheidenden Foulspiel im Lippstädter Sechzehner. Den fälligen Strafstoß verwandelte Sergio Gucciardo zum 2:0 und der erste Saisonsieg schien zum Greifen nah. Der SVL musste nun alles nach vorne werfen und bei den zwangsläufigen Kontermöglichkeiten der einst als Leichtathletik Rasensport** firmierenden Rotweißen lag mehrfach das 3:0 in der Luft.

Der Strafstoß zum 2:0

Doch ein dritter Torjubel war den Ahlenern nicht vergönnt. Stattdessen verkürzte Lippstadts Joker Tom Koncielnik in der 89. Minute noch auf 2:1 und dank sechs Minuten Nachspielzeit witterten Spieler und Schlachtenbummler aus der Rumeniggestadt plötzlich wieder Morgenluft. Sie versuchten nochmal alles, während das Ahlener Wappentier zum Zitteraal mutierte. Bis um Punkt 22 Uhr endlich der den Heimsieg besiegelnde Abpfiff erfolgte.

Lippstädter Freudenfeuer

Während die Fans den wichtigen Sieg sicher noch gebührend mit der Mannschaft gefeiert haben, brachen Jojo und ich unverzüglich auf. Denn 22:24 Uhr fuhr unser erstbester Zug gen Heimat am ca. 1,5 km vom Wersestadion entfernten Bahnhof ab. Den bekamen wir noch problemlos und ebenso klappten dank pünktlicher Bahnen die Anschlüsse in Minden und (meinerseits) in Hannover. Somit war ich bereits 23:13 Uhr zurück in Hildesheim. Netter Halbtagesausflug, der mir nochmal vergegenwärtigte, dass hin und wieder auch mal interessante Amateurspiele im benachbarten Westfalen steigen.

Song of the Tour: Die passende Band zu Stadtwappen und Choreo

*Willi Pott (* 22. November 1934; † 28. Juni 2024), hauptberuflich von 1950 bis 1989 Bergmann in der Zeche Westfalen, war zunächst bis 1964 aktiver Fußballer beim TuS Ahlen. Er blieb diesem Verein, bzw. dessen Nachfolgern LR und Rot Weiss Ahlen, bis an sein Lebensende treu und erwarb sich vor allem als Zeugwart und Betreuer der ersten Mannschaft (1970 – 2010) den Ruf die gute Seele des Vereins zu sein. Die aktive Fanszene ehrte Pott posthum mit der inoffiziellen Umbenennung der Gegengerade des Wersestadions in Willi Pott Tribüne und versammelt sich nun hinter der gleichnamigen Zaunfahne auf eben jener Tribüne.

**Die im Bericht erwähnte Fusion im Jahr 1996 wurde im Wesentlichen vom damaligen Mäzen Helmut Spikker initiiert. Dem gehörte ein Kosmetikunternehmen namens LR International, weshalb er auf den Namen LR Ahlen für den Fusionsverein drängte. Weil Sponsoren als Bestandteil von Vereinsnamen in Deutschland jedoch nicht erlaubt sind (Ausnahme Werksvereine), wurde LR einfach zur Abkürzung für Leichtathletik (und) Rasensport deklariert. Mit Spikkers Zuwendungen konnten die Ahlener sich dann zunächst im Profifußball etablieren und viele namhafte Spieler und Trainer an die Werse locken. Der größte Name war wahrscheinlich Vladimir Jugović, der während seines Karriereherbstes in der Saison 2004/05 zum Zweitligaverbleib beitrug. Doch ein Jahr später wurde das Klassenziel nicht mehr erreicht und nach dem Abstieg in die 3. Liga beendete Spikker sein Engagement. Es erfolgte die Umbenennung in Rot Weiss Ahlen, während der drastisch reduzierte Etat den Fokus der Kaderplaner auf den eigenen Nachwuchs lenkte. Dort wiederum tummelten sich u. a. die späteren Nationalspieler Kevin Großkreutz und Marco Reus.