- 27.04.2024
- Śląsk Wrocław – Ruch Chorzów 2:3
- Ekstraklasa (I)
- Stadion Miejski (Att: 25.053)
Martin Kind und ich haben endlich mal was gemeinsam. Wir sind beide am letzten Aprilwochenende des Jahres 2024 in den Urlaub gefahren. Ich allerdings freiwillig, während der 96-Gesellschafter von seiner Familie genötigt wurde. Denn am 28. April sollte die Entbindung des greisen, aber weiterhin geschäftigen Großburgwedelers tatsächlich exakt 80 Jahre her sein. Und zumindest gegenüber der eigenen Familie scheinen nun erste Anzeichen von Altersmilde erkennbar zu werden. Obwohl er seine Ehrentage am liebsten von morgens bis abends im Büro verbringt und jahrzehntelang nahezu alle Reisewünsche der Gattin als unbegründet abgelehnt hat, gönnten sich die Eheleute Kind ausnahmsweise ein verlängertes Wochenende in einem Hotel. Additiv sogar mit Kindern und Enkelkindern, wenngleich das Geburtstagskind so viel Familie auf einem Fleck eigentlich als zu anstrengend bewertet.
Urlaub ist unwerte Zeit
Zitat von Martin Kind der NP (21.04.2024)
Ich glaube ich schenke ihm einfach mal eine Schneppe Tour. Dann merkt er, dass man auch unterwegs sehr produktiv sein kann und im so genannten Urlaub mitunter mehr im Terminkalender stehen mag, als in regulären Arbeitswochen.

Denn nach meinem Prolog in der Kapitale der Bundesrepublik Deutschland (siehe Berlin 04/2024), hatte ich mir mal wieder eine pickepackevolle Polenwoche gebastelt. Es ging zunächst von Berlin nach Wrocław (Breslau), wohin mich ein InterCity in seiner 1.Klasse (44,90 €) binnen vier Stunden transportieren durfte. Ich erreichte die Hauptstadt der Woiwodschaft Dolny Śląsk (Niederschlesien) gegen 15 Uhr und hatte damit noch 2,5 Stunden Zeit bis zum Anpfiff meiner heutigen Fußballpartie.

Weil ich Wrocław bereits mehrfach bereist habe und die letzte Nacht außerdem recht kurz war, hetzte ich mich nun jedoch nicht zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Stattdessen ging es per Tram unverzüglich weiter zum Stadion und damit zugleich zum Hotel. Ich hatte mich wie schon im vergangenen Sommer für eine Nacht im Ibis Budget Wrocław Stadion (*) eingebucht. Kostete inklusive Frühstück 40 € und hatte den Vorteil, dass ich nach Anpfiff schnell im Bett sein würde. Mit jenem Möbelstück machte ich mich aber schon vorab ein wenig bekannt, ehe ich gegen 17 Uhr zum Stadion rüber spazierte und meine Akkreditierung in Empfang nahm.

Ich betrat anschließend ein für hiesige Verhältnisse gut gefülltes Stadion. Denn nachdem man die zwei vorangegangenen Saisons enttäuschend als Fünfzehnter abgeschlossen hatte, läuft es 2023/24 endlich wieder richtig gut für den einstigen Armeesportklub. Man ging als Zweiter in diesen 30. Spieltag und hat somit gute Aussichten auf das internationale Geschäft in der kommenden Saison. Mit den für heute fest eingeplanten drei Punkten gegen den designierten Absteiger Ruch Chorzów, geht vielleicht sogar noch was in Sachen Meistertitel.

Entsprechend euphorisch sind die Kibice zur Zeit in Wrocław und strömen massenhaft in die für die Fußballeuropameisterschaft 2012 erbaute städtische Arena (2011 eröffnet). Die ist mit insgesamt 42.673 Plätzen eigentlich hoffnungslos überdimensioniert für den Wrocławski Klub Sportowy. Aber die Gegenwart zeigt, dass bei sportlichem Erfolg doch wenigstens Potential für 20.000 oder mehr Stadionbesucher vorhanden ist. Waren es in der Vorsaison noch knapp über 10.000 Zuschauer im Schnitt, sind es in der aktuellen Erfolgssaison bisher 21.491, womit man nach Legia (24.580) und Lech (24.103) den drittbesten Wert der Ekstraklasa ausweist.

