Milano, Sondrio & Lecco (Mailand, Sünders & Leck) 10/2024

  • 22.10.2024
  • AC Milan – Club Brugge KV 3:1
  • UEFA Champions League (League Phase)
  • Stadio Giuseppe Meazza (Att: 58.649)

An Urlaubstag Nr. 4 war für Johnny und mich wieder Fußball angesagt. Sogar in der vermeintlichen Königsklasse dieser Sportart. Die AC Milan empfing am Abend den Club Brugge in der Ligaphase der UEFA Champions League. Also ging es heute nach dem Frühstück zeitig vom Ufer des Lago di Como (Comer See) nach Milano (Mailand), um vor dem Spiel noch ein bisschen was in der norditalienischen Millionenstadt (ca. 1.350.000 Einwohner) zu unternehmen.

Der Bahnhof Porta Garibaldi die Hochhäuser der Piazza Gae Aulenti

Wir stiegen um 9:13 Uhr in Valmadrera in einen buchstäblichen Bummelzug (12 € für Hin- und Rückfahrt pro Kopf) und kamen 96 Minuten später am Bahnhof Porta Garibaldi an. Gegenüber vom zweitgrößten Bahnhof der Metropole begann mit den futuristischen Hochhäusern am Piazza Gae Aulenti sogleich meine von Johnny erwünschte Stadtführung. Der Bau dieses modernen Quartiers, zu jenem mit dem Unicredit Tower auch Italiens derzeit höchster Wolkenkratzer gehört (231 m), wurde vor rund 15 Jahren in Angriff genommen und 2012 im Wesentlichen abgeschlossen.

Der Bosco Verticale

Außerdem befindet sich in der direkten Nachbarschaft der Bosco Verticale (vertikaler Wald). Das sind zwei 80 und 110 m hohe Wohntürme, deren Fassaden, respektive Terrassen und Balkone mit rund 900 Bäumen und tausenden Büschen, Blumen und Sträuchern bepflanzt sind. Dieses grüne Konzept soll nicht nur für gutes Mikroklima in den Wohnungen sorgen, sondern als innerstädtisches Biotop auch die Biodiversität im urbanen Raum verbessern. Allerdings entstehen allein schon durch die technisch aufwendige Pflege des Bosco Verticale pro Wohneinheit monatliche Nebenkosten im unteren vierstelligen Bereich. Entsprechend ist dieses Projekt nur für sehr wohlhabende Bürger gedacht gewesen und leider nicht der kommende ökologische Baustandard für die breite Masse.

Haupteingang und Famedio des Cimitero Monumentale

Anschließend führte uns der Weg zum Cimitero Monumentale. Dieser 1866 eröffnete Zentralfriedhof verfügt einerseits über einen sehenswerten Famedio (Ruhmestempel), in dessen zentraler Kuppelhalle sich die Grabstätte des weltberühmten Dichters und Schriftstellers Alessandro Manzoni (* 1785; † 1873) befindet. Ebenso findet man auf dem Freigelände des Friedhofs zahlreiche monumentale Grabmäler und Gruften weiterer einflussreicher Söhne und Töchter der Stadt.

Das Grabmal von Davide Campari

In Sachen Fußball liegen hier u. a. Herbert Kilpin (englischer Fußballpionier in Italien, der zu den Gründungsvätern der AC Milan gehört) und Giuseppe Meazza (Inters und Italiens Starstürmer der 1930er Jahre) begraben. In Sachen Genussmittel u. a. Davide Campari, dessen Grabplatte übrigens eine riesige bronzene Plastik von da Vincis L’Ultima Cena ist. Weil auch dieser Trip nach Milano zu kurzfristig war, um Tickets für eine Visite des Originalgemäldes zu bekommen, ersann ich mir den Besuch jener Grabstätte sozusagen als Ersatz.

Teilansicht des Castello

Vom Friedhof ging es durch Milanos Chinatown weiter zum Parco Sempione (Simplonpark), wo uns Sehenswürdigkeiten wie der Arco della Pace, die Arena Civica und das Castello Sforzesco erwarteten. Dort stießen wir noch ein Stück weiter in die bewegte Stadtgeschichte vor, ehe wir die Prachtstraße Via Dante entlang zum Duomo di Milano (Mailänder Dom) spazierten. Für die wahrscheinlich berühmteste Sehenswürdigkeit der Stadt hatten wir uns Kombitickets à 21,50 € gebucht, die uns Zugang zur Kathedrale, deren Dach und dem Museo del Duomo (Dommuseum) verschafften.

