- 22.03.2025
- Chemnitzer FC – FC Erzgebirge Aue 0:2
- Sachsenpokal (Viertelfinale)
- Stadion an der Gellertstraße (Att: 14.812)
Das vierte Märzwochenende des Jahres 2025 war von der FIFA für Länderspiele vorgesehen. Also pausierte der professionelle Vereinsfußball und der Amateurbereich rückte zwangsläufig in meinen Fokus. Wie gut, dass einige Landesverbände diese Wochenenden bevorzugt für ihre Landespokalwettbewerbe nutzen. So auch der Sächsische Fußball-Verband (SFV), der seine Viertelfinalspiele angesetzt hatte.

Aus dem Quartett sprach mich besonders das Duell Chemnitzer FC vs. FC Erzgebirge Aue an. Denn die Stadt, in der nebenbei am 6. Oktober 1990 der Sächsische Fußball-Verband gegründet wurde, gehörte noch immer zu den wenigen verbliebenen weißen Flecken auf meiner Deutschlandkarte. Ich war lediglich vor einem Vierteljahrhundert auf dem damals noch am Chemnitzer Stausee Oberrabenstein veranstalteten Hip-Hop-Festival splash!. Doch das kann ich, genau wie eine ungeplante Chemnitzrundfahrt auf der Rückreise eines JGA aus Plzeň (Pilsen), unmöglich als Stadtbesuch zählen.

Also wurde sich im Vorverkauf ein 25 € teurer Stadionsitz für den Pokalkracher organisiert und am Spieltag ging es per Deutschlandticket um 6:34 Uhr von Hildesheim nach Chemnitz. Diese Form der Anreise dauerte zwar fast sechs Stunden, aber im Fernverkehr wäre es gerade mal eine Stunde schneller gegangen. Das liegt daran, dass Sachsens drittgrößte Stadt (ca. 245.000 Einwohner) seit 2006 nahezu komplett vom Fernverkehr abgekoppelt ist. Erst seit Juni 2022 pendelt wenigstens wieder zweimal am Tag ein InterCity zwischen Chemnitz und Warnemünde, so dass man den Titel „Deutschlands größte Stadt ohne Bahnhof mit Fernverkehrsanbindung“ an Offenbach (ca. 131.000 Einwohner) abgeben konnte.

Als ich nach Umstiegen in Nordstemmen, Göttingen und Glauchau schließlich um 12:25 Uhr in Chemnitz ankam, klagte ich dieses Leid umgehend Karl Marx. Dessen 1971 enthülltes Monument wurde vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel geschaffen und ist zweifelsohne das größte Wahrzeichen der Stadt Chemnitz, die zwischen 1953 und 1990 obendrein den sehr schönen Namen Karl-Marx-Stadt trug. Ich bin mir sicher; damals war die Fernverkehrsanbindung auf der Schiene besser.

Abseits von der gigantischen Büste eines der größten Philosophen und Ökonomen der Menschheitsgeschichte, hat Chemnitz jedoch nicht besonders viele Sehenswürdigkeiten zu bieten. In der 1143 erstmals als Kameniz erwähnten Stadt mangelt es an Bauwerken hohen Alters. Die Hauptschuld daran tragen natürlich die Nazis, deren Herzensprojekt Zweiter Weltkrieg im Frühjahr 1945 für die Zerstörung von rund 80 % der innerstädtischen Bausubstanz sorgte.

In der DDR, wo Chemnitz ab 1952 Bezirkshauptstadt war, wurden dann lediglich wenige Bauwerke nach altem Vorbild rekonstruiert. Der Großteil des Wiederaufbaus folgte der Idee der Errichtung einer sozialistischen Musterstadt. Erst recht, als im Jahre 1953 im Zuge des 70. Todestages von Karl Marx besagte Umbenennung der Stadt erfolgte. Zu Chemnitz hatte Marx zwar keinen wirklichen biografischen Bezug, aber die sich mitunter als Marxisten definierenden Machthaber der DDR-Diktatur fanden die Wahl aufgrund der Stadtgeschichte trotzdem sehr treffend.

