Paderborn 11/2025

  • 22.11.2025
  • SC Paderborn 07 – Hannover 96 0:2
  • 2. Bundesliga (II)
  • *** Arena (Att: 15.000)

Beginnen wir mit einem Zitat aus der Vorsaison:

Nach Abpfiff bekam ich erfreulicherweise das Angebot bei Gasthaus und Milano Pete im PKW gen Hildesheimat mitzufahren, weil ihre Rückbank von der Hinfahrt jetzt andere Pläne hatte. […]

Tenor auf der Rückfahrt war von uns allen übrigens: “Das war heute aber wirklich das letzte Mal Paderborn. Ich fahr‘ da nie wieder hin.” Wir sehen uns dann nächste Saison in Paderborn…

Paderborn 09/2024

Ich wollte eigentlich eisern bleiben und mir in der Saison 2025/26 das Auswärtsspiel in Paderborn wirklich schenken. Aber maximal kurzfristig landete mein Vorsatz doch in der Tonne und am 22.11.2025 gesellte ich mich um 9 Uhr zu Gasthaus und Milano Pete auf die Rückbank eines PKW. Der kleine Sven kutschierte uns drei Umfaller, sowie Borgi als weiteren Mitfahrer, von Hildesheim nach Paderborn.

Rückkehr an einen grauenhaften Ort

Die 2008 eröffnete Paderborner Arena erreichten wir um 10:52 Uhr und froren uns erstmal auf dem Parkplatz den Arsch ab. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt wurden ein paar Hände geschüttelt, ehe es drei Fünftel unserer Reisegruppe zeitnah in den Gästesektor zog. Milano und ich lungerten hingegen noch ein Stündchen auf dem Vorplatz des heute mit 15.000 Besuchern ausverkauften Stadions rum. Dort konnte mit der so genannten Feuerwurst (4,50 €) zumindest der Rachen etwas gewärmt werden.

Mit Röstzwiebeln und Chilipulver verfeinerte Bratcurry

Drinnen war es nicht viel wärmer. Aber auf meinem kurzfristig per Zweitmarkt erstandenen Sitzplatz auf der Haupttribüne (50,60 €) las ich mich nochmal über die Hintergründe des heutigen Fanprotests ein. Denn obwohl der Profifußball in Deutschland im Vergleich zu beispielsweise großen Volksfesten eine sehr sichere Massenveranstaltung ist und die Anzahl der verletzten Personen und eingeleiteten Strafverfahren zuletzt nochmal gesunken ist, soll dem populärsten Sport des Landes auf der nächsten Innenministerkonferenz (3. bis 5. Dezember) ein ganzes Bündel an sicherheitspolitischen Verschärfungen aufgezwungen werden.

Eddi ging heute in Paderborn Gassi und markierte hoffentlich hier und da mal, dass er da war

Alles was bisher aus den Hinterzimmern der Macht durchgesickert ist, liest sich so, als ringen die Innenminister der Länder in einem populistischen Überbietungswettbewerb mal wieder um Profilierung und mediale Aufmerksamkeit. Ihr bereits von früheren Innenministerkonferenzen bekanntes und daher leicht durchschaubares Spiel: Die große Reichweite und nationale Bedeutung des deutschen Volkssports nutzen, indem dem Fußball ein gigantisches sicherheitspolitisches Problem angedichtet wird, welches nun aber tatkräftig angegangen wird. Mit Law & Order die deutschen Stadien sicher machen, damit sich endlich auch wieder Familien an diese Orte trauen können. Oder anders gesagt: Politische Karrieren sollen auf Kosten der bewundernswerten deutschen Fankultur vorangetrieben werden.

Heim- und Gästefans schwiegen heute die ersten zwölf Spielminuten und stellten die gleiche Frage

Das altbekannte Narrativ benötigt allerdings ein paar Zutaten. So braucht es plakative Einzelfälle, die von großen Medienhäusern willfährig begleitet zu einer neuen Dimension der Gewalt erklärt werden. Und es braucht Statistiken, die in entsprechend aufbereiteten Diagrammen ebenfalls suggerieren, dass die Lage in den Stadien droht außer Kontrolle zu geraten. Daran fehlt es jedoch zur Zeit, so dass nicht nur regelmäßige Stadiongänger keine Angst um Leib und Leben haben, sondern auch eher fußballferne Menschen nicht nach harten Maßnahmen gegen die Chaoten schreien. Nichtsdestotrotz wollen Daniela Behrens, Andy Grote, Joachim Herrmann & Co unter anderem personalisierte Tickets, Gästefanverbote, KI-gestützte Gesichtserkennung an den Stadioneingängen und eine deutlich verschärfte Stadionverbotsrichtlinie* durchsetzen.

Sie lautete: Soll das die Zukunft des Fußball sein?