Der Altarraum im Duomo di Milano

Es war also ein sehr ähnliches Tagesprogramm wie bei meiner Visite im Januar 2023, weshalb ich mir an dieser Stelle abermalige historische Ausführungen erspare und stattdessen auf meinen umfangreichen Bericht Milano 01/2023 verweise. Selbst zum Mittagessen ging es wieder ins gleiche Lokal wie beim letzten Mal. Unweit des Duomo bekommt man nämlich im Pastalokal Trafilata weiterhin schnelle und preiswerte Küche (man kann dort aus ungefähr je einem halben dutzend Nudelsorten und Saucen seine Wunschkombination wählen).

Hoch hinaus auf dem Dach des Domes

Johnny entschied sich für Spaghetti alla carbonara, während meine Wahl auf die Casarecce alla gricia fiel. Außerdem bestellten wir das Ganze jeweils als Menü für 15,90 €, so dass es noch Wasser und Espresso dazu gab und man außerdem eine Vorspeise oder Nachspeise auswählen durfte. In meinem Fall wurde es vorweg eine marinierte Artischocke mit Kräuterbaguette, bei Johnny hingegen Pulled Pork.

Casarecce alla gricia

Nachdem hinter den Tagesordnungspunkten Mittagessen und Dom auch ein Haken war, setzten wir unseren touristischen Rundgang in südliche Richtung fort, wo uns u. a. noch die Porta Ticinese (mittelalterliches Stadttor aus dem 12. Jahrhundert) und die Colonne di San Lorenzo (Reste einer römischen Therme aus dem 4. Jahrhundert) erwarteten. Damit hatten wir uns so gesehen von den zeitgenössischen Wolkenkratzern am Piazza Gae Aulenti bis zu den römischen Wurzeln der Stadt durchgearbeitet. Perfekt um das Kapitel Stadtgeschichte mehr oder weniger zuzuklappen und sich Erfrischungen im nahen Quartier Navigli zu gönnen.

Der berühmte Mittelfinger vor der Mailänder Börse

Entlang der alten Handelskanäle Naviglio Grande und Naviglio Pavese existieren dazu unzählige Optionen. Wir gingen nach Gefühl und ließen die spärlicher besuchten Bars erstmal links liegen. Da wo gut was los war und mutmaßlich auch viele Locals für ihren Aperitivo eingekehrt waren, wollten wir uns stattdessen niederlassen. Die Kriterien schien die Zog Bar an der Ponte Alda Merini zu erfüllen und just bei unserer Ankunft wurde ein Außenplatz mit zwei Stühlen für uns frei.

Colonne di San Lorenzo

Dort bestellten wir passend zu Milans belgischem Gegner Stella Artois vom Fass (40 cl à 5 €) und bekamen außerdem Taralli, Oliven und Kartoffelchips gereicht. Wir genossen das kühle Blonde und die kleinen Snacks nun in Nachmittagssonne, während sich dieses Ausgehviertel mehr und mehr mit Menschen füllte. Obendrein lungerten hier am späten Nachmittag etliche Grüppchen der Gästefans. Als jene immer weniger wurden, war das für uns das Signal so langsam ebenfalls zum Stadion aufzubrechen.

Aperitivo am Naviglio Grande

Per Metro (2,20 € pro Billet) ging es zum etwa 6 km entfernten Stadio Giuseppe Meazza, wo wir kurz nach 18 Uhr eintrafen. Ich hatte uns preiswerte Tickets im Oberrang der Gegengerade gekauft (29 €), so dass wir nach der Einlasskontrolle noch ein paar Stockwerke hinauf mussten. Doch weil wir vom Aufstieg auf das Dach des Duomo noch die 200 Treppenstufen in den Beinen spürten, nahmen wir anstatt der Treppen lieber die spiralförmigen Rampen eines der elf Stadiontürme. Dieser sanfte Anstieg dauert natürlich etwas länger, aber dafür konnten wir aus exponierter Lage den Einlass beobachten und zugleich den Sonnenuntergang genießen.

