Marseille 03/2026

am
  • 01.03.2026
  • Olympique de Marseille – Olympique Lyonnais 3:2
  • Ligue 1 (I)
  • Stade Vélodrome (Att: 66.225)

Nachdem El Glatto und ich die erste Hälfte unseres Südfrankreichtrips zuvorderst in Okzitanien verbracht hatten, fuhren wir am 28. Februar von Montpellier nach Marseille. Frankreichs zweitgrößte Stadt (ca. 900.000 Einwohner) erreichten wir per Bus um exakt 15 Uhr. Umgehend checkten wir im gerade einmal 200 m vom Bus- und Hauptbahnhof entfernten und uns bereits bekannten Aparthotel Adagio Access Marseille Saint-Charles ein (kostete diesmal 65 € pro Nacht im Einzelzimmer).

Marseilles Hauptbahnhof Saint-Charles

Auf der heutigen Agenda stand nun ein Streifzug durch die Quartiere zwischen dem Hauptbahnhof Marseille Saint-Charles und dem Stade Vélodrome. Los ging’s logischerweise in Saint-Charles, wo besagter Hauptbahnhof auf einer Anhöhe über dem Stadtzentrum thront. Vom historischen Bahnhofsgebäude (eröffnet 1896) kamen wir über die monumentale Vortreppe auf den Boulevard d’Athènes. Dieser Boulevard führte uns nach Süden ins bereits von Mittwochabend bekannte Quartier La Chapitre.

Das Stadtbild in La Chapitre

La Chapitre ist geschäftig und teils auch prächtig. Die oft als Champs-Élysées von Marseille bezeichnete Avenue La Canebière durchquert das vorwiegend im 19. Jahrhundert angelegte Stadtviertel und verbindet es mit dem Port-Vieux (Alter Hafen). Südlich an La Chapitre schließen sich wiederum die Quartiere Thiers und Notre-Dame du Mont an. Die teilen sich einen sehr bunten und lebendigen Szenekiez, der in den letzten Jahrzehnten rund um den Platz Cours Julien entstanden ist. Bestimmt ideal, um das Mittagessen nachzuholen, dachten wir. Allerdings fanden wir nachmittags auf den ersten Blick nur Optionen für Fast Food oder Kaffee & Kuchen.

Unterwegs in Thiers

Unweit des Cours Julien entdeckten wir per virtueller Umkreissuche allerdings das armenische Restaurant Jacob’s, welches durchgängig von mittags bis abends die kulinarischen Klassiker der Kaukasusregion servieren sollte. Übrigens in Marseille nichts Exotisches, da schätzungsweise an die 10 % der Einwohner ihre Wurzeln in Armenien haben. Insbesondere nach dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich (1915/16) migrierten Zehntausende nach Frankreich. Davon natürlich ein Großteil in die Metropolen Paris oder Marseille.

Diese Treppe führte uns hinauf zum Cours Julien

Bei den mutmaßlichen Nachfahren jener Zuwanderer teilten wir uns zunächst einen Salat und außerdem hatten wir jeder zwei Chinkali zum Probieren geordert. Hauptgang wurden wiederum Hackspieße vom Holzkohlegrill, die Begleitung von Lavash und grillierten Kartoffeln hatten. Anschließend gönnten wir uns auch noch Desserts. Bei Glatto wurde es Baklava und bei mir ein Stück Napoleontorte. Für all das Essen und zwei Cola waren am Ende faire 50 € fällig.

Der Hauptgang im Jacob’s

Vom Jacob’s ging es praktischerweise nur noch schnurgerade gen Stade Vélodrome und dabei durchquerten wir als nächstes das Quartier Castellane, wo sich auf dem gleichnamigen Platz mehrere Hauptverkehrsachsen der Stadt treffen und sich zugleich ober- und unterirdisch diverse Bus- und Bahnlinien des hiesigen ÖPNV kreuzen. Wir setzten unseren Weg ab dort südwärts auf der 60 m breiten und insgesamt über 3.400 m langen Avenue du Prado fort, die zugleich die Grenze der beiden Quartiere Le Rouet und Périer markiert.

Das Dessert

Links und rechts gab es für uns zunächst viel elegante Haussmann-Architektur aus dem 19. Jahrhundert zu sehen, doch nach etwa einem Kilometer folgte funktionale Wohn- und Geschäftsbebauung aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Direkt vor dem Stade Vélodrome macht die Avenue du Prado dann einen Knick nach Westen und findet am Plage du Prado, einem von Marseilles Stadtstränden, ihren Abschluss. Ans Meer wollten wir allerdings erst am morgigen Sonntag, genau wie es auch erst am Folgetag ins Stade Vélodrome gehen sollte.

Das Stade Vélodrome

Jedoch hielten wir es für eine gute Idee bereits am Vorabend eine entspannte Runde um jenes im Quartier Saint-Giniez beheimatete Stadion zu drehen. Denn ohne die Besucherströme des Spieltags ließen sich die vielen Wandbilder der Fanszene von Olympique de Marseille viel besser begutachten. Ebenso konnte man heute ohne Gedränge und Gewühle ein paar Souvenirs in den dortigen Fanshops erstehen. Als das alles von der Agenda war, hatte ich außerdem noch eine kleine Überraschung für El Glatto parat. Denn um 19:30 Uhr wurde im benachbarten Stade Pierre Delort ein Rugbyspiel zwischen Marseille Rugby Méditerranée und dem Club Athlétique Raphaëlo Fréjussien angepfiffen.

