- 07.11.2024
- SG Eintracht Frankfurt – SK Slavia Praha 1:0
- UEFA Europa League (League Phase)
- Waldstadion (Att: 57.350)
Weil ich in der Nacht vom 5. auf den 6. November zu einer Wahlparty anlässlich der Wahl des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika eingeladen war, benötigte ich am 6. November auf jeden Fall einen Urlaubstag. Beim Stellen des entsprechenden Antrags regte die Personalabteilung meines Arbeitgebers prompt an, dass ich den Rest der Woche doch gleich meine Überstunden abbummeln könnte. Na gut, bevor ich mich schlagen lasse…

Nachdem am Mittwoch also wie geplant Schlaf nachgeholt wurde, musste für die unerwartete Freizeit am Donnerstag und Freitag selbstredend ein Programm her. Für’s Wochenende war sowieso bereits ein Trip in den Südwesten der Republik gebucht, so dass sich ein vorangestellter Zwischenstopp in Frankfurt am Main aufdrängte. Denn Donnerstag hatte die SG Eintracht ein Europapokalspiel und Freitag musste der FSV in der Regionalliga ran. Eine Eintrittskarte für die SGE war zum Glück auch kurzfristig kein Problem und außerdem fand ich in der schlechtesten Gegend der Mainmetropole rasch ein billiges Hotel.

Da ich am Donnerstagvormittag eine einigermaßen stressfreie Anreise mit dem Deutschlandticket erwartete, verzichtete ich auf ein kurz vor Reiseantritt doch relativ teures ICE-Ticket und fuhr 7:37 Uhr via Elze, Göttingen und Kassel nach Frankfurt. Off-peak waren die Nahverkehrszüge natürlich schön leer, nur leider verhagelte mir eine Stellwerksstörung den Anschluss in Kassel*. Deshalb kam ich erst 13:38 Uhr und somit eine Stunde später als geplant an meinem Zielbahnhof an. Dort organisierte ich mir als erstes ein Mittagessen. Beste Option in der Frankfurter Bahnhofsgegend: Čevabdžinica Sarajevo. In diesem bosnischen Grillimbiss gönnte ich mir acht Ćevapčići mit Lepinja, Ajvar und Kajmak für faire 8 €.

Nach diesem köstlichen Mahl checkte ich ins pro Nacht 65 € teure Bristol Hotel (****) ein und um 15 Uhr hatte ich eine Verabredung mit einem seit einigen Jahren in Frankfurt arbeitenden Kumpel. Der hatte zwar am Abend einen Konzertbesuch geplant (Wanda in Wiesbaden) und am Freitag eine Dienstreise im Kalender, aber er bot mir an ihn Donnerstagnachmittag einfach an seinem Arbeitsplatz zu besuchen. Sein Brötchengeber hat den klangvollen Namen Deutscher Fußball Bund und befindet sich seit Juni 2022 auf dem früheren Gelände der Galopprennbahn Niederrad. Für ca. 150 Mio € ist dort der so genannte DFB-Campus entstanden, der einerseits das neue administrative Zentrum des DFB ist und anderseits auch über eine eigene Sportinfrastruktur für DFB-Teams verfügt.

Gerne ließ ich mich von meinem Kumpel durch das Gebäude führen, wo es außer einem Bürotrakt auch mehrere Konferenzräume, Schulungsräume, ein Pressezentrum und einen Gastrobereich gibt. Ferner existiert ein Kraft- und Fitnessbereich, den neben den Sportlern der Auswahlmannschaften auch die Mitarbeiter des DFB nutzen dürfen. Relativ exklusiv für Nationalspieler und Nationalspielerinnen sind dagegen das Athletenhaus mit 33 Zimmern, die Futsalhalle, die Fußballhalle mit Großfeld und die ganzen Sportplätze und Trainingsflächen im Außenbereich.

Mein persönlicher Höhepunkt wartete jedoch im Untergeschoss der DFB-Zentrale auf mich. Dort empfing uns einer der Archivare des DFB und verschaffte mir Zugang zur „Schatzkammer“ des größten nationalen Sportverbands der Welt. Es existieren dort zum einen ca. 3.000 Regalmeter mit Dokumenten, Zeitungen und Büchern und zum anderen hat der DFB einen riesigen Tresorraum mit Trophäen, Devotionalen und vielen anderen haptischen Dingen aus fast 125 Jahren DFB-Geschichte.