Es sind wirklich so wilde Ideen, dass die Verbände und Vereine diesmal sogar offen dagegen opponieren. So heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von DFL und DFB u. a. „Kollektiv wirkende behördliche Maßnahmen, wie sie teilweise von Seiten der Innenpolitik gefordert werden, sind weder mit Blick auf eine Verbesserung der Stadionsicherheit zielführend noch für die vielen Millionen von Fußballfans vermittelbar, die von diesen Maßnahmen betroffen wären. Dies meint ausdrücklich Maßnahmen wie die Reduzierung beziehungsweise Streichung von Kartenkontingenten für Gästefans oder die Verpflichtung zur Personalisierung und damit verbundene Identifizierung beim Einlass.“

Protestspruchband beim Heimspiel gegen Darmstadt am 8. November

Noch deutlicher reagieren selbstverständlich die mittlerweile hervorragend vernetzten Fanszenen. Bereits vor zwei Wochen gab es in den Stadien eine einheitliche Spruchbandaktion und begleitende Stellungnahmen über die übliche Kanäle wie Kurvenflyer oder Internetpräsenzen. Am spielfreien Vorwochenende folgte im Vorfeld des Länderspiels Deutschland – Slowakei eine Fandemo in Leipzig. Trotz nur weniger Tage Vorlaufzeit demonstrierten dort an die 20.000 Fans aus der ganzen Republik gegen die Pläne der Innenministerkonferenz (darunter auch ca. 250 Anhänger von Hannover 96). Um an diese eindrucksvollen Bilder anzuknüpfen, war für den aktuellen Spieltag bundesweit ein zwölfminütiger Stimmungsboykott angekündigt worden.

Die Paderborner Kurve in der 13. Spielminute

An dieser neuerlichen Protestaktion beteiligten sich selbstredend auch die Fanszenen des SC Paderborn und des Hannoverschen SV, so dass beim heutigen Spiel ab 13:00 Uhr zunächst eine gespenstische Stille herrschte. Außerdem fehlte es auf Rängen während des Protests an Zaun- und Schwenkfahnen, wodurch optisch ebenfalls keine Fankultur erkennbar war. Alles per Banderole mit dem Leitmotiv „Soll das die Zukunft des Fußballs sein?“ untertitelt. Da dürfte die Antwort von den Kurven über die Logen bis hin zu den Chefetagen des Fußballgeschäfts sehr einträchtig „Nein, bitte nicht!“ lauten. Schließlich brechen die deutschen Zuschauerzahlen insbesondere aufgrund der lebendigen Fankultur einen Rekord nach dem anderen. Und dieser hohe Zuschauerzuspruch ist wiederum sehr relevant für eine erfolgreiche Vermarktung.

Zur gleichen Zeit sah der Gästesektor nun so aus

In einer Atmosphäre, die wahrscheinlich jeden Fan, Spieler und Funktionsträger stark an die Geisterspiele während der Coronapandemie erinnerte, begann der Hausherr mit breiter Brust. Immerhin hatte der SCP seine letzten acht Ligaspiele allesamt gewonnen und ging als Tabellenführer in dieses Heimspiel. Die gegenwärtig auf Rang 5 logierende Gastmannschaft hatte im gleichen Betrachtungszeitraum zwar nur zweimal dreifach gepunktet, überstand die erste Angriffswelle der Paderborner aber dennoch unbefleckt.

Nach zwölf Minuten endete dann wie angekündigt der eindrucksvolle Fanprotest. Die Zäune waren in Windeseile voll behangen mit den Bannern der Fangruppen, die Fahnen wehten im Wind und die Fanschals wurden stolz in die Höhe gereckt. Dazu donnerten an beiden Stadionenden die ersten Gesänge besonders leidenschaftlich. Jetzt war Stadionerlebnis so bunt und laut, wie sich das alle Fans und Funktionäre wünschen.

Paderborner Schalparade

Obendrein dauerte es auch nicht mehr lange, bis der erste Torjubel durch das Stadion hallte. Denn Hannover 96 hatte auch schnell ins Spiel gefunden und stellte die Paderborner Defensive zunehmend vor Probleme. Die Folge war der nicht unverdiente Führungstreffer durch Benjamin Källman in der 20. Minute. Im Anschluss blieb der Hannoversche SV von 1896 konsequent am Drücker und konnte schon bald nachlegen. Erneut durfte sich Kallmän von seinen Mitspielern herzen lassen (36.).

Torfreude der 1.500 Schlachtenbummler aus Hannover

Während der finnische Nationalstürmer nun seine Saisontore sieben und acht verbuchen konnte, waren seine Mitspieler leider von Abschlussschwäche geplagt. Somit ging es trotz weiterer hochkarätiger Chancen „nur“ mit 0:2 in die Kabinen und der mehr oder weniger 1907** gegründete SCP bekam dort vom Trainer Kettemann offenbar nochmal eine neue Marschrichtung eingeimpft. Denn die Schwarz-Blauen zündeten nach dem Seitenwechsel sogleich ein kleines Offensivfeuerwerk, welches Noll und seine Vorderleute gute zehn Minuten schwer beschäftigen sollte.