Dazu muss ich erwähnen, dass mein Kumpel auf unseren früheren UK-Touren gerne zum Rugby wollte. Aber damals in größerer Gruppe bekamen letztlich immer so Sachen wie Fußball oder Suff den Vorrang. Für den Vorschlag „Wir könnten ja auch noch zum Rugby gehen“ gab es in Cardiff irgendwann mal die bewusst unbestimmte Antwort „Ja, machen wir noch. Wir gehen auch noch zum Rugby“ vom Rest der Truppe. Das wurden schließlich geflügelte Worte, so dass in unserem Freundeskreis bis heute allerlei unliebsame Vorschläge mit „Ja, machen wir noch. Und wir gehen auch noch zum Rugby“ abqualifiziert oder abgelehnt werden.

Stade Pierre Delort

Mir war es dennoch ein Anliegen der Geschichte eines Tages eine späte Wendung zu schenken und der Südfrankreichtrip schien mir gut geeignet. Zwar passte es während unseres Reisezeitraums nicht mit hochklassigen Optionen wie Toulon oder Montpellier, aber selbst zwei Amateurmannschaften aus der Fédérale 3 (siebte Stufe des französischen Rugby-Union-Ligasystems) verfehlten ihre Wirkung bei meinem Mitreisenden nicht.

Heute wurde ein gut zehn Jahre altes Versprechen eingelöst

Und auch wenn ich heute nicht wie Glatto meine Rugbypremiere feierte, funkelten meine Augen ebenfalls recht schnell nach Betreten des 2015 eröffneten und bis zu 5.000 Zuschauer fassenden Stadions. Denn es erwartete uns nicht nur freier Eintritt, sondern auch die günstigen Bierpreise der ganzen Reise. 50 cl Blondes vom Fass gingen für gerade einmal 5 € über Tresen. Und als durstige Sparfüchse konnten wir per Pitcher à 14 € den Literpreis sogar noch weiter drücken.

Das große Blonde

Beseelt sahen wir nun mit ca. 200 weiteren Interessierten eine eindeutige Angelegenheit auf dem Rasen. Der Gast aus dem rund 150 km entfernten Fréjus zeigte in den kommenden 80 Minuten, dass er wohl zurecht um den Aufstieg mitspielt, während die Marseillais offenbar nicht durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen im Tabellenkeller stehen. Am Ende siegte der derzeit Zweite beim Vorletzten standesgemäß mit 39:17.

Der blaue Gastgeber war weitgehend chancenlos gegen den weißen Gast

Nach dem Spiel ging es mit der 1,70 € teuren Metro binnen weniger Minuten zurück ins Stadtzentrum. Dort steuerten wir wie bereits am späten Mittwochabend die Grand Bar du Chapitre am Square de Stalingrad an. Wir orderten als Schlummertrunk eine Runde India Pale Ale von der nordfranzösischen Brauerei La Goudale (7 € pro Pint), ehe es kurz nach Mitternacht wieder ins Hotel ging.

Noch gut was los in La Chapitre

Am Sonntagmorgen starteten wir um 9 Uhr in den Tag. Wir hatten viel vor und beschlossen das Frühstück ausfallen zu lassen. Stattdessen reservierten wir für 12 Uhr noch fix ein Tisch im Restaurant Le Bouchon Provençal und die knapp drei Stunden bis zum Mittagessen wollten wir touristisch natürlich nicht ungenutzt lassen.

Die archäologische Parkanlage Port Antique

Erster Stopp auf unserem heutigen Laufzettel war die Parkanlage Port Antique. Hier haben Archäologen im vorigen Jahrhundert Überreste des antiken Hafens ausgegraben. Somit lässt sich in diesem Park prima eine Brücke zur Stadtgründung vor rund 2.600 Jahren schlagen. Damals ließen sich griechische Kolonisten aus der kleinasiatischen Stadt Phokaia (heute Foça) an der hiesigen Mittelmeerbucht nieder und nannten ihre neue Heimat Massalia. Die geschäftigen Phokäer sorgten dafür, dass Massalia die größte und wichtigste griechische Stadt im westlichen Mittelmeerraum wurde. Man schätzt, dass hier im 3. Jahrhundert v. Chr. bereits an die 40.000 Einwohner gelebt haben.

Place de Lenche im Quartier Le Panier (hier war die Agora der antiken, griechischen Stadt)

Im an den Port Antique angrenzenden Musée d’Histoire de Marseille konnten wir nun bei freiem Eintritt noch etwas tiefer in die Geschichte der Stadt eintauchen. Dort erfuhren wir, dass Massalia 125 v. Chr. zunächst unter römischen Einfluss fiel und 49 v. Chr. schließlich von Gaius Iulius Caesar restlos unterworfen wurde. Außer einen Buchstaben am Namen – aus Massalia wurde Massilia – änderten die Römer aber gar nicht so viel. Die Stadt behielt eine gewisse innere Autonomie und florierte weiterhin als wichtiges maritimes Handelszentrum. Außerdem kam das Christentum bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. nach Marseille und die Stadt ist seitdem Bischofssitz der römisch-katholischen Kirche.

