- 29.10.2025
- Genoa CFC – US Cremonese 0:2
- Serie A (I)
- Stadio Luigi Ferraris (Att: 30.083)
Nachdem es am Samstag und Sonntag jeweils früh aus den Federn ging, blieb es Montagmorgen lange still und dunkel in unserem Apartment in der Via Balbi zu Genova (Genua). Erst kurz vor 10 Uhr wurde der letzte aus unserem Trio wach. Als wir wenig später alle startklar waren, stand natürlich zunächst ein Frühstück auf der Agenda. Einfach beim ersten Streifzug durch die Altstadt irgendwo niederlassen, wo es einladend aussieht.

Letztlich wurden es gegen 11 Uhr die Außenplätze der Caffetteria Lomellini auf der Piazza di Fossatello. Prompt waren drei Cappuccini, drei Focacce mit Prosciutto cotto und ein Körbchen Zeppoline di alghe geordert (kostete alles zusammen 28 €). Letzteres sind übrigens frittierte Algenbällchen, die zwar bisher keiner von uns kannte, uns in der Vitrine des Cafés jedoch irgendwie angelacht hatten. Fanden wir bei der Premiere auf der Zunge unisono schmackhaft.

Mit der neuen Energie im Körper machten wir anschließend gut Meter im historischen Zentrum von Genova. Erstes Ziel war dabei der Porto antico (alte Hafen). Denn seit der Gründung der Stadt durch das antike Volk der Ligurer im 5. Jahrhundert v. Chr. spielen Schiffe und Seefahrt eine Hauptrolle in der Geschichte Genovas. Bereits die Ligurer haben Seehandel im westlichen Mittelmeer betrieben und die Römer, die Genova im 3. Jahrhundert v. Chr. eroberten, nutzten den hiesigen Hafen ebenfalls rege als Warenumschlagsplatz.

Im Mittelalter stieg Genova dann zu einer mächtigen Stadtrepublik auf, die ähnlich wie die konkurrierende Repubblica di Venezia (Republik Venedig) Kolonien und Handelsstützpunkte im gesamten Mittelmeerraum gründete und so insbesondere durch den Orienthandel mit u. a. Gewürzen, Seide und Edelsteinen zu enormen Reichtum gelangte. Genau wie die Veneziani profitierten die Genovesi außerdem finanziell erheblich von den Kreuzzügen. Irgendwer musste die ganzen vermeintlichen Gotteskrieger schließlich ins Heilige Land verschiffen.

So eine Seemacht brachte selbstredend auch große Seefahrer hervor. Der berühmteste davon sicherte sich allerdings unter spanischer Flagge seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Er wurde mutmaßlich 1451 als Cristoforo Colombo in Genova geboren und suchte 1492 einen westlichen Seeweg von Europa nach Indien. Dabei war ihm jedoch ein den Europäern damals mehr oder weniger unbekannter Kontinent im Wege, so dass Colombo gemeinhin als „Entdecker“ Amerikas gilt. Welche Wendung die Weltgeschichte wohl genommen hätte, wenn Cristoforo Colombo unter der Fahne seiner Heimat in die Karibik gesegelt wäre?

Keine Ahnung ob sich die Patrizier von Genova damals auch diese Frage gestellt haben. Im 16. Jahrhundert gedachte allerdings einer von ihnen an der spanischen Ausbeutung Amerikas fleißig mitzuverdienen. Dabei handelte es sich um den wahrscheinlich zweitberühmtesten in der Repubblica di Genova geborenen „Käpt’n zur See“. Dieser entstammte der reichen Patrizierfamilie Doria, hörte auf den Namen Andrea und gewann als Oberbefehlshaber der genuesischen Flotte etliche Seeschlachten. Der Ruhm auf den Meeren verhalf Andrea Doria im Jahre 1528 zur Machtübernahme in der Mutterstadt und anschließend suchte er eine strategische Allianz mit Spanien. Fortan finanzierten Kredite aus Genova der spanischen Krone die interkontinentale Expansion. Im Gegenzug bekam die ligurische Stadtrepublik eine privilegierte Stellung beim Handel mit Spanien und dessen Kolonien.

