- 07.12.2025
- Hertha BSC – 1. FC Magdeburg 0:2
- 2. Bundesliga (II)
- Olympiastadion (Att: 45.563)
Nachdem ich am Freitag und Samstag andere Termine als Fußball im Kalender stehen hatte, sollte am ersten Dezemberwochenende wenigstens ein Sonntagsspiel besucht werden. Die Wahl fiel auf das heutige Heimspiel von Hertha, die im Berliner Olympiastadion den 1. FC Magdeburg empfingen. Den Kick besuchte ich zusammen mit Lumi, der uns Tickets à 35 € für die Gegengerade besorgt hatte.

Ich brach am Sonntag früh per ICE (13,49 €) in die Hauptstadt auf und erreichte den Bahnhof Berlin-Spandau um 8:42 Uhr. Dort hatte ich zunächst ein Frühstück im Sinn. Nach einem kurzen Streifzug durch die Spandauer Altstadt durfte das türkische Restaurant Beyzade meinen morgendlichen Appetit stillen. Ich entschied mich aus einer großen Auswahl an orientalischen Frühstücksgerichten für Sucuklu Yumurta (Rührei mit türkischer Knoblauchwurst). Dieses Pfannengericht wurde von einer Salatbeilage und reichlich Fladenbrot begleitet. War sehr lecker und kostete zusammen mit einem Glas Tee faire 9 €.

Nach dem Frühstück musste ich mit der S-Bahn zum Bahnhof Heerstraße, da mich Lumi dort um 10 Uhr erwartete. Der hatte sich nämlich ein kleines Kulturprogramm überlegt, welches uns nun erstmal auf den Drachenberg (99 m ü. NN) führte. Diese Erhebung entstand wie der benachbarte Teufelsberg (120 m ü. NN) nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem im zerstörten Berlin reichlich vorhandenen Trümmerschutt.

Während man den Teufelsberg mit Bäumen bepflanzte, ließ man das Plateau des Drachenbergs kahl. Dementsprechend bietet der niedrigere der beiden Nachbarhügel den deutlich besseren Ausblick. Wir konnten unsere Blicke hier einerseits über den Grunewald schweifen lassen und andererseits erwartete uns ein schönes Stadtpanorama mit u. a. dem Funkturm und dem Fernsehturm.

Der Teufelsberg, auf dem sich eine verfallene Abhörstation der US-Amerikaner aus dem Kalten Krieg befindet, wäre sicher auch noch einen Abstecher wert gewesen. Aber die frühe Anstoßzeit um 13:30 Uhr setzte der Ausdehnung unseres Ausflugs gewisse Grenzen. Ergo ging es gegen 11:30 Uhr auf der dem Olympiastadion zugewandten Seite wieder vom Drachenberg hinab, wo uns mit der Unité d’habitation noch eine architektonische Perle am Wegesrand erwartete.

Jene Unité d’Habitation (zu deutsch Wohneinheit) ist ein siebzehngeschossiger Wohnkomplex, der zwischen 1956 und 1958 nach den Plänen des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier im Rahmen der internationalen Bauausstellung Interbau errichtet wurde. Entsprechend wird das 53 m hohe, 141 m lange und 23 m breite Gebäude oft einfach nur Le-Corbusier-Haus genannt. Der Architekt setzte hier seine Idee der vertikalen Stadt um, die in die Höhe anstatt in die Breite wächst. So ist der Komplex mit seinen 530 modularen Wohneinheiten gewissermaßen eine Stadt in der Stadt, bei der Laubengänge und Korridore jeder Etage ein eigenes Trottoir stiften und sozusagen Straßenzüge übereinander statt nebeneinander gebaut wurden.

Zur Mittagsstunde erreichten wir dann das Olympiastadion und gingen nach einer Runde Berliner Kindl durch’s Drehkreuz. In der 1936 eröffneten Sportstätte machten wir mit Spaten weiter und freuten uns auf das gerade mal fünfte, aber hoffentlich stimmungsvolle Aufeinandertreffen dieser zwei blau-weißen Traditionsvereine (bisher zwei Siege für Hertha, ein Sieg für den FCM und eine Punkteteilung).

