- 30.08.2025
- KSV Holstein – Hannover 96 1:2
- 2. Bundesliga (II)
- Holstein-Stadion (Att: 14.757)
Weil 96 mir zur Zeit so viel Freude wie schon lange nicht mehr bereitet, habe ich mir erstmals seit der Saison 2014/15 wieder eine Dauerkarte gekauft. Ebenso habe ich diese Spielzeit vor möglichst viele Auswärtsspiele zu besuchen. Ergo sollte es nach Ausflügen gen Düsseldorf und Cottbus (siehe Berlin & Cottbus 08/2025) am 4. Spieltag auch nach Kiel gehen. Freundlicherweise hatten KSV-Vereinsmitglieder für Jojo und mich wie bereits 2023 (Vgl. Kiel 12/2023) zwei Tickets besorgt und die Anreise regelten wir per Deutschlandticket.

Es ging um 6:19 Uhr von Hannover via Verden, Rotenburg und Hamburg nach Kiel, wo wir zusammen mit einem Großteil der aktiven Fanszene um 10:34 Uhr eintrafen. Doch während der Mob sogleich das Stadion ansteuerte, hatten Jojo und ich erstmal andere Pläne. So warfen wir gerne noch einen Blick auf die Förde (siehe Titelbild) und außerdem musste dringend ein Frühstück her.

Wir hatten beide Bock auf Rührei mit Sucuk und fanden im Zentrum der 250.000-Einwohner-Stadt schnell ein Lokal mit diesem Gericht auf der Speisekarte. Im Al Basha bekamen wir für 10,90 € neben Ei und Knoblauchwurst auch einen Teller mit Beigemüse, einen Brötchenkorb und ein Heißgetränk nach Wahl. Allerdings waren wir mit dem Gereichten nicht vollends zufrieden. So war die Portion ziemlich klein und anstatt Aufbackbrötchen hätten wir Fladenbrot und Simit erwartet.

Aber ohne das ganz große Völlegefühl hatten wir immerhin noch Motivation für einen kleinen Streifzug durch die Innenstadt. Dabei fiel schnell auf, dass Kiel für eine Stadtgründung aus dem 13. Jahrhundert sehr wenig wirklich alte Bausubtanz hat und selbst die historische Altstadt zuvorderst Nachkriegsbebauung aufweist. Das liegt einerseits daran, dass man bereits um das Jahr 1900 einiges an historischen Häuserzeilen für neue Wohnquartiere geopfert hat. Andererseits bekam diese wichtige Hafenstadt mitsamt Marinestützpunkten und Werften natürlich auch viele Weltkriegsbomben ab und beim Wiederaufbau hat man nach 1945 nur ganz wenige historische Bauwerke wie die gotische Nikolaikirche (13. Jahrhundert) rekonstruiert.

So befanden wir, dass die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein zwar einen nicht zu leugnenden maritimen Charme hat, aber zugleich nichts für Touristen mit einem Faible für pittoreske Hansestädte ist. Nichtsdestotrotz mangelt es Kiel nicht an Besuchern von nah und fern und bei einer geführten Touristengruppe schnappten wir heute nebenbei noch einen interessanten Fakt für Fußballnerds auf. Deren Führer referierte, dass der Deutsche Fußballbund (DFB) zwar bekanntermaßen im Jahre 1900 in Leipzig gegründet wurde, aber von 1916 bis 1927 seinen Sitz in Kiel hatte (zuerst in der Dänischen Straße in der Altstadt, dann am Sophienblatt unweit des Hauptbahnhofs).

Grund für die Kieler Episode der DFB-Geschichte war übrigens die Wahl des Kieler Fußballpioniers und -funktionärs Georg P. Blaschke zum DFB-Geschäftsführer im Jahre 1916 (seinerzeit wäre eine Amtsausübung abseits des Wohnorts noch ziemlich schwierig gewesen). Blaschke wiederum gehörte zu den Gründervätern des am 7. Oktober 1900 gegründeten 1. Kieler Fußball-Vereins, der 1912 Deutscher Fußballmeister wurde, 1917 mit dem SV Holstein von 1902 zur Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 fusionierte und 2024 schließlich als erster Club aus Schleswig-Holstein in die 1. Bundesliga aufsteigen konnte.