Rampenausblick

Am Ende saßen wir 18:35 Uhr und damit pünktlich zum Stimmunganheizer „Sarà perché ti amo“ auf unseren Plätzen. Leider sollte es heimseitig nicht so schnell wieder so laut wie bei diesem Klassiker werden. Denn die Fanszene hatte einen Protest, bzw. die Fortsetzung eines Protests verkündet und wollte an diesem Abend zumindest die ersten 80 Minuten schweigen. Auch auf Zaunfahnen und sonstige optische Insignien wurde in der Curva Sud des Stadions verzichtet. Lediglich ein Banner mit der Aufschrift „Forza ragazzi, noi forti sempre“ hing zentral in der Kurve.

Königsklasse

Hintergrund ist eine Verhaftungswelle vor wenigen Wochen, die nach einer tödlichen Auseinandersetzung innerhalb der teils mafiösen Strukturen der Curva Nord von Inter beide Fanszenen der Stadt gleichermaßen traf. Denn auch führenden Köpfen von Milans Curva Sud werden Verstrickungen in die Unterwelt und kriminelle Aktivitäten rund um die Fußballspiele der AC Milan vorgeworfen. Die Capi beider Kurven sollen mit dem Handel von Drogen, Tickets und Fanartikeln, sowie der angeblich erpressten Kontrolle über Parkplätze und Food Trucks am Stadion jeden Monat hübsche Sümmchen erwirtschaftet haben.

Der Gästesektor auf der Nord

Die im dritten Rang der Nordtribüne untergebrachten belgischen Schlachtenbummler sorgten somit über weite Strecken des Abends allein für die Stadionatmosphäre. Sie hatten das Gästekontingent von rund 4.000 Tickets offenbar komplett in Anspruch genommen und intonierten lautstark ihre zu 96 % englischsprachigen Schlachtrufe und Gesänge. Optisch war das ebenfalls ein sehr britischer Auftritt (kein Pyro, keine Choreo, viele kleine Zaunfahnen…). Und auch beim Pöbeln und Provozieren stand man den Pendants von der anderen Kanalseite in nichts nach.

Knapp 60.000 der insgesamt 75.817 Plätze waren heute besetzt

Der Spielverlauf kam der Stimmung im Auswärtssektor zunächst ebenfalls entgegen. Denn der amtierende belgische Meister startete furios. Bereits in den ersten drei Minuten kamen Tzolis und Jutgla zu Torabschlüssen für Blauw-Zwart, während Ordonez in der 8. Spielminute das Leder an die Torlatte knallte. In der Anfangsviertelstunde schwamm Milans Defensive also so richtig und verärgerte damit auch insbesondere meinen Sitznachbarn. Denn Johnny hatte seinen Wetterlös aus Zürich (70 €) reinvestiert und träumte daraus 230 € zu machen. Seine italienische Königsklassenkombiwette: Milan gewinnt heute und dabei fallen weniger als 4,5 Tore; Atalanta gewinnt morgen gegen Celtic.

Der VAR-Platzverweis wird gefeiert

Für etwas Beruhigung neben mir konnte allerdings Christian Pulisic sorgen. Der Ex-Dortmunder zirkelte in der 34. Minute einen Eckstoss direkt ins Tornetz. Und spätestens als Brügges Oneyedika wegen eines groben Foulspiels vom deutschen Schiedsrichter Felix Zwayer nach VAR-Eingriff des Feldes verwiesen wurde (40.), schien Fortuna endgültig wieder im Bunde mit Johnny Power. Aber denkste… Der am 13. November 1891 gegründete Club Brugge KV schien beide Nackenschläge viel zu gut zu verdauen. In der Pause stellte ihr Trainer Nicky Hayen taktisch etwas um und kurz nach Wiederanpfiff besorgte eine Angriffskombination von zwei eingewechselten Spielern – Hugo Vetlesen bediente Kyriani Sabbe – den verdienten Ausgleich (51.).

Brügger Torfreude

Zum Glück für die Mehrzahl der Stadionbesucher bewies jedoch auch Milan-Coach Paulo Fonseca ein glückliches Händchen. Der nach einer Stunde eingewechselte Okafor legte mit seinem ersten Ballkontakt sogleich Mitspieler Tijjani Reijnders die neuerliche Führung der Rossoneri auf (61.). Zehn Minuten später bereitete der zusammen mit Okafor ins Spiel gekommene Chukwueze außerdem einen weiteren Treffer von Reijnders vor (71.). Während die Tifosi um uns herum nun siegesgewiss in Richtung der Belgier pöbelten, war die Torfreude meines Sitznachbarn indes ambivalent. Der Doppelpack von Reijnders schien zwar den Heimsieg des 19-fachen italienischen Fußballmeisters zu manifestieren, andererseits durfte jetzt aber auch kein weiteres Tor mehr fallen.

