Karlovy Vary & Františkovy Lázně (Karlsbad & Franzensbad) 10/2025

  • 03.10.2025
  • FC Slavia Karlovy Vary – FC Viktoria Mariánské Lázně 3:1
  • 4. česká fotbalová liga – skupina B (IV)
  • Stadion Drahovice (Att: 178)

Am Freitagmorgen verließ ich Poznań (Posen) bereits um 7:31 Uhr. Denn es sollte nun in Zügen der České dráhy (Tschechische Bahnen) für 828 CZK (ca. 35 €) via Praha (Prag) nach Karlovy Vary (Karlsbad) gehen. Der Weg führte dabei größtenteils über mir bisher unbekannte Schienenwege, so dass ich viel aus dem Fenster schaute. Außerdem haute ich ein wenig in die Tasten und schrieb schon mal meinen Bericht über die Erlebnisse des Vortages (siehe Poznań 10/2025).

Unterwegs mit der tschechischen Bahn

Karlovy Vary (ca. 50.000 Einwohner) erreichte ich um 16:50 Uhr und erste Weg führte mich zum nächstbesten Geldautomaten der Sparkasse, wo ich erstmal 1.000 CZK (ca. 43 €) abhob. Danach lockte mich der Hausverstand zum benachbarten Billa, da ich nicht nur eine neue Flasche Wasser, sondern auch kleine Scheine benötigte. Denn trete ich dem kassierenden Honza heute Abend am hiesigen Ground mit einem Tausender unter die Augen, wird der mir wahrscheinlich einen Vogel zeigen.

Ein erster Streifzug durch Karlovy Vary

Wobei, theoretisch hätte ich meinen großen Schein auch im für die kommende Nacht gebuchten Hotel Marttel klein bekommen. Denn zu den bereits vorab per Kreditkarte beglichenen 1.500 CZK (ca. 63 €) für eine Übernachtung mit Frühstück gesellten sich heute noch in bar zu entrichtende 50 CZK (ca. 2,20 €) Kurtaxe. Davon ab, konnte man vom Hotel perfekt ins angrenzende Stadion Drahovice gucken. Ich hätte das Spiel also im Zweifelsfall sogar für lau verfolgen können.

Der Vřídlo (Sprudel)* ist die bekannteste der 14 Heilquellen in Karlovy Vary

Ich war mir allerdings unsicher, ob der Grillmeister mir auf Zuruf eine Klobasa ins Hotel bringen würde. Daher bin ich um 18:30 Uhr doch zum Eingang der mutmaßlich 5.000 Zuschauer fassenden Sportstätte rübergegangen und entrichtete nicht Honza, sondern höchstens dessen juveniler Enkeltochter gern die verlangten 50 CZK Eintrittsgeld. Da kam ich sofort zur wilden Theorie, dass der Eintritt eigentlich frei ist, aber der FC Slavia Karlovy Vary für jeden Zuschauer Kurtaxe an die Stadt abführen muss.

Blick auf mein romantisch am Stadion Drahovice gelegenes Sport- und Erholungshotel

Doch egal, ob die Einnahmen nun in die Stadtkasse oder in die Clubkasse wanderten; viel kam an diesem Abend nicht zusammen. Denn der große Kurstadt-Classico zwischen dem Lokalmatador und dem aus dem ca. 50 km entfernten Mariánské Lázně (Marienbad) angereisten FC Viktoria lockte lediglich 178 Zuschauer vor die Tür. Obendrein hatte die hiesige Ultragruppe Lázeňští Fanatici leider eine No-Show-Rate von 96 %. Der Zahn, dass bei so einem Derby unter Flutlicht vielleicht die eine oder andere Fackel auf den Rängen leuchtet, wurde mir also auch sofort gezogen.