Église Saint-Laurent (12. Jahrhundert)

Nach dem Untergang des Römischen Reichs gaben sich ab dem späten 5. Jahrhundert n. Chr. Westgoten, Ostgoten und Franken die Klinke in die Hand. Erst ab dem 11. Jahrhundert war Marseille eine zweite Blütezeit vergönnt. Der Seehandel blieb dabei das Fundament des hiesigen Wohlstands. Ferner verdiente Marseille im Hochmittelalter auch an den Kreuzzügen ganz gut mit. Um einen Eindruck der mittelalterlichen Stadt zu bekommen, suchten wir nach dem Museum sogleich den Vieux-Port (Alter Hafen) und das angrenzende Altstadtquartier Le Panier auf.

Der Turm der Église Notre-Dame-des-Accoules (14. Jahrhundert)

In Le Panier spazierten wir durch enge Gassen, entdecken lauschige Plätzchen und überwanden auf Treppen den ein oder anderen Höhenmeter. Als besondere Bauwerke fielen uns u. a. die mittelalterlichen Pfarrkirchen Saint-Laurent (12. Jahrhundert) und Notre-Dame-des-Accoules (14. Jahrhundert) auf. Aber nicht zu übersehen waren das frühere Hospiz La Vieille Charité (17. Jahrhundert) und das einstige Krankenhaus Hôtel-Dieu (18. Jahrhundert). Ersteres beheimatet heute u. a. ein Kunstmuseum und dient als Veranstaltungszentrum, letzteres ist mittlerweile ein Luxushotel.

Der Tour du Roi René (15. Jahrhundert) an der Hafeneinfahrt des Vieux-Port

Derlei historische Kranken- und Pflegeeinrichtungen lassen uns auch wieder zurück in die Stadtgeschichte springen. Denn selbstverständlich wurden wir im historischen Museum auch auf die große Pestepidemie des Jahres 1720 aufmerksam gemacht. Seit dem 14. Jahrhundert hatte der tödliche Erreger den maritimen Knotenpunkt Marseille immer wieder heimgesucht, doch der zugleich letzte Ausbruch im Jahre 1720 war der verheerendste. Damals hatte das Handelsschiff Grand-Saint-Antoine die Pest aus der Levante eingeschleppt und binnen weniger Monate waren in Marseille wohl um die 50.000 Todesopfer zu beklagen (bei seinerzeit nur ca. 90.000 Einwohnern).

Das frühere Krankenhaus Hôtel-Dieu (18. Jahrhundert)

Das letzte Bauwerk auf unserer Liste in Le Panier erzählte hingegen von deutlich besseren Zeiten. So ist die direkt am Meer gelegene Cathédrale Sainte-Marie-Majeure ein eindrucksvolles Zeugnis für Marseilles neuerliche Blütezeit im 19. Jahrhundert. Die auch als Nouvelle Major bekannte Kathedrale wurde zwischen 1853 und 1896 im neobyzantinischen Stil erbaut und ersetzte einen romanischen Vorgängerbau aus dem 11. Jahrhundert (wobei ein Teil der nun Vieille Major genannten alten Kathedrale bis heute erhalten geblieben ist).

Cathédrale Sainte-Marie-Majeure (19. Jahrhundert)

Innen wie außen schlägt das beinahe orientalisches Antlitz der prächtigen Kathedrale gewissermaßen eine Brücke in den östlichen Mittelmeerraum. Der Handel mit den Ländern der Levante war seit jeher das Fundament für Marseilles Wohlstand, doch in der Neuzeit kam auch noch der Dreieckshandel mit französischen Kolonien dazu. Im 19. Jahrhundert war Marseille obendrein Frankreichs Brücke zu den nordafrikanischen Besitzungen. Insbesondere zum 1830 eroberten Algerien, welches die Franzosen sogar wirklich im klassischen Sinne kolonisierten und 1848 in Form der drei Départements Algier, Oran und Constantine ihrem Mutterland anschlossen.

Das Innere der Kathedrale dient aktuell als Ausstellungsfläche für diverse Glaskünstler

Doch beenden wir an dieser Stelle vorerst wieder unseren Parforceritt durch die Stadtgeschichte. Denn nach dem Kathedralenbesuch schlug die Uhr beinahe schon zur Mittagsstunde und wir mussten zum am Vieux-Port gelegenen Restaurant Le Bouchon Provençal aufbrechen. Dort war eine Reservierung tatsächlich eine gute Idee gewesen. Denn es gilt gemeinhin als gute kulinarische Adresse in Marseille und war auch in der Nebensaison gut ausgelastet.