Die gigantischen Akten- und Bibliotheksbestände sind selbstredend super interessant, wenn man etwas Konkretes als Journalist oder Historiker recherchieren will. Bei einem anlasslosen Erstbesuch war aber der andere Archivteil viel spannender, wo mir nun über eine Stunde allerhand Exponate zusammen mit ihrer jeweiligen Hintergrundgeschichte präsentiert wurden.

Wir fingen bei den Geschenken für den DFB an. Denn bei Länderspielen tauschen nicht nur die Spielführer Wimpel aus, sondern die Delegationen der Verbände beschenken sich ebenfalls. Außerdem bekommt der Verband traditionell von den beiden DFB-Pokal-Finalisten ein Gastgeschenk in Berlin überreicht. Der BVB schenkt beispielsweise seit 2008 immer ein Dortmunder Nashorn, während ein relativ junger „Verein“ aus Leipzig wenig überraschend zweimal einen roten Bullen für den Ausrichter des Wettbewerbs im Gepäck hatte.

Im Archiv sind die mittlerweile über tausend Geschenke geographisch geordnet, weshalb nach den Regalen mit Präsenten der DFB-Pokal-Finalisten eine spannende Weltreise über alle Kontinente begann. Zugleich war es natürlich eine interessante Zeitreise. Denn viele der Aufmerksamkeiten verrieten auch etwas über ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund (z. B. die Geschenke der sozialistischen Verbände an den DFB).

Die bereits erwähnten Wimpel der Länderspiele finden sich ebenso im Archiv. Höhepunkte sind dabei zweifelsohne die Exemplare der WM-Endspiele. Die mal in der Hand zu halten, ließ mein Herz durchaus ein My schneller schlagen. Auch die WM-Pokale von 1954 und 1974 (als von der FIFA originalgetreu angefertigte Replikas) und ein Spielball aus dem WM-Endspiel 1954 (mit den Unterschriften der Weltmeister) sorgten für Endorphine en masse.

Ansonsten sind aber viele Exponate mit mutmaßlich hohem Publikumsinteresse ins Deutsche Fußballmuseum nach Dortmund übergesiedelt, wo sie somit der Allgemeinheit zugänglich sind. Dafür entdeckte ich zwischen den ganzen vermeintlich zweitrangigen Trophäen im Archiv mitunter besonders kuriose Objekte wie den Goldenen Otto der Bravo Sport (für deren Leser war die Nationalmannschaft 2006 die Mannschaft des Jahres) oder den Bambi (diesen Medienpreis gewannen die Nationalmannschaft u. a. 1996).

Die große Trikotsammlung des DFB hat mich natürlich ebenfalls begeistert. Das älteste Original ist von der WM 1974 und wurde damals von Rainer Bonhof getragen. Übrigens ein Jersey von Erima. Nach Leuze (1950er Jahre) und Umbro (1960er Jahre) historisch der dritte namentlich bekannte Produzent von Nationalmannschaftstrikots. Zumindest in Sachen Trikots ist Adidas dagegen erst seit 1980 DFB-Ausrüster und wird bekanntermaßen 2027 von Nike beerbt.

Der für den Verband monetär sehr lohnenswerte Ausrüsterwechsel, brachte uns natürlich nochmal auf das Thema Finanzen, Hausdurchsuchungen beim DFB, verschwundene Dokumente aus dem Archiv usw., usf.. Aber das wollen wir an dieser Stelle nicht vertiefen. Wir konnten es außerdem eh nur anreißen, da wir bereits um 17 Uhr allesamt zu anderen Terminen aufbrechen mussten (mein Kumpel zum erwähnten Konzert, der Archivar und ich ins Waldstadion).

DFB und Eintracht Frankfurt sind zwar durch den Neubau in Niederrad keine direkten Nachbarn mehr, aber auch die neue Verbandszentrale ist gerade 1,7 km vom 1925 eröffneten und für die WM 2006 grundlegend modernisierten Waldstadion entfernt. Entsprechend ging ich zu Fuß und spazierte eine gute Stunde vor Anpfiff durch’s Drehkreuz. Genug Zeit, um im Umlauf des Stadions erstmal eine komplette Runde zu drehen und außerdem noch einen kleinen Abendsnack zu genießen (Rindscurrywurst und Cola für zusammen 9,70 €).