Wandbild der Lázeňští Fanatici

Ganz schöner Kontrast zum Saisonhöhepunkt vor zehn Tagen, als man sich in der 3. Runde des nationalen Pokalwettbewerbs mit dem Erstligisten AC Sparta Praha messen durfte und vor 4.700 Zuschauern mit 0:5 unterlag. Die Restbestände der für dieses Pokalspiel extra produzierten Schals fielen mir auch sogleich am Fanartikelverkaufstisch ins Auge. Sahen nämlich kurioserweise wie Freundschaftsschals der erbitterten Rivalen Slavia Praha und Sparta Praha aus. Denn der 1928 gegründete FC Slavia Karlovy Vary hat sich in Sachen Wappen und Vereinsfarben stark am 36 Jahre älteren Vorbild aus der Hauptstadt orientiert.

Die erst jüngst sanierte Gegengerade mitsamt Funktionsgebäude

Die größte Erfolge feierte der Club jedoch mit einer anderen Corporate Identity, als man ab 1953 unter dem Namen Dynamo Karlovy Vary in der 2. Liga der Československá socialistická republika (ČSSR) mitmischte. 1965 durfte man dann zwar den Traditionsnamen Slavia wieder annehmen, jedoch schien zugleich die in einem sozialistischen Staat für sportliche Erfolge nahezu unerlässliche politische Unterstützung zu schwinden. Folglich ging es drei Jahre später runter in die 3. Liga und bald sogar noch erheblich tiefer auf Kreisniveau.

Nebentribüne der Haupttribüne

Als es mit dem Sozialismus und der ČSSR Anfang der 1990er Jahre vorbei war, fusionierte man mit dem Lokalrivalen VTJ Karlovy Vary und spielte in den vergangenen Jahrzehnten die meisten Spielzeiten wieder drittklassig. Nach dem Abstieg 2024 reüssiert der FC Slavia zwar eine Stufe tiefer, zeigte heute aber schnell, dass der Club dort zu stärksten Teams gehört. So erzielte der Brasilianer Yuri bereits nach fünf Minuten die Führung für den Tabellenvierten und wenig später war sein tschechischer Mitspieler Maňák erfolgreich (22.). Außerdem sorgte mit Thiago in der 34. Minute ein weiterer Brasilianer für eine komfortable Pausenführung gegen den gegenwärtig Achten.

Blick zur Haupttribüne

In besagter Pause gönnte ich mir nun die ersehnte Wurstspezialität. Die pikante Klobasa kostete 100 CZK (ca. 4,30 €) und bekam spontan noch Gesellschaft von 0,5 gezapften Litern Zlatý Bažant für 60 CZK (los, rechnet per Dreisatz ruhig mal selbst den Eurobetrag aus). Nach dem letzten Bissen rollte der Ball wieder und der FC Viktoria machte sich mit dem Anschlusstreffer durch Petr Holub (52.) auch endlich positiv bemerkbar. Allerdings war das leider das letzte Tor des Abends, so dass bis zum Abpfiff keine wirkliche Spannung mehr aufkommen sollte.

Pikanter Wurstsnack auf der Hand

Nach dem Spiel beschloss ich nicht mehr groß Meter zu machen und mein Abendessen im Stadionumfeld einzunehmen. Da drängte sich der nur einen Steinwurf entfernte Smíchovský Pavilon auf und Kennern offenbarte der Name bereits mit welcher tschechischen Brauerei dieses Wirtshaus vertraglich verbunden ist. Es ist Staropramen aus Praha-Smíchov, aus deren Produktion ich mir nun Helles und Dunkles im Verhältnis 50:50 aus dem Biertank zapfen ließ.

Kulajda

Nach dem ersten Schluck dieses Rezané pivo war meine Entscheidung in Sachen Abendessen gefallen. Zunächst gönnte ich mir eine Kulajda. Diese nordböhmische Sauersuppe mit Dill und Kartoffeln wusste insbesondere durch die Zugabe von Pilzen und einem pochierten Ei zu begeistern. Danach wurde mir als Hauptgang Jelení guláš (Hirschgulasch) mit einem großen geviertelten Semmelknödel serviert. Der Knödel war dabei schön mit kleinen Speckwürfeln verfeinert, während das Gulasch natürlich von dem intensiven Aroma des Wildfleisches dominiert wurde. Abgeschmeckt war mir das Schmorgericht allerdings mit einem Tick zu viel Essig. Etwas weniger sauer und es wäre perfekt gewesen. Nichtsdestotrotz war ich insgesamt zufrieden mit dem Gereichten.