Das heutige Spiel vor stolzen 25.053 zahlenden Zuschauern sollte sich jedoch als herber Rückschlag für die hiesigen Ambitionen entpuppen. Nahm man das frühe 0:1 in der 11. Minute (Torschütze: Soma Novothny) noch als locker korrigierbaren Schönheitsfehler hin, wurde es nach dem 0:2 durch Ruchs 20jähriges Offensivtalent Tomasz Wójtowicz langsam unruhig. Zumal auf dem Rasen – trotz guter Unterstützung von den Rängen – kaum Ansätze von Antworten erkennbar waren. Es ging folgerichtig mit 0:2 in die Pause und laut polnischen Kollegen hatte der WKS Śląsk in diesen ersten 45 Minuten die bisher schlechteste Saisonleistung geboten.

Glaubte ich gerne. Hielt aber zugleich für möglich, dass die Heimmannschaft im zweiten Durchgang ein ganz anderes Gesicht zeigt und das Spiel noch dreht. Bis mir Ruchs Michał Feliks den Zahn in der 75. Minute mit dem 0:3 zog. Im oberschlesischen Gästesektor herrschte nun totale Ekstase, während die ersten niederschlesischen Erfolgsfans ihre Plätze auf der Haupttribüne und der Gegengerade räumten. Die Heimkurve machte jedoch trotzig weiter Alarm und sollte mit einer packenden Schlussphase belohnt werden. Denn in der 86. Minute gelang Śląsk-Spielführer Erik Expósito der ersehnte Anschluss. Nebenbei das mittlerweile 17. Saisontor für den spanischen Mittelstürmer in Diensten des Wrocławski Klub Sportowy.

Nur ein Ehrentreffer? Mitnichten! Der zweifache Meister (1977 & 2012) warf nochmal alles nach vorn und in der 90. Minute klingelte es dank Jehor Macenko abermals im Gehäuse der Gäste. Es folgte eine aufregende Nachspielzeit, in der die Zielony (Grünen) die Defensive der Niebiescy (Blauen) nochmal mächtig ins Schwimmen brachten. Doch nach exakt fünf Minuten Extra Time erlöste der Schiedsrichter die Oberschlesier. Die klettern nun vom letzten auf den vorletzten Platz, haben vier Spieltage vor Schluss aber dennoch gigantische zehn Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz. Śląsk rutscht derweil von Rang zwei auf Rang vier. Spitzenreiter Jagiellonia Białystok hat nun fünf Punkte mehr auf dem Konto, aber einer der drei internationalen Startplätze ist natürlich weiterhin für WKS drin.

Ich streifte nach dem Schlusspfiff noch ein wenig durch das von der Abendsonne geküsste Stadion und dann ging es gegen 20 Uhr zurück ins benachbarte Hotel. Wobei ich einen Moment zögerte das Grundstück zu betreten. Denn vor dem Eingang stand ein Mob von 40 bis 50 Kraftpaketen in einheitlichen schwarzen Shirts. Auf den zweiten Blick erkannte ich jedoch, dass es sich nicht um Pseudokibice handelte, sondern um das Footballteam der Lowlanders Białystok. Die mussten am kommenden Tag bei den Jaguars Kąty Wrocławskie antreten und hatten sich für das gleiche Hotel wie ich entschieden.

Am Sonntagmorgen gingen meine Äuglein um 6:40 Uhr auf. Gute zehn Stunden waren genug Schlaf und so ging es 20 Minuten später ans Frühstücksbuffet. Dort war um diese Zeit noch nicht wirklich was los, so dass ich gemütlich ein paar Deftigkeiten genießen konnte. Als es dann gegen 8 Uhr durch die Footballspieler crowdy im Saal wurde, war ich bereits im Begriff zu gehen und nahm 8:22 Uhr eine Tram zum Hauptbahnhof.