Die Paderborner Fanszene moniert die hiesigen Topspielzuschläge

Zugleich fuhr 96 jedoch auch ein paar gefährliche Konter, so dass ein vorentscheidendes 0:3 ebenso in der Luft lag. Aber weder Bundu, Oudenne oder Aseko hämmerten den Sargnagel ins Paderborner Gehäuse. So war es letztlich die Uhr, die eine Punkteteilung von Minute zu Minute unrealistischer machte. Zumal ab Mitte der 2. Halbzeit so langsam die Luft raus war und das Spiel nach vielen Wechseln auf beiden Seiten seine bisherige Dynamik eingebüßt hatte.

Die UH hatte am Vorwochenende ihren 25. Geburtstag gefeiert, zu dem auch an dieser Stelle nochmal gratulieren möchte

Bleibt nur noch zu erwähnen, dass das ab der 13. Spielminute ein ziemlich überzeugender Auftritt der Gästekurve war. Außerdem saß ich heute mal so nah an der aktiven Fanszene des SCP, dass ich von denen erstmals richtig was gehört habe. Fand deren Liedgut ganz abwechslungsreich und ansprechend, aber zugleich wird dieses nur vom Stimmungskern rund um die Gruppen Supporters Paderborn, Black Blue Fighters und Pasione getragen. Rechts und links von diesen Aktivposten herrschte hingegen nicht nur für zwölf Minuten ein ziemlicher Totentanz.

Ein historischer Sieg

Um 14:59 Uhr war schließlich Feierabend auf dem Rasen und die erstmals an diesem trostlosen Ort siegreiche 96-Elf ließ sich zu gern von ihren Anhängern feiern. Außerdem bekam Benjamin Källman, der bei den Fans spätestens seit seinem Derbydoppelpack im Oktober besonders hoch im Kurs steht, ein Extraständchen:

There’s only one Benni Källman, one Benni Källman
Walking along, singing the song, walking in the Källman Wonderland
There’s only one Benni Källman, one Benni Källman
Walking alone, singing the song, walking in the Källman Wonderland

We love Titz

Nachdem ich noch den Worten von Christian Titz im Sky-Interview gelauscht hatte, machte ich mich gegen 15:15 Uhr langsam wieder zum Parkplatz auf. Dort traf kurz nach mir auch der Rest der Autobesatzung ein und Sven transportierte uns erneut souverän über ostwestfälische und niedersächsische Straßen. Doch auch wenn wir endlich mal drei Punkte im Gepäck hatten; nach Paderborn will trotzdem niemand von uns gerne nochmal hin. Aber vielleicht haben wir Glück und die sportlichen Wege trennen sich am Saisonende vorerst.

Vom Källman Wonderland ins Winter Wonderland

Passend zur musikalischen Grundlage des Källman-Songs ging es meinerseits am Folgetag übrigens zum Wochenendausklang noch in ein Winter Wonderland namens Harz. Doch dort gab es anstatt drei Punkte drei neue Wanderstempel. Die Details dieser Tour spare ich mir allerdings für die entsprechende Rubrik auf. Stattdessen denke ich bereits wieder an 96, das kommenden Freitag gegen den KSC im Niedersachsenstadion gerne den nächsten Sieg einfahren darf. Dass an jenem Spieltag weitere Proteste im Hinblick auf die nahende Innenministerkonferenz stattfinden werden, ist übrigens so sicher wie die erste brennende Kerze auf dem Adventskranz.

Song of the Tour: Walking in the Källman Wonderland…

*Ein großer Wunsch der Innenminister: Jedes eingeleitete Ermittlungsverfahren, welches irgendwie mit Fußball in Verbindung gebracht werden kann, soll umgehend und ohne Anhörung der betroffenen Person zu einem Stadionverbot führen. Obwohl solche Stadionverbote das Hausrecht als Rechtsgrundlage haben, sollen dabei die bisher zuständigen Veranstalter (Vereine, respektive die den Vereinen angeschlossenen Profifußballgesellschaften) fortan außen vor bleiben. Stattdessen sollen DFB und DFL eine bundesweit zuständige Stadionverbotskommission einrichten, welche die Vorgaben der Innenministerkonferenz umsetzt.

**Der Stammbaum des SCP: Die älteste Wurzel ist die 1907 in Neuhaus gegründete Arminia, die ab 1919 als SV 07 Neuhaus firmierte. Weitere Wurzeln sind der 1908 gegründete FC Preußen Paderborn (ab 1968 1. FC Paderborn) und der TuS Sennelager von 1910. Besagter TuS Sennelager fusionierte wiederum 1973 mit dem SV 07 Neuhaus zum TuS Schloß Neuhaus und jenes Fusionsprodukt schloss sich 1985 mit dem 1. FC Paderborn zum TuS Paderborn-Neuhaus zusammen. Jener TuS Paderborn-Neuhaus benannte sich dann im Jahre 1997 in SC Paderborn 07 um.