Die erste richtige Urlaubsreise des Jahres 2026 führte ans Mittelmeer. Da es im Februar bei der Société nationale des chemins de fer français (SNCF) sehr günstige TGV-Tickets nach Südfrankreich gab, hatte ich gemeinsam mit El Glatto einen netten Trip nach Montpellier und Marseille geplant. So kostete die Hin- und Rückfahrt auf der Stecke Frankfurt – Marseille in der 1. Klasse gerade mal 118 € pro Person. Da mussten wir zuschlagen und stiegen am 25. Februar um 9:53 Uhr am hannoverschen Hauptbahnhof in unseren je Ticket 15,74 € teuren Zubringerzug.

Jener Zug war übrigens ein Giruno der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), der Frankfurt am Main heute um 12:14 Uhr erreichte. Dank der planmäßigen Ankunft blieben uns nun fast zwei Stunden bis zur Weiterfahrt. Die nutzten wir zunächst einmal für eine Kaffeepause in der DB Lounge, ehe es noch für ein Mittagessen in die bahnhofsnahe Ćevabdžinica Sarajevo ging. Wir entschieden uns dort jeder für die mittlere Portion Ćevapčići (acht Hackfleischröllchen) mit Kajmak und Zwiebeln im Fladenbrot (je 10 €). Außerdem erfrischten uns zwei Jelen Pivo à 3,50 €.

Gut gestärkt stiegen wir anschließend in unseren um 14:02 Uhr abfahrenden TGV INOUI der SNCF. Bei der perfekten Mischung aus guten Gesprächen und dummen Gelaber vergingen knapp acht Stunden Fahrzeit bis Marseille wie im Fluge. Ziemlich genau um 22 Uhr checkten wir dann im für die erste Nacht 58 € pro Zimmer teuren Aparthotel Adagio Access am Hauptbahnhof Marseille Saint-Charles ein.

An Schlaf war allerdings noch nicht zu denken, so dass wir alsbald das Bahnhofsumfeld erkundeten. Am gut 500 m vom Hauptbahnhof entfernten Square de Stalingrad ließen wir uns schließlich auf der Außenbestuhlung der Grand Bar du Chapitre nieder. Das blonde Hausbier vom Fass wurde hier für 6 € pro 50 cl gezapft. Gemäß meiner französischen Lieblingsredewendung „On ne peut pas rester debout sur un pied“ suchten wir am ersten Abend außerdem noch die benachbarte Bar Le Mounguy auf, wo uns das tschechische Rebel Pils serviert wurde (50 cl für 5 €).

Nach gut acht Stunden Nachtruhe fuhren wir am Donnerstagsmorgen um 9:25 Uhr per InterCity weiter nach Montpellier (19,50 € pro Ticket). Unser Etappenziel erreichten wir um 11:00 Uhr und suchten zwecks Gepäckaufbewahrung sogleich das für die kommenden zwei Nächte gebuchte Appart’hôtel Odalys auf (63 € pro Nacht und Zimmer). Danach wollten wir gern die erste warme Mahlzeit des Tages einnehmen und landeten auf der Suche nach hotelnahen Optionen im inklusiven Café Joyeux. Doch leider sollte es hier erst ab 12 Uhr warme Küche geben. So tranken wir hier aus Höflichkeit lediglich zwei Cappuccino à 5 € und wechselten anschließend in die benachbarte Markthalle Halles Laissac.

Der dortige Schlachter offerierte diverse seiner Fleischspezialitäten als Mittagstisch mit Pommes frites, Salat und Kaltgetränk für 14,90 €. Das klang eigentlich vielversprechend, so dass Glatto ein Cordon bleu orderte und ich ein halbes Hähnchen. Wenig später bereuten wir die Investition allerdings. Auf beiden Tellern trieften die Fritten vor Fett, während das Fleisch jeweils eine sehr trockene Angelegenheit war. Und ein beiliegendes Salatblatt als Beilagensalat anzupreisen, war auch eine Frechheit.