Andrea Dorias kluger Schachzug ließ die frühe Neuzeit zum goldenen Zeitalter für die Repubblica di Genova werden, in der alteingesessene Patrizierfamilien wie die Balbi, die Grimaldi, die Serra oder eben die Doria ein gigantisches Vermögen anhäufen konnten. Der damalige Reichtum spiegelt sich noch heute in unzähligen Stadtpalästen wider, wovon die bedeutendsten 42 als Palazzi dei Rolli (gelistete Paläste) zusammengefasst werden. Gemeinsam mit den in der Renaissance angelegten Strade nuove (neue Straßen), wozu nebenbei „unsere“ Via Balbi zählt, sind die Palazzi dei Rolli übrigens seit 2006 ins Welterbe der UNESCO eingetragen.

Die Kehrseite der spanisch-genuesischen Allianz zeigte sich allerdings bereits im 17. Jahrhundert. Als Spaniens Stern durch mehrere Kriege und Wirtschaftskrisen wieder sank, musste auch Genova etliche Federn lassen. Man verlor erst viel Kapital und nach und nach auch seine ganzen Kolonien und Handelsstützpunkte. Nach den Napoleonischen Kriegen (1792 – 1815) fiel Genova dann an das Königreich Sardinien-Piemont und gehörte somit im Jahre 1861 zur Gründungsmasse des modernen italienischen Nationalstaats. Anschließend entwickelte sich Genova immerhin zum wichtigsten Industriehafen der jungen Republik und bildet bis heute zusammen mit Torino (Turin) und Milano (Mailand) das so genannte Triangolo industriale (Industriedreieck) Italiens.

Nachdem die architektonischen Spuren dieser reichen Geschichte ein paar Stunden auf uns gewirkt hatten, brauchten wir allerdings erstmal wieder eine kleine Pause. Den Zuschlag bekam die Bar La Compagnia Del 28 Erbe auf der Piazza delle Erbe im Herzen der Altstadt. Dort ließen wir uns drei große unfiltrierte Lager aus dem Hause Birra del Borgo zapfen (40 cl für 7 €) und schmiedeten beim Genuss dieser Biere unsere Nachmittagspläne. Die Wahl fiel auf einen Ausflug in den rund 5 km vom historischen Zentrum entfernten Stadtteil Boccadasse, wohin unweit der Bar alle zehn Minuten ein Direktbus fuhr.

Boccadasse war ursprünglich ein kleines Fischerdorf, welches durch die Ausdehnung Genovas während der Industrialisierung schließlich im Jahre 1873 eingemeindet wurde. Der mittelalterliche Dorfkern an der kleinen Mittelmeerbucht ist jedoch weiterhin gut erhalten. Daher ist Boccadasse mit seinen engen Gassen und bunten Fassaden ein pittoreskes Kleinod in dieser 565.000-Einwohner-Stadt, welches beim heutigen Kaiserwetter besonders fotogen daherkam (siehe auch Titelbild).

Ich weiß nicht wie touristisch es dort in der Hauptsaison zugeht. Aber an diesem Montagnachmittag Ende Oktober war wenig los und in den Bars am Wasser herrschte freie Platzwahl. So gönnten wir uns zunächst auf den Außenplätzen der Dindi Bar einen Aperol Spritz (7 €), respektive Limoncello Spritz (8,50 €). Anschließend wechselten wir zur Strandbar La Strambata, wo wir uns Moretti India Pale Ale (6 €) und abermals Limoncello Spritz (7 €) orderten.

Als die Sonne kurz nach 17 Uhr unterging, wurde es uns jedoch zu frisch am Strand, so dass wir alsbald wieder gen Innenstadt aufbrachen. Da der Italiener wiederum um 18 Uhr noch nicht zu Abend isst, ging es trotz alkoholinduziertem Appetit vorerst zurück ins Apartment. Ausgestattet mit ein paar Sechserträgern Birra Moretti, Knabberkram und einem Piquet pack überbrückten wir dort die nächsten Stunden.