Ab der 80. Minute machte die Curva Sud endlich Stimmung

Es wurde für Johnny also wieder so eine Zitterpartie wie in Zürich und in der 87. Minute war richtig Drama angesagt. Der just eingewechselte Debütant Francesco Camarda, der sich heute übrigens mit 16 Jahren und 233 Tagen den Superlativ des jüngsten italienischen Spielers in der UEFA Champions League sicherte, traf in jener Spielminute doch tatsächlich zum vermeintlichen 4:1. Felix Zwayer war bereit Camarda auch zum jüngsten italienischen Torschützen in diesem Wettbewerb zu küren, aber wenigstens der VAR war auf der Seite von Johnny Power (Abseitsposition des Torschützen).

In der 87. Minute wäre mein Sitznachbar beinahe durch die Decke gegangen

Der mittlerweile singenden und klatschenden Curva Sud waren anschließend keine weiteren Torjubel vergönnt, so dass der Wettschein meines Reisegleiters beim Schlusspfiff noch lebte. Entsprechend froh gestimmt ging es nun per Metro zurück ins Stadtzentrum (abermals 2,20 €). Gegen 21:45 Uhr erreichten wir den Bahnhof Milano Centrale und beschlossen dort nicht in den erstbesten Zug gen Lecco (Leck) zu steigen, sondern uns noch ein kleines Abendessen zu organisieren. Denn in einem Flügel des Hauptbahnhofs der lombardischen Hauptstadt gibt es seit ein paar Jahren eine Markthalle mit rund verschiedenen 30 Gastronomen.

Das heutige Abendessen

Wir entschieden uns dort für einen Stand namens Bambi – Trippa e Lampredotto, dessen Namen ich Johnny bewusst nicht übersetzte. Wir bestellten allerdings auch weder Trippa, noch Lampredotto. Es gab stattdessen zwei Portionen Peposo con Pane à 13 €. Außerdem ließen wir uns zwei Gläser Eil der Birrificio Hibu für je 6 € an der Bar nebenan zapfen und später gab es bei einem Backwarenstand noch Panzerotti mit Käse und Schinken (7 €) auf die Faust. Anschließend ging es um 22:52 Uhr sehr zufrieden zurück nach Lecco bzw. Malgrate, wo uns mein Smartphone für heute nebenbei 31.276 Schritte, respektive 23 km verriet. Das war nochmal eine Steigerung zum Vortag, an dem wir trotz anstrengender Wandertour nur auf 27.776 Schritte (17,4 km) gekommen waren.

Trübe Aussichten am Lago di Como

Am Mittwoch sollte für uns eigentlich nochmal der Ball rollen. Zwar war uns Atalanta – Celtic zu teuer (minimum 100 €), aber die viertklassige Serie D hatte regulären Spieltag und komischerweise wurden auch in der Wochenmitte fast alle Spiele um 15 Uhr angepfiffen. Das eröffnete viele Optionen für einen Tagesausflug. Lediglich das Wetter spielte nicht so recht mit. In der ganzen Lombardei sollte es mehr oder weniger durchregnen. Nur ein Tal im äußersten Norden namens Valtellina (Veltlin) bekam laut Regenradar noch bis zum frühen Nachmittag Aufschub. Wie gut, dass im dortigen Hauptort Sondrio (Sünders) ebenfalls ein Viertligakick um 15 Uhr angesetzt war (Sondrio Calcio vs. AC Vigasio) und das Stadion über überdachte Sitzplätze verfügt.

Unterwegs in den Gassen von Sondrio

Wir stiegen also nach dem Frühstück um 10:06 Uhr in einen Zug nach Sondrio (14,80 € pro Nase für Hin- und Rückfahrt) und erreichten unseren 300 m ü. NN gelegenen Zielbahnhof knapp 90 Minuten später. Dort erkundeten wir zunächst einmal mit großen Augen die Altstadt. Insbesondere das sehr gut erhaltene mittelalterliche Quartier Scarpatetti begeisterte uns unisono. In einem kleinen Gewirr von Gassen, Gängen und Treppen kann man hier die typischen mittelalterlichen Häuser der Region bewundern. Ebenso finden sich an fast der Straßenecke kleine Marienkapellen, in denen gottesfürchtige Menschen seit hunderten von Jahren die heilige Jungfrau Maria um Beistand bitten.