Denn weil Wrocław, wie eingangs erwähnt, schon mehrfach touristisch von mir gewürdigt wurde (siehe u. a. Wrocław 07/2023), hatte ich mir einen Tagesausflug in einer andere Stadt der Region ersonnen. Nachdem mein Gepäck in einem 18 Złoty (ca. 4,20 €) teuren Schließfach am Hauptbahnhof verstaut war, nahm ich um 9:17 Uhr einen Regionalzug ins rund 70 km entfernte Wałbrzych (Waldenburg), was wiederum mit 23,60 Złoty (ca. 5,50 €) zu Buche schlug.
- 28.04.2024
- Czarni Wałbrzych – Nysa Kłaczyna 3:1
- Klasa A – Wałbrzych I (VII)
- Stadion Stare Zagłębie (Att: 38)
Eine gute Stunde später verließ ich das Schienengefährt am Bahnhof Wałbrzych Miasto und quälte mich bei bereits sehr sommerlichen Temperaturen von 24° C einen Hügel zum Stadtteil Biały Kamień (Weißstein) hinauf. Denn obwohl heute in Sachen rundes Leder nichts Dolles in Niederschlesien ging und daher eigentlich ein fußballfreier Kulturausflug geplant war, durchforstete ich spontan nochmal die untersten Spielklassen nach vormittäglichen Ansetzungen in Wałbrzych.

Dabei war mir der Kick von Czarni Wałbrzych gegen Nysa Kłaczyna ins Auge gefallen. Passte zeitlich noch ideal in meinen Tagesplan und mit dem Stadion Stare Zagłębie wurde eine Sportstätte mit etwas Ausbau und noch etwas mehr Geschichte bespielt. Denn bereits vor dem Krieg kickte der SV Germania Weißstein auf dieser Anlage in der niederschlesischen Gauliga. Nachdem Weißstein 1945 polnisch geworden war, fiel das Gelände schließlich dem neuen lokalen Verein KS Julia Biały Kamień zu. Jener mit dem Bergbau verbundene Sportclub sollte teilweise bis zu 10.000 Besucher ins Stadion Stare Zagłębie locken und 1968 in die Ekstraklasa vorstoßen (der man bis 1974 angehören durfte).

Zwei Jahre vor dem Aufstieg in die höchste Spielklasse Polens war im mittlerweile von der Stadt Wałbrzych eingemeindeten Biały Kamień allerdings das Stadion Tysiąclecia mit 25.000 Plätzen eröffnet worden, welches der mittlerweile als Zagłębie Wałbrzych firmierende Erstligist fortan nutzen sollte. Dieses deutlich größere, aber inzwischen ziemlich baufällige Stadion des Stadtteils, sollte ich heute auch noch in Augenschein nehmen (allerdings ohne Spiel). Jenes Stadion Tysiąclecia ist mittlerweile übrigens die Heimat von Górnik Wałbrzych (von 1983 bis 1989 erstklassig), während sich Zagłębie Wałbrzych seit 2006 ein stark zurückgebautes Stadion Stare Zagłębie mit Czarni Wałbrzych teilt. Ich würde jetzt gerne noch einiges zur spannenden Geschichte der Rivalität und späteren Zwangsfusion von Górnik und Zagłębie schreiben (u. a. existierte Zagłębie deshalb zwischen 1993 und 2006 nicht), aber das hebe ich mir für einen dazu passenden Spielbesuch auf.

Denn heute sah ich nun mal keinen der beiden Wałbrzycher Ex-Erstligisten, sondern lediglich Czarni. Dieser Club, der wie Górnik und Zagłębie ebenfalls einen Bergbauhintergrund hat und seit der Gründung 1946 mit der Hütte „Karol“ verbunden ist, hat es nie über die Bezirksebene hinaus geschafft. Aktuell kickt man in der siebtklassigen Klasa A und ist als Sechster kurz vor Saisonende jenseits von Gut und Böse. Durch den heutigen Pflichtsieg (3:1) gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten aus dem rund 25 km entfernten Dorf Kłaczyna (Kauder) festigt man diesen Tabellenplatz.

Als der Kick abgepfiffen war, machte ich den erwähnten kurzen Abstecher zum nahen Stadion Tysiąclecia. Anschließend spazierte ich zum Kopalnia Węgla Kamiennego „Julia“ (Steinkohlenbergwerk „Julia“). Mit jenem Bergwerk war wiederum Zagłębie Wałbrzych eng verbunden. 1996 erfolgte allerdings die Stilllegung und nun ist es unter dem Namen Stara Kopalnia (Alte Grube) ein Industriedenkmal und Technikmuseum.

