Berlin 01/2025

  • 25.01.2025
  • Hertha BSC – Hamburger SV 2:3
  • 2. Bundesliga (II)
  • Olympiastadion (Att: 71.500)

Am 25. Januar wollte ich eigentlich gleich zwei Fußballspiele besuchen. Energie Cottbus – Dynamo Dresden (14 Uhr) und Hertha BSC – Hamburger SV (20:30 Uhr) boten sich nämlich prima für einen so genannten Doppler an. Somit wurde ein früher (7:36 Uhr) und preiswerter (13,49 €) ICE von Hildesheim nach Berlin gebucht und von dort sollte es per Deutschlandticket weiter nach Cottbus gehen. Allerdings kam ich im Vorverkauf nicht an ein Ticket für Spiel Nr. 1. Ich war zwar zuversichtlich trotzdem ins ausverkaufte Stadion der Freundschaft zu gelangen, aber alternativ konnte ich auch einen Nachmittag mit dem HSV zugeneigten Freunden in Berlin verbringen. Das reizte mich letztlich doch mehr, als der angedachte Abstecher in die Lausitz.

Die erste Mahlzeit des Tages

Jedoch musste ich den Vormittag bei meiner spontanen Planänderung zunächst alleine mit Leben füllen. Dazu ging es in den geschätzten Ortsteil Gesundbrunnen, wo ich gegen 10 Uhr zum Frühstücken bei Yöre in der Prinzenallee einkehrte. Dort linderten Sucuk, Rührei und Brot (8,90 €) vorerst die größte Not. Außerdem gab es noch heißen Tee (2 €) an einem gar nicht mal so kalten Wintertag (12 °C), ehe um 11 Uhr in 500 m Entfernung der nächste Tagesordnungspunkt anstand.

Nach dem Frühstück ging es 39 Treppenstufen unter die Erde

Zu jener Stunde sperrte die ausschließlich samstags geöffnete Ausstellung Mythos Germania – Vision und Verbrechen (6 € für Vollzahler) in einer unterirdischen Zwischenebene des U-Bahnhofs Gesundbrunnen ihre Türe auf. Diese vom Verein Berliner Unterwelten betreute Ausstellung entstand durch die Zusammenarbeit von mehreren Hochschulen und Museen und beleuchtet facettenreich die nationalsozialistischen Pläne für die Umgestaltung ihrer Reichsstadthauptstadt Berlin.

Hauptraum der Austellung

Man bekommt in der Ausstellung zunächst einen Überblick über die städtebauliche Entwicklung von Berlin und die letzten Projekte und Prämissen vor der Machtübernahme der Nazis. So stand in den 1920er und frühen 1930er Jahren in der immer noch wachsenden Millionenstadt die Schaffung von Wohnraum ganz oben auf der Prioritätenliste, während die neuen Machthaber ab 1933 eine konträre Baupolitik betrieben. Für die Nazis sollte die Hauptstadt primär als riesiger Repräsentationsraum dienen. Lebensraum für Menschen war Berlin in ihren Planungen dagegen nur noch sekundär.

Das große Modell wurde ursprünglich für einen Spielfilm angefertigt

Entsprechend wurde die Berliner Stadtverwaltung nicht nur wie überall im Reich gleichgeschaltet, sondern in diesem Fall sogar komplett entmachtet und obsolet gemacht. Stattdessen wurde 1937 für Hitlers Chefarchitekten Albert Speer die Position des Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt (GBI) mitsamt gleichnamiger und vielköpfiger Behörde geschaffen, die fortan wie ein übergeordnetes Ministerium für alle städtebaulichen Fragen Berlins zuständig war.