Bei dieser Kieler Sportvereinigung Holstein hatten Jojo und ich heute bekanntlich einen Termin, so dass wir gegen 12 Uhr am Rathaus einen Bus zum Holstein-Stadion bestiegen. 12:15 Uhr und damit 45 Minuten vor Spielbeginn erreichten wir die bereits 1911 eröffnete Spielstätte der KSV, welche aber seitdem stolze 17 kleinere und größere Umbauten erfahren hat und somit keinen nostalgischen Charme zu versprühen vermag. Jüngste bauliche Veränderung dieser gegenwärtig 15.034 Zuschauer fassenden Stahlrohr- und Wellblechbude war übrigens der Umzug des Gästebereichs von der Gegengerade auf die Hintertorseite (Osttribüne). Dementsprechend saßen Jojo und ich heute nicht erneut hinter’m Tor, sondern auf der pro Sitzplatz 50 € teuren Gegengerade.

Bei solch ambitionierten Ticketpreisen, an denen der Abstieg in die 2. Bundesliga offenbar spurlos vorbeiging, bleibt natürlich kaum noch Geld für’s Stadioncatering übrig. Daher fiel es Jojo und mir leicht, sich dem von der Kieler Fanszene initiierten Boykott des Caterers Budenzauber anzuschließen. Schuld an dieser Protestaktion sind die ebenfalls horrenden Preise an den Versorgungsständen des Stadions. So kosten 0,4 l Bier stolze 5 €, was wiederum einen Literpreis von 12,50 € bedeutet (absolut unangefochtener Ligarekord). Softdrinks und Mineralwasser sind kaum günstiger und bei den Speisen (z. B. Bratwurst für 5 €) glaubt man sich ebenfalls eher auf Sylt, als an der Kieler Förde.

Heute machten die Gruppen Compagno und New Connection mit Handzetteln auf den Boykott und dessen Intention aufmerksam. Außerdem prangte ein Banner mit der Aufschrift „Budenzauber boykottieren“ vor der Heimkurve und der Gästesektor zeigte sich heute gerne solidarisch. Einerseits hatte Hannovereint alle mitreisenden Fans dazu aufgerufen ebenfalls keinen Cent bei Budenzauber auszugeben und andererseits hatte man ausreichend Becher zum Zapfen von Leitungswasser verteilt. Obendrein gab es kurz nach Spielbeginn ebenfalls ein Spruchband zu der Thematik. Denn darüber, dass der Besuch eines Fußballspiels bezahlbar bleiben muss, herrscht natürlich in allen Fankurven der Republik ein gewisser Konsens.

Dissens herrscht an Förde und Leine hingegen über die Bewertung der Szene eines weiteren norddeutschen Zweitligisten. So gönnten die Schlachtenbummler aus Hannover den Kielern die günstigeren Bierpreise auch, weil die ein Teil der Kurve eine Freundschaft pflegt, die jeder Storch mit etwas Stil sicher nur besoffen ertragen kann. Konkret bezog sich das entsprechende Spruchband „Gott hat die Kieler mit ihren Freunden schon genug gestraft“ auf die Kontakte der kontaktsportaffinen Kieler Gruppierung Jungblut mit Gleichgesinnten aus Braunschweig. Diese Allianz stößt in Hannover natürlich auf keinerlei Akzeptanz und beim letzten Gastspiel von 96 bei Holstein (16.12.2023) war es bekanntlich zu handfesten Auseinandersetzungen der entsprechenden Klientel am Kieler Exerzierplatz gekommen.

Das soll dem Vernehmen nach ein klarer Sieg für Hannover gewesen sein, während es auf dem Rasen wiederum eine deutliche Klatsche für schwarz-weiß-grün gab (0:3). Aber das war eben auch Kiels überragende Aufstiegssaison und heute herrschten ganz andere Vorzeichen. Denn der KSV Holstein war lediglich ein einjähriges Gastspiel in der Beletage des deutschen Fußballs vergönnt und in den ersten drei Spielen der aktuellen Saison wurden noch keine Ambitionen in Sachen Wiederaufstieg sichtbar. Der Hannoversche SV hatte derweil einen Traumstart mit maximaler Punkteausbeute hingelegt und ging als Favorit ins Spiel.