Panisse

El Glatto begeisterte sich dort zunächst für das Carpaccio vom Oktopus, während ich mit Panisse* und Knoblauchdip einstieg. Als Hauptgang wählte mein Gegenüber das Cordon Bleu und ich entschied mich für die Daube Provençale (Rinderragout, das in Rotwein, Knoblauch und Kräutern der Provence geschmort wird). Beide Gerichte wurden von Kartoffelpüree begleitet. Dazu trank ich einen vom Kellner vorgeschlagenen Roten des im Anbaugebiet Côtes du Rhône beheimateten Weinguts Jaboulet Aîné, wohingegen Glatto sich selbst eine Orangina empfahl. Außerdem durfte eine Flasche Mineralwasser nicht auf dem Tisch fehlen. Für alles zusammen hatten wir am Ende angemessene 99 € zu zahlen.

Daube Provençale

Nach dem wirklich deliziösen Mittagessen hatten wir noch einige weitere Sehenswürdigkeiten auf unserer Liste. Jetzt sollte es durch die Quartiere südlich des Vieux-Port gehen und den Anfang machte das Bohème-Viertel Saint-Victor, wo uns u. a. die gleichnamige Abtei erwartete. Sie wurde im 5. Jahrhundert gegründet und aus der Spätantike ist immerhin noch die Krypta erhalten. Der Rest der Abbaye Saint-Victor ist hingegen ein romanischer Neubau aus dem 11. Jahrhundert.

Abbaye Saint-Victor de Marseille (5. Jahrhundert, im 11. Jahrhundert im romanischen Stil erweitert)

Als nächstes folgte das nach einem antiken Leuchtturm benannte Quartier Pharo, in welchem besonders das Palais du Pharo herausragt. Er wurde 1853 vom damaligen Kaiser Napoléon III in Auftrag gegeben und von seinen Hofarchitekten als kaiserliche Residenz im Stile des Second Empire geplant. Fertig wurde der Palast allerdings erst 1890. Da war Frankreich schon 20 Jahre kein Kaiserreich mehr und der 1870 gestürzte Napoléon III bereits 17 Jahre unter der Erde.

Palais du Pharo (19. Jahrhundert)

Aber auch die französische Republik hatte Verwendung für den Prachtbau. Es wurde u. a. als Krankenhaus und medizinische Fakultät der hiesigen Universität genutzt, ehe es in jüngerer Vergangenheit zu einem Kongresszentrum umgewidmet wurde. Die Einwohner Marseilles schätzen indes die Parkanlage des Palais du Pharo als Naherholungsgebiet und genießen hier zu gern den schönen Ausblick auf das Meer und den alten Hafen.

Ausblick vom Palais du Pharo

Bei schönen Wetter ebenfalls hoch im Kurs ist für die Marseillais der Plage des Catalans. Dieser Stadtstrand im an Pharo angrenzenden Quartier Endoume war unser nächstes Etappenziel. Bei 18,96 C Lufttemperatur herrschte an diesem Sonntagnachmittag tatsächlich schon reges Strandleben. Ein paar Hartgesottene stiegen sogar zum Baden ins aktuell gerade mal 13,12 C warme Mittelmeer.

Plage des Catalans

Am Ufer jenes Mer Méditerranée spazierten wir nun weiter die Küstenstraße Corniche entlang. Uns erwartete bald der Fischerhafen Port des Vallon des Auffes. In einer kleinen Bucht, die von der Corniche per Viadukt überspannt wird, fanden wir eine malerische Kulisse mit bunten Häuschen und zahlreichen Fischerbooten. Ideal für eine Pause am Ausschank des dortigen Lokals Viaghiji Di Fonfon, wo uns der halbe Liter Blondes für je 8 € gezapft wurde.

Port des Vallon des Auffes

Der kalorienreiche Gerstensaft gab uns die nötige Energie, um alsbald den Aufstieg zur etwa 2.000 Meter und 100 Höhenmeter entfernten Basilika und Wallfahrtskirche Notre-Dame de la Garde in Angriff zu nehmen. Dabei passierten wir kurz vor dem Ziel sogar noch eine Sportanlage auf der just ein Fußballspiel stattfand. Schnell war herausgefunden, dass der szenisch zwischen einer Hochhauswohnanlage und einer Felswand eingebettete Platz auf den schönen Namen Stade Francis Di Giovanni hört. Weniger fix war recherchiert, dass hier die zweite Mannschaft von Endoume Catalans mit 2:7 gegen die Erste von St Antoine unterging.

Stade Francis Di Giovanni

Kurz darauf wollte ich vor Gott treten und Abbitte dafür leisten, dass ich dieses Pflichtspiel der zehntklassigen Départemental 2 nicht auf dem Schirm hatte und uns heute deshalb ein Doppler entgangen ist. Doch Ironie des Schicksals: Weil wir noch eine halbe Halbzeit Fußball geguckt hatten, kamen wir erst 16:30 Uhr bei der im Volksmund La Bonne Mère (die gute Mutter) genannten Basilika an und exakt ab jetzt ließen die Türsteher keine Besucher mehr in das um 17 Uhr endgültig schließende Gotteshaus ein.