Jelení guláš

Nachdem ich die geforderte Rechnungssumme von 470 CZK (ca. 20 €) aufgerundet und gezahlt hatte, spazierte sogleich wieder rüber ins Hotel. Als alter Mann ging ich heute einfach genau wie gestern bereits gegen 21:30 Uhr ins Bett.

  • 04.10.2025
  • FC Františkovy Lázně – FK Hvězda Cheb 3:0
  • 5. liga mužů – Karlovarský kraj (V)
  • Hřiště FC Františkovy Lázně (Att: 224)

Wer so früh ins Land der Träume aufbricht, ist natürlich am nächsten Morgen bereits um 7 Uhr ausgeschlafen. Eine halbe Stunde später gedachte ich zu frühstücken, was sich als kluger Schachzug herausstellte. Denn ab 8 Uhr füllte sich der Speisesaal des Hotels merklich. Eine Viertelstunde später bildete sich sogar eine kleine Warteschlage in der Lobby, da kein Tisch mehr frei war. Da fasste ich mir ein Herz und ermöglichte durch meinen zeitnahen Aufbruch zumindest dem Pärchen in der Pole Position den Zugriff auf das Buffet.

Snídaně

Ich checkte hingegen aus und schulterte meinen kleinen Rucksack. Nun sollte der Vormittag den touristischen Höhepunkten von Karlovy Vary gehören, wovon es wahrlich einige gibt. Schließlich handelt es sich um einen der mondänsten Kurorte der Welt, der sich seit Jahrhunderten mit dem Besuch von Berühmtheiten aus aller Herren Länder schmücken darf.

Dieses Wandbild würdigt den heimlichen Gründervater von Karlovy Vary

Die Geschichte dieses berühmten Kurorts beginnt der Legende nach um das Jahr 1350. Karl IV., seinerzeit böhmischer und deutscher König und später auch römisch-deutscher Kaiser, soll in den wildreichen Wäldern Westböhmens auf der Jagd gewesen sein. Als die Jagdgesellschaft die Täler der Flüsse Teplá (Tepl) und Ohře (Eger) durchstreift, jault plötzlich einer der Jagdhunde auf. Er war in eine heiße Quelle geraten und hat sich dabei die Pfote verbrüht.

Den Fame heimste allerdings das Herrchen ein

Der kluge Herrscher, der Lesern dieser Seite schon mehrfach als u. a. Stadtgründer und Universitätsstifter begegnet sein dürfte, schaut sich die Quelle nun genauer an. Er kostet vom sprudelnden Nass und soll angeblich sofort die wohltuende Wirkung des u. a. mit Natriumsulfat mineralisierten Thermalwassers gespürt haben. Karl ordnete daher eine Stadtgründung an der Quelle an und die Stadtrechte sind auch tatsächlich seit 1370 verbrieft.

Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Maria Magdalena (1736)

Nichtsdestotrotz handelte es sich lange um ein verschlafenes Nest, dessen heilende Quellen nur wenigen Menschen zugänglich waren. Aber als in der Neuzeit zumindest der Adel etwas mobiler wurde, begann die Zeit des internationalen Bädertourismus. So kamen im späten 17. Jahrhundert u. a. der sächsische Kurfürst Friedrich August I. (August der Starke) und der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. als Kurgäste nach Karlsbad. Womit nebenbei geklärt ist, was dieser komische Begriff Kurfürst bedeutet… (schlechte Scherze kann ich mir manchmal einfach nicht verkneifen).