Gegen 20:30 Uhr schlenderten wir dann einmal über die Straße zum Ristorante Home an der Piazzetta San Carlo. Als Primi piatti orderte der Miesmuscheltaucher Gianluca die Spaghetti con le cozze, während Johnny mit den Tagliatelle al ragù einen kulinarischen Kurzausflug in die Emilia-Romagna machte. Mir gefiel es in Ligurien hingegen so gut, dass ich mich für das typischste Nudelgericht der Region entschied: Trofie al pesto genovese.

Bei den Secondi piatti wechselte Gianluca dann von Mare auf Terre und bestellte sich ein Bistecca di manzo. Johnny und ich zeigten uns ebenfalls erdverbunden und wählten Vitello con patate. Für die sechs durchweg schmackhaften Gerichte, drei große Bier und zwei Kaffee wurden am Ende 83,50 € aufgerufen. Das Home ist also eher ein Ristorante am unteren Ende der Preisskala und verzichtet nebenbei sogar auf Coperto.

Vom Coperto können wir fast gleich zur Coperta überleiten. Denn nach ein paar Absackern in unserem Esszimmer ging es gegen Mitternacht unter die Bettdecke. Allerdings nur für rund sieben Stunden, da wir um 8:14 Uhr bereits wieder in einem Zug sitzen mussten. Dieser transportierte uns für 11,80 € pro Person binnen 136 Minuten ins Küstendorf Corniglia. Dieses bildet zusammen mit Riomaggiore, Manarola, Vernazza und Monterosso al Mare die so genannten Cinque Terre. Fünf malerische Dörfer an der schroffen ligurischen Küste, die seit 1997 zum Welterbe der UNESCO zählen.

Corniglia ist das mittlere der fünf Dörfer. Weil der direkte Weg zwischen Corniglia und dessen südlichem Nachbardorf Manarola aktuell gesperrt ist, hatten wir uns für einen dortigen Tourstart entschieden. So konnten wir zumindest ab Corniglia durchgängig nordwärts wandern und hatten vom Bahnhof gleich schöne 60 Höhenmeter auf Treppen zu meistern. Denn Corniglia ist das einzige der fünf Dörfer, welches nicht direkt am Wasser liegt, sondern auf einem Felsen über dem Meer thront.

Nach einem Streifzug durch die mittelalterlichen Gassen von Corniglia wurden wir am nördlichen Ortsausgang sogleich zur Kasse gebeten. Denn auf dem Sentiero Verde Azzurro, dem Hauptwanderweg zwischen den Dörfern, wird eine Tagesmaut in Höhe von 7,50 € pro Person fällig. Außerdem werden die Touristen an den Mautstellen auf festes Schuhwerk kontrolliert. Wer nicht ausreichend besohlt ist, wird nicht auf die Wege gelassen. Entlastet wahrscheinlich die Rettungskräfte und die Krankenkassen.

Vom Sentiero Verde Azzurro bot sich ein toller Ausblick auf das blaue Meer und als wir die ersten 2,8 Kilometer und 199 Höhenmeter gemeistert hatten, lud auf halber Strecke zwischen Corniglia und Vernazza ein kleiner Getränkestand zur Rast ein. Der leutselige Betreiber Sergio durfte uns dort nicht nur drei hausgemachte Zitronenlimonaden à 4 €, sondern auch leihweise seine Dartpfeile reichen. Denn auf Sergios Grund steht eine Scheibe für Matches mit Meeresblick parat, auf die laut seiner Aussage auch schon die Profis Mensur Suljović und Jonny Clayton ein paar Pfeile geworfen haben.

Nach ein paar Legs wechselten wir allerdings wieder zum Wandersport. Fortan ging es steil bergab gen Vernazza, wo wir um 13:03 Uhr auf unserem Tageskilometer 4,5 den dortigen Hafen erreichten. Hier herrschte ziemlich reges touristisches Treiben. Was wiederum darauf schließen lässt, das man diesen Ort, respektive die ganzen Cinque Terre in der Hauptsaison am besten gar nicht ansteuert. Da alle fünf Dörfer über einen Bahnanschluss verfügen, sind sie nämlich auch für bewegungsfaule Touristen problemlos erreichbar. In Summe zählt man vier Millionen von ihnen pro Jahr, die sich gewiss nicht gleichmäßig auf 365 Tage verteilen.