Der allererste Auftritt der Magdeburger im Berliner Olympiastadion in der Saison 2023/24 glich übrigens einer kleinen Völkerwanderung. Rund 17.000 Anhänger des FCM sollen damals die kurze Reise in die Hauptstadt angetreten haben. In der Vorsaison, als der 1. FC Magdeburg in der Spitzengruppe der 2. Bundeliga mitmischte, wurde der Club von ebenfalls stattlichen 15.000 Gästefans im Olympiastadion unterstützt. Davon dürfte heute lediglich noch die Hälfte am Start gewesen sein. Aber gut, einerseits ist man aktuell Tabellenletzter und andererseits fehlt beim dritten Mal mittlerweile der Eventcharakter.

Insgesamt waren 45.563 Stadionbesucher gezählt worden, da sich leider auch heimseitig der Andrang in Grenzen hielt. Obwohl Hertha gerade die Mannschaft der Stunde ist, die ihre letzten fünf Ligaspiele allesamt gewinnen konnte und unter der Woche den 1. FC Kaiserslautern mit 6:1 im DFB-Pokal-Achtelfinale bezwang. Heute ein weiterer Sieg und man hätte nur noch einen Punkt Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz. Da hatte ich irgendwie gedacht, dass nun allein heimseitig mit über 40.000 + x Zuschauern zu rechnen wäre.

Weil beide Kurven beim heutigen Spiel obendrein auf choreografische Aktionen verzichteten, hatte ich beim Einlaufen der Mannschaften mal ein Auge für’s Spielfeld. Dort hatten die 22 Spieler heute keine Kinder, sondern Senioren an der Hand. Damit wollte Hertha BSC an diesem Adventssonntag auf Alterseinsamkeit aufmerksam machen. Außerdem gab es noch begleitende Aktionen des Vereins zu dieser Problematik, die heute bereits viele ältere Menschen betrifft und die in Zukunft durch den demografischen Wandel noch ganz andere Dimensionen erreichen wird.

Dass im Rahmen eines berühmten Magdeburger Fangesangs kurz nach Anpfiff ein sehr lautes „Du bist niemals alleine“ ertönte, war natürlich keine direkte Replik auf die heutige Aktion zur Alterseinsamkeit. Aber in dem Moment dachte ich mir trotzdem, dass Fußballfans vielleicht etwas weniger Gefahr laufen komplett zu vereinsamen. Zumindest so lange Geld und Gesundheit noch Stadionbesuche zulassen oder man an anderen Orten mit Gleichgesinnten zusammenkommen kann (z. B. beim lokalen Amateurverein oder in der Stammkneipe).

Wo wir gerade die gesellschaftliche Dimension des Fußballs auf dem Tableau haben, muss ich von alten Menschen mit wenig sozialen Kontakten außerdem nochmal zu alten Menschen mit wenig sozialen Kompetenzen überleiten. Denn derlei Klientel hatte just unter der Woche die Innenministerkonferenz 2025 abgehalten, wo eigentlich das Thema Stadionsicherheit ganz groß auf die Agenda sollte. Weil ich über die im Vorfeld seitens der Politik an den Fußball adressierten Forderungen und die daraufhin folgenden Fanproteste bereits berichtet habe (siehe Paderborn 11/2025), rollen wir das Thema an dieser Stelle aber nicht nochmal groß auf.

Es soll lediglich nicht unerwähnt bleiben, dass die Proteste offenbar eine gewisse Wirkung entfalten konnten. Die führenden Innenpolitiker der Republik haben vorerst doch keine populistischen Ideen wie personalisierte Tickets, Gästefanverbote oder KI-gestützte Gesichtserkennung in Beschlüsse gegossen. Die von der Politik vehement geforderte bundesweite Stadionverbotskommission wird jedoch kommen. Allerdings wird sie nicht – wie ursprünglich angedacht – für die Verhängung von Stadionverboten zuständig sein, sondern lediglich übergeordnet über die Einhaltung bundesweiter Standards wachen. Somit bleiben Stadionverbote weiterhin in erster Linie im lokalen Entscheidungsbereich. Danke an alle, die sich an den Protesten beteiligt haben! Wenngleich ich glaube, dass viele repressive Forderungen bei der IMK auf Wiedervorlage liegen und der Druck auf die deutschen Fankurven konstant hoch bleiben wird.

