Dunajská Streda (Niedermarkt) 06/2025

  • 15.06.2025
  • Fotbalová asociace České republiky – Deutscher Fußball-Bund 2:4
  • UEFA Under 21 Championship (Group Stage)
  • DAC Arena (Att: 7.870)

Nach gut 24 Stunden in Bratislava (Pressburg), zog es Milano Pete und mich auf unserem kleinen U21-EM-Trip weiter nach Dunajská Streda (Niedermarkt). Das Verkehrsmittel unserer Wahl war ein Regionalzug, der uns um 16:10 Uhr binnen 60 Minuten für 3 € pro Kopf in den ca. 50 km entfernten Zielort transportierte.

Pivo im Park

Da Dunajská Streda nicht nur eine kleine Stadt ist (ca. 23.000 Einwohner), sondern auch über wenige bis keine Sehenswürdigkeiten verfügt, wollten wir die fast vier Stunden bis zum Anpfiff um 21 Uhr hauptsächlich mit Bierkonsum und vielleicht noch einem Abendessen füllen. Entsprechend durfte uns gleich mal ein Ausschank in einem schattigen Park am Bahnhof mit zwei Halben à 2,50 € versorgen.

Die evangelische Stadtkirche von Dunajská Streda

Nachdem die zwei mit Jarošovský Jura gefüllten Humpen leer waren, zogen wir weiter zum Hauptplatz der Kleinstadt und stolperten dabei zwangsläufig in das tschechische Fanfest. Denn es waren tausende Fußballfreunde aus dem Nachbarland angereist und die hatten nicht nur alle Bars im Stadtzentrum in Beschlag genommen. Obendrein war rund um die Fontána Žitnoostrovské víly (Fontäne der Schüttinsel-Nixen)* eine Bühne, ein Festzelt und eine Fress- und Suffmeile mit diversen Buden aufgebaut worden, wo sich Tschechen lautstark und trinkfest auf das heutige Gruppenspiel einstimmten.

Fanparty im Stadtzentrum

Wir mischten uns nun gerne unter die böhmischen und mährischen Schlachtenbummler, während für unser leibliches Wohl magyarische Caterer sorgten. Jedenfalls wurde hier ungarisches** Bier (0,5 l Csiki Sör für 2,50 €) ausgeschenkt und der meistverkaufte Snack war Lángos (5 €). Auch unterhielt sich das Personal untereinander weder auf Slowakisch, noch auf Tschechisch, sondern eben auf Ungarisch. Aber natürlich kein Wunder, wenn ca. 70 % der Einwohner von Dunajská Streda das als Muttersprache haben. Dunaszerdahely, wie die Stadt auf Ungarisch heißt, ist deshalb auch amtlich zweisprachig und gilt sogar als heimliche Hauptstadt der magyarischen Minderheit in der Slowakei.

Man singt sich ein

Da ich bereits im vorigen Bericht die multiethnische Geschichte der Slowakei und die lange Zugehörigkeit zum Königreich Ungarn angerissen habe (siehe Bratislava 06/2025), werde ich an dieser Stelle jedoch nicht zum Dunajská Streber mutieren. Ich möchte im Fußballkontext lediglich noch erwähnen, dass der hiesige Erstligist Dunaszerdahelyi Atlétikai Club (DAC) das fußballerische Aushängeschild der magyarischen Minderheit ist und besonders die Duelle mit dem slowakischen Hauptstadtclub und Rekordmeister Slovan Bratislava nicht nur durch die regionale Nähe, sondern auch durch die ethnische Gemengelage recht brisant sind.

Lángos mit Käse und Knoblauchsauce

Dass der DAC im slowakischen Fußball auf höchstem Niveau mitmischen kann, scheint dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán obendrein für seine grenzübergreifende nationalistische Agenda sehr wichtig zu sein. Über den staatlichen Bethlen Gábor Fonds (BGA) und regierungsnahe ungarische Unternehmen sind etliche Millionen Euro in den Bau der DAC-Fußballakademie und die zwischen 2015 und 2019 erfolgte Komplettsanierung des hiesigen Fußballstadions geflossen. Jene 12.700 Zuschauer fassende DAC Arena heisst übrigens seit 2017 offiziell MOL Arena, da der ungarische Mineralölkonzern MOL sich für ein langristigstes Sponsoring zur Sportförderung in Dunajska Stredá entschieden hat.

Als sich die Reihen im Stadtzentrum gelichtet hatten…

Das Gros der Tschechen startete dann bereits 90 Minuten vor Anpfiff die Karawane zur besagten Arena. Aber das war uns natürlich noch deutlich zu früh. Zumal das Bier im gerade einmal 500 m entfernten Stadion mutmaßlich das Doppelte gekostet hätte. Stattdessen ließen wir uns auf frei gewordene Sitzgelegenheiten der Terrasse eines Cafés namens Choco Arden nieder. Dort kostete der Halbe ebenfalls 2,50 €, allerdings staunten wir nicht schlecht, dass hier niederländisches anstatt slowakisches oder ungarisches Bier aus dem Zapfhahn kam.