Die Einführung der Wandermaut ist daher auch als Ansatz zur besseren Regulierung der Touristenströme zu verstehen. So verstopfen jene Tagestouristen, die nur kurz zu einem exponierten Fotospot wollen, nicht unnötig die Wanderwege. Entsprechend erwartete uns am Ortsausgang von Vernazza die nächste Mautstelle, wo wir unsere Quittungen aus Corniglia vorzeigen mussten. Anschließend ging es gleich wieder steil bergauf und die Steigung betrug mehrere hundert Meter lang rund 25 %. So gab es zwar schnell herrliche Ausblicke auf Vernazza, aber zumindest mir wurde das irgendwann zu anstrengend. Ergo regte ich auf unserem Kilometer 5,6 die zweite Pause der Tour an.

Nach einer Flasche Wasser und ein paar Kohlenhydraten sah meine Welt aber wieder besser aus und es konnte ohne weitere Unterbrechungen nach Monterosso al Mare gehen. Doch der Zusatz al Mare implizierte natürlich, dass es nach den vielen Höhenmetern auch wieder auf eine Höhe von nahezu 0 m ü. NN hinab geht. Das übrigens mit einem Gefälle von teilweise bis zu 30 %. So war der Abstieg ebenfalls eine anstrengende Angelegenheit, ehe wir um 15:36 Uhr den Strand von Monterosso erreichten. Dort konnten wir eine wunderschöne Tour mit insgesamt 9,3 Kilometern und 405 Höhenmetern bilanzieren.

Da unser gebuchter InterCity nach Genova erst 16:54 Uhr fuhr, hatten wir in Monterosso noch knapp 1,5 Stunden für einen kleinen Snack und ein paar erfrischende Drinks. Die Wahl fiel auf die Bar Giò an der Strandpromenade. Dort hatten wir am Ende für drei Portionen Bruschetta, drei Birra Moretti und drei Aperol bzw. Limoncello Spritz 63 € zu bezahlen. Kein Schnäppchen, aber für diesen Ort und diese Lage sicher noch im Rahmen.

Um 18:15 Uhr waren wir zurück in Genova und mussten erstmal wieder unsere Biervorräte im Apartment auffüllen. Zwei Stunden später sehnten wir uns nach einer warmen Mahlzeit und die Wahl fiel auf die Cucina Casalinga da Mario. Eine Seitengassengastwirtschaft zwischen Hauptbahnhof und Hafen, deren Chef überraschenderweise nicht Mario, sondern Aldo heißt. Besagter Aldo wies uns in seinem sehr gut besuchten Lokal einen just freigewordenen Tisch zu, nahm auf dem Weg sogleich unsere Getränkewünsche entgegen und auch sonst griffen in diesem Gastrobetrieb alle Rädchen ineinander. Denn kaum hatten wir uns vor den Essensresten unserer Vorgänger niedergelassen, war binnen eines Wimpernschlags alles abgeräumt und nochmal ein oder zwei Wimpernschläge später war von Aldos Kellnern wieder neu eingedeckt.

Das glich fast schon Zauberei und wir warfen uns Blicke der Kategorie „Was ist hier los? Was spielt sich hier ab?“ zu. Doch in die Stille platzte sogleich einer der Kellner. „Was möchtet ihr trinken?“ „Oh, wir haben bereits bestellt.“ „Beim alten Mann? Großer Fehler. Tut euch einen Gefallen und bestellt ab jetzt nur noch bei mir, okay? Bestellt ihr euer Essen auch beim alten Mann, werdet ihr leider verhungern.“ Kaum waren die mahnenden Worte gesprochen, stellte uns Aldo drei Wasser und eine Flasche Birra Moretti auf den Tisch. Wenige Sekunden später war sein engagierter Kellner wieder bei uns und fragte nach, ob alles soweit in Ordnung sei. Das musste ich leider verneinen, da wir eigentlich drei Bier und drei Wasser wollten. „Tja, was habe ich gesagt? Glaubst du mir jetzt?“