Eines der typischen Häuser in Sondrios Altstadtquartier Scarpatetti

Wir arbeiteten uns durch dieses pittoreske Viertel langsam hinauf zum Castello Masegra, welches über der Altstadt thront und früher ein wichtiges Machtzentrum in diesem Alpental war. Es wurde vermutlich im 12. Jahrhundert errichtet und diente zunächst als Stammsitz der Adelsfamilie Capitanei. Die stellten im Mittelalter die Grundherren von Sondrio, ehe die Stadt 1335 unter den Einfluss der Familie Visconti geriet und somit ab 1395 zum Ducato di Milano (Herzogtum Mailand) gehörte.

Das Castello Masegra

1512 fiel das Valtellina mitsamt seinem Hauptort Sondrio an die drei Bünde aus den benachbarten Alpentälern im Norden (heute der Schweizer Kanton Graubünden). Ins Castello Masegra zog die mächtige Bündner Familie Salis Soglio ein, die für die drei Bünde fortan den Podestà in Sondrio, respektive den Landeshauptmann im Valtellina stellte. Die Bündner Herrschaft endete erst 1797, als Napoleon Bonaparte das Tal seiner Cisalpinischen Republik zuschlug. Im Wiener Kongress (1815) wurde das Valtellina allerdings dem neu gegründeten und habsburgisch regierten Regno Lombardo-Veneto (Lombardo-Venetianischen Königreich) übertragen, womit auch seine heutige Zugehörigkeit zu Italien anstatt zur Schweiz vorgezeichnet war.

Der Mallero und seine Schlucht

Nach dem kleinen Exkurs in die Lokalgeschichte, begann dann unsere eigentliche Wanderung. Es ging vom Castello noch weiter bergauf zur erst 2021 eröffneten Fußgängerbrücke Passerella sulle Cassandre. Die überspannt in 100 Metern Höhe den Mallero, der in Sondrio wiederum in die Adda mündet. Nachdem der herrliche Ausblick von der Brücke ausreichend genossen war, orientierten wir uns zum nahen ehemaligen Kloster Convento San Lorenzo.

Ausblick vom Castello Masegra zum Kloster San Lorenzo

Heute ist das Convento San Lorenzo eines der vielen Weingüter im Valtellina. Denn in diesem Alpental herrschen optimale Bedingungen für den Anbau der edlen Nebbiolo-Traube. So werden die kalkhaltigen Mergelböden der hiesigen Südhänge einerseits von der teilweise über 4.000 m hohen Berninagruppe vor kalten Nordwinden geschützt und andererseits schirmen die Alpi Bergamasche (Bergamasker Alpen) das Tal im Süden vom mitunter feucht-warmen Klima der Pianura Padana (Po-Ebene) ab. Derart geographisch begünstigt, kommt das Valtellina auf durchschnittlich 1.900 Sonnenstunden p .a., in denen die anspruchsvolle Nebbiolo-Traube optimal ausreifen kann.

Unterwegs in den Weinbergen bei Sondrio

Unweit des Convento San Lorenzo stiegen wir nun in die Weinberge ein, wo die Spätlese der Trauben noch voll im Gange war. Es ging stetig bergauf (teilweise bis zu 25 % Steigung), ehe wir ca. 700 m ü. NN den Panoramaweg Sentiero balcone erreichten. Diesem sollten wir ohne größere Höhenunterschiede ein gutes Stück folgen und dann wollten wir auf unserem Wanderkilometer 7,2 wieder hinab nach Sondrio steigen und am Fuße der Weinberge das Stadion aufsuchen.

Näher kamen wir dem Ground heute nicht

Nun rächte sich allerdings, dass die Tour mal eben schnell beim Frühstück von mir zusammengezimmert wurde. Denn abwärts zum Stadion gab es nur direkte Wege des Schwierigkeitsgrads EE. Ist zwar für mittelmäßig erfahrene Wanderer wie uns machbar, aber mittlerweile schüttete es auch im Valtellina ordentlich. Auf nassem Laub und tausenden rutschigen Eicheln wäre das vielleicht doch ein unnötig riskantes Vergnügen geworden. Spaß machten uns die ersten Probemeter im Hang jedenfalls nicht.