Denn nachdem Chemnitz bereits im Spätmittelalter das Zentrum der sächsischen Tuchherstellung war, entwickelte es sich in der Neuzeit zur Hochburg der deutschen Textilindustrie. Außerdem kamen Mitte des 19. Jahrhunderts noch Maschinen- und Lokomotivbau als bedeutende Industriezweige hinzu. Die zahlreichen Fabriken des so genannten Sächsischen Manchesters waren nun beinahe zwangsläufig eine Keimzelle der deutschen Arbeiterbewegung und die Theorien von Marx fanden im 19. Jahrhundert entsprechenden Anklang in der rasant gewachsenen Stadt (von ca. 10.500 Einwohnern im Jahre 1800 auf rund 200.000 im Jahre 1900).

1930 erreichte Chemnitz mit über 360.000 Einwohnern schließlich sein Allzeithoch. Aber der bereits erwähnte Zweite Weltkrieg kostete nicht nur Bausubstanz, sondern auch massig Bewohner. Nach 1945 wuchs die Bevölkerung zwar erneut von unter 250.000 auf über 300.000, doch nach der Wende im Jahre 1989 kehrte sich der Trend wie vielerorts zwischen Elbe und Oder wieder um. Ihr wisst ja; schwierige Transformationsprozesse statt blühende Landschaften…

Bei den strukturellen Herausforderungen der letzten 3,5 Jahrzehnten hat man übrigens teilweise auf den Kultursektor gesetzt und wagte sich vor einigen Jahren sogar an eine Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025. Unter dem Motto C the Unseen warb man dafür Ungesehenes und Unentdecktes sichtbar zu machen und setzte sich mit dieser Kampagne gegen auf der Kulturkarte bisher profiliertere Konkurrenten wie Dresden, Nürnberg oder Hannover durch.

Mir fehlte heute leider die Zeit, um mich genauer mit dem Chemnitzer Kulturangebot auseinanderzusetzen. Aber als ich den Marktplatz mitsamt seinen beiden Rathäusern und dem Siegertschen Haus inspizierte, nahm ich gerne das per Schiefertafel beworbene Kulturhauptstadt-Angebot des dortigen Lokals Ferioli wahr. Die offerierten unter diesem schmissigen Begriff ein Pastagericht und eine Limo nach Wunsch für zusammen 11,90 €.

Das Ferioli entpuppte sich leider nicht als alteingesessenes italienisches Eiscafé und Restaurant im Familienbesitz, sondern als eines der ersten Lokale einer italienisch inspirierten Fast-Casual-Restaurantkette mit Firmensitz in Hannover. Also gut möglich, dass es meine mittelmäßig schmackhaften, aber nett angerichteten Tagliatelle al Ragù auch bald vor meiner Haustür gibt. Für mich ist so etwas zwar kein verlockendes Gastrokonzept, aber der Markt dafür existiert bekanntermaßen.

Gegen 14 Uhr machte ich mich schließlich vom Marktplatz zum knapp 3 km entfernten Stadion an der Gellertstraße auf. Jene 1934 eröffnete und jüngst (2014 – 2016) grundlegend modernisierte Sportstätte erreichte ich ergo noch deutlich vor dem für 15 Uhr vorgesehenen Spielbeginn. Da der Andrang am Eingang jedoch enorm war, hätte es auch nicht so viel später werden dürfen.

Über 99 % der insgesamt 15.000 Plätze waren heute besetzt. Es war schließlich ein altes DDR-Bezirksderby und zumindest aus Chemnitzer Sicht ein absoluter Saisonhöhepunkt. Für den Auer Anhang war es sicher auch mehr, als nur eine lästige Pflichtaufgabe mit kurzer Anreise. Jedenfalls war das Ticketkontingent der Gäste rasch ausverkauft und vor dem Spiel hatte es zwischen beiden Fanlagern sogar kurz in der Innenstadt gerappelt. Im Zuge dessen soll übrigens ein Expeditionskorps aus dem Erzgebirge erkennungsdienstlich behandelt worden sein. Daher soll es ein Teil der aktiven Szene nicht pünktlich ins Stadion geschafft haben und Fialova sbor* & Co boten erstmal keinen organisierten Support.