Der mutmaßlich vom afrikanischen Kontinent stammende Kellner organisierte uns nun blitzschnell zwei weitere Biere und fragte beim Servieren direkt nach unseren Vorspeisenwünschen. Es wurde einmal die Fischplatte mit Lachs, Muscheln und Oktopus und zweimal die Aufschnittplatte mit Salami, Schinken, Speck und Fior di latte. Als wir 96 Sekunden später unsere Teller auf dem Tisch stehen hatten, erlaubte sich unser Servierer etwas Smalltalk. Wo wir herkommen und so weiter… Er entgegnete uns nun: „Ah cool, mein Bruder am Nachbartisch kommt auch aus Deutschland. Mit ihm könnt ihr euch auf deutsch unterhalten.“ Besagtem Mann haben wir natürlich prompt einen guten Appetit in unserer Muttersprache gewünscht, woraufhin er nur erwiderte „Sorry, aber der Typ erzählt nur Mist. Ich komme aus Nigeria und kann kein Wort Deutsch.“

Zwischen all der Bespaßung war aber auch Zeit für die Wahl des ersten Gangs gewesen. Trofie al pesto genovese bei Gianluca, Tagliatelle al pesto genovese bei Johnny und Tortellini al ragù bei mir. Kaum waren unsere Antipasti verputzt, stand sogleich die bestellte Pasta auf dem Tisch. Danach waren 66 % der Reisegruppe allerdings bereits so satt, dass sie auf einen zweiten Gang verzichteten. Ich hielt indes die Fahne hoch und bestellte als Secondo wenigstens noch Spezzatino di manzo. Kaum hatte ich meinen neugierigen Freunden erklärt, was sich dahinter verbirgt, stand das Schmorgericht auch schon vor mir.

In Sachen Tempo und Entertainment konnte ich dem Laden also auf jeden Fall Höchstnoten geben. Allerdings muss ich einräumen, dass das Essen für meinen Geschmack eher gehobenes Kantinenniveau hatte. Aber ich glaube viel mehr soll dieses einfache Lokal auch nicht darstellen und das schlug sich in der Preispolitik genauso nieder. Am Ende verlangte Aldo von uns nämlich gerade einmal 60 € für insgesamt sieben Gänge und sechs Getränke. Und ’ne Runde Amaro ging anschließend noch auf’s Haus. Salute!

Nachdem anschließend im Apartment noch ein Großteil der mittlerweile perfekt temperierten Birra Moretti vom Kühlschrank in unsere durstigen Kehlen überführt wurde, unterbrach am nächsten Morgen kein Wecker die Nachtruhe. Wir wollten wenigstens noch ein zweites Mal in diesem Urlaub ausschlafen und einfach spontan entscheiden, wie die Restzeit bis zum abendlichen Fußballspiel sinnvoll zu füllen sei.

Vormittags votierten wir für einen Ausflug zum Torre della Lanterna. Auf dem Weg zu diesem 76 m hohen Leuchtturm aus dem 16. Jahrhundert deckten wir uns beim Panino Doc außerdem mit drei Crêuza de mä** à 5 € ein. Jene mit Salame genovese di Sant’Olcese, Stracchino und Pesto genovese belegten Panini wollten wir dann gegen 12 Uhr als spätes Frühstück am Fuße des Leuchtturms genießen. Doch heute war das Gelände komplett für den Publikumsverkehr geschlossen, so dass wir uns ein paar hundert Meter entfernt ans Wasser setzen mussten.

Anschließend zog es uns ins Einkaufszentrum am Fährterminal, um dort Öl, Wein, Pesto und weitere kulinarische Mitbringsel für die Heimat zu erwerben. Nachdem diese im Apartment verstaut waren, machten wir uns an die Nachmittagsplanung. Leider prognostizierte das Regenradar ab ca. 16 Uhr durchgängig Niederschläge. Damit war ein angedachter Kurzausflug per Standseilbahn in die Berge oberhalb der Stadt obsolet geworden. Stattdessen nutzten wir die letzte trockene Stunde des Tages für eine Spielkarten-Siesta auf unserer Terrasse.

Als der Himmel wie angekündigt über unsere morgige Abreise zu weinen begann, verlagerten wir unsere heutige Skatrunde notgedrungen nach drinnen. Gegen 19 Uhr kam allerdings nochmal Hunger auf, so dass wir den kleinen Stehimbiss im Nachbargebäude aufsuchten. Bei Ugo Pesto e oltro bestellte Gianluca nun eine mittlere Portion Pansoti alla salsa noce (7 €), ich die große Variante dieser lokalen Pastaspezialität (9,50 €) und Johnny entschied sich für eine kleine Portion Trofie al pesto (5 €).