Eine Besichtigung passte heute leider nicht (mehr) in meinen Tagesplan. Stattdessen wollte ich mir am frühen Nachmittag gerne mal die Architektur des historischen Stadtkerns zu Gemüte führen. Die wahrscheinlich um 1290 gegründete Stadt, die 1305 erstmals urkundlich erwähnt wurde, ist jetzt nicht unbedingt ein Hidden Gem of Lower Silesia. Ein paar schöne Ecken und Bauwerke gibt es allerdings schon, da das damalige Waldenburg ab dem 18. Jahrhundert durch die hiesigen Kohlevorkommen zu großem Wohlstand kam.

So stieg auch die Bevölkerungszahl von wenigen hundert Menschen im 18. Jahrhundert auf über 10.000 Einwohner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch den Bau einer planmäßigen Neustadt (1902) und den Ausbau weiterer Industriezweige (Glas, Porzellan), ging dieses Wachstum Anfang des 20. Jahrhunderts nahtlos weiter. Obendrein kam es in den 1920er Jahren zu zahlreichen Eingemeindungen der umliegenden Dörfer und 1927 bekam Waldenburg dadurch das Großstadtstatut. 1939, ergo am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, lebten hier insgesamt 64.136 Menschen (fast ausschließlich deutscher Nationalität).

Als Folge des von Deutschland entfesselten Weltkriegs, fiel Waldenburg 1945 an Polen und wurde in Wałbrzych umbenannt. Der Großteil der deutschen Einwohner wurde binnen weniger Monate von den polnischen Autoritäten vertrieben. In ihre Häuser zogen von der Sowjetunion aus der heutigen Westukraine vertriebene Polen. Deutsche Bergleute durften allerdings mit ihren Familien in Wałbrzych bleiben. Sie waren für den Weiterbetrieb der Gruben zunächst unerlässlich. Diesen ungefähr 25.000 Deutschen wurde gar überwiegend die polnische Staatsangehörigkeit angetragen und zugleich wurden großzügige Zugeständnisse im Schul- und Kulturwesen gemacht. Mit der Arbeiterstimme verlegte die staatlich gelenkte polnische Presse ab 1951 sogar eine deutschsprachige (Propaganda-)Zeitung für diese Minderheit. Nichtsdestotrotz siedelte bis 1960 nahezu die gesamte verbliebene deutsche Volksgruppe aus Wałbrzych und Umgebung in die Bundesrepublik Deutschland über.

Doch Wałbrzych schrumpfte dadurch keineswegs, sondern knackte parallel die Marke von 100.000 Einwohnern. Polnische Arbeitskräfte mitsamt ihren Familien wurden in großer Anzahl in der Stadt angesiedelt. Für sie entstanden ab den 1960er Jahren mehrere riesige Wohnkomplexe in Plattenbauweise, die neben den Fördertürmen die heutige Stadtsilhouette prägen. Da hier das Ende der Montanindustrie ungünstig mit der politischen Wende 1989 zusammenfiel, traf die wirtschaftliche Transformation der 1990er Jahre Wałbrzych allerdings besonders schwer und viele Viertel verelendeten zunehmend. Man begegnete der Krise ab 1999 u. a. mit der Einrichtung der Sonderwirtschaftszone Wałbrzych (WSSE). Attraktive Rahmenbedingungen lockten große Namen wie Toyota, Forvia und Cersanit an, die neue Fabriken mit neuen Arbeitsplätzen errichteten.

Darüber hinaus entwickelt sich der Tourismussektor seit einigen Jahren sehr gut. Insbesondere das rund 10 km vom Stadtkern entfernte Zamek Książ (Schloss Fürstenstein) lockt jedes Jahr über 300.000 Besucher an. 2024 sollte ich einer davon werden und ließ mich gegen 15 Uhr per Bolt für 27,90 Złoty (ca. 6,50 €) vom Rynek zum Schloss transportieren. Dort wollte ich zunächst mit einem Audio-Guide für gute 90 Minuten das Schloss erkunden und um 17 Uhr gab es außerdem einen geführten Rundgang durch das Tunnelsystem unter dem Schloss. Aktueller Kostenpunkt für so ein Kombiticket: 79 Złoty (ca. 18 €).