Nach dem enttäuschenden Mittagsmahl ließen wir Montpellier erstmal wieder links liegen und machten einen Halbtagesausflug ins ca. 150 km entfernte Carcassonne. Dorthin ging es um 13:06 Uhr mit einem pro Ticket 15,50 € teuren InterCity, der die berühmte okzitanische Festungsstadt nach knapp neunzigminütiger Fahrt erreichte. Direkt vor’m Bahnhof eröffnete sich uns die ab dem 13. Jahrhundert angelegte Ville Basse (Unterstadt) von Carcassonne.

Doch wie die meisten mit der Bahn anreisenden Touristen, rauschten wir da vorerst nur durch. Denn das zweifellos größte Pfund, mit dem die 46.000-Einwohner-Stadt wuchern kann, ist die auf einem Hügel über der Unterstadt thronende Festung Cité médiévale. Eine noch komplett ummauerte mittelalterliche Stadt, welche die UNESCO im Jahre 1997 zum Welterbe geadelt hat.

Getrennt werden Carcassonnes zwei historische Stadtkerne von der Aude. Über die steinerne Bogenbrücke Pont-Vieux (14. Jahrhundert) gelangten wir von der Unterstadt ans andere Ufer des Flusses und erreichten nach einem kurzen Anstieg das Stadttor Porte de l’Aude. Für Cineasten ein durchaus vertrauter Ort. Denn in Carcassonne wurden u. a. der Hollywood-Kassenschlager Robin Hood – Prince of Thieves (1991) und die französische Kultkomödie Les Visiteurs (1993) gedreht. Dabei wurde dieses Tor in beiden Filmen prominent in der Totalen in Szene gesetzt.

Allerdings beschlossen wir die Altstadt von Carcassonne nicht durch dieses Tor zu betreten, sondern die mächtigen Mauern zunächst einmal halb zu umrunden und schließlich durch die nicht minder fotogene Porte Narbonnaise zu schreiten. Dort wird jeder Besucher von der steinernen Büste einer gewissen Dame Carcas begrüßt und mit ihrem Mythos machten wir uns alsbald im Château Comtal vertraut. Denn jene Grafenburg, die einst Festung innerhalb der Festung war, ist heute ein Museum und für 13 € kann man dort etwas in die Geschichte von Carcassonne eintauchen.

Doch vor den Fakten widmeten wir uns im Château Comtal der Fiktion in Form von Dame Carcas. Im 8. Jahrhundert, als Carcassonne unter der Herrschaft der Sarazenen stand, war sie der Legende nach die Gemahlin des hiesigen muslimischen Fürsten. Als die Franken unter Karl dem Großen auf Carcassonne vorrückten, fiel dieser Sarazenenfürst jedoch auf dem Schlachtfeld und die große Stunde der offenbar recht emanzipierten Witwe schlug. Sie übernahm bei der Verteidigung der Stadt das Kommando und trotzte dem Heer der Franken mehrere Jahre.

Als die Vorräte sich allerdings dem Ende neigten, erteilte Dame Carcas den Soldaten den irritierenden Befehl das abmagerte letzte Schwein mit dem letzten Sack Getreide zu stopfen und es von der Stadtmauer vor die Füße der Belagerer zu werfen. Ein genialen Schachzug. Denn die Franken trauten ihren Augen kaum und Karl der Große schlussfolgerte, dass die Vorräte der Belagerten immer noch mehr als üppig sein mussten, wenn sie sogar ein ganzes Schwein entbehren konnten. Das bewog den Heerführer mit seinen nun demoralisierten Truppen abzuziehen. Nach der listigen Dame Carcas wurde hingegen fortan die Stadt benannt.

Woran die Geschichte hakt, erfuhr man aber ebenfalls im Museum. So ist bereits von den Römern der Stadtname Colonia Iulia Carcaso überliefert. Die Römer sind im 1. Jahrhundert v. Chr. auch mehr oder weniger die Stadtgründer. Wenngleich zuvor bereits die Kelten auf diesem Hügel gesiedelt hatten und die Römer ein gallo-keltisches Oppidum* vorgefunden haben dürften.

