- 27.02.2026
- Montpellier Hérault Sport Club – Stade de Reims 0:0
- Ligue 2 (II)
- Stade de la Mosson (Att: 7.988)
Am Freitagmorgen ging es gegen 10:00 Uhr aus den Federn. Nach dem gestrigen Halbtagesausflug nach Carcassonne sollte der heutige Tag komplett Montpellier gehören. Doch bevor wir in der okzitanischen 310.000-Einwohner-Stadt so richtig durchstarten konnten, musste erstmal etwas in den Magen. Die Wahl fiel auf die Rösterei De la Sierra, wo wir neben Cappuccino und Americano (je 4,50 €) auch warmes Frühstück bekamen.

Glatto, der alte Zocker, wählte das Tipico (9 €). Dahinter verbarg sich eine Kombi aus Rührei, Kochbanane, Frischkäse, Avocado und Bohnenmus, wozu außerdem geröstetes Sauerteigbrot gereicht wurde. Ich entschied mich hingegen für das El Peruano (13 €). Das war Aji de Gallina (cremiges peruanisches Hühnerfrikassee), welches auf gerösteten Pekannüssen serviert wurde und Begleitung von Kartoffeln und einer Salatgarnitur hatte.

Nach der Zufuhr von Koffein und Kalorien waren wir bereit im Écusson* in die Geschichte von Montpellier abzutauchen. Die beginnt für französische Verhältnisse ziemlich spät. Denn anders als die meisten großen Städte des Landes, wurde Montpellier nicht bereits in der Antike von Griechen, Galliern oder Römern gegründet. Hier startet die Chronik erst im Jahre 985, als der Graf von Melgueil einem Ritter namens Guilhem einen kleinen Landstrich auf dem heutigen Stadtgebiet geschenkt hatte.

Guilhem errichtete dort seine Burg, die wiederum die Keimzelle von Montpelliers weiterer Entwicklung darstellt. Günstig gelegen an mittelalterlichen Handels- und Pilgerrouten, wuchs dieser Ort rasant und bekam im 12. Jahrhundert eine Stadtmauer. In etwa zur gleichen Zeit begann die Geschichte der heute von rund 50.000 Studenten besuchten Université de Montpellier. Denn im Jahre 1180 verfügte Guilhem VIII., dass in seiner Stadt Heilkunde unterrichtet werden soll. Aus dieser Medizinschule erwuchs im Jahr 1220 mit der Universitas medicorum die erste medizinische Fakultät Frankreichs. Da dort gleichermaßen christliche, jüdische und muslimische Gelehrte wirkten, war sie im Mittelalter eine der bedeutendsten ihrer Art.

Die Stadtrechte folgten im Jahre 1204, als das Königreich Aragon durch Hochzeit an die Herrschaft über Montpellier gekommen war (zur Feier der Vermählung von König Pedro II von Aragon und Maria von Montpellier schenkte man den Bürgern eine Charta mit Rechten). Im 13. Jahrhundert entwickelte sich Montpellier dann nicht nur wie erwähnt zum bedeutenden Universitätsstandort, sondern auch zu einem der wichtigsten Warenumschlagplatz in Südfrankreich. Über den nur wenige Kilometer entfernten Hafen Lattes unterhielt man Handelsbeziehungen im gesamten westlichen Mittelmeerraum und darüber hinaus. Die zahlreichen Hôtels particuliers (Stadtpalais) im historischen Zentrum deuten noch heute auf den einstigen Reichtum der hiesigen Kaufmannsfamilien hin.

Wie in jeder mittelalterlichen Stadt, hatte aber selbstverständlich auch das Handwerk seinen festen Platz im Stadtbild. Die engen und verwinkelten Gassen des Écusson tragen teilweise heute noch den Namen der Berufsbilder, die dort im Mittelalter beheimatet waren. So waren beispielsweise in der Rue de la Friperie dereinst die Schneider zuhause und in der Rue du Bras de Fer (siehe Titelbild) konnte man die Waffenschmiede finden.

An Kirchen und Klöstern fehlte es dem mittelalterlichen Montpellier natürlich genauso wenig. Sitz eines Bischofs wurde die Stadt jedoch erst im Jahre 1536. Damals firmierte die katholische Kirche die Diözese von Maguelone zum Bistum Montpellier um und zur Kathedrale erklärte man die im 14. Jahrhundert im Stile der Hochgotik errichtete Kirche des Klosters Saint-Benoît. Doch bereits wenige Jahre später begeisterten sich die Montpelliérains mehrheitlich für die Lehren des Reformators Johannes Calvin und wurden zu Hugenotten. Für sie waren religiöse Bilder, Skulpturen und jegliche sonstige Zier der Kirchen ein Götzendienst, weshalb sie beim so genannten Bildersturm im Jahre 1561 nicht nur das Interieur, sondern zumindest in Montpellier sogar ganze Gotteshäuser zerstörten.

Das seit 1349 zur französischen Krone gehörende Montpellier wurde nun im 16. und 17. Jahrhundert zwangsläufig ein Schauplatz der so genannten Hugenottenkriege. Doch als der katholische König im Jahre 1622 letztlich auch in Montpellier seine Macht restaurieren konnte, bekam zumindest die glücklicherweise nur teilweise zerstörte Kathedrale ihren alten Glanz zurück. Jene Cathédrale Saint-Pierre de Montpellier ist heute somit die einzige mittelalterliche Kirche in der Altstadt. Alle anderen Gotteshäuser, wie beispielsweise die neogotische L’Église Saint-Roch (19. Jahrhundert), sind hingegen neuzeitliche Bauwerke.

Die wiederhergestellte Herrschaft der Krone zeigte sich im 17. Jahrhundert außerdem durch die Anlage der Promenade du Peyrou. Diese monumentale Esplanade manifestierte mit einem Triumphbogen und einem Reiterstandbild des Königs Louis XIV den absolutistischen Machtanspruch des Königshauses. Ferner hat man der Promenade aber auch einen funktionalen Charakter verpasst. So verband man sie im 18. Jahrhundert durch den Bau eines Aquäduktes mit der Wasserquelle Saint-Clément und sicherte so die Wasserversorgung der stetig wachsenden Stadtbevölkerung.

Im 19. Jahrhundert kam es schließlich zu größeren baulichen Erweiterungen der Stadt. So schlenderten wir rund um das Écusson auch über diverse breite Boulevards. Die wiederum sind gesäumt von mehrstöckigen Stadthäusern im Stile der Haussmann-Epoche**. Außerdem wurde diesem Architekturvorbild folgend in den 1880er Jahren auf dem Gelände ehemaliger Befestigungsanlagen der Place de la Comédie angelegt. Er ist mit 230 m Länge und 50 m Breite einer der größten Plätze des Landes und nun seit fast 150 Jahren das zentrale Herzstück der Innenstadt.

An den Rändern des Stadtzentrums findet sich selbstredend auch viel Architektur aus dem 20. Jahrhundert und dem frühen 21. Jahrhundert. Aber für das Gesamtensemble des in den 1980er und 1990er Jahren erbauten Quartiers Antigone oder interessante Solitäre wie den L’arbre blanc (2019 fertiggestellt) fehlte heute leider die Zeit. Stattdessen kehrte am späten Nachmittag der Hunger zurück und wir machten uns Gedanken, wo wir vor dem abendlichen Fußballspiel an eine zweite Mahlzeit kommen.

Sitzend kann man natürlich effizienter nachdenken, so dass wir uns gegen 17 Uhr nahe der Kathedrale auf den Außenplätzen des Black Cat Pub niederließen und bei zwei Pint Pelforth à 6 € unsere Optionen checkten. Die meisten interessanten Restaurants sollten leider erst um 19 Uhr öffnen und das vertrug sich nicht mit dem eine Stunde später erfolgenden Anstoß im Stade de la Mosson. Doch irgendwann stießen wir auf das Steakhouse À La Braise, welches unweit des Place de la Comédie zu finden war und bereits ab 18 Uhr seinen Grill anschmeißen wollte.

Wir gehörten dort zu den ersten Gästen und hatten auch jeder schnell etwas in der Karte gefunden. El Glatto entschied sich für die Grillplatte des Hauses mit Reisbeilage, während ich Steak haché à cheval nebst Ofenkartoffel bevorzugte. Glatto war halbwegs zufrieden, aber mir war mein Rinderhacksteak ein wenig zu fad und es stand nichts zum Nachwürzen auf dem Tisch. Aber immerhin standen die Preise in keinem krassen Missverhältnis zum Servierten. Zusammen mit einer Cola, einer Flasche Wasser und einer Portion Tiramisu kamen wir am Ende auf eine Rechnungssumme in Höhe von 62,30 €.

Nach dem Abendessen war 19 Uhr durch, so dass wir uns aus Sicherheitsgründen per Uber für 13,92 € zum über 6 km vom Stadtzentrum entfernten Stade de la Mosson kutschieren ließen. Letztlich kamen die Flutlichtmasten der 1972 eröffneten und für die WM 1998 nochmal grundlegend modernisierten Sportstätte eine Viertelstunde vor Anpfiff in Sichtweite. Wenige Minuten später saßen wir auf unseren 25 € teuren Sitzplätzen im Unterrang der Haupttribüne und freuten uns auf ein hoffentlich erbauliches Zweitligaspiel.

Beim heutigen Duell der HSC Montpellier mit Stade de Reims wohnten wir nicht nur dem Kräftemessen zweier Absteiger aus der Ligue 1 bei, sondern es trafen auch zwei französische Altmeister aufeinander. Denn der Gastgeber hatte 2012 seine erste und bisher einzige Meisterschaft feiern dürfen und die Gäste waren wiederum Mitte des 20. Jahrhunderts eine echte Fußballmacht. Zwischen 1949 und 1962 feierte Stade de Reims nämlich stolze sechs Meistertitel und stand 1956 und 1959 gar jeweils im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister (heute UEFA Champions League).

Nichtsdestotrotz waren nur 7.988 der insgesamt 32.939 Zuschauerplätze besetzt und besonders traurig war der Anblick des Gästesektors. Zwar waren Gästefans bei diesem Spiel erlaubt (ist in Frankreich bekanntlich nicht selbstverständlich), aber angereist aus dem gut 800 km entfernten Reims war nur ein kleines Häufchen. Gut, so eine Distanz ist auf einem Freitag ist natürlich kein Pappenstiel. Aber der 1910 gegründete Traditionsvereins aus der Champagne hat als gegenwärtig Dritter gute Chancen auf den Wiederaufstieg und obendrein hatte die dortige Hauptgruppe Ultrem erst am Vorwochenende groß ihren 30. Geburtstag gefeiert. Nur man ist wohl einfach von Deutschland zu verwöhnt, wenn man da wenigstens ein paar Neuner mit Ultras erwartet.

Die Heimkurve rund um die 1991 gegründete Gruppe Butte Paillade (zu deutsch: Pailladehügel)*** lieferte hingegen eine recht ordentliche Vorstellung. Viele melodische Gesänge. die ausdauernd und mit hoher Mitmachquote vorgetragen wurden. Wir hätten denen auch gerne einen Torjubel gegönnt. Genau, wie wir noch lange hofften, dass der Bus von Ultrem einfach nur im Stau stand und sich der Gästeblock im Laufe des Abends noch schlagartig füllt. Aber beides blieben unerfüllte Wünsche, was im Resümee für ein unvollkommenes Fußballerlebnis sorgte.

Letztlich stand beim Abpfiff das selbe Ergebnis wie beim Anpfiff auf der Anzeigetafel und in den 90 Minuten dazwischen strahlte keine der Mannschaften wirkliche Torgefahr aus. Und dieses Remis dürfte auch keiner der beiden Clubs als Punktgewinn verstanden haben. Stade de Reims verlor nun Boden auf das am diesem 25. Spieltag siegreiche Spitzenduo ES Troyes und AS Saint-Étienne und der Montpellier HSC tritt im Tabellenmittelfeld weiterhin auf der Stelle. Sie verblieben auf dem 9. Platz. Mit viel Abstand nach oben und unten. Die Mission Wiederaufstieg müssen die Montpelliérains daher wohl um mindestens ein Jahr verschieben.

Zurück in die Stadt ging es nach Spielende mit der kostenlosen Tram, die uns nach zwanzigminütiger Fahrt vor dem Hotel absetzte. Allerdings war der Abend noch zu jung für die Nachtruhe und wir ließen uns für zwei Leffe (50 cl à 8 €) im nahen Café Paume nieder. Anschließend machten wir einen kleinen Streifzug durch die noch relativ belebte Altstadt und ließen uns schließlich zwei Mützig Blonde à 6 € in der Kneipe Le Saint Roch zapfen. Als die die Uhr der benachbarten L’Église Saint-Roch Mitternacht schlug, hatten wir jedoch die nötige Bettschwere und kehrten zur Unterkunft zurück.

Am Samstagmorgen klang die Episode Montpellier dann mit einem zweiten Besuch des De la Sierra aus. Bei unserem Revisit entschieden wir uns beide passenderweise für das Frühstück La Blanquette Revisitée. Hinter dem Namen verbargen sich mit cremiger Sauce Blanquette übergossene Kalbsfilets, die von zarten Karotten, sautierten Champignons und knusprigen Chicharrones begleitet wurden.

Mit zwei großen Heißgetränken wurden wir dort für die erste Mahlzeit des Tages insgesamt 39 € los, ehe wir am späten Nachmittag aus dem Hotel auscheckten und es um 12:30 Uhr per Flixbus (9,98 € pro Person) weiter nach Marseille ging.
*Écusson ist die französische Bezeichnung für die klassischen Schutz- und Wappenschilde des Mittelalters. Weil der mehr oder weniger fünfeckige Grundriss der Altstadt einem solchen Schild gleicht, nennen die Montpelliérains ihren historischen Stadtkern Écusson.
**Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann mit der großflächigen Modernisierung und baulichen Umgestaltung von Paris beauftragt. Sein Ideal von breiten Boulevards mit Blockbebauung im Stile des Klassizismus schwappte schnell auch auf andere französische Städte über.
***La Paillade ist eine in den 1960er Jahren erbaute Großwohnsiedlung unweit des Stade de la Mosson. Der dort beheimatete Fußballclub AS Paillade schloss sich wiederum am 1. Juli 1974 mit dem Montpellier-Littoral FC zum Montpellier La Paillade SC zusammen. Jener Fusionsverein benannte sich dann 1989 in Montpellier Hérault Sport Club um. La Paillade ist aber bis heute ein gängiges Synonym für den Club. Nicht zuletzt aufgrund der am 7. Juli 1991 gegründeten Ultragruppe Butte Paillade.