Im Schloss lernte ich zunächst einiges über dessen Baugeschichte und die einstigen adeligen Bewohner. Man vermutet dass die ursprüngliche Burg im späten 13. Jahrhundert errichtet wurde. Bolko I., ein schlesischer Adliger aus dem Geschlecht der Piasten und seit 1278 Herzog von Schweidnitz und Jauer, hatte seinerzeit ein regelrechtes Burgenbauprogramm aufgelegt, um seine Grenze zu Böhmen abzusichern. Gut 100 Jahre später erlosch Bolkos Linie und es folgten wechselnde Burgherren. Bis schließlich 1509 der schlesische Ritter Konrad I. von Hochberg die Burganlage nebst den umliegenden Ländereien erwerben konnte. Weit über 300 Jahre sollte Fürstenstein im Besitz der Hochbergs bleiben, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine erste bauliche Umgestaltung von der mittelalterlichen Höhenburg zum Renaissanceschloss vornahmen.

Im frühen 18. Jahrhundert initiierte Graf Konrad Ernst Maximilian von Hochberg außerdem einen großzügigen barocken Umbau des Schlosses. Es entstanden ein fünfgeschossiger Wohnflügel an der Südseite und ein viergeschossiger Bau an der Ostseite, so wie der Ehrenhof, das Torhaus und die Wachgebäude. Zugleich intensivierten die Hochbergs auf ihrem Territorium ab Mitte des 18. Jahrhundert die Steinkohleförderung. Im 19. Jahrhundert sollte dieser Bodenschatz die Hochbergs zeitweilig zu einer der wohlhabendsten Familien des Deutschen Reichs machen.

1847 erbte der damalige Graf Hans Heinrich X. (* 1806; † 1855) außerdem das oberschlesische Fürstentum Pleß, was den Reichtum und Einfluss der Hochbergs weiter steigen ließ. Insbesondere unter Hans Heinrich XV. (* 1861; † 1938) entwickelte sich Schloss Fürstenstein um die Jahrhundertwende zu einer Drehscheibe des Hochadels. Dazu trug sicher auch dessen Gemahlin Daisy bei. Die aus Großbritannien stammende Aristokratin – übrigens eine Stieftante von Winston Churchill – galt als höchst charmante Gastgeberin und zählte u. a. den deutschen Kaiser Wilhelm II. und den britischen König Eduard VII. zu ihren guten Freunden.

Das Fürstenpaar Hans Heinrich und Daisy plante im frühen 20. Jahrhundert obendrein den nächsten großen Schlossumbau auf Fürstenstein. Zwischen 1908 und 1923 entstanden der West- und der Nordflügel im Neorenaissancestil. Ferner machte der Fürst seiner Gemahlin ein 1.900 m² großes Palmenhaus nahe des Schlosses zum Geschenk, welches Touristen heutzutage ebenfalls besichtigen können (war auch in meinem Kombiticket für 79 Złoty enthalten). Die ausufernden Kosten jener Bauprojekte, sollten allerdings weite Teile des Familienvermögens aufzehren.

Dazu hatte Erste Weltkrieg (1914 – 1918) katastrophale Folgen für die Hochbergs. Der niederschlesische Besitz mitsamt Schloss Fürstenstein blieb deutsch, aber das etwa viermal so große Fürstentum Pleß war bei der Teilung Oberschlesiens an Polen gefallen. Aus Opportunismus nahm Hans Heinrich XV. nun die polnische Staatsbürgerschaft an und verärgerte damit den deutschen Adel. Dennoch standen der Familie wirtschaftlich schwere Zeiten bevor, die offenbar auch die Ehe von Hans Heinrich und Daisy belasteten. 1922 kam es zur Scheidung und der Fürst heiratete anschließend die erst 24jährige und somit fast 40 Jahre jüngere Clothilde de Silva y Gonzalez de Candamo, Marquesa de Arcicollar (* 1898; † 1978). Ein Ehebund, den ebenfalls nicht der Tod scheiden sollte. Denn als ihr Mann in den 1930er Jahren zunehmend vergreiste, begann die spanische Adlige eine Affäre mit Hans Heinrichs jüngstem Sohn Conrad Bolko (* 1910; † 1936). Dieser familiäre Sexskandal führte 1934 zur Scheidung von Hans Heinrich und Clothilde.