Ankunft an der DAC Arena

Ab ca. 20:45 Uhr waren dann ebenfalls auf Stadionbier umgestiegen und erlebten eine kleine Überraschung. Ausgeschenkt wurde zwar wie am Vortag in Bratislava das slowakische Šariš. Allerdings kostete der halbe Liter in diesem EM-Stadion nur 4 € anstatt 5 €. Und selbst der Becherpfand war hier einen Euro günstiger. Interessant, dass die Preise offenbar nicht standortübergreifend für das gesamte Turnier festgelegt waren.

Der tschechische Fanblock

Nachdem wir uns auf unseren 12 € teuren Sitzplätzen hinter dem Tor niedergelassen hatten, begann Punkt 21 Uhr beste Fußballunterhaltung für die insgesamt 7.870 Zuschauer. Denn die seit fast zwei Jahren ungeschlagene deutsche U21-Auswahl wollte heute den Auftaktsieg gegen Slowenien (3:0) vergolden und begann das zweite Gruppenspiel schwungvoll. Die von in Summe wohl 6.000 Landsleuten unterstützte tschechische Mannschaft hatte wiederum den Turnierstart vergeigt (1:3 gegen England) und war heute fast schon zum Siegen verdammt.

Auch auf der Gegegengerade waren die Tschechen deutlich in der Überzahl

Zunächst verteidigten die Tschechen auch ganz gut und hielten sich über eine halbe Stunde schadlos. In der 35. Minute sorgte das noch bei Hannover 96 unter Vertrag stehende Sturmjuwel Nicolò Tresoldi jedoch für das erste Tor des Abends. Wird auch den neuen Arbeitgeber Club Brugge gefreut haben, der sich die Dienste des Angreifers mit den italienischen und argentinischen Wurzeln just für einen geschätzten Sockelablösebetrag in Höhe von 7,5 Mio € gesichert hat.

Auf dem Rasen dominierte D, auf dem Rängen regierte CZ

Wenig später erhöhte Paul Nebel (FSV Mainz 05) auf 0:2 (41.) und Coach Antonio di Salvo wird in der Pause wohl wenig zu meckern gehabt haben. Während die Spieler in den Kabinen nun ihre alkoholfreien Elektrolytegetränke nuckelten, trafen Milano Pete und ich uns mit dem ostfriesischen 96-Anhänger Wilko zur Halbzeitanalyse am Bierstand. Neben unserer positiven Prognose für den Spielausgang, stimmten wir außerdem überein, dass man dieses Turnier eigentlich auch für mehr als nur drei Tage hätte besuchen können. Aber das könnte man mit dem entsprechenden Vorlauf in zwei Jahren natürlich besser machen.

Nein, das ist nicht Wilko

Wenn wie gestern und heute zumindest ein aktives Fanlager auf den Rängen ist, macht eine U21-EM jedenfalls Laune und dem stets bemühten tschechischen Mob habe ich in der 2. Halbzeit sogar ganz unpatriotisch mindestens einen Torjubel gegönnt. Aber die Schützlinge von Cheftrainer Vítězslav Lavička hatten vorerst weiter nichts zu lachen. So erhöhte der zukünftige Weltstar Nick Woltemade (VfB Stuttgart) rasch auf 0:3 (54.) und wenig später ließ Eric Martel (1. FC Köln) mit dem 0:4 erneut Rudi Völler, Andreas Rettig und die restlichen rund 600 deutschen Staatsbürger auf den Rängen jubeln (58.).

Nikdy se nevzdáme (Wir geben niemals auf)*** war das Leitmotiv einer Pyroaktion in der 83. Minute

Den Lvíčata (kleinen Löwen) drohte nun die totale Demontage. Doch ausgerechnet Ex-96er Bright Arrey-Mbi (Sporting Clube de Braga) sorgte in 60. Minute mit einem Eigentor für eine kleinen Hoffnungschimmer im tschechischen Lager. Und als kurz darauf der aus der DSF-Groundhoppingreportage-Kultstadt Prostějov stammende Karel Spáčil (Viktoria Plzeň) auf 2:4 verkürzen konnte (66.), hatten wir sogar fast schon wieder Spannung.

Im Stadion wurde Šariš ausgeschenkt

Die Auswahl der Fotbalová asociace České republiky (FACR) warf jetzt nochmal alles nach vorn und hatte in den nächsten Minuten mehrfach das dritte Tor auf dem Fuß. Doch DFB-Schlussmann Noah Atubolu musste kein weiteres Mal hinter sich greifen, so dass eine Pyroaktion der tschechischen Fans in der 83. Minute der letzte Höhepunkt des Abends blieb (siehe Titelbild und Fußnoten). Ergo löste die deutsche Elf vorzeitig das Viertelfinalticket, während die Tschechen aufgrund des heutigen Remis zwischen England und Slowenien (0:0) definitiv nach dem dritten Gruppenspiel nach Hause fahren müssen.