Nach dem Zerfall des Römischen Reichs übernahmen 462 n. Chr. schließlich die Westgoten das Zepter in Carcassonne. Im frühen 8. Jahrhundert wurde die Stadt wiederum von aus Spanien eingefallenen Sarazenen erobert, womit wir beim historischen Kern der Legende von Dame Carcas sind. Allerdings wird Carcassonne wohl niemals von Karl dem Großen (* 748; † 814) belagert worden sein, da sein Vater Pippin (* 714; † 768) bereits im Jahre 759 die Sarazenen aus dem heutigen Südfrankreich vertrieben hatte und die Stadt somit schon zu Karls Kindertagen zum Frankenreich gehörte.

Ferner lernten wir, dass Carcassonne im Hochmittelalter eine dem Königreich Aragón zugehörige Vicomté (Vizegrafschaft) war. Belehnt wurde das Adelsgeschlecht Trencavel. Die errichteten als Vizegrafen im 11. und 12. Jahrhundert nicht nur das Château Comtal, sondern bauten auch die Stadtmauern nochmal erheblich aus. Außerdem tolerierten sie eine neue religiöse Bewegung namens Katharismus in ihrem Herrschaftsgebiet. Da die Katharer die christliche Lehre jedoch sehr asketisch interpretierten und beispielsweise materiellen Reichtum strikt ablehnten, kam die katholische Kirche zu einer anderen Bewertung als der lokale Adel. Entsprechend rief Papst Innozenz III. im Jahre 1208 zum Croisade des albigeois (Albigenserkreuzzug)** auf.

Rund 10.000 Kreuzfahrer folgten dem Aufruf und zogen nach Okzitanien, wo die Katharer in etlichen Städten zur Massenbewegung geworden waren. Carcassonne erreichte das Heer am 1. August 1209. Die mächtigen Mauern hielten den Angreifern zwar stand. Aber in einem der Überlieferung nach besonders trockenen Sommer mangelte es an Wasser, so dass die Stadt nach wenigen Wochen kapitulieren musste. Einige Katharer konnten in die umliegenden Wälder flüchten, viele andere sollen jedoch als Ketzer verbrannt oder gehängt worden sein.

Nach dem Kreuzzug fiel Okzitanien mitsamt Carcassonne an Frankreich. Die Stadt war fortan eine wichtige französische Festungsstadt an der Grenze zum Königreich Aragón. Doch als sich die Grenze im 17. Jahrhundert nach Süden in die Pyrenäen verschob, verlor die Festung ihre Funktion und verfiel zusehends. Gut daher, dass ein französischer Architekt und Kunsthistoriker namens Eugène Viollet-le-Duc ab 1853 die umfangreiche Restauration der Cité médiévale anschob. Ihm ist zu verdanken, dass Carcassonne heute als geschlossenes Ensemble erhalten ist.

Nach dem kurzen Ausflug in die Stadtgeschichte genossen wir natürlich auch zu gern, dass im Eintrittspreis des Château Comtal der Rundgang auf den ansonsten nicht frei zugänglichen Stadtmauern inkludiert ist. In der Abendsonne genossen wir dort Ausblicke auf die Unterstadt und das Umland, sowie exponierte Einblicke in die malerischen Gassen der Festungsstadt.

Es folgten ein Streifzug durch besagte Gassen und eine Besichtigung der mittelalterlichen Basilique Saint-Nazaire-et-Saint-Celse. Diese Basilika wurde im 11. Jahrhundert mit einem romanischen Langhaus begonnen und mit einem hochgotischen Chor im 13. Jahrhundert vollendet. Man vermutet, dass an dieser Stelle bereits im 6. Jahrhundert die erste Bischofskirche des 533 gegründeten Bistums Carcassonne stand. Aber während der Blütezeit der Stadt musste im Hochmittelalter natürlich eine monumentale Kathedrale her.