Blick zur russisch-orthodoxen Kirche Kirche St. Peter und Paul (1898)

Ein weiterer prominenter und mehrfacher Kurgast war dann im frühen 18. Jahrhundert der russische Zar Peter I. (Peter der Große). Er begründete damit eine bis in die jüngste Vergangenheit ungebrochene Beliebtheit des Badeorts in gehobenen russischen Kreisen. Dementsprechend leidet Karlovy Vary wirtschaftlich ziemlich unter dem russischen Überfall auf die Ukraine. Die reichen Russen bekommen seit Frühjahr 2022 keine Visa mehr und den Hotels, Restaurants und Einzelhandelsgeschäften der Stadt sollen dadurch 50 bis 60 % der Einnahmen weggebrochen sein. Bei den just an diesem Wochenende in Tschechien stattfindenden Parlamentswahlen könnte die rechtspopulistische und tendenziell russlandfreundliche Partei ANO daher in Karlovy Vary ein besonders starkes Ergebnis** erzielen.

Die Lázeňská (Kurstraße)

Doch zurück in die große Vergangenheit des Kurorts. Im 18. und 19. Jahrhundert stand das seit 1526 zur Habsburgermonarchie gehörende Karlsbad nicht nur beim Hochadel, sondern auch bei großen Dichtern und Denkern hoch im Kurs. Exemplarisch als prominente Kurgäste seien an dieser Stelle Karl Marx, Friedrich Schiller, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Frédéric Chopin, Richard Wagner und natürlich auch Dauergast*** Johann Wolfgang Goethe genannt. Dem kreativen Schaffen dieser Menschen war damals der rege und interdisziplinäre Austausch in den vornehmen Kurhäusern und Salons gewiss zuträglich.

Teilansicht des Grandhotel Pupp

Ferner schaffte es Karlsbad durch eine Konferenz im Jahre 1819 in unsere Geschichtsbücher. Vertreter der bedeutendsten Staaten des Deutschen Bundes (u. a. Preußen und Österreich) fassten auf jener Konferenz die Karlsbader Beschlüsse, die nationalstaatliche und liberale Bestrebungen im deutschsprachigen Raum unterdrücken sollten. So wurde in Karlsbad u. a. die Einführung der Pressezensur, die staatliche Überwachung der Universitäten und das Verbot von Burschenschaften beschlossen.

Die im Schweizer Stil errichtete Marktkolonnade (1883)

Aber auch wenn der Adel politischen und gesellschaftlichen Fortschritt mit Maßnahmen wie den Karlsbader Beschlüssen vielleicht erstmal aufhalten konnte, war der technische Fortschritt im 19. Jahrhundert nicht zu stoppen. Das war wahrscheinlich kein Nachteil für die mondänen böhmischen Kurbäder. Jedenfalls sprudelten zwischen 1819 und 1918 nicht nur die Quellen, sondern auch die Dukaten in Karlsbad. Die Industrialisierung hatte in vielen europäischen Staaten die Oberschicht vergrößert und neureiche Bürger wollten wie Blaublüter fürstlich kuren. Erst recht, nachdem Karlsbad ab 1870 auch endlich einen Eisenbahnanschluss hatte. War die Zahl der jährlichen Kurgäste zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch dreistellig, stieg sie binnen hundert Jahren auf eine mittlere fünfstellige Anzahl.

Das mondäne Kurhaus Kaiserbad (1895)

Dem passte sich natürlich auch das Stadtbild an. Aus den vornehmen Gasthöfen der Stadt entwickelten sich Grandhotels wie das Pupp und um 1900 reihten sich zig Jugendstilvillen an den Hängen der Flusstäler aneinander. Dazu wurden Kurparks angelegt, Kollonaden, neue Badehäuser und ein Theater gebaut. Die Kriege und Systemwechsel des 20. Jahrhunderts vermochten den Kurort dann zwar in einen Dornröschenschlaf versetzen, doch seit den 1990er Jahren wurde fleißig daran gearbeitet, dass Belle Époque in Karlovy Vary wieder greifbar wird.