Nachdem wir die köstliche Pasta im Esszimmer unseres Apartments verzehrt hatten, mussten wir so langsam zum gute drei Kilometer entfernten Stadio Luigi Ferraris aufbrechen. Zunächst zu Fuß, da der Regen sich mal eine kurze Verschnaufpause gönnte. Doch als es auf halber Strecke wieder zu schütten begann, stiegen wir in einen Bus. Letztlich erreichten wir die 1911 als Stadio Marassi eröffnete Spielstätte um 20:30 Uhr und hatten somit noch eine Viertelstunde, um unsere 33 € teuren Plätze auf der Hintertortribüne Gradinata Sud zu finden.

Auf dem Weg dorthin fanden wir nebenbei einen Bierstand, so dass wir zusammen mit dreimal 33 cl Castello Lager à 5 € auf den Zuschauerrängen Position beziehen konnten. Allerdings war die Innenansicht dieses für die WM 1990 grundlegend umgebauten Stadions sogleich noch berauschender als der Becherinhalt. Ich ahnte bereits anhand von Fotos und Erfahrungsberichten von Freunden, dass ich dieses Stadion lieben werde. Aber dass meine beiden Begleiter ebenfalls nicht mehr aus dem Schwärmen herauskamen, spricht wahrscheinlich auch objektiv für dieses Schmuckstück. Schließlich ist der Stadionfetisch bei Gianluca und Johnny weitaus weniger ausgeprägt, als bei mir.

Dass sich der Genoa Cricket and Football Club das Stadion mit dem aktuell zweitklassigen Lokalrivalen Sampdoria teilt, versprüht dabei nochmal einen gewissen Extracharme. So ist die Gradinata Sud als angestammter Fansektor von Sampdoria übersäht mit deren Graffiti und Aufklebern. Die Gradinata Nord ist hingegen die Heimat der treuesten Fans vom CFC und entsprechend voller Reviermarkierungen der Rossoblù (Rotblauen).

Zugleich ist die Nord seit Jahren komplett mit Dauerkarten ausgelastet, so dass der Fannachwuchs sich eine zweite Fankurve im Süden aufgebaut hat. Federführend ist dort die 2022 gegründete Gruppe Grifoni della Sud, die im Unterrang der Tribüne die Stimmung koordiniert. Weil der Begriff Gradinata Sud allerdings eng mit der Fanszene von Sampdoria assoziiert ist, nennen sie die Sud lieber Gradinata Zêna (Zêna*** ist der ligurische Stadtname von Genova).

Auf der Gradinata Nord, wo die organisierte Fankultur vor über 50 Jahren Einzug durch die beiden legendären Gruppen Club Ottavio Barbieri (1970 – 2010) und Fossa dei Grifoni (1973 – 1993) hielt, ist dagegen ein ganzes Rudel an ultraorientierten Zusammenschlüssen zu finden. Relativ lange dabei sind beispielsweise die 1988 gegründeten Caruggi (lokales Wort für die Gassen der Altstadt) oder die sieben Jahre jüngeren Figgi dö Zêna (dieser ligurische Gruppenname bedeutet Söhne Genovas). Eine zentrale Rolle spielt außerdem die Gruppe Via Armenia 5r. Sie wurde 2010 von älteren Semestern gegründet, die größtenteils eine Vergangenheit im Club Ottavio Barbieri oder der Fossa dei Grifoni hatten. Entsprechend fühlt sich die Via Armenia 5r dem Erbe der beiden Pioniergruppen verbunden und der Name ist schlicht und einfach die Anschrift des einstigen Hauptquartiers der Fossa dei Grifoni.