Zeitgleich machte der polnische Staat Hans Heinrich XV. zu schaffen. Wegen Steuerschulden kam sein polnischer Besitz 1934 unter staatliche Zwangsverwaltung. Den Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) erlebte der 1938 in Paris verstorbene Fürst nicht mehr. Seine beiden noch lebenden Söhne – Conrad Bolko starb bereits 1936 – kämpften in diesem Krieg allerdings gegen das Deutsche Reich. Der nach England emigrierte Hans Heinrich XVIII. (* 1900; † 1984) diente als Freiwilliger in der britischen Armee und Alexander I. (* 1900; † 1984), wie sein Vater polnischer Staatsbürger, kämpfte in der exilpolnischen Armee unter alliierten Oberkommando an der Westfront.

Die Nazis erklärten die Hochbergs während des Krieges zu Staatsfeinden und konfiszierten in ihrem Machtbereich deren Eigentum. Auf Schloss Fürstenstein machte sich 1943 die paramilitärische (Bau-)Organisation Todt breit und damit können wir nahtlos zu meiner Untergrundführung am späten Nachmittag übergehen. Denn nicht nur scheint das Schloss in letzten Kriegsjahren zu einem potentiellen weiteren Führerhauptquartier für Adolf Hitler umgebaut worden zu sein. Auch mussten Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge unter dem Schloss ein großes und weit verzweigtes Tunnelsystem anlegen. Diese Stollen waren Teil des mysteriösen Bauvorhabens Projekt Riese. Einem gigantischen Tunnelsystem in den Mittelgebirgszügen rund um Wałbrzych.

Da höchste Geheimhaltungsstufe galt, alle Dokumente verschollen sind und die involvierten Planer ihr Wissen mit ins Grab nahmen, ist bis heute der genaue Zweck der Anlagen unklar. Wahrscheinlich sollten einerseits unterirdische Rüstungsfabriken und andererseits Schutzbunkeranlagen für hohe Militärs und Politkader des NS-Staats entstehen. Gleichwohl regen die Mysterien rund um das Projekt Riese bis heute die Fantasie der Menschen an. Immer wieder kamen Spekulationen über in die Stollen verbrachte Kunstschätze, Devisen oder Goldreserven auf.

Seit den 1970er Jahren kursiert außerdem das Gerücht eines Panzerzuges voller „Nazi-Gold“, der in den letzten Kriegstagen in den Stollen versteckt worden sein soll. Im Sommer 2015 brachte dieser Mythos Wałbrzych schließlich sogar weltweit in die Schlagzeilen. Ein polnisch-deutsches Schatzsucherduo behauptete einen unterirdisch verwahrten Panzerzug mittels Georadaraufnahmen ausfindig gemacht zu haben. Aber seriös war das alles nicht und so gab es lediglich viel Lärm um nichts. Allerdings nicht zum Nachteil des Wałbrzycher Fremdenverkehrswesen.

Als ich gegen 17:45 Uhr wieder an der Erdoberfläche zurück war, blieben mir noch ziemlich genau zwei Stunden bis zur Abfahrt meines Zuges am ca. 3,5 km vom Schloss entfernten Bahnhof Wałbrzych Szczawienko. Ich beschloss nun nicht den direkten Weg dorthin zu nehmen, sondern noch ein wenig rund um das Schloss zu wandern. Dabei erklomm ich ein paar Aussichtspunkte (siehe Titelbild) und genoss die schönen Panoramen.

Um 19:43 Uhr ging es schließlich per Regionalzug zunächst nach Wrocław und von dort per InterCity weiter zum nächsten Etappenziel der Reise. Dabei handelte es sich um Opole (Oppeln), welches mich diese 43,20 Złoty (ca. 10 €) teure Verbindung um exakt 22 Uhr erreichen ließ. Da ich mir mit dem Mercure Opole (***) ein Hotel direkt am Bahnhofsplatz gebucht hatte (50 € pro Nacht inkl. Frühstück), befand sich mein heute gut geforderter Körper – 32.926 Schritte laut Smartphone – erfreulicherweise bereits wenige Minuten später in einer horizontalen Position. Die „Abenteuer“ der Folgetage gibt es dann im nächsten Bericht zu lesen.