15 Minuten vor Anpfiff vor saß ich schließlich auf meinem 72 € teuren Platz im Oberrang der Gegengerade und erfreute mich an der immer intensiver werdenden Atmosphäre. Die Musikauswahl ist hier in meinen Augen sehr gelungen und wenn nahezu alle Stadionbesucher den gleichen schwarz-weißen Balkenschal zu „Im Herzen von Europa“ in die Höhe recken, hast du kurz vor Spielbeginn auch schon das erste optische Highlight.

Außerdem erspähte ich so’n paar Vermummte im Unterrang der Nordwestkurve. Die ließen es sich natürlich nicht nehmen ein paar Fackeln zu entzünden, als die Mannschaften um 18:41 das Feld betraten (siehe Titelbild). Im Auswärtssektor hingegen leider keine optischen Aktionen. Offenbar hatte man den Gästen aus Tschechien, die wiederum Gäste aus Polen hatten (BKS Stal Bielsko-Biała & Zagłębie Sosnowiec), leider alles außer Zaunfahnen verboten. Oder sie haben sich tatsächlich freiwillig für die Variante alle in schwarz, aber ohne Tifomaterial entschieden. In jedem Fall sehr schade, da die Szene von Slavia choreographisch in meinen Augen zur europäischen Elite gehört.

Akustisch war es die u. a. per Sonderzug aus Prag angereisten Schlachtenbummler auch schwer gegen die lautstarke Nordwestkurve anzukommen. Aber sie waren konstant aktiv und hatten eine hohe Mitmachquote. Bei gewissen Spielsituationen oder wenn sich das Heimpublikum seine Kunstpausen gönnte, dürfte davon sicher auch was am anderen Ende des Stadions angekommen sein. Meine Sitznachbarn attestierten den Tschechen jedenfalls einen der besseren internationalen Gästeauftritte der letzten Jahre.

Obendrein kaufte ihre Mannschaft den favorisierten Frankfurtern lange den Schneid ab. Slavia kam sehr gut in die Partie, störte mit konsequentem Pressing den Spielaufbau der am 8. März 1899 gegründeten Sportgemeinde Eintracht und hielt bis zur Pause verdient ein 0:0. Erst nach dem Seitenwechsel sollte einmal mehr in dieser Saison ein gewisser Omar Marmoush den Unterschied machen. Dem Ägypter in Diensten der Eintracht gelang in der 53. Minute ein wunderschönes Freistoßtor zum 1:0, von dem sich die Nordwestkurve zu weiteren Freudenfeuern hinreißen ließ.

Anschließend hatte der zweifache Sieger des UEFA Cups, respektive der UEFA Europa League mehr Spielkontrolle als bisher, verpasste jedoch das zweite Tor nachzulegen. So rechnete sich der 1892 gegründete Sportovní klub Slavia im ersten Aufeinandertreffen überhaupt mit der SGE weiterhin etwas aus. In der Schlussphase hatten die Tschechen dann tatsächlich noch zweimal den Ausgleich auf dem Fuß, aber Kevin Trapp war jeweils zur Stelle. Am Ende blieben die Adler daher siegreich und sind nebenbei in der Europa League seit 17 Spielen ungeschlagen.

Nach Spielende ging es vorbei an der alten DFB-Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise zum Stadionbahnhof und von dort mit der nächstbesten S-Bahn gen Hauptbahnhof. Nachdem ich im Slalom ungefähr 96 Mal eine milde Gabe für kontaktfreudige Rauschgiftsüchtige verweigert hatte, waren irgendwann auch die letzten 500 m zum Hotel gemeistert und ich konnte zufrieden ob des gelungenen Tages unter der Bettdecke verschwinden.
- 08.11.2024
- FSV Frankfurt – FC Astoria Walldorf 2:2
- Regionalliga Südwest (IV)
- Stadion am Bornheimer Hang (Att: 1.567)
Am nächsten Morgen stürzte ich mich um 8:30 Uhr auf das im Übernachtungspreis inbegriffene Frühstücksbuffet des Hotels. Die Auswahl war überraschend groß und qualitativ unterbot es zumindest nicht den Erwartungshorizont. Unerwartet war hingegen der eiskalte Wodka im Getränkebereich. Wer sich hier gleich zum Frühstück einen reinschrauben will oder muss, wäre also positiv überrascht gewesen.