Ab 15 Uhr wurde das Wetter auch im Valtellina garstig

Also ging es fast den gleichen Weg zurück nach Sondrio und das Fußballspiel war maximal noch zur 2. Halbzeit zu erreichen. Die 45 Minuten Fußball schenkten wir uns und gedachten stattdessen bereits einen früheren Zug nach Lecco nehmen. Im Zentrum der 22.000-Einwohner-Stadt wurde dann nochmal Bier für die Rückfahrt und den Abend gekauft, ehe wir am Bahnhof eine 12,8 km lange Tour mit 490 Höhenmetern bilanzieren konnten. 16:41 Uhr waren wir wieder auf der Schiene und rollten nach wenigen Sekunden an einem spärlich besetzten Stadio Coni La Castellina vorbei. Bei Sondrio Calcio sollte zeitnah eine 0:4 Heimniederlage abgepfiffen werden.

Zurück in Sondrios Altstadt

In Lecco kamen wir um 17:58 Uhr an und marschierten durch nasse Straßen zurück zur Unterkunft. Nach kurzer Revitalisierung ging es anschließend auf ein Abendessen rüber zu Covo Nord Ovest. Schnell standen zwei Flaschen Lambrate (unfiltriertes Bockbier) à 7 € auf dem Tisch und nach einem Probierschluck äußerten wir unsere Pizzawünsche. Passend zum heutigen Tagesausflug wählte ich die Valtellina mit Bresaola, Steinpilzen, Mozzarella, Rucola und frisch gehobeltem Hartkäse (15,50 €). Johnny entschied sich hingegen für eine Prosciutto e Funghi (13,50).

Das hatten wir uns verdient…

Wir waren beide höchst zufrieden mit unseren Pizze, aber enttäuscht von Atalanta. Die fanden einfach kein Mittel gegen Celtics Einigeln in der eigenen Hälfte, so es im 33 km von unserem Restaurant entfernten Stadio Atleti Azzurri d’Italia nach 80 Minuten immer noch 0:0 stand. Parallel zum Bezahlen unseres Abendessens wurde in Bergamo dann tatsächlich ein torloses Unentschieden abgepfiffen, so dass es für Johnny leider nicht zum Zahltag beim Sportwettenanbieter kam.

…und das auch

Um dieses Glücksspielpech schnell zu vergessen, zogen wir an der Promenade von Malgrate ein paar Türen weiter. In der Birreria e Paninoteca La Botte lief das 21-Uhr-Spiel YB vs. Inter und schnell waren für uns zwei Stella Artois (40 cl) à 6 € gezapft. Weil das heute erwanderte Loch im Magen größer als eine Pizza war, orderten wir zum Teilen außerdem eine Platte mit diversen Salami-, Schinken- und Käsespezialitäten (17 €). Am Bildschirm gab es hingegen keinen Leckerbissen, so dass wir uns das ebenfalls 0:0 in die Pause gehende Spiel mit härteren Sachen wie Cuba Libre (10 €) und Negroni (7 €) schön trinken mussten.

Kneipensnacks

Erst in der Nachspielzeit der 2. Halbzeit gelang Inter tatsächlich noch das Siegtor. Schien aber niemanden in der gut besuchten Schankwirtschaft zu freuen (eher im Gegenteil). Wir beglichen nach dem Schlusspfiff sogleich unsere Rechnung und ließen den Tag nochmal bei einem Peroni im Wohnzimmer unserer Unterkunft Revue passieren. War trotz der kleinen Wetterkapriolen und dem verpassten Fußballspiel ein weiterer schöner Urlaubstag gewesen. Außerdem hatten wir uns kilometertechnisch erneut gesteigert. 26 km, respektive 38.593 Schritte verriet das Smartphone um Mitternacht.

Negroni

Am Donnerstag drohte abermals schlechtes Wetter und obendrein erbaten sich die Muskeln nach dem Programm der letzten drei Tage ein wenig Schonung. Also ließen wir die Wanderschuhe heute in der Ecke stehen und ersannen uns ein Alternativprogramm mit dem Arbeitstitel „Lecker durch Lecco“. Flankiert von kulinarischen Genüssen am Mittag und Abend wollten wir noch ein wenig mehr als bisher von der zweitgrößten Stadt am Lago di Como (ca. 48.000 Einwohner) kennenlernen.