Modell des Flakturms Humboldthain

Besonders greifbar werden die konkreten Pläne der Nazis in der Ausstellung durch ein großes Modell, welches dereinst für den 2004 veröffentlichten Spielfilm Der Untergang (2004) als Requisite geschaffen wurde. Auch in dessen Maßstab wird deutlich welche Gigantomanie dem Ganzen innewohnte. Zugleich vermitteln Schautafeln, dass die städtebauliche Vision untrennbar mit nationalsozialistischen Verbrechen wie Enteignungen, Deportationen und Zwangsarbeit verbunden war. Letztlich sorgte jedoch der 1939 von den Nazis entfesselte Zweite Weltkrieg dafür, dass fast alle Bauvorhaben nicht über das Planungsstadium hinauskamen. Stattdessen hinterließ die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus in Berlin vor allem ein Trümmerfeld.

Auch für andere Städte im Reich (z. B. Linz) gab es hochtrabende Pläne

Lediglich wenige architektonische Spuren der Jahre 1933 bis 1945 sind bis heute in Berlin zu finden. Auch diesen widmet sich die Ausstellung und weist darauf hin, dass mit den Überresten des Flakturms Humboldthain ein Relikt sogleich in der Nachbarschaft des Bahnhofs Gesundbrunnen steht. Prominentestes erhaltenes Bauwerk der NS-Zeit ist aber gewiss das am heutigen Abend von mir besuchte Olympiastadion im Berliner Westend.

Die zweite Mahlzeit des Tages

Dessen heutiger Hauptnutzer Hertha BSC hatte übrigens von 1924 bis 1963 ebenfalls in direkter Nachbarschaft zum Bahnhof Gesundbrunnen seine sportliche Heimat (Stadion am Gesundbrunnen). An dieses im Volksmund nur Plumpe genannte und 1974 abgerissene Stadion erinnert heute u. a. noch der Bierbrunnen an der Plumpe. Nachdem ich mir die restliche Wartezeit auf meine schwarz-weiß-blauen Freunde Max und Kaja noch mit Currywurst und Pommes (4,50 €) von der Curry Baude am besagten Bahnhof vertrieben hatte, ging es um Punkt 13 Uhr passenderweise in jene mit viel Hertha-Memorabilia ausgestaltete Kneipe.

Biergenuss im Bierbrunnen

Wir genossen dort zwei Runden Schultheiss und heckten weitere Pläne für den Nachmittag aus. Eine kleine Kneipentour durch die Kieze Gesundbrunnen und Wedding wäre doch was. Doch bevor die Anzahl der heute besuchten Kneipen schon mal verdoppelt werden konnte, musste auch bei Max und Kaja noch was Warmes in den Magen. Es zog sie ebenfalls zur zumindest lokal berühmten und beliebten Curry Baude und nur zugucken wollte ich auch nicht. Jetzt wurde es aber zur Abwechslung ein pikanter Chilibeisser mit Brötchen (2,90 €), während meine Freunde Pommes und die vegane Currywurstvariante des Hauses kosteten.

Die drite Mahlzeit des Tages

Mit Nordberliner Pils auf der Faust (je 2 €) ging es nach dem Gaumenschmaus in eine nahe Kneipe, deren Name sehr gut zu meinem heutigen Essverhalten passte. Denn die nächsten Fassbiere gab es für uns Beim Dicken. In Gesellschaft von der Hertha-Bande aus diesem Kiez und einer Glücksritterin am Spielautomaten schmeckte das Schultheiss ebenfalls vorzüglich. Außerdem bekamen wir an einem der Drehorte des Berliner Kultfilms Heikos Welt noch Zuwachs. Kleckerweise stießen erst Mike, dann Jan und schließlich auch noch Lokalmatador Lumi zu uns.

Die nächsten Runden gab’s beim Dicken

In dieser Konstellation, bei der außer Max jeder mindestens einen Menschen kennenlernte, musste natürlich noch ’ne zweite und ’ne dritte Runde her. Doch gegen gegen 16:30 Uhr zogen wir schließlich weiter zum Kachel-Eck im Soldiner Kiez, wo wir allesamt eine neue Bierbekanntschaft machten. Denn der dortige Wirt schenkt unterfränkisches Pils aus dem Hause Scherdel aus. Konnte man durchaus auch zwei von trinken.