Man könnte an dieser Stelle natürlich noch ein paar mehr Gruppen in der Gradinata Nord aufzählen. Aber egal ob grau meliert an den Schläfen oder noch ganz grün hinter den Ohren; heute durften die Tifosi nicht in Fraktionen denken, sondern mussten eine große Einheit bilden. Zu richtungsweisend war dieses Heimspiel gegen den Aufsteiger US Cremonese geworden, nachdem der allererste (1898) und insgesamt neunfache italienische Meister (zuletzt 1924) vier Tage zuvor durch die knappe Niederlage in Torino auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht war (siehe Torino 10/2025).

Bei dieser Ausgangslage war der erste Saisonsieg nach bisher drei Punkteteilungen und fünf Niederlagen einfach alternativlos. Doch es ging denkbar schlecht für die Schützlinge von Cheftrainer Patrick Viera los. In der 4. Minute war die Abwehr bei einem Eckstoß der Cremonesi indisponiert, so dass Federico Bonazzoli aus kurzer Distanz per Fallrückzieher höchst sehenswert das 0:1 erzielen konnte. Zwar prüfte der VAR noch minutenlang eine etwaige Abseitsposition des Torschützen, aber die 394 mitgereisten Fans aus Cremona (Kremun) hatten zurecht jubeln dürfen.

Nach ihrer frühen Führung hatten die Grigiorossi (Grauroten) den Gegner gut im Griff. Aber zumindest auf den Tribünen wollte sich noch kein Genovesi mit einem noch tieferen Tiefpunkt anfreunden. Unterstützung erhielten deren knapp 30.000 Kehlen nebenbei auch von Johnny. Denn der hatte diese Woche einen Spaßwettschein laufen, der Ernst werden zu drohte. Denn bisher waren alle Spiele in seinem Sinne ausgegangen. Doch damit sich 5 € zu 1.712,72 € vermehren konnten, mussten heute noch zwei Partien mitspielen. Bei Bologna vs. Torino hatte er darauf gesetzt, dass in der 2. Halbzeit mehr Tore als im ersten Durchgang fallen. Und Genoa vs. Cremonese musste unentschieden in die Pause gehen, aber am Ende von den Gästen gewonnen werden.

Da Cremonese gute Gelegenheiten auf ein zweites Tor liegen ließ und es in Bologna derweil 0:0 stand, durfte Johnny sich weiterhin berechtigte Hoffnungen auf das große Geld machen. Aber il Grifone (der Greif) musste endlich liefern. Die beste Chance dazu bahnte sich in der 41. Minute an, als die Rossoblù einen Freistoß an der gegnerischen Strafraumgrenze zugesprochen bekamen. Doch der versuchte Schlenzer von Aaron Martin Caricol wurde genau wie der Nachschuss von Maxwel Cornet geblockt. Und kurz darauf hieß es leider „Peccato, Johnny, tutto è finito!“

Für den am 7. September 1893 von englischen Expats ursprünglich als Genoa Cricket & Athletic Club gegründeten Gastgeber war indes noch nicht alles vorbei. Eine weitere Halbzeit blieb ihnen für das dringend benötigte Erfolgserlebnis. Allerdings spielte der derzeit auf Rang 11 logierende Aufsteiger überhaupt nicht mit und Bonazzoli schnürte kurz nach Wiederanpfiff seinen Doppelpack (49.). Das war völlig verdient und die Stimmung auf den Rängen drohte alsbald zu kippen.

Die leidenschaftlichen Frustbekundungen störte noch mal ganz kurz der eingewechselte Vitinha. Aber sein vermeintlicher Anschlusstreffer in der 56. Minute wurde vom VAR kassiert. Ergo bewegte sich alles auf die sechste Saisonniederlage der bisher vor heimischem Publikum obendrein noch torlos gebliebenen Genovesi zu.

Der angestaute Frust der Fans entlud sich schließlich in der 85. Minute. Vermummte warfen in einer konzertierten Aktion etliche Fackeln auf’s Spielfeld und die erste segelte obendrein direkt auf den eigenen Tormann. Dem Fackelregen der Gradinata Nord folgten unter Applaus des Publikums auch noch ein paar Exemplare von unserer Tribüne und der Bums blieb daraufhin erst einmal gute zehn Minuten unterbrochen.