Beim gastgebenden DDR-Meister von 1967 hatten sich hingegen schon früh viele helfende Hände in der Heimkurve eingefunden. So gab es zu Spielbeginn eine große Choreographie zu bestaunen. Unter dem Leitspruch „Blau-Weiss ist unser Glaube – Der Club die Religion“ war die Hintertortribüne mit Papptafeln und Blockfahnen ausgeschmückt. Außen Wimpel mit den beiden geläufigen Clubkürzeln CFC (Chemnitzer FC) und FCK (FC Karl-Marx-Stadt) und im Zentrum eine Blockfahne mit drei Skeletten in Mönchskutten, die offenbar vor einem Bergwerksstollen so etwas wie Hüter des Glaubens darstellen sollten.

Außerdem wurden noch Pyrofontänen in den Clubfarben blau und weiß abgefeuert und die ganze Kurvenshow war von der Stadionregie mit einer Coverversion von Metallicas Hit „Nothing Else Matters“ unterlegt. Gesungen im Stile eines gregorianischen Chorals aus dem Mittelalter. Ich fragte mich zwar, wer die Zielgruppe von derlei Musikproduktionen ist und in meinem Kopfkino tauchten mittelalte Mittelalterfans auf, die ihre Wochenenden kostümiert als Mönche, Gaukler, Ritter oder Aussätzige auf entsprechenden Zusammenkünften verbringen. Aber zur Bildsprache der Choreographie passte das seltsame Stück ja durchaus.

Nach dem visuellen Glaubensbekenntnis zum CFC wurde allerdings zumindest der Glaube an einen heutigen Halbfinaleinzug früh auf die Probe gestellt. Der Drittligist aus dem nahen Erzgebirge hatte von Beginn an die Spielkontrolle und ab der 25. Minute sollte sich dieser Umstand auch auf der Anzeigetafel bemerkbar machen. Maximilian Schmid brachte die Veilchen mit einem Schuss aus der Drehung sehenswert in Front. Und fast noch schöner als das Tor, waren die anschließenden Provokationen und Pöbeleien zwischen dem Gästeblock und den angrenzenden Heimsektoren.

Für den Spannungsbogen war die verdiente Führung jedoch alles andere als schick. Zumal die einstige BSG Wismut in der 29. Minute ganz trocken gegen den Regionalligisten nachlegte. Erik Majetschak konnte nach einem Freistoß das 0:2 für den anderen und sogar dreifachen DDR-Meister „aus“ Karl-Marx-Stadt** köpfen und markierte damit zugleich den Pausenstand.

In jener Pause trafen wohl auch die letzten Nachzügler im Gästebereich ein und es wurde endlich an den Zaun geflaggt. Gegenüber in der Heimkurve kamen derweil großflächige Fahnen als Sichtschutz zum Einsatz und so wunderte es kaum, dass es dort zum Wiederanpfiff lichterloh brannte. Dazu wurde ein Banner mit der Aufschrift „Wismut verrecke“ in die Höhe gereckt.

Es sah nun tatsächlich so aus, als wäre der sprichwörtliche Funke auf die CFC-Mannschaft übergesprungen. Die trat fortan forscher auf, erarbeite sich mehrere Torchancen und allein in der 57. Minute hatte Dejan Božić zweimal den Anschlusstreffer für die Himmelblauen auf dem Fuß. Wäre der gefallen, wäre es vielleicht doch noch ein richtig spannender Pokalfight geworden. Aber stattdessen klang die Chemnitzer Sturm-und-Drang-Phase ab etwa der 60. Spielminute wieder ab.