Nächster Stopp: Kachel-Eck

Um 18 Uhr verabschiedete sich leider Lumi von uns, da er anstatt für Hertha ’ne Karte für den heutigen Auftritt von Pöbel MC in Neukölln hatte und zuvor noch zum Abendessen verabredet war. Zugleich knurrten auch in der Restrunde ein, zwei Mägen und Abhilfe durfte die Dependance von Hakiki Döner am U-Bahnhof Osloer Straße schaffen. Meinerseits per Big Döner (8 €).

Die vierte Mahlzeit des Tages

Nach der Stärkung mit Fleisch vom Drehspiess oder Falafel aus der Fritteuse, blieben uns noch exakt zwei Stunden bis zum Anpfiff. Das erlaubte immerhin eine letzte Rutsche Schultheiss im nahen Kumpelstübchen, ehe es von der Osloer Straße so ungefähr um 19:15 Uhr unterirdisch zum 1936 eröffneten und zuletzt zwischen 2000 und 2004 grundsanierten Olympiastadion ging.

Der letzte Schluck vor’m Stadionbesuch

Am Stadiontor trennten sich nun auch meine Wege vom Rest. Denn Kaja, Max, Mike und Jan hatten Karten im etatmäßigen Gästebereich, während ich für Jojo und mich Tickets à 40 € im Oberrang der Gegengerade besorgt hatte. Besagten Jojo wollte ich in meiner Ursprungsplanung eigentlich schon vormittags in Cottbus treffen. Aber es kam bekanntlich anders. Nichtsdestotrotz ließ ich mir gerne brühwarm vom Spitzenspiel der 3. Liga berichten. Gab natürlich Choreos und Pyro und hatte sich in seinen Augen gelohnt. Aber etwas Weltbewegendes hatte ich gemäß seinen Ausführungen nicht verpasst.

Ein unvergessenes Kind der Ostkurve

Ein Fußballspiel am Tag muss auch reichen. Erst recht, wenn es so ein großes wie heute in Berlin ist. 71.500 Tickets hatte die Hertha für dieses Duell der Altmeister verkauft und da über 3.000 Plätze aus Sicherheitsgründen frei blieben, war der Kick somit restlos ausverkauft. Die Anzahl der dem HSV zuneigten Zuschauer dürfte nebenbei über 20.000 betragen haben.

„Wir haben deinen Baum mit unseren Tränen gegossen“

Durch bevor Hauptstädter und Hansestädter sich ihr Gesangsduell auf den Rängen lieferten, wurde vor großer Kulisse an einen großen Herthaner gedacht. Kay Bernsteins viel zu früher Tod hatte sich vor wenigen Tagen zum ersten Mal gejährt. Das bewegte die Ostkurve zu einer zweiteiligen Choreographie, bei der zunächst der von Kay nach seiner Wahl zum Hertha-Präsidenten gepflanzte Apfelbaum im Mittelpunkt stand.

„Doch wir bleiben auf deinem Weg und ernten die Früchte unserer Überzeugungen“

Vor einem Jahr hatte man bereits die Botschaft „Wir gießen deinen Baum mit unseren Tränen – in unseren Herzen wirst du ewig leben“ postuliert. Heute hieß es „Wir haben deinen Baum mit unseren Tränen gegossen“. Passend dazu wurde mittels Papptafeln ein ausgewachsener Baum mit Blätterkleid in die Ostkurve gezaubert. Anschließend folgte eine Blockfahne, welche mutmaßlich Kays Tochter unter dem Apfelbaum sitzend zeigte. Papas ikonische Hertha-Trainingsjacke hing über ihrem Stuhlrücken und im Hintergrund strahlte die Sonne über dem Olympiastadion. Untertitelt mit „Doch wir bleiben auf deinem Weg und ernten die Früchte unserer Überzeugungen“.

