- 05.10.2024
- Hallescher FC – FC Carl Zeiss Jena 2:1
- 3. Liga (III)
- Kurt-Wabbel-Stadion (Att: 9.655)
Kaum vom Freitagabendausflug aus Dortmund zurück (siehe Dortmund 10/2024) und kurz ins Land der Träume ausgeflogen, klingelte auch schon wieder der Wecker. Samstagmorgen ging es um 9:14 Uhr per Deutschlandticket nach Halle, wo ich kurz nach 12 Uhr eintraf und damit noch über 2,5 Stunden „Freizeit“ bis zum Anstoß des Regionalligatopspiels HFC versus FCC hatte.

Also wurde sich erstmal um ein spätes Frühstück gekümmert. Die Wahl fiel auf das The Shabby, welches unweit der Uni zu finden ist. Die richten sich konzeptionell bewusst an Studenten und andere Langschläfer, welche auch mal erst am frühen Nachmittag lecker dejeunieren wollen. In der großen Auswahl entschied ich mich dort für das Katerfrühstück mit Nürnbergern, Grillspeck, Spiegelei, Bohnen, Pilzen, Salat und sehr geilen hausgemachten Fritten (14 €), sowie die so genannte Superlimo mit Himbeeren und Basilikum (5 €).

Anschließend flanierte ich noch ein wenig durch die an vielen Ecken sehenswerte Innenstadt von Halle. Touristische Details und historische Anmerkungen spare ich in diesem Bericht allerdings aus, da ich dem bereits in meinem entsprechenden Elaborat Halle 05/2023 nachgekommen bin.

14:45 Uhr und somit eine Viertelstunde vor Abpfiff ging es schließlich durch ein Drehkreuz des 1923 eröffneten und 2010/11 quasi komplett neu gebauten Kurt-Wabbel-Stadions. Ich hatte mir für 25 € ein schönes Plätzchen auf der Haupttribüne gebucht und von dort die Kurven gleichermaßen gut im Blick. Im Gästesektor wurde außerdem schon fleißig eine Choreographie vorbereitet, deren Durchführung wenig später in mehreren Akten erfolgte.

So hatten Horda Azzuro & Co ihren Bereich in ein kleines Meer mit tosenden Wellen verwandelt, aus dem alsbald zwei Seeschlangen und ein an Poseidon erinnernder Meeresgott auftauchten. Jene mit FCC-Tattoo versehene Gottheit hatte im nächsten Handlungsschritt einen offenbar schiffbrüchigen Hallenser am Schlawittchen. In einem dritten Akt der Inszenierung ging es für den Schiffbrüchigen nun kopfüber ins Meer, so dass nur noch seine Beine und Füße aus dem Wasser herausragten.

Unterdessen deckten vermummte Jenenser den angrenzenden Heimbereich auf der Gegengerade mit Wasserbomben ein und bekamen wütende Gesten als Reaktion. Später machten noch Gerüchte die Runde, dass die Ballons auch mit unangenehmeren Flüssigkeiten als Wasser befüllt waren. Aber egal, ob es nun Wasser- oder Abwasserbomben waren; in jedem Fall hatten die FCC-Fans mit diesem Intro sehr bildgewaltig ihren Herrschaftsanspruch über den gemeinsamen Fluss Saale postuliert (siehe auch mein Video).

Aber auf dem Platz war natürlich auch noch eine Schlacht um den mit 413 km zweitlängsten Nebenfluss der Elbe* zu schlagen und da geriet der FCC nach einer ausgeglichenen Anfangsphase vorerst ins Hintertreffen. Jan Löhmannsröben köpfte in der 33. Minute das 1:0 gegen seinen Ex-Club. Wobei ich anmerken möchte, dass dessen einjähriges Gastspiel im Ernst-Abbe-Sportfeld schon einige Zeit zurück liegt und der mittlerweile 33-jährige sowieso bereits für fast jeden ostdeutschen Traditionsverein aufgelaufen ist.

Ich glaube „Ausgerechnet der Löhmannsröben“ schoss daher beim Gegentor kaum einem Zeisser durch den Kopf. Stattdessen bewegte die Fans aus Jena vielmehr, dass ihre Vereinslegende Mark Zimmermann seit Sommer Cheftrainer beim HFC ist. Denn der hatte von 1988 bis 1998 und anschließend nochmal von 2004 bis 2008 die Stiefel für den FCC geschnürt. Außerdem bekleidete er von 2008 bis 2018 verschiedene Trainerposten im 1903 als Werksclub der Fa. Carl Zeiss gegründeten thüringischen Traditionsverein. Kurz vor Spielende wurde diese Causa sogar noch per Tapete im Gästeblock thematisiert.

Die Heimkurve hatte übrigens ebenso Tapetenrollen beschrieben und warf der verfeindeten Szene aus Jena u. a. vor sich vergangene Nacht in Naumburg bei einer möglicherweise vorab verabredeten Auseinandersetzung nicht gestellt zu haben. Außerdem wurde kolportiert, dass wohl ausgerechnet FCC-Szeneleute aus Naumburg in der Vergangenheit mit Hitlergrüßen aufgefallen sind und die Frage in den Raum geworfen, wie dieses Verhalten mit dem antirassistischen Grundkonsens der Südkurve in Einklang zu bringen sei.