Ohne die entsprechenden Angriffe auf dem Rasen, ließ abseits der Heimkurve leider auch der Push von den Rängen nach. Da half auch nicht, dass Ultras Chemnitz & Co Mitte der 2. Halbzeit sogar noch ’ne dritte Pyroshow boten. Die himmelblaue Schlussoffensive sollte damit nicht ausgelöst werden. Stattdessen lag gegen Ende gar mehrfach das dritte Gegentor in der Luft. Entsprechend siegesgewiss wirkte der Gästeanhang und garnierte die sportliche Schmach der Chemnitzer mit etlichen Schmähgesängen.

Außerdem griffen die Auer ca. 10 Minuten vor Spielende nochmal visuell das Thema Kulturhauptstadt auf. Ihr Werbebanner für Chemnitz 2025 war natürlich wenig schmeichelhaft und zeigte u. a. eine offensichtlich von Crystal Meth abhängige Frau im CFC-Shirt und einen Fascho im Anti-Aue-Shirt, der dank Pose und Pissfleck stark an Harald Ewert erinnerte. Eigentlich ganz witzig gemacht, aber irgendwie auch undankbar. Schließlich gehört die Doppelstadt Aue – Bad Schlema (seit 2019 vereinigt) zu den 38 Städten und Kommunen, die Chemnitz in seine Bewerbung und das diesjährige Kulturprogramm explizit eingebunden hat.

Nachdem sie ihr Banner präsentiert hatten, mussten in den letzten fünf Minuten außerdem noch fix drei beschriebene Tapeten präsentiert werden. Der erste Vorwurf an die Szene gegenüber: „Viele Gruppen, nix, das bleibt – Nur Auehass, der euch antreibt“. Anschließend folgte „25 Jahre unter sich hinauswachsen“. Ein verspäteter Geburtstagsgruß an die 1999 gegründeten Ultras Chemnitz, bei dem das erste U und C des Satzes in himmelblau gesprüht war. Quasi mit dem Schlusspfiff kam außerdem das Spruchband „UC & CD – Öfter Viola gesprüht, als eigene Spiele besucht!“ zum Vorschein.

Um Punkt 17 Uhr war der Auer Halbfinaleinzug dann amtlich und wurde von der Mannschaft und den mitgereisten Fans natürlich noch gemeinsam im Stadion gefeiert. Der ein oder andere Chemnitzer Fan quittierte das standesgemäß mit Gepöbel, aber die meisten Heimfans strebten schnell aus dem Stadion hinaus. Ich schloss mich dem Tross an und nahm um 17:31 Uhr die erstbeste Verbindung in Richtung Heimat. Diesmal wurde via Leipzig, Halle usw. gefahren und 23:08 Uhr war ich wieder in Hildesheim.
*Fialova sbor ist grammatikalisch fragwürdiges Tschechisch. Es soll wohl „Violetter Chor“ bedeuten, müsste dann jedoch eigentlich Fialový sbor heißen.
**Die Fußballer der am 4. März 1946 gegründeten BSG Wismut Aue wurden 1954 als Fußballsektion dem zur Leistungskonzentration neu geschaffenen SC Wismut Karl-Marx-Stadt angegliedert. Allerdings wehrte man sich seinerzeit erfolgreich gegen einen physischen Umzug und blieb somit in Aue und dem dortigen Otto-Grotewohl-Stadion beheimatet. Nichtsdestotrotz musste man zwischen 1954 und 1963 den Namen SC Wismut Karl-Marx-Stadt tragen und errang unter diesem 1956, 1957 und 1959 seine drei DDR-Meistertitel. Als 1963 jedoch der SC Motor Karl-Marx-Stadt, ergo der heutige CFC, zum neuen Leistungszentrum des Bezirks erkoren wurde, durfte man wieder als BSG Wismut Aue firmieren und behielt den Namen bis zur Wende.