Anschließend musste ein kleines Kulturprogramm her. Erst dachte ich an einen klassischen touristischen Streifzug durch das Stadtzentrum. Aber einerseits hatte ich den vor nicht all zu langer Zeit absolviert und fotografisch festgehalten (Vgl. Rijeka 10/2019). Andererseits war das Wetter heute nicht besonders einladend für einen Stadtbummel. Daher schwebte mir am Ende doch eher ein Museumsbesuch vor und in der großen Auswahl der Mainmetropole drängte sich am meisten das Städel auf.

Jenes Kunstmuseum ist das Vermächtnis des Kaufmanns und Bankiers Johann Friedrich Städel (* 1. November 1728 in Frankfurt am Main; † 2. Dezember 1816 ebenda). Der hatte im Herbst seines Lebens die Städelsche Stiftung gegründet und dieser neben einer großen Geldsumme auch seine umfangreiche private Kunstsammlung vererbt. Die Stiftung setzte das Erbe wunschgemäß zur Gründung des Städelschen Kunstinstituts und der Städtischen Galerie ein, um einerseits die Kunstbildung zu fördern und anderseits der Allgemeinheit Zugang zu seiner Sammlung zu verschaffen.

Städels Sammlung mit Werken alter Meister wurde nach seinem Tod durch weitere Schenkungen, sowie Ankäufe mit dem Stiftungsvermögen außerdem erheblich erweitert. Eine erste öffentliche Galerie eröffnete das Städelsche Kunstinstitut schließlich 1833 am Rossmarkt. Doch bereits 1878 zog man in einen repräsentativen und großzügigen Neubau am Mainufer, in dem das Städel bis heute mit Museum und Kunsthochschule zuhause ist.

Jenes Museumsgebäude im Stile der Neorenaissance betrat ich um kurz nach 10 Uhr. Nachdem 16 € Eintrittsgebühr entrichtet waren, begann eine beeindruckende Reise durch über 700 Jahre Kunstgeschichte. Ich startete bei den Alten Meistern (1300 – 1800), wo das um 1300 entstandene Tafelbild Trauernder Johannes von Deodato di Orlando das älteste Werk des mittlerweile auf über 3.100 Gemälde angewachsenen Bestandes ist.

Während der Trauernde Johannes und die ganzen anderen Kunstwerke aus dem Hochmittelalter fast ausschließlich die christliche Glaubenswelt zum Motiv haben, zeigen die ausgestellten Werke aus der Renaissance (ab dem späten 15. Jahrhundert) dann teils eine Hinwendung zur antiken Mythologie. Außerdem wurde in jener Kunstepoche die reale Lebenswelt zum Motiv, so dass sich Landschafts- und Porträtmalerei als eigenständige Kunstgattungen etablierten. Herausragende Beispiele im Städel sind u. a. das Bildnis der Simonetta Vespucci (Sandro Botticelli, ca. 1480), Die Blendung Simsons (Rembrandt van Rijn, 1636), Der Geograf (Jan Vermeer, 1669) und Die Heiligen der Familie Crotta (Giovanni Battista Tiepolo, ca. 1750).

Als Freund von chronologischem Vorgehen, setzte ich meinen Rundgang natürlich in der Abteilung Kunst der Moderne (1800 – 1945) fort. Dort muss ich mir unbedingt das klassizistische Gemälde Goethe in der römischen Campagna (Johann Heinrich Tischbein, 1787) anschauen. Nicht nur weil ich ich mich in Goethes Geburtsstadt aufhielt, sondern auch weil es das mit Abstand berühmteste Porträt des Dichterfürsten ist. Aber Gemälde wie das impressionistische Nach dem Mittagessen (Auguste Renoir, 1879), das symbolistische In der Schenke (Edvard Munch, 1890), das kubistische Bildnis Fernande Olivier (Pablo Picasso, 1909) oder das expressionistische Die Synagoge in Frankfurt am Main (Max Beckmann, 1919), hielten mich ebenfalls lange in ihrem Bann.

Es folgte die Gegenwartskunst (1945 bis heute), wo mich nicht nur die farbenfrohsten Bilder, sondern auch der bunteste Mix an Stilrichtungen erwartete. Neben Gemälden findet man in dieser Dauerausstellung viele Installationen und Skulpturen wie beispielsweise die Organische Struktur (Günther Uecker, 1962), Glücksklee (Thomas Bayrle, 1969) oder Chemin: Les Portes (Daniel Buren, 1985). Außerdem durfte auch Andy Warhols 1982 geschaffene Variante von Tischbeins Goethe bei meinem Rundgang nicht fehlen.