Notre Dame de la Garde (19. Jahrhundert)

Dementsprechend konnten wir uns die 1863 geweihte und wie die Cathédrale Sainte-Marie-Majeure im neobyzantinischen Stil erbaute Basilika lediglich von außen anschauen und mussten auf Eindrücke des angeblich sehr prächtigen Innenausbaus verzichten. Doch wegen des grandiosen Ausblicks von den Panoramaterrassen dieser von einer goldenen Marienstatue gekrönten Kirche hatte sich der Aufstieg trotzdem gelohnt.

Ground in Sicht

Gegen 17 Uhr stiegen wir in Richtung Stadtzentrum hinab und steuerten den bereits von gestern als Verkehrsknotenpunkt bekannten Place Castellan an. Dort ließen wir uns für eine verdiente Stärkung auf den Außenplätzen der Brasserie de la Place nieder. Geordert wurden zwei Kaffee à 3,50 € und zwei große Blonde aus dem Hause Pelforth à 7 €.

Kurze Getränkepause am Place Castellan

Die Reststrecke zum Stade Vélodrome fuhren wir dann für abermals 1,70 € per Metro und erreichten die 1937 eingeweihte und zuletzt für die EM 2016 modernisierte Spielstätte von Olympique de Marseille um 18:45 Uhr. Somit blieben noch zwei Stunden bis zum Anpfiff des heutigen Prestigeduells mit Olympique Lyonnais, die wir zunächst mit einer Runde Bier von einem der vielen Verkaufsstände rund ums Stadion überbrückten (50 cl Blondes für 7 €).

Olympique lyonnais können sie hier nicht besonders gut leiden

Nachdem wir genug von der Atmosphäre vor dem Stadion aufgesaugt hatten, ging es eine gute halbe Stunde vor Spielbeginn durch’s Drehkreuz. Wir hatten 99 € teure Plätze im Oberrang der Gegengerade, da das zu Beginn des freien Verkaufs die günstigsten noch verfügbaren Tickets ohne Sichtbehinderung waren. Denn hier ist die Preispolitik anscheinend ähnlich dynamisch wie bei italienischen Clubs. Gegen eher unattraktive Gastmannschaften kommt man bei OM halbwegs günstig rein, bei nachgefragten Partien werden allerdings gerne dreistellige Ticketpreise aufgerufen.

Eine Statue vor’m Stadion erinnert an den größten Erfolg der Vereinsgeschichte

Wir mussten es hinnehmen. Genau wie die Fanszene von Olympique Lyonnais mal wieder ein Reiseverbot nach Marseille hinnehmen musste. Schon seit einigen Jahren finden die so genannten Choc des Olympiques in beiden Städten ohne Gästefans statt. Die immer wieder neu erlassenen Dekrete werden vom Innenministerium mit der Rivalität und der hohen Gewaltbereitschaft beider Fanlager begründet. Dazu zieht man sowohl Zwischenfälle bei früheren direkten Duellen, als auch bei Spielen von OM oder OL gegen andere Teams heran.

Commando Ultra und South Winners

Fußball ohne Gästefans ist natürlich immer Mist. Aber uns sollte dennoch ein sehr stimmungsvoller Abend mit zwei lautstarken Kurven erwarten. Denn in Marseille hat es sich bekanntermaßen so entwickelt, dass die aktive Fanszene sich auf beide Hintertorseiten verteilt. Im Unterrang der Virage Sud Chevalier Roze** steht mit Commando Ultra ’84 Frankreichs älteste Ultragruppe, während der Oberrang jener Tribüne die Heimat der South Winners ’87 ist. Gegenüber auf der Virage Nord De Peretti*** sorgen wiederum die Gruppen Club des Amis de l’OM (gegründet 1987), Fanatics (1988), Dodger’s (1992) und Marseille Trop Puissant (1994) für Tifo.

Dodger’s und Marseille Trop Puissant

Ein regelmäßiger Ausdruck der großen Kreativität und Hingabe beider Kurven sind beeindruckende Choreografien bei beudetenden Spielen. Heute hatten allerdings nur die South Winners etwas Derartiges vorbereitet und machten mit der Botschaft „Anti Gone“ ihre Abneigung gegenüber den Lyonnais deutlich (Gones bedeutet in etwa „Die Jungs“ im lokalen Dialekt der Lyonnais und ist gleichermaßen ein Synonym für Spieler und Anhänger von OL).

Choreo der South Winners

Am anderen Stadionende erinnerte derweil die Gruppe Marseille Trop Puissant an die Ermordung von Ibrahim Ali**** vor fast genau 31 Jahren. Auch die South Winners hatten heute eine Banderole mit dem Namen Ibrahim Ali an der Brüstung und ebenfalls wurden in ihrem Sektor die Namen Clément Méric, Federico Martin Aramburu, Ilan Halimi und Angela Rostas entrollt. Allesamt von rechtsextrem gesinnten Tätern in Frankreich ermordete Menschen.