Am Stadion wurde Pilsener Urquell ausgeschenkt

Wir mussten nach dem Abpfiff zwar auch noch nicht die Heimreise antreten, aber zumindest zurück nach Bratislava. Problem war allerdings, dass nach 22 Uhr keine Busse oder Bahnen mehr fuhren. Doch wer denkt, dass es dadurch nur die Optionen Taxi oder Trampen gab, hat die Rechnung ohne den DFB gemacht. Der mag den Fans zwar immer noch nicht in jeder Situation seine Hand reichen, aber manchmal reicht auch schon der kleine Finger. Denn nach der Schilderung unserer Notlage vermittelte uns ein im Ressort Fanbelange tätiger DFB-Mitarbeiter eine Mitgefahrgelegenheit bei einem seiner beim Spiel anwesenden Kollegen. Mangels freier Betten in Dunajská Streda hatte der seine Unterkunft nämlich ebenfalls in der Hauptstadt und war so nett uns mitzunehmen. Aus organisatorischen Gründen mussten wir nun lediglich noch eine Bierlänge am Parkplatz hinter der Haupttribüne warten, ehe es gegen 23:45 Uhr gen Bratislava ging. Nochmal großen Dank für diese Mitfahrgelegenheit und viel Erfolg auf dem weiteren Weg zum fanfreundlichsten Fußballverband der Welt!

Kleiner Muntermacher nach dem Aufstehen

Am Montag wurde dann mehr oder weniger ausgeschlafen, ehe wir das Apartment um 9:40 Uhr für einen morgendlichen Kaffee verließen. 96 Minuten später begann am Bahnhof Bratislava-Petržalka unsere Rückfahrt via Wien und Göttingen. An unserem österreichischen Umstiegsbahnhof war dabei wieder genug Zeit für einen Besuch bei Leberkas-Pepi, wo mir für zusammen 11,78 € Semmeln mit den Leberkäsesorten Chili-Käse, Steinpilz-Trüffel und Spinat-Knoblauch gereicht wurden. Milano war hingegen mit zwei Semmeln – Tomate-Mozzarella und ebenfalls Spinat-Knoblauch – ausreichend satt für die lange Reise. Kleinerer Mensch, kleinerer Magen…

Gaumenfreuden in Wien

Die Rückreise verlief trotz der Dobrindtschen Grenzkontrollen in Passau fast reibungslos, aber am Ende kamen wir leider doch ein paar Minuten zu spät für unseren Anschluss in Göttingen an. Weil die nächstbeste Verbindung auch verspätet war, sollten wir letztlich 22:04 Uhr anstatt 20:36 Uhr in Hildesheim ankommen. Aber davon ging die Welt auch nicht unter und rasch wurden immerhin 25 % des Fahrpreises als Entschädigung erstattet.

Song of the Tour: Ein slowakisches Popsternchen aus Dunajská Streda

*Dunajská Streda liegt im Zentrum der 85 km langen und bis zu 30 km breiten Žitný ostrov (Große Schüttinsel). So nennt man eine von den Flüssen Donau, Kleine Donau und Waag begrenzte Tiefebene in der Westslowakei, die mitunter auch als größte Flussinsel Europas bezeichnet wird.

**Streng genommen ist Csiki Sör ein Bier aus Rumänien. Aber die Brauerei steht in der Gemeinde Sânsimion (ungarisch Csikszentsimon), wo 99 % der rund 3.400 Einwohner ethnische Ungarn sind. Entsprechend sieht man sich als ungarische Brauerei, welche ungarisches Bier braut und selbst deren Homepage endet auf .hu anstatt .ro.

***Dieser Ausspruch passte zwar gut zur tschechischen Perspektive auf die Schlussphase dieses Fußballspiels, hatte jedoch einen historischen Hintergrund. Er sollte an die tragischen Ereignisse vor 83 Jahren in der vom Deutschen Reich besetzten und teils annektierten Tschechoslowakei erinnern. Denn an 27. Mai 1942 hatten Widerstandskämpfer im Auftrag der tschechoslowakischen Exil-Regierung den hohen SS-Führer Reinhard Heydrich bei einem Attentat in Praha (Prag) tödlich verletzt. Es folgten seitens der Besatzer massive Racheakte an der Zivilbevölkerung, ehe die Gestapo durch einen Verräter in den Reihen der Widerstandskämpfer und die Folter von Mitwissern das Versteck der für das Attentat verantwortlichen Kommandoeinheit erfuhr. Es war die Kirche sv. Cyrila a Metoděje (St. Cyrill und Method), die am Morgen des 18. Juni 1942 von 800 SS-Männern und Polizeikräften umstellt wurde. Auf die Aufforderung sich zu ergeben erwiderten die sieben in der Kirche verschanzten Widerstandskämpfer„Jsme Češi! Nikdy se nevzdáme, slyšíte? Nikdy!“ (Wir sind Tschechen! Wir geben nie auf, hören Sie? Niemals!). Anschließend leisteten sie der deutschen Übermacht fast sieben Stunden lang erbitterten Widerstand, ehe gegen 11 Uhr der letzte von ihnen in auswegsloser Lage den Freitod wählte.