Gegen 14:30 Uhr war ich letztlich mehr oder weniger mit allen Ausstellungsräumen durch, bzw. meinte genug gesehen zu haben. Ich genoss jetzt nochmal den Ausblick von der Dachterrasse des Städel und da ich bereits um 17 Uhr einen Tisch für’s Abendessen im Bornheimer Ratskeller reserviert hatte, brauchte ich mir keine wirklichen Gedanken mehr um die weitere Gestaltung des Nachmittags machen. Es ging nur kurz nochmal ins Hotel und von dort wenig später per U-Bahn nach Bornheim.

Ich stieg Bornheim-Mitte aus und spazierte noch ein wenig durch das 1877 von Frankfurt eingemeindete Bornheim. Dieser Stadtteil gefiel mit schöner Gründerzeitarchitektur und einigen traditionsreichen Apfelweinschenken. Die waren wiederum teils in alten Fachwerkhäusern zuhause und wirkten dementsprechend besonders urig. Da wäre ich kulinarisch bestimmt auch auf meine Kosten gekommen, aber heute sollte es erstmal der auf dem Bornheimer Hang thronende Ratskeller werden.

Punkt 17 Uhr betrat ich das Gasthaus aus dem 18. Jahrhundert, welches 2018 von Mario Furlanello übernommen und grundlegend saniert wurde. Dabei blieb der ursprüngliche Charakter erhalten, wurde aber an den richtigen Stellen – zum Beispiel beim Lichtkonzept und dem Mobiliar – stilvoll in die Moderne überführt. Zugleich ging der neue Eigentümer und Chefkoch kulinarisch neue Wege. Alles saisonal und regional mit täglich angepasster Abendkarte. Auf dieser finden sich zwar immer noch regelmäßig Wirtshausklassiker, doch die haben jetzt mitunter andere Zutaten und sind anders arrangiert. Dazu gibt es immer wieder Gerichte mit italienischem oder französischem Einschlag. Las sich im Falstaff und in der AHGZ jedenfalls sehr interessant.

Nachdem man mich platziert hatte, studierte natürlich sofort die heutige Tageskarte. Drei Gänge mit Getränkebegleitung durften es gerne werden und den Einstieg wagte ich mit einem großen Glas Apfelwein der Griesheimer Kelterei Nöll und einer Jambon persillé. Diese Terrine aus zart gekochtem Schweinefleisch war wunderbar mit Petersilie und ein paar Gewürzen aromatisiert und wurde zusammen mit Cornichons und einer Senfcreme serviert. Als weiteren Begleiter gab es hausgebackenes Sauerteigbrot, welches ebenfalls hervorragend mundete.

Wenig später folgten als Hauptgang Pappardelle al ragù di capriolo. Die hausgemachten Bandnudeln und das geschmorte Ragú bianco mit Rehfleisch aus heimischen Wäldern waren eine großartige Allianz eingegangen, während geriebener Hartkäse und frisch gehobelte Champignons für weitere Akzente auf der Zunge sorgten. Außerdem ließ ich mir auf Empfehlung des Hauses ein Glas Dalsheimer Saint Laurent einschenken. Diese Weinbegleitung war auch ein Volltreffer.

Anschließend wurde mir als Dessert der so genannte Scheiterhaufen serviert. Das war hausgebackenes Sauerteigbrot vom Vortag, welches in einer Masse aus Milch, Ei und Gewürzen eingeweicht und anschließend nochmal im Ofen gebacken wurde. Dieses saftige Gebäck wird im Ratskeller mit einer Kugel Schmandeis und einem Apfelkompott begleitet. Auch alles äußerst delikat.

Als ein Espresso das exzellente Abendmahl abgerundet hatte, war ich dem Restaurant für drei Gänge und drei Getränke bescheidene 61,70 € schuldig. Nachdem die nebst Trinkgeld entrichtet waren, ging es umgehend den steilen Bornheimer Hang hinab zum gleichnamigen Stadion. Übrigens 1931 eröffnet und seitdem die Heimat des am 20. August 1899 gegründeten Fußballsportverein Frankfurt.