Gedenken an Ibrahim Ali

Diese Aktionen hatten wahrscheinlich nicht nur den Jahrestag der Ermordung von Ibrahim Ali als Hintergrund. Denn einerseits gelten Teile der Anhängerschaft von Olympique Lyonnais als rechtsextrem und andererseits kam es in Lyon jüngst zu einem weiteren tragischen Todesfall mit politischem Hintergrund. Am 12. Februar dieses Jahres hatte der 23jährige Student und Rechtsextremist Quentin Deranque bei einer Auseinandersetzung zwischen Rechts- und Linksextremisten schwere Verletzungen erlitten, denen er zwei Tage später im Krankenhaus erlag. Beim nun tobenden rechten Furor, dürfte die zu weiten Teilen antifaschistischen Fanszene von Olympique de Marseille bewusst an ein paar der vielen Todesopfer rechtsextremer Gewalt erinnert haben.

Im Sektor der South Winners wurden Namen von Todesopfern rechter Gewalt entrollt

Eine vorwiegend links einzuordnende Fanszene musste natürlich irgendwann auch die obligatorische Freundschaftsanfrage vom Millerntor bekommen. Ergo wunderte es uns nicht, dass über dem Hauptbanner von Commando Ultra ein kleiner brauner Fetzen der Skins FCSP zu erspähen war. Weil sich neben diesen zwei auch noch weitere Gruppen der beiden Fanszenen gut verstehen, streue ich noch kurz einen Sidefact ein. 1958 haben Marseille und Hamburg im Geiste der Aussöhnung eine der ersten deutsch-französischen Städtepartnerschaften nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen.

Besuch vom Millerntor

Doch nun zum Sport! Das 127. Aufeinandertreffen der beiden großen Olympiques – bisher 44 Siege für OL und 42 für OM – war zugleich ein direktes Duell um die Qualifikation für die UEFA Champions League. Der Gast aus Lyon, der im Sommer wegen Verstößen gegen die Finanzauflagen beinahe in die Ligue 2 zurückgestuft worden wäre, reiste heute als Dritter zum derzeit Vierten. Damit waren die Lyonnais voll im Soll, wohingegen sich die Marseillais nach der Vizemeisterschaft im Vorjahr etwas mehr erhofft hatten und jüngst nach einem Debakel in Paris (0:4 gegen PSG) ihren Trainer Roberto de Zerbi beurlaubten.

Die Fanatics

Nachfolger Habib Beye war mit einer Niederlage in Brest (0:2) ungünstig gestartet und heute ging es erst einmal denkbar schlecht weiter. Denn Corentin Tolisso schoss die 1950 vom 1896 gegründeten Stammverein Lyon Olympique Universitaire abgespaltenen OL-Fußballer bereits in der 3. Spielminute in Führung. Damit hatte bisher siebenmalige Meister (zuletzt 2008) seinen Vorsprung auf Marseille in der Blitztabelle auf stolze acht Punkte ausgebaut.

Beim Choc des Olympiques waren 66.225 der insgesamt 67.394 Zuschauerplätze besetzt

Trotz teils ohrenbetäubender Anfeuerung von den Rängen blieb OM bis zum Pausenpfiff eine Antwort schuldig. Doch nach dem Seitenwechsel wurde es eine richtig mitreißende Partie. Da war zunächst der Ausgleich durch Igor Paixão (52.), der das Vélodrome so richtig beben ließ und erste Freudenfeuer zur Folge hatte. Danach blieb der 1899 gegründete zehnfache Meister (zuletzt 2010) am Drücker, musste allerdings in der 76. Minute einen neuerlichen Rückstand hinnehmen. Der am 29. Februar 2008 geborene Rémi Himbert, der somit heute seinen 18. Geburtstag feiern durfte, beschenke sich mit seiner Torpremiere als Profi.

Freudenfeuer nach dem 1:1

Es sah also wieder so aus, als gelinge den Lyonnais ein großer Schritt auf dem Weg zur erstmaligen Qualifikation für die Champions League seit 2019. Doch der Gewinner der Erstaustragung jener Königsklasse (1993) gab sich noch nicht auf und jemand, der bereits bei Himberts Geburt volljährig war, trumpfte groß auf. So gelang Pierre-Emerick Aubameyang in der 81. Spielminute erst das 2:2 und zehn Minuten später drehte er das Spiel mit seinem zweiten Treffer komplett. Das schenkte uns nochmal zwei epische Torjubel auf den Rängen und weitere Freudentänze, als der Unparteiische nach neun Minuten Nachspielzeit schließlich abpfiff.

Jubel nach dem 3:2

Nach diesem großartigen Stadionerlebnis wollten wir einerseits nicht hungrig ins Bett, aber andererseits auch keine großen Umwege zum Hotel machen. Da drängten sich die Grillwagen rund ums Stadion auf. Eine Merguez mit Harissa war unser Wunsch, doch leider meldeten die erstbesten drei Buden bereits ausverkauft. Eine vierte Enttäuschung ersparten wir uns nun und bestellten bei Nr. 3 stattdessen Hacksteak mit Harissa, was uns landestypisch mit Fritten im Baguette gereicht wurde. Dieser 7,50 € teure Mitternachtsimbiss war gar nicht mal so übel und ließ uns obendrein sehr satt in die Metro zur Unterkunft steigen.

Mitternachtsimbiss

Am Montag sollte es zunächst ein weiteres Mal nach Le Panier gehen. Das Quartier hatte am Vortag bleibenden Eindruck hinterlassen und heute wollten wir dort einerseits in einem der vielen Cafés frühstücken und andererseits nochmal in Ruhe die ganzen bunten Gassen des Viertels durchstreifen. Denn Le Panier ist in der jüngeren Vergangenheit eine regelrechte Freiluftgalerie voller Streetart geworden.

Heute war es dort natürlich wesentlich entspannter, als am Sonntagvormittag. Kaum ein Mensch auf den Straßen und die nach und nach öffnenden kleinen Geschäfte und Cafés wurden wahrlich nicht von Kundschaft überrannt. So saßen wir um 10:30 Uhr ganz allein im Le Panier à Salade und durften im Rahmen des hiesigen Frühstücksangebots für 17 € je ein Heißgetränk, ein Kaltgetränk, eine süße Speise und eine herzhafte Speise wählen.

Petit déjeuner

Getränketechnisch bestellten wir deckungsgleich Americano und hausgemachte Limonade. Ansonsten hatte Glatto ein Karottenküchlein, sowie ein Spiegelei mit Frühstücksspeck geordert. Ich hingegen wählte den Obstsalat und die Käseplatte aus. Dazu wurde uns noch ein Brotkorb zum Teilen gereicht.

Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (21. Jahrhundert)

Für die Mittagsstunden hatten wir uns einen Abstecher ins nahe Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (kurz: Mucem) überlegt. Dieses auf einer künstlichen Halbinsel im Meer erbaute Museum wurde in Marseilles Kulturhauptstadtjahr 2013 eröffnet und betrachtet die Zivilisationen des Mittelmeerraumes in den Bereichen Anthropologie, Archäologie, Geschichte, Kunstgeschichte und zeitgenössische Kunst.

Das Fort Saint-Jean (17. Jahrhundert) ist heute des Teil des Museums

Gerne zahlten wir jeder 11 €, um uns mit diesem Kulturraum noch vertrauter zu machen. Bei einer Reise von den Anfängen des Ackerbaus bis zur Gegenwart entdeckten wir sowohl die Unterschiede, als auch die Gemeinsamkeiten der südeuropäischen, orientalischen und nordafrikanischen Mittelmeeranrainer. Dabei ist Marseille wahrscheinlich die Stadt, wo dank der historischen Einwanderungswellen aus u. a. Italien, Armenien, Algerien, Marokko oder Syrien ein ganz besonderer Mikrokosmos innerhalb dieses Kulturraums entstanden ist.

Nach gut zwei Stunden im Mucem schlenderten wir den Port-Vieux ab und guckten uns dabei schon mal ein Restaurant aus für’s heutige Abendessen aus. Nachdem ein Tisch im Au Bout du Quai für 19:30 Uhr reserviert war, ließen wir uns schließlich auf den Außenplätzen des Pubs The Queen Victoria nieder. Dort tranken wir nicht nur zwei Pints des belgischen Starkbiers Brigand, sondern teilten uns auch eine Assiette de charcuterie mit u. a. Pâté de campagne, Jambon persillé, Andouille und Rillettes. Kostete alles zusammen 36 €.

Assiette de charcuterie

Den späten Nachmittag verbrachten wir wiederum unweit unserer Unterkunft im Kulturzentrum Friche la Belle de Mai. Eine einstige Tabakfabrik, die 1990 ihre Pforten schloss und heute auf über 45.000 Quadratmetern viel Raum für die Kreativen der Stadt bietet. So gibt es hier Werkstätten, Ateliers, große Ausstellungsflächen, ein Theater, einen Skatepark und vieles mehr. Nach einem Streifzug auf dem Gelände, gönnten wir uns auf der dortigen Terrasse noch eine Getränkepause in der herrlichen Abendsonne. Zweimal Espresso und zweimal das Friche Blonde (50 cl) kosteten zusammen 16,40 €.

Friche la Belle de Mai

Als die Sonne um exakt 18:30 Uhr untergegangen war, hatten wir noch eine Stunde Zeit bis zum Abendessen. Die nutzten wir für einen kurzen Abstecher zum nicht weit vom Friche la Belle de Mai entfernten Palais Longchamp. Ein zwischen 1862 und 1869 prächtig wie ein Palast erbauter Wasserspeicher, in dessen Flügelgebäuden das Musée des Beaux-Arts (Museum der Schönen Künste) und das Muséum d’histoire naturelle (Naturhistorisches Museum) eine Heimat gefunden haben.

Palais Longchamp (19. Jahrhundert)

Von Palais Longchamp ging es per Metro zum Vieux-Port und pünktlich um 19:30 Uhr nahmen wir unseren Tisch im Au Bout du Quai ein. Als Gruß aus der Küche gab es erstmal Brotchips mit Pestodip und beim Knabbern entschieden wir uns jeder für Panisse mit Knoblauchcreme als Vorspeise. Waren durchaus lecker, aber leider eine Niederlage für das Au Bout du Quai im direkten Vergleich mit dem Daube Provençale.

Panisse (encore un fois)

Auch beim Hauptgang kam bei Glatto und mir das gleiche Gericht auf den Tisch. Wir hatten uns für die lokale Spezialität Bouillabaisse entschieden. Marseilles berühmte Fischsuppe enthielt hier filetierten Seeteufel, Wolfsbarsch und Petersfisch und wurde wie traditionell üblich von Brot und Rouille (einer sämigen Knoblauchsauce) begleitet. War sehr lecker, aber bei über 40 € pro Portion hätte ich etwas mehr auf dem Teller erwartet.

Bouillabaisse

Als Getränke kamen wiederum eine Flasche Mineralwasser und eine Flasche Rosé des im Anbaugebiet Coteaux d’Aix-en-Provence beheimateten Weinguts Château de Calavon auf den Tisch. Außerdem ließ die Quantität des Hauptgangs noch Platz für Desserts. Glatto entschied sich für eine Tartlette mit einer Ganache aus dunkler Schokolade und einer Garnitur aus Clementinen und Meringue. Meine Wahl fiel hingegen auf das Limoncello Tiramisu. Nach den Desserts servierte man uns zum Abschluss noch zwei Gläschen Melonade. Die gingen auf’s Haus, während für den Rest am Ende 163 € auf der Rechnung standen.

Limoncello Tiramisu

Im Anschluss an’s Abendessen ging es nach einem Verdauungsspaziergang ins Bett und am Dienstagmorgen war beim ersten Blick aus dem Fenster bereits unser TGV INOUI für die heutige Rückfahrt zu erspähen. Abfahrt war 8:12 Uhr und das Ticket in der 1. Klasse kostete wie auf der Hinfahrt lediglich 59 € pro Person. Allerdings fuhr dieser Zug nach Frankfurt am Main eine längere Strecke über Saarbrücken statt Karlsruhe, so dass wir diesmal knapp zehn Stunden im Train à grande vitesse sitzen mussten.

Über weite Strecken der Rückfahrt hatten wir das Abteil für uns allein

Doch schlafend, spielend und sabbelnd ging diese Fahrt auch überraschend kurzweilig vonstatten und kurz nach 18 Uhr rollten wir in Frankfurts Hauptbahnhof ein. Dort hatten wir einen sechsundneunzigminütigen Puffer bis zur Weiterfahrt nach Hannover, den wir für ein Abendessen in der Ćevabdžinica Sarajevo nutzten. Aufgrund bisher mangelhafter Kalorienzufuhr, gönnten wir uns jeder mal die große Portion Ćevapčići. Die bestand aus zehn Hackfleischröllchen mit Zwiebeln und Kajmak im Fladenbrot und machte für 12 € ordentlich satt.

Ćevapčići waren das Alpha und das Omega dieser Reise

Weil die DB unseren Aufenthalt in Frankfurt kurzfristig noch um eine halbe Stunde verlängerte, gab es außerdem noch Heiß- und Kaltgetränke in der Lounge dieses unzuverlässigen Beförderers. Aber um 20:14 Uhr waren wir endlich wieder auf der Schiene und ließen uns per ICE binnen 140 Minuten nach Hannover fahren (7,85 € pro Nase). Das ermöglichte immer noch genug Nachtruhe, um am nächsten Morgen ausgeschlafen und produktiv an dem Ort zu sein, wo mich der Bundeskanzler und seine Partei gerne noch viel öfter sehen würden.

Song of the Tour: Meine erste Begegnung mit französischen Rap fand im Jahre 1997 mit diesem Banger aus Marseille statt

*Panisse sind goldgelb frittierte Stäbchen aus Kichererbsenmehl. Sie sind eine der lokale Spezialität der Provence und beliebt als Vorspeise oder kleiner Snack zwischendurch.

**Der Chevalier (Ritter) Nicolas Roze (* 1675; † 1733) war ein französischer Aristokrat, der sich in Marseille beim großen Pestausbruch im Jahre 1720 als Generalkommissar verdient gemacht hat. Er richtete u. a. eine Quarantänezone und ein neues Krankenhaus ein und barg mit Freiwilligen hunderte von infizierten Leichen. Dabei steckte sich Roze auch selbst an, überlebte jedoch die in damals 70 bis 80 % der Fälle tödlich verlaufende Infektion.

***Patrice de Peretti (* 1972; † 2000), besser bekannt als Depé, war ab 1987 Mitglied der South Winners und bald einer der Vorsänger. Ab 1991 verpasste er national wie international kein Spiel mehr. Sein Markenzeichen wurde, dass er Olympique selbst bei Minusgraden immer oberkörperfrei anfeuerte. Er opferte sich komplett für den Club auf und bald war Depé ähnlich prominent wie die Spieler. 1994, nachdem OM aufgrund von Spielmanipulation in die 2. Liga zwangsabstiegen musste, entschied sich Depé die South Winners zu verlassen und mit Marseille Trop Puissant (MTP) eine neue Gruppe auf der gegenüberliegenden Nordtribüne zu gründen. MTP führte er bis zu seinem plötzlichen Tod mit gerade mal 28 Jahren an.

****Ibrahim Ali war ein 17jähriger Gymnasiast, der am 21. Februar 1995 in Marseille auf dem Heimweg von einer Musikprobe von zwei Aktivisten der rechtsradikalen Partei Front National (mittlerweile umbenannt in Rassemblement National) ermordet wurde.