Letztlich durfte das Spiel jedoch ein reguläres, wenngleich für die Heimseite mehr als frustrierendes Ende finden. Nichtsdestotrotz hatte die Mannschaft nach dem Schlusspfiff noch die Courage sich dem wütenden Publikum zu stellen. Sie nahmen nacheinander vor jeder Tribüne Aufstellung, um dort jeweils beleidigt und ausgepfiffen zu werden. Wir blieben ebenfalls noch ein wenig und als sich die Reihen lichteten, wurden wir noch von ein paar Ultras der Grifoni della Sud angequatscht. Sie entschuldigten sich dafür, dass wir so eine Scheißmannschaft sehen mussten und wir wünschten ihnen so bald wie möglich wieder bessere Zeiten.

Unser ehrliches Mitgefühl sollte anscheinend direkt belohnt werden. Denn als wir gegen 23:00 Uhr aus dem Stadion schritten, hörte sogleich der Regen auf. Ferner war Bologna vs. Torino 0:0 ausgegangen, was Johnny im Nachhinein irgendwie freute. Außerdem stand ein lediglich moderat gefüllter Shuttlebus zum Hauptbahnhof abfahrbereit vor unserer Nase. Entsprechend waren wir binnen weniger Minuten im Apartment. Dort holten wir noch die letzten drei Dosen Moretti aus dem Kühlschrank, ehe es kurz nach Mitternacht ins Bett ging.

Sieben Stunden später klingelten die Wecker, da wir am Donnerstagmorgen ziemlich früh die Rückreise antreten mussten. Weil es morgens wieder schüttete und auch für die nächsten Tage nur Regen angesagt war, machte uns Genova den Abschied immerhin etwas leichter. So haderte jedenfalls keiner damit, dass wir das anbrechende Wochenende nicht mit in die Reise integriert hatten und es heute um 7:50 Uhr via Milano (Mailand), Chiasso (Pias) und Basel zurück nach Hildesheim gehen sollte (75,76 € pro Person). Obendrein klappten die ersten Reisesegmente in Italien prima und nicht benötigte Zeitpuffer konnten in Milano für ein Frühstück und in Chiasso für einen Bierkauf genutzt werden.

Mit einer bunten Auswahl eidgenössischer Bierspezialitäten ging es nun auch reibungslos durch deren Erzeugerland. Allerdings hatte die DB schlechte Nachrichten. Unser ICE von Basel nach Hildesheim sollte ausfallen, respektive aufgrund von Verspätung aus vorheriger Fahrt erst in Freiburg starten. Glücklicherweise wir saßen in einem EuroCity der SBB, der eh noch bis Frankfurt am Main fuhr und konnten so auch in Freiburg anstatt Basel umsteigen. In der Stadt an der Dreisam blieb sogar noch Zeit für einen Nachmittagsimbiss vom Drehspieß, ehe ICE 272 zumindest in Freiburg planmäßig um 16:55 Uhr losrollte. Wegen kleinerer Verzögerungen im Rhein-Main-Gebiet erreichten wir Hildesheim schließlich mit +25 min um exakt 22 Uhr.
*Die Neptune wurde 1985 im Stile einer spanischen Galeone aus dem 17. Jahrhundert für Roman Polanskis Kinofilm Pirates gebaut. Nach den Dreharbeiten diente sie mehreren weiteren Produktionen als Kulisse, ehe sie 2011 nach Genova überführt wurde und dort als Touristenattraktion im Porto antico ankert.
**Crêuza de mä ist ligurischer Dialekt und bezeichnet die von Natursteinmauern eingefassten alten Wege an der hiesigen Küste. Der Begriff bekam 1984 auch überregionale Bekanntheit, als der aus Genova stammende Sänger Fabrizio de André in jenem Jahr das Album Crêuza de mä mit ausschließlich Texten in seinem Heimatdialekt veröffentlichte.
***Fun Fact am Rande: Die Einwohner von Zêna sind im lokalen Idiom die Zeneixi. Weil wiederum 1905 von genuesischen Einwanderern in Buenos Aires der Club Atlético Boca Juniors gegründet wurde, ist einer der gängigen Spitznamen von Boca bis heute Los Xeneizes. Basierend auf diesem historischen Hintergrund, gibt es sogar gute transatlantische Kontakte zwischen den Fans der Boca Juniors und des Genoa CFC.