Die Diana-Standseilbahn

Ich fand es auch wirklich herrlich hier an einem relativ einsamen Vormittag zu flanieren und gern wollte ich mir die zauberhafte Stadt nochmal von oben anschauen. Dazu ließ ich gegen 11 Uhr meine Kreditkarte am Kassenschalter der Lanová dráha Diana (Diana-Standseilbahn) mit 110 CZK (ca. 4,50 €) für eine einfache Fahrt belasten. Die 1908 eröffnete Standseilbahn brachte mich nun binnen vier Minuten auf die Výšina přátelství (Freundschaftshöhe) und auf deren Gipfel hat man 1914 ein Ausflugslokal und einen Aussichtsturm errichtet.

Das Ausflugslokal am Fuße des Aussichtsturms

Vom kostenlos besteigbaren Turm gab es in der Tat schöne Panoramen und nach deren Genuss stieg ich über die Vyhlídka Petra Velikého (Petershöhe) und den Jelení skok (Hirschensprung) als Fußgänger zum Stadtkern hinab. Dort schlug die Uhr bei meiner Rückkehr zur Mittagsstunde und die ersten größeren touristischen Gruppen flanierten mittlerweile über das Trottoir. Von Menschenmassen konnte man zwar noch nicht sprechen, aber es war trotzdem nicht der schlechteste Zeitpunkt für die Weiterreise.

Ausblick von der Petershöhe

Um 12:49 Uhr saß ich wieder im Zug und steuerte mit einer 118 CZK (ca. 4,80 €) teuren Fahrkarte mit Františkovy Lázně (Franzensbad) ein weiteres berühmtes böhmisches Kurbad an. Mein heutiges Zwischenziel erreichte ich um 13:46 Uhr und wurde dort leider mit Regentropfen empfangen. Doch am angedachten Stadtbummel, der die gut zwei Stunden bis zum Anpfiff meines heutigen Fußballspiels überbrücken sollte, hielt ich natürlich trotzdem fest.

Das Spa Hotel Esplanade (1866) in Františkovy Lázně

Der folgende Streifzug durch das 6.000-Einwohner-Städtchen bestätigte einerseits meine Vermutung, dass Františkovy Lázně und Karlovy Vary viele historische Parallelen aufweisen. Allerdings fielen auch einige Unterschiede ins Auge. Denn obwohl auch die hiesigen Heilquellen – übrigens 24 an der Zahl – bereits seit dem Spätmittelalter belegt sind, beginnt die Stadtgeschichte erst im ausgehenden 18. Jahrhundert. Außerdem ist die Topographie hier eine ganz andere. So befindet sich Františkovy Lázně nicht wie Karlovy Vary mitten in einem Mittelgebirgszug, sondern liegt relativ eben im Chebská pánev (Egerbecken).

Sichtachse auf die Kreuzerhöhungskirche (1819)

Das wiederum ermöglichte dem habsburgischen Stadtgründer Kaiser Franz II. (HRR) eine symmetrische Stadtplanung am Reißbrett. So führen in seinem ab 1792 erbauten Franzensbad breite Alleen schnurgerade auf repräsentative Gebäude wie die Kostel Povýšení svatého Kříže (Kreuzerhöhungskirche) oder das Společenský dům (Kur- und Gesellschaftshaus) zu. Dabei eröffnen sich immer wieder schöne Sichtachsen, die den Blick auf die Kollonaden, Trinkpavillons und die ausgedehnten Kurparks lenken.

Das Kur- und Gesellschaftshaus (1867)

Architektonisch wurde ebenfalls auf Harmonie gesetzt. Die klassizistischen Gebäude sind meist nur zwei- bis dreigeschossig und typisch für das Habsburgerreich zur damaligen Zeit dominiert ein zarter Gelbton (das so genannte Schönbrunner Gelb) die Fassaden. Auch hier hat man in den letzten Jahrzehnten viel investiert, um dieses Stadtbild wieder wie im 19. Jahrhundert erstrahlen zu lassen. Belohnung war, dass man zusammen mit Karlovy Vary und weiteren großen europäischen Kurorten unter der Überschrift The Great Spa Towns of Europe einen Eintrag im Welterbe der UNESCO bekommen hat.

Die orthodoxe Kirche St. Olga im neobyzantinischen Stil (1889)

Hier kann man defintiv mal zwei oder mehr Stunden lustwandeln. Allerdings hatte sich heute gegen 15 Uhr die Niederschlagsmenge so erhöht, dass ich bereits nach einer guten Stunde genug hatte und Zuflucht in einer Schankwirtschaft namens Gruzia suchte. Ein Schüsselchen mit Borschtsch und ein Gläschen mit Bier gab ich dort umgehend in Auftrag und hielt mich daran erstmal eine halbe Stunde fest. Dann schien der Regen deutlich nachgelassen zu haben, so dass ich fix meine Rechnung in Höhe von 154 CZK (ca. 6,50 €) beglich und den letzten Kilometer zum örtlichen Fußballstadion in Angriff nahm.

Mein kleiner Nachmittagsimbiss

Am Eingang der etwa 2.500 Zuschauer fassenden Spielstätte des 1945 gegründeten FC Františkovy Lázně hatte ich nun 40 CZK (ca. 1,70 €) Eintrittsgeld zu entrichten. Trotz des Schietwetters hatten das immerhin über 200 weitere Menschen ebenfalls getan. Demgemäß war bei diesem Fünftligaspiel etwas mehr los als beim gestrigen Viertligakick in Karlovy Vary.

Der Stadionbiergarten beim FC Františkovy Lázně

Allerdings hatte das heutige Spiel auch einen noch größeren Derbycharakter. Schließlich hatte der gastierende FK Hvězda aus der Nachbarstadt Cheb (Eger) eine gerade einmal fünf Kilometer lange Anreise. Diese Distanz war natürlich auch für die zehn Ultras des FK Hvězda, deren Anzahl übrigens identisch mit dem Durchschnittsalter war, ein Klacks. Entsprechend war bereits an der Brüstung der Haupttribüne angeflaggt und ’ne kleine Choreo hatten die Jungs auch im Gepäck. Jedenfalls wurde sich unter einer kleinen Blockfahne fleißig vermummt und als die Mannschaften das Feld um 16 Uhr betraten, brannte und qualmte es gewaltig.

Kleine Racker mit großer Rauchwolke

Danach stellte ich fest, dass es ziemlich gewöhnungsbedürftig für meine Ohren ist, wenn jemand, der den Stimmbruch noch vor sich hat, durch ein Megafon kreischt. Aber ich will mich jetzt auch nicht darüber beschweren, dass jemand versucht hat etwas Stimmung zu machen. Denn obwohl der 1951 gegründete FK Hvězda immerhin von 1979 bis 1996 erstklassig unterwegs war und bei seinen Heimspielen oft fünfstellige Zuschauerzahlen anlockte, scheinen aktuell nur diese paar Kids zur leidenschaftlichen Unterstützung des Clubs bereit zu sein.

Der Ball rollt

Aber gut, de facto handelt es sich auch um eine Neugründung aus dem Jahre 2001, nachdem der seit 1990 als Union Cheb firmierende Ursprungsverein im Jahre 1996 pleite war und liquidiert wurde. Die Neugründung führte zunächst den Namen Union fort, benannte sich nach zehn Jahren jedoch in FK Hvězda um und reaktivierte zugleich das frühere Wappenschild. Natürlich will man in Cheb auch sportlich ans historische Erbe anknüpfen. Doch nachdem der Club zwischenzeitlich wieder bis in die 3. Liga vorpreschen konnte, waren die letzten Jahre weniger erfolgreich. Vorläufiger Tiefpunkt: Der Abstieg in die 5. Liga im Sommer 2024.

Der harte Kern der Heimfans

Der direkte Wiederaufstieg glückte vergangene Saison nicht, aber in der neuen Spielzeit sieht es bisher formidabel aus. Die ersten sieben Spiele wurde alle gewonnen, so dass man sich mit 21 Punkten und einem Torverhältnis von 27:3 an der Tabellenspitze festgesetzt hat. Františkovy Lázně ist hingegen mittelmäßig in die Saison gestartet und als gegenwärtiger Siebter hatte man heute die Außenseiterrolle inne. Doch die Kurstädter machten ihre Sache zunächst sehr gut und erst ein von Dominik Kubinec verwandelter Strafstoß sorgte in der 37. Minute für das 0:1. Drei Minuten später war Kubinec außerdem aus dem Spiel heraus erfolgreich, so dass es doch mit klaren Verhältnissen in die Pause ging.

Tschechisches Soul Food

Die Unterbrechung nutzte ich für einen Gang zum Grill und investierte auch in dieser tschechischen Sportstätte gerne 100 CZK (ca. 4,30 €) für eine knackig-spritzige Klobasa. Und weil die Heimszene noch drei Rauchdosen in den Vereinsfarben vor dem Geräteschuppen zündete, war die Wurst nicht mal der letzte Höhepunkt dieses Spielbesuchs. Außerdem war mir ein weiteres Tor vergönnt. Denn als das Spiel so wie der Regen vor sich hinplätscherte, sorgte Tomáš Ptáček mit dem 0:3 für die Vorentscheidung (73.).

Da war plötzlich nicht nur Holz vor der Hütte

Dieses Tor war für mich nebenbei das Signal zum Aufbruch. Denn ich musste noch nach Nürnberg und weil plötzlich Zugausfälle und Schienenersatzverkehr in meiner App angezeigt wurden, wollte ich lieber eine Stunde früher als urspünglich geplant abfahren. So ging es nun um 17:48 Uhr für 29 CZK (ca. 1,20 €) nach Cheb und von dort um kurz nach 18 Uhr per Deutschlandticket im Schienenersatzverkehr weiter bis Marktredwitz. Von hier rollte wiederum ein RegionalExpress nach Pegnitz, wo mich der nächste SEV erwartete. Dieser Bus fuhr bis zum Nürnberger Hauptbahnhof und erreichte sein Ziel wie vorgesehen um 20:55 Uhr. Jetzt ging’s per U-Bahn zum für die kommende Nacht 58 € teuren Ibis Nürnberg City am Plärrer. Am Ende lag ich die dritte Nacht in Folge um 21:30 Uhr im Bett…

Song of the Tour: Diesen Ohrwurm bekam ich plötzlich in Böhmen

*Der 72° C heiße Vřídlo (Sprudel) schießt bis zu 14 m in die Höhe. Austreten tut hier und in den anderen Heilquellen der Stadt ein u. a. mit Natriumsulfat mineralisiertes Thermalwasser. Es soll u. a. bei Störungen des Verdauungssystems, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen und Diabetes helfen. Damals wie heute trinken die Kurgäste das Wasser übrigens vorwiegend aus Schnabeltassen an den Quellbrunnen. Schicke Porzallanschnabeltassen gehören daher neben Karlsbader Oblaten und dem Karlsbader Becherbitter (Becherovka) zu den typischen Mitbringseln aus Karlovy Vary.

**Die rechtspopulistische ANO bekam in Karlovy Vary am Ende 36,26 % der Wählerstimmen. Das liegt tatsächlich nur marginal über den landesweit erzielten 34,5 %, welche der vom früheren Premier Andrej Babiš angeführten Partei den Wahlsieg und damit auch den Regierungsauftrag beschert haben.

***Goethe weilte zwischen 1785 und 1820 zwölfmal in Karlsbad. Er verbrachte hier meist die Sommermonate und suchte Erholung und Inspiration gleichermaßen. Etliche Hinweistafeln à la „In diesem Haus lebte Goethe 1786 für drei Monate“ finden sich daher in der Stadt. Ferner gibt es auch ein Denkmal des Dichterfürsten in der Innenstadt und den Aussichtsturm Goethova vyhlídka auf einem der umliegenden Berge.