Der etatmäßige Gästebereich am heutigen Abend

Passend dazu lief die Mannschaft heute in einem Sondertrikot auf, welches optisch an besagte Hertha-Trainingsjacke von Kay angelehnt war und auf der Brust per Schriftzug a den von ihm geprägten Berliner Weg erinnerte. Ich wünsche dem Verein natürlich, dass sich der von Kay Bernstein begonnene und unter seinem Nachfolger Fabian Drescher fortgesetzte Weg langfristig auszahlen wird. Wenngleich es sportlich auch diese Saison nicht so recht laufen will und man zur Zeit nur auf Rang 12 logiert.

Freudenfeuer nach 0:1

Aber das Tableau der Liga ist nach wie eng und so ganz hat die Alte Dame den Anschluss an die Aufstiegsränge noch nicht verloren. Man hat aktuell nur sechs Zähler weniger als der heute in Berlin gastierende Tabellenführer auf dem Konto. Um diesen Abstand auf den Hamburger SV gleich heute zu verkürzen, begann die Hertha forsch und hatte in den ersten Minuten mehrere gute Torgelegenheiten. Aber die Hanseaten überstanden die Anfangsoffensive schadlos und ausgerechnet Ex-Herthaner Selke nutzte per Kopf die erste gute Chance der Gäste zum 0:1.

Auch der zweite Treffer ließ den Gästeblock leuchten

Jene knappe Führung verwaltete ein weiterhin sehr passiver Spitzenreiter erst einmal erfolgreich und erhöhte schließlich in der 61. Minute äußerst sehenswert. Königsdorffer zirkelte das Leder vom Strafraumeck herrlich in den Torwinkel. Ich traue es mich kaum zu schreiben. Aber hinten nichts anbrennen lassen und vorne effizient sein, zeichnet gemeinhin Spitzenmannschaften aus. Vielleicht schafft der HSV im verflixten siebten Jahr ja wirklich den ersehnten Wiederaufstieg.

Der Heimanhang bejubelt den Ausgleich

Aber bis Mai kann selbstverständlich noch viel passieren und selbst heute drohte dem gut aufgelegten Gästeanhang noch ein Tritt auf die Euphoriebremse. Denn Westberlins liebstes Kind hatte noch ein wahrhaften Trumpf in der Hinterhand. Fabian Reese feierte nach langer Verletzungspause ein Comeback und beflügelte ab der 65. Minute das Offensivspiel der Blau-Weißen. Den neuen Schwung verwertete Cuisance in der 72. Minute zum Anschlusstreffer und acht Minuten später besorgte der ebenfalls eingewechselte Winkler den Ausgleich. Beide Tore übrigens von Reese vorbereitet.

Schalparade der mitgereisten Hanseaten

Jetzt war die Partie wieder offen und Hertha versuchte das Momentum zu nutzen. Doch der Hamburger Sportverein zeigte nochmal seine Qualität und konterte in 84. Minute zur erneuten Führung durch Emir Sahiti. Danach liefen die Hausherren verzweifelt an, aber mit elf Mann hinten drin verhinderte der HSV die Punkteteilung letztlich. Wahrlich ein Spitzenspiel, dessen Besuch Jojo und ich nicht bereuten.

Die fünfte Mahlzeit des Tages

Nach Anpfiff blieb uns erfreulicherweise noch Zeit für eine weitere Mahlzeit. Denn Jojo war bei seinem straffen Tagesprogramm bisher kaum zum Essen gekommen und in meinem Magen ist eh immer Platz. Im Gurme Restaurant in Spandau gönnten wir uns jeder einen großen Döner à 8 €, der wirklich großartig mundete. Dann stiegen wir in den letzten ICE des Tages und trafen dort kurz vor Mitternacht Jan wieder, der nun auch seinen erst zum Spiel angereisten Vater im Schlepptau hatte. Kaja und Max blieben hingegen noch eine Nacht in Berlin und ließen sich im Prenzlauer Berg von einem Typen namens Keta Maffay über das K-Hole aufklären. Wäre ich natürlich auch gerne dabei gewesen. Aber als faire Sportsmenschen teilten sie ihr neu erworbenes Wissen immerhin nächstmöglich mit mir.

Song of the Tour: Der passende Soundtrack für unsere Kneipentour