Der vorletzte Morgen am Lago di Como

In der bereits seit der Antike verbrieften Seestadt stießen wir bereits auf den ersten Metern nochmal auf Alessandro Manzoni. Denn ein Künstler hat Szenen aus dessen Hauptwerk I Promessi Sposi (Die Brautleute) im Stile einer Graphic Novel an die Geländer der Uferpromenade gesprüht. Warum hier? Manzonis Familie stammt aus Lecco und I Promessi Sposi spielt zu weiten Teilen in dieser Stadt und ihrer Umgebung. So wundert es kaum, dass der alte Familiensitz der Manzonis (Villa Manzoni) heute ein entsprechendes Museum ist und im Stadtzentrum natürlich ein großes Denkmal für den Dichter steht.

Ein Denkmal für den Dichter

Nach einem Spaziergang an besagter Uferpromenade, widmeten uns als nächstes der Altstadt von Lecco. An der Piazza Cermenati führte Johnny und mich eine Treppe vom See zur bereits im 7. Jahrhundert geweihten und in späteren Jahrhunderten mehrfach erneuerten und erweiterten Basilica di San Nicolò. Diese Basilika ist zweifelsohne das sakrale Wahrzeichen Leccos und ihr 96 m hoher Glockenturm dominiert bis heute die Stadtsilhouette. Man kann ihn als Tourist über die 380 Stufen einer Wendeltreppe erklimmen, aber das war bei den heutigen Witterungsverhältnissen die Mühe nicht wert.

Die Piazza XX Settembre mit dem Glockenturm der Basilica di San Nicolò im Hintergrund

Stattdessen zog es uns in die angrenzenden Altstadtgassen, wo die Auslagen der Feinkostgeschäfte schon Appetit auf die beiden nächsten Mahlzeiten machten. Zwangsläufig führten uns die Gassen irgendwann schließlich zur zentralen Piazza XX Settembre. Hier stand im Mittelalter eine Burg der Visconti, von der in einer Ecke des Platzes immer noch ein Turm übrig ist. Heute wird die Piazza ansonsten vom 1905 im Stile des Eklektizismus errichteten Palazzo delle paure und einigen schönen Renaissancegebäuden mit Arkadengängen geprägt.

Unterwegs in den Gassen von Leccos Altstadt

Nach unserem Altstadtexkurs zog es uns abermals ans Wasser. Diesmal jedoch ans Ufer der Adda, die wir bereits aus Sondrio kannten. Am westlichen Ende des Valtellina fließt dieser Fluss nämlich in den Lago di Como und verlässt den See bei Lecco wieder, um ca. 100 km südlich schließlich in den Po zu münden. Leonardo da Vinci hat übrigens im 15. Jahrhundert als Ingenieur in Lecco Nebenkanäle der Adda geplant und man vermutet, dass der Hintergrund seines berühmten Gemäldes Mona Lisa den Lago di Como und die Bergwelt bei Lecco zeigt.

Hier am Ufer der Adda spielt die berühmte Szene Addio ai monti in Manzonis Hauptwerk I Promessi Sposi

Als es gegen 13:30 Uhr leider so richtig anfing zu schütten, kehrten wir am Ufer der Adda idealerweise in die lokale Mikrobrauerei Herba Monstrum ein. Dort orderte Johnny zum Mittagessen Piadine mit Schinken, Tomate und Käse (7 €) und als Beilage Fritto Mistico (6 €). Ich hingegen bestellte einen von krossen Kartoffeln begleiteten Burger namens Boscaiolo (zusammen 14 €). Dessen saftiges Rindfleischrundstück hatte im rustikalen Brötchen u. a. Gesellschaft von der regionalen Käsespezialität Quartirolo Lombardo, gerösteten Champignons und Pancetta.

Mein so genannter Holzfällerburger

Außerdem gab es natürlich hausgebraute Bierspezialitäten für unsere neugierigen Kehlen. Zunächst je 50 cl Kayak Beer (7 €). Ein hopfiges, erfrischendes American Lager, welches als Monatsbier am Hahn war. Anschließend folgte noch ein halber Liter Meilè (6 €). Das entpuppte sich als Honey Ale mit schöner, aber nicht zu penetranter Honignote.

Jetzt gibt’s hier ’ne Bierverkostung…

Nachmittags kauften wir dann im Einzelhandel noch Weine, Öle und Gepäckspezialitäten für die Heimat und die Heimgebliebenen, sowie Proviant für die morgige Heimreise. Ja, verdammt… Der Urlaub war schon wieder fast vorbei. Da musste am letzten Abend natürlich nochmal besonders gut gegessen werden und die Erfüllung dieser Zielsetzung vertrauten wir nach den Erfahrungen von Montag der Osteria Era Ora an der Promenade von Malgrate an (Vgl. Zurigo & Lecco 10/2024).

Gnocchi di patate con porcini

Obwohl uns beim Erstbesuch am allermeisten unsere Primi (Tagliatelle con ragù di cinghiale alla bracconiera) begeistert hatten, wollten wir heute dennoch beim ersten Gang anderen Speisen eine Chance geben. Ich wählte diesmal Gnocchi di patate con porcini (Kartoffelklößchen mit Steinpilzen) und Johnny entschied sich für den Ravioli Mix della casa (Ravioli mit unterschiedlichen Fleischfüllungen). War auch was Feines.

Costata di manzo

Als zweiten Gang hatten wir beide Costata di manzo al rosmarino (Ribeye-Steaks, die genau wie die begleitenden Röstkartoffeln mit Rosmarin verfeinert waren). Das Fleisch war gut, aber die dicken Stellen direkt am Knochen waren letztlich doch rare, anstatt wie geordert medium rare. Das muss Abzüge in der B-Note geben, während an den folgenden Dolci wieder nichts zu kritisieren war. Johnny orderte köstliches Soufflé al pistacchio, wohingegen ich mir gezuckerte heiße Marroni, die mit Cointreau gelöscht waren, ausgesucht hatte. Zusammen mit einer Flasche Wasser, einem sehr guten Rotwein (Sant’Andrea Valtellina Superiore Riserva) und Coperto kamen wir diesmal auf einen aufgerundeten Gesamtrechnungsbetrag von 160 €.

Heiße Marroni

Am Freitagmorgen hatten wir unsere Ferienwohnungsvermieterin Nunzia auf 8:30 Uhr zur Schlüsselübergabe bestellt. Die Gute bot außerdem an uns zum Bahnhof zu fahren, wo um 9:01 Uhr unser Zug via Monza nach Chiasso abfahren sollte (7,40 € pro Person). Leider war sie nicht ganz pünktlich und der Verkehr am heutigen Morgen mehr als zäh. Aber ihre italienische Fahrweise zerstreute rasch unsere Sorgen, dass wir den Zug nicht bekommen. Letztlich waren wir fünf Minuten vor der planmäßigen Abfahrt am Bahnhof. Schnell noch Küsschen links, Küsschen rechts, grazie mille per tutto, ciao e arrivederci

Hopfig durch die Alpen

Doch unser Zittern war dank 20 Minuten Verspätung des Regionalzuges eh unbegründet gewesen. Stattdessen wurde plötzlich gebangt, ob es noch was mit dem Anschluss in Monza wird. Aber der klappte knapp und in Chiasso hatten wir wiederum gut 45 Minuten Zeit zum Entspannen, ehe uns die SSB gewohnt pünktlich nach Basel brachte. Darauf erstmal eine Runde Moretti! Und weil Signor Moretti uns nur bis Luzern versorgen konnte, nutzte ich den viertelstündigen Aufenthalt des Fernzuges in jenem Bahnhof für den Erwerb einer Rutsche Quöllfrisch.

Kurpfälzer Kebab

Ab Basel lieferte schließlich sogar die DB mal eine tadellose Leistung ab und verköstigte uns obendrein mit Starnberger Hell im Bordbistro. Beim Umstieg in Mannheim war außerdem genug Zeit für die erste ernsthafte Mahlzeit des Tages (Döner Kebab bei City Döner) und anschließend ging es ebenfalls pünktlich weiter nach Hildesheim, wo wir um 21:35 Uhr eintrafen. Wirklich ein großartiger Urlaub, der sehr wahrscheinlich nicht der letzte am Lago di Como war. Vielleicht bau‘ ich mir da sogar irgendwann ein Haus am See (und Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg….).

Song of the Tour: Man sagt, Johnny sei nur für dieses Lied mit ins Stadion gekommen