Das Gründungsjahr nimmt die aktive Fanszene bei den Heimspielen seit Monaten zum Anlass für einen jeweils 18 Minuten und 99 Sekunden langen Stimmungsboykott. Damit protestiert man weiterhin gegen den im April 2024 vollzogenen Einstieg der SBA Invest GmbH als Investor beim FSV. Diese GmbH wurde vom Vereinspräsidenten Michael Görner und dem FSV-Geschäftsführer Robert Lempka eigens zu diesem Zwecke gegründet und hält nun 10 % der Anteile an der vom Stammverein ausgegliederten FSV Frankfurt 1899 Fußball GmbH (was 277.777 € frisches Kapital in die Clubkasse gespült haben soll).

Natürlich klingen 10 % noch nicht nach dem totalen Ausverkauf und längst nicht alle Fans und Mitglieder sehen den Einstieg der SBA Invest GmbH so kritisch wie das Bündnis für einen FSV Frankfurt aus eigner Kraft (BEK). Allerdings haben die im Bündnis organisierten Fans vielleicht u. a. mal nach Hannover geschaut und halten es für keine gute Idee, wenn Funktionsträger des Vereins auch gleichzeitig Investoren sind und mit sich selbst über Anteilsverkäufe verhandeln. Wer die Kritikpunkte nochmal nachvollziehen will, informiert sich am besten auf der Homepage vom BEK.

Als der u. a. von den Pugnatores Ultras gebildete kleine Stimmungsblock endlich loslegte, lag der FSV bereits hinten. Maximilian Waack hatte die Gäste in der 17. Minute in Führung gebracht. Der wie die TSG Hoffenheim seit langer Zeit vom Walldorfer Softwareunternehmen SAP unterstütze FCA legte zehn Minuten später sogar nochmal nach (Torschütze: Andre Redekop) und schien sehr gewillt eine vorzeitige Herbstmeisterschaft der Frankfurter zu verhindern.

Denn sportlich läuft es gerade sehr rund am Bornheimer Hang, wo insgeheim von einer Rückkehr in den Profifußball zum 125. Vereinsgeburtstag geträumt wird. Die Elf von Cheftrainer und Präsidentensohn Tim Görner hat erst eine Saisonniederlage kassiert und sich mit zuletzt acht Siegen in Serie bereits ein Stück an der Tabellenspitze abgesetzt (fünf Punkte Vorsprung auf die 2. Mannschaft der TSG Hoffenheim). Das sprach für Qualität und Selbstbewusstsein, welches nach dem 0:2 endlich gleichermaßen aufblitzen sollte. Erst sorgte Lucas Hermes für den Anschluss (29.), dann besorgte Cas Peters noch vor der Pause den Ausgleich (38.).

In der Halbzeitpause versorgte ich mich mit einem Literpott Ebbelwoi (9,50 €) und hoffte auf einen weiterhin munteren Kick. Ferner wurde der zweite Durchgang mit einer kleinen Aktion der Gruppe Gioventù eingeleitet. Ein Banner wies auf den eigenen 9. Geburtstag hin und hatte Begleitung von ein paar blau-schwarzen Handschwenkern. Ansonsten gab es für FSV-Fans aber nichts mehr groß zu feiern. Die 2. Halbzeit sollte wesentlich ärmer an Torraumszenen werden und erst in einer etwas hitzigen Schlussphase hatten beide Teams nochmal den Siegtreffer auf dem Fuß. Ein Torerfolg blieb jedoch hüben wie drüben aus.

Nachdem der Abpfiff die Herbstmeisterschaft der Bornheimer mindestens verschoben hatte, ging es für mich per Tram umgehend wieder in Richtung Hauptbahnhof. Nach einer zweiten Nacht im sich nicht für weitere Aufenthalte aufdrängenden Bristol Hotel sollte ich meine Tour am nächsten Morgen nach Pforzheim fortsetzen. Aber davon könnt im nächsten Bericht lesen.
*Ironischerweise schlug die marode deutsche Bahninfrastruktur genau in dem Moment zu, als ich in einem Ferngespräch lobende Worte über unseren Bundesverkehrsminister Volker Wissing verloren hatte (der wiederum just seinen Verbleib in der Regierung und gleichzeitigen Austritt aus der FDP bekannt gegeben hatte).
**Der archivierte Wimpel von 1954 ist höchstwahrscheinlich vom WM-Endspiel. Aber es kann nicht zu 100 % ausgeschlossen werden, dass es vielleicht doch der Wimpel aus dem Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Ungarn ist.