Lediglich das Pokal-Aus in Cottbus schmälerte den Gesamteindruck ein wenig. Denn beim FC Energie hatte sich 96 in der 12. Spielminute ein Gegentor gefangen und anschließend verhinderten eine couragierte Defensivleistung der Lausitzer und viel hannoversches Abschlusspech den verdienten Ausgleich. Ob die Titz-Elf vielleicht generell bei Rückständen gegen mauernde Mannschaften ins Schwächeln kommt, sollte sich heute zeigen. Denn nach einer lockeren Anfangsphase wurde Kiels erste Torchance von Phil Harres gleich mal zum 1:0 genutzt (21.).

Das Tor hatte prompt für ein Ende der Abtastphase gesorgt und die im Sommer runderneuerte Gastmannschaft zog umgehend das Tempo an. Das führte in den nächsten Minuten zu ein paar guten Gelegenheiten (u. a. ein Lattentreffer von Neubauer), doch die sich hinten einigelnden Störche retteten die etwas schmeichelhafte Führung zunächst noch in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel drückten die Roten dem Spiel weiterhin ihren Stempel auf und die erste Belohnung dafür gab es in der 62. Minute. Einen Eckstoß von Enzo Leopold konnte Virgil Ghiță per Kopf zum 1:1 vollenden. Danach hielt man das Tempo weiter hoch und nutzte sieben Minuten später eine weitere Standardsituation für die Führung. Diesmal war es ein von Leopold getretener Freistoß, den der kurz zuvor eingewechselte Benjamin Källman ebenfalls per Kopf ins Kieler Tornetz verlängerte. Für das rumänische Abwehr-As Ghiță das erste Saisontor, für den schwedisch-finnischen Stürmer Källman bereits der dritte Torerfolg (alle Tore übrigens als Joker erzielt).

Nachdem der Spielstand gedreht war, sang sich der bereits seit Anpfiff gut aufgelegte Gästebereich endgültig in Ekstase und unterhielt fortan mit einigen Klassikern, die es nicht bei jedem Spiel zu hören gibt. Unterdessen musste der zweifache Deutsche Fußballmeister (1938 & 1954) dank einer weiterhin zu passiven Heimmannschaft nicht mehr wirklich zittern und brachte die Führung im Stile einer Spitzenmannschaft über die Ziellinie. Die ungefähr 1.896 mitgereisten Gästefans durften demgemäß nach Abpfiff mit der Mannschaft den vierten Sieg im vierten Ligaspiel feiern.

Die Saison ist zwar noch jung, aber es spricht vieles dafür, dass dieser Traumstart keine Momentaufnahme bleibt. Die Handschrift von Christian Titz ist deutlich auf dem Platz erkennbar und die Mehrzahl der insgesamt 15 Neuzugänge benötigte überraschenderweise keine Eingewöhnungszeit. So konnte man namhafte Abgänge wie Marcel Halstenberg, Phil Neumann, Ron-Robert Zieler oder Nicolò Tresoldi sehr gut verkraften. Dazu drehen unter Titz mit Matsuda, Aseko und Chakroun plötzlich drei Spieler auf, die letzte Saison bereits da waren, aber fast ausschließlich in der U23 Berücksichtigung fanden. Ferner scheint die Chemie innerhalb der Mannschaft zu stimmen und dem Trainer ist es vergönnt im Laufe des Spiels nochmal echte Qualität nachzulegen.

Während Familienvater Jojo direkt mit dem Schlusspfiff aus dem Stadion stürmte und bereits 15:23 Uhr in einem Regionalexpress in Richtung Frau und Kind saß, konnte ich Titz meine Lobeshymne nach Spielende sogar noch in Kurzform persönlich vortragen. Anschließend traf ich mich fix auf ein Bier mit unserem holsteinschen Ticketkäufer, der ebenfalls würdigende Worte für die Leistung der Gastmannschaft übrig hatte. Dazu folgten in der Presseberichterstattung zum Spiel noch etliche Elogen… es ist fast schon unheimlich.

Ich trat die Heimreise dann um 16:23 Uhr an und hatte das Pech, dass jener Zug wegen eines technischen Defekts nur bis Wrist kam. Zum Glück reagierte die Bahn umsichtig und ließ eine gute halbe Stunde später einen anderen Regionalexpress mit Destination Hamburg außerplanmäßig am Wrister Bahnhof halten. So lag ich doch noch zu einer humanen Zeit (ca. 22:30 Uhr) im Bett und träumte im Schlaf wahrscheinlich von der 1. Bundesliga. Ich bin jedoch unsicher, ob das ein schöner oder eher ein Alptraum war.