Kaiserslautern 01/2026

  • 18.01.2026
  • 1. FC Kaiserslautern – Hannover 96 3:1
  • 2. Bundesliga (II)
  • Fritz-Walter-Stadion (Att: 44.382)

Nachdem die Hinrunde für Hannover 96 mit ziemlich unbefriedigenden Ergebnissen geendet war, hielt sich meine Motivation für eine Fahrt zum Rückrundenauftakt nach Kaiserslautern in Grenzen. Obendrein stand am Vortag die jährliche Kohlwanderung mit alten Kameraden aus meinem Abiturjahrgang auf dem Programm. Da war ein Sofasonntag am 18. Januar eigentlich verlockender, als ein tagesfüllender Trip in die Pfalz.

Kurz vor Weihnachten sah in Nürnberg aus hannoverscher Sicht nur der Gästeblock gut aus

Aber ich liebe nun mal die Roten, meinen Verein. Und es kann nichts Schöneres geben, als 96-Fan zu sein. Daher stand ich am Sonntagmorgen leicht verkatert um 6:30 Uhr auf. Wenig später saß ich in einem Nahverkehrszug nach Hannover, um dort kurz vor 8 Uhr in einen für mich 14,99 € teuren ICE nach Mannheim zu steigen. In der Quadratestadt erwartete mich bereits mein ins Badische verzogener Bro Matteo und gemeinsam stiegen wir in eine S-Bahn gen Kaiserslautern.

Kaffeepause

Die kleine Großstadt (knapp über 100.000 Einwohner) erreichten wir um 12:15 Uhr und dort beschlossen wir einen kurzen Streifzug durch die Innenstadt zu wagen. Die schönen Ecken, so denn es sie gibt, haben sich dabei allerdings sehr gut vor uns versteckt. Doch wir bekamen in der Pirmasenser Straße bei Carla Ohio Coffee and Things immerhin schmackhafte Heißgetränke aus der Siebträgermaschine.

Der Elf-Freunde-Kreisel

Nachdem Flat White und Americano ausgeschlürft waren, mussten wir umgehend den Betzenberg erklimmen. Diese alpine Meisterleistung war um 13:12 Uhr vollbracht, so dass wir eine gute Viertelstunde vor Anpfiff durch die Drehkreuze des 1920 eröffneten und zuletzt für die WM 2006 ausgebauten Fritz-Walter-Stadions spazierten.

Die Westkurve

Wir hatten Tickets à 27 € für den Oberrang der Südtribüne (Gegengerade) erstanden und sollten von dort beste Sicht auf’s Rasenviereck und die Fanblöcke haben. Die Heimkurve im Westen des insgesamt 49.327 Zuschauer fassenden Stadions war natürlich zum Bersten gefüllt und der Gästesektor im Osten war ebenfalls sehr ordentlich ausgelastet (ca. 3.500 niedersächsische Schlachtenbummler befanden sich unter den heute insgesamt 44.382 Zuschauern).

Die Südtribüne

Beide Fanlager erwartete gewissermaßen ein richtungsweisendes Spiel. Denn sowohl 96 (aktuell 5. Platz), als auch der 1. FCK (7. Platz) hatten mit zuletzt unbefriedigenden Ergebnissen die Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen verloren. Doch ein Erfolgserlebnis zum Rückrundenauftakt würde die tabellarische Situation natürlich gleich wieder ein Stück verbessern und hätte zugleich eine gewisse Signalwirkung nach innen und außen.

Der Gästesektor

Es folgte ein Spiel, welches zunächst auf Augenhöhe bestritten wurde. Hannover 96 hatte vielleicht im ersten Durchgang ein bisschen mehr vom Spiel und kombinierte gewohnt gefällig. Allerdings entstand nur selten echte Torgefahr. Die beste Chance auf eine frühe Gästeführung hatte der überraschend für Toptorjäger Källman (10 Saisontore) in die Startelf gerückte Pichler per Kopf (4.), wohingegen Kaiserslautern ab Mitte der 1. Halbzeit ebenfalls ein paar Mal 96-Schlussmann Noll beschäftigten konnte. Aber bis zum Pausenpfiff sollten sich beide Torhüter schadlos halten und dieses 0:0 stuften Matteo und ich als leistungsgerecht ein.

Berlin bleibt hart- Bullen raus aus den Kurven

Auf den Rängen passte der Sound derweil ganz gut zum gebotenen Fußball. Solide Stimmung von beiden Kurven, allerdings ohne echte optische oder auch akustische Höhepunkte. Jedoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass die hannoversche Szene zwei Botschaften im Gepäck hatte. „Berlin bleibt hart- Bullen raus aus den Kurven!“ war ein Statement zu Vorfällen im Berliner Olympiastadion am Vorabend*. Gen Schweden wurde außerdem die Botschaft „I svåra stunder står vi samlat. Vi är med er, bröder!“ (In schweren Stunden stehen wir zusammen. Wir sind bei euch, Brüder) gesendet, was Bezug auf jüngste Trauerfälle in der AIK-Szene, bzw. in deren Familien nahm.

Kann hier jemand Französisch und das übersetzen?

Ferner will ich nicht unterschlagen, dass die Gruppe Unterrang in der Halbzeitpause die Sprühdosen auspackte und dem Gästeblock neue Farbtupfer schenkte. Kaum war die letzte Outline bei diesem kleinen Kunstprojekt gezogen, rollte auch schon wieder der Ball und dieser war immer noch etwas mehr der Freund der Mannschaft aus der niedersächsischen Landeshauptstadt. Lediglich hochkarätige Chancen blieben nach wie vor Mangelware.

GU Graffiti im Gästeblock

Die Roten Teufel hatten ebenfalls noch ihre Offensivmomente und einer davon lud 96 zu einem wunderbar ausgespielten Konter ein. Bei diesem Spielzug konnte letztlich der eingewechselte Waniss Taïbi sehenswert auf Leopold per Hacke ablegen und der 96-Kapitän, der den Konter übrigens auch eingeleitet hatte, schob den Ball sicher zum 0:1 über die Linie (67.).

Der hannoversche Torjubel

Da keimte im hannoverschen Anhang natürlich Euphorie und Hoffnung auf einen gelungenen Rückrundenauftakt auf. Doch leider fand der 1. FC Kaiserslautern schnell die passende Antwort. Der ebenfalls eingewechselte Ivan Prtajin meldete sich eindrucksvoll aus seiner mehrwöchigen Verletzungspause zurück und markierte mit seinem neunten Saisontor den Ausgleich (74.).

Anpeitscher und Angepeitschte

Als kurz darauf Taïbi die Ampelkarte sah, gingen die Pfälzer obendrein in Überzahl in die Schlussviertelstunde. Die Mannschaft wollte jetzt natürlich noch mehr als die Punkteteilung und wurde bei ihren Bemühungen mittlerweile frenetisch vom Heimpublikum angepeitscht. Nichtsdestotrotz sah es lange so aus, als könnten die Gäste einen richtigen Fehlstart in die Rückrunde abwenden. Erst in der zweiten Minute der Nachspielzeit drehte der Vizemeister von 1954 die Partie doch noch. Der ebenfalls eingewechselte Şahin konnte bei einem geblockten Torschuss von Prtajin zum 2:1 abstauben.

Torschütze Şahin wird von seinen Mitspielern begraben

Damit schien das Spiel entschieden und beim letzten Verzweiflungsangriff, mitsamt in den gegnerischen Strafraum aufgerücktem Tormann, fing sich 96 auch noch das 3:1 durch Skyttä (90.+5). Ein Heimsieg, zu dem man die Lauterer am Ende freundlich eingeladen hatte. Da ist es auch kein Trost, sondern eher das Gegenteil, dass an diesem Spieltag keiner aus dem oberen Tabellendrittel siegreich war. Da hat der Hannoversche SV mal wieder Big Points verpasst und muss außerdem hinnehmen, dass der 1. FC Kaiserslautern sich mit dem heutigen Sieg in der Tabelle auf den 5. Platz vorbeischiebt.

Hier stand mal „Inzucht Lautern“

Matteo und ich machten uns nun umgehend zum Bahnhof auf und stiegen in die nächstbeste Bahn nach Mannheim. Dort trennten sich um 17 Uhr wieder die Wege. Während mein Kumpel gleich Anschluss hatte, blieben mir noch 90 Minuten, bis mein ICE nach Hildesheim abfahren sollte. Die Zeit nutzte ich natürlich gern für ein Abendessen und meine Wahl fiel auf den 500 m vom Mannheimer Hauptbahnhof entfernten Imbiss Balkan Taste. Dort ließ ich mir 10 Ćevapčići grillen, die mit Fladenbrot, Zwiebeln, Ajvar, Kajmak und einer kleinen Salatgarnitur gereicht wurden (12 €).

Der Saša mag Ćevapčići

Nach diesem köstlichen Mahl schlenderte ich gemütlich zum Bahnhof zurück und saß um 18:30 Uhr im meinerseits für 26,99 € gebuchten ICE. Der trudelte nach 3,5 Stunden mit knapp 30 Minuten Verspätung in Hildesheim ein. Nichtsdestotrotz lag ich zu einer humanen Zeit im Bett und träumte in der kommenden Nacht wahrscheinlich nicht von einer Aufstiegsfeier. Ich habe zwar zu wenig Ahnung von Fußball, um jetzt schon den Saisonausgang zu spoilern. Aber wenn ich 96 im Aufstiegsrennen nur noch Außenseiterchancen zugestehe, postuliere ich wahrscheinlich die aktuelle Mehrheitsmeinung.

Song of the Tour: Inspiriert von einer Schwenkfahne in der Westkurve

*Am Vorabend war es im Vorfeld der Partie Hertha BSC – Schalke 04 vor der Ostkurve des Berliner Olympiastadions zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizisten gekommen. Die Polizei spricht von Beleidigungen und Angriffen auf die eingesetzten Beamten, auf die mit dem Einsatz von Schlagstöcken und Reizgas reagiert werden musste. Herthas Fanhilfe spricht hingegen von einer bewusst durch die Polizei herbeigeführten Eskalation, für die kein ersichtlicher Grund vorlag und bei der jegliche Verhältnismäßigkeit fehlte. Auch Hertha BSC hat sich bereits mit einer gemeinsamen Stellungnahme von Präsidium und Geschäftsführung zu Wort gemeldet und kritisierte darin u. a., dass die Einsatzkonzepte schon länger nicht mehr durchgängig als deeskalierend wahrgenommen werden und die Polizei in den letzten Monaten leider das Dialogangebot ignoriert hat.