Auf dem Rasen machte der Drittligaabsteiger aus der Händelstadt derweil die Pausenführung fest, musste jedoch in der 58. Minute den Ausgleich hinnehmen. Kapitän Nils Butzen brachte den gegenwärtigen Tabellenzweiten ebenfalls mit Köpfchen zurück ins Spiel und rannte zum Jubeln einer vor Freude partiell leuchtenden Gästekurve entgegen. Überhaupt entzündeten die Schlachtenbummler aus Thüringen im zweiten Durchgang immer mal wieder eine Fackel zur Begleitung ihres gewohnt abwechslungsreichen Liedguts.

Allerdings war der Ausgleich nur eine Momentaufnahme. Danach ergriff die Zimmermann-Elf wieder die Initiative und erntete in der 66. Minute die Früchte der neuerlichen Offensivbemühungen. Der just zuvor eingewechselte Marius Hauptmann servierte Berk Inaler das Spielgerät mustergültig vor des Gegners Gehäuse und der HFC-Stürmer nagelte die Lederkugel aus kurzer Distanz unter die Latte. Großer Jubel in der Heimkurve, die insgesamt auch nicht schlecht aufgelegt war.

Obwohl ein paar Jungs aus der Kurve heute eine scheinbar traurige Nachricht zu verarbeiten hatten. Denn ein frisch verkündetes Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat wesentliche Vorschriften im BKA-Gesetz zur polizeilichen Sammlung von Personendaten für verfassungswidrig erklärt und auf jenen gesetzlichen Regelungen fußen bundesweite polizeiliche Verbunddateien wie die Datei Gewalttäter Sport. Faninitiativen drängen nun einmal mehr darauf, dass diese fragwürdige Datei endlich abgeschafft wird oder wenigstens schnellstmöglich rechtskonform reformiert wird.

Diese Entwicklung rief den sozusagen betroffenen Teil der HFC-Szene auf den Plan, der heute mit der entsprechenden Zaunfahne, einer Banderole („Gewalttäter Sport. Auch ohne Datei!“) und einer Rauchsäule unmissverständlich klar machte, dass sie auch ohne die identitätsstiftende Polizeidatei so genannte Gewalttäter Sport bleiben werden. Ist die Betitelung der Datei doch ähnlich wie der ebenfalls behördlich ersonnene Begriff Kategorie C zur stolzen Eigenbezeichnung der gewaltaffinen Fans in Halle und anderswo geworden.

Weil die Jenaer Bemühungen um einen neuerlichen Ausgleich vergeblich blieben, feierten am Ende außerdem nicht nur die vermeintlichen Gewalttäter sich selbst, sondern alle Hallenser eine siegreiche Heimmannschaft. Nachdem der FC Carl Zeiss drei Wochen zuvor die Tabellenführung im direkten Duell an Lok Leipzig abgeben musste (dieses Medium berichtete) und anschließend auch beim Abstiegskandidaten FC Eilenburg sieglos blieb (dieses Medium berichtete schon wieder), ließ man heute also die nächsten wichtigen Punkte liegen (nur eines der letzten vier Spiele konnte gewonnen werden).

So darf sich der Tabellenführer 1. FC Lok für den heutigen Freundschaftsdienst der Hallenser bedanken und kann bei einem morgigen Sieg im Leipziger Derby gegen die BSG Chemie seinen Vorsprung auf sieben Zähler ausbauen. Zugleich hat der Hallesche FC mit dem heutigen Heimsieg nicht nur im direkten Duell sportliche Ansprüche auf die Saaleherrschaft reklamiert, sondern ist auch tabellarisch bis auf drei Punkte an den FC Carl Zeiss heran gerückt. Mal sehen wo beide Mannschaften vor dem Rückspiel stehen und ob einer oder beide noch Meisterambitionen hegen. Könnte wie heute ein unterhaltsamer Saaleschlager werden.

Ich holte mir nach dem Abpfiff noch fix ’ne Wurst auf die Faust und dann kam ich einem spontanen Umtrunkangebot eines Hallensers mit ähnlicher Fanbiographie nach. Wir trafen uns in der Schank- und Speisewirtschaft Spätschicht und waren beide überrascht, dass da bald auch diverse HFC-Szeneleute mit Gästen aus dem IV. Bezirk der ungarischen Hauptstadt auftauchten. Aber die vertieften ihre Kontakte im Untergeschoss des Etablissements, während wir uns ca. 96 Minuten an der Theke über alte Zeiten und aktuelle Entwicklungen austauschten.

Gegen 19 Uhr ging es dann für mich wieder zum Hauptbahnhof der größten Stadt an der Saale (ca. 245. 000 Einwohner) und 22:42 Uhr war ich zurück in Hildesheim. Am nächsten Tag stand noch das Gastspiel von Energie Cottbus bei Hannover 96 II auf meinem Wochenendplan, aber davon gibt es nicht wirklich was Interessantes zu erzählen. Die nächsten Berichte gibt es stattdessen in Kürze von einer neuerlichen Auslandsreise.
*Der längste Nebenfluss der Elbe ist die Moldau (430 km)