Da die IMK nun hinter uns liegt, war das aktuell auch wieder der erste Spieltag, an dem die Fans nicht die ersten zwölf Spielminuten aus Protest schwiegen. Es herrschte heute also bereits ab der 1. Minute Stimmung im weiten Rund und die konnte sich auf beiden Seiten hören lassen. Die Gäste von der Elbe fielen erwartungsgemäß durch eine brachiale Lautstärke und die maximale Mitmachquote auf. Aber die Ostkurve stand dem eigentlich in nichts nach und darf in meinen Augen sowieso bei keiner Aufzählung der Topkurven Deutschlands fehlen.

Dass Harlekins, Hauptstadtmafia & Co nun auch wieder eine erfolgreiche Mannschaft anfeuern, bringt außerdem neue Euphorie mit sich. Allerdings sollte die heute einen Dämpfer bekommen. Der Tabellenletzte machte bereits im ersten Durchgang den besseren Eindruck und nach dem Seitenwechsel belohnte man sich mit dem 0:1 durch Nollenberger (74.). Übrigens Herthas erstes Liga-Gegentor nach stolzen 553 Minuten mit weißer Weste.

Was hatten die Schützlinge von Ex-96-Trainer Stefan Leitl jetzt noch im Köcher? Leider nicht viel. Es dauerte gegen gut verteidigende Magdeburger bis in die Nachspielzeit, ehe der Ausgleich endlich in der Luft lag. Doch FCM-Schlussmann Reimann und das Aluminium verhinderten eine späte Punkteteilung. Stattdessen setzte der Gast den Schlusspunkt. In der 90+10. Minute erzielte der eingewechselte Rayan Ghrieb noch das 0:2 und sorgte damit kurioserweise auch in den eigenen Reihen für einen Schockmoment. Denn Ghrieb stürmte nach dem Treffer zu den Magdeburger Fans, sprang über die Bande und stürzte nun in den 2,8 m tiefen Graben des Olympiastadions. Glücklicherweise schien er sich dabei nicht verletzt zu haben und bekam statt ärztlicher Behandlung eine Gelbe Karte für diese Aktion.

Nach Spielende trennten sich sogleich die Wege von Lumi und mir, da ich zeitnah die Heimreise antreten musste. Zurück nutzte ich nämlich mein Deutschlandticket, weil ich kurzfristig kein günstiges Fernverkehrsticket mehr ergattern konnte. Abfahrt meiner erstbesten Verbindung war bereits um 16:09 Uhr in Spandau. Nichtsdestotrotz blieb mir noch Zeit für ein vorgezogenes Abendessen auf dem Spandauer Weihnachtsmarkt. Es wurde eine Pljeskavica mit Käsefüllung, welche an einem Grillstand mit Chilizwiebeln im Fladenbrot gereicht wurde (7,80 €).

Mit dem pikanten Balkansnack auf der Faust stieg ich zur erwähnten Abfahrtszeit in einen überfüllten RegionalExpress nach Stendal. Nach insgesamt vier Stunden in verschiedenen Nahverkehrszügen war ich schließlich wieder daheim und schaute mir vor dem Schlafengehen noch fix die just auf YouTube veröffentlichte neue Folge von Manhunt – 96 Stunden auf der Flucht an. Wer das Format nicht kennt, darf das gerne als Empfehlung verstehen.
*Matthias Niedung, hier von den Fans mit seinem Spitznamen angesprochen, ist aus der ersten Ultrageneration der Magdeburger (Commando Eastside) und wurde 2015 in den Aufsichtsrat des 1. FC Magdeburg gewählt. Diesem Vereinsgremium, dass zugleich auch als Aufsichtsrat der Spielbetriebs-GmbH fungiert, stand Niedung ab 2022 sogar vor. Doch bei der diesjährigen Wahl verzichtete der Aufsichtsratsvorsitzende auf eine neuerliche Kandidatur. Da der FCM in den letzten Jahren bekanntlich die erfolgsreichste Ära seit der Wende erlebt, hat Niedung auch abseits der Mitstreiter aus der Kurve große Anerkennung erfahren dürfen.