Doch wie die gesamte Cité médiévale verfiel die Kathedrale in der Neuzeit zusehends, so dass im Jahre 1801 die bisherige Stadtpfarrkirche Saint-Michel in der Unterstadt zur neuen Kathedrale des Bistums erhoben wurde. Es ist auch hier dem Wirken von Eugène Viollet-le-Duc zu verdanken, dass Saint-Nazaire-et-Saint-Celse Mitte des 19. Jahrhundert wieder zu alter Pracht restauriert wurde und heute mit ihrer beeindruckenden Baugestalt und ihren farbenprächtigen Kirchenfenstern zu den schönsten Kirchen Okzitaniens zählt.

Die gesammelten Eindrücke der letzten Stunden wollten wir anschließend gern bei einem Bier auf einem der lauschigen Plätze der Cité médiévale reflektieren. Es wurde letztlich die Außenbestuhlung der Brasserie Le Petit Marcou, wo zweimal 50 cl Blondes aus dem Hause Pelforth geordert wurden. War mit 9,80 € pro Glas der erwartbare Tourinepp. Aber so kamen wir wenigstens nicht auf die Idee hier bis zur Abfahrt unseres Zuges um 19:30 Uhr zu versacken.

Stattdessen wollten wir die verbleibende Zeit in Carcassonne gern noch für ein Abendessen nutzen. Wenngleich die meisten Restaurants leider erst um 19 Uhr für’s Abendgeschäft öffnen sollten. Auch das durchgängig geöffnete Café de la Comédie vertröstete uns in Sachen warmer Küche auf diese Uhrzeit. Die Enttäuschung darüber spülten wir nun mit zwei halben Litern Ginette Natural Blonde à 8,50 € hinunter.

Doch der Halbe war noch nicht mal halb leer, da traf die Köchin des Hauses ein und man signalisierte uns, dass die Dame umgehend ihre Arbeit aufnimmt. Somit bestellten wir zweimal Cassoulet mit Salat, Wasser und Wein für zusammen 36 € und bekamen den okzitanischen Bohneneintopf bereits gegen 18:45 Uhr auf den Tisch gestellt.

Die zweite Mahlzeit des Tages war zum Glück kein zweiter Reinfall, so dass wir um 19:30 Uhr sehr zufrieden unseren diesmal 21 € teuren InterCity nach Montpellier bestiegen. 96 Minuten später bezogen wir unsere Hotelzimmer, aber dachten natürlich noch nicht an Schlaf. Stattdessen ging es zeitnah in die nur einen Steinwurf entfernte Kneipe Les BockAle, wo diverse Biere der lokalen Brauerei Hoppic am Hahn waren.

Wir stießen mit zwei Pint Ambrée von Hoppic (je 7 €) auf den sehr gelungenen Ausflug nach Carcassonne an und zogen anschließend noch weiter zur benachbarten Schankwirtschaft Un bar et Jivay. Hier liefen Erzeugnisse der ebenfalls in Montpellier ansässigen Jivay Brewing Co durch die Zapfhähne. Wir ließen uns erst das La Potion servieren (50 cl für 6 €), was sich als mildes Blondes entpuppte. Danach wagten wir uns ans Zombeer (8 €) und boten dem Gaumen ein mehr als krasses Kontrastprogramm. Denn hierbei handelte es sich um eine supersaure Gose, für die sich die Brauer wahrscheinlich von Center Shock inspirieren ließen.

Mit dem Geschmackserlebnis wollten wir den Abend ungern enden lassen, so dass wir auf dem Rückweg zum Hotel noch ein zweites Mal im Les BockAle einkehrten und die letzten Minuten des Tages mit zwei deutlich schmackhafteren Blanche von Hoppic verbracht wurden (7 € pro Pint). Kurz nach Mitternacht lagen wir schließlich im Bett und freuten uns darauf am nächsten Tag Montpellier etwas näher kennenzulernen.
*Ein Oppidum ist eine befestigte, stadtähnliche Siedlungsform der Kelten, die in der späten Eisenzeit (5. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) in ganz Mittel- und Westeuropa verbreitet war.
**Weil die Bewegung der Katharer ihre Wurzeln in der französischen Stadt Albi hatte, wurden sie früher auch als Albigenser bezeichnet. Sie lehnten übrigens nicht nur materiellen Reichtum ab, sondern auch Gewalt in jeder